The great WTC massacre

Die Nachricht davon erreichte mich gleich nach dem zweiten Flugzeug per Handy in einer süddeutschen Kleinstadt, da wollte jemand seine Betroffenheit mit mir teilen. Mir fielen dann vor allem erstmal praktische Aspekte ein - Blick zur Tankanzeige: Wie viel Liter Kraftstoff brauche ich bis Berlin? Also bei Auto-Unger noch den letzten Benzinkanister abgegriffen, vollgetankt - daran wird die Weiterführung meines Alltags schon nicht scheitern ... auch daran muss man denken. Trotz aller erstaunlichen Aufhebung des Raums.

Unterwegs die Straßen angenehm leer, im Autoradio eine merkwürdige Form der Trauerkundgebung - "Wir danken unseren Werbekunden dafür, dass sie einverstanden waren, heute keine Werbung auszustrahlen", könnten sie ruhig alle Tage so machen. In dem Buchladen, wo ich auf lokale Neuigkeiten hoffe, auch nur erst Registrieren von Symptomen: "Was da alles jetzt aus der Entbergung kommt", erzählt der Verkäufer dem Telefon und berichtet von Übergriffen auf kopftuchtragende Frauen. Was für eine nette Gelegenheit, der türkischen Oma von nebenan mal eins reinzuwürgen - die Art Landsleute gibt's hier auch. Die linkspolitische Szene tut sich ratlos und deshalb nichts, vorläufig, schade.

Die große Politik und die Medien machen derweil auf Gleichschaltung. Der Springer-Verlag nimmt die deutsch-amerikanische Freundschaft in seine Redaktionsgrundsätze auf, nicht gerade eine Überraschung, hatten doch die USA diesem Verlag ursprünglich mal auf die Beine geholfen, und in Vietnam wurde ja auch schon um Berlin gekämpft. Jetzt veröffentlicht die BZ eine US-Flagge zum Ausschneiden. Einzig ein relativ neuer Pizzaimbiss in einer ruhigen Nebenstraße hängt sich das Teil ins Fenster und bleibt trotzdem überwiegend leer. It's the pizza, stupid, sollte ihnen mal einer sagen. Im engeren Bekanntenkreis auch unerfreuliche Debatten - nicht alle sind alt genug, dass ihnen zum 11. September regelmäßig Santiago einfällt - also nur Streit zur Sache, und dabei läuft man dann in die Meta-Falle. Als sei man jetzt wirklich in "die" Entscheidung gerufen, müsste sich an seine Grundwerte erinnern, sich einordnen und so fort. "Geht fort von meinem Angesichte ... ihr aber meine treuen Knechte ...", immer wieder Probealarm aufs jüngste Gericht.

Nun gut, eine gewisse Sehnsucht nach Gleichschaltung hat wohl jeder, und auf "Buße tun" bin ich auch immer anzusprechen. Darüber hinaus dann auch schlichte Angst zu beobachten - Feigheit, aus der Schusslinie kommen wollen. Da erinnern mich die BZ-Fähnchen an die alte Geschichte aus Ägypten, wo man die Türpfosten mit Blut bestreichen musste. Sonst. Schließlich weiß man ja, was wirklich die Gefahr ist. Auch bei mir macht sich eine gewisse Vorsicht und erhöhte Sorgfalt breit, schließlich werde ich nicht für Bekenntnisse bezahlt.

