Kartenlegen
Die Karten bezeichnen:
- Den Fragesteller in seiner psychischen und moralischen Beschaffenheit, seinen Eigenschaften und Merkmalen.
- Personen und Ereignisse, die für sein Leben und Schicksal jetzt oder in (naher) Zukunft eine wichtige Rolle spielen (werden).
- Eine Zeitqualität, die für bestimmte Ereignisse und Handlungen günstig ist, unter der man demzufolge mit ihnen zu rechnen hat.
In umgekehrter Lage bedeutet eine Karte typisch einen Mangel an den normalerweise, 'aufrecht' zugeschriebenen Merkmalen und Eigenschaften; dabei gibt es jedoch einige Ausnahmen zu beachten.
Wer nur eben eine Entscheidungshilfe haben möchte, einen kreativen Impuls oder eine Einstimmung auf den vor ihr liegenden Tag, wird sich vielleicht einfach eine Karte aus den Stapel ziehen. Für alle ausführlicheren Erkundungen braucht es - mal etwas abstrakt gesprochen - mehr Masse. Dabei kommt man freilich rasch an eine Grenze: man zieht z.B. drei Karten, findet einander widersprechende Bedeutungen, und was macht man dann?
Damit aus einer größeren Anzahl von Karten eine Struktur, eine geordnete Vielfalt wird, die so erst unserer Intuition eine Art Geländer bieten kann, braucht es ein Legesystem: irgendeins. Es gibt Systeme für 10, 18, 22, 30, 78 Karten - alle haben ihre kleinen Besonderheiten und ihre eingefleischten Anhänger, immer funktionieren sie nach dem gleichen Prinzip: Die sozusagen "nackte" Karte mit dem ganzen Reichtum ihrer Bedeutungen und symbolischen Bezüge spezifiziert sich erstens zu
- Karte auf einem bestimmten Platz, und zweitens
- Karte in spezifischem Verhältnis zu den anderen Karten.
Ein kurzer Vergleich zur Astrologie: Jeder Mensch hat einen Mars, einen Uranus, einen Saturn usw. - es liegen quasi alle Karten gleichzeitig schon auf dem Tisch. Deshalb kann es gar keinen "nackten", einfach-so Planeten geben, sondern immer nur einen Planeten in einem Zeichen und Haus (an einem ganz bestimmten Platz im Horoskop), und natürlich einen, der immer ein bestimmtes Verhältnis zu allen anderen hat - die Aspekte.
Auf diesem Bild sehen wir eins der beliebtesten Legesysteme, das sogenannte "keltische Kreuz". Man legt 10 Karten in der durch die Ziffern angegebenen Reihenfolge aus, und das Legesystem stiftet dabei ganz bestimmte Zusammenhänge unter ihnen:
- Der Fragende bzw. das Thema der Befragung ("das bezeichnet ihn", Signifikator). Man kann mit diesem Auslagesystem grundsätzlich auch für jemand anderen die Karten legen bzw. versuchen, etwas zu einem bestimmten Sachverhalt zu erfragen; üblich ist beim 'professionellen' Kartenlegen allerdings eine Auslage, die mehr Karten verwendet (z.B. sechs Reihen zu je sieben Karten), und dabei stellt sich dann - je nach Person und Thema - die Frage nach der richtigen Karte, die die jeweilige Person bzw. Angelegenheit bezeichnet. Sie ist dort nicht mehr vom System her vorgegeben, sondern muß vom Deuter nach traditionellen Regel festgesetzt werden - ich bin dann z.B. immer der Stab-Bube, ganz egal, wo ich zu liegen komme. Liegt die Münz-Sieben dann an der anderen Ecke, sollte ich mir auf Reichtum so schnell keine Hoffnungen machen, höchstens "übern langen Weg" (der Ausdruck ist ja richtig sprichwörtlich geworden). Man kann quasi als Faustregel sagen: Je mehr Karten verwandt werden, und je komplexer das Legesystem wird, um so stärker werden die Beziehungen der Karten untereinander gewichtet (die "Aspekte"), um so weniger Bedeutung kommt ihrem Platz in der Auslage zu. (Das hat so seine pragmatischen Gründe und weist auf die Vorzüge und Nachteile bestimmter Legesysteme für bestimmte Zwecke hin.)
- "Das deckt ihn" - (die Karte wird kreuzweise auf die erste gelegt) - es muß sich trotz des englischen Namens 'obstacle', 'Hindernis', nicht notwendig um etwas Hemmendes und Hinderliches handeln; dieser Platz weist auf ein für den Fragenden gegenwärtig wichtiges Lebensthema bzw. einen wichtigen Ereignistyp hin. Die Karten 1 und 2 ergeben sozusagen für sich schon einen ersten Eindruck von der Person und ihrer Situation; insgesamt ist dieses Legesystem so aufgebaut, daß es in gewissermaßen drei Durchgängen ein zunehmend genaueres Bild der Lage ergibt.
- Die Vergangenheit ("das liegt unter ihm") - mit dieser Karte beginnt der zweite Durchgang, und zwar in Gestalt einer zeitlichen Abfolge und Entwicklung. Wo kommt der Fragende (bzw. das Problem oder Thema, zu dem gefragt wird) her, was hat sie / ihn / es geformt, zu dem gemacht, was auf Position 1 erscheint? Man wird an dieser Stelle recht allgemein prägende Einflüsse finden, oft auch in einer Form, die Bewußtes und Unbewußtes übergreift und einem deshalb recht fremdartig anmuten kann.
