XV - Der Teufel

Bedeutung beim Wahrsagen: Knechtschaft, Sucht, sich Unterordnen, unerwartetes Unheil, sei es Tod, Unglück, Armut, vor allem plötzlich und durch Gewalt. Es kann sich auch um die verschiedensten Arten der Selbstzerstörung handeln, oft sind schlechte äußere Einflüsse im Spiel.

Ein Leben in Vorstellungen und Tagträumen, die Hingabe an eine unwürdige Sache (weltanschaulich oder politisch) bzw. an Fetische aller Art; privat insbesondere auch Schwärmerei, die realitätslose Verliebtheit, wie sie bei Teenagern häufig vorkommt (und bei ihnen vielleicht noch entschuldbar ist). Die Karte warnt vor dem Zerfall des Charakters, vor Niedertracht durch bedingungsloses "mitmachen" und zustimmen. Beachte: Die Karte bezeichnet auch den zum Prinzip erhobenen Kompromiß; so ist sie auch das Symbol der deutschen Sozialdemokratie.

Umgekehrt: Ein Impuls zu einem besseren Neuanfang, einengende Vorstellungen werden überwunden, es findet sich eine Lösung aus Abhängigkeit und Hörigkeit (auch in sexueller Hinsicht: weggehen, sich abwenden vom Idol der Verliebtheit - von der Person, die man "auf ein Pedestal gestellt hat"), ggf. sogar durch Ehescheidung.

Der Teufel

Zwei nackte Menschen, ein Mann und eine Frau, sind an eine Art Denkmalssockel gekettet, auf dem ein scheußlicher Dämon steht. So hält also der Teufel seine Untertanen, die Ärmsten, und weil sie nackig sind, denkt man auch leicht, dass das etwas mit Sex zu tun haben muss. Ihr Trieb kettet sie aneinander und lässt sie immer wieder Böses tun, usw. Ich mag ja auch gar nicht abstreiten, dass die Leidenschaften mit einem Schlitten fahren möchten (auch wenn das zu den Arkana 7 und 11 gehört, dem Wagen und der Kraft), ich will auch gar nicht erst versuchen, die Sache mit dem Sex zu bestreiten - der bindet schon ganz schön, wenn auch längst nicht so fest, wie man immer meint; übrigens gibt es böse Leidenschaften, die einem über die Jahre hinweg treuer bleiben...

Nur ist es eben so, dass eine Deutung, zu der man auf Anhieb nur 'na klar' und 'einverstanden' sagen kann, einen eben gerade so dumm oder gescheit zurücklässt, wie man gekommen ist, und dazu sind die Karten nicht gemacht. Fragen wir also nach der Vorgeschichte jener Szene - wie sind sie in jene scheinbar wenig anziehende Lage gekommen?

Erinnern wir zunächst vielleicht daran, dass große und kleine Dämonen zunächst sehr freundlich und höflich tun, sie versuchen und verführen, erst wenn wir sie regelrecht zu Tisch gebeten haben, schlürfen sie die ganze Suppenschüssel aus und fordern dann noch Nachschlag. Hat man schon erlebt, und dennoch laden wir sie immer wieder gern ein...

So ist es sicher ein Mißverständnis, dass der Dämon diese beiden Menschen gefangengenommen hätte; sie haben ihm Platz in ihrem Leben gegeben, wenn sie ihn nicht überhaupt erst erschaffen haben, worauf es auch hindeutet, dass sie als Mann und Frau dargestellt sind. Er ist gewissermaßen ihr Kind, sie haben ihn gepflegt, genährt und gehätschelt, ihn großgezogen, und nun sieht es so aus, als hätte sich alles umgekehrt, als hätte er sie in seiner Gewalt.

Hat er oder hat er nicht? Die Frage ist ebenso müßig wie der Trost, man könnte ja immer noch einmal von vorne anfangen. Natürlich kann man nicht, auch wenn das heute gern verleugnet wird. Sigmund Freud, der Geburtshelfer unserer durchpsychologisierten Kultur, hatte immerhin das gesunde Augenmaß, dass er keinen Klienten über 45 mehr sehen wollte, man kann kaum genug daran erinnern. Natürlich hat der Dämon Gewalt über sie, denn schließlich ist er - unwiderruflich - ihr Lebenswerk. Es wäre ja sonst alles für nichts gewesen, ein kaum zu ertragender Gedanke. Da arrangiert man sich lieber in immer engeren Fesseln.

Was für ein Dämon, was für Fesseln? Nun, vielerlei... - beginnen wir beim Naheliegenden, Auffälligen - bei den Hobbys, Süchten und Fetischen, die Menschen so haben, allen diesen Dingen, die ihnen wichtiger scheinen als alles sonst auf der Welt. Das Auto und sein Lack, um nur ein Beispiel zu geben. Nicht schön, aber vergleichsweise harmlos? Sicher, blicken wir uns weiter um...