In Bestätigung der eingeübten Erwartungen erfährt man dann auch von Disziplinarmaßnahmen gegen Lehrer, die sich irgendwie abweichlerisch geäußert haben sollen - bei den ersten, aus dem Freistaat Sachsen, erfährt man nie, was sie denn nun gesagt haben sollen, ich strenge meine Phantasie an nach irgendeiner Aussage, die solche Maßnahmen rechtfertigen könnte, vergebens. Ich kann mir bloß irgend etwas Flapsiges vorstellen, wie "das kommt davon" oder "da haben sie den Salat" - wie man halt so redet, wenn man eigentlich gar nicht darüber reden will und die Schüler fragen aber hartnäckig nach. Einer Bekannten erzähle ich von einem Fall, "ach was, das war garantiert so eine vernagelte PDS-Kuh", sagt sie. Und den Schlechten soll es schlecht gehen, ach ja. Exegese ist riskant (ja, und wann wäre sie das nicht gewesen?) - wieder fast wie in den Zeiten einer klammheimlichen Freude über den Tod von Generalbundesanwalt Siegfried Buback, bloß dass ich niemanden kenne, der sich jetzt gefreut hätte, heimlich oder anderswie. Das haben bloß angeblich etliche US-Medien verlauten lassen, dass man in Europa lachen tät.

Im Internet dann neben einer Flut von Informationen und Gerüchten alle möglichen Pseudo-Argumente und Gewaltphantasien, psychische Abwehrmechanismen zum Abhaken. Zentral das Bedürfnis, aus der Ambivalenz herauszukommen, eine stimmige und eindeutige Erklärung zu besitzen. Mag das auch kosten. Geradezu lehrbuchmäßig. Man muss auch das Heitere dabei beobachten, die Widersprüche, in die sich Leute bringen, gerade auch auf der Rechten, einerseits "dem Gegner ein Schlag versetzt", aber andererseits "so geht's doch nicht". Oder z.B. der Stolz auf deutsche Waffentechnik, und dann sollen Krauss-Maffei und Rheinmetall an General Dynamics verkauft werden. Richtig schlimm; auch die Fahrzeuge und Panzer der Wehrmacht kamen übrigens unter anderem aus Fabriken, die General Motors und Ford gehören. Außerdem ist mir von Samuel Huntington hängen geblieben, der Feind des 21. Jahrhunderts sei ein Teenager mit Kalaschnikow, nicht einer mit hochentwickelter Technik - egal.

Auch nebenbei ein Fundstück, das zeigt, wie richtiges Vorgehen in der Schule aussieht. "Die Klasse 2 [!] hat sich zusammen mit ihrer Klassenlehrerin nach dem 11. September 2001 intensiv mit den Ereignissen in Amerika auseinandergesetzt. Die Kinder schrieben Briefe an die Menschen in Amerika, brachten darin ihre Betroffenheit zum Ausdruck, ihre Ängste und Wünsche, gestalteten gemeinsam einen Tisch, bastelten viele Friedenskraniche, sangen zusammen Lieder, zündeten Kerzen an und beteten für die Menschen in Amerika. ... Im Moment entsteht ein Lied mit dem Titel Prayer for America. Ihre Briefe wurden per e-mail nach Amerika geschickt und sind dort mit großer Dankbarkeit empfangen worden." Unsere Unterstufenlehrerinnen, fleißig wie die Bienchen. Lehrer sollen ja auch Vorbild sein. - Ich kriege das nicht mit meiner Lebenserfahrung zusammen - freilich, womit vergleichen? Mauerbau und Kubakrise ("Hoffentlich geht es jetzt los!" wünschte sich ein Nachbar) fielen in Ferienzeiten, und mehr war in meiner Grundschulzeit nicht los. Und Angst zu haben war irgendwie selbstverständlich.

Man gewöhnt sich an die Bilder, verliert den Tatort aus dem Blickfeld. Aus esoterischer Quelle höre ich, es gebe da "special Angelic forces", die bei derartigen Katastrophen helfen würden. Und wir sollten uns nicht aufregen, die Welt sei nun einmal gefährlich. Letzteres sicher richtig, und das andere würde man gern glauben. Materiell jedenfalls ist für die Hinterbliebenen ebenfalls gesorgt, sehr gut sogar. Natürlich ist es nicht mehr so wie vorher, aber die Aufmerksamkeit ermüdet.

