Der Narr

Bedeutung beim Wahrsagen: Narretei, Unfertigkeit, Halbgares, Leichtfertigkeit, Frivolität, Gedankenlosigkeit, Leichtsinn, Mangel an Disziplin, unvorhersehbares, sprunghaft-spontanes Verhalten, Leidenschaft, Unzuverlässigkeit.

Es mag sich sonst durchaus um einen fröhlichen, begeisterungsfähigen Menschen handeln - er ist aber auch kritiklos, gutgläubig, stolpert leicht einfach so in ein Abenteuer hinein, ohne sich die Konsequenzen bewusst zu machen. Manche Projekte, um die es durchaus schade wäre, werden ohne etwas Leichtsinn und Wagemut freilich gar nicht begonnen; man wird die Karte also je nach Fragestellung auch als einen glückhaften Anfang sehen können.

Umgekehrt: Stillstand, Stagnation im Leben, vorgespielte Fröhlichkeit; zu großes Zögern. Man muss vielleicht die Folgen seines Leichtsinns ausbaden, hat den Schaden und den Spott dazu. An passender Stelle in der Auslage kann die umgekehrte Karte auf eine falsche Wahl (einer Person oder eines Weges) bzw. falsche Entscheidung überhaupt hinweisen.

Der Narr Der Narr, Anfang und Ende, die Karte ohne Nummer

Der Narr ist nicht verrückt, das sagen höchstens die anderen von ihm. Er ist leichten Sinnes, leichtsinnig, unbekümmert - viele Kartenbilder zeigen ihn auf einem schmalen Grat, wo jeder "vernünftige" Mensch Angst hätte und den Kopf voll mit Gedanken an einen Absturz. (Und wie vernünftig wäre das?) Er symbolisiert irgendeinen Menschen - jeder könnte so anfangen, hat vielleicht als Kind auch so angefangen, sich dann erst in die Vorstellungen und Konsense des Alltagslebens hineinziehen lassen - "nein, das macht man nicht", "nein, das ist doch gefährlich", usw. Ebenso könnte jeder so enden, genauso unbeschwert, wenn es gelänge, aus diesen Vorstellungen wieder auszusteigen. Und wenn das nicht so teuer wäre, vor allem hinsichtlich der im Vertrauen auf sie aufgewendeten Zeit und Kraft.

Mit dieser Karte kommt auch eine der leitenden Metaphern des Tarotspiels zum Tragen, die des Gleichgewichts, der Balance. Man wird ihr bei den verschiedensten Karten wieder begegnen. Wie schafft der Narr das nur? Warum ficht ihn nichts an? Vielleicht hilft es, Anfang und Endzustand an einem Beispiel zu illustrieren - es trete also auf:

Der Narr, der Versicherte - das mag wie ein schlechter Witz klingen, doch der Narr ist wirklich sicher, und zwar auf zweierlei Art -

Erstens indem ihn seine Narrheit einspinnt in ein Gewebe von alltäglichen Routinen, Verrichtungen und Gewißheiten - da ist er ein Mensch, dem alles in die gewohnten Schubladen passt, dem alles klar ist, der keine Zweifel kennt. So weiß er auch nicht, dass er ein Narr ist - ei behüte, er würde eine solche Beschimpfung gar nicht verstehen. Er ist sich seiner selbst und der Welt (also dessen, was er von beiden weiß, als Vorstellung und Meinung im Kopf hat) derartig sicher, wenn vor ihm auf der Straße ein UFO landen würde, er täts schlicht nicht sehen. Das mag seine guten und schlechten Seiten haben, zweifellos jedoch sind solche Menschen brauchbar. In dieser Hinsicht steht er richtig am Anfang der Reihe der großen Arkana, und irgendetwas muss ihm von außen her zustoßen, damit überhaupt eine Entwicklung an ihm stattfinden kann.

Zweitens aber ist der Narr 'sicher', indem er die Welt (Arkanum 21) 'gehabt' hat, und den Platz aller Dinge und ihre letztendliche Bedeutungslosigkeit erfahren hat. Wohin er auch kam, überall schmeckte es doch nach ALDI... oder so ähnlich. Er ist durch die Schule gegangen, von der die Bibel sagt 'Herr, lehre mich begreifen, dass ich sterben muss, damit ich klug werde'. Da ist es nicht überraschend, dass er anderen Menschen oft genug als Narr erscheinen wird (wie man es ja immer wieder mit überlegenen Wahrheiten gesehen hat), zumindest aber als unbegreiflich. In dieser Gestalt, solcherart belehrt und klug geworden, mag er auch wohl gut die Position am Ende der Reihe der großen Arkana einnehmen.

Oder vielleicht trägt ja auch dieser traditionelle Versuch, ihn, die nicht nummerierte Gestalt, in eine Ordnung der Arkana einzufügen, nur zu genau 91% - es könnte ja auch sein, dass er wirklich als Joker gedacht ist, als Wildcard (*), Stellvertreter für ein unausrottbar immer noch vorhandenes Wirkliches jenseits der Ordnungen und als Beleg dafür, dass auch eine symbolische Ordnung wie die der Tarotkarten, die nur vorsichtig andeutet, nie abgeschlossen sein kann.

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