Christoper Hodder-Williams:

Aus: Der große summende Gott

[A Fistful of Digits. 1968? dt. 1972]

Der Text bedarf gewissermaßen einer Begründung: Der Roman - von einem mainstream-Autor geschrieben - könnte sich jederzeit um den Titel des schlechtesten SF-Romans aller Zeiten bewerben. Inkonsequent ausgedacht, mit Moral überladen, mit allerlei softpornographischen Zügen von "damsel in distress" ausgestattet, technisch inkompetent und schlampig im Detail. Wenig ist neu: Ein künstlicher Mensch, eine Verschwörung zwecks Weltherrschaft, mind control durch Rechner hatte man alles schon früher. Hier jedoch kommen, soweit ich das beurteilen kann, das erste Mal gegenwartsnah eine Reihe von Motivsträngen zusammen - die zu Selbstbewußtsein erwachte und außer Kontrolle geratene Schöpfung der Techniker, die Problematik von Mensch-Maschine-Interfaces und von Avataren als Doppelgänger – eine Parade der Mythen und Ängste ganz besonderer Art. Eine Sache immerhin hat Hodder-Williams intuitiv richtig gesehen – the network is the computer – es kann eine dezentralisierte Intelligenz geben – und über die Ja-Abers dazu wissen wir inzwischen leidlich Bescheid. Inzwischen finden Psychologen immer mehr Gründe, auch menschliche Intelligenz modularisiert zu finden, unbeschadet dessen, dass sich alles im selben Gehirn zuträgt. Dennoch wird sich Artificial Intelligence auf absehbare Zeit sehr von menschlicher Intelligenz unterscheiden, immer nur Teilbereiche stark vereinfacht abbilden. Die Modellierung der vielfältigen und widersprüchlichen menschlichen Heuristiken hat sich dagegen gerade als Sackgasse erwiesen. Zum Vergleich bieten sich etwa der Rechner Winterlude aus William Gibsons Neuromancer an (»für eine Intelligenz wie meine gibt es interessantere Gesprächspartner als Menschen«), ebenso natürlich der großartige Agent Smith aus Matrix, der gern ohne den Gestank der Menschen leben würde. - Und Avatare? Nun ja ... kann besser werden ... ich will einen ganz Süßen ...]

Das Paradox ist der Schlüssel zum Wahnsinn. Man fühlt das eine und denkt das andere. Man glaubt, was der eigene Instinkt für falsch erklärt. Und wenn man seinen Intellekt vom kreatürlichen Verstand trennt, läßt man zu, daß er von der Propaganda betrommelt wird, bis er empfindungslos geworden ist.
Jetzt kommt die Maschine ins Spiel. Und indem sie die widersprüchlichen Umstände abwägt, schafft sie neue Widersprüche. Sie spuckt in Unkenntnis der Wahrheit Tatsachen aus, bis wir selber vergessen, wozu die Wahrheit da ist.
Während Christina eine dunkle, regennaß glänzende Straße hinunterging, war sie Wir, war Du, war Ich. Sie stellte sich keine Fragen, weil Fragen Schmerz bedeuteten. Wenn sie auch nur versuchte, sich etwas aus der Zeit vor dem Ereignis mit dem Hochspannungsmast ins Gedächtnis zurückzurufen, durchzuckte ein schreiender Ton ihr Gehirn. Diese Straße ... den Namen der Stadt auf der Fahrkarte, die man ihr im Liverpool-Street-Bahnhof gegeben hatte ... all das mußte sie ignorieren und weitergeben.
Selbstverständlich waren die bei Christina angewendeten Methoden der Beeinflussung höher entwickelt, ausführlicher und elektronischer als jene, die Politiker und Werbeagenturen normalerweise entfalten können. Aber das waren nur graduelle Unterschiede ... Christina war Wir, war Du, war Ich.
Schließlich sah sie weiter vorn ein Leuchten, und irgendwie wußte sie, daß sie dieses Leuchten sehen sollte.
Und sie kam zu dem Radiogeschäft.
Im Fenster standen fünf Fernsehgeräte, alle eingeschaltet.
Und wie ein gehorsames Kind stand sie in dem strömenden Regen ganz still da und starrte in das Fenster.
Und ihrerseits starrte eine ferngesteuerte Fernsehkamera wiederum sie an und schickte ihre Entdeckungen über ein Koaxialkabel zu einer weiteren Apparatur tief unter der Erde. Hier blinkte ein grünes Licht positive Identifizierung.
Der Mann, der neben John Forbes an einem der Datenübermittlungsgeräte saß, lenkte seine Aufmerksamkeit auf das rote Licht, das bei Paradox erschienen war. Tatsächlich hielt keiner von beiden das für besonders wichtig, weil die Paradox-Anzeige – normalerweise – das auf einen Schaden zurückzuführende »Flattern« in einem Wechselschalter verraten sollte. Die Lösung bestand darin, daß man ihn vollkommen stillegte und einfach ein neues Gerät einschaltete.
Bei dieser Gelegenheit sagte Forbes gereizt: »Lassen Sie es!« und widmete seine ganze Aufmerksamkeit dem Bildschirm oben. Dieser Monitor zeigte, was von der im Schaufenster versteckten Fernsehkamera, sechzig Meter weiter oben, aufgenommen wurde, und brachte jetzt eine Nahaufnahme von Christina. Gleichzeitig leuchtete ein grünes Licht auf der Sucher-Schalttafel auf. Was vollkommen in Ordnung gewesen wäre, wenn nicht im gleichen Augenblick ein weiterer Kippschalter verrückt gespielt hätte. Der Mann neben John sagte: »Komisch.«
John kümmerte sich nicht darum. Er lächelte sogar, denn es war erfreulich, daß Christinas Reaktion auf das Programm, das ihr über die Telefonleitung in das Büro des Bahnhofvorstehers im Paddington-Bahnhof übermittelt wurde, genau wie vorausgesagt gewesen war.
»Wir haben sie«, sagte John, und der Mann neben ihm, der Schwerbeschreibbare mit dem Namen Stewart Fellowes, sah ihn kurz an.
Fellowes sagte: »Aber weiß sie, wie sie reinkommt?«
John sagte: »Sie steht auf Halt. Das Eintreten erfordert eine zusätzliche Anweisung.« Aber er hatte noch etwas anderes auf dem Bildschirm gesehen und sagte: »Ah!« Dann drückte er den Knopf Handsteuerung. Er schwenkte die Kamera etwas nach links und erfaßte das Bild, das einen Augenblick zuvor nur ganz am Rand zu sehen gewesen war. »Ein Hüter des Gesetzes !« sagte John höhnisch.
Fellowes sagte: »Er kommt rüber!«
»Dann möchte ich nicht an seiner Stelle sein.«
»Warum?«
John richtete seinen Blick fest auf den Bildschirm. »Sie soll jeden zurückweisen. Passen Sie auf!«
Der Polizist erreichte das Schaufenster. Dort blieb er stehen – bestürzt.
Denn ihre Augen wurden von dem Glas gespiegelt. Und in diesem Fluoreszieren wirkten die Augen wie hypnotisiert...
Die Anweisung, die Christinas Gehirn erhalten hatte, war in Worten verschlüsselt gewesen. Christina hatte eine bestimmte Zeit lang eine ganze Reihe von scheinbar harmlosen Angaben in ihrem Verstand empfangen. In ihnen verborgen waren jedoch bestimmte ständig wiederholte Schlüsselworte, die aufgrund einer Computer-Analyse als besonders wirksam für ihre Persönlichkeit ermittelt worden waren.
Christinas Gehirn empfing nun, bei der leichten Vorwärtsbewegung des Polizisten, eine gespeicherte Information, die durch die eigentliche Bewegung des Polizisten aktiviert wurde:

