Anfang des verflossenen Jahrhunderts gab es einen entscheidenden Ansatz zur Neugestaltung der Tarotkarten: Das Blatt von Arthur Edward Waite (1857-1942, Entwurf) und Pamela Coleman Smith (Zeichnung), zuerst 1910 veröffentlicht. Heute gilt dieses Blatt bei vielen Menschen als "das Tarot schlechthin" - als sei es alles schon immer so gewesen. Das mag einerseits zu allerlei Irrtümern verleiten, andererseits wird es der beträchtlichen Mühe und Intelligenz, die Waite in dieses Blatt gesteckt hat, keineswegs gerecht. Er hat eine kritische Sichtung der vorliegenden Informationen und Deutungen vorgenommen - eine Aufgabe, die man sich gar nicht so besonders lustig vorstellen sollte, und für die man durchaus dankbar sein muss. Darauf aufbauend hat er versucht, das Tarot mit einer ganzen Reihe von anderen Systemen okkulten Wissens zu verbinden - das beinhaltete erstens die Hinzufügung neuer, "fremder" Symbolelemente, zweitens eine gewisse Logifizierung der Karten und ihrer Interpretationen - denn die Wahrheit ist ja auch nur eine ... und es gibt richtig und falsch, überall zwei Wege. Er möge uns verzeihen, dass wir darin sehr viel vorsichtiger und viel weniger selbstbewusst vorzugehen gelernt haben.
Damit sind auch ineins die Stärken und Schwächen seiner Reform benannt. Man kann über sein Tarot - ganz entgegen seiner Absicht - mehr Unfug reden und schreiben als über die vorhergegangen, und der Anfänger verheddert sich leicht in Nebensächlichkeiten. Man hat andererseits eine Interpretation auf der Grundlage eines sehr umfangreichen okkulten Wissens vor sich, die allemal die Aufmerksamkeit wert ist. Und nicht zuletzt sind viele der Bilder auch einfach schön ...
Was sind nun die leitenden theoretischen Gesichtspunkte seiner Bearbeitung?
Dieser letzte Punkt führt auch auf Korrespondenzen zwischen den einzelnen Arkana, die nach konventioneller Deutung eher wenig miteinander zu tun haben - so die Deutung der Liebenden (Arkanum 6) als "Mann und Frau vor dem Fall" (hier ist die Abweichung von der Tradition sehr massiv greifbar) in Parallele zu der des Teufels (Arkanum 15) - Mann und Frau nach dem Fall. Mir kann es hier nur darum gehen, auf diese Veränderungen und Neustrukturierungen hinzuweisen - und dem Lernenden die Entscheidung zu überlassen. Wo die Unterschiede beträchtlich sind, habe ich Waites Deutungen beim jeweiligen Arkanum wörtlich zitiert (alle Zitate nach Waites The Pictorial Key to the Tarot, dt: Der Bilderschlüssel zum Tarot, Waaskirchen: Urania, 1978 u. ö. ISBN 3-908644-67-4, 19.80). Im Folgenden einige tabellarische Stichworte:
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1 - Aufgrund der starken magischen Interessen Waites sind die Münzen in Pentakel umbenannt - damit hat Waite die Deutung der vier Farben als der traditionellen "Waffen" des Magiers komplettiert: Zauberstab, Dolch, Pentagramm, Kelch. Auf dieser Karte sind sie denn auch alle versammelt, während ältere Bilder hier viel unklarer sind. - Die Geste - rechte Hand nach oben, linke nach unten, ich lese sie als Mahnung "Zwei Wege!" (üblich auch als der hermetische Satz "wie oben, so unten" interpretiert) - findet sich in modifizierter Form bei den Arkana 3 (die Kaiserin), 5 (der Hohepriester), 8 (die Gerechtigkeit), 15 (der Teufel) wieder. |
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2 - Die Karte ist mit reichen symbolischen Attributen ausgestattet worden: Dem Mond, dem blauen Himmelsmantel (der Jungfrau Maria), der Tora-Rolle. Es kommt sich da vielleicht manches ins Gehege. - Zu beachten auch die beiden Säulen, eine schwarz, die andere weiß: Waite wird nicht müde, Dualität zu betonen. Ein schwarzer Weg, ein weißer Weg, immerfort Entscheidungen (vgl. auch 7, die beiden Sphinxen). |
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6 - Die Karte "Die Liebenden" ist gänzlich neu gezeichnet; die beiden Menschen sind miteinander allein und jeweils einem übermächtigen höheren Wesen konfrontiert, keinem Cupido, der mutwillig seine Pfeile abschießt. - Man vergleiche dazu auch das Kartenbild 15 (Der Teufel); von ihm scheint die vorliegende Zeichnung wesentliche Impulse empfangen zu haben. Bilder und Interpretationen hier. |
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7 - Hier hat sich der Wagenlenker bereits entschieden - "... er ist der Überwinder auf allen Ebenen - auf der Verstandesebene, in der Wissenschaft, im Fortschritt und in bestimmten Initiationsprüfungen. ... Vor allen anderen Dingen repräsentiert er den Triumph auf der Ebene des Verstandes." |
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8/11 - Die Vertauschung von Kraft und Gerechtigkeit ist einerseits in einer Konzeption der Abfolge der Karten begründet, andererseits in der bestimmten begrifflichen Fassung, was man unter "Gerechtigkeit" zu verstehen habe. Man kann für beide Abfolgen durchaus plausible Gründe anführen. |
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13 - Aus dem Schnitter Tod, der "rohen Vorstellung eines mit der Sense bewaffneten Skeletts", ist ein apokalyptischer Reiter geworden, der als Banner die mystische Rose, ein Symbol des Lebens mit sich führt. |
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16 - Nicht ohne Grund empfindet Waite diese Karte als verwirrend - eine Darstellung des Sündenfalls (wie Levi es wollte)? Nein. Eine Offenbarung? Nun ja, zweifellos auch ... doch genauer, dass die Karte "... den Untergang des Hauses des Lebens repräsentiert, wenn das Übel darin den Sieg davongetragen hat, und vor allem anderen das Auseinanderbersten des Hauses der Lehre. Für mich bezieht sich dieser Hinweis jedoch auf ein Haus der Lüge und Falschheit. Die Karte erläutert auch auf eine höchst eindringliche Weise die alte Wahrheit, dass "die Arbeit derer, die ein Haus bauen, vergeblich sein wird, es sei denn, der Herr baut es."
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19 - Aus den traditionell zwei Kindern dieses Kartenbildes ist hier eines geworden, das auf einem weißen Pferd sitzt und eine rote Standarte entfaltet. "Es ist ... das große und heilige Licht, das der endlosen Prozession der Menschheit voran geht, die aus dem ummauerten Garten des sinnlichen Lebens kommt und auf dem Weg in ihre Heimat ist. Aus diesem Grunde symbolisiert die Karte den Übergang vom offenbarten Licht dieser Welt, repräsentiert durch die herrliche Sonne der Erde, zum Licht jener Welt, die noch kommen wird, dieser Übergang geht dem Emporstreben voraus und wird durch das Herz eines Kindes verbildlicht.
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20 - Wie schön diese Karte ist! "Diese Karte zeichnet die Vollendung des Großen Werkes der Verwandlung auf, als Antwort auf den Ruf des Himmels, dessen Ruf im Innern vernommen und erwidert wird.
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