[Theseus]
Aus: Geoffrey Stephen Kirk: Griechische Mythen. Ihre Bedeutung und Funktion. Reinbek: Rowohlt, 1987
Im Vergleich dazu [Bellerophon, Perseus] verdankt Theseus vieles seiner mythischen persona den Bestrebungen der Athener. Allen voran macht ihn der Tyrann Peisistratos im 6. Jahrhundert v. Chr. zu einem großen Nationalhelden. Die Athener verfuhren auf zweierlei Weise: sie setzten ihn so gut es ging zu Herakles - dem beau idéal - in bezug und schrieben ihm politische und soziale Aktivitäten zu, die rcan mit dem Anfang athenischer Demokratie gleichsetzte. Es steht außer Frage, daß die Theseus-Mythen verhältnismäßig spät, vor allem im 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. weitgehend überarbeitet wurden. Nicht nur von Peisistratos und seinen Söhnen, sondern auch von den anonymen Verfassern vieler Theseis (oder subepischer Dichtungen über Theseus) und verschiedenen Verfassern der athenischen Lokalgeschichte im 5. Jahrhundert und später. Teile des Theseus-Zyklus sind dennoch eindeutig älteren Datums, und die Schwierigkeit einer heutigen Beurteilung besteht darin, einen Trennungsstrich mit der erforderlichen Sorgfalt zu ziehen. [146]
Theseus wurde in Troizen geboren, einer Stadt, die an der Küste südlich von Athen liegt und deren alter Verbündeter sie war. Seine Mutter war Aithra und sein Vater ihr heimlicher Geliebte der athenische König Aigeus, oder sogar Poseidon, dessen Schutzgott. Unter einem Felsen ließ Aigeus ein Schwert und Sandalen als ein Zeichen zurück, mit dem Auftrag, sie nach Athen zu bringen, wenn der Knabe groß genug sei, um den Felsen beseitezuschieben. Mit sechzehn Jahren tat er es; doch statt des sicheren Landwegs nahm er den Küstenweg, um von dort die gefährlichen Wegelagerer zu beseitigen voll Freude darüber, so sagt man, daß Herakles gerade der Königin Omphale diente und infolgedessen diese Schurken ungeschoren gelassen hatte. Der Lyriker Bakchylides läßt Aigeus hiervon berichten:
Ein Herold war, nachdem er den weiten Weg vom Isthmos zurückgelegt hatte, gerade angekommen und berichtete von den unglaublichen Taten eines starken Mannes. Den gesetzlosen Sinis habe er getötet, den stärksten der Sterblichen, Sohn von Kronos' Sohn, dem Erderschüttrer [d. i. Poseidon]; er habe die menschenmordende Sau in den Waldtälern Kremmyons und auch den ruchlosen Skiron erschlagen; er habe den Ringplatz des Kerkyon in Besitz genommen, und Prokoptes habe, als er auf einen besseren Mann, als er einer sei, gestoßen sei, Polypemons mächtigen Hammer weggeworfen (18, 16 ff.).
Bakchylides mußte seine Zuhörer nicht darüber aufklären, daß Sinis seine Opfer an Fichten band, die bis zum Boden gebogen waren und die er dann hochschnellen ließ; daß die Kremmyonische Bache ihrer Wildheit wegen berühmt war; daß Skiron die Vorbeireisenden zwang, seine Füße zu waschen, um sie dann mit dem Fuß über die Klippen ins Meer zu stoßen, wo sie von einer Riesenschildkröte gefressen wurden; daß Kerkyon in der Nähe von Eleusis wohnte und die Reisenden nötigte, mit ihm zu ringen, bis er sie tötete, und daß Prokoptes, eher unter dem Namen Prokrustes - der Zwinger - bekannt, sie an der Grenze zu Athen abfing und sie durch Strecken oder Zurechtschneiden den Maßen seines tödlichen Bettes anpaßte.
Aigeus und seine Frau Medea, die er heiratete, nachdem sie Iason verstoßen hatte, waren dem Fremden gegenüber mißtrauisch. Sie versuchten ihn dadurch loszuwerden, daß sie ihn den Marathonischen Stier jagen ließen; vielleicht denselben, den Herakles in Kreta gefangen und auf das Festland mitgenommen hatte. Theseus kehrte erfolgreich nach Athen zurück, und diesmal vereitelte Aigeus Medeas Versuch, seinen Sohn zu vergiften, und [147] schickte sie weg. Kurz darauf beseitigte Theseus die Söhne des Pallas, die ebensowenig wie Medea über einen neuen Thronfolger begeistert waren. Schon davor liegt vielleicht die berühmteste seiner Taten, das Töten des Minotauros, des »Stiers des Minos«.
