Das Feuer aller Feuer


So wird eines Tages sein Standbild aussehen, denkt ironisch der Prokonsul, während er den Arm hebt und in der Gebärde des Grußes einrasten läßt, regungslos steht in der Ovation des Publikums, das zwei Stunden Circus und Hitze nicht erschöpft haben. Der Augenblick der versprochenen Überraschung ist gekommen. Der Prokonsul läßt den Arm fallen; er sieht seine Frau an, die das ausdruckslose Lächeln dieses Festtags erwidert. Irene weiß nicht, was jetzt kommen wird, und es ist so, als wüßte sie es dennoch; denn auch das Unerwartete wird schließlich zur Gewohnheit, wenn man mit der Gleichgültigkeit, die dem Prokonsul zuwider ist, die Launen des Herrn zu ertragen gelernt hat. Sie sieht, ohne den Blick zur Arena zu wenden, ein längst geworfenes Los, eine unbarmherzige monotone Reihenfolge. Licas vom Weinberg und sein Weib Urania sind die ersten, die laut einen Namen nennen, den die Menge aufnimmt und wiederholt. "Ich hab dir diese Überraschung bis zuletzt aufgehoben", sagt der Prokonsul. "Man hat mir versichert, daß du den Stil dieses Gladiatoren bewunderst." Hüterin ihres Lächelns, neigt Irene das Haupt, um zu danken. "Da du uns nun einmal die Ehre erweist, uns zu begleiten, obschon die Spiele dich verdrießen", fügt der Prokonsul hinzu, "ist es gerecht, wenn ich versuche, dir das zu bieten, was dir am besten gefällt." "Du bist das Salz der Welt!" schreit Licas. "Mars' Schatten kommt durch dich herab auf unsere arme Provinzarena!" "Du hast kaum mehr als die Hälfte gesehen", sagt der Prokonsul und netzt seine Lippen an einem Glas Wein, das er seinem Weib reicht. Irene trinkt einen langen Schluck, und das leichte Aroma scheint den [136] schweren und anhaltenden Geruch nach Blut und Dung zu verdrängen. Im jähen Schweigen der Erwartung, die ihn mit schonungsloser Präzision heraushebt, tritt Marco ins Zentrum der Arena. Sein kurzes Schwert glänzt in der Sonne, die in einem schrägen Strahl durch das abgetragene Zelttuch fällt; der Bronzeschild hängt ihm nachlässig von der Linken. "Du wirst ihn doch nicht gegen den Sieger von Smyrna antreten lassen?" fragt Licas aufgeregt. "Noch viel besser", sagt der Prokonsul. "Ich will, daß deine Provinz sich wegen dieser Spiele an mich erinnern soll und daß meine Frau endlich ihre Langeweile verliert." Urania und Licas applaudieren in Erwartung von Irenes Antwort, aber schweigend gibt sie das Glas dem Sklaven zurück, teilnahmslos für das Tosen und Brausen, das die Ankunft des zweiten Gladiators begrüßt. Regungslos scheint auch Marco voller Gleichgültigkeit für die Ovation, die sein Gegner empfängt; mit der Spitze des Schwerts berührt er leicht seine vergoldeten Beinpanzer.

"Hallo", sagt Roland Renoir und nimmt eine Zigarette wie eine unumgängliche Fortsetzung der Bewegung, den Hörer abzunehmen. Ein Knistern vermischter Geräusche entsteht in der Leitung, jemand diktiert Zahlen, und jäh ein Schweigen, das dunkler noch ist als die Dunkelheit, die das Telefon in die Hörmuschel kippt. "Hallo", wiederholt Roland, legt die Zigarette auf den Rand des Aschenbechers und sucht nach Streichhölzern in der Tasche seines Morgenrocks. "Ich bin es", wiederholt die Stimme von Jeanne. Roland schließt halb die Augen und bringt sich müde in eine bequemere Lage. "Ich bin es", wiederholt Jeanne sinnloserweise. Da Roland keine Antwort gibt, fügt sie hinzu: "Sonia ist soeben gegangen."

