Der Feldzug ist noch nicht vorbei

... der nämlich im Irak, da mag es durchaus noch Überraschungen geben; was den Krieg angeht, so hört der sowieso nicht auf, so lange nicht alles und jeder plattgemacht und gleichgeschaltet ist. Der bleibt uns erhalten und wird uns schätzungsweise überleben. Wunder vorbehalten.
Wobei wir doch gleich als Erstes auf die wunderliche Überzeugung in manchen esoterischen Quartieren hinweisen sollten, dass gerade da, gerade jetzt ein Wunder geschehen müsste, weniger, weil die Verteidiger, sondern weil die Angreifer es verdient hätten. Vor einem umgekehrten Stalingrad war da die Rede (wegen 60 Jahre, "zwei Saturnumläufe" (= tatsächlich 58 und 11 Monate) Jahre nach; wie schräg muss man verdrahtet sein, damit einem das umgekehrt plausibel wird?), über die irakischen Geheimwaffen wurde spekuliert (und nicht nur in der wunderlichen Art der Pravda, die von genetisch modifizierten Riesenskorpionen erzählte), und die reichsdeutschen Flugscheiben sind auch nicht gekommen und haben für Ordnung gesorgt.
Nein, alles ganz gewöhnlich und bieder zugegangen, und es rettet uns kein höh'res Wesen ... – Wobei man ja auch klar sagen muss, dass das Interesse an Saddam Hussein und seinem Regime ein rein taktisches war, keiner weint ihm hierzulande eine Träne nach: ein Schwein ist gegangen, die US-Truppen bringen neue Schweine mit, das Schweinesystem bleibt, und irgendwem zum Schweinewechsel zu gratulieren, das ersparen wir uns doch lieber. Das bliebe schließlich auch gründlich unter dem Niveau der Reaktion der Betroffenen, die ja durchaus von Mut, Intelligenz und Vaterlandsliebe zeugte, jedenfalls zwischenein mal.

Unser Krieg
Frage ich also ganz unverschämt: Was war denn nun für Deutschland und die Deutschen drin? Was bleibt uns von dieser Episode in Bushs Krieg? Allgemeinpolitisch bin ich nicht zu Spekulationen geneigt; unterstreichen sollte man einerseits die Pleite des Projekts Oiropa (für ein paar Dollars gehen viele Regierungen ziemlich weit, stellt man fest), andererseits das gute und höchst erfreuliche Einverständnis zwischen Paris, Berlin und Moskau – ach, das hätten wir 1914 haben sollen, wäre nicht nur uns etwas erspart geblieben ...
Dass die logische Reaktion auf solch eine Politik Aufrüstung heißt – und zwar wo möglich eben in den Bereich nichtkonventioneller Waffen hinein, ist zweifellos richtig – si vis pacem, para bellum, wie wir es noch in der Schule gelernt haben. Dass die dafür zu veranschlagenden Ressourcen anderweitig fehlen und hypothetisch Menschen ernähren usw. und ähnlich plausibleren Zielen dienen könnten, ist auch gebont – status corruptionis, die Welt ist nicht danach.

Erberinnern
Dass sich in Deutschland viele Menschen gegen diesen Krieg gewandt haben (mit allen verschämten linken Alibiaussagen, nein, wir wollen auch den deutschen Imperialismus nicht, usw.), das ist tröstlich und ermutigend. Da blitzte (ja, von manchen Medien verschämt gefördert) auch ein zukunftsträchtiges Erinnern auf – Bagdad unter dem angloamerikanischen Bombardement war Berlin, war Dresden, Hamburg, Freiburg, Halberstadt ... auch wenn wir mit den Jungs da unten sonst nicht viel am Hut haben. Diese Behandlung haben wir – unsere Eltern und Großeltern – auch schon mal bekommen, und die Mörder sind stolz auf sich und haben Harris ein Denkmal gesetzt. Es gibt Kraft, wenn man Verdrängtes bewusst werden lässt. Kein Wunder, wenn es da auch antideutsch randaliert.

Aber was dann?

Frisch gestrichen (Berlin-Kreuzberg).