König Minos von Kreta verlangte, als Sühne für den Tod seines Sohnes Androgeos in Attika, alle drei Jahre einen Tribut, bestehend aus sieben Knaben und sieben Mädchen aus Athen. Sie wurden dem Minotauros vorgeworfen, einem Wesen, halb Mensch, halb Stier, das Ergebnis von Pasiphaes Vereinigung mit dem kretischen Stier einer Vereinigung, die durch eine von Daidalos' mechanischen Erfindungen ermöglicht worden war. Dieses schreckliche Ungetüm lebt in einem Labyrinth, einem Irrgarten, der gewöhnlich mit dem verwinkelten minoischen Palast zu Knossos gleichgesetzt wird. Theseus begibt sich in das Labyrinth und tötet seinen Bewohner. Ariadne, die Tochter des Minos, verhilft ihm entweder durch das berühmte Wollknäuel oder durch eine magische Lichtkrone, mit deren Hilfe er im Dunkeln sehen kann, zur Flucht. Die Tributleistungen sind jetzt beendet. Die Erzählung beginnt mit einem Wettkampf (ebenfalls von Bakchylides beschrieben), in dem Theseus in die Tiefe des Meeres taucht und die Göttin Amphitrite besucht, um zu beweisen, daß er ein Abkömmling Poseidons ist und dadurch mit Minos, der behauptet, ein Sohn Zeus' zu sein, auf einer Stufe steht. Auf dem Rückweg von Kreta bleibt seine Geliebte Ariadne, aus welchem Grund auch immer, auf Naxos zurück. Entweder verläßt er sie wegen eines anderen Mädchens, oder er muß sie auf Geheiß der Götter vergessen, oder der Gott Dionysos begehrt sie für sich und übernimmt sie, oder Artemis tötet sie dort auf sein Verlangen. Als nächstes stattet Theseus Delos einen Besuch ab, wo er und seine Begleiter einen speziellen »Kranich-Tanz« ausführen, der die Windungen des Labyrinths nachzeichnet. Als er sich schließlich Athen nähert, vergißt er, zum Zeichen seines Erfolgs das schwarze gegen das weiße Segel auszutauschen; daraufhin stürzt sich sein Vater Aigeus aus Verzweiflung von der Akropolis.
Jetzt ist Theseus König. Er gewinnt die Freundschaft des Peirithoos, des Königs der Lapiden, und hilft, die wollüstigen Kentauren bei der Hochzeit von Peirithoos zu besiegen. Peirithoos wiederum hilft ihm bei einer Expedition gegen die Amazonen ein Motiv, das an Herakles erinnert. Ebenso hilft er ihm, ihren Angriff auf Athen abzuwehren, mit dem sie ihre Königin Antiope zurückzugewinnen versuchen ein weiteres Opfer Theseus' männlicher [148] Verführungskünste. Denn der Heros zeigt sich auch unter einem anderen Aspekt, der vor allem in der merkwürdigen Erzählung von der Entführung der erst zwölfjährigen Helena aus Sparta durch ihn und Peirithoos zum Vorschein kommt. Sie sollte bis zu ihrer Hochzeit auf dem Land festgehalten werden, aber ihre Brüder, die Dioskuren, befreiten sie. Später mußte er Peirithoos dabei behilflich sein, dessen bevorzugtes Mädchen keine geringere als Persephone selbst aus der Unterwelt heraufzuholen. In einigen Versionen kommen sie nur bis zum Styx und werden in magischen Steinsesseln gefangen obwohl später meist Theseus, nicht aber Peirithoos von Herakles gerettet wird. Er kehrt nach Athen zurück, vereint die ländlichen Gemeinden, führt weitere politisch bedeutsame Taten aus, wird dann von Menestheus abgelöst und sucht bei König Lykomedes von Skyros Zuflucht, der ihn hinterhältig über die Felsen hinunterstürzt, und das (diesmal ohne Zutun der Schildkröte) ist das Ende des Theseus.