Seine Pflicht ist es, den Blick zur kaiserlichen Loge zu heben, den üblichen Gruß entrichten. Er weiß, er muß es tun, er wird die Frau des Prokonsuls sehen und den Pro- [137] konsul, und vielleicht wird die Frau ihm zulächeln, wie bei den letzten Spielen. Er braucht kein Denken, fast kann er nicht denken, der Instinkt aber sagt ihm, daß diese Arena schlecht ist, das Riesenauge aus Bronze, wo die Harken und Palmwedel der vorausgegangenen Kämpfe kurvenreiche Pfade gezeichnet haben. In der Nacht hat er von einem Fisch geträumt, von einem einsamen Weg zwischen zerborstenen Säulen hat er geträumt; indes er sich wappnete, hat ihm einer zugeflüstert, der Prokonsul werde ihn nicht mit Goldmünzen bezahlen. Marco hat sich nicht die Mühe gemacht, Fragen zu stellen, und der andere hat hämisch gelacht, ehe er sich entfernte, und hat sich nicht umgedreht; dann hat ihm einer gesagt, das sei der Bruder des von ihm in Massilia getöteten Gladiators. Aber schon wurde er zur Galerie gestoßen, in das Geschrei da draußen. Die Hitze ist unerträglich, der Helm drückt und schickt die Sonnenstrahlen zurück zum Zeltdach und den Treppen. Nur einmal: zerborstene Säulen; Träume ohne klaren Sinn, mit Brunnen des Vergessens in den Augenblicken, da er hätte verstehen können. Der ihn wappnete, hat gesagt, der Prokonsul werde ihn nicht mit Goldmünzen bezahlen; vielleicht wird die Frau des Prokonsuls ihm an diesem Nachmittag nicht zulächeln. Das Geschrei läßt ihn gleichgültig, denn jetzt applaudieren sie dem andern, sie tun es weniger stark als eben noch für ihn, aber in den Beifall mischen sich Rufe des Erstaunens und Schreckens. Marco hebt den Kopf, schaut zum Rang, wo Irene sich umgedreht hat und mit Licas spricht und der Prokonsul ein Zeichen gibt. Sein ganzer Körper zieht sich zusammen, die Hand preßt den Schwertknauf. Ein Blick zur entgegengesetzten Galerie genügt; nicht hier taucht sein Rivale auf, kreischend ist das Gitter in die Höhe gezogen worden, das den schwarzen Durchgang sperrt, durch den die Bestien hinausgetrieben werden. Marco sieht die riesige Silhouette des nubischen Netzkämpfers, wie sie sich sichtbar gegen [138] den Hintergrund des bemoosten Steins abzeichnet. Jetzt, jenseits aller Vernunft, weiß er bestimmt, daß der Prokonsul ihn nicht mit Goldmünzen bezahlen wird; er errät den Sinn des Fischs und der zerborstenen Säulen. Und zugleich hat es kaum Bedeutung für ihn, was zwischen dem Netzkämpfer und ihm geschehen wird. Es ist der Beruf und das Schicksal, das Handwerk und die Pflicht, das Los, die Bestimmung: aber sein Körper zieht sich noch immer zusammen, als hätte er Angst. Etwas in seinem Körper fragt, warum der Netzkämpfer aus der Galerie der Bestien herausgekommen ist, und auch das Publikum stellt sich zwischen den Ovationen diese Frage. Licas fragt den Prokonsul. Der lächelt und will so wortlos die Überraschung betonen, und Licas protestiert lachend und glaubt sich verpflichtet, zugunsten von Marco eine Wette einzugehen. Noch ehe sie die Worte hören kann, die nun folgen, weiß Irene, daß der Prokonsul seine Wette zugunsten des Nubiers verdoppeln wird, und er wird sie dann freundlich ansehen und den Befehl geben, ihr geeisten Wein zu servieren. Und sie wird den Wein trinken und mit Urania sich austauschen über die Statur und Wildheit des nubischen Netzkämpfers; alles, was kommt, ist voraussehbar, auch wenn es an sich nicht verstanden wird; auch wenn vielleicht das Weinglas ausbleibt oder Uranias Ausdruck um den Mund, während sie den Torso des Riesen bewundert. Licas, ein Experte ungezählter Circustage, wird sie darauf aufmerksam machen, daß der Helm des Nubiers die Spitzen des Tiergatters gestreift hat, die zwei Meter hoch reichen, und er wird die Gelassenheit loben, mit der er die Maschen des Netzes über seinen linken Arm ordnet. Wie immer, wie in einer nun fernen Hochzeitsnacht, zieht Irene sich bis an die tiefste Grenze ihrer selbst zurück, während sie sich nach außen willig zeigt und lächelt und sogar genießt; in dieser freien und fruchtlosen Tiefe spürt sie das Zeichen des Todes, das der Prokonsul in seinem fröhlichen Lä- [139] cheln für die Öffentlichkeit versteckt hat, das Zeichen, das nur von ihr und vielleicht von Marco verstanden werden kann. Aber Marco wird es nicht verstehen, er ist wild, wortlos, eine Maschine, und sein Körper, den sie an einem früheren Circusnachmittag begehrt hat (der Prokonsul hat es erraten, ohne seine Zauberer fragen zu müssen, hat er es wie stets erraten, vom ersten Augenblick an), wird den Preis zahlen müssen für diese bloße Imagination, für einen zweifachen folgelosen Blick auf den Leichnam eines mit geschicktem Schnitt in die Kehle getöteten Thrakiers.

