Doppelgänger.

1. Im Amphitruo des Plautus nimmt Mercurius die Gestalt des Sklaven Sosias an und ängstigt und prellt so den wirklichen Sosias. In indischen Erzählungen ist das Motiv ziemlich verbreitet, daß ein Geist mit der Gestalt des abwesenden Ehemanns auch dessen Rechte in Anspruch nimmt 1). In Oldenburg sind Erzählungen im Umlauf, in denen der Teufel die Gestalt von Pastoren annahm und hier und da selbst auf der Kanzel erschien, von den sattelfesten Theologen aber aus dem Feld geschlagen wurde. Derartiges wird z. B. berichtet von dem Magister Zoëga, der 1702-1738 zu Bockhorn Pastor war, und von einem seiner Amtsnachfolger, dem Pastor Moritz Ernst Grimm (1820-1828), welcher häufig vom Teufel verfolgt wurde 2).

1) Zachariae Kl. Schr. 157 ff. - 2) Strakkerjan I, 358 f.

2. Auf dem Seelenglauben beruht dagegen die Vorstellung, daß jeder Mensch seinen D. hat. Dieser ist ihm ganz ähnlich. Eine besondere Art des D.s ist der anders geschlechtige (Mann – D, weiblich und umgekehrt), der als glückverheißend angesehen wird, während Menschen mit gleichem D. unglücklich sind 3). In der Regel lassen sich zwei Arten des D.s, an den das Volk vielfach noch heute glaubt, unterscheiden: Der D. ist die Verkörperung eines lebhaft erregten Gefühls oder ein warnender Vorspuk. Im ersten Fall wird die Gestalt von einer anderen Person wahrgenommen, im zweiten hat die doppelgehende Person selbst die Erscheinung der eigenen Gestalt 4). Ein Mädchen denkt intensiv an Ihren auswärtigen Vater; während dieser Zeit erscheint diesem ihr "Bild". Die Frau eines kurfürstlich-sächsischen Geleitseinnehmers findet im Jahre 1709 das "Bild" ihres Mannes im Bett, während Jener wenigstens 20 Meilen weit entfernt bei fröhlichem Gelage lebhaft an seine Frau denkt. Der D. des Schwertfegers Döring zu Goldberg, den man oft an zwei Orten sah, begegnete dem Bäckermeister Pätzold auf dem Feld, als im Jahre 1580 ein Unwetter die Ernte vernichtet hatte. [347]
Döring hatte während dieser Zeit sein Haus nicht verlassen, "sein Geist aber war beständig auf den Feldern". Des D.s Füße berührten den Boden nicht, sondern er schwebte leicht dahin (s. schweben). Sein Antlitz war geisterbleich, und als Pätzold nach seiner Hand faßte, schob sich die Gestalt wie von selbst zusammen und war verschwunden 5). Der Nachtwächter von Tiefenbach sieht um Mitternacht einen Bäcker mit drei längst verstorbenen Leuten Karten spielen. Der Bäcker weiß am Morgen nichts, er lag die ganze Nacht im Bett, aber ein böser Traum hatte ihn sehr geängstigt 6). Dem Lehrer von Tiefenbach, dem der Geist des Nachbars dessen Tod ankündigt, begegnet auf dem Weg zum Sterbebett seines Vaters der Vater, ohne etwas zu sagen. Dieser war zu derselben Stunde gestorben. Von den zahlreichen hierher gehörenden Geschichten sei die von dem in Warschau verstorbenen August dem Starken erwähnt, der am Morgen des Todestages einem Günstling, dem Herrn v. Grumkow, in Berlin erschien 8) (s. künden).
Bezeichnend für die zweite Art (warnender Vorspuk) sind die Geschichten, nach denen ein Breslauer Arzt und der Neffe des um 1750 in Neisse lebenden Fürstentumgerichtsrats Lork durch ihren D. vom Betreten ihrer Wohnung abgeschreckt und dadurch vor dem Tod durch die in der Nacht einstürzende Zimmerdecke gerettet wurden 9). Daß die Erscheinung des D.s an sich ohne Bedeutung ist, zeigt der Vorfall, den Goethe im XI. Buch von Wahrheit und Dichtung berichtet: "Nun ritt ich auf dem Fußpfade gegen Drusenheim, und da überfiel mich eine der sonderbarsten Ahnungen. Ich sah nämlich, nicht mit den Augen des Leibes, sondern des Geistes, mich mir selbst denselben Weg zu Pferde wieder entgegenkommen, und zwar in einem Kleide, wie ich es nie getragen: es war hechtblau mit gelb. Sobald ich mich aus diesem Traum aufschüttelte, war die Gestalt weg" 10).
In den meisten Fällen aber bedeutet das Erscheinen des D.s den Tod 11) oder [348] wenigstens Trauer 12). Nach germanischem Glauben sitzt derjenige, der binnen Jahresfrist sterben soll, zur Julzeit am Jultisch mit einem kopflosen oder doppelten Schatten 13). Der Geist des Pfarrers von Elterlein, der am 5. Januar 1612 starb, sah 3 Tage vor dem Tod von der Kirche herab und verkündigte gleichsam seinen Tod 14). In manchen Gegenden macht man einen Unterschied, ob der D. zur Kirche geht oder von der Kirche kommt. Im ersten Fall stirbt die Person im Laufe des Jahres, in diesem wird sie sehr alt 15).
Auf dem Glauben an den D.. beruht auch das Liebesorakel, bei welchem ein Mädchen im Wasser während der Zwölfnächte das Bild ihres zukünftigen Geliebten zu erblicken hofft 16).
Der über das ganze germanische Gebiet verbreitete Glaube an den D. beruht auf der Vorstellung von der Sonderexistenz der Seele, die den Körper zeitweise (Traum, Ekstase) verlassen kann, verbunden mit der Idee von der Mehrheit der Seelen (s.d.). Im Schatten, im Traumbild wie im Spiegelbild findet die Seele ein Substitut des Körpers. Veranlassung zu dem D.glauben hat der Schatten gegeben, ohne den ein Mensch sterben muß. Dieser wie das Traumbild wird schließlich mit der Seele selbst identifiziert. Auch der altnord. Schutzgeisterglaube (forynja, norw. fylgja) wurzelt in der Vorstellung von der Schattenseele 17). In Wirklichkeit reichen die meisten derartigen Vorgänge in das Gebiet der Vision (s. d.) hinüber, manche lassen sich auch durch die Annahme hellseherischer Veranlagung und telepathischer Einwirkung erklären 18).

