Ovid, Metamorphosen


Übersetzt von Erich Rösch. München: Heimeran, 1952

VIII, 152ff.

Juppitern, wie er gelobt, fällt Minos die Leiber von hundert Stieren,
sobald nach der Ausfahrt der Flotte erreicht der Cureten
Insel; die Königshalle, sie prangt im Schmucke der Beute.
Groß war geworden die Schmach des Geschlechts,
offenbar durch zwiegestalteten Leib des Unholds
der Mutter abscheulicher Ehbruch.
Minos beschließt seine Scham hinweg aus dem Hause zu schaffen
und in den finsteren Bau mit den vielen Kammern zu schließen.
Daedalus baut das Werk, in der Kunst der berühmteste Meister.
Und er versieht seine Kammern mit täuschenden Zeichen; die Augen
führt in den Krümmen der kraus sich verschlingenden Gänge er irre.
So wie in schimmernden Wellen Maeander in Phrygien spielt und
vorwärts und wieder zurück in zweifelndem Gleiten dahinfließt,
selbst sich begegnend oft seine eigenen Wasser sich nahn sieht,
jetzt nach der Quelle und jetzt nach dem offenen Meere gewandt, sein
ziellos Fluten lenkt, so füllt der Meister mit Irrnis
all die unzähligen Gänge. Er selbst vermochte die Schwelle
kaum mehr zu finden: so stark ist die Kraft des Truges im Hause.
Dort also schloß man ein den zwiegestalteten Mannstier.
Als den Unhold, der zweimal geletzt an attischem Blute,
der zum dritten Jahrneunt als Opfer Erloste gezähmt und,
nutzend der Jungfrau Rat, am zurückgewundenen Faden
wieder gefunden das Tor, was keinem zuvor noch gelungen,
segelte Theseus, die Tochter des Minos entführend, sogleich nach
Naxos und ließ an dessen Gestade die Reisegefährtin
grausam zurück. Doch ihr, der Verlassenen, Klagenden, brachte
Bacchus Liebesumfangen und Hilfe. Er nahm, daß sie ewig
strahle als helles Gestirn, vom Haupt ihr die Krone und warf sie
hoch zum Himmel empor. Sie flog durch die flüchtige Luft, es wurden,
während sie flog, ihre Steine zu glänzenden Lichtern,
blieben zuletzt, die Gestalt einer Krone bewahrend, inmitten
zwischen dem knieenden Mann und dem Schlangentragenden haften.

Daedalus, dem die lange Verbannung und Creta verhaßt sind,
den das Heimweh ergreift nach der Stadt, in der er geboren,
rings umschließt ihn das Meer. „Verrsperrt er auch Erde und Wasser",
ruft er, „frei bleibt doch mir der Himmel, und so will ich fliehen!
Mag er auch alles besitzen, besitzt doch Minos die Luft nicht!"
Spricht's und versenkt seinen Geist in unerhörtes Beginnen,
wandelt den Sinn der Natur. Denn Federn legt er in Reihe,
so, daß die Kleinste beginnt und den Langen die Kürzeren folgen,
wie wenn sie wüchsen am Hang. So steigt mit den ungleichgeschnittnen
Rohren allmählich auf die ländliche Flöte des Hirten.
Dann verknüpft er mit Garn die Mitte der Federn, die Kiele
klebt er mit Wachs und gibt, es nachzuahmen dem echten Vogel,
mäßige Schweifung dem Ganzen. Icarus steht, sein
Knabe, dabei; nicht ahnend, ans eigne Verhängnis zu rühren,
hascht er mit lachendem Blick nach dem Flaum bald, wenn ihn ein leichtes
Lüftchen verweht, bald knetet in harmlosem Spiel er das gelbe
Wachs mit kindlicher Hand und hindert so seines Vaters
staunenswürdiges Werk. Als dann an dieses die letzte
Hand der Meister gelegt, verteilt er selbst auf der Flügel
Paar seines Leibes Gewicht, bewegte die Lüfte – und schwebte.
Dann unterweist er den Sohn: »Mein Icarus, laß dich ermahnen!
Halte die Mitte der Bahn. Denn fliegst du zu tief, dann beschwert die
Welle die Federn, zu hoch, dann wird die Glut sie versengen.
Zwischen Beidem dein Flug! Und schaue du nicht auf Bootes,
nicht auf den Bären und nicht aufs gezückte Schwert des Orion.
Ich sei dir Führer allein!« So gab er die Richte dem Flug und
paßte den Schultern an das unvertraute Gefieder.
Während er schafft und mahnt, benetzt sich die Wange des Greises,
zittert des Vaters Hand. Er küßt sein Söhnchen – es sollte
niemals wieder geschehn – und dann, vom Fittich erhoben,
fliegt er voraus voller Sorg um den zarten Gefährten, dem Vogel
gleich, der von hohem Nest seine Jungen lockt in die Lüfte,
mahnt ihn zu folgen und zeigt die gefahrvolle Kunst; seine eignen
Flügel rührt er und blickt zurück auf die seines Sohnes.
Wer sie erblickt, ein Fischer vielleicht, der mit schwankender Rute
angelt, ein Hirte, gelehnt auf den Stab, auf die Sterzen gestützt, ein
Pflüger, sie schauen und staunen und glauben Götter zu sehen,
da durch den Äther sie nahn. Schon liegt zur Linken der Juno
heiliges Samos, liegt im Rücken Delos und Paros,
rechts schon Lebinthus erscheint und das honigreiche Calymne,
als der Knabe beginnt, sich des kühnen Fluges zu freuen,
als er den Führer verläßt und im Drang, sich zum Himmel zu heben,
höher den Weg sich wählt. Da erweicht der näheren Sonne
zehrende Glut das duftende Wachs, die Fessel der Federn.
Hingeschmolzen das Wachs; er rührt die nackenden Arme,
kann, seiner Flügelruder beraubt, keine Lüfte mehr fassen.
Und seinen Mund, der ›Vater‹ noch ruft, verschlingen die dunkeln
Wogen der blauen Flut, die seinen Namen erhalten.
Doch der Unselige – Vater nicht mehr – »Mein Icarus!« ruft er,
»Icarus!« ruft er, »wo bist du? Wo soll in der Welt ich dich suchen?«
›Icarus‹ rufend sieht er im Wasser treiben die Federn –
und verflucht seine Kunst. Er birgt im Grabmal des Toten
Leib. Dem Eiland ward des Bestatteten Namen gegeben.
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