Eine Kerze für den Sendermann

In den Jahren 1972 bis 1975 hatte Westberlin eine besondere Attraktion zu bieten: Jemand beschriftete Dutzende von Gebäuden mit zum Teil sehr großflächigen Mitteilungen, die alle mehr oder weniger dem folgenden Schema entsprachen:

Folter mit Sendern! Die Berliner werden mit Sendern gefoltert ... der BND und die CIA sind mit dabei ...

- und häufig war der Text noch viel länger und ausführlicher, aber mein Gedächtnis versagt.

Man muss sich vor Augen halten, dass dies lange vor der Zeit geschah, als sowieso alle freien Flächen beschriftet wurden, es hatte noch einen beträchtlichen Kontrastwert. Man kam gewissermaßen nicht umhin, es zur Kenntnis zu nehmen. Und es hatte zwei zukunftsweisende Inhalte: erstens die Anklage gegen ein technologisch gegen die Allgemeinheit verübtes Verbrechen, zweitens allgemein den Topos der Verschwörung, des unheimlichen Wirkens der Geheimdienste. Letzteres sicher nicht neu, aber ungewohnt es derartig öffentlich verkündet zu finden. Aber natürlich: Es war auch komplett aus der Welt, aus der jedenfalls, in der sich die meisten Leute aufhielten.

Fälschung

Uns, die sich als Linke unterschiedlicher Schattierung damals als "die politisch aktiven Kräfte" der Stadt fühlten, war die Sache nichts als peinlich. "Ein Verrückter" (wir waren ja damals alle Amateurpsychologen, und immerhin: so viel Arbeit, wie sich der Sendermann gemacht hat, das könnte immer für das Adjektiv "manisch" ausreichen). Außerdem reagierten wir auf seinen Verschwörungstopos mit einer Gegen-Verschwörungstheorie: Um alle diese Inschriften anzubringen, konnte es doch nicht ausreichen, einfach schnell und geschickt zu sein; nein, man musste doch sicherlich auch mit der Polizei unter einer Decke stecken. Schließlich wurde unsereins ja oft schon nach den ersten Pinselstrichen erwischt ... - Variante A: Die Bullen lassen den Sendermann einfach machen, weil das diskreditiert alle Inschriften, auch die wahrhaft revolutionären Parolen; Variante B: Das Projekt Sendermann ist selbst in Wirklichkeit eine Geheimdienstaktion, zu genau eben demselben Zweck. (Was wir den Schlapphüten alles zutrauten! Aber es wertete ja auch unsere Aktionen oder vielmehr Absichtserklärungen auf.)

Im Februar 1975 schließlich vergriff sich der Sendermann am Gebäude der philologischen Seminare der freien Universität, der sogenannten Rostlaube - einem Gebäude, das sich linke Studenten in phantastischer Weise als "Heimat" und "eigenes Territorium" zugeeignet hatten. Noch am selben Tag, nachdem uns morgens das "Folter mit Sendern" empfangen hatte, kam es zu einer Beratung: Nicht bei uns; das Zeug muss weg, wir müssen es durch etwas Richtiges ersetzen. Machen wir. Gleich nächsten Samstag; sofort Geld sammeln für Farbe und Pinsel. Gesagt, getan; am folgenden Samstag versammelten sich gegen elf ca. 200 Leute zu einem regelrechten Exorzismus, Farbe und Werkzeug waren beschafft worden, durch Akklamation wurden Schriftmaler bestimmt, erst wurde weiß übergestrichen, dann neu beschriftet: Sieg im Volkskrieg! Solidarität mit dem kämpfenden vietnamesischen Volk! - und einen roten Stern gab es auch noch. Diese Aktion blieb natürlich nicht unbemerkt - sollte sie ja auch gar nicht, sie entsprach schließlich gesundem, gerechtem Empfinden - die Polizei kam kurz vor den letzten Pinselstrichen und stellte trotz empörten Sprechchören Personalien mindestens eines der Ausführenden fest. Heroes just for a day.

Die neue Beschriftung blieb nur wenige Monate erhalten; sie erwies sich ja auch als wenig zukunftssicher, und die Solidarität mit dem gebeutelten und mühsam wieder aufbauenden vietnamesischen Volk überließen wir auch gerne anderen.

Irgendwann im Sommer oder Herbst 1975 hörten die Inschriften des Sendermanns auf, "jetzt ham'sen endlich weggefangen", sagte das Gerücht. Im selben Jahr brachte die Zeitschrift Volksphoto einen Bericht über seine Inschriften, wenigstens den spinnerten Künstlern von der HdK (wo die Zeitschrift gemacht wurde) war aufgegangen, dass sich hier etwas Besonderes und Merkwürdiges zugetragen hatte, etwas, was sich zumindest durchaus auch als künstlerische Aktion verstehen und würdigen ließ. Eine rabiate und konsequente Aneignung von öffentlicher Aufmerksamkeit für ein Thema, das zwar seine Anschlussstellen an den Zeitgeist hatte, gleichzeitig aber seinen rechtgläubigen und rechtgläubig-oppositionellen Diskursen gegenüber wie eine Ohrfeige wirkte. Im Gegensatz zu der Mehrzahl anderer Mitteilungen auf Häuserwänden auch ausgesprochen alterungsbeständig in seiner Provokation.

Ein Thema, dessen Zeit noch nicht gekommen war? Vielleicht. Ich wurde in den folgenden Jahren immer mal wieder an den Sendermann und seine Kampagne erinnert - zuerst angesichts der Fortschritte der Vernetzung: Erst Walkmänner, dann Handys, dann ... - lauter Ausgliederungen aus dem Hier und Jetzt, gegebenenfalls und je nachdem auch Eingliederung in andere, unsichtbare Wirklichkeiten: Ich bin nicht hier, ich bin nicht der und die, die ihr seht, ich bin in meinem eigenen Programm - oder auch in dem meines Senders. Im auserwählten Netzwerk, ihr könnt mich alle mal.

Dann gab es - Anfang der 90er Jahre - jemanden, der sich "Hubert der Bär" nannte und der unter geschickter Nutzung von Müll (bevorzugt aufgegebenen Kühlschränken) für eine fiktive Sex-Ausstellung (6, 6, 6 - Ausstellung) auf einem vermüllten Trümmergundstück am U-Bahnhof Görlitzer Bahnhof warb. Schätzenswerte Energie, guter Erfindungsreichtum, aber der Content: Sex ist eine falsch geschriebene Zahl, weiter nix mehr. Oder das, was manche anderen Leute haben und wofür sie sich von Idioten bezahlen lassen.

Inzwischen hat man sich intellell der Message des Sendermanns angenähert. Es gibt einen Diskurs über Elektrosmog usw. in diversen Varianten, es gibt auch einen Diskurs über Mind Control (dessen Import bei weitem noch nicht abgeschlossen ist). Es brummt ja auch allenthalben.

Aber vielleicht hatte der Sendermann auch damals einfach nur Recht.


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