Labyrinthe: Fakten und Assoziationen


»Eine künstliche, von Menschen gemachte Struktur – meistens architektonisch oder als Gartenanlage realisiert – die geeignet ist, einen zu verwirren, in die Irre gehen zu lassen.« Einen also seinem gewohnten, vertrauten Umfeld, seiner angestammten Gegend radikal zu entfremden. Wobei einem dann klar wird, wie viel einem mit der vertrauten Umgebung und ihren Situationen auch von sich selbst abhanden kommt. Was dann noch übrig ist, das muss dann wohl man selber sein?

So könnte man anfangen, darüber zu reden. Grundlegend ist der Unterschied zwischen Labyrinthen und Irrgärten: Labyrinthe haben nur einen Weg und zwei Richtungen – einwärts, auswärts – proximal, distal – Irrgärten haben viele verschiedene. Der Unterschied wurde selten strikt beachtet – so war das originäre Labyrinth auf Kreta eigentlich ein Irrgarten, ganz entsprechend seiner Funktion als Gefängnis.

Irrgärten erlauben viele Wege – in der Form, wie man sie als Konzentrationsübung auf dem Papier verwendet, haben sie einen Eingang und einen Ausgang, und es gibt einen optimalen Weg, aber notwendig ist das keineswegs. Man könnte sich mehrere Eingänge und Ausgänge vorstellen, sich auch vorstellen, dass man vielleicht – wie bei manchem philosophischen Problem – gar zu schnell wieder draußen wäre. Wesentlich wäre sicher auch die Möglichkeit, im Kreis zu gehen, auch wenn einen geduldige Konsequenz dennoch immer zu einem Ausgang führen würde. Doch nehmen wir an, unser Licht sei beinahe heruntergebrannt, die Luft schwer und feucht, die Ratten allgegenwärtig, wer wird sich da schon konsequent rechts oder konsequent links halten? Wenn man doch auch immerfort etwas wiederzuerkennen meint, das einem Abkürzungen, einen alsbaldigen Ausweg verspricht?

Irrgärten sind ein wenig aufwendig in der Realisierung; ihr einfacheres, jahrmarktsmäßiges Äquivalent sind Spiegelkabinette. Auch in ihnen (wenn sie einigermaßen in Stand gehalten sind) kann man Desorientierung erfahren und man begegnet in ihnen sich selbst (»Doppelgänger«, siehe unten, nicht nur in vielfältigen Spottgestalten), man kann auch milde, wohldosierte Schwierigkeiten haben, wieder herauszufinden, genau nach der Formel, dass es darum geht, das Gefühl zu erzeugen, als könnte etwas Außergewöhnliches geschehen – und einen gleichzeitig beruhigt zu lassen: es wird schon nicht. Spiegel freilich haben ihre eigene umfangreiche Folklore und Metaphorik, so dass ich es beim Hinweis belasse.


Künstlich, von Menschen gemacht. – Das lässt an Plan und einen Planer denken, ein génie malin, an Absichten und Täuschung. Natur täuscht, hm, eher selten, und vor allem kann man ihr triftig keine Absicht zuschreiben.

Manchmal schon.

Natürlich kann man sich auch sonst verirren. Jede geographische Zone hat ihre Lieblingsirre – die Wüste, der Wald, das Eis – und die See macht sowieso jede unmittelbar sinnliche Orientierung zunichte (natürlich, wenn man eine Uhr hat, oder wenigstens Aufgang und Untergang der Sonne kennt – aber auch dann kann einem noch viel passieren). Es ist beinahe gleichgültig, ob es zuviel oder zuwenig Details wahrzunehmen gibt – natürlich ist ein Wald voller Hinweise – wir sind offenbar auf ein mittleres Maß an Zeichen angewiesen, die wir noch zur orientierenden Charakteristik zusammenfassen können. (So, wie wir bei Landschaften auf eine mittlere Merkmalsdichte angewiesen sind, so sind wir offenbar kognitiv auch auf eine mittlere Sinndichte geeicht - zuviel bekommt uns nicht, wir nennen es Beziehungswahn.) Mit dem Zusammenbruch der Orientierung bricht auch sonst allerlei zusammen – in vielen Märchen beginnt mit dem Wald auch eine Zone des Zaubers. Da leben dann die Drachen, Hexen, Kobolde usw., vor ihnen muss man sich bewähren, da kann man auch Schätze gewinnen. Denken wir auch kurz an die wunderbare Metapher der Holzwege – was den fremden Wanderer narrt, daraus zieht der »Holzmacher und Waldhüter« sein Einkommen. (Wie war das doch – »Der Gedanke, daß es zwei wesenhaft verschiedene Klassen von Menschen gibt, liegt aller Gnosis zugrunde«?)

