... über was angesichts von Labyrinthen vielleicht nicht sprechen

(denn man kann nicht »über alles« reden)

Täuschung bietet fließende Übergänge zu Stichworten wie Ironie und Intrige – auch daraus kommt man zum Thema Reflexion und Unentscheidbarkeit. Intrige – indirektes Handeln – reicht diese Bestimmung schon? Kaum. Mit Ironie haben Intrigen insofern zu tun, als sie von einer vermeintlichen Beherrschung aller relevanten Parameter der jeweiligen Situation ausgehen – eine imaginäre Erhebung. (Wer meint, eine Entwicklung absehen zu können und versucht, ihr möglichst geschickt einen Nutzen abzugewinnen, der hat eine Strategie; die mag richtig sein, aber er ist nicht Herr der Situation und hält sich auch nicht dafür.)

Täuschung über was? Reduzieren lassen sich die unabsehbaren Fälle auf zwei grundsätzliche, frei kombinierbare Ebenen: Täuschung über einen Sachverhalt (ich sage meinen Gästen, das Bier sei alle, damit sie nach Hause gehen) und Täuschung über das Vorliegen einer Täuschung (sie glauben es mir arglos und gehen). – Auch der reflexive Gebrauch, das sich täuschen, müsste mit diesen beiden Eben erschöpft sein; die Behauptung, man könne sich über bestimmte privilegierte Sachverhalte nicht täuschen, wäre entsprechend hinfällig. Es denkt; alles Weitere fällt unter die Risiken der Interpretation. – Öffnet das allen möglichen Virtualitäten Tür und Tor? Vielleicht.

Für die zahlreichen weiteren Komplikationen muss es andere Begriffe geben. Etwas sei verborgen / versteckt / geheim – damit wissen wir ja schon das Wichtigste: Dass da etwas sei und was es sei. Nur, wenn es irgendwie um Beweisbarkeit oder sonst materiellen Besitz einer verborgenen Sache geht, lohnt sich noch die Mühe, es zu suchen und aufzufinden.

Umgekehrt kann Sichtbares viele geheimnisvolle Bedeutungen haben, – zwei-, mehrdeutig sein, und zwar in unabsehbarer Vielfalt. Die ganze Welt spricht zu uns, wir können gar nicht so viel zuhören. Das Risiko unserer Exegese (eine Entscheidung darüber, was Wirkung und was Nebenwirkung ist, was Fahrlässigkeit und was Vorsatz, usw.) werden wir nicht los (es sei denn wir versichern uns ... und das heißt ja nur, wir nehmen den durchschnittlichen Schaden anteilsmäßig auf uns).


Auch über »Wege« und ihre vielfältige Metaphorik zu sprechen führt ins Unendliche und hat intrinsische Tücken: es scheint so täuschend selbstverständlich, dass man auf einem (Lebens-) Weg sei, dass man irgendetwas »suche« bis man an sein »Ziel« gelangt oder ihm wenigstens näher gekommen sei. Das braucht doch gar nicht wirklich zu stimmen – das Leben ist mit gleicher Plausibilität letzte Gelegenheit, kommen und gehen (auftreten, verschwinden).Eine Projektion des menschlichen Entwicklungs- und Reifungsprozesses kann nur prinzipielle Optimisten für sich einnehmen.

Fast unvermeidlich begegnet man dem Begriff des Schicksals. Natürlich kann man mit den Schultern zucken und sagen: Hinterher hat man immer eins gehabt. Nichttrivial wird dieser Begriff, wenn das in ihm angesprochene Konzept (1) in die Nähe eines Plans oder einer Bestimmung rückt (mit der Implikation einer wie auch immer beschränkten Vorhersagbarkeit), (2) damit auch den Anschein einer Notwendigkeit und womöglich sogar Gerechtigkeit annimmt. Jedem das Seine.
»Glaubst Du denn nicht, dass Gott einen Plan für Dein Leben hat?« – doch, doch, ja, wir kommen alle in die Hölle, aber wir treffen uns dort nicht. Wir sitzen schon in der Falle – hic inclusus vitam perdit, die antike Layrinthinschrift, auch indem es nur vorbeigeht. – Und wer hat sonst noch Pläne mit uns? Spezifische wie die Eltern, generische wie der Staat oder die Parteien? Ob ein vertieftes Nachdenken darüber zur geistigen Gesundheit beiträgt, bleibe dahin gestellt – es ist einfach zu viel Sinn unterwegs, es kann zu vieles gleichzeitig zutreffen, und das Einfachste (am Leitfaden des »entitates non sunt multiplicandae..:«) muss darum nicht richtig sein.
Für eine optimistische Sicht auf Mensch und Welt stellt Freiheit den zentralen Wert dar, »das menschliche Wesen ist seine eigene Tat«, und entsprechend gestaltete er sich ein Schicksal. Wenn man freilich seine Taten fortgesetzt als unzureichend erfährt, wird Freiheit nur zur Unbestimmtheit. Angenommen, man wäre ein Schaf; angenommen, man hätte auch einen guten Hirten (der auf den Genuss von Lammfleisch ganzjährig verzichtet), wäre doch was. Ein »synthetisches Schicksal«? Wie man es nur zu leicht anderen unterstellt und neidet? Hm, man würde ja auch zu Gunsten der Zweifellosigkeit Abstriche an der Qualität machen, aber wo und wie beantragt man das?

