Muss man sagen, dass es mit Doppelgängern mehr auf sich hat als mit dem real vorkommenden, gelegentlich amüsanten, gelegentlich lästigen Verwechseltwerden mit einer anderen Person? Eher schon könnte man an die Folklore hinsichtlich Zwillingen denken einem afrikanischen Stamm, so will mir mein unzuverlässiges Gedächtnis einreden, waren sie so unheimlich, dass man umgehend eines der Babys tötete.
Doch wahrscheinlich gibt es regelrechte Doppelgänger nur fiktional, dafür in erheblicher Anzahl und vielen Variationen erinnern wir uns nur an "Medardus, Brüderchen! Wer den anderen vom Dach stößt, der ist König und kann Blut trinken!" (Elixiere des Teufels) dito gibt es gespaltene (Jekyll / Hyde) Persönlichkeiten oder gar multiple, die man ebenfalls hier in Betracht ziehen könnte, dito Doppellleben aktiver oder "schlafender" Spione, gelangweilter Ehefrauen (Belle de jour) usw. Gerade Frauen steht so etwas gut, aber man kann sich auch ganz lohnenswert fragen, wie viel Doppelleben in eine einzige physische Existenz passt zu mehr als ein bisschen schummeln reicht es dann doch wohl nur ganz selten.
Kieslowskis Film den es jetzt (2006) endlich in einer qualitativ befriedigenden DVD-Version gibt ist eine klassische Doppelgängergeschichte: es waren einmal zwei Mädchen ... die eine wuchs in Polen auf und hieß Weronika, die andere, Véronique, in Frankreich ... und sie waren sich sehr, sehr ähnlich. Ähnlich genug, dass ihnen oft die gleichen Dinge widerfahren, verschieden genug, dass es nicht nur an äußeren Umständen liegt, dass Weronika stirbt und Véronique überlebt (eine sehr respektable Leistung von Irène Jacob vgl. 3 Farben: Rot , die feine Differenz deutlich werden zu lassen, auch wenn man genau hinsehen muss dafür).
Beide junge Frauen haben ein unbestimmtes Gefühl, "nicht allein zu sein", und Véronique hat nach Weronikas Tod ein deutliches Gefühl von Verlust. Es gibt eine Szene, in der Weronika (ganz nach klassischem Muster: sie, die sterben wird) Véronique sieht, sie stutzt und begreift nicht; es ist Véronique, die erst später, photographisch vermittelt, dazu kommt, die Situation zu begreifen, woraufhin sie hemmungslos zu weinen beginnt um sich und um die andere.
![]() Weronika sieht Véronique ... |
![]() ... während Véronique fotografiert. |
![]() Das Begreifen ... |
![]() ... und der Schmerz. |
Kieslowski, ohne jegliche Scheu vor Allegorien, bringt einen Puppenspieler in Veroniques Leben, der schließlich zwei Puppen mit ihrem Gesicht anfertigt. "Pourquoi deux?", fragt Véronique. "Sie gehen bei den Vorstellungen so leicht kaputt." So ist das wohl, aber weder Véronique noch der Zuschauer will das hören.
Slavoj iek hat in seinem Buch über Kieslowski (und bei diversen anderen Gelegenheiten) interessante Interpretationen zu diesem Film geliefert, die durchaus wert sind, zur Kenntnis genommen zu werden, ob man sie einleuchtend finden wird oder nicht. Eine amüsante Erweiterung: Eigentlich hätte Juliette Binoche (vgl. 3 Farben: Blau) diese Doppelrolle spielen sollen, was jedoch an Terminproblemen scheiterte. Man darf vermuten, es wäre ein deutlich anderer Film geworden.
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