Aus: Thomas Pynchon: Die Enden der Parabel

Gravity's Rainbow, dt. von Elfriede Jelinek und Thomas Piltz. Reinbek: Rowohlt, 1981

[Pavlovia]

Von oben, aus einer deutschen Kameraeinstellung, überlegt sich Webley Silvernail, ist auch dieses Labor ein Labyrinth, stimmt's oder nicht? Behavioristen suchen ihre Wege zwischen diesen Tischen und Konsolen wie Ratten und Mäuse. Ihre Verstärkung ist keine Futterpille, sondern ein geglücktes Experiment. Doch wer beobachtet sie von oben, wer registriert ihre Reaktionen? Wer hört diese kleinen Tiere in den Käfigen, wenn sie sich paaren, ihre Jungen säugen, sich durch die grauen Vierecke hindurch unterhalten oder, wie jetzt, zu singen beginnen ... Sie haben ihre Käfige sogar verlassen, sind zur Größe Webley Silvernails gewachsen (obwohl keiner vom Laborpersonal das zu bemerken scheint) und tanzen jetzt mit ihm durch die langen Gänge, vorbei an den metallenen Apparaturen, während Conga-Trommeln und ein tropisches Orchester mit dem Rhythmus und der Melodie eines aktuellen Hits einfallen:

Pawlowien (Beguine)

Frühling war's in Pawlo-o-wi-en,
Ich irrte durchs Labyrinth,
Lysol durchduftete die Luft,
Hier drinnen wehte kein Wind ...
Dann fand ich dich, verirrt wie mich,
Du schienst so furchtbar jung,
Wir tauschten Nasengrüße aus –
Mein Herz tat einen Sprung!

Gemeinsam fanden wir hinaus
Und teilten uns die Belohnungen
Wie einen Abend in einem kleinen Cafe,
Vor dem Abtransport in unsere Wohnungen [364]
Und schon ist es Herbst in Pawlo-o-wi-en,
Und ich bin wieder allein ...
Meine Einsamkeit mißt in Millivolt
Durch Rückenmark und Gebein.
Und ich denke an unser kleines Cafe
Und weiß deinen Namen nicht –
Denn sie lassen dir nichts in Pawlo-o-wi-en
Als ein Labyrinth ohne Licht...

Die Ratten und Mäuse tanzen in sich verschlingenden Ketten, formieren sich zu Kreisen, schlagen ihre Schwänze rhythmisch nach innen und außen, um abwechselnd Chrysanthemen- und Sonnenmuster zu zeichnen, und laufen schließlich zur Gestalt einer einzigen Riesenmaus zusammen, als deren Auge ein strahlender Silvernail posiert, die Arme zu einem V erhoben, mit dem er die letzte Note des Songs, gemeinsam mit dem gigantischen Nagerchor und der Band, unterstützt. Ein Propagandaflugblatt, eines der klassischen Meisterwerke der PWD, fordert in diesen Tagen den Volksgrenadier auf: setzt V 2 ein!, darunter eine Fußnote, die erklärt, daß mit «V 2» die Armhaltung gemeint ist, mit der man sich ehrenvoll ergibt (nichts gegen Galgenhumor), und in phonetischer Umschreibung die Worte mitliefert, die man dabei auszusprechen hat - «ei ssörender». Steht Webleys V hier für Victory oder für Ssörender?

Sie haben ihren Augenblick der Freiheit gehabt. Webley Silvernail war nur der Gaststar. Jetzt geht's zurück in die Käfige und zu den rationalisierten Formen des Todes - des Todes im Dienst jener einzigen Gattung, die mit dem Bewußtsein ihrer Sterblichkeit geschlagen ist... «Ich würde euch befreien, wenn ich nur wüßte, wie. Aber hier draußen gibt es auch keine Freiheit. All die Tiere, Pflanzen, Steine, ja sogar andere Gattungen Mensch, sie alle werden jeden Tag zerbrochen und wieder neu zusammengesetzt, nur um die Elite der Wenigen zu erhalten, die am lautesten über Freiheit theoretisieren und selbst am wenigsten frei sind. Ich kann euch nicht mal Hoffnung machen, daß [365] sich das ändern wird - daß sie eines Tages aus ihren Verstecken kommen, den Tod und die durchdachten Schrecken ihrer Technologie vergessen und damit aufhören, jede andere Form des Lebens gnadenlos zu benutzen, um das, was die Menschen quält, auf ein erträgliches Maß zu bringen - daß sie so sein könnten wie ihr, einfach da, einfach lebendig ...» Der Gaststar geht durch die Korridore ab.


