Lexikonartikel
1. Lexikon der Antike
hrsg. von Johannes Irmscher und Renate Johne. Leipzig: BI, 10. A. 1990
Labyrinthos, lat. Labyrinthus, dt. Labyrinth [wahrscheinlich von labrys, »Doppelaxt«: »Haus der labrys«]: in der griech. Sage ein von Daidalos für den kret. König Minos bei Knossos errichtetes Gebäude, aus dessen verschlungenen Gängen keiner wieder herausfand und in dem Minos den Minotauros gefangenhielt. Mit Hilfe des Garnknäuels der Ariadne gelang Theseus der Rückweg. Die Vorstellung vom L. geht wohl auf den großen Palast von Knossos zurück. Danach bezeichneten die Griechen als L. Anlagen, die in ihrer Unübersichtlichkeit an das kret. L. erinnerten, z. B. den Palast am Moirissee (Medinet el-Fajum) in Ägypten (XII. Dynastie), etrusk. Grabanlagen in Clusium (Chiusi) u. a.; schon in der Antike wurde der Begriff L. zur Bezeichnung von Irrgängen (auch als Kinderspiel). Be
2. Oxford Classical Dictionary
Oxford: Clarendon Press, 1949
LABYRINTH (labyrinthos, probably derived from a pre-Greek word), a building of complicated plan, constructed by Daedalus for King Minos of Crete, from which nobody could escape. The original labyrinth was located at Cnossos (Cleidemus in Plut. Thes. 19), but some later writers identified it with a quarry near Gortyn. The Minotaur lived in the labyrinth and was killed there by Theseus (Catull. 64).
By extension Greeks called all kinds of architectural mazes labyrinths, especially, in Egypt, the funeral temple of Amenemhet III (Hdt. 2. 148; H. Kees in PW xii. 324).
An inscription found in Rome records the construction of a labyrinth in the reign of Septimius Severus (Kaibel, Epigr. Gr. 920).
A dance with complicated figures performed in Delos and at Cnossos in memory of the delivery of Athenian youths and maidens from the Minotaur is said to have been an imitation of the labyrinth (Plut. Thes. 21).
The labyrinth is represented on coins of Cnossos, on Greek vases, and in Roman mosaics (L. Shear, AJArch. 1923). Even on the walls of a house in Pompeii we find a graffito of the labyrinth inscribed: 'hic habitat Minotaurus'. R. Eilmann, Labyrinthos (1931); W. F. J. Knight, Cumaean Gates (1936)
3. Der Kleine Pauly
hrsg. von Konrat Ziegler und Walther Sontheimer
Labyrinthos (labyrinthos). 1. Das myth. kretische L. war ein nach att. Überlieferung von -> Daidalos für den kret. König -> Minos geschaffener Wunderbau in -> Knossos mit verwirrend unübersichtlicher Anlage, in dessen Mitte -> Minotauros hauste und seine menschlichen Opfer verschlang; Theseus tötete ihn und befreite die Athener von dem Blutzoll. Paus. 1,27. Apollod. 3, 214; epit. 1,9. 12 (nicht 126, wie o. I 1360,28 angegeben). Plut. Thes. 15 spricht von dem Tod der 10 Opfer durch das aussichtslose Herumirren. Nach anderer Überlieferung sperrt Minos den Baumeister selbst in das von ihm erbaute Haus, und er kann sich und seinen Sohn nur auf dem Luftwege retten. Alle Berichte sprechen von gewundenen, sich ineinander schlingenden Irrgängen. Kall.h. 4, 311. Diod. 4,77. Der letztere erzählt 1,97, Daidalos habe ein äg. Vorbild benutzt (s. Nr. 2).
