sind ziemlich vielgestaltig. Natürlich die multikulturelle, wohlausgesuchte Besatzung, nicht ohne erstaunliche Peinlichkeiten. Jetzt hat Tuvok gerade schon wieder seine Zustände gehabt, hätts nicht auch schon ein paar Folgen früher sein können, als Tank Girl Noss zur Hand war? Aber er ist ja verheiratet. Und könnte es nicht irgendwas anders sein als immer nur das eine? Also dass er sich z.B. in die vulkanische Version eines Werwolfs verwandelt, dafür alle 113 Tage? Oder einfach Anfälle von Abenteuerlust bekommt? - Bei Perry Rhodan seinerzeiten hatten sie ein Kraftpaket namens Icho Tolot rekrutiert, sechs Beine und Figur wie ein Kampfpanzer, und immer, wenn er gebraucht wurde, hatte er grade große innere Unruhe und brauchte eine so genannte Drangwäsche. Schönes Wort, könnten wohl mehr Leute brauchen.
Und Neelix, und der Doktor, und ... also ich versteh ja nicht richtig, warum sie aus dem Deltaquadranten fortwollen, wartet ja nur Ärger auf sie zu Hause, aber warum sie die Serie satt haben, das kann man nur zu gut begreifen.
Aber die Frauen - was werd ich die Frauen vergessen. Is doch Trek por le donne, die ganze Serie? Natürlich. Alle mal so übellaunig wie Belana Torres sein wollen, nicht wahr? Böses Mädchen, hätt Ute Ehrhardt garantiert ihre helle Freude dran. Aber gleichzeitig klingonische Frauenromane schmökern, "Kriegerinnen am Blutfluss". Sollte mal jemand schreiben, ehrlich, und nicht auf Klingonisch, sondern so, dass man weiß, was Sache ist. Kann man ja immer noch übersetzen. - Mutter Janeway ist die Bestie, bloß keinen weiteren Gedanken verschwenden, sobald sie in Erdnähe kommen, geht sie garantiert auf dem Holodeck verschütt und macht Kinder mit diesem Michael Wie-hieß-er-doch-noch-gleich. Die werden dann halbphotonisch, wie es sich gehört, und mit der Technologie des 31. Jahrhunderts dürfen sie jede Nacht bis zum ersten Sonnenstahl frei rumlaufen. Oder sie finden einen Planeten, wo sie alle so sind - kein Problem, gibt ja Auswahl.
Überhaupt Holodeck, wie oft kann man Sachen reflektieren, bis sie nur noch Gähnen hervorrufen? Diese Selbstdarstellung von Entertainment verspricht eine Interaktivität, die das Medium nicht halten kann. Ihr gingen nämlich dadurch zunehmend die Inhalte verloren (die Fans schreiben die Storylines, die Autoren formulieren es nur noch als Drehbuch aus). Wäre ja eine Option - gewesen - an Material hat es nicht gefehlt, bloß getraut hat sich keiner.
Bleibt das problematische Wunderkind 7/9, um das sich die Serie ja mehr oder weniger zentriert hat. Vorab und zur Entschuldigung: Jeri Ryan kann nix dafür, sie gibt sich auch richtig toll Mühe - ist ja auch noch jung und möchte noch mal woanders auftreten. Nix für ungut, und sie ist ja auch richtig schön, vor allem in der Szene in Equinox, wo sie sich in so was Ähnliches wie einen Piranha morpht. Ist bloß, was die Screenwriter mit ihrer Rolle anstellen, schreiend könnte man davonlaufen.