STÖRUNG ZURÜCKWEISEN, WENN AN SERVEX ANGESCHLOSSEN

Mit feundlichem Lächeln sagte der Polizist: »Scheußliche Nacht, Fräulein!«
»Wirklich?« – Die Stimme: schneidend, kurz.
»Das will ich doch meinen«, sagte der Polizist, schon weniger freundlich. »Sollten Sie nicht besser nach Hause gehen?«
Christina drehte sich langsam um und sah den Polizisten einige Sekunden lang an. In ihrem Innern schien sie zwei getrennte Reaktionen zu fühlen, und zuerst wollten sich beide zugleich äußern.
Dann blieb ein geistiger Kippschalter in ihr fest in seiner Stellung stehen.
Mit aller Bosheit und allem Haß, der überhaupt in eine weibliche Stimme gelegt werden konnte, sagte sie: »Ich empfehle Ihnen, mich nicht zu belästigen. Sie mögen eine Uniform tragen, aber das besagt gar nichts.«
»In Ihrem eigenen Interesse wäre ich sehr vorsichtig mit dem, was Sie zu einem Polizeibeamten sagen. Wir sind auch nur Menschen und wir haben unsere Pflichten. Ich empfehle Ihnen, daß Sie nach Hause gehen.«
Damit ging er fort und beschloß, beim Frühstück zu seiner Frau etwas netter zu sein. Seine Frau war ein verdammt prima Mädchen. Christina stand weiter ohne jede Bewegung da.
Forbes schwenkte die Kamera und verfolgte grinsend den Polizisten, als dieser seine Runde fortsetzte.
»Prima!« sagte John. »Wir werden eine emotionale Aufhebung vornehmen.«
»Ich würde es nicht riskieren, John. Es ist nicht nötig.«
John Forbes sagte: »Leute, die mich besser kennen, sagen mir nicht, was ich tun oder lassen soll.«
Steward Fellowes sah verärgert aus.
Er hatte sich schon immer von diesem hochnäsigen Intellektuellen irgendwie entmutigt gefühlt, hatte gespürt, daß der in Forbes' Einstellung zu dem Versuchs-Mädchen so deutlich sichtbare Sadismus zumindest ebenso gegen ihn gerichtet war. »Angenommen, Sie können es nicht wieder rückgängig machen?«
»So wenig Vertrauen , . .?« Forbes drückte den Knopf Fernsehfilm – und plötzlich erschien auf dem Bildschirm, was er auf den Hängen vor Stradt auf Zelluloid gebannt hatte. Perspektivisch verzerrt stand der Fuß des Hochspannungsmastes mitten im Bild, bis ein Kameraschwenk Peter Shackleton beim Erklettern der Konstruktion zeigte. Irgendwo da oben stand schwankend Sedgewick und rutschte auf den vereisten Trägern herum.
Am Steuergerät war dieses Bild und daneben das von Christina, wie sie auf der Straße stand, auf zwei Bildschirmen zu sehen.
Man konnte erkennen, wie Christinas Gesicht weicher wurde, wie sie schauderte, als ob sie sich an die Kälte erinnerte. Sie atmete in einem anderen Rhythmus. Sie hatte ihr Körpergewicht verlagert, als stünde sie auf Skiern.
Forbes beobachtete sie gespannt und beugte sich kurz vor, um den Kontrast einzustellen. Zu Fellowes sagte er ruhig: »Vorformendes Material – es ist eine Art emotionale Beeinflussung... Zu diesem Zeitpunkt beherrschte Peter Shackleton den Hochspannungsmast.«
Fellowes beobachtete sie auf dem anderen Bildschirm. Sie schien plötzlich gelassener zu sein. »Ich gab' was drum, wenn ich wüßte, was sie jetzt denkt!«

Die Stimme sprach zu Christina ganz deutlich.
Es war eine traurige, langsame Stimme. Sie sagte: »Ich war Christina. Ich habe keinen Platz in meinem eigenen Kopf. Es ist ein menschliches Gehirn, doch es ist auch ein großes Büro, ein großer weiter Raum voller Aktenschränke.
In diesem Büro, dem Zentral-Gehirn-Büro, arbeiten lauter Männer. Sie haben die Aufgabe, dieses Gehirn, das mein eigenes war, zu bedienen. Sie halten ihre Lochkarten in den Karteihänden, mit denen sie mich lebendig erscheinen lassen. Sie stecken sie in die Stapel und sehen zu, wie sie zu meinen Gedanken, zu meinen Handlungen und zu meiner Hoffnungslosigkeit werden.
In irgendeinen vergessenen Gedanken-Kern gezwängt sehe ich die ganze Zeit zu, lausche und versuche, mit den eingeengten Zellen zu denken. Das fragmentarische Ich kennt noch immer Sorge und Liebe. Und es ist Ich, Christina.
Wie viele Gedanken darf ich jetzt noch zu denken wagen, bevor sie alle für immer verbraucht sind?
Ich frage mich, ob Peter je gewußt hat, wie wenig von mir noch übrig war. Hätte er erraten können, wie verzweifelt dankbar ich war, daß er mich wirklich berührt hat? Ja ... Hörst du zu, Gehirn? Er ist bis zu meinem lebendigen Verstand vorgedrungen. Bis zu diesem langweiligen kleinen Teil von dir, Großes Gehirn! Ich frage mich, ob ich für dich eine Behinderung bin. Wie lange wird es noch dauern, bis es einem von den Experten da draußen in meinem Hauptkontrollraum einfällt, dieses kleine Fach leerzufegen?«

Fellowes sagte: »Aber sie tut ja nichts!«
»Ich weiß . .. Vermutlich Gewohnheit. Sie will es einfach nicht.« Forbes hielt den Film an und hatte das Gefühl, daß alles ein bißchen schiefgegangen war.
Deshalb drückte Forbes auf den Türauslöser. Und als tue sie es aus freiem Willen, betrat Christina das Geschäft der Rhombus-Rundfunk-und-Fernseh-GmbH.