In modernisierter Weise findet sich alles das wieder in Picknick am Wegesrand der Brüder Strugatzki – Reste eines Besuchs von Außerirdischen haben eine gefährliche und glückverheißende Zone entstehen lassen – und in Tarkowskis danach entstandenen Film Stalker; nur nebenbei sei auf die schöne Interpretation von Slavoj Žižek dazu hingewiesen [Picknick der Aliens, Lettre #43, 1998, 84–92]. – Auch geschichtliche Ereignisse können Zonen schaffen; Thomas Pynchon (Gravity's Rainbow, Teil III: In the Zone) nutzt die Besatzungszonen in Deutschland als Metapher für einen sich ausbreitenden ultra-modernen Weltzustand, dem man nur noch mit Paranoia begegnen, aber nicht Herr werden kann. Dabei zitiert er Frank L. Baums Wizard of Oz – nein, das ist nicht mehr Kansas, überhaupt nicht ... wobei diese Geschichte inzwischen in der Mythologie der mind control ja auch eine finstere Lesart bekommen hat. Seine Sprichwörter für Paranoiker geben gewissermaßen den Anfang eines Fadens, der entlang Begriffen wie Entscheidbarkeit, Komplexität und Entropie in das Labyrinth der Verschwörungstheorien führt. (Noch erinnerlich, wie einem so genannte Linke die Verschwörungstheorien verbieten wollten (z.B. in einem Kursbuch dieses Titels); dabei ist doch eine Welt mit 6 Milliarden Menschen jederzeit für Tausende von konkurrierenden Verschwörungen gut – es brauchen bloß drei Geschäftsleute zusammenzukommen, gleich hecken sie eine Verschwörung gegen ihre Kundschaft aus (Adam Smith) – ach vorbei, inzwischen ist es ja amtlich. Déjà–vu happens every time they change something (Matrix).)

Sich selbst begegnen. – Ich glaube, Frederic Brown hat einmal eine kleine Kurzgeschichte geschrieben, in der Außerirdische eine geheimnisvolle Botschaft senden, die über das Fernsehen verbreitet wird – tatvamashi – und die Zuschauer verwandeln sich daraufhin in Kartoffelbrei (mash). Also ›das bist du‹, normalerweise will man es gar nicht wissen; auch ›du sollst mich kennen lernen‹ ist ja eine Drohung. In unserer Wirklichkeit fürchtet man stattdessen, eine ganz und mit Originalton gesendete Ansprache Usama bin Ladens könnte irgendwelche Schläfer aufwecken – welch ein Optimismus! Für unsere gegenwärtigen Zwecke (ha, Zwecke!) halten wir uns vielleicht besser an an Erving Goffmans Grundsatz »... I intend ... merely to sneak in and watch the way the people snore.« [Frame Analysis, NY: Harper, 1974, 14] – Kurz zuvor schreibt er schon »Social life is dubious enough and ludicrous enough without having to wish it further into unreality.« [aaO., 2] – ach Gutster, als ob es auf das Wünschen ankäme. – Man kann sich fragen, wie eine materiale Theorie der Täuschung auf Grund der damaligen Erfahrung ausgesehen hätte; einige interessante Versuche blieben jedenfalls Fragment.

Tief wie der Schlaf übrigens sein mag, man schläft schlecht, und man könnte Filme wie Truman Show oder Matrix hier als Belege anführen (welche ihrerseits, in welcher Weise auch immer, allerlei philosophisches Erbe transportieren).


»Wir nennen das residuales Körperbild.« – Der Hintergrund ist real; Frau Moss sieht bloß so aus.