Ehe sie Rolands Nummer gewählt hat, hat Jeannes Hand die Seiten einer Modezeitschrift, ein Röhrchen mit Beruhigungspillen, den Rücken der auf dem Sofa zusammengerollten Katze berührt. Dann hat Rolands Stimme "Hallo" gesagt, seine ein wenig schläfrige Stimme, und plötzlich hat Jeanne die Empfindung gehabt, für Roland werden ihre Worte etwas Lächerliches enthalten, das sie in die Reihe telefonierender Klageweiber stellen wird, vor einem einzigen ironischen Zuschauer, der in einem herablassenden Schweigen seine Zigarette raucht. "Ich bin es", sagt Jeanne, aber sie hat es mehr zu sich selbst gesagt als zu dem Schweigen am anderen Ende, das wie ein Wandbehang ist, auf dem ein paar Klangfunken tanzen. Sie betrachtet ihre Hand, die zerstreut die Katze gestreichelt hat, ehe sie die Nummern wählte (und sind da nicht andere Zahlen im Telefon zu hören, ist da nicht eine ferne Stimme, die jemandem Zahlen diktiert, der nichts sagt, der nur dazu da ist, sie gehorsam aufzuschreiben?). Sie weigert sich zu glauben, daß die Hand, die das Röhrchen mit den Tabletten hochgehoben und wieder hingestellt hat, ihre Hand ist, daß die Stimme, die soeben wiederholt hat "Ich bin es", ihre Stimme am Rande der Grenze ist. Aus Selbstachtung: schweigen, den Hörer langsam zurück auf die Gabel legen, allein bleiben, unberührt. "Sonia ist soeben gegangen", sagt Jeanne, und die [140] Grenze öffnet sich, das Lächerliche beginnt, die kleine gemütliche Hölle.

"Aha", sagt Roland und reibt ein Streichholz an. Jeanne hört deutlich das Reiben, es ist, als könnte sie Rolands Gesicht sehen, während er den Rauch einatmet und sich mit halb geschlossenen Augen ein wenig zurücklehnt. Ein Fluß gleißender Schuppen scheint aus den Händen des riesigen Negers hervorzubrechen, und Marco hat genau die Zeit, um dem Netz zu entkommen. Sonst - der Prokonsul weiß es, und er wendet den Kopf, daß nur Irene ihn lächeln sieht - hat er diesen winzigen Augenblick zu nutzen gewußt, der der schwache Punkt jedes Netzkämpfers ist, um mit dem Schild die Bedrohung des langen Dreizacks zu blockieren und sich mit blitzender Bewegung auf die entblößte Brust zu werfen. Aber Marco bleibt außerhalb der Reichweite, die Beine gekrümmt, als wolle er zum Sprung ansetzen, indes der Nubier blitzschnell das Netz einrollt und den neuen Angriff vorbereitet. Er ist verloren, denkt Irene, ohne den Prokonsul anzusehen, der sich ein paar Süßigkeiten vom Tablett nimmt, das Urania ihm hinhält. Er ist nicht mehr das, was er einst war, denkt Licas und bereut seine Wette. Marco hat sich ein wenig geduckt, den kreisenden Bewegungen des Nubiers folgend; er als einziger weiß nicht, was alle voraussehen, ein Etwas ist er, das geduckt auf eine zweite Gelegenheit wartet, in einem vagen Zwiespalt, nicht das getan zu haben, was sein Wissen ihm gebot. Er würde mehr Zeit brauchen, in den Stunden, die