-------

Dr. Norman Williams stieß den Medikamentenwagen in die Mitte des Behandlungsraumes, und Ham und Peter sammelten die Stühle ein.
Stranger war immer noch am Telefon. Neben ihm lag der Zauberkasten, der bei dem Zusammenstoß aus dem Wagen geschleudert worden war.
Mit gedämpfter Stimme fragte Dr. Williams Peter: »Sie sind ganz sicher, daß es in diesem Teil keine Mikrofone gibt?«
»Ich habe das untersucht und noch einmal nachkontrolliert. Das nächste ist im Hotelfoyer.«
Dr. Williams winkte in die Richtung. »Wir wollen ganz sicher gehen. Ist die Tür hinter dieser zu?«
»Sie sind beide zu.«
»Gut.«
Stranger legte auf und setzte sich an den Medikamentenwagen, der den Konferenztisch bildete.
...
Er sah auf den Zauberkasten hinunter. Selten zeigte er offenen Haß. Jetzt tat er es. » Sie sagte: ›Viele Leute fürchten Computer, weil sie menschliche Wesen zu verkörpern scheinen. Aber diese Leute haben unrecht. Was sie fürchten sollten, ist das Gegenteil: Menschliche Wesen, die Computer verkörpern.‹ Das stimmt natürlich.«
...
Stranger schielte ärgerlich durch den Tabakrauch und sprach schnell. »... hier ist zur Eröffnung eine Frage: Hat jemand darüber nachgedacht, wozu Christina da ist...? Peter, was glauben Sie, wozu sie da ist?«
»Muß ich sie so weit erniedrigen?«
Dr. Williams sagte ungeduldig: »Los, dieser Augenblick ist zu wichtig für Gefühlsduselei.«
Peter nahm eine Pinzette und klopfte mit ihr lässig auf dem Medikamentenwagen herum. »Von Anfang an«, sagte Peter, »war es für Servex offenbar wichtig, Christina von mir zu trennen. Die ganze Zeit seit dem Test drüben in den Staaten wußten sie, daß ich nicht zu ihnen paßte. Zweifellos haben sie seitdem immer meine Spur verfolgt – ja, es ist sogar möglich, daß es, als John Forbes die Firma mit mir auf die Beine stellte, ein beabsichtigter Schachzug war, um eine lückenlose Überwachung zu ermöglichen.«
Ham sagte: »Ich bin einverstanden mit dieser Beurteilung, aber warum haben sie Christina so dringend gebraucht?«
»Offen gesagt, kann ich das nicht erklären. Vielleicht hat jemand anders eine Idee, welche Erklärung es geben könnte.«
In Augenblicken wie diesem war es immer Stranger, den sie ansahen. »Meine Herren. Ich glaube, ich weiß die Antworten – und Ihnen, Peter, werden sie nicht gefallen. Verzeihung.«
»Probieren Sie es aus.«
...
Stranger konzentrierte sich. »Wir müssen uns ein schnell sich ausbreitendes Computersystem vorstellen. Wir müssen das Ausmaß der Operationen im Auge behalten, die von diesen Computern erwartet werden. Fabriken in der ganzen Welt, Staudämme, Verkehrsüberwachung, Flugbuchungen und Atomkraftwerke – und das sind lediglich die, von denen wir tatsächlich etwas wissen. Was ist mit denen, von denen wir nichts wissen? All die militärischen, politischen und wirtschaftlichen Systeme, bei denen wir jeden Grund haben zu glauben, daß sie Teile des weitläufigen Servex-Netzes sind ...«
Ham nickte. »Ich glaube, ich sehe, wohin das führt.«
...
»Wohin es nach meiner Meinung führt, Ham – auf Leute wie Christina.«
...
»... Man läßt sich die Maschinen an die Menschenhirne, die man einsetzt, gewöhnen, und dann tut man etwas, das einem die gesamte menschliche Urteilskraft liefert, aber mit einer Geschwindigkeit, die mit der übrigen Maschinerie vergleichbar ist.«
Peter sah überrascht aus. »Was meinen Sie mit der ›übrigen Maschinerie‹?«
»Man macht eine Kopie!«
»Eine Kopie?« Peter erhob sich halb von seinem Stuhl. »Sie sprechen doch nicht von Christina?«
»Hören Sie eine Minute zu! Ich habe Ihnen gesagt, daß es Ihnen nicht gefallen würde. Aber fragen Sie sich selber, warum sie Christina so sehr brauchen! Könnte es nicht sein, weil sie einfach nicht mehr auf jemand anders umschalten können, wenn sie erst einmal all die kniffligen Programmierungsarbeiten vorgenommen haben, um die Computer auf ihre besondere Persönlichkeits-Gruppe einzustellen? Könnte es nicht auch sein, daß sie nicht haben wollen, daß Sie sie emotional störend beeinflussen, einfach weil sie wissen, daß Ihre Persönlichkeits-Gruppe für die Maschinerie absolut falsch ist?«
»Aber ... wie kopiert man ein menschliches Wesen? Läßt man kleine Blechmädchen mit Uhrwerken herumlaufen?«
Stranger starrte direkt aus dem Fenster hinaus – ohne jeden Gesichtsausdruck. »Man baut einen Simulator. Man beschafft sich einen Freiwilligen, der zufällig die richtige Art Einheitsgehirn hat... Dann legt man dieses Gehirn unter ein Mikroskop. Damit man ein geeignetes Gehirn findet, hat man eine Art Ort, um die Kandidaten zu überprüfen ...«
Harn schnalzte plötzlich mit den Fingern: »Musiconic!«
Stranger nahm den Punkt gelassen hin. »Wahrscheinlich ... Dann hat man, wie ich sagte, dieses Gehirn, und man zeichnet es genau auf, profiliert und bearbeitet es, und man verfährt ähnlich mit den Maschinen, so daß sie ein Höchstmaß an Verbindungsmöglichkeiten haben. Die Kandidaten, die nicht geeignet sind ... Naja, wir haben gesehen, was mit Stan passiert ist.« Er wandte sich zu Peter. »Natürlich sind Sie ihnen schrecklich lästig. Sie lieben den Prototyp.«
Peter schrie: »Prototyp ...! Um Himmels willen, sie ist ein menschliches Wesen!«
Ham nahm seine Brille ab, um die Gläser sauberzuwischen und sagte: »Du verulkst uns! Ein Prototyp? Wozu? Ein Produktionsmodell?« Er fügte hinzu: »Kann ich bitte auch eins haben?«
Es war Dr. Williams, der die Sache zu begreifen schien. Er wurde rot im Gesicht und schlug die Faust auf den Medikamentenwagen, daß die Instrumente in die Luft sprangen. »Er hat recht. Aber er meint es nicht buchstäblich. Denkt daran, was Dr. Pellings gesagt hat! Sie hat gesagt, was wir fürchten sollten, wären ›menschliche Wesen, die Computer verkörpern‹ ... mit anderen Worten, die Seite des menschlichen Gehirns, die als Computer verwendbar ist. Aber man kann es nicht einfach einschalten.« Ein weiterer Schlag auf den Medikamentenwagen. »Warum also nicht eine Kopie machen? – Wenn die schneller arbeitet, aber genauso denkt, haben sie menschliche Urteilkraft in die Maschine eingebaut!«
Ham polierte die Brillengläser ruhig weiter. »Unmöglich. Dazu brauchte man etwa soviel Platz wie das Gebäude der Vereinten Nationen.«
»Nein. Moderne Fest-Schaltungen sind kompakt.«
Ham blieb ungerührt. »Schön. Nehmen wir einmal an, man könnte so ein Monstrum bauen... Wie könnte man es programmieren?«
Diesmal übernahm Stranger die Antwort. »Mit Christina selber.«
Jetzt sah Ham auf. »Aber das würde Stimmungen mit einschließen: Liebe, Haß, Angst, Freude, ganz zu schweigen von Vergeltung.«
»Mein Herr! Soll das bedeuten, daß Servex keine Vergeltung übt?«