An sich selbst (wie an Jesus Christus) kommt man aber nicht vorbei (Unverschämtheit in dem Gedränge, hat Arnfried Astel einmal diese Floskel kontextualisiert); jenseits der theoretischen Einordnung und Bewertung ist es unstrittig, dass heutige Zeiten eine ständige Auf- und Zubereitung der Persönlichkeit – des Selbst – erfordern, Konformdruck (mit seinen wohlbekannten begleitenden Ängsten) nicht primär zu etwas Bestimmtem (mit offensichtlichen Ausnahmen im politischen Brackwasser, wo inhaltliche Gleichschaltung noch angesagt ist), sondern zu einer je individuellen – riskanten und selbst zu verantwortenden – Fortentwicklung. (Heutige Zeiten? Da sei uns doch etwa Stephen Greenblatts Renaissance Self-Fashioning vor – in der Tat, einmal darauf hingewiesen sieht man derartige Mechanismen schier überall am Werk, und qualitative Unterscheidungen werden fragwürdig. Vielleicht hat man sich immer nur etwas auf sich eingebildet? Und jetzt Fadenriß? Nein, den gibt es höchstens Freitag auf Samstag.)

Also suchen wir in unserem Selbst, »als sei es ein Wald« (Roy Baumeister), und indem wir suchen, konstruieren wir (in Kenneth Gergens Das übersättigte Selbst [Heidelberg: Auer, 1996] findet man die einschlägigen psychologischen Argumentationen leichtverdaulich und mit weiterführender Literatur präsentiert). Also gestern Esoterik, vorgestern Psychoboom – man könnte diesem Faden durch viele Windungen hindurch folgen; die Psychoanalyse ist sicherlich ein wichtiger Knoten dabei (weshalb sich hier auch Freuds selbstkritische Reflexion über die Macht der Methode findet). Doch der geheimnisvolle Weg geht schon viel länger nach innen und rückwärts in die persönliche Vergangenheit auch über die Geburt hinaus (nach unten, zur ursprünglichen Untat, parodieren es dann Poe und Lovecraft). Nicht geboren zu sein, Höheres wünscht kein Mensch? Nein, sich frei gesetzt zu haben, und zwar als good guy. Man kann Schellings tiefen Spekulationen in der Freiheitsschrift (denen ja auch umfänglich von ihm vorgearbeitet wurde) gerade an den entscheidenden Stellen nicht ohne ein leises Gefühl der Peinlichkeit folgen. »Als das Wünschen noch geholfen hat.« – Mit der Unendlichkeit und Unabschließbarkeit der Suche wächst natürlich auch das Verlangen nach nicht-trivialen Enden (»Not like that!« ruft die arme Switch aus, reklamiert Würde, bevor ihr der Stecker gezogen wird); auch die christliche Religion hält ja dafür, dass einfach zu sterben nicht genug sein kann, es muss auch Gericht, Himmel und Hölle geben, und zwar so, wie es uns bestimmt ist und wie wir uns nach unserer Bestimmung gebildet haben.


Labyrinthe waren und sind ein Hilfsmittel bei der meditativen Suche nach sich selbst – in der Gestalt, wie sie christlich aufgenommen wurden, haben sie vier Teile (vier, die Zahl der Erde, auch die Zahl der Elemente) und entsprechend ein Kreuz in sich.

Chartres: Das Labyrinth ...

...und der Weg darin.

Wie lang der Weg ist, wird deutlich, sobald man ihn mit Text belegt - hier vier Mal das Glaubensbekenntnis bei großzügiger Laufweite.


Besonders legen sich dabei auch die Kehren der christlichen Botschaft nahe, die nicht nur die Wechselfälle des Lebens repräsentieren – »... it [die christliche Botschaft] meant metanoia, conversion, or repentance: completely changing one's orientation and starting over afresh in response to something entirely new. ›The kingdom of God is at hand. Metanoiete: Change your ways‹ (Mark 1:15).« [Thomas Sheehan: The First Coming] Aus metanoia und ihrem Verb hat sich ein umfangreiches Wortfeld herausdifferenziert: Be–kehrung, Um–kehr, Kon–version, Reue, Buße ... und natürlich, es ist ein Durchgangsstadium von der Unwissenheit zum Wissen, aber kein sanfter Taumel, sondern ein zerreißender Wahnsinn [auch Cooper und Laing sprechen von metanoia in ihrer Erörterung der Psychosen] – als würden einem die Gliedmaßen abgeschroben und man neu zusammengesetzt.

