Man lernt nicht aus...

Morgens früh um sechs lernt die kleine Hex

Ein Wort voraus:
Man muß sich nicht mit dem Tarot beschäftigen... - aber wenn man es tut, muß man sich darüber klar sein, daß es sich um mächtige Bilder und Symbole handelt, die stark auf die Einbildungskraft wirken. Wenn einem die Beschäftigung mit dem Tarot nicht nur bekommen, sondern sogar Nutzen und spirituelles Wachstum bringen soll, dann kommt es dabei darauf an, fest verankert zu sein und Lebensbereiche zu haben, durch die man immer wieder zur nötigen Nüchternheit zurückfinden kann. Ich habe gar kein Problem damit, wenn jemand wie der Astrologe Wolfgang Döbereiner (von dem ich fast alles gelernt habe, was ich über Astrologie weiß) vom Tarot sagt "sowas kommt mir nicht ins Haus - die Bilder springen einen ja an!" In der Tat, genau das tun sie - und man muß sich irgendwo festhalten können. Je nachdem gilt das von allen okkulten Interessen und Betätigungen - man denke etwa an Gershom Scholem, den Begründer der Forschung über die jüdische Mystik: Bevor er damit begann, die magischen Praktiken der Kabbalisten praktisch auszuprobieren, sorgte er dafür, daß er einen festen Platz in seiner Synagoge bekam.

In der heutigen esoterischen Szene ist kein Mangel an 'freischwebenden Geistern', an Leuten, die ihre Verankerung in einer Tradition und in ihrer konkreten Lebenswirklichkeit verloren haben. Wir verdanken ihnen jede Menge leeres Gerede und können uns auch nur schwer vorstellen, daß sie so irgendwie zu ihrem Glück und Heil beitragen.

Wenn man sich jedoch näher mit dem Tarot beschäftigen möchte,
sind es in erster Linie die Karten und ihre Bilder selbst, die einem weiterhelfen. Es gibt sehr viele verschiedene Tarotblätter, und ständig werden neue gezeichnet oder gemalt. Jedes davon spiegelt die besonderen Bedeutungen wieder, die dem jeweiligen Künstler in seiner Beschäftigung mit dem Tarot wichtig geworden sind.

Für diese Site habe ich die Bilder des Tarot de Marseille verwendet - es ist relativ alt (und hält dadurch Abstand zu unseren routinierten Sehgewohnheiten), es reduziert die Kartenbilder auf die Kernsymbole, und schließlich hat Scriptorium dieses Kartenbild mit hoher Sorgfalt zu einem True-Type-Font verarbeitet.

Das gegenwärtig beliebteste und wahrscheinlich am weitesten verbreitete Kartenbild ist das sogenannte Rider-Waite-Kartenbild; die Firma Rider hat's verlegt, Arthur Edward Waite (ein sehr vielseitig tätiger englischer Okkultist um die Wende zum 20. Jahrhundert) hat es entworfen, und wer hat's denn nun eigentlich gezeichnet? Eine Frau namens Pamela Coleman Smith ... (das fängt ja gut an, könnte man sagen - für viele heutige Liebhaber dieses Blattes sind die Bilder der verschwiegenen Frau Smith der eigentliche Reiz).

Waite hatte die Vorstellung einer vielfältigen Vernetzung und Übersetzbarkeit verschiedener Symbolsysteme, daher finden sich auf diesen Karten dann auch zahlreiche Hinweise vor allem auf die Kabbala, aber auch auf andere Systeme. Man mag das als Stärke empfinden, manche Zuordnungen sind jedoch etwas schwierig nachzuvollziehen. - Wenn man verschiedene Typen von Tarots unterscheiden will, dann könnte man dieses als ein 'put-in'-Tarot bezeichnen. Modernere Tarots versuchen seitdem vielfältig, aktuelle oder modische Inhalte in den Rahmen des Tarots hineinzuziehen, was häufig in einer noch stärkeren Überfrachtung resultiert, bei der die traditionellen Bedeutungen kaum noch sichtbar werden.

Die gegensätzliche Tendenz besteht in einer Reduktion der Bildinhalte auf das, was dem jeweiligen Künstler wesentlich erscheint, führt also sozusagen zu 'take-out'-Tarots. Das Internet gibt einem vielfältige Möglichkeiten, Tarotspiele kennenzulernen. Eine erfreuliche Überraschung für mich war das Blatt, das der römische Hotelier Marco Benedetti entworfen hat. Manche dieser Bilder muten recht ungewohnt an, auf den zweiten Blick zeugen sie jedoch allesamt von einer intensiven Beschäftigung mit dem Tarot und bleiben enger an den Hauptlinien der Tradition als viele andere moderne Blätter. Von ihnen geht trotz des Goldgrundes eine gewisse Kühle und Klarheit aus, die man sonst an zeitgenössischen Bildern leicht vermißt.

Natürlich sagt man zu manchen seiner Bilder auch spontan "NEIN!" - nur ein Beispiel: soll das der Narr sein? Aber warum genau lehne ich diese Karte ab? Nur wegen dem erotischen Touch? Oder könnte sich Benedetti hier nicht auch etwas Richtiges gedacht haben, was mir entgangen ist oder einfach zu fern lag? Möglich... - und genau derartige Überlegungen sind es, durch die die Bilder lehren.