Lassen wirs auf der Zunge zergehen. Sie war mal ein richtiger Mensch, ein nettes kleines Mädchen, strebsam, fleißig, lieb und hoffnungsfroh. Wie Naomi (wo ist die geblieben? muss wohl zur Schule, ist auch besser) Weinman (und ein paar Nanosonden auf der Backe hatten der auch schon gut gestanden). Dann ist sie von den bösen Borg gefangengenommen und assimiliert worden. Da war sie dann nur noch unglaublich tüchtig, bis ihr die Voyagers den Stecker gezogen und sie auf ihr Schiff geholt haben. Da musste sie dann re-individualisiert (abgehakt, inzwischen; zu beachten, dass nach dieser Psychologie Individualität sich als Emotion bewährt) und auch re-genderisiert werden (damit auch das klappt, hat sie ja schon Pflegekinder bekommen und kriegt sie zur Krönung auch noch Robert Beltran auf den Bauch gebunden).
Also eigentlich ein Therapie- und Umerziehungsspektakel? Grundsätzlich ja, kommt allerdings noch eine Menge dazu. Und bevor man das für komplett aus der Welt hält sei auch versichert, dass es das gibt, dass so was richtig vorkommt. Der Psychiater Ronald Laing erinnert sich in seinen Memoiren an eine Patientin, ein fünfzehnjähriges Mädel mit einer schweren Hirnverletzung, die acht Monate lang auf seiner Station lag und die sie schließlich einigermaßen geheilt wieder ins Leben schicken konnten. Als sie sechs Wochen nach dem Unfall wieder zu sich kam, konnte sie zwar bald wieder sprechen. Aber wer sie war und alles, was da so dazugehört, was es zu wissen gibt, wenn man 1955 in Schottland eine Fünfzehnjährige ist, davon wusste sie nichts mehr. Rein gar nichts, bei ihrem Namen angefangen. Macht nichts, die Schwestern und ein bisschen auch der Arzt habens ihr beigebracht. Sozusagen eine neue Persönlichkeit als Vollprothese, unvermeidlich ein gutes Stück anders, als ihre Eltern und ihre Geschwister und Freundinnen sie in Erinnerung hatten, aber nett und sympathisch und gut für nochmal fünfzig Jahre Leben oder mehr. Korrekte medizinische Leistung, soll keiner Zombie sagen, sie entwickelte durchaus ihren eigenen Willen, den gabs auch dazu. - Laing erzählt das besser, man kann es ruhig nachlesen [Wisdom, Madness and Folly, 1985, 119-124], eine Gänsehaut kriegt man dabei. Und was es denn dann eigentlich mit der Seele auf sich hat, das fragt man sich ja aber auch sonst öfter.
Bei Voyager ist das keine Frage, dazu wird die Seele viel zu sehr gebraucht. Ein wahres Selbst, ein göttlicher Funke, und was 7/9 angeht, einfach nicht unterzukriegen, auch wenn ihr wahres Leben in der Traumzeit von Unimatrix Zero stattfand. (Wir erinnern uns beiläufig, dass dort nur eine kleine Minderheit der Drohnen Zugang hatte - Auserwählte eben - Limited Atonement, Irresistible Grace, Perseverance of the Saints, wir sind doch in Amerika, dem Land von Calvin und Hobbes.) So wird denn ihre Verwandlung von der Borgdrohne zur Menschenfrau nicht eine totale Neukonstruktion, sondern eine Entdeckungsreise, bei der sie bestenfalls etwas Hilfestellung benötigt. Konstruktivistische Psychologie - dass wir "in uns" schaffen, was wir "in uns" suchen, eben indem wir es suchen - das wäre hier zu intellel gewesen, keine Substanz dran.
Das mit der Substanz ist ja auch der Grund, warum die Borg böse sind. Nämlich genau die Seele, der göttliche Funken (reden die Amis doch auch gerne davon, als wären sie bei Rabbi Jitzhak Luria in die Schule gegangen), der bleibt bei der Assimilation außen vor, wird bei den normalen, nichterwählten Individuen einfach ausgepustet wie ein Streichholz. Übel, höchst übel; dass sie auch noch aufgesägt (dem Gräusch nach zu schließen) und mit Nanotech garniert werden, das macht fast beinah gar nichts im Vergleich. Rehabilitationsprognose infaust, braucht man sich nichts vorzumachen.