Keine Frage, dass Jesus hier ziemlich viel verlangt; daher ja auch der Streit, den zu bringen er versprochen hat. Je genauer wir auf die Bekehrung schauen, um so mehr legt sich ein anderes griechisches Wort nahe: Trauma – Wunde, Schaden, Niederlage. Und wer macht das schon gerne durch [sagen wir: Kompensation], und wer kann sich das denn überhaupt zielgerichtet antun? Wissen wir doch, dass plötzliche Veränderungen der Persönlichkeit, wenn sie von trivialen Lebensereignissen herbeigeführt werden, normalerweise nicht zum Guten ausschlagen. Es muss also noch etwas Anderes hinzukommen, der (große) Andere muss tätig werden, damit metanoia Verheißung sein kann statt nur einer Drohung. Welche man andererseits nicht vergessen möchte, wie denn J. P. Hahn, ein württembergischer Pfarrer des 18. Jahrhunderts über einen lästigen Vorgesetzten notierte: »Ich habe für seine Bekehrung oder Umstürzung gebetet.«


Eine einfachere Konstruktion.

Gewissermaßen zur Erholung kann man sich übrigens überlegen, ob denn die Vierzahl (oder überhaupt eine gerade Zahl) als Organisationsprinzip eines Labyrinths unvermeidlich ist; man hat es mathematisch mit einem Sonderfall eines Parkettierungsproblems (nun ja, Flächennutzung ... auch politisch zum Kopfzerbrechen) zu tun, und auch in solchen Problemen kann man sich gut verlaufen. Offensichtlich gibt es da Optimierungsgesichtspunkte – von zahlenmystischen Belastungen (ausgerechnet Pentagon) einmal abgesehen.


Ausgeruht stellt sich sodann die Frage nach Weltmodellen. Gegenwärtig sind davon hauptsächlich zwei in Umlauf (beide von respektheischendem Alter), die Farm oder die Schule; eines ist richtig und das andere ganz verkehrt. Anathema sit, »wenn einer sagt oder dafürhält, die Bestrafung der Dämonen und der gottlosen Menschen sei zeitlich und werde zu irgendeiner Zeit ein Ende haben; oder es werde eine Wiederbringung von Dämonen oder gottlosen Menschen geben«. Denn ein Ende muss es haben, und zwar ein ordentliches, daher 543 die Verurteilung der fluchwürdigen Lehren des Origines. (Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, verurteilt ihn heute weiter, nicht ohne Grund.) Denn es sind Kriege im Himmel (und auf Erden), und Frieden ist nur eine Verheißung für die Endzeit (ohne welche man freilich auch dumm dastände).

In diesem Sinne ist das Labyrinth kein Weltmodell. Dennoch, Die Welt als Labyrinth (Hockes bekannte Studie zum Manierismus), oder mit dem Titel von Amos Comenius: Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens. Aus dem Herzen, der Mitte des Menschen, wäre allenfalls eine Bekehrung und Wiederaufrichtung des gefallenen Menschen denkbar, aber die alltäglichen Geschäfte ziehen einen hinaus, vom Wesentlichen ab. Einfalt statt Tralala; es fragt sich allerdings, ob Einfalt anders denn als Verschwinden zu denken ist – Eingliederung in den göttlichen Geist hin oder her. Das Problem des Selbst und der Individualität, ganz gleich in welchem Maßstab und aus welcher Richtung, bleibt uns auf den Fersen.
Kain und Abel

Wer natürlich die Verderbtheit des Menschen leugnet, wird sich eher auf die Freuden (die ›Idiotie‹?) des Landlebens orientieren und die es begleitende schlichte Sittlichkeit, von der uns das Erste Testament doch so zahlreiche Proben überliefert.


Aber ist die Welt nicht verwirrend genug, um die Metapher sogleich einleuchten zu lassen? Wir sind hier hineingeworfen (nun ja, auch wenn wir sonst beim Menschen eher von ›geboren‹ sprechen) im »Dunkel des gelebten Augenblicks«, trotzdem soll gelten »wir tragen den Funken des Endes durch den Gang« (Ernst Bloch). Wo und wohin bitte, den dritten und der vierten Fall? Wiederum stellt sich die Frage der zwei Wege (jede größere Zahl möglicher Wege müsste sich ja durch Klassifikation so reduzieren lassen? Tertium datur?) – und ihres Kampfes, der – muss ich mich wiederholen? – gar nicht aufhören kann, es käme denn ein Gott und machte von außen her Schluss damit.