[Aufsteigen]

In letzter Zeit, als wären sie alle auf die gleiche Welle X im Äther eingestimmt, haben sich völlig neue Sorten von bizarren Sonderlingen bei der «Weißen Visitation» eingefunden, zu allen Tages- und Nachtstunden, stumm, glotzend, voller Erwartung, daß man sich um sie kümmern werde, seltsame Apparate aus Metall und Glas im Arm, wächsern vor Trance oder hyperkinetisch auf das Stichwort lauernd, das sie mit schauderhaften 200 Worten pro Minute von ihren jeweiligen furchtbaren Fertigkeiten losrattern lassen würde. Eine Attacke. Was machen wir z. B. aus Gavin Trefoil, für dessen Begabung es noch nicht mal einen Namen gibt? (Rollo Groast plädiert für Autochromatismus.) Gavin, der jüngste hier, erst siebzehn, ist in der Lage, durch reine Willenskraft eine seiner Aminosäuren, das Tyrosin, chemisch umzuwandeln. Dabei entsteht Melanin, das braunschwarze Pigment, das für die Hautfarbe des Menschen verantwortlich ist. [238] Gavin kann diese Metabolisierung aber auch unterdrücken, indem er, so hat es den Anschein, den Phenylalaninspiegel in seinem Blut verändert. Auf diese Weise kann er seine Hautfarbe vom geisterhaftesten Albinoweiß über eine stufenlose Palette von Zwischentönen bis hin zu einem äußerst intensiven, purpurnen Schwarz variieren. Wenn er sich konzentriert, vermag er jede dieser Farben wochenlang aufrechtzuerhalten. Für gewöhnlich aber läßt er sich ablenken oder vergißt es einfach und fällt dann stufenweise wieder in den Normalzustand eines blassen sommersprossigen Rotschopfs zurück. Man kann sich vorstellen, wie nützlich er Gerhardt von Göll bei den Dreharbeiten zum Schwarzkommando-Streifen war. Als variable Referenz half er, beim Schminken und Ausleuchten buchstäblich Stunden einzusparen. Die beste Erklärung, wie er's macht, ist noch die von Rollo, aber auch sie ist hoffnungslos vage: Wir wissen, daß die melaninbildenden Hautzellen, die Melanozyten, bei uns allen in einem frühen Stadium der Embryoentwicklung Teil des Zentralnervensystems sind. Während der Fetus wächst und das Zellgewebe sich differenziert, lösen sich einige dieser Nervenzellen von dem ab, was später das ZNS sein wird, und wandern an die Hautoberfläche, um zu Melanozyten zu werden. Dabei behalten sie den typischen, dreiästigen Bau der Nervenzelle mit einem Neurit und zwei Dendritenfortsätzen bei. Aber die Dendriten dienen jetzt nicht mehr dazu, elektrische Signale zu übertragen, sondern sie transportieren Hautpigment. Rollo Groast glaubt, daß eine bislang unentdeckte Verbindung besteht, eine Art überlebendes Zellgedächtnis, das noch als Kolonie fühlt und auf die Botschaften des Mutterlandes, des Gehirns, reagiert. Botschaften, die dem jungen Trefoil gar nicht bewußt zu sein brauchen. «Es ist dies Teil», schreibt Rollo in einem Brief an Dr. Groast senior daheim in Lancashire und übt subtile Rache für die Kindermärchen von der Hexe Grünzahn, die einst in den Sümpfen lauern sollte, um ihn zu sich herabzuziehen, «Teil eines alten und heimlichen Dramas, zu dem der Körper kaum mehr darstellt als eine beziehungsreiche und oft kaum verständliche [239] Programmnotiz – fast so, als wäre dieser Leib, den wir vermessen können, nur ein Fetzen aus einem Programmheft, den wir auf der Straße vor einem grandiosen steinernen Theater aufgelesen haben, das wir nicht betreten dürfen. Die Windungen der Sprache, uns verweigert! die große Bühne, die noch dunkler ist als Tyrone Guthries gewohntes Dämmerlicht... Blattgold und Spiegel, roter Samt, endlose Logenreihen, alles im Schatten, wahrend unten, irgendwo auf der riesigen Vorderbühne, unerreichbar für unsere Geometrien, die Stimmen von Geheimem sprechen, das wir nie erfahren ...»

– Alles, was aus dem ZNS raufkommt, muß hier eingeordnet werden, klar? Das wird Ihnen verdammt lästig werden mit der Zeit. Das meiste von dem Zeug ist zu nichts zu gebrauchen. Aber man kann nie wissen, wann sie irgend etwas von einem wollen. Mitten in der Nacht oder mitten im schlimmsten Ultraviolettbeschuß, für die da hinten macht das keinen Unterschied.