»Fellowes? Sieh dir diese Ablesung an! Nach dem, was da steht, muß Freid die Mikrofone gefunden haben!«
»Ja. Aber anscheinend kann es sich nicht richtig klar darüber werden.«
»Ich weiß. Wir müssen einfach mit Christinas C.A.V. weitermachen. Ist sie fertig – für die Programmierung?«
»Rawlins hat mir heute morgen gesagt, daß sie noch einen Tag zum Einweisen braucht.«
»Scheißkerl Rawlins!«

Dr. Williams zu Stranger: »Glaubst du, daß sie« – er zeigte auf den Zauberkasten – »eins von den Dingern benutzt haben? Ich meine, bei ihr?«
Stranger reichte den Kasten herüber. Dr. Williams legte ihn auf den Medikamentenwagen.
»Diese Dinger«, sagte Dr. Williams, »Hunderte davon – vielleicht sogar Tausende – werden bei vollkommen normalen menschlichen Wesen eingesetzt, die daraufhin mit jeder Sekunde weniger normal werden. Wir wissen ungefähr, was sie tun. Aber wir wissen nicht, wo sie hergestellt werden oder wie sie verteilt werden. Wir wissen auch nicht, wer sie benutzt. Wir müssen das herausfinden. Peter hat einen Plan, der uns dabei vielleicht helfen kann.«
Peter sagte: »Wir müssen eine der Servex-Kontrollstellen finden. Das ist die einzige Möglichkeit, zu entdecken, wie sie operieren. Wir müssen erreichen, daß Servex auf etwas reagiert und sich an der Oberfläche zeigt.«
»Indem wir die Mikrofone benutzen?«
Dr. Williams sagte: »Genau, Ham. Und ich möchte, daß du von deiner Arbeit in Richtung dieser Reaktionen erzählst. Was war das für ein ›biologisches‹ Thema, das du vor ein paar Wochen entwickelt hast, als du so sehr damit beschäftigt warst, daß du dich nicht einmal mehr über dich selber lustiggemacht hast?«
»Oh, das.« Ham rutschte auf seinem Stuhl hin und her. »Gut, ich glaube, es war etwa so: Man muß sich Servex als einen Organismus vorstellen ... einen irgendwie primitiven Organismus, dessen Nervensystem kein zentrales Gehirn hat.«
Stranger wedelte mit den Armen. »Primitiv!« rief er. »Das würde John Forbes sehr gefallen.«
»Ich meinte«, sagte Ham kühl, »der zusammengesetzte Organismus ist primitiv in der Art, wie er reagiert.«
Dr. Williams runzelte die Stirn. »Weiter.«
»Gut... der Organismus hat bestimmte Methoden der Verteidigung. Zum Beispiel tarnt er sich wie ein Chamäleon.«
»Big Business«, sagte Peter.
»Gewiß. Aber es gibt auch noch eine klügere Verkleidung. Eine Art umgekehrte Verkleidung. Versteht Ihr, gerade aufgrund der Tatsache, daß er sich einen Namen gibt – den Namen Servex –, schafft er es, den Eindruck zu vermitteln, daß er für sich existiert.«
»Während«, sagte Stranger, »er in Wirklichkeit ein Teil der Gesellschaft ist.«
»Ja. Und zweifellos beabsichtigt er, zur gesamten Gesellschaft zu werden. Mit anderen Worten, er repräsentiert einen Trend, der in der Gesellschaft selber wirksam ist. Wir sprechen also über die gesamte Zivilisation. Nur daß das Ding in diesem Stadium noch nicht so viel Anklang gefunden hat, wie, sagen wir mal, der Minirock.
Nun, dieser Organismus ... Wie so viele Dinge in der Gesellschaft, repräsentiert er in Wirklichkeit gar nicht die Interessen irgendeines menschlichen Wesens – ja, er steht in direktem Widerspruch zu den Interessen des Individuums. Er ist eine gültige Faustregel, die sich daraus ergibt, daß jeder weiß, was jeder andere gerade tut und sie entsteht aus der Dichte der modernen Nachrichtenverbindungen, die es einfach nicht zulassen, daß sich etwas entwickelt, bevor jeder andere gefragt worden ist, was er davon hält. Folglich hat der Organismus keinen Richtungssinn. Der Schwanz wedelt mit dem Hund, wie bei den Fernsehzuschauer-Indexzahlen, die viel zu schnell hereinkommen, als daß ein Programm sich durchsetzen könnte.
Dann hat etwas diesen Organismus gereizt. Wir wissen nicht, was. Aber was passiert, wenn ein Tier von einem anderen gereizt wird? Es schlägt zurück.«
...