Eine Offenbarung allein hilft nicht. Wahrheit muss zwar scheinen und erscheinen, aber der Bauart des Labyrinths entsprechend in notwendig verfälschter Weise (oder etwa doch nicht, wie Hegels Diskussion der Lichtbrechung [Phänomenologievorrede] behauptet?). Nur Er kam in sein Eigentum; alles andere ist eigentlich anders. Und ebenso bedarf es der Dämpfung und Brechung auch unsretwegen – das reine Licht blendet ja nur und löscht alle Differenzen aus (dito uns, die wir doch aus Differenzen ... ?). Die ganze Wahrheit wäre viel zu viel, nix für uns, wie man es uns mit Lessing in der Schule näher bringt. Lieber befriedigend. – Deshalb reden die Philosophen in Mythen, äußern sich die Dichter in Bildern –

Bringt doch der Wanderer auch vom Hange des Bergrands
nicht eine Hand voll Erde ins Tal, die Allen unsägliche, sondern
ein erworbenes Wort, reines, den gelben und blaun
Enzian ... [Rilke, 9. Duineser Elegie]

Von Aufstieg ist dabei keine Rede, und wir erinnern uns auch, dass Engel schrecklich sind. Sie fügen dem Labyrinth Dimensionen hinzu. – Waren wir bereits an dieser Stelle? Doch, ja, und über den anderen Weg wollen wir lieber gar nicht erst nachdenken?


Verwandtes

Zeit ist ein naheliegendes Stichwort – dabei kommt man doch normalerweise mit dem bequemen Wechsel zwischen dem Zeitpfeil und dem kreisrunden Uhrblatt gut durch. Die Physiker haben damit ein paar Probleme und erörtern ab und zu Modelle quantifizierbarer Veränderung – so ähnlich wie »die Wahrheit, 24 (25, 30) Mal in der Sekunde«, bloß viel, viel öfter – da ruckt dann außerhalb des Modells gar nix. Nein, solange das Volk von Damanhur und oder die Geheimdienste nicht mit ihren Zeitmaschinen rumpfuschen, hat die Zeit nichts Labyrinthisches an sich. [Mehr über Zeit hier.]
CD-Cover

Nur die menschliche Voraussicht erweist sich mitunter als zu treffsicher, ts, ts.
Das nebenstehende CD-Cover wurde im Juni oder Juli 2001 gestaltet und musste wegen zwischenzeitlicher Bewahrheitung unter heftigen Entschuldigungen ersetzt werden.

Was also macht die Metapher vom ›Labyrinth der Zeit‹ plausibel? Zweierlei: Die Beschaffenheit unseres Gedächtnisses und die Vielfalt und Unabschließbarkeit der Sinnbezüge.

Gedächtnis

Früher betrachtete man das Gedächtnis rein als Funktion. Gedächtnis als Substantiv neben seiner Bedeutung als ›Gedenken‹ [wie ›ich gedenke‹ + Genitiv] nur als Kurzform für: Ich kann etwas [und dieses ›etwas‹ eben auch als memoria bezeichnet] erinnern, ich kann etwas vergessen; wenn ich nichts vergessen könnte, könnte ich mich auch an nichts erinnern. Ja, und manches geht auch ganz das Gulli runter.

Eine während des vorvergangenen Jahrhunderts recht hoch geschätzte Konzeption von Subjektivität macht das Gedächtnis zur Dreh- und Angelpunkt der Person. Wer kein kontinuierliches Gedächtnis hat, wie sollte der sittlich erheblich sein? - Dies auch eines der zentralen Argumente Otto Weiningers dafür, dass Frauen eben dem an ein ordentliches Subjekt zu stellenden Anspruch nicht gerecht werden. Denn das Weib »verfügt überhaupt nur über eine Klasse von Erinnerungen: es sind die mit dem Geschlechtstrieb und der Fortpflanzung zusammenhängenden. An den Geliebten Kind wie an ihre Puppen; an die Blumen, die sie auf jedem Balle bekommen, Zahl, Größe und Preis der Bukette; an jedes Ständchen, das ihr gebracht, an jedes Gedicht, das (wie sie sich einbildet) auf sie geschrieben wurde, an jeden Ausspruch des Mannes, der ihr imponiert hat, vor allem aber – mit einer Genauigkeit, die ebenso verächtlich ist, als sie unheimlich berührt – an jedes Kompliment ohne Ausnahme, das ihr im Leben gemacht wurde. Das ist alles, woran das echte Weib aus seinem Leben sich erinnert.« [Geschlecht und Charakter, 153] – Ein Genie hingegen könne sich an schlichtweg alles aus seinem Leben erinnern. – Auch Rudolf Steiner propagierte übrigens Gedächtnisübungen, die so nutzlos ja nicht sein müssen, sofern sie die Routinen und Wiederholungen der Alltage erträglicher machen.