3) Grohmann 222.
4) Kühnau Sagen 3
5) T y l o r Cultur I, 443.
6) Meiche Sagen 8 ff. Nr. 4 ff.;
7) Kühnau Sagen 3.
8) Schönwerth Oberpfalz I, 273 f.
7) Ebd. I, 276 Nr. 7; 275 Nr. 6.
8) Meiche Sagen 10 Nr. 8; vgl. ebd. Nr. 7 und 9.
9) K ü h n a u Sagen 3, 152 ff.
10) Naumann Gemeinschaftskultur 116; Tylor Cultur I, 443.
11) Naumann Gemeinschaftskultur 115 f.; Tylor Cultur I, 441 f.; Seligmann Blick i, 182; Urquell 3 (1892), 299.
12) SAVk. 2, 220.
13) Meyer Germ. Myth. 67.
14) Meiche Sagen 10 Nr. 7.
l5) Walliser Sagen I, 140 Nr. 117.
16) Hoops [349] Reallex., I, 481 f.
17) Wundt Mythus und Religion I, 70 f. 177. 179. 210. 578 (Reg.); Ackermann Shakespeare 67; Imago 6 (1920), 387-392; Meyer Germ. Myth. 66 f.; Hoops Reallex. I, 481 f.
18) Wundt Mythus und Religion I, 179; Grabinski Neuere Mystik 102.

Mengis.

[Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, hrsg. von Hanns Bächthold-Stäubli, Bd. 2 (1930), 346-349]


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