– Kommen Sie eigentlich manchmal auch ... ich meine, raus auf die Äußere Ebene? (Lange Pause, während gemischte Gefühle über die Gesichtszüge der Vorarbeiterin ziehen – amüsiertes Staunen, Mitleid, Sorge. Der Lehrling ergreift wieder das Wort.) Tu-tut mir leid, ich wollte nicht –

– (Schroff) Sie müssen es sowieso erfahren, es gehört zur Einweisung.

– Was muß ich erfahren?

– Was auch ich einmal erfahren habe. Wir geben es weiter, eine Generation an die nächste. (Nichts, womit sie sich jetzt beschäftigen könnte, scheint ihr plausibel genug, sich dahinter zu verschanzen. Wir spüren, daß das Folgende für sie noch nicht Routine ist. Im Gefühl ihrer Verantwortung bemüht sie sich, betont ruhig, ja fast schon zärtlich zu sprechen.) Wir alle steigen auf zur Äußeren Ebene, junger Mann. Einige bald, andere nicht so rasch. Aber früher oder später muß jeder von uns hier draußen epidermal werden. Ohne Ausnahme.

– Er muß?

– Es tut mir leid. [239]

– Aber ist denn ... ich dachte, es wäre nur eine, tja, eine Ebene. Ein Ort, dem man einen Besuch abstattet. Stimmt das denn nicht... ?
– Eine exotische Landschaft, ja, das hab ich selbst einmal geglaubt – ungewöhnliche Formationen, ein kurzes Blinzeln in den Äußeren Glanz. Aber die Landschaft besteht aus uns, verstehst du, Millionen von uns, in Grenzfläche verwandelt, in Hornhaut, fühllos und stumm.

– O Gott. (Eine Pause. Er versucht, das Gehörte zu begreifen - dann stößt er es voller Entsetzen von sich:) Nein - wie können Sie so etwas sagen - spüren Sie denn die Erinnerung nicht? Das Band ... wir leben in der Fremde, aber wir haben eine Heimat! (Sein Gegenüber schweigt.) Dort unten! Nicht an der Grenzfläche oben. Unten im ZNS!

– (Sanft) Diese Theorie haben schon viele vertreten. Gefallene Funken. Fragmente von Gefäßen, die bei der Schöpfung zerbrachen. Und irgendwie, irgendwann, bevor alles zu Ende geht, der große Zug in die Heimat. Ein Bote des Königreichs, der im letzten Augenblick kommt. Doch glaub mir, es gibt keine solche Botschaft, und es gibt keine Heimat – nur die Millionen von letzten Augenblicken ... sonst nichts. Unsere Geschichte ist eine Summe aus letzten Augenblicken.


[Ein Heulen kommt über den Himmel]