Inzwischen ist man wissenschaftlich und philosophisch – wie überall – nüchterner und bescheidener geworden. Man hat vor allem auch die Hardware einigermaßen im Blick und hat erste Methoden gefunden, das erinnerte Material zu beeinflussen und zu verändern. Just about time, gemessen an den gewachsenen psychohygienischen Ansprüchen.

Ein interessanter Befund dabei sind Hinweise darauf, dass jedes aus den Gedächtnis ›abgerufene‹ Material im Prozess des Abrufs neu (und potentiell anders) gespeichert wird. Das würde viel der emotionalen Tönungen unseres Erinnerns erklären, weit über die bislang bekannten Hemmungen und stimmungsmäßigen Einflüsse hinaus. Mal sehen, was uns die Forscher noch darüber erzählen ...

Außerhalb der Labors hingegen ist das Gedächtnis mit seinen Möglichkeiten zum Schlachtfeld geworden – das nette Buch Hystorien von Elaine Showalter [Berlin: Aufbau, 1999] gibt einem einen Einstieg in diese Kämpfe, wenn man sich denn betroffen genug fühlt. Wenn wir alle den total recall hätten – so die ihnen zu Grunde liegende Logik – dann gäbe es die Möglichkeit der endgültigen Scheidung, einer finalen krisis – und dann würde auch alles gut für die Guten, und der Rest verdient es ja auch nicht besser. Worum man sich hier streitet, ist letztlich eine apokalyptische Sehnsucht – aufhalten? Wer will denn aufhalten? Es geht nicht schnell genug! Nun ja, vielleicht erleben wir es ja noch.
Philip K. Dick

Derweil bleibt festzuhalten, dass derlei in den schmuddeligen Subgenres der Literatur schon längst beschrieben, vorgeschrieben war ... und nehmen wir es von der heiteren Seite. Und gedenken Philip K. Dicks, der demnächst 20 Jahre tot ist.

Die Vielfalt der Sinnbezüge sollte uns nicht überraschen. Es gibt viel - es ist uns viel vererbt worden - was täten wir ohne - und jeder Mensch eignet es sich bruchstückhaft in neue Zusammenhänge hinein wieder an. Wiederholung - erst recht in der hier zur Rede stehenden Form der Rekursion - lässt sehr schnell unübersichtliche Strukturen entstehen. Man mag hier Unterschiede machen zwischen der schlichten Unendlichkeit des Kommentierens und der Auslegung in immer neue Situationen und Umstände hinein (der Talmud gibt hierfür ein unübertreffliches Beispiel, auch in seiner graphischen Gestaltung, mit dem Wort im Zentrum und den sich darum herum ausbreitenden Kommentaren in immer kleinerer Schrifttype) und einer umschaffenden Aneignung - aber Hegels Wissenschaft der Logik mag zwar die ganze Metaphysik des Aristoteles enthalten, aber sie ersetzt sie nicht.

So what? In der Rede von einer angeblichen Ungleichzeitigkeit steckt eine Unmenge fragwürdiger Geschichtsphilosophie samt bedenklichen ethisch-moralischen Implikationen. Darüber kann man sich streiten – bloß die Zeit kann nichts dafür. André Breton erzählt (wenn ich mich recht entsinne) die Anekdote, er habe einen eher biederen Menschen gefragt: "Monsieur, wie stehen wir mit der Zeit?", und habe darauf, quasi als Inbegriff des Stumpfsinns, die Antwort bekommen: "Halb fünf." Ich kann diese Antwort nur verteidigen: Man kann über je gegenwärtige Geschehnisse, Geisteszustände und Ideologien diskutieren, über Mode(n), über Arten, mit Geschichte umzugehen, über Aktualisierungen und Innovationen, über Prioritäten politischen Handelns zum jeweiligen Zeitpunkt – natürlich kann man das, und in durchaus sinnvoller Weise. Aber die Zeit? Die liest man von der Uhr ab.

