Über Geschichtsrevisionismus

Ja, war nicht alles schlecht unter Hitler ... ja und? Ich glaube, Sebastian Haffner hat geschrieben, dass wenn Adolf Hitler Ende 38 oder Anfang 39 der Schlag getroffen hätte, dann tät man ihn heute als großen deutschen Politiker feiern. Man darf dieses Gedankenspiel nicht allzu weit verfolgen, sich nicht an die bereits bewerkstelligte Zerrüttung des Staats erinnern und nicht über mögliche Nachfolger phantasieren, aber grundsätzlich stimmt da schon etwas dran. Auf jeden Fall hätte man keine Probleme gehabt, die bis dahin schon umgebrachten politischen Gegner zu vergessen, das hat ja die alte BRD auch in erheblichem Maße hingekriegt.

Ja und? Darauf bekommt man keine Antwort. Der Geschichtsrevisionismus, und zwar an jeder Kleinigkeit und um jedes klitzekleine Zugeständnis, ist für die deutsche Rechte ideologisch offenbar unverzichtbar. Wie hat man das zu verstehen? Unverzichtbar für ihre innere politische Identität, für ihren Zusammenhang – genauso, wie es ihre Achillesferse nach außen hin ist, sie zu einem Sektendasein verurteilt – und sie darin erhält. Und die Linke, sofern sie sich antifaschistisch bemüßigt fühlt, kämpft ebenfalls um jeden Fußbreit ihres Faschismus – das versteht man schon leichter, denn es ist einfach eine Variante von "was mir nicht passt, gehört verboten". Kämpfe um Definitionsmacht.

Sage jetzt keiner, die "ja, und"-Frage würde nicht beantwortet, weil die Antwort inopportun, peinlich oder geheim sei. Man kann Leute mühelos dazu kriegen, jede Menge peinliches und tendenziell verbotenes Zeug zu schwätzen, oder was das Internet angeht, auch schriftlich von sich zu geben. Nein, die wird deshalb nicht beantwortet, weil es keine Antwort gibt. Weil der ganze polemische Aufwand, auf den sie reagiert, nur eben einen selbstreferentiellen Bezug hat. Genau jenes Element darstellt, das neben dem mehr oder weniger offenen Rassismus das Völkische vom Nationalen trennt und getrennt hat. Das Element, das Hitler in der Konstruktion seiner Partei aus gutem Grund verworfen hat.

Für eine nationale und konservative Politik gäbe es in der gegenwärtigen Republik genug Anlässe – aber keinen Platz, denn da sitzt schon ein Troll und schmollt. Keiner hat ihn lieb, vielmehr: keiner, der nicht schon an der gleichen Macke leidet, kann ihn so lieb haben. Aber Trolle, wenn sie nicht gerade betrunken sind, sind ja bekanntlich auch sich selbst genug. Dass dies den Ordnungshütern der real herrschenden politischen Kräfte gut gefällt, muss man fast nicht erst sagen.

Vielleicht, dass er in günstiger Stunde doch mal aus seiner Selbstversunkenheit heraus kommt, ins Jahr 2000 plus x? Bisherige Anlässe zeugen nur davon, dass es dann ziemlich viel für ihn zu lernen gäbe. Das braucht Zeit und eine gewisse Offenheit – um Reinhold Oberlercher zu zitieren: Wenn Erwachsene noch etwas dazulernen sollen, muss man sie erst wieder chaotisieren. FF, viel Vergnügen. Übrigens handelt es sich dabei nicht um "Politikfähigkeit", sondern einfach um Einsicht in zwischenzeitlich stattgehabten kulturellen Wandel, der eben nicht rückgängig zu machen ist oder nur in unrealistischen Zeitmaßen. Je mehr man sich in die Zeit zwischen den Weltkriegen vergräbt, desto fremder wird sie einem – irgendwas ist verloren gegangen, bestimmte Ausformungen von Subjektivität, der Seele und ihres Lebens. Und ist einfach so und musste wohl. Genauer beschreiben könnte ich es wohl, begreifen tu ich es nicht.

Doch ausgegangen war ich ja von der einfachen Aufforderung zur Zustimmung zu etwas, um das es nur irrelevante Streitigkeiten geben kann und das im Hinblick auf alle übrigen zugehörigen Ereignisse ausgeprägt scheißegal ist. "Ja und?" schien mir darauf die passende Antwort zu sein. Nicht, dass die auf die politische Rechte begrenzt wäre. Mir ist diese Figur noch nicht einmal dort zuerst aufgefallen. Nein, das erste Mal war, als mich jemand aufforderte, umzukehren und an das Evangelium zu glauben. Also gut, ich bin zwar schon in der Mitte meines Weges angekommen, aber ich bin ja nicht so, ich kehre um. Und dann? Auch in diesem Fall werden die Leute um Ersatz-Antworten nicht verlegen sein, und wieder gibt es keine Antwort. Weil.


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