Ein Heulen kommt über den Himmel. Das ist früher schon geschehen, mit diesem aber läßt sich nichts vergleichen.
Es ist zu spät. Die Evakuierung geht zwar immer noch weiter, ist aber alles Theater. Keine Lichter in den Wagen. Überhaupt nirgends Lichter. Über seinem Kopf ragt eine Stahlkonstruktion empor, alt wie eine eiserne Königin, irgendwo weit oben schimmert Glas, welches das Tageslicht durchlassen würde. Aber es ist Nacht. Er fürchtet sich vor dem Augenblick, da das ganze Glas herunterstürzen wird, bald. Das wird ein Spektakel geben: der Fall eines Kristallpalastes, jedoch in völliger Verdunkelung, ohne jeglichen Lichtschimmer, nur ein gewaltiges, unsichtbares Krachen.
Drinnen im Abteil, das in verschiedene Ebenen gegliedert ist, sitzt er in samtiger Dunkelheit. Nichts zu rauchen. Er spürt, wie Metall an Metall sich reibt, sich mit Metall verbindet, manchmal ganz nah, dann wieder entfernter, er hört Dampf in zischenden Wolken entweichen, fühlt das Fahrgestell vibrieren, ein Schwanken, ein Unbehagen - und all die anderen, die man zu ihm hineingepfercht hat, Schwächlinge, Schafe zweiter Wahl, schon jenseits von Glück und Zeit: Säufer, alte Veteranen, die noch vor Geschützen zittern, die schon seit zwanzig Jahren verrosten, kleine Gauner in städtischen Kleidern, menschliches Strandgut, erschöpfte Frauen mit mehr Kindern, als man irgend haben kann, aufgestapelt mit dem übrigen Gerümpel, alles auf dem Weg zur Erlösung. Von den Gesichtern sind nur die allernächsten zu erkennen, und auch sie nur wie halb verspiegelte Bilder in einem Sucher, grünfleckige Gesichter von VIPs, die als flüchtige Erinnerungen hinter kugelsicheren Scheiben durch die Stadt rasen ...
Jetzt setzen sie sich langsam in Bewegung. Die Kolonne verläßt den Hauptbahnhof, die Innenstadt und beginnt, sich in ältere [10] und trostlosere Viertel der Stadt vorzuarbeiten. Ist das der Weg hinaus? Gesichter wenden sich den Fenstern zu, aber keiner wagt eine Frage, jedenfalls nicht laut. Vom Himmel fällt Regen. Nein, das ist kein Freikommen, sondern ein immer heftigeres Sichverstricken – es geht in Bogengänge hinein, geheime Einfahrten aus verwittertem Beton, die nur so aussahen, als wären sie die Schleifen einer Unterführung ... Gerüste aus rußgeschwärztem Holz sind langsam über ihren Köpfen vorübergezogen, imprägniert vom Geruch uralter Kohle, vom Geruch nach Naphthalinwintern, nach Sonntagen, an denen hier kein Verkehr durchkam, nach dem korallenartigen, geheimnisvoll lebendigen Wachstum um blinde Kurven herum, entlang einsamer Nebenstrecken, ein säuerlicher Geruch nach verschwundenen Wagen, nach wucherndem Rost, der durch die immer leereren Tage wächst, leuchtend und tief, vor allem zur Stunde der Dämmerung, wenn blaue Schatten seinen Weg versiegeln, um die Ereignisse auf Absolut Null zu bringen ... und es wird ärmlicher, je tiefer sie vordringen ... geheime Ruinenstädte der Armen, Orte, deren Namen er niemals gehört hat... Mauern brechen ein, Dächer werden seltener, die Hoffnung auf Licht schwindet. Die Straße, statt in eine breite Verkehrsader einzumünden, ist immer enger geworden, immer winkliger, hat sich immer stärker gekrümmt, bis sie alle plötzlich, viel zu früh, unter dem letzten Viaduktbogen angelangt sind: Bremsen greifen, der Wagen bockt und schüttelt heftig. Das ist der endgültige Urteilsspruch: keine Berufung.
Die Karawane hat angehalten. Endstation. Alle Evakuierten müssen aussteigen. Sie bewegen sich langsam, doch ohne Widerstand. Die Ordnungskräfte tragen bleifarbene Kokarden und sprechen nicht. Es ist irgendein riesiges, sehr altes und düsteres Hotel, eine eiserne Fortsetzung all der Schienen und Weichen, die sie hierhergelenkt haben ... Kugellampen hängen, dunkelgrün gestrichen, von verzierten, schmiedeeisernen Trägern, seit Jahrhunderten unangezündet... ohne zu murren oder zu husten, bewegt sich die Menge durch Korridore, die schnurgerade verlaufen, [11] funktionell wie die Galerien in einem Warenhaus ... samtschwarze Wände fassen den Strom: Es riecht nach altem Holz, nach entlegenen Zimmerfluchten, verwaist und nur geöffnet, um diesen Ansturm verlorener Seelen aufzunehmen, nach feuchtem Stuck, wo alle Ratten verendet und nur ihre Geister, lautlos wie Höhlenmalerei, starrsinnig und erleuchtet in die Mauern gebannt sind ... gruppenweise werden die Evakuierten nach oben transportiert, in einem Lift, einem Holzgerüst, das nach allen Seiten offen ist und an alten, teerigen Seilen mit gußeisernen Flaschenzügen läuft, deren Radspeichen S-förmig gekrümmt sind. In jedem braunen Stockwerk steigen Fahrgäste ein und aus ... Tausende solcher schweigenden Räume ohne Licht...
Manche warten allein, andere teilen ihre unsichtbaren Zimmer mit anderen. Unsichtbar, ja, was macht denn Mobiliar noch aus in diesem Stadium der Dinge? Unter den Füßen knirscht uralter Straßendreck, letzte Kristallisationen all dessen, was die Stadt zurückgewiesen hat, womit sie ihre Kinder bedroht und belogen hat. Jeder hat eine Stimme gehört, von der er glaubte, daß sie nur zu ihm alleine spräche: Du hast doch nicht im Ernst gedacht, daß du gerettet werden würdest. Komm, komm, wir alle wissen mittlerweile schließlich, wer wir sind. Kein Mensch würde sich jemals die Mühe machen, ausgerechnet dich zu retten, alter Knabe ...
Es gibt keinen Ausweg. Leg dich hin und warte, lieg still da und sei ruhig. Das Heulen hält sich am Himmel. Wird es, wenn es kommt, in Dunkelheit kommen, oder wird es sein eigenes Licht mitbringen? Wird das Licht vorher oder nachher kommen?

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