Darstellungen des L. finden sich häufig auf kret. Mz., bald einfacher, bald zum Grundriß eines Irrgartens erweitert, teils in Quadrat-, teils in Kreuzform oder in spiralförmigen Windungen, oder nur durch mäanderartigen Rahmen angedeutet. Auf att. Vasenbildern erscheint das L. als ein Stelen- oder turmartiges Gebäude mit Mäanderverzierung. Rom. Mosaikfußböden stellen den Kampf des Theseus mit dem Minotauros in einem quadrat. L. dar; das Mosaik in Hadrumetum trägt die Inschr.: Hic inclusus vitam perdit. Als Kinderspiel zeigt sich das L. in einem pompejan. Graffito mit der Aufschr.: Labyrinthus. Hic habitat Minotaurus. Das früheste Zeugnis für die Darstellung des runden L. ist die etr. Oinochoe von Tragliatella (um 600), sie trägt aber die Aufschr. truia (-> Trojaspiel). Eine Kontinuität von L.-Zeichnungen zurück bis zu einem Fresko des 2. Palastes von Knossos und mäanderartigen Darstellungen auf kret. Siegeln läßt sich allerdings nicht nachweisen. Die Deutung des L. als Sternenhimmel (im Hinblick darauf, daß der Minotauros auch Asterios oder -> 40 Asterion (2) hieß) ist erledigt. Die Auffassung, L. bedeute urspr. ein unterirdisches Gefängnis oder Bergwerk, wird noch von güntert (s.u.) und mit Einschränkung von KERÉNYI (s. Nr. 3) vertreten unter Hinweis auf die allerdings von späten Autoren als L. bezeichneten Steinbrüche von Gortyn mit tief in den Berg hineinführenden, weitverzweigten Stollen und Kammern; etym. zu labrys Doppelaxt, das hier als Arbeitswerkzeug gefaßt wird. Im allg. hat man sich von Evans, JHS 21, 50 1901, 109ff., überzeugen lassen, daß der von ihm ausgegrabene Palast von Knossos mit seinen verwirrenden Anlagen von Wohnräumen, Gängen, Treppen und Magazinen in mehreren Stockwerken dem Begriff L. zugrunde liege. Übrigens sieht Spengler im »Untergang des Abendlandes« darin eine von einer Priestergemeinschaft bewohnte riesige Kultanlage. Die Doppelaxt kehrt hier so häufig wieder, daß die Deutung des L. als »Haus der labrys« einleuchtet. Die Auffassung der Doppelaxt als Symbol eines Stiergottes und Attribut priesterlicher Herrscher ist jedoch sehr fraglich geworden, seit die Linear B-Tafeln die Verehrung einer Göttin des L. berichten, Wiesner, Olympos, 1960, 222.230. Nilsson GgrR 2l,276f. hatte den nur aus Mythen erschlossenen Stiergott für die mino. Religion schon vorher abgelehnt. Verständlich ist jedenfalls, daß in späterer Z. die rätselhaften Trümmer des riesigen Palastes im Zusammenhang mit der undeutlichen Erinnerung an eine uralte Zwingherrschaft ein Netz des Geheimnisvollen um jene Stätte weben konnten, aus dem die unheimliche L.-Vorstellung erwuchs. Karo, ARW 7,132. Bethes (s.u.) Annahme, L. bedeute zunächst den Tanzplatz (Hom. II. 18,590. Benndorf, SAWW 1890, 123,1) mit der Vorzeichnung schwieriger Tanzfiguren und sei von da auf die Irrgänge im Haus des Minotauros übertragen worden, läßt sich nicht halten. Der von Theseus gestiftete Kranichtanz der Delier wird ausdrücklich als mímema tôuen tô Labyrintho periodon kai diexodon bezeichnet Plut.Thes. 21. F. Weege Der Tanz in der Ant., 1926, 61 ff.
2. Der Name L. wurde auch auf andere Bauanlagen übertragen, deren Unübersichtlichkeit den Besucher irreführen konnte. Dahin gehören die nicht erhaltenen L. bei Nauplia (Strab. 8,369), auf Lemnos (Plin.nat. 36,86.90, ein Werk der Architekten Zmilis, Rhoikos und Theodoros, HALL, JHS 25, 1905, 320 ff. Verwechslung mit Samos, BUSCHOR Bericht über die Hundertjahrfeier des Instituts 261) und das sog. Grab des Porsenna bei Clusium (Varro bei Plin. nat. 36,91 ff.). Von Gortyn war schon o. die Rede. Das berühmteste außerkret. L. war das ägyptische am Moirissee, von Hdt. 2,148 auf die 12 Samtherrscher vor Psammetich L, von Diod. 1,61 (97) auf König Mendes oder Marros, 1,89 auf Menas, von Strab. 17,811 auf Imandes (813 Ismandes), von Ail.nat. 6,7 auf Marres, von Manetho (FHG 2,560) auf Lamares, bei Plin.nat. 36,84 auf Mnevis bzw. Moeris zurückgeführt. Marres ist der Thronname Amenemhets III. (um 1800, 12. Dynastie). Dieser hat sich den gewaltigen Totentempel nebst Pyramide bei Hawara erbaut. Er umfaßte eine Fläche von 200x150 m (Knossos 170x156) und enthielt nach Hdt. 12 bedeckte Höfe und 3000 Gemächer. Trotz einiger Zerstörungen blieb er im Alt. eine Hauptsehenswürdigkeit Äg.s (Alkiphr. 2,4. 4,16).