Das Ganze ist eine sonderbare Mischung von Erhabenem und Mysteriösem (das Labyrinth und Ariadne, »Sehr Heilig«, die einst, wie auch Persephone, eine Vegetationsgöttin war) bis zu Trivialem und Nebensächlichem (Helena und besonders die Episode in der Unterwelt). Die politisch angehauchten Teile mit Theseus als großem Demokraten sind kaum mythisch, und die Beziehung zur Amazonenkönigin wie die Nebenerzählung von seiner zweiten Frau Phaidra und seinem Sohn Hippolytos scheinen eine romantische Ausführung zu sein. Die dem Herakles abgeschauten Erlebnisse, die Beseitigung der Räuber wie die Expedition gegen die Amazonen, scheinen vom literarischen und künstlerischen Material her im wesentlichen Schöpfungen aus dem 7. oder 6. Jahrhundert v. Chr. zu sein. Die Freundschaft mit den Lapithen ist wahrscheinlich auch nicht sehr viel älter und könnte die Schöpfung des Tyrannen Peisistratos sein, der thessalische Verbündete hatte. Verschiedene andere Einzelheiten sind Elemente aus Volkserzählungen, die jederzeit entstanden sein können, besonders die Erzählung von dem schwarzen und weißen Segel bei seiner Rückkehr von Kreta.
Die Erlebnisse auf Kreta selbst gehen indessen mindestens bis auf die Zeit von Homer und Hesiod zurück, wahrscheinlich aber sind sie älter. Das spätere Bronzezeitalter ist nicht nur in dem Palast-Labyrinth plausibel wiedergegeben (labyrinthos, ein vorhellenisches Wort, das offensichtlich auf der Bezeichnung für »Doppelaxt« beruht, ein Symbol, das auf verschiedenen noch vorhandenen [149] Steinen des Palastes eingehauen ist), sondern auch im Stier selbst (da Stierkult und Stierkämpfe ein wesentlicher Teil minoischer Kultur waren) und in der Vorstellung, daß Athen Kreta Tribut leistete, wahrscheinlich zutreffend für das späte Bronzezeitalter, aber für keine darauffolgende Periode. Heute weiß man, daß die achaiischen Griechen Kreta um 1500 v.Chr. eroberten, und es ist möglich, daß der Mythos dies wiedergibt, obwohl er Athen zum Mittelpunkt hat. Auf jeden Fall war die Insel Keos vor der attischen Küste (zufällig die Heimat von Bakchylides) einst eine minoische Kolonie, und es ist denkbar, daß Teile Attikas sich zeitweilig unter minoischer Kontrolle befanden.
Die Vergewaltigung Helenas und der vereitelte Angriff auf Persephone sind erstaunlicherweise keine sehr späten Bestandteile, da sie auf Kunstwerken (dem Amyklaiischien Thron und der Kypseloslade zu Olympia), vom Reisenden Pausanias beschrieben, abgebildet sind und aus der Zeit des späten 7. oder 6. Jahrhunderts v. Chr. stammen. Bereits zu jener Zeit müssen sie zur Überlieferung gehört haben. Gleichwohl bezweifle ich, daß sie bis zur mykenischen Ära zurückreichen, obgleich es verwunderlich ist, daß sie in der Entwicklungsgeschichte des Theseus zu einem hehren Staatsgründer nicht unterdrückt wurden, was auf eine geradezu unantastbare Überlieferung hindeutet. Auch Peirithoos zählt zu den ambivalenten Figuren. Er ist der Sohn des Ixion, eines berüchtigten Halunken, der versuchte, selbst Hera zu vergewaltigen, weswegen seine Absichten gegenüber Persephone als epische Verdopplung verstanden werden können. In der Überlieferung wird er in einen Zusammenhang mit den Kentauren gestellt, und wahrscheinlich ist dieser Teil seines Mythos ziemlich alt.
Fast scheinen die Theseus-Mythen zu vielschichtig für eine kurze Abhandlung, aber auch eine eingehende Untersuchung käme in einem Punkt zum selben Ergebnis: daß ein Großteil der Bearbeitungen während der literarischen Periode vorgenommen wurden. Einzig die Episode auf Kreta scheint unbestreitbar alt zu sein; zu Recht hält man sie gemeinhin für eines der eindrucksvollsten epischen Themen der griechischen Mythen. Interessanterweise scheint sie ein nur unscharf erinnertes historisches Ereignis zu reflektieren, gar zu legitimieren, wodurch sie für die politischen Ausschmückungen, denen andere Teile der Theseus-Geschichte ihre Existenz verdanken, zum Vorbild wurde.