Na, ist doch klar! - Nein, das ist es überhaupt nicht - es sei denn, man hält seine persönlichen Überzeugungen für so ungeheuer einleuchtend und schlüssig, daß jede/r ihnen zustimmen müßte... - und auch wenn ich niemandem gern auf die Zehen treten mag: so scheinen die Dinge beim Tarot gerade nicht zu liegen. Natürlich kann man glauben, daß es alles irgendwie funktioniert - es gibt ja auch schöne Legenden über die Entstehung und das ehrwürdige Alter des Tarot, es funktioniert auch 'irgendwie' (who cares for technicalities?), und natürlich, wie meine fundamentalistischen Freunde sagen würden, die Dämonen erledigen den Rest.
Prost Mahlzeit, kann ich zu so einer Auffassung des Tarot nur sagen, das ist genau das, was man zurecht 'abergläubisch' nennt. Und auf dem Verkehr mit den Dämonen (die vielleicht ganz anders beschaffen sind, als man sie sich vorstellt, siehe Arkanum 15) sollte man doch besser den Daumen drauf haben... - sonst fressen sie einem die Haare vom Kopf und die Tage aus dem Leben.
Aus einer Perspektive, die Vernunft nicht mit Verstand verwechselt und gleich als Plattheit austreiben will, gibt es dreieinhalb hauptsächliche Bereiche, in denen das Tarot eine sinnvolle Anwendung haben kann - und es gibt jedesmal ein paar Besonderheiten zu beachten. Beginnen wir mit der einfachsten Anwendung...
Kreativität / Heuristik
- zu Deutsch: auf neue Gedanken kommen. Bevor das stattfinden kann, müssen wir raus aus unseren Denkgewohnheiten und -schablonen (die uns sonst doch ganz prima nützlich sind, wenn wir sie gut eingerichtet haben), wir müssen lockern, und sich einen zufälligen Reiz zu schaffen, mit dem man weiterarbeitet, ist eine auf vierhundertdreiundsiebzig Weisen geläufige Methode dazu. Was aber ist der Unterschied zwischen einer Tagestarotkarte und z.B. einem durch Würfeln oder Münzwurf erzeugten Zufall? Die Tarotkarte gibt uns einen starken und griffigen Inhalt, an den sich unzählige Assoziationen knüpfen, und an dem unsere Phantasie bewußt und unbewußt weiterarbeiten kann - ach was, beinahe zwangsläufig tatsächlich weiterarbeitet. (Das macht dann auch ein Gefahrenmoment aus, und deshalb sollte man auch ein etwas gefestigtes Weltbild mitbringen - das Tarot ist alles andere als ein Kinderspiel.) Kopf oder Zahl sagen mir nichts weiter, sie helfen mir jedoch manchmal sehr einfach, wenn ich über irgendetwas ins Grübeln komme, was den Denkaufwand nicht lohnt oder wozu es mangels Information einfach keine Entscheidungsgrundlage gibt.
Wahrsagen
- hört sich ganz dramatisch an, nur vergessen wir dabei, daß wir aus schlichter Sachkenntnis und genauer Beobachtung ständig, immerfort, richtige Voraussagen treffen. Der Weg zu einer treffsicheren Intuition beginnt damit, daß man seine fünf (und wenn man genauer unterscheidet, sind es sowieso noch deutlich mehr) physischen Sinne weit aufmacht (aber das kommt demnächst in eine andere Site). Er setzt sich fort (oder vielmehr verquickt es sich bald unweigerlich) mit Selbsterfahrung, die ein freundlicheres und offeneres Verhältnis zu unbewußten Bereichen schafft. Freundlicher, offener als vorher - ansonsten gibt es wohl immer Grenzen unserer Selbsterkenntnis, und wo es eine Grenze gibt, gibt es auch ein 'jenseits davon', je mehr wir uns bewußt machen, desto mehr ahnen wir auch noch dahinter, was wir hier und jetzt nicht erkennen werden.