Sich äußern
Marcus Hammerschmitt meinte sich bei Telepolis darüber lustig machen zu müssen, dass es jetzt eine große Anzahl von Kettenbriefen gegen den Krieg gab; mit dem Druck auf den Knopf "weiterleiten" könne man sich billig ein gutes Gewissen erkaufen, schrieb er (wie schräg muss man eigentlich ... wenn man unterstellt, Leute seien moralisch und würden etwas für ein gutes Gewissen tun? Wären nicht einfacher Beunruhigung, Angst und Wut zu diagnostizieren?). Was kann ich dafür, auf welchen mailing lists er steht; manche Äußerungen, die ich bekommen habe, waren auch nur halbgescheit, aber da kann man ja dann zensieren, bevor man weiterleitet. Mit einigen hingegen war ich recht zufrieden, und insgesamt ist so etwas unter Bedingungen von Zensur und veröffentlichter Lüge gar kein so dummes Medium, man kann es auch nicht so schnell kaputt machen wie eine missliebige Website.
Wie ich drauf komme? Weil mich irgendwann im Winter ein Kettenbrief mit dem Titel "Bagdad in Berlin verteidigen" erreichte und sich im Gedächtnis festsetzte, der kurz die Lage skizzierte, ein bisschen über Konsequenzen spekulierte und ansonsten fragte: was können wir tun? Nun, ein bisschen mehr als ein paar Mausklicks haben wir schon tun können (und wundert es jemanden, dass es trotzdem nichts bewirkt hat?). Jetzt könnten wir auf jeden Fall versuchen, mit der Solidarität gegen das evil empire (hat etwa jemand Zweifel daran, dass alle Imperien böse sind? Wohl zu viel Perry Rhodan gelesen oder Star Trek geguckt?) nicht nachzulassen.
Und das heißt jetzt nicht spenden, damit die Wiedernutzbarmachung des Irak für die USA billiger wird – ganz im Gegenteil, sondern erst mal nicht (schon wieder) vergessen. Und den Räubern und Mördern entgegentreten, wie und wo man es halt kann. Das ist sehr begrenzt, natürlich, und vorläufig fast ganz auf Bewusstseinsbildung begrenzt, aber deshalb nicht vergebens.

Entamerikanisierung
Die Nachkriegsgenerationen sind mit einem sehr positiven Bild von den USA aufgewachsen, entsprechend auch der Schock, den Vietnam und Chile auslösten. Die jüngeren hingegen haben jetzt die Möglichkeit, festzustellen, dass die USA nicht einfach bloß geil sind. Sondern ein Land sehr begrenzter Möglichkeiten (jedenfalls für Karl Arsch und Jane Doe) und gelegentlich sehr unangenehmer Überraschungen, um das man am besten einen Bogen macht. Es wäre durchaus Zeit für ein Update der Amerikanischen Bilder des Jacob Holdt, die sich in den End-Siebzigern als Antidot zur Medienrealität bewährt haben.
Land of the Free and Home of the Brave? Land des härtesten Porn, der dööfsten Soaps, des spitzenmäßigen Energieverbrauchs, der tief verinnerlichten allgemeinen Käuflichkeit, das Land, wo der ganze Spam herkommt, das des organisierten Verbrechens neben der kleinen Alltagsgewalt auf den Straßen (Reasonable people just don't walk, ja warum denn nicht? Weil es sonst nicht ausgemacht ist, dass sie unterwegs am Leben bleiben, warum sonst?) ...
Wir könnten diese Enttäuschung zur kulturellen Besinnung nutzen – wir brauchen nicht ständig neuen Mindfuck, wir sind geistig schon erschröpft genug. Es gibt auch schon Material für ganze Lebensalter, sobald man sich bereit findet, sich zu vertiefen. Keine Langeweile, die entsteht eh nur durch Oberflächlichkeit.