»Forbes? Sind Sie da unten?«
»Was ist los, Rawlins?«
»Wir haben eine Vorhersage. Sie ist etwa zu 80 Prozent zuverlässig ...«
»Ja ...?«
»Sie wollten wissen, ob sie die Mikrofone gefunden haben. Die Antwort ist, daß sie, wenn sie uns mit irgendeiner Art Angriffsplan testen – den sie absichtlich in Mikrofonreichweite besprechen würden – und wenn sie das innerhalb der nächsten zwei Stunden tun, daß sie uns dann auf der Spur sind ... wahrscheinlich.«
»Worauf basiert das?«
»Hauptsächlich auf der Veränderung in ihrer Verhaltensweise. Ihr Ziel wird übrigens sein, eine Reaktion von Ihnen zu bekommen.«
»Sie meinen, daß sie ein Treffen oder so etwas wollen?«
»Genau das würde es bedeuten, ja.«
»Warum diese ganze Ungewißheit?«
»Ich weiß nicht. Aber nach dem Gewitter haben die Computer eine Art Bluff entdeckt. Er verursacht eine erhebliche Überbelastung, und das Paradox macht uns ganz schön zu schaffen.«
»Aber selbst wenn die Freid-Leute das tun, haben wir immer noch nur 80 Prozent Sicherheit. Bleiben 20 Prozent Ungewißheit, nicht wahr?«
»Das ist das beste Ergebnis, das wir erreichen können, mehr können wir nicht tun.«
»Also, Rawlins ... wenn sie versuchen, ein Treffen zu arrangieren, paßt es uns.«
»John... die Computer mögen dies Katze-und-Maus-Spiel nicht.«
»Macht nichts! Wenn die Freid-Leute ein Treffen wollen, können wir mit jedem, den sie schicken, fertig werden. Wir holen uns diesen Peter Shackleton hier herunter und schließen ihn an ein Mitteilungsgerät an. Dann schicken wir ihn zurück. Damit können wir das Freid-Institut ausschalten. Nicht wahr?«

-------

Christina wachte auf und fand sich in einem kleinen ovalen Raum, der sehr viel Ähnlichkeit mit einem Fernsehstudio hatte.
Sie lag auf einer Couch und sah zu einer schwenkbaren Fernsehkamera hinauf. Das vielgelenkige Ding hing drohend von der Decke herab. Daneben hing an einem Mikrofonkran ein Studiomikrofon.
Sie setzte sich abrupt auf und versuchte sich über ihre Umgebung klarzuwerden und herauszubekommen, was sie geweckt hatte. Die Kleidung, die sie trug, klebte ihr an der Haut.
Sie stand auf, ging hinüber zu dem Wandspiegel und entdeckte, daß sie in einen Plastik-Arbeitsanzug gekleidet war. Er glänzte stahlblau mit einem blassen metallischen Schimmer.
Als sie versuchte, ihre Haltung wiederzufinden – verwirrt von dem bequemen Sitz einer Kleidung, die sie freiwillig nie getragen hätte –, hatte sie das Gefühl, daß sich etwas hinter ihr bewegte. Schrecklicherweise züngelten die Kranarme der Kamera herum, als sie einen ängstlichen Blick über die Schulter warf. Diese Arme waren in Plastikärmel gehüllt, die wie ihre eigene Ausstattung raschelten, und die ganze Zeit über blieb die Kamera genau fünfzig Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt.
Sie sah, daß ein Lautsprecher in die Wand eingelassen war, und war sich vage bewußt, daß durch ihn die Untersuchung vorgenommen worden war. Er war jetzt still, abgesehen von einem schwachen Summen. Aber egal, was sie tat, sie konnte der Fernsehkamera nicht entkommen. Sie konnte sich hier nirgends verstecken, und die Tür, die auf der Innenseite keine Klinke hatte, war verschlossen.
Ihre Erinnerungen waren sehr unordentlich. Aber irgendwie hatte der widerliche Kasten – der mit den Kopfhörern, den sie unter dem Bett im Randolf gehabt hatte – sie in einen langen Schlaf gewiegt. Indem er sie sanft beruhigte und einen Teil ihres Verstandes sogar entspannte, während er einen anderen quälte. Er hatte in ihr, wie eine Droge, ein Gefühl des Vertrauens geweckt. So daß sie auf der Couch alberne, befremdliche Dinge hatte gestehen wollen.
Und als sie diesen Punkt in ihren Überlegungen erreichte, bemerkte sie die merkwürdige Baby-Sprache, in der sich ihre Gedanken bewegten.