Das hat durchaus eine Ordnung so, und 'Freundlichkeit' ist tatsächlich das Schlüsselwort dabei. Das Gegenteil hieße nämlich verdrängen, die Grenzen abriegeln, die Informationsflüsse kappen, 'ganz vernünftig sein' (so wie es der Verstand immer wieder fordert). Sümpfe trockenlegen, 'aufklären', wie das alles so genannt wird... - frei nach Horkheimer, "kritische Theorie wälzt den Stein, unter dem die Unwesen brüten (und die Psychoanalyse hilft mächtig dabei)". Danke, nein, mein Unbewußtes enthält keine Kellerasseln. Leute begehen ja auch tatsächlich viel mehr Dummheiten mit vollem Bewußtsein, als sie sich welche aus ihrem Unbewußten erlauben - unsere einschränkenden Überzeugungen und Glaubenssätze - ich kann nicht, man muß doch, das paßt nicht zu mir - sind uns regelmäßig nur zu deutlich bewußt.
Intuition befindet sich im Lauf ihrer Entwicklung in einer merkwürdigen Grauzone. Es ist eine Art unabsichtlicher Wahrnehmung aus den Augenwinkeln heraus - wir sehen etwas, und uns fällt etwas dazu ein, wir 'wissen' plötzlich etwas, und sieh an, es stimmt. In den trivialen, alltäglichen Fällen werden wir uns immer auf die Schulter klopfen und behaupten, daß wir eben schlau sind. Nichts dagegen - bloß gelegentlich fällt uns auf, daß wir zuverlässig Dinge wissen, nette Kleinigkeiten zumeist, auf die wir durch denken und beobachten beim besten Willen nicht kommen konnten, und für gut geraten passierts uns ein wenig zu häufig. Geil, sagen wir, ich werd' übersinnlich... - und prompt geht nichts mehr. Der geängstigte Verstand greift zu und reißt wieder die Herrschaft an sich, und wir können wieder lockern, lockern, lockern...
In diesem Stadium hat das Wahrsagen durch Kartenlegen seine volle Berechtigung. Wir wissen doch, daß es alles Mumpitz ist? Natürlich hat es alles nichts zu bedeuten! Wir lassen uns von dem reichen Material der Tarotkarten bloß auf Gedanken bringen, und manche leuchten uns stärker ein als andere, denen gehen wir dann auch nach...
Einmal mehr die gewohnheitsmäßige Leier von der gefestigten Verankerung: Denn auch die Suggestion ist sehr mächtig... - Nehmen wir ein Beispiel: alles deutet auf einen Unfall - sehe ich ihn voraus oder nehme ich ihn mir vor? Soviel Unterscheidungsvermögen und soviel Selbstsicherheit muß man schon mitbringen. Ich spreche da aus Erfahrung - mit 13 habe ich zum ersten Mal die Karten gelegt, die sagten laut Anleitungsbüchlein 'mittelschwerer Unfall, kommt ins Krankenhaus', das habe ich mir brav vorgenommen und es am nächsten Tag auch gleich verwirklicht, seitdem hinke ich. Völlig überflüssig, sowas. - Konflikte in Beziehungen sind ein weiteres Beispiel dafür, wie man sich genau das vornehmen kann, wovor man sich fürchtet. Hat das jemand noch nicht ausprobiert? Na bitte.
Quasi als Nachsatz: Man kann seine Intuition durchaus auch so entwickeln, daß man die Karten nicht mehr braucht, daß man 'einfach so' etwas wissen will und es gleichzeitig auch schon weiß. Manchen Menschen ist so etwas angeboren (eine ganz schöne Bürde), manche lernen es (soll man es lernen wollen? ich weiß es nicht), gemeinsam sind ihnen zwei Dinge: sie finden es irgendwann relativ selbstverständlich, und sie brüsten sich nicht damit. Man hats, so wie man zehn Finger hat.
Lernen und Meditieren
- das bleibt auch dann immer noch übrig. Die Symbole des Tarot bieten einen schier unerschöpflichen Anstoß zur Betrachtung, weisen einen immer wieder auf andere Zusammenhänge im Aufbau der Welt hin. Sind sie einzigartig? Zweifellos. Sind sie unersetzlich, sind sie notwendig zur Weisheit und zum Heil? Hilfe, nein! Wir sind auf Schritt und Tritt von Gottes Geheimnis umgeben, je mehr wir lernen, davon zu erfassen, desto sparsamer werden wir in unseren Mitteln. "Glaube es einem erfahrenen Manne", so schreibt Bernhard von Clairvaux in einem Brief, "du findest etwas Größeres in den Wäldern und bei den Steinen, was du aus Büchern und von Lehrern nicht lernen kannst." Möge sich auch dir jenes Größere öffnen und die Karten überflüssig machen.