Ein anderes, zweifellos, unser Umgang mit und unsere Erfahrung von Zeit. Das kann verwirrend sein, das kann uns auch überraschen – immer wieder, wenn wir finden, wie wenig die Toten tot sind – doch es ist nicht verwirrend oder überraschend in der gleichen Weise, wie es ein Labyrinth oder ein Irrgarten ist. Eine Metapher wie Grossins ›kaleidoskopische Zeit‹ trifft viel besser, indem sie das Element der Zufälligkeit unterstreicht - ›Kontingenz‹ ja eben Zusammenhang dessen, was nicht zusammenhängt und nach üblichen Kriterien auch nicht zusammengehört.

Ansonsten aber ist einfach sehr viel »da«, nebeneinander, und es kommt darauf an, was wir damit tun. Das ›Bordell des Historismus‹ (Walter Benjamin) ist nur unsere eigene Unzucht. Wir können das Internet einfach als Musterkoffer gesellschaftlicher Wissensbestände nehmen - da liegen Philosophie und absurder Ethnoporn gleich gültig nebeneinander - wenn uns da etwas nicht gleichgültig ist, dann fällt der Unterschied in uns. Und ist von uns aus zu rechtfertigen - wie stehen wir nicht zur Zeit, sondern zu den Zeitmaßen gesellschaftlicher und natürlicher Veränderungen / Entwicklungen (möchten wir vielleicht nicht manches verpackt lassen?), zur Fortschrittsideologie, zur verderblichen Allianz von Aufklärung und Bemühungen zur Befreiung mit der Wissenschaft und einem eher nach Popular Mechanics argumentierenden Materialismus, wie stehen wir zu Religion und Religionskritik, und so fort. Der Begriff der Ungleichzeitigkeit war angesichts archaischer (eher würde man sagen: repristinierter) Aspekte der nationalsozialistischen Politik und Ideologie geprägt worden und hat so etwas durchaus Bedenkenswertes markiert. Aber Gleichzeitigkeit, das war auch der Volksempfänger in jedem Haus, zwecks Gemeinschaftsempfang, auch wenn es mit dem Empfangen der Volksgemeinschaft ja nie so recht wie einst an Pfingsten geklappt hat.

Doppelgänger mag man nicht; merkwürdig übrigens, wie sie auch aus der Mode gekommen sind (nein, keine Zombies, richtige Doppelgänger). – Jüngst las ich einen Aufsatz zum Thema von Emil Lucka, den man als klassische Dokumentation des Motivs ebenso wie als Zeitdokument weiterempfehlen kann. Goethe wird zitiert, Kant angerufen, der intelligible Charakter als einzigartige Individualität uminterpretiert (nun ja, die Toten drehen sich ja nicht wirklich in ihren Gräbern um), es gibt die zeittypisch ungenierten Wertungen – Spiegel sind pfui; wer gerne seine Stimme hört, ist flach (also nichts wie raus aus dem Chor, wer ein höherer Mensch ist!); man findet auch das metaphorische Potential vorgetestet, vieles kann als Doppelgänger von vielem anderen genommen werden, also zum Beispiel das Judentum als der Doppelgänger des Christentums, und prompt fällt dann auch das Wort von der Synagoge des Satans. [Preußische Jahrbücher 115, 1904, 59ff.]

Einmal mehr das Spiel von Identität und Differenz, dazu übrigens in einer beinahe noch harmlosen Variante. Ich hatte während des Studiums zweimal mit lookalikes zu tun – also wir selbst hatten nie Schwierigkeiten, uns auseinanderzuhalten, bei aller Sympathie füreinander, bloß die dussligen anderen mit Tomaten auf den Augen – gelegentlich konnte man schon richtig Spaß daran haben. Zwillinge, denkt man sich dann naiv, haben manchmal mehr als doppelt so viel von Leben, und Thomas ist sowieso ein schöner Name.