Da wären dann als nächstes allerlei Überzeugungen, für die wir zwar (nein, so sind wir doch nicht!) nicht in den Krieg ziehen und sterben möchten, für die wir - oder wegen denen wir - jedoch jahraus, jahrein bereitwillig schlecht leben. Was sagen wir von einem Menschen, der mitten vor einer Wand steht, rechts eine Tür, links eine Tür, aber er steht vor der Wand und möchte genau an dieser Stelle durch? Kommt nicht so häufig vor, da können wir den Kommentar sparen. Aber was sagen wir zu einem Menschen, der behauptet, ohne einen Sechser im Lotto könnte er nie im Leben glücklich werden? Das leuchtet doch fast beinah ein? Oder seine Eltern hätten ihn schon versaut, der Krieg sei dazwischen gekommen, und so weiter.

Es passen ziemlich viele Dämonen in einen Kopf, verlassen wir den engen persönlichen Bereich, es ist schließlich durchaus auch 'Höheres', was Menschen an- und umtreibt. Eine Leidenschaft für Gerechtigkeit, die einen in die Politik führt, von einer Enttäuschung, einem ermächtigenden Leitantrag zum nächsten, denn um Gerechtigkeit ist es dort nie gegangen. Oder man hatte einen Trieb zu Wahrheit und Erkenntnis - denken wir an die religiöse Anhänglichkeit so erstaunlich vieler Menschen an die Wissenschaft, die sie in einer tristen, seelenlosen Welt leben lässt, in der sie schier kaum selbst noch einen Platz finden. Doch was täte man ohne. Oder es liebte einfach ein junger Mensch die schöne Natur, und jetzt ist er Landschaftsplaner. Wie es halt so geht.

Gemeinsam ist solchen hochherzigen Verirrungen, dass sich das Handeln unmerklich, bruchlos, von seinen gemeinten Zielen wegbewegt, sich verkehrt in etwas Kleines und Übles. Wir wollten aber doch so sehr, und wir haben doch auch wenigstens, und das kleinere... Ja, eben. Stellen wir einmal mehr fest: It's not a bug, it's a feature, auch wenn es sich keiner extra ausgedacht hat, es geht den Menschen, die auf sich und ihre Impulse vertrauen, hartnäckig immer wieder so. Es ist so menschlich wie unser ganzer gefallener Zustand, wir können es recht betrachtet gar nicht anders kennen.

Vielleicht ist es nötig, klarzustellen, dass dies keine Aufforderung zur Untätigkeit und zum Stillhalten ist - man erinnere sich an das Rad des Schicksals (Arkanum 10), wir müssen handeln, lehrt jene Karte, und es fällt tatsächlich nichts Reaktionäres, solange man es nicht niederschlägt. Allerdings ist ein Kampf für Verbesserungen, für mehr 'Menschlichkeit' und so fort, ebenso wichtig und nutzlos wie das Geschirrspülen - man muss es eben immer wieder tun. Übrigens - und auch das gehört eigentlich zum Arkanum 10 - muss man nicht unbedingt Illusionen über sein Handeln haben, man darf jedoch ruhig - anders als wir zu denken geneigt sind, ist es nicht die dringlichste Aufgabe, mit ihnen aufzuräumen. Die Ent-Täuschungen kommen von allein, nach und nach; mit ihnen richtig umzugehen, ist eine viel schwerere Aufgabe, und eine letztgültige Klarheit können wir sowieso nicht beanspruchen.

Einmal mehr: Wir haben unseren Zustand geschaffen, von Anfang her, da können wir uns nicht rausreden, und wir sorgen auch dafür, dass er sich immer weiter verbessert... - damit stärker so wird, wie wir ihn beklagen. Gut, zugegeben, nicht wir alle, nicht jeder in jeglicher Weise - es gibt jede Menge Anfälle von besserer Einsicht, kleine Funken des ursprünglichen Feuers, für nahezu jeden Menschen. Sie glimmt auf einmal hell auf, und dann ist wieder Finsternis, man ist müde und der nächste Tag stellt seine Forderungen. Wo es wenigstens zum Lagerfeuer reicht, da schickt dann schnell die Staatsmacht ihre Büttel - nicht der Wahrheit wegen (so hoch schätzen wir sie nicht mehr), aber wegen schlechtem Benehmen, das vielleicht anstecken könnte. Insofern muss ich mich berichtigen, insofern gibt es Zwang - aber wer wollte schon ernsthaft behaupten, er gehe vom Teufel aus?

Gibt es Auswege, Ausstiege, Veränderungen zum Besseren? Ja, sicher, es gibt sie immer wieder, für einzelne Menschen, für Gruppen, für ganze Völker. Wir haben es miterlebt, im Großen wie im Kleinen: wenn wir sagen, dass Gott die Welt beständig erhält, dann dürfen wir daran ruhig mit denken. Freilich - schön ist sowas nicht. Solche glücklichen und gnädigen Sprünge im Zeitgefüge unserer Alltäglichkeit haben ein paar üble Haken - sie kommen unerwartet (wie der Dieb in der Nacht), von außen, sie sehen verdammt nach einem Zusammenbruch aus, und eine erhebliche Anzahl von Menschen fällt in der Stunde der Befreiung ganz böse - um nicht zu sagen final - auf die Schnauze. Doch das ist dann schon das Thema der folgenden Karte, des Turms (Arkanum 16).

Waites Interpretation von Arkanum 6 und Arkanum 15 Anlass zu Reue und Tränen - der Teufel aus dem 1JJ-Blatt

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