Aber warum ist das Thema so wichtig? Wer sind die Borg? Vor soundsoviel Jahren oder Jahrzehnten wäre die Antwort einfach gewesen: Die Borg sind die Kommunisten, wer redet denn sonst schon vom Kollektiv. Überhaupt totalitäre Herrschaftsformen; was man so alles mit Massen machen kann, wenn man es versteht, sie gleichzuschalten und auszurichten, das hat die Zeitgenossen der zentralen Ereignisse des 20. Jahrhunderts doch nachhaltig beeindruckt und allerlei Mythen freigesetzt - 1984 ist dann sozusagen die intelligente Zusammenfassung davon. Zwei Nummern kleiner aber vielleicht mit mehr Breitenwirkung in Jack Williamsons Wing 4 (The Humanoids) von 1962 aufgekocht, "rhodomagnetische Gehirne" überwachen und steuern da alles menschliche Bewusstsein, ganz so, wie es heute Mind Control mal mit, mal ohne Implantate gibt, definitiv als Glaubenstatsache, und vom Rest weiß ich natürlich nichts. (Und im nächsten Jahrhundert begreifen wir dann die Sache mit Panik und Hysterie in Selbstorganisation? Ohne dass einer dran gedreht hat, bloß weil alles so absurd ist? Vielleicht.)
Ein widerliches Buch, das von Williamson, trotzdem fast erholsam im Vergleich zu Star Trek. Als SF noch ein verächtliches Hobby für pubertierende Jungens war und niemand sie ernsthaft angucken mochte, da konnte diese Literaturgattung noch blitzsaubere Zeitbilder liefern, nahrhaft auf Jahrzehnte hinaus. Sogar eine richtig große religiöse Gemeinschaft konnte man auf dieser Grundlage aufziehen. Natürlich gab es immer Dummheiten genug, aber das verteilte sich schon irgendwie auf die Masse Papier. Erst als das offizielle, mainstreamige Bewusstsein sich darauf stürzte, anfing zu interpretieren, zu intellelisieren und zu assimilieren, da ging es denn bergab. Pfft, die Sache mit dem Streichholz. Schon Gibson träumt nicht mehr, er holt sich seine Ideen aus der Zeitung, nix für ungut, macht immer noch Spaß. Moderne SF-Autoren denken denn auch ernsthaft und moralbewusst über ihre gesellschaftliche Verantwortung nach, zumal in Deutschland - ist ja manchmal richtig schade drum, denn schreiben könnten sie gelegentlich schon. Zu dem, was bei solcher kritischer Selbstbeobachtung hinten herauskommt, fällt einem jedoch nur Hamlet ein - "so macht Bewusstsein Deppen aus uns allen / und Unternehmen voller Schwung und Tatkraft / fallen pflatschend auf den Bauch". Jawohl, das tun sie.
Und wir gucken Voyager und wundern uns, wer die Borg sind. Denn die Roten gibt's ja so nicht mehr, und auch die blauen Ameisen aus Kina, Kina, Kina (ich sage nur: Kurt-Georg Kiesinger) haben als Klischee ausgedient. Alle solche Agitation für Individualität (mit Maß und mit Ziel) übrigens parallel dazu, dass eine ganze Reihe konservativer Intellektueller sich ernsthaft fragte, ob nicht der Ameisenstaat ein nachahmenswertes Vorbild für die menschliche Gesellschaft abgäbe. Selbst Rudolf Steiner, der nie über eine direkte menschliche Anwendung nachgedacht hat, war schwer beeindruckt von der kollektiven Intelligenz und sonstigen Seelenkräften der Insektenvölker. Also warum die Borg? Die Vermutung, es handele sich einfach um die Frauen ("die Frauen, das ist das Klanswesen" - Wolfgang Döbereiner), mit ihren "verbundenen Denken" und der spezifischen Beziehungsmoral (Carol Gilligan), die legen wir ganz schnell beiseite, so plausibel sie auch wirkt, sie sind sich ja sowieso alle viel ähnlicher. Doch hier sind es ja eben Frauen, die ihnen kontrastiv gegenübergestellt werden.
