Strukturen und Wege im Tarot

In den Tarotkarten lassen sich vielfältige Ordnungen finden, die zu ihrem Symbolgehalt beitragen und deren Studium für die praktische Arbeit mit den Karten nützlich ist.

Die Reihenfolge des großen Arkana

Sie ist weder willkürlich noch regelrecht einsichtig: daher dann immer wieder die Versuche zu einer Neuordnung, von denen man heute vor allem der von Waite ausgehenden Vertauschung von Kraft (11) und Gerechtigkeit (8) begegnet.

Sie entsprach wohl augenscheinlich einem systematischen Bedürfnis, denn wir stellen tatsächlich fest, daß dann mit dem Rad des Schicksals (10) eine erste Folge ebenso zum Ende kommt wie die gesamte Folge mit der Welt (21). Die Parallelität dieser beiden Karten ist ja unübersehbar; was unterscheidet dann die beiden Abfolgen?

Man findet eine Verschiebung der Themen von solchen des individuellen Charakters zu übergreifenden geistigen Fragen hin - vom subjektiven Geist zum objektiven Geist, um die Begriffe des ultimativen philosophischen Entwicklungsromans, der Hegelschen Phänomenologie des Geistes, zu benutzen.

Die Kraft auf Platz 11 stört eine solche Konstruktion natürlich erheblich (denn wir denken wohl nicht zu Unrecht zuallererst an die individuelle Anstrengung), und die Gerechtigkeit auf Platz 8 eigentlich noch viel mehr: Gerechtigkeit ist ja nun beileibe keine bloß individuelle Tugend (so sehr der Einzelne gerecht sein oder auch Unrecht tun kann), sondern jederzeit auch eine, die ein ganzes Kollektiv betrifft. Man erinnere sich an das Wechselverhältnis, das in der Geschichte von Sodom und Gomorrah zum Ausdruck kommt - Gott will diese Städte (Stadtstaaten) nicht zerstören, solange noch einzelne Gerechte darin sind - und man denke auch an den Satz "Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben" - also das Verderben für jeden Einzelnen für sich. Gerechtigkeit ist sozusagen in heutiger Sprache immer auch ein "Systemparameter", und natürlich einer, der mit dem Stichwort "Rechtsstaat" nicht einfach weggeputzt ist. (Dann müßte man übrigens ja auch die Mäßigkeit (14) als Systemparameter lesen - das ist ungewohnt, aber durchaus möglich, und eröffnet interessante "ökologische" Zusammenhänge.)

Hatte Waite also Recht mit seiner Neuordnung? Vielleicht - vielleicht braucht es aber auch einfach eine komplexere Konstruktion, um den in den Karten angelegten Zusammenhang zu erfassen. Nachdenken bildet.

Man ist ja auch insgesamt sehr schnell bereit, die gesamte Abfolge als eine Reise und damit als eine Abfolge von Stationen in einem Lernprozeß zu verstehen (die C.G. Jung-Schule hat hier das Stichwort "Heldenreise" beigetragen). Bei genauerer Betrachtung stellen sich viele Fragen, die ich mir nicht anmaßen würde, abschließend zu beantworten. Um mit der einfachsten zu beginnen:

Teilfolgen der großen Arkana

21 ist dreimal sieben, das läd zu Experimenten ein:

1

2

3

4

5

6

7

?

8

9

10

11

12

13

14

?

15

16

17

18

19

20

21

?

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?

 

Man meint immer wieder mal, man hätte zeilen- oder spaltenweise einen Zusammenhang gefunden - vorwiegend nach Mitternacht - aber am nächsten Morgen sieht das gar nicht mehr so klar aus...

Etwas überzeugender wird das schon in einer anderen Form der Auslage:

1

4

7

10

13

16

19

Osirisweg, Weg der Tat, Karma Yoga

2

5

8

11

14

17

20

Isisweg, Weg der Liebe, Bhakti Yoga

3

6

9

12

15

18

21

Horusweg, Weg der Erkenntnis, Inana Yoga

Nun ja, man kann die Zustände, die die Karten in der ersten Spalte beschreiben, alle als sinnvolle Ausgangspunkte verstehen, und ebenso kann man die der letzten Spalte als gute Abschlüsse sehen - die Sonne der Liebe Gottes, die Freude der Auferstehung, die Neue Welt selbst. Und man bekommt auf diese Weise recht sinnfällige Übergänge - es ist eine gute Übung sie selbst herauszuknobeln, schließlich könnten diese Karten ja genausogut plötzlich in der Auslage eines Klienten liegen, und was sagt man dann dazu?

Schließlich gibt es da die Lehre von den Gegenkarten - eine spezifische Weise, die Karten zu Paaren zu bilden, über deren Zusammenhang sich allemal zu meditieren lohnt:

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

Narr, 0

21

20

19

18

17

16

15

14

13

12

In allem das Gegenteil? Nein, sicher nicht - aber interessante Unterschiede finden sich schon, und beginnt nicht alle Erkenntnis mit dem Unterschied?

Astrologische Zuordnungen

0 - Uranus, Merkur

8/11 (Gerechtigkeit) - unklar

16 - Uranus (Wassermann), Saturn

1 - Sonne

9 - unklar

17 - vieldeutig

2 - Mond

10 - unklar

18 - Pluto, Mond

3 - Venus (Stier und Waage)

11/8 (Kraft) - Mars

19 - Sonne

4 - Mars (Widder)

12 - Venus (Waage), Neptun (Fische)

20 - vieldeutig

5 - unklar, vieldeutig

13 - Saturn

21 - vieldeutig

6 - unklar, vieldeutig

14 - vieldeutig

 

7 - Mars (Widder)

15 - Pluto (Skorpion), Mars

 

Derartige Zuordnungen sind in recht unterschiedlichem Maße fruchtbar und erhellend! (Also mitunter auch ganz und gar nicht. Dies trifft ebenso auf die astrologischen Korrespondenzen der kleinen Arkana zu.)

...und die kleinen Arkana?

Hier wird die Situation aus den verschiedensten Gründen recht unübersichtlich. Ja, man kann die Asse immer als Anfänge einer Entwicklung verstehen (oder als Endpunkte? oder beides?) und die Karte Zehn der einzelnen Farben immer als Endpunkte (oder als Ausgangspunkte?), jedenfalls diese beiden als Extreme ihrer spezifischen Qualitäten... - nur wenn man wieder fragt, wie man von hier nach da kommt, dann wird die Situation düster. Es gibt Konstruktionen, die solche Entwicklungswege aufzeigen wollen - schaut man näher hin, so werden sie von Unmengen argumentativen Heftpflasters zusammengehalten, und das ist weder schön noch lehrreich.

Hingegen lohnt es sich, immer wieder auf deutlich werdende Übereinstimmungen und Entgegensetzungen zwischen Karten der kleinen Arkana und zwischen ihnen und denen der großen Arkana aufzumerken und sich solche virtuellen Zusammengehörigkeiten zu notieren. Sie sind praktisch hilfreich, da man ja solche Bezüge in der Interpretation einer Auslage auch als Verstärkung bzw. Abschwächung deuten wird.

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