Ohne Disney, Starbucks und McD
Unsere Reaktion ist da wohl bislang sehr mild ausgefallen, gerade die Fast-Food-Ketten haben sich ja in den letzten Wochen schier überschlagen vor Sympathiewerbung – wer beim DRK Blut spendete, kriegte ein Menü von Burger King, wer an einem bestimmten Tag BILD kaufte, konnte sich auch einen Hamburger abholen, usw. – also das soll doch bitte alles umsonst gewesen sein. Und nur Arschlöcher denken jetzt gleich wieder an abfackeln; es geht nicht um materielle Dinge, sondern ums Bewusstsein. Beim Zappen bin ich zufällig an Bilder aus irgendeinem spanischsprachigen Land geraten, wo sie McD mit kleinen Zetteln beklebt haben de los asessinos, frei übersetzt: Mörderfraß – das trifft die Sache schon viel besser, kann sich ja jeder entscheiden, auf welcher Seite er stehen will. Das Wort "Schande" könnte so wieder einen Inhalt bekommen.
Darf man übrigens sagen, dass Disney ein Kinderschänder ist? Also bestimmte leicht paranoide Sites in USA behaupten, der alte Walt hätte tatsächlich seine Finger nach Kindern ausgestreckt ... aber der ist ja auch schon lange tot und vorbei, und als Metapher, da kann man es gar nicht laut genug sagen. Brauchen wir uns bloß zu erinnern, mit welchen Produkten des Disney-Imperiums wir behandelt wurden und was sie mit uns angestellt haben. Was für Weltbilder sie transportiert haben, und vielleicht ist uns auch klar geworden, wie sie indigene Traditionen wie die Märchen der Brüder Grimm enteignet, versüßlicht und verfälscht haben.

Medien
Hier ist einmal mehr klar geworden, wie sie lügen, sie haben es selbst aus Konkurrenzdruck ausgeplaudert, eine (vorvor-) letzte Verteidigung der freien Marktwirtschaft vor ihrem Absturz.
Innerhalb der USA hatte man da natürlich keine Vergleichsmöglichkeit, da formierten sich die Netzwerke zur patriotischen Einheitsfront, als käms direkt von Miniwahr oder Goebbels. Tja, warum, da mag man gar nicht gern drüber nachdenken. Und trotzdem muss man stur daran festhalten, dass Bürger für ihren Staat und für ihre Regierung haften, also was man so Kollektivschuld nennt.
Augenblicke konterrevolutionärer Empfindungen brauchen einen da nicht zu beunruhigen – die schwarze Kriegsgefangene, "Ameise" von einem Instandhaltungstrupp, den die Irakis einkassiert haben, und einfach die Angst auf ihrem Gesicht ... hm, wünschen wir ihr, dass ihre Leute sie auch irgendwie leidlich unbeschadet wieder eingesammelt haben. Und dass sie sich nachher einen anderen Job sucht und ihn auch findet. Zwanzig Sekunden lang vor dem Fernseher jedenfalls.
Kriege als Polizeiaktion sind XL grausam, das könnte schon etwas länger bekannt sein – und wehe, die bösen Feinde schießen zurück und treffen auch noch! Dann sind sie natürlich reif für den Daisy Cutter oder die Mother of all Bombs, reif zur physischen Vernichtung von Rechts wegen. "Bei ihren Verhören der Gefangenen sind die Amerikaner nicht zimperlich" (Sat 1) – nun ja, genauso stellen wir uns das auch vor, so kennen wir sie ja, und sei es nur aus Hollywood.
Es ist eine neue Art des Krieges, wie sie schon mit dem zweiten Weltkrieg kaum noch zu vergleichen ist – einen Respekt vor dem Gegner gibt es nicht mehr, und Völkerrecht und Konventionen sind nurmehr ein wohlfeiles Propagandainstrument. Kombattantenstatus für alle, vom Säugling bis zum Greis, niemand ist unschuldig. So war der zweite Weltkrieg gewissermaßen ein Preview des modernen moralischen Krieges, weshalb er auch im Rahmen des bestehenden Systems der Nationalstaaten nie vorbei sein kann. Man beachte übrigens, wie gut Rassismus und Moral Hand in Hand gehen; ein Wunder ist das nicht.