Irgendwann schicken dann die USA wirklich Truppen los; zu Besuch bei jemandem mit Fernsehgerät sehe ich ein Interview mit einer jungen Frau aus dem Marine Corps. "Es ist schließlich unsere Aufgabe, das Land zu verteidigen", sagt sie und zuckt mit den Schultern. "Jetzt sind wir eben dran und jetzt machen wir das auch." Was soll sie auch sonst sagen? Nein, halt, man hat Soldaten auch schon viel begeisterter losziehen sehen. Die Nüchternheit kann einem gefallen, und tolle hellblaue Augen hat sie auch. Und offensichtlich nichts Besseres zu tun, schade.

In einer Erzählung von Gerhard Ortinau heißt es: "Du bist in einer sehr lehrreichen Situation, Maria, nun lerne". Maria ist nämlich ledig und schwanger, und ihr Vater hat sie gerade halb tot geprügelt deswegen, und der Autor sagt uns dann auch nicht, wie es mit ihr weitergeht. Passt nicht so richtig, man könnte eher an eine Prüfung denken, wo sich zeigt, was wir alles nie gelernt oder wieder vergessen haben. Stichwort "Weltbürgerkrieg", die hässliche Rückseite des früher mal beliebten Worts "Weltrevolution", und dass es keine Zivilisten mehr gibt. Dito, dass es keinen Frieden gibt, sondern nur Eskalationsstufen und bestenfalls Waffenstillstände. Von denen offenbar gerade wieder einer gebrochen wurde. Alter Streitpunkt: "Was heißt friedliche Koexistenz?", hat das was mit Frieden zu tun oder mit der Einhegung eines unvermeidlichen Gegensatzes, der sonst jederzeit zu offenem Krieg führen würde? Nein, nichts davon erinnerlich, auch nichts davon, was das mit der Moralisierung der Kriegsführung zu tun hat, damit, dass man den bösen Feind unbedingt töten muss. Nun ja, wir können das Thema ja jetzt noch einmal durchnehmen ... vielleicht bleibt dann etwas mehr hängen.

Bei älteren Mitbürgern mobilisieren die Ereignisse immerhin die Erinnerung an die Bombardements des zweiten Weltkriegs. "Früher hat man wegen ein paar Zivilisten auch kein Geschrei gemacht", sagt ein Bekannter und fühlt sich einmal mehr als Verlierer. Alles nur eine Frage wechselnder ideologischer Kontexte, denn es stimmt ja, die Entgrenzung des Krieges hatte ja schon im ersten Weltkrieg begonnen - was war da eigentlich passiert? Waren da die Erfahrungen und Prinzipien der Kolonialkriege nach Europa zurückgekehrt? - und den zweiten hatte man ja ganz offiziell als "totalen Krieg" ausgerufen. Und so sind die Kriege nun alle, qualitativ gibt es wenig Neues festzustellen (sicher, die nachhaltige Verseuchung ganzer Landstriche durch chemische Mittel, Landminen und Uranmunition, die ist uns noch erspart geblieben). "Lieber einen Russen auf dem Bauch als den Amerikaner überm Dach" - Berliner Sprichwort aus schlechten Zeiten, nicht von ungefähr, und wenn man den Russen mit dem Wort chleb kam, dann versuchten sie auch öfters mal, welches aufzutreiben.