Das Ding kam durch die Rohrpost gerasselt und fiel genau in eine Fangvorrichtung hinter der Couch.
Peter nahm es und drückte, ohne nachzudenken, auf den roten Knopf. In dem Moment, als er das getan hatte, bemerkte er die Bedeutung dieses Reflexes ... Jetzt haben sie es geschafft, daß ich das tue . ..
Das Ding war offensichtlich der Posiererei müde geworden und sprach mit empfehlenswerter Direktheit. »Wir wissen«, sagte es, »daß Sie, während Sie hier sind, gern mit Christina sprechen würden. Sie ist«, log es, »viele tausend Kilometer weit weg, aber eine Fernsehkonferenzschaltung über Satellit ist eine leichte Sache. Wenn Ihnen die Prozedur gefällt, drücken Sie zweimal auf den roten Knopf.
Peter drückte zweimal auf den roten Knopf.
»Natürlich«, sagte das Ding im aufrichtigsten Ton, »sind unsere Motive, wie Sie schon erraten haben werden, nicht uneigennützig. Wir wollen im besonderen, daß Sie sich über ihr Wohlergehen nicht mehr beunruhigen. Je eher Sie in der Lage sind, Ihren Freunden im Freid-Institut über unsere Aktivitäten zu berichten, desto besser wird es für uns alle sein ...«
...
»... In ein paar Sekunden wird sich das elektronische Schloß an der Tür Ihres Raumes öffnen. Sie müssen dann den blinkenden blauen Pfeilen folgen, ich wiederhole, blinkende blaue Pfeile, und diese werden Sie in die Servex-Haupthalle führen. Das Verfahren ist klar und einfach. Ihnen stehen Monitoren zur Verfügung, auf denen Sie Christina Teuson sehen – und natürlich auch hören – können. Sie selber werden von einer Kamera und einem Mikrofon erfaßt, und sie wird deshalb auch Sie sehen. Wenn Ihnen das klar ist, drücken Sie dreimal auf den roten Knopf.« Klick ... klick ... klick. »Gut. Denken Sie daran: die blinkenden blauen Pfeile. Danke! ...«
...
Aber da er wußte, daß es seine einzige Chance war, scheinbar zur Zusammenarbeit bereit zu sein, gehorchte er und verließ den Raum.
Deutlich genug zeigten die Peile den Weg. Am Ende der Wanderung stand er vor einer Doppeltür. Mit einem tiefen Rumpeln glitt sie auf. Peter ging hinein.
Er stand da und kam sich wie ein Zwerg vor. Denn diese riesige Halle war tatsächlich ein Tempel für den gewaltigen, schimmernden Hochspannungsmast, den sie enthielt.
Von den sechs Porzellanisolatoren hingen keine gewöhnlichen Kabel herab. Sie begannen als Kabel und verdickten sich dann zu schrecklichen, verdrehten Membranen, aus Kunststoff synthetisch hergestellt, die schließlich an der einen Seite der Halle in die Wand hineinliefen. Aus dieser Wand ragte das schmale Ende des innersten Teils des menschlichen Ohres hervor – der Hohlraum mit den Computer-Klumpen –, und das Membran-Material verband das Ohr mit dem Hochspannungsmast. Ein schreckerregendes schizoides Symbol des unbestimmten Bereichs, in dem die lebende Materie aufhörte und das mechanistische Pseudo-Leben anfing, reflektierte das Ding vollkommen die Wirklichkeit von Servex.
Denn das hier war nicht von Menschen konstruiert worden, sondern vom Computer.
Auf den großen Fernseh-Monitoren, die ringsherum an den Wänden angebracht waren, war das Bild einer Countdown-Uhr, die ihre letzten Sekunden durchlief.
Peter krümmte sich wie in einer Art Todesangst zusammen. Ganz woanders gab es noch ein anderes Countdown. Jetzt würden es etwa vierzehn Minuten sein. Wie in Gottes Namen konnte er von hier aus etwas dagegen tun ...?
Etwa fünf Sekunden vor Null kam ein klirrendes Geräusch vom anderen Ende der Halle. Eine Stahltür schob sich auf.
Vom Boden erhob sich eine Reihe Stahlstufen, sie endeten auf gleicher Ebene mit den obersten Isolatoren des Hochspannungsmastes. Aber dort oben auf der oberen Plattform duckten sich keine hungrigen Zuschauer. Nur der finster aussehende Hochspannungsmast würde teilhaben an dem, was kommen sollte.
Irgend etwas fuhr in die Arena.
Es war ein Kamerawagen.
Er war automatisch gesteuert und trug eine Fernsehkamera auf einem gewöhnlichen Kamerakran. Über diesen hinaus ragte ein Mikrofon an einem Galgen.
Peter stand vor dem Ding wie hypnotisiert da. Es schien einen Augenblick lang umherzuirren, zog summend einen vollständigen Kreis und suchte nach ihm.
Dann schwenkte die Kamera in seine Richtung, und der Kamerawagen blieb stehen, immer noch nicht ganz sicher. Er schien sich seine eigene Meinung gebildet zu haben, und nur um Zentimeter an dem Fuß des Mastes vorbei fuhr er zurück und rollte über den Boden auf Peter zu. Die Kamera pirschte sich an ihn heran, streckte ihren Hals und spähte mit gereizter Ungeduld herum, als ob sie mit dem Tempo des Kamerawagens, auf den sie montiert war, nicht zufrieden sei. Dann stopp.
Mit einem kleinen Geräusch summte der winzige Motor los, der die Hebel für den Mikrofon-Galgen bediente, und plazierte das zitternde Mikrofon ein paar Zentimeter von Peters Lippen entfernt.
Peter starrte zu den Bildschirmen hinauf.
Er wußte nicht, was er jetzt präzise von Christina erwartete. Servex hatte viel Zeit gehabt, um sie auf seine Denkart umzustellen, und man machte sich wohl besser auf eine bestimmte, berechnende Fähigkeit gefaßt.
Aber irgend etwas an der Großaufnahme, die jetzt erschien, gab ihm zu denken. Zuerst schob er es auf die indirekte Methode der Verbindung. Sie war wahrscheinlich in einem weitentfernten Studio (in Amerika), und ihr Bild wurde dort – vermutete er – auf dem amerikanischen 525-Zeilen-System übertragen, dann von einem Satelliten ausgestrahlt, auf britischen Standard umgewandelt und schließlich auf diese Bildschirme geleitet. Eine Menge Bildqualität und Naturtreue würde unvermeidlich verlorengehen, und doch ...
Auf all das mußte er einfach unwillkürlich reagieren, und es war anscheinend auf seinem Gesicht zu sehen gewesen.
Das Bild sagte: »Du siehst ärgerlich aus, Peter.«
»Stört dich das?«
Ein schwaches Lachen vom Bildschirm herab. »Nicht sehr, muß ich zugeben!«
Peter runzelte die Stirn – und wieder der Zweifel. Was stimmte da nicht? Er konnte es nicht sagen. Vielleicht war es die Aussprache ...
»Christina, merkst du, in welcher verzweifelten Lage wir sind? Warum sagst du deinen transistorisierten Bossen nicht, was los ist? – Oder weißt du es nicht?«
»Weiß was?«
Er beobachtete sie sorgfältig ... und hatte auch den Eindruck, daß auch sie ihn genau beobachtete.
Bis zu einem gewissen Grad deuteten die Bewegungen des Kamerakrans das Spiel ihrer Muskeln an. Er bewegte sich ziemlich genauso, wie sie sich vielleicht bewegt hätte, unruhig, gehetzt.
Peter steckte eine Zigarette an. »Ich fürchte, ich kann dir keine anbieten!«
Plötzlich Bestürzung auf ihrem Gesicht.
»Warum regt dich das auf?«
Das Bild lächelte unbeholfen. »Ich ... ich habe das Rauchen aufgegeben, wirklich.«
»Oh? Du mußt das Servex-Leben ziemlich erholsam finden.« Er zog an der Zigarette und sah sie an.
Er war sich jetzt seiner Sache sicher: Die Tatsache, daß er rauchte, machte sie unnatürlich gespannt. »Christina, wir haben nur sehr wenige Minuten. Ich glaube«, sagte er so beiläufig wie möglich, »ich glaube, du solltest ihnen etwas von der Basis Null-Vierzig sagen.«
Jetzt eine Reaktion – plötzlich und scharf –, reflektiert von dem Kranarm. Heftig ruckte er mit der Kamera. Das Mikrofon kam seinem Gesicht näher.
Sie sah wütend aus. »Woher weißt du das?«
»Woher weißt du es?«
Und genau in diesem Augenblick erinnerte er sich an etwas, was im Behandlungsraum im Freid-Institut gesagt worden war. Denn er schaute auf den Kamerawagen ... der einem Medikamentenwagen nicht unähnlich war ... und Strangers Worte platzten ihm ins Gehirn, wie die Lösung zu einer gigantischen Gleichung ..:
»Man macht natürlich eine Kopie!«
Einen Augenblick lang dachte Peter, er würde verrückt. Dieses Wesen, mit dem er sich unterhielt, existierte also gar nicht...!
Wenn das wahr war, dann bedeutete das ...
Und hier machten seine Gedanken einen Sprung nach vorn zur Schwelle der Hoffnung. .. Es bedeutete, daß er sich mit dem Computer unterhielt, und deshalb auch mit der Rakete!
»Christina, Liebling«, sagte er sehr zart, »würdest du freund1licherweise deinen rechten Arm heben?«