Links und arm dran ...
angesichts der Ereignisse, das konnte man immer wieder feststellen, mal sehen, mit was für Begründungen man sich abfinden wird. Eine Brücke könnte es für Linke sein, sich den rassistischen Charakter des Krieges vor Augen zu halten, den sich die Angreifer nur zu gern zu Nutze gemacht haben – Hajis hießen die Untermenschen diesmal. Nun, die Untermenschen haben wacker für ihr Land gekämpft und sind auch zahlreich dafür gestorben, in Uniform und in Zivil.
Wir sind auch Untermenschen – Amalekiter – aber keine Sorge, so schnell kommt Haarmann schon nicht zu uns. Würde man allerdings bei uns Sturmgewehre verteilen und noch einmal einen Volkssturm organisieren wie in den letzten Tagen vor dem Fall von Bagdad? Das würden sich unsere Oberen mit ziemlicher Sicherheit nicht trauen.
Wer hierzulande Englischunterricht gehabt hat, kennt ja die Anekdote von dem texanischen Richter, der Mörder laufen ließ oder mit geringfügigen Strafen abfertigte, aber Pferdediebe hängte, mit der Begründung, es gäbe zwar people that needed killing, but no horses that needed stealing – nun ja, und aus dieser Einsicht heraus wird keine Bundesregierung je Waffen und Munition an die Bürger verteilen. Dazu ist die deutsche Bevölkerung viel zu verrückt, da würden sämtliche ausstehenden Rechnungen beglichen, was philosophisch mehr imponieren könnte als in Tat und Wahrheit, und wenn dann der erste GI auftauchte, dann wäre kein Schuss mehr übrig.

Und wer sagt ...
Das nationale Lager überwiegend sprachlos, woran sich einmal mehr zeigt, wie viel oder wie wenig man von den Jungs zu halten hat. Ich sehe ja durchaus ein, dass es da ganz offensichtliche Probleme gibt, nun, sagte nicht ein überschätzter deutscher Dichter, ein Charakter bilde sich im Sturm der Zeit? – Dass ansonsten das Verbotsverfahren gegen die NPD ausgegangen ist wie das Hornberger Schießen (einschlägig sachkundige Leute haben das schon gleich von Anfang an vorhergesagt), das kann auch nur gemischte Gefühle hinterlassen. Es bleibt der Vertrauensverlust, der Zweifel daran nämlich, ob man es hier überhaupt mit einem entscheidungsfähigen und verantwortlichen politischen Subjekt zu tun hat, womit eines der Hauptziele der Gegner erreicht sein dürfte. Nun ja, ich fühle mich da nicht zu Ratschlägen bemüßigt.
Im Prophezeiungsforum jedenfalls schürt man weiter die Angst vor den Russen, die könnten ja vorbeikommen und Beute machen wollen ... also Jungs, aufgewacht, es ist nicht mehr 45, Armbanduhren haben die da inzwischen selber, sie stellen sie sogar für den Export her und die sind gar nicht schlecht. Bei Beute, da geht es heute nicht mehr um irgendwelchen versackbaren dinglichen Reichtum, sondern um die Nutzungsrechte aus dem ganz normal laufenden Betrieb. Ähem.
Und Alice S.? Was sagt sie dazu? Überraschung: Sie ist empört und verlinkt wenigstens eine Site mit einem Boykottaufruf gegen die USA und Israel. Mag man nichts dagegen sagen, und ansonsten zieht sie sich auf ihre Kernkompetenz zurück, Frauen sollen teurer werden. So kennt man sie, auch das müsste eigentlich nicht sein, aber das lassen wir jetzt vergleichsweise verblassen.
Nicht vergessen sollten wir hingegen Angela Merkels Art, sich den Amerikanern anzubieten, eine Art, wie vielleicht nur eine Frau hemmungslos genug dazu ist. Das hat denn auch der CDU ein paar Parteiaustritte eingebracht (man fragt sich, ob es ebenso viele waren wie bei der SPD als Protest gegen ihre Sozialabbaupolitik) – also überall klärt sich etwas, und das ist gut so. Die einzige Art, die Spaltung zwischen den Volksmassen und den politischen Eliten noch zu kitten, wäre radikale Ehrlichkeit, und dazu sind die Politiker gleich welcher Partei konstitutionell nicht mehr imstande. Der Betrug ist ihnen in Fleisch und Blut übergegangen, von sonstigen, durchaus beachtlichen Hindernissen ganz zu schweigen.


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