VI - Die Liebenden

Bedeutung beim Wahrsagen: Leidenschaftliche Liebe, aber auch enge Freundschaft. Es geht um Vertrauen, Ehre und Treue, wozu die bezeichnete Person durchaus fähig ist.

Eine Entscheidung ist fällig; sie kann jedoch auch ganz andere Bereiche betreffen, ausschlaggebend ist der Drang nach Neuem. So kann es auch um das Antreten einer längeren Reise gehen.

Umgekehrt: Versagen im Umgang mit Menschen, Unverträglichkeit zweier Menschen, Vertrauensbruch, die Einmischung Dritter. Untreue (auch gerade Seitensprung), falsche Wahl eines Partners (im Bett oder im Geschäft), eine übereilte Entscheidung.

Die Karte warnt in dieser Lage besonders vor Gleichgültigkeit und Unbekümmertheit gegenüber Problemen in zwischenmenschlichen Beziehungen (insbesondere der Ehe oder Partnerschaft); man kann nicht immer vor ihnen den Kopf in den Sand stecken, notwendige Entscheidungen und Klarstellungen hinauszögern oder verweigern.

Die Liebenden Love will tear us apart again...

Von den einzelnen archetypischen Gestalten her kommen wir nun zu Karten, die typische Situationen eines Menschenlebens darstellen.

Die Liebenden - es scheint ein nettes, unproblematisches Bild zu sein: Zwei junge Menschen finden sich, und Cupidos Pfeil lässt Liebe zwischen ihnen aufkeimen. Leider könnte man die Situation auf diesem Bild nicht schlimmer mißverstehen.

Da sind die beiden, an der Schwelle zu einem bewussteren Leben, auch wenn es noch für etliche Jahre von jugendlicher Begeisterung und Empfindungsfähigkeit bestimmt sein wird. Kaum erst, so möchte man annehmen, sind ihnen die Augen füreinander aufgegangen, sie haben im selbstverständlichen Spielkameraden der Kinderjahre jetzt eine Frau erkannt und einen Mann erkannt - einen Menschen, mit dem zusammen man an die ernsten Aufgaben des Erwachsenenalters gehen könnte.

Es wird nicht sein, so schön es wäre. Dafür bürgt der ältliche Verwandte, der die Ordnung repräsentiert, den Kalkül des Besitzes und der Vernunftsehe. Dafür bürgen, auch wenn man dies weniger deutlich erkennen kann, die unterschiedlichen Blickwinkel der beiden. Sein Blick richtet sich sehr viel weiter in die Zukunft, während der ihre ängstlicher eingeschränkt ist. Vielleicht weiß sie ja schon, wie alles weitergehen wird...

Nun ja, sie werden sich trennen. Vielleicht bittet er sie darum, auf ihn zu warten - bis dies geschehen ist, bis er jenes geschafft hat, bis er von einer notwendigen Wanderschaft zurückgekehrt ist - nun ja, seine Reise wird vielleicht länger dauern, als er jetzt denkt, und sie wird wohl den berechtigten Forderungen der Erde nachgeben. Nichts wartet in unserem Leben, bis wir uns bereit fühlen dafür...

Aber Cupido, Eros, von dem es doch heißt, er sei ein großer und mächtiger Gott? Er verkuppelt diese jungen Menschen nicht, damit sie zusammen glücklich werden, nichts könnte ihm gleichgültiger sein. Er schießt seinen Pfeil auf sie ab, damit es wehtut, damit es sich lohnt. Einfach so voneinandergehen, das tun wir alle Tage - ich und die tausend hübschen Menschen in der U-Bahn, in immer neuer Kombination, ein flüchtiges Lächeln, du auch mal wieder darunter - und schon ist es wieder vorbei, das macht uns gar nichts aus. Natürlich nicht. Die Abschiede zählen, die uns weh tun, sie hinterlassen eine Wirkung in uns, auch wenn wir uns bei einem wirklichen, leiblichen Wiedersehen kaum etwas zu sagen hätten. Die Abschiede, die uns schwer fallen, bringen uns überhaupt irgendwohin, und je älter wir werden, desto seltener werden sie. Wir sollten uns nicht zu glücklich schätzen dafür.

Waites Interpretation von Arkanum 6 und Arkanum 15

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