- Die nahe Vergangenheit ("das liegt hinter ihm") - nun, genau das, was diese Bezeichnung sagt: Wie - unter was für Umständen, mit was für Mitteln usw. - konnte sich im Rahmen von Position 3 die gegenwärtige Situation entwickeln? Wir werden hier normalerweise Auskünfte in Hinblick auf Kausalität, Verursachung, suchen, also Antworten auf Fragen nach dem "warum?".
- Das Ziel ("das krönt ihn") - und zwar das Ziel der gegenwärtig betrachteten Entwicklung "wenn alles so weiterginge". Nun kommen sich verschiedene Zeitreihen immer wieder in die Quere, es gibt "Zwischenfälle" und Interferenzen, nichts bildet sich "rein" aus - man wird diese Karte so lesen wie einen augenblicklichen Kompaßstand: Hier also geht der Kurs hin, aber eben nur bis zur nächsten Änderung.
- Die nahe Zukunft ("das liegt vor ihm") - eben dies ist auch der Grund, warum die nahe Zukunft (ebenso wie bei der nahen Vergangenheit bezeichnet 'nah' für gewöhnlich eine Größenordnung von Wochen und Monaten) hinter der "Ziel" genannten Position 5 liegt - sie weist auf den nächsten Schritt in der Zeitreihe, ganz gleich, in welche Richtung er führt. Die Frage ist entsprechend "und nun? worauf sich einrichten?"
- Die momentane Haltung und innere Situation des Fragenden. Hier beginnt ein dritter Durchgang, der stärker auf das Erleben und Empfinden des Fragenden abzielt. Grübelt er? Ist er verwirrt, hoffnungsvoll, in Illusionen befangen? - Wenn es um eine Sache geht, würde man hier etwa fragen, wie sie von den Beteiligten erlebt wird, welche Gefühle an ihr hängen - naturgemäß kommt in diesem Fall diesem dritten Durchgang eine etwas geringere Bedeutung zu.
- Einflüsse - oder vielleicht auch 'Interaktion', "mit wem werde ich mich streiten? wer wird mir helfen? wie wird es dabei zugehen?"
- Wünsche und Ängste - wir haben uns etwas ausgedacht und vorgenommen, haben alles verständig abgewogen, warum haben wir dann so ein komisches Gefühl im Magen, warum schlafen wir seitdem schlecht? Die Karte auf diesem Platz weist hin auf die ganze Breite unserer gefühlsmäßigen Beziehung zur gegenwärtigen Situation und zu dem Weg, der uns durch sie hindurchführt. Die Karte auf dieser Position kann uns vor allem helfen, uns über Ambivalenzen und Zweifel klar zu werden - so wie viele Chancen ihre Risiken haben, viele Fortschritte und Gewinne ihren Preis, so gibt es auch kaum einen Wunsch, bei dem wir nicht auch ein bißchen Angst haben - oft auch eine ganze Menge davon.
- Das Resultat - des ganzen Bildes, die Zusammenfassung der Karten auf den Positionen 1 bis 9 und der Tendenzen, die durch sie bezeichnet werden. ganz gleich, ob einem diese Karte gefällt oder nicht, man wird sich oft genug fragen "wie kann es - aus dem, was in 1 bis 9 vor mir liegt - zu 10 kommen?" - diese Frage verhilft einem dazu, zurückzugehen und seine Situation unter einem neuen, 'verfremdeten' Blickwinkel erneut zu überdenken. Natürlich stellt man sich auch oft genug die Frage "wie kann ichs verhindern?", und man wird dann in der voraufgegangenen Situationsdeutung nach Ansatzpunkten für einen sinnvolle und vielleicht rettende Kursänderung suchen.
Im Überblick sieht also die Interpretation aus dem keltischen Kreuz folgendermaßen aus:
- Die Person (1) in einer bestimmten Situation (2), verstrickt in ein Thema oder mit einem für die Person zentralen Projekt befaßt...
- ...auf einem Entwicklungsweg (3 -6) begriffen, der zwar in jedem Augenblick eine Richtung (5) hat, aber keineswegs unveränderlich, geradlinig oder auch nur stetig zusammenhängend sein muß...
- ...mit einer ganz bestimmten Haltung zu sich und der Welt, bestimmten persönlichen Stärken und Schwächen, in bestimmte Beziehungen eingebunden (8), mit Hoffnungen und Befürchtungen (9)...
- ...das läuft auf ein bestimmtes Resultat (10) hinaus. ("Da haben wir den Salat!")
Ein Vergleich verschiedener Lehrbücher zeigt, daß zwar die Bedeutung der einzelnen Kartenpositionen relativ unstrittig ist, aber wo man die Karten 3 bis 6 auf dem Tisch hinlegt, da gehen die Ansichten weit auseinander. Statt unten beginnend im Uhrzeigersinn kann man natürlich (1) entweder oben beginnen, oder (2) kreuzweise legen (3 oben, 4 unten, 5 links, 6 rechts), oder, oder. Es gibt dafür kein richtig oder falsch, und man kann nur raten, bei der einmal angenommenen Gewohnheit zu bleiben. Mit der Zeit wird die bewußte, denkende Interpretation dann immer mehr zurücktreten gegenüber einem intuitiv erscheinenden, automatisierten Erfassen der Aussage des Kartenbildes. Das gilt natürlich für andere Legesysteme entsprechend - sie haben jeweils ihre spezifische Struktur, die übrigens oft einfacher ist als die hier skizzierte - das keltische Kreuz ist unter anderem ja deshalb so beliebt, weil es ein Maximum von Bedeutung, 'Sinn' mit sparsamen Mitteln ermöglicht. (So eine profane Erwägung? Ach nicht doch, "in der Beschränkung zeigt sich erst..."!)
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