Berliner Vexierbilder

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Irgendein Zusammenhang: Als ersten Berliner Bezirk lernte ich Kreuzberg kennen, und sicher sah ich seine Straßen und Häuser mit meinen an einer süddeutschen Kleinstadt trainierten Augen bizarrer und geheimnisvoller, als sie es je hatten sein können. Aus der ersten Woche, die ich mich dort aufhielt, entsinne ich mich der Demonstration zum Jahrestag des Putsches in Chile, die, während Dunkelheit einbrach und ich im ungewohnt scharfen, kalten Wind fror, vom Karl-Marx-Platz aus auf einer vielfältig verwinkelten Route zum Mariannenplatz zog: War mir schon bei Tageslicht manches auf unserem Weg unheimlich erschienen, so verwandelte sich die Umgebung, nachdem wir das Kottbusser Tor passiert hatten und es vollständig dunkel geworden war, abrupt in etwas, das ich kaum für wahr halten mochte – um mich herum die Kulissenlandschaft der großen Stummfilme, von spärlichen Gaslaternen beleuchtet standen alte Männer reglos in den Hauseingängen, hinter denen Glücksspiel und Schlimmeres stattfinden mochte, und der Demonstrationszug mit seinen Sprechchören blieb als die einzige Verbindung zur Gegenwart. Nur noch ganz lose von ihr gehalten, glaubte ich, Geschichte mit Händen greifen zu können, Vergangenheit, Gegenwart und die Gewißheit einer Zukunft schmolzen – für die Dauer des Weges durch die Naunynstraße – zusammen, auch die Schlußkundgebung und der Heimweg fanden mich wie in einem Traum befangen.
Erst mehrere Jahre später führte mich der Zufall wieder dorthin, diesmal bei Tage, wie um mir gar keinen Zweifel aufkommen zu lassen, daß das, was ich gesehen hatte, restlos verschwunden war: Links und rechts der Straße sämtliche Häuser abgerissen, weit wie Fußballfelder nur braune, steinige Erde mit Baggerspuren, in der Entfernung begrenzt von fensterlosen Brandmauern, die erst durch den Abriß freigelegt worden waren. Ich spürte einen Krampf, drehte mich um, und statt zu der Verabredung, die mich hierhergeführt hatte, ging ich den damaligen Weg zurück, sah nun erst überall Zeichen der Zerstörung, bis ich am Kottbusser Tor stand, den Bogen des neuerrichtete Kreuzberger Zentrums sah, anfing zu weinen, mir verzweifelt die Augen rieb, aber natürlich war es auch danach noch vorhanden, im strahlenden Grau des Sichtbetons; traurig und zugleich über das nutzlose Gefühl verärgert tappte ich die Admiralstraße hinunter zum Kanal.
Gerne, im Nachhinein, würde ich einen Zusammenhang herstellen, der räumlich genau anschlösse, zu einem Kampf mit der Polizei, nachdem eben dort am Kanal ein besetztes Haus geräumt worden war, wiederum Jahre später, einem Kampf, in den ich unvorbereit kurz nach Ladenschluß und mit einer großen Einkaufstasche voll Lebensmittel als Handicap hineingeriet: Ohnmächtiges Schreien, einzelne Steinwürfe, das Trommeln der Schlagstöcke auf den Schilden, dann wegrennen, dabei plötzlich von einem einzelnen Polizisten überholt, der vor mir einen Mann zu greifen versucht, ein anderer, der neben mir rennt, schlägt ihn mit den Handkanten in die Nieren, daß er sein Opfer fahren läßt, nur eine Straßenecke weiter sind wir entwischt, die Nacht ruhig, fast wie im Frieden. Vergebens, zum Erinnern war keine Zeit.