Hatte also übrigens George W. Bush Recht mit der Behauptung, es habe sich um einen kriegerischen Akt gegen die USA gehandelt? Zweifellos. Die Frage allerdings, wer der Feind dabei war; der Nationalstaat Afghanistan (ja, ja, keine netten Menschen dort an der Regierung) war es ebenso sicher nicht. Deswegen war und ist es auch richtig, für Frieden einzutreten, für Schadensbegrenzung. Was immer das nützt. Geht man also im Regen durch Berlin-Mitte spazieren, es herrscht Mangel an Sprechchören, nicht hingegen an Erklärungen und Verlautbarungen. Bemerkenswert, dass linke Demonstranten nicht nur das Stichwort Hiroshima, sondern auch Dresden und Hamburg auf ihre Schilder geschrieben haben; das erinnert mich an einen gewissen Antifaschisten aus Hamburg, der seine Postings im Usenet mit der Aufforderung "Harris, tu es wieder!" zu verzieren pflegte. Auch die Linke hat inkompatible Projekte, und schicke Geschmacklosigkeit hat wirkliche Folgen. Und ein für alle Mal: Es ist nicht die Aufgabe der Linken, "antifaschistisch" zu sein und sich mit Rechten zu schlagen, jedenfalls nicht hier, nicht jetzt. Da lacht sich sonst jemand ins Fäustchen.

Was immer sowas nützt - natürlich nicht in Washington, aber in Berlin. Eine gewisse Ernüchterung an der Heimatfront haben diese Demonstrationen schon bewirkt, und das ist wertvoll. Man braucht kein Sternenbanner rauszuhängen und die Polizei kommt trotzdem nicht. Man kann auch etwas entspannter nachdenken und urteilen. Die Frage nach dem Feind ist immer noch nicht überzeugend beantwortet, aber Afghanistan stand sowieso auf der Tagesordnung, so hört man inzwischen.

Da steht also ein höchst eindrucksvolles Faktum in der Welt wie auf dem Sperrmüll, keiner will es wirklich haben, also versuchen wir doch mal, es uns zuzueignen ... für das, was immer schon unsere Meinung und unsere Absicht war. Derartige Versuche hatte man inzwischen in reicher Auswahl, und man kann sie jetzt etwas genauer in Augenschein nehmen, nach Gehalt, Methode und taktischer Klugheit. Nicht immer viel davon zu bemerken. Im Gegenteil, da war vieles nur dreist, manches eher dumm (denken wir an Horst Mahler) und manches auch unsterblich blamabel (denken wir an Henryk Broder).

Mögen solche Äußerungen in ihrem jeweiligen Rahmen und in Hinblick auf ihr Zielpublikum taktische Relevanz gehabt haben wie sie wollen - nun ja, wer sich eine Suppe kocht, muss sie auch auslöffeln; ich wünsche Guten Appetit und mag nichts von abhaben. Und mit den Tatsächlichkeiten des weiteren Verlaufs standen sie in eher losem Zusammenhang, soweit überhaupt. "'S ist leider Krieg, oh Gottes Engel wehre, und rede du darein! 'S ist leider Krieg, und ich begehre, nicht schuld daran zu sein ..." - wenn nämlich schon nichts daran zu machen ist; besser als Matthias Claudius sind wir hier offenbar nicht dran. Was mich übrigens erinnert, dass ich die Stellungnahmen der Kirchen in den Medien vermisse, so unverbindlich und politiklos waren die nämlich gar nicht. "Gefühle der Vergeltung und Rache sind keine guten Ratgeber" - "Terrorismus ist mit Krieg nicht zu besiegen" - "Erklärung zu den Anforderungen der USA im Blick auf die Bereitstellung von Bundeswehreinheiten". Im Rahmen ihrer Fähigkeit - es gibt die Erblast der Tradition, die den Fürsten "gerechte Kriege" zugesteht (wie immer die heute noch aussehn könnten) - schlagen sich die Kirchen gar nicht so übel. Interessant, dass man sich das erst im Netz ausbuddeln muss.

Inzwischen haben die Ereignisse wieder eine gewisse Absehbarkeit zurückgewonnen - seitens der Regierungen, der politischen Parteien und so weiter. Auch daraus sind allerhand Lehren und Folgerungen zu ziehen. Die Normalität ist die Katastrophe, haben wir gelernt, aber auch sie liebt es, sich zu verbergen. Bereiten wir also im Aufschub unsere nächsten Fehler vor.


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