»Der Feind ist unsere eigene Frage als Gestalt« (Carl Schmitt) – und wenn im Spiegel das Gesicht unseres Feindes auftaucht (Müller), was dann? Eine Implosion, Auslöschung, Verschwinden? Erleuchtung? Umkehr? Vielleicht. Womit wir den Kehren des Labyrinths wieder begegnen würden.
Aber kann man denn (noch) umkehren? Thomas Mann hat diese Frage ja mit beträchtlichem theologischem Chic im Faustus–Roman behandelt und eher verneint; vermuten wir alltagspraktisch–bescheiden, dass es da wohl auch wieder eine Altersgrenze gibt, und vielleicht liegt sie ja tatsächlich so um die 45 (dem Alter, ab dem Freud keine Klienten mehr annahm). Besser vorsorgen, es ist niemals zu früh und oftmals zu spät, sich sich selbst in die Haare zu schmieren. Sterben – sorry, Ms. P. – ist keine Kunst, noch nicht mal like everything else, aber bei lebendigem Leibe zu verschwinden ohne dass es peinlich wird, das wäre eine Leistung. Stoff für exemplarische Phantasien.

So können wir das alle.

Was uns wirklich erschreckt und widerwärtig ist, ist hingegen uns ertappt und objektiviert zu finden – candid camera, schlechte Tonaufzeichnungen – wenigstens das Badezimmer hätte wohl jeder gern abhörsicher. Erst recht, wenn wir mit der Objektivierung dann eine gänzlich ungewollte Verallgemeinerung erfahren – nicht Person, sondern nur Mann oder Frau, oder einfach Fleisch. »Der Magen von Zimmer 5.«.


Dass Städte mit Labyrinthen verglichen werden, ist prima facie einleuchtend: wo man sich nicht drin verirren kann, das muss wohl ein Dorf sein. Wildwuchs – d.h. Selbstorganisation – zeichnet freilich auch jede etwas ältere Stadt aus; den folgenden Stadtplan ein wenig umgezeichnet, und es wird das Schema einer Nervenzelle daraus.

Ca. 1790

Nicht, dass so ein Assoziation originell wäre ... das bildet man sich immer nur zu leicht ein. Hier die Anzeige für ein Nervenstärkungsmittel, 1936:

Detail Originalanzeige

Sobald der Zugereiste (oder der Heranwachsende) über die erste Verwirrung hinweg ist, unterscheidet er schichtenweise geheimere und unheimlichere räumlich überlappende Städte. Die Benennungen sind oft entsprechend metonymisch schlüpfrig – so wie etwa Benjamin von »Verlockungen der Straße« redet, als wo ihm Sexualität zu Bewusstsein gekommen sei.


Planung: Geradlinigkeit, Ordnung (und dies nicht nur mit dem Gesichtspunkt Überwachung zu tun). - Baumstrukturen, dadurch Beherrschung von Komplexität. - Populäre Phantasie (schon um 1900) ging / geht eigentlich in eine andere Richtung: Dichtere Siedlung, stärkere Querverbindungen (reale physische Vernetzung: Laufstege, Förderbänder), Inanspruchnahme der dritten Dimension - Beschreibung der Raketenstadt bei Pynchon, Bilder von Tokyo 3 aus Neon Evangelion, auch die Darstellung von San Francisco in Ridley Scotts Blade Runner.



Einmaligkeit

allerlei Stillleben, und nicht immer ist die darin zitierte Natur schon tot, sie wird erst in der unvermeidlich blassen Wiedergabe fixiert und so getötet. – Die Objekte solcher Darstellung freilich setzen ihre jeweiligen geschicklichen Bahnen fort, es ist überhaupt nicht schwer, sich zu verleugnen, sondern sollte eigentlich fast Routine sein: nein, ich, ich bin eigentlich erst heute Morgen zur Welt gekommen. Ich trete zwar in die mir aufgedrängten Zusammenhänge ein, aber glauben Sie mir, ich könnte weder Gutes noch Böses je wieder tun ...

Celan: »du Tausendgüldenkrautsternchen«, ... , »du Farn«, ... , »wir gehen dir Heimat ins Garn«. Dem Reim auch. Verboten. Aber vielleicht stimmt das ja gar nicht.

[to be continued]




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