(2)

Von weitem: Dem Seitenblick im Fahren, vom Columbiadamm aus nämlich, und besonders, wenn es Sommer ist und vorgewitterlich dunkelgrauer Hintergrund vom Himmel hängt, zeigt sich der Herrfurthplatz, die kleine, im neunzehnten Jahrhundert gebaute Kirche in der Mitte fast verdeckt von üppig belaubten Bäumen, verwunschen und anziehend wie Dornröschens Schloß hinter Rosenhecken. Man darf dem Zug dieses Bildes nicht nachgeben, einfach abbiegen und dort sein wollen: Man müßte sich dorthin verirren, sonst sieht man nur Häuser, Bäume, Kopfsteinpflaster wie anderswo auch, und dreht verärgert um. Wer das nicht mehr kann, ist auch nicht der Richtige, die Intimität mit einer Stadt verklebt die Augen, geht nicht auszuwaschen. Vielleicht gelingt so etwas in jeder Stadt nur ein einziges Mal, und meines war das Postamt, das ich in Eile nach der Beschreibung dritte links, dann nächste rechts gefunden habe, ein ganz gewöhnliches Postamt, aber jedesmal, wenn ich ein mir unbekanntes entdecke, frage ich mich: War es das?

(3)

Neue Peripherie: Man kann jahrelang in dieser Stadt leben, ohne sie ein einziges Mal aufzusuchen – dabei ist sie, fährt man nur immer weiter, unmöglich zu verfehlen wie die Mauer. Für den Anfänger genügt es, den Tempelhofer Damm entlangzufahren, am Druckhaus Tempelhof vorbei, das massiv backsteinen ein Tor suggeriert, und früher oder später kommt der Reflex; Komisch sieht das aus, gar nicht wie Berlin – wie in Stuttgart, dachte ich beim ersten Mal, Wilfried sagte Dortmund, einzusetzen nach Bedarf. Ohne lästig zu erlernende Wahrzeichen ist Berlin hier nur noch ganz allgemein Stadt, allgemeine deutsche Stadt vielleicht nur, aber Stadt, an der das jeweilige Zentrum mit der ihm anhaftenden Sentimentalität nur mehr zufällig und austauschbar ist. Als breiter Gürtel umgibt sie in beiden Staaten das Besondere, Ansichtskartenfähige, in das Krieg und Stadtsanierung ihr Einbrüche erlaubten. Wohl versucht das Innere zäh sich zu behaupten, sogar auszuwachsen: Im Lauf der Jahrzehnte hat sich die alte Peripherie der gründerzeitlichen Mietskasernen, sei es Wedding, Prenzlauer Berg oder Neukölln, mit Emotionen aufgeladen, individualisiert, begleitet von der langsamen Umschichtung der Bewohner ins Zweifelhafte, Studenten, Ausländer, Alte zumal, die noch dort leben. Für meinen Vater endete sein Revier ehemals am Hermannplatz, in gemütlicher Laufweite, was darüber hinausging, waren seltene Ausflüge. Heute erscheint das kaum noch glaubhaft, Neukölln für ein solches Leben nicht mehr geeignet. Heute wüchse er in Mariendorf auf, führe Fahrrad nicht weiter als nach Lankwitz oder bis zum Attilaplatz: Aldi und Woolworth liegen in diesem Bereich, Schulen, Schwimmbäder, neben dem Fernsehen zu wenig mehr Anreiz. Privat und öffentlich wohlsortiert; dort wohnen die Polizisten, die jetzt frisch in die CDU eingetreten sind, ihre Frauen würden eigentlich lieber wieder arbeiten, vielleicht versuchen sie den zweiten Bildungsweg und die Sippe schüttelt den Kopf darüber, bei der geschiedenen Lehrerin nebenan suchen sie Rückhalt. Dort leben noch Teds, ist Jimmbimmcola noch ein Annäherungsversuch. Für Geschichte ist von Tag zu Tag keine Zeit, der Beobachter auf den Modellwechsel der Autos verwiesen – das verspricht Glück, und so schlägt dieser Raum dem Besucher seine Widerhaken ins Hirn: Dort leben, fällt dir ein, Tage danach noch, ein Jahr nur, oder eine Beziehung lang, eins von neun Leben; dies, bemerkst du dann, wird dir trotz allem, was du gelernt hast, nicht gelingen.