Schließlich gibt es Blätter, die einfach nur schön sind (oder sein wollen) und nur äußerlich noch mit dem Tarot zu tun haben. Auch dafür ein Beispiel, eine Karte aus dem Tarot der japanischen Manga-Zeichnerin Rieko Mitsumi. Ja, natürlich, das bin ich, ganz und gar (die Flügel natürlich abgerechnet, eine merkwürdige Idee, den Hofkarten welche zu verpassen), ich habe ja auch Sonne und 5 Planeten im Jungfrau-Haus 6... - Nun ja, aber mehr als eine flüchtige Identifikation findet man an solchen Bildern nicht. Die traditionellen Bilder sind Produkte einer relativ langen Evolution, in der sie vielfältig verändert und verfeinert wurden - demgegenüber ist jeder moderne Künstler zunächst im Nachteil.

Eine gute Balance zwischen traditioneller Symbolik und ästhetischem Reiz bietet das schweizer 1JJ-Blatt, das man eigentlich als das 'typische' Einsteigerblatt bezeichnen würde (und wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, steigt man auch nicht so schnell um - es enthält um so mehr, je länger man sich damit beschäftigt). Man muß sich mit den Bildern ein wenig anfreunden, und man wird lernen, sie in ihren komplexen Bezügen zu sehen - so imaginiert das 19. Jahrhundert eine 'Vorzeit' (ach, Novalis: "Doch einsam steht und hochbetrübt, wer still und ernst die Vorzeit liebt"), die doch sehr anders ausgesehen hat, so wie auch unsere Zeit die Gehalte der Karten in ganz anderer Gestalt zeigt.

Für das Wahrsagen mit den Tarotkarten
gibt es viele kleine Lehrbücher - sie taugen letztlich eins so viel oder so wenig wie das andere. Ich möchte ganz offen sein: Wahrsagen ist eine heikle Beschäftigung, und sie ist definitiv nicht das Beste, was man mit Tarotkarten machen kann. Wir haben hier die typischen Stichworte zusammengestellt, an denen man sich beim Kartenlegen orientieren wird - ansonsten wird man sich an einem bestimmten Legesystem orientieren, man wird sich überlegen müssen, welche Karte denn nun einen bestimmten Fragesteller bezeichnet, und man wird dann mit etwas Übung beginnen, Zusammenhänge wahrzunehmen... und hoffentlich nicht nur die, die man sich wünscht.

Es gibt Online-Kurse - besonders gut gefallen hat mir der von Joan Bunning (englisch) - er ist darauf angelegt, daß man ihn sich in drei handlichen Zip-Dateien herunterlädt und ihn dann offline benutzt.

Es gibt Software - laden Sie ein kleines (ZIP 173 kB) Sharewareprogram herunter...

Zur spirituellen Bedeutung
der Karten gibt es längst nicht so viel wirklich aussagekräftige Bücher. Das Tarot ist - wie nahezu jedes traditionelle Symbolsystem - natürlich von der C.G. Jung-Schule der Tiefenpsychologie adoptiert und lang und breit nach ihren Schemata interpretiert worden; wenn man genug Salz, Pfeffer, Essig und Salatöl auf diese Schriften tut und vielleicht noch Pellkartoffeln dazulegt, werden sie zweifellos genießbar, aber deswegen noch nicht nahrhaft. Man entschuldige die Schnöseligkeit, mit der ich das sage, aber probiers doch bloß einer aus - nach spätestens einem Jahr wird es sich bewähren.
Immerhin, kennt man dann eins, kennt man sie alle... - deshalb sei hier eines empfohlen, das neben der Archetypenhuberei eine ganze Menge nützliche Informationen z.B. über verschiedene Legesysteme bietet und sich auch sonst deutlich positiv heraushebt:

  • Hajo Banzhaf: Schlüsselworte zum Tarot (Goldmann Esoterik, 12077), 1996, 12,90 DM

Ein weiteres recht verbreitetes Lehrbuch ist das folgende, das jedoch ausschließlich in Verbindung mit dem Rider-Waite-Blatt sinnvoll verwendet werden kann:

  • Pollack, Rachel: Tarot: 78 Stufen der Weisheit (Knaur Taschenbücher. Esoterik, 77338),1998, 16,90 DM
  • Rachel Pollack: Seventy-Eight Degrees of Wisdom: A Book of Tarot, Thorsons 1998, $ 21.00

Im Vergleich dazu sind die Meditationen über das Tarot von Valentin Tomberg (ursprünglich 1967 anonym französisch veröffentlicht) ein ausgesprochener Glücksfall.

  • Die Grossen Arcana des Tarot - Meditationen (Herder, Basel, 114 DM)
  • Méditations sur les 22 arcanes majeurs du Tarot (Aubier, Paris, 175 FF)
  • Meditations on the Tarot (Element Books / Penguin Books, GBP 14.95)

In diesen je nach Sprache 700 bis 900 Seiten (die das Buch leider auch relativ teuer machen) steckt eine zusammenhängende Interpretation der großen Arkana, die sie detailliert einordnet in die Tradition der christlichen Hermetik. Es ist nicht gerade eine einfache Lektüre, doch die Mühe lohnt sich - gerade auch an den Stellen, an denen man sich mit dem Autor gerne streiten würde. (Man sollte vielleicht hinzufügen, daß Tomberg gelegentlich etwas überschwänglich katholisch argumentiert - nun ja, wo das Herz sitzt... Man kann es ignorieren, man kann sich aber auch einmal mehr hinweisen lassen auf die grundlegenden Fragen, die eigentlich unsere Glaubensspaltung aufgerissen haben, und auf die wir als Christen unvermeidlich in irgendeiner Form jede/r für sich eine Antwort zu geben gehalten sind.)

Goodbye

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