3. Das Wort L. knüpft zwar an den kret. Bau an, bezeichnet aber eine uralte Menschheitsvorstellung, einen Archetypos im Sinne JUNGs u. KERÉNYIs (s.u.). »Jede scheinbar nur rein dekorativ angewandte Spirallinie, für sich hingezeichnet oder als Spiralmäander gestaltet, ist ein L., sobald wir sie uns als einen Weg vorstellen und uns gleichsam in sie als in einen unumgänglichen Eingang oder Durchgang versetzen« (KERÉNYI 13). Dabei ist nicht charakterist., daß der Ausweg fast unmöglich ist, sondern daß es ihn doch gibt. Unterwelt, Tod und Leben, Unendlichkeit verkörpern sich in den labyrinth. Äußerungen im Mythos, im Tanz, in der bildenden Kunst. Der Marotanz auf Ceram (Indonesien) mit dem zugehörigen Mythos, der »Palast der Eingeweide« auf mesopotam. Tontafeln, die spiralförmigen Steinsetzungen N.-Europas, die ; sog. Bußwege in ma. Kirchen: in allem lebt der Gedanke des L. Der Minotauros im Mittelpunkt der ma. L. ist der Teufel, zu dem alle Irrwege hinführen, wenn nicht Christus-Theseus rettet. Die Steinsetzungen machen oft den Eindruck von Stadtgrundrissen, und in der Tat haben die meisten alten und neuen Weltstädte einen labyrinth. Charakter, W. Schneider Überall ist Babylon, 1960, 104. Anders KERÉNYI, der z.B. den Zusammenhang des L. mit der Unterwelt, aber auch mit der Rückkehr aus der Unterwelt Verg. Aen. 6, 14ff. dargestellt findet. Daidalos hat bei Cumae Apollon ein Heiligtum gebaut, um seine Flügel dort zu weihen, und am Tor das kret. L. dargestellt. Es ist sinnvoll, wenn Aeneas gerade dorthin kommt, um seine Hadesfahrt anzutreten. H. v. G.
E. Bethe, RhM 65, 1910, 22Off. F. Wolters Darstellungen des L., SBAW 1907, 113ff. 1913, 3 ff. H. Diels Das L. In: Festgabe für Harnack, Tüb. 1921. H. Güntert L. Eine sprachwiss. Unters. SHAW 1932. R. Eilmann Beitr. zur Gesch. einer Vorstellung und eines Ornaments, Diss. Halle, Athen 1931. K. Kerényi L.-Stud. L. als Linienreflex einer mythol. Idee, Zürich 2.A. 1950. F. Weißengruber L., Festschrift. Linz, 1952, 127 ff.
Minotauros (Minotauros;, ho Mino tauros). M. verdankt in der Sage seine Existenz der widernatürlichen Verbindung von ->: Minos' Gattin ->: Pasiphae mit dem Stier, den Poseidon dem Minos zur Bestätigung seiner Herrschaft gesandt, dessen Opferung dieser aber unterlassen hatte. Minos sperrte die Mißgeburt in den innersten Winkel des ->: Labyrinths. Hier bekam er die athen. Jünglinge und Mädchen zum Fraße vorgesetzt; daß er sich allg. von Menschenfleisch ernährte, steht nur Serv. Verg. Aen. 6,14. ->: Theseus tötete M. und befreite Athen von dem Blutzoll, Apollod. 3,11.213; epit. 1,8. Plut. Thes. 15 ff. Diod. 4,61,3. 77,1ff. Die Menschenopfer, ein märchenhafter Zug wie andere Züge dieser Geschichte (Wilam. GldH 1,110), entstammen dem Mißverstehen wollen der betroffenen Feinde (Poland, RE XV 1934). Die ant. Mythendeutung erfand um der ratio willen und, um Pasiphae moralisch zu entlasten, einen schönen Jüngling aus der Umgebung des Minos oder einen Notarius oder Feldherrn namens Tauros. Die jungen Athener, im Labyrinth verwahrt, waren die Kampfpreise, die Tauros bei den Leichenspielen für ->: Androgeos gewann, Plut. Thes. a.O. Die neuere Deutung, an M.' Eigennamen ->: Asterion (Apollod. 3,11) anknüpfend, sah in ihm meist den aus den zahlreichen Stierbildern erschlossenen 20 Stern- und Stiergott der vorgriech. Bevölkerung Kretas, Malten, JDAI 43,1928, 90ff. Ein solcher Gott (o. I 658) hat aber nicht existiert, Nilsson GgrR 1,297. Matz Kreta und frühes Griechentum, 1962, 69.125.151. Hinter den Stierbildern (nebst den Doppeläxten) und Stierspielen steht die kult. Bedeutung des Opferstiers und des Opfers überhaupt. Die Stiergötter der Orient. Umwelt gaben den Minoern nur den Anlaß zur Ausbildung einer neuen und eigenen relig. Symbolik. Cook 30 Zeus 1,490 denkt an Sonnentänze des kret. Kronprinzen mit Stiermaske in der Orchestra des Labyrinths (Lukian. salt. 49 spricht von 2 Stiertänzen und dem Labyrinthtanz). Karo, ARW 7, 1904, 133 rechnete den M. zu den Mischwesen der alt-achäischen Rel. Die in der ant. Lit. geläufige Vorstellung des M. als stierköpfigen Menschen ist auch in den zahlreichen Kunstdarstellungen festgehalten. Der mino. Siegelabdruck Taf. 22,4 bei Nilsson a. O. gehört freilich nicht hierher. Frühestes Vorkommen vor 650. Seitdem wird auf att., aber auch auf nicht-att. Vasenbildern Theseus' Kampf mit dem M. bes. häufig dargestellt. Etr. Darstellungen schildern Minos' Entsetzen über die Mißgeburt, ehe er von Ariadne besänftigt wird. Aus dem 5. Jh. stammt eine Metope vom Hephaisteion in Athen, aus späterer Z. u. a. eine Bronzegruppe in Berlin. H. v. G. L.Cottrell The Bull of M., Lond. 1954.