The mid-size Erfurt massacre

Was überrascht, sind nicht die Fakten: Ist eben passiert. Es passiert ja auch sonst viel. Den Hinterbliebenen Beileid, den Überlebenden etwas zu erzählen, und ansonsten sind Stellen freigeworden. Schön für irgend jemand.

Was überrascht, ist die Verarbeitung. Der Verstand mag keine Unterbrechungen seines Vorstellungskontinuums, keine "sinnlosen Opfer", er braucht einen Sinn, und er wird sich durch alle verfügbaren Schemata hindurchquälen, um seine Ordnungen zu bewahren. Jemand oder etwas muss schuld sein. Und wer irgendeinen Gestaltungsehrgeiz hat (oder kraft Amtes so tun muss als ob), der wird auch nach Nutzanwendungen Ausschau halten.

Also hat man da einen milden Bußruf - "wir müssen einander achten" (Rau), eine Verurteilung von "gewaltdarstellenden Medien aller Art" (Schröder) - also der üblichen Verdächtigen. Andererseits eine Epiphanie von Volksgemeinschaft (Vogel) - "Es gibt mehr Gemeinsamkeit und Gemeinsinn in unserem Volk, als wir es noch vor einer Woche für möglich gehalten hätten." - Tja, seinen Mangel an Phantasie hat jeder selbst zu vertreten. Man weiß aber auch, dass solche unbestimmte und folgenlose Erweckung in Wochen, wenn nicht Tagen wieder abklingt.

Die Berichterstattung, an die man beim Stichwort "gewaltdarstellende Medien aller Art" ja unweigerlich zuerst denkt, mag man vielleicht noch am wenigsten beanstanden. Von ihr zu verlangen, sie solle einen Zaun um die Wirklichkeit bauen, wäre schon ein wenig dummdreist. Sonst waren es ja Esoteriker der Fraktion der positiven Denker wie der SF-Autor und Werbetexter Thomas Mielke, die von Zeitungen träumten, die nur gute Nachrichten enthalten.

Im Zweifelsfall kann man ein solches Ereignis immer als Ablenkung diagnostizieren. Wovon denn? Egal: Vom jeweiligen Lieblingsthema. Oder handelte es sich vielleicht sowieso um Eventmarketing, veranstaltet, um ... zu? Auch aus abweichender Sicht hat man seine üblichen Verdächtigen, in Washington, Jerusalem und Berlin. Nehmen wir als Beispiel nur das Thema, bei dem ein Zusammenhang quasi unvermeidlich geworden ist, nämlich die Verschärfung der Waffengesetze. "Das deutsche Volk", so heißt es, "soll entwaffnet werden, damit es sich alles gefallen lassen muss." (Und die Union wollte den Leuten doch noch ihre Waffen lassen, aber unter dem Druck der Ereignisse ...) Nur war es im Schnitt nie bewaffnet - was professionelle Kriminalität nicht weiter beeinträchtigt hat - und für die (vorwiegend) Eifersuchtstaten, deren Chronik man allmonatlich in Emma findet, reichen die soliden und preisgünstigen Küchenmesser von ALDI vollkommen aus. Und was sich etwa das Volk der USA trotz seines right to bear arms alles gefallen lässt, das wissen wir doch auch. A. E. van Vogt hat sich mit seinen Waffenhändlern von Isher da einfach patriotisch verspekuliert.

Weniger lächerlich und durchaus auf reale Wirkungen angelegt ist zweifellos die Verwertung des Ereignisses zwecks Plausibilisierung von Zensurmaßnahmen. Einmal mehr: Man kann nichts machen, muss aber so tun als ob, dann tut man doch, was man sowieso wollte. Computerspiele und sonstige Medien mit und überhaupt das ganze Internet ist den bösen Kindern und jugendlichen jedes Alters ja nur gefiltert zumutbar. Nebenher rettet man die Zensurinstanzen wieder einmal vor der Lächerlichkeit.

Sollte man das einfach "Trauerarbeit" nennen? Nun ja, insofern diese Bemühungen darauf abzielen, das Ereignis hinter den Interpretationen verschwinden zu lassen; die Interpretationen kann man dann als "erledigt" ablegen. Fraglich höchstens, ob von Trauer bei den meisten Menschen, die eben durch die Medien von dem Ereignis erfahren haben, überhaupt die Rede sein konnte. Eher eben von einer Störung in der Phantasie eines normalen Alltags, durch die überhaupt erst sichtbar wird, dass die "Normalität" eine Phantasie ist, eine zu verantwortende Konstruktion, einschließlich ihrer perversen Züge. Trotz aller schönen Überlegungen zu Trauern und Melancholie [Beispiel] und eines reichlichen Angebots an Metaphern fehlen hier Begriffe.

P.S.: Wenn man es ohne einen Sinn gar nicht aushält, könnte man die alte christliche Interpretation als "Gerichte" in Erwägung ziehen. Sie füllt den Mangel nur, indem sie sogleich auf uns zurückverweist. Es ist angerichtet - und auch wir haben mal mit umgerührt. Sollten wir also einmal Teil eines solchen Ereignisses werden, geschieht uns immer recht. Was denn sonst.


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