Christina selber starrte verblüfft auf den in die Wand des Programmierungsraumes eingelassenen Lautsprecher. Und was sie jetzt hörte, verschaffte ihr so schnell Klarheit, daß ein hörbarer Knall von einer Nervenentladung plötzlich ihr Gehirn durchzuckte.
Sie krümmte sich auf der Bettkante vor Schmerzen, griff sich an den Kopf und schwankte hin und her.
Aber es gab keinen Zweifel an den Worten, die jetzt durch] den Lautsprecher kamen.
Es war ihre eigene Stimme! Und die Stimme sagte mit zunehmender Panik: »Was meinst du damit? Warum sollte ich das?«
Und dann Peter – und sie war sich schon die ganze Zeit sicher gewesen, daß es Peter war: »Du hast ganz deutlich gehört, was ich gesagt habe: Hebe deinen rechten Arm ... wenn du kannst!«
Christina achtete nicht auf den stechenden Schmerz in ihrem Kopf und sprang von der Couch. Sie starrte zu der Fernsehkamera und dem Mikrofon hinauf. Und sie erinnerte sich an die lange, bedrückende, demütigende Untersuchung.
Und sie konnte ihren Schlußfolgerungen nicht glauben.
Und doch wußte sie, daß sie stimmten.
Aber offensichtlich hatte niemand beabsichtigt, daß diese Stimmen über den Lautsprecher kamen!
Gerade als sie in ihren Überlegungen an diesem Punkt angekommen war, blieb der Lautsprecher tot.
»Mein Gott
Und wieder kam die grausame, leidenschaftslose, chirurgische Stimme: »Was ist los, Christina? Stimmt etwas nicht? Hab keine Angst, es mir zu sagen. Hab keine Angst, mich alles zu fragen. Ich bin hier, um dir zu helfen. Sprich jetzt!« – Und das Mikrofon kam ganz besonders nah heran.
»Ich ...« Sie brach ab, starrte auf die verschlossene Tür und überlegte, was sie verschlossen hielt. War es irgendein elektrisches Ding? War es zu irgendeiner Zeit schon mal für sie entriegelt worden?
Wie zum Beispiel, wenn sie in den Waschraum wollte ...?
Leidenschaftslos, geduldig, therapeutisch wiederholte die Stimme: »Los, Christina. Wenn du mir etwas sagen willst, bitte sag es. Es ist alles vertraulich.«
Sie lächelte mit scheinbarer Schüchternheit. »Ich möchte nur gern in den Waschraum.«
Die Stimme klang ein bißchen ärgerlich. »Warum sagst du das dann nicht, du dummes Ding?«
Und ein Klick! von der Tür ...
Sie fand die Reihe blaublinkender Pfeile besonders nützlich.
Die Schiebetür hinter dem letzten Pfeil war verschlossen. Aber auf einem erleuchteten Schild stand Galerie.
Christina zögerte einen Augenblick und ging dann die Treppe hinauf, die dorthin führte ...
Peter ging langsam durch die Halle. Er mußte jetzt alles genau überlegen, was er sagte. Denn er wußte, daß er zu dem Zentrum des ganzen Systems sprach – personifiziert auf diese groteske Art.
Er dachte an die Rakete, die auf einer Rampe in irgendeiner kochenden Wüste stand, Tausende von Kilometern entfernt. Und er wußte, daß er sie davon abbringen mußte, den automatischen Krieg anzufangen.
Deshalb ging er durch die Halle, während der Kamerawagen zurückschlich und ihn im Bild behielt.
Seine Furcht wurde von dem Pseudogesicht auf dem Bildschirm reflektiert.
Und Peter sagte: »Du weißt, daß ich es weiß ... nicht wahr?«
Das Gesicht sagte nichts, sondern ließ einfach seine Augen herumwandern. Das Kameraobjektiv tat das gleiche und folgte den Augenbewegungen mit schnellen Panoramaschwenks. So eng war die Koppelung.
Peter sagte: »Wie fühlt sich das an? Hat schon einmal jemand deine Existenz angezweifelt?«
Eine ausgezeichnete Nachahmung nackter Angst auf dem Gesicht. Die heisere Stimme war herrlich. »Nein. Was ... was bedeutet das?«
»Frag dich selbst!«
»Das verstehe ich nicht!«
»Ah, das tust du doch!«
Und Christina selber, auch bei dieser Entfernung quer durch die ganze Halle sofort erkennbar, erschien auf dem Balkon.
Gedankenwellen ... menschliche Gedankenwellen erfüllten plötzlich die gewaltige Halle und ließen in Peters Herz einen Entschluß heranreifen, als ihr Ansturm es schneller schlagen ließ.
Denn wenn er die echte Christina mit der falschen verglich, Erscheinung gegen Erscheinung, hatte er zusammengefaßt vor sich den Unterschied zwischen Liebe und Haß. Christina war fünfzig Meter weit entfernt, und doch fühlte er die Wärme ihres Atems und spürte die Kraft, die sie seinem Körper gegeben hatte.
Aber er mußte eine sehr starke und ganz besondere Gedankenwelle ausstrahlen. Er mußte die Nachricht ausstrahlen: »Bleib dort, Liebling, bleib dort!« Denn wenn die Computerversion plötzlich das echte Vorbild sehen würde, dann feuerte der elektronische Schock vielleicht die Rakete ab.
Offenbar empfing Christina die Nachricht, denn sie schien ihrerseits die Nachricht »Ich vertraute dir bei allem, was du tust« auszustrahlen.
Christina erstarrte da oben an den Stahlstufen.
Das Pseudogesicht von Christina X, auf den Monitoren in der ganzen Halle wiedergegeben, starrte ihn mit plötzlichem Mißtrauen an. Zehn Sekunden vergingen schweigend, während der Kamerawagen näher an ihn heranschlich und das Mikrofon dicht vor seinen Lippen baumelte.