Unentscheidbarkeit tritt immer dann auf, wenn mindestens eine für die Entscheidungsfindung relevante Information fehlt. Je nach den absehbaren Risiken wird man es dann drauf ankommen lassen, vielleicht ein Orakel befragen – wie das wunderbar voreingenommene Gänseblümchenorakel, die ungerade Anzahl der Blütenblätter gewährleistet eine erfreuliche Antwort.
Viel zu leicht freilich täuscht man sich über die Entscheidbarkeit eines Problems und bleibt dann in seinen Kalkulationen stecken: es kann a sein, es kann -a sein, man kann nicht entscheiden, aber man glaubt, man muss. Sie liebt mich und sie liebt mich nicht – ein ›double bind‹ im Sinne von Bateson et al. und ihren Schizophrenietheorien. So? Muss man denn? Gibt es denn wirklich kein Drittes? – Vorher weiß man so etwas ja nicht: Es gibt in Irrgärten immer, in Labyrinthen manchmal auch Sackgassen, manche Sackgassen sind allerdings auch so komplex gestaltet, dass man sie jederzeit mit einem Labyrinth verwechseln könnte.


Die Wissenschaft – oder die Wissenschaften – ist oder sind unübersichtlich, lassen sie sich darum einem Labyrinth vergleichen? Bei Castoriadis finden sich einige wichtige Argumente zum Thema; man kann sagen: es gibt »eine« Wissenschaft (welche nicht aufgeht in »ist was Wissenschaftler tun«); sie hat Probleme, die sind zwar teilweise benannt, aber darum noch nicht begriffen (ihre hinreichende Gemeinsamkeit und Begreiflichkeit vorausgesetzt). (Thomas Kuhn hat uns eine Vokabular gegeben; keine allgemein zutreffenden Erklärungen oder auch nur Beschreibungen von »wissenschaftlichen Revolutionen« – immerhin richtig, dass der Wissenschaft von Zeit zu Zeit alles hoch kommt, was sie zu wissen glaubt, dann frisst sie ihr Erbrochenes in neuer Ordnung wieder – leckt sich die Lippen und will wieder Autorität sein. Freilich: Die Situation war schon schlimmer – in dem schönen Klassiker »Aufbruch ins dritte Jahrtausend« von Louis Pauwels und Jacques Bergier findet man eindringliche Beschreibungen über die Situation am Ende des 19. Jahrhunderts, die hohe Zeit des Glaubens an die (mechanisch-materialistisch argumentierende) Wissenschaft – heute kann man dagegen sagen: Wer Experte sein will, disqualifiziert sich schon eben dadurch; um öffentlich Eindruck zu machen, holen interessierte Kreise denn auch eher die neue Figur des Promis.)

»Wir erwehren uns der Welt durch Begriffe«, »wir brauchen die Wissenschaft, um uns vor dem Wahnsinn zu schützen« (Nietzsche) – das klingt gar nicht nach Labyrinth, klingt viel eher nach einem Vermessungstrupp, der seine Latten in die Landschaft pflanzt, Winkel misst und in der Phantasie schon alles abgezäunt und ausgeschildert hat. – Analog das definitorische Vorgehen, die vielfach anzutreffenden taxonomischen Strukturen – zweifellos ermüdend, aber nicht direkt etwas, um sich darin zu verlaufen. Dass das Arbeiten mit Modellen Tücken hat und leicht zu überzogenen Geltungsansprüchen führt – fahrlässig oder vorsätzlich – auch das kann dieses Urteil nicht wesentlich abändern.



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