(4)

Stadt der Erinnerung: Jahrelang habe ich vom Neuköllner Schiffahrtskanal geträumt, so, wie ich ihn als Kind an der Hand meiner Großmutter kennengelernt hatte, immer wieder das Eisengeländer und die Brücken vor mir gesehen, der schwarzgrüne Wasserspiegel mit den seltenen Kräuseln darauf zog mich an, und immer tauchte auch das schwarze Skelett eines riesigen Ladekrans auf, meist, da wir gegen Abend unterwegs waren, in trauriger Unbeweglichkeit an seiner Stelle hockend, als bewache er ihm anvertraute Güter, und nur manchmal noch sah ich ihn in ratternder, quietschender Bewegung, deren Langsamkeit Kraft verriet und deren enge Beschränkung ich damals noch nicht begriff. Zurückgekehrt nach Berlin nach so langer Zeit, daß es fast lächerlich scheinen mochte, noch eine Kontinuität zu behaupten, ließ ich mir Zeit mit einer Besichtigung, die sich, wie ich fürchtete, doch nur als Leichenschau erweisen würde. Ich ließ der Erinnerung Zeit mich zu verführen, rätselte vor dem Einschlafen über die ölfarbverschmierten Hieroglyphen des Stucks an der Decke, wachte nachts auf und bestaunte die Reflexe von Autoscheinwerfern, die darüber hinweghuschten wie in der Wohnung meiner Großmutter, bis ich mich eines Tages, von solchen Indizien einer Präsenz des Vergangenen ermutigt, auf den Weg machte, und ganz gegen meine Erwartung alles vorfand, was mir erinnerlich geblieben war: Alte Kastanienbäume entlang der Ufer, die Geländer, verbogen und verrostet, dazwischen ein Kiesweg, der mich getreulich dorthin führte, wo der Kanal nach Süden abknickt und auch der Ladekran präzis zur Stelle war, nicht mehr riesig aber immer noch groß, unverkennbar und zu einer Schrottgroßhandlung gehörig. Doch spätestens bei seinem Anblick trat hinter meiner anfänglichen Freude, alles so unversehrt wiederzufinden, eine diffuse Enttäuschung hervor: So also, dachte ich, so also sieht das aus, und auf dem Rückweg versuchte ich die Differenz zu bestimmen, die unausräumbar zwischen der Erinnerung und ihrer Vorlage stand. Eine andere Beleuchtung, fiel mir ein, und ich versuchte angestrengt, mir das eben Gesehene bei anderem Wetter vorzustellen, ohne zu einem befriedigenden Ergebnis zu kommen. Es dauerte lange, bis ich mich damit abfand, daß ich jenes Licht nie mit Augen sehen würde.

(5)

Reservation: Vorstellbar, daß Kinder aus Zehlendorf ihr Schlauchboot zum Teltowkanal trügen, schlügen bei der Sonnenbrücke ihr Zelt auf, eine Tagesreise, ein neues Land.

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Geschäftsreise Landpartie: Auf dem Holln ist besetzt, Einstein und Ludwig bewachens Revier, Alfons verbellt Klobenutzer, die ihn nicht tätscheln. Unten und Mitte gemischt, unterm Dach die Frauen, die schmeißen die Katzen raus, dafür krabbelt Sara rings um den Küchentisch von einer Mutti zur andern. Hinter dem Fenster der Schacht einer Zeche, stillgelegt, natürlich, erklärt Sabine, sie kommt von hier. Hinter den Brennesseln die Bahn und alle acht Minuten ein Zug, stoppe ich, länger darf keine Szene mit Ton dauern. Am frühen Morgen und Nachmittag der Hoek-Warszawa-Express, durch diese Nabelschnur in sechs Stunden nach Berlin, wir mögen schon nicht mehr erzählen, wollen wir noch zurück? Am ersten Tag gelernt, den Werner Hellweg zu finden, morgens vom Licht aufwachen, als Gast fast zu Hause, ich seh mir die Augen aus.

