Aber jetzt, da sie erwacht ist, weiß sie nicht mehr,
wie sie in dieses Zimmer geraten ist. Aber die Treppe,
denkt sie, war baufällig und verwinkelt.
Überall riecht es nach Flieder. Aber sie kennt
diese weißen Vorhänge, die sich bauschen, bauschen.
Derselbe Nachtfalter sitzt auf dem verschlissenen Sessel.
Er zittert, seine Flügel schimmern, mehlig und weich.
Biochemie. Sie hat Biochemie studiert. Aber wo
ist der Lichtschalter? Wo ist ihr Kugelschreiber
geblieben, die alte Tasche, der Autoschlüssel?
Das ist doch Wahnsinn. Sie horcht. Sie reißt
das Fenster auf. Sie ist nackt, sie schaudert,
zuckt, dehnt ihre kühlen Zehen. Sie denkt:
Aber dieser Nachtfalter, dieses vage Verlangen,
die weißen Kerzen der Kastanien über dem Zaun -
das alles ist unerklärlich. Kein Güterzug klirrt
und rumpelt vorbei, nicht einmal eine Uhr
tickt hier. Aber ohne Geschichte, denkt sie,
ohne Zeitungen, Präparate, bin ich verloren.
Zum Verrücktwerden, daß das alles stirbt
und wiederkehrt: die nackte Haut, das Mondlicht,
der Falter mit seinen weißen Fühlern, die suchen,
suchen, und der Geruch des Flieders in diesem hohen Zimmer.
Aber alles ist da, genau wie vor hundert Jahren.
H. M. Enzensberger: Gedichte 1950-1985. FfM: Suhrkamp, 1986, 141
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