Warum nicht

Schickt mir so ein Schelm doch eine Mail: Warum hier so wenig stehen würde? Na gut, weil.

Zum Teil, weil das Jahr 2002 für mich privat nicht ohne war. Anfang des Jahres ist mein Vater gestorben, in der Folge gab es einen übervollen, erinnerungsgesättigten Haushalt aufzulösen. Da ich mich sowieso für länger von Berlin beurlauben musste, dachte ich ernsthaft darüber nach, mich wieder im Südwesten anzusiedeln – liegt schon ein Segen drauf. Einmal bin ich über Metzingen und Urach nach Oberlenningen jemanden besuchen gefahren, da kam mir die Welt wieder groß vor. Zugegeben, in Anklam kriege ich das Gefühl auch. Aber.
Zurückgekehrt wurde die Arbeit nicht weniger; aus im Nachhinein nur zu einsichtigen Gründen beschloss ein mir sehr wichtiger, langjähriger Freund, mich zum Bekannten zu reklassifizieren, jetzt wechseln wir gelegentlich höfliche mails. Unerfreulich, aber das Leben ist nun einmal voller Lernchancen. – Anfang dieses Jahres kam eine mail von einem ungültigen Absender, Betreff "Re: Stolz", Inhalt "Vielen Dank", also was immer ich da angestellt habe: Gern geschehen, Stolz ist zwar ein Laster, aber er fährt auch was weg. Und damit lasse ich das mit dem Privaten auch gleich wieder sein.

Ein anderer Teil der Begründung bestände darin, dass ich relativ viel in diversen Foren geschrieben habe, als ich und als andere, wie sich's gehört, was mit überraschendem Zeitaufwand verbunden war und mit entsetzlich viel Wiederholung, nicht alles ist schließlich mit kopieren und einfügen getan. Schönes Medium das Internet, schöne virtuelle Stammtische, aber die realen haben doch deutliche Vorzüge. Und viel mehr Antworten als Fragen haben die Leute überall, und immer dieselben.

Ich lasse das inzwischen weit gehend, und auch noch aus einem zusätzlichen Grund. Weil ich nämlich zunehmend schmutzige Gedanken habe, keine Sorge, kein Sex, sondern so welche, gegen die es Paragraphen gibt, unter der Deckung der RAF-Anschläge und der folgenden Hysterie gegen die linke und ökologische Bewegung geschaffen oder verschärft und heute natürlich für deren Erben ganz unverzichtbar geworden – 129, 130 gar, von Beleidigung und grobem Unfug gar nicht erst zu reden. Na und – diese Gedanken sind so offensichtlich, dass eigentlich jede/r sie haben müsste, Alice Schwarzer und Josef Fischer vielleicht ausgenommen ... warum also darüber schreiben? Irgendwie glaube ich unausrottbar an den consensus omnium bonorum, und wenn nicht jetzt, dann bestimmt nach dem Krieg.

Bleiben also die alltäglichen kleinen Ärgernisse übrig, wo man am Abend was gelesen hat und morgens, noch vor dem Kaffee, möchte man was dagegen schreiben. Andererseits mag ich ja auch nicht beliebigen Unfug aufspießen, es gibt überall genug davon – Beispiele gefällig?

Für den gesamten Ideologiebetrieb gilt offenbar: Sie zappeln und schreien verschärft, gewissermaßen endzeitlich. "Zappelten noch ein wenig mit den Füßen, aber nicht lange" – hoffen wir mal.

Und ich, also ich hab mir beim Trödler ein Buch über Depression gekauft. Nicht, wie man angeblich rauskommt will ich wissen, sondern wie man sie optimiert und genießen lernt. Noch Fragen?


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