(7)

Was noch zu tun übrig ist: In der Cafeteria der Staatsbibliothek versuchst du, den Kopf klar zu kriegen, ringsherum Leute im Gespräch, bist du denn der einzige, der hier allein sitzt, und was wollen eigentlich die ganzen Mediziner hier, die bringen sich ihre Antwortkataloge doch schon mit? Draußen füllt Blau die Lücken der Häuser, zufällig verbliebene Zähne in einem alten Gebiß, das war der letzte Krieg, für den nächsten ist der geographische Mittelpunkt nur ein paar hundert Meter weiter; in hypothetischer Laufweite, irgendeines der Dächer dort drüben, die Staatsbibliothek (DDR), goodbye, Tradition, hast nichts Bessres verdient. Sprengkraft steht in umgekehrter Proportion zur Zielgenauigkeit, aber du hast ja auch das Wort "Beutewert" gelernt, und den besitzt Westberlin unbestreitbar. Immer schon mit dem Krieg auf gutem Fuß, eine Räuberhauptstadt, die Straßen heißen nach den Schlachten der gewonnenen Kriege und den zugehörigen Generalen, Blücher, Gneisenau & Co. die ersten Ehrendoktoren der Berliner Universität. Dennoch vermißt du Sichtbares, suchst Beweise, Analogien, eine ungezogene Korrespondenzenwirtschaft in deinem Kopf, hast ja auch als Kind deinen Vater gefragt, ob unter Hitler auch die Sonne geschienen hätte, Dummkopf, hat er gesagt, das hat doch damit nichts zu tun. Bilder sind dir immer nur welche zum Finden, machen müßtest du sie, stattdessen argumentierst du, oder sammelst Geschichten ein: Auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof (eins), da hinten, von hier nicht zu sehen, erzählst du, geht ein dicklicher Schwabe spazieren, Fichte, sagt er nachher, Solger, hier will ich auch, aber das stimmt so nicht und gehört auch gar nicht hier her, und Solger ist ausgebombt und beerdigen, das haben deine Eltern noch gemacht, die Mutter in Dresden aufräumen, Arbeitsdienst, Vatern in Erfurt jeweils nach der Schule; eine Phosphorleiche ist aufgequollen, hat er dir beigebracht, wie eine Seegrasmatratze, schwierig, sie in einem Stück auf den Wagen zu kriegen. Unkonventionelle Lösungen, denkst du, stehst auf, konfus wie zuvor, schaust auf die Uhr, sowieso Zeit, gehst hinaus und beginnst deinen Dauerlauf zum Mittagsdöner, warm isses, von wegen Ausgleich und Fitness, soweit also ins Archaisch-Hilflose geht schon die Angstbewältigung, als ob es noch auf Kraft ankäme, denkst du, und: Merk dir den Satz, für einen Artikel, Geld; ein blonder Wuschelkopf vor einer Sexbar lenkt dich mühelos ab, nicht übel, aber der Ekel vorm Verfahren. Rechts voraus der Ankara Grill – Zwiebel? Ja – und langsam mampfend zurück, ein abgemessener Blick auf Weißschwappendes oben und Kneifendenges in Rosa unten, das deinem Döner wirklich an Appetitlichkeit nicht nachzustehen verspricht: Sorgen hast du, fällt dir ein, und das soll gut enden.

Vexierbild für Touristen

Da laufen welche, ja warum laufen sie denn. Ist denn da vorne was los. Was passiert da. Warum kann man denn nichts sehen, geh doch mal jemand beiseite, und drängelt doch nicht so, es ist doch noch gar nichts abgegangen, man müßte doch auch was hören, sowas wie dieses "plopp" eben, geht es jetzt doch los oder täusch ich mich und warum denn jetzt auf einmal in die andere Richtung, da geht es doch auch nicht weiter wenn vorne schon zu ist, was glauben die denn. Ah, "plopp" und "plopp", kein Zweifel, jetzt riecht man es auch, das heißt riechen ist nicht mehr das richtige Wort, aber was soll das jetzt noch heißen, bloß nicht durchatmen heißt es, ein Geräusch wie brechende Äste, was? festgenommen? bloß weg hier!

[1981]


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