Nehmen wir also die Borg einfach als kulturelles Überbleibsel, und irgendeinen Feind braucht es ja, was täte man ohne. Der Druck, sich zu individualisieren, "sich anzupassen, indem man sich nicht anpasst" (Adorno) lastet ja auf allen, gibt immer ein schönes Thema her, warum nicht. Trotzdem wird man den Gender-Aspekt nicht los. Warum ist die Erde was Besonderes? Weil sie einen Schatz enthält, sagt die hinduistische Tradition. Die Sonne nicht, der Mars nicht, aber die Erde, die enthält einen Schatz. Warum ist es für eine Frau wichtiger als für einen Mann, Individuum und etwas Besonderes zu sein? Weil der Schatz, den sie enthalt, ihr spezifisches, unersetzliches Arbeitsvermögen der Fortpflanzung, enger mit allen anderen Aspekten der Person verbunden ist, gleichzeitig, durch seine natürliche Begrenztheit, auch sehr viel stärker in der Gefahr ist, kompromittiert zu werden. Als sich die Sache mit den Genen noch nicht so herumgesprochen hatte und frau sich noch an Mensch und Tier vergucken konnte (womöglich mit bleibender Wirkung), da ging das allerdings noch in ganz andere Größenordnungen.
Um dieses spezifischen Arbeitsvermögens willen lohnt sich im Zweifelsfalle auch die Assimilation. Also bei den Borg ist das egal, die sind ja quasi Triebtäter, von wegen Widerstand ist zwecklos und so fort. Warum können sie nicht das Wissen der verschiedenen Spezies einfach sampeln und ansonsten aus irgendeinem soliden Material klonen oder bauen, was sie an Arbeitskräften brauchen? Weil sie dann nett wie Rhodans Posbis wären, nicht die Inkarnation des Bösen, kein alles verschlingendes Loch im Universum. Aber vernünftiger und effektiver wärs doch schon, oder? Und wir leben ja in einer ziemlich vernünftigen Welt, also ganz egal zum Beispiel, wo ich hingehe, ob zur Bundeswehr oder ins Kloster, sagen sie mir also: "Sie werden nicht assimiliert werden! Das könnte ihnen ja so passen!" - Vielleicht empfiehlt man mir, zu Burger King zu gehen - now hiring losers, $6 an hour - und wenn ich Pech habe, komm ich auch zu Leuten, die sagen "Sie werden verschrottet werden, Sie haben ja noch zwei Nieren" - aber assimiliert? Könnte ja jeder kommen. Während Frauen, vor allem wenn sie noch keinen Mann erkannt haben [vgl. die Bibel, Num. 31,18], da sieht das schon anders aus.
Entsprechend gilt ihnen dann Subjektivität nicht als Schuld, Mangel, Panne, sondern als ein Gut, das verteidigt werden muss, gerade, weil das Gegenteil auch vorstellbar wäre. Die Phantasie einer Erleuchtung als Verschwinden, als Auflösung im Allgemeinen hat da eine andere Polarisierung, als sie sie für Männer hat, eben, weil ihr nicht von vornherein offensichtliche Hindernisse entgegenstehen. Nicht von Ungefähr sind über 80% der Masochisten männlich. Deswegen wird man nicht das Versprechen von Macht vergessen, das in einer Phantasie der Verallgemeinerung steckt - der vollendete Konformismus als die absolute Macht. "Wer überwindet, wird das All erben." Na klar. Natürlich klappt es nicht, doch auch daraus kann man etwas machen: eine Selbst-Vergewisserung. Ich hab' mich, ah! Ich hab' mich!
Und wo sind wir jetzt hingekommen? Nun ja, es war doch der Deltaquadrant. Und Widerstand ist beinahe egal. Da sind wir nun. Wollen Sie immer noch nach Hause?
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