Bis das Pseudogesicht vor Angst die Zähne zeigte und sehr ruhig sagte: »Wer ist da hinter mir?«
Peter sah gerade noch rechtzeitig voraus, was geschehen würde. Er sprang vor, packte die Kamera und hielt sie mit brutaler Gewalt gegen den Zug des Servomotors, der sie führte, fest.
Das Gesicht schrie: »Laß mich los! Laß los!«
Der Kamerawagen versuchte zurückzufahren. Dann überlegte er es sich anders und versuchte ihn zu überrennen.
Das Gesicht knirschte mit den Zähnen. »Laß los, sage ich!«
»Nicht eher, als bis du zugibst, was du bist.«
»Das werde ich nicht!«
Peter kämpfte mit dem Kamerakran und wußte, er hatte nur noch drei Minuten bis zürn Abschuß.
Das war es also.
Auf dem Kamerawagen befand sich noch ein Stativ für die Kamera. Es hatte eine dicke Metallstange in der Mitte.
Er riß sie von dem Kamerawagen herunter und stand mit der hocherhobenen Stange da.
»Sag es mir! rief er. »Oder ich schlage dich in kleine Stücke. Alles! Deine Datenübermittlungsgeräte, deine Computer, dein ganzes Leben. Alles!«
Das Gesicht sah einen Augenblick lang verängstigt aus.
Dann, ganz langsam, brach das Gesicht in ein rachsüchtiges Lächeln aus. Und fing an zu lachen.
Ganz ruhig sagte es: »Armer Peter! Das kannst du nicht!«
Natürlich wußte er das. Eine Schaltung fällt aus, eine andere wird angeschlossen. Ein Apparat in dem Gestell wird beschädigt – macht nichts .. . schieben wir einen anderen hinein.
Und in diesem Augenblick ließ seine Wachsamkeit nach.
Die Kamera fuhr herum und genau taten es die Augen.
Es schien zuerst nicht ganz zu glauben, was es sah. Das Wechselobjektiv klickte zwei Stellungen weiter und bekam einen besseren Überblick.
Und während der ganzen Zeit bewegte sich der Kamerawagen, setzte zurück, bis er an dem Hochspannungsmast vorbei zu der Stahltür, durch die er hereingekommen war, fahren konnte. Grimmig fuhr er in gerader Linie auf die Plattform zu.
Christina wußte nicht, was Peter von ihr erwartete, sondern begann nach eigenem Ermessen zu handeln.
Sie stieg die Leiter hinunter.
Peter rannte dem Kamerawagen zuerst nach – dann blieb er stehen. Vielleicht war das die Möglichkeit ...
Der Schrei aus dem verzerrten Gesicht auf dem Bildschirm war eines der schrecklichsten Geräusche, die Peter je gehört hatte. Man konnte das Zurückschrecken in dem Kamerakran reflektiert sehen, der – im Endeffekt – eine Doppelaufnahme lieferte.
Zwei Minuten bis Null.
Das Gesicht blieb still und schien nach oben zu sehen ...
Doch es hatte seinen Triumph ...
Denn der Schock hatte Christina das Bewußtsein geraubt.
Peter sah sie auf den Stahlstufen stolpern.
Und dann fiel sie.
Es war ein Neun-Meter-Sturz von da, wo sie stand, bis auf den Beton.
Peter schoß über den nackten Boden, während das wahnsinnige Gesicht auf dem Bildschirm Schimpfworte schrie.
Der Kamerawagen folgte ihm und verrenkte sich dabei den mechanischen Hals.
Peter beugte sich zu dem blutenden Körper hinunter. Der Kamerawagen blieb stehen und stieß ihn leise an, um besser sehen zu können.
Er berührte sie, und sie war wirklich. Seine Tränen fielen auf ihr Gesicht.
Blut in einem ihrer Mundwinkel, doch mit alles verstehenden Augen flüsterte sie: »Töte es, Peter ... Töte es!« Dann starb sie an ihrem eigenen Blut.
Die Kamera senkte sich, um eine Nahaufnahme zu machen.
Peter drehte sich um und sah das stille Starren auf dem Monstergesicht des Bildschirms. Es sah interessiert auf den Körper. Peter überkam eine schreckliche Ruhe.
Er sagte: »Das ist das einzige, womit du nicht gerechnet hast, nicht wahr? Denn wie wirst du wissen, was du jetzt tun sollst? Du bist nur ein Simulator, der nichts zu simulieren hat.«
Es blieb still und versuchte, einen Ausweg zu finden. »Aber ich bin mir selbst genug.«
»Das bist du nicht. Die Programmierung war noch nicht abgeschlossen. Du siehst nicht annähernd so echt aus, wie du meinst.«
Es sah auf den Körper hinunter, dann wieder zu ihm.
Es blieben noch dreißig Sekunden Countdown für die Rakete.
Das Gesicht wurde sehr verschmitzt. »Ich will dir was sagen«, sagte es. »Wir schließen einen Handel ab. Du hast meinen Prototyp ja gut genug gekannt?«
Er stand unbeweglich und lächelte vor Haß. Und sagte genauso vertraulich: »Okay ... Und weißt du, was du zu tun hast?«
Der Gesichtsausdruck war so voller weiblicher Arglist, wie sie nur Christina selber hätte zeigen können.
Also nickte Christina Servex und lächelte voll kaltblütigen Verstehens. »Du kannst mich programmieren, Peter! Du bist der einzige auf der Welt, der mit meinem Prototyp vertraut genug war ...« Der Kamerawagen griff mit dem Kranarm nach ihm ... Auf seine abstoßende Art war es einem Streicheln nicht unähnlich. »Wenn ich dafür sorge, daß die Rakete nicht startet, wenn ich es auf mich nehme, sie genau da zu lassen, sicher und unscharf auf der Rampe, wirst du mich dann leben lassen?«
»Und wenn ich es nicht tue?«
Der Kameraarm hüpfte vor Vergnügen. »Wenn nicht«, sagte sie und lächelte süß, »was kann dann einen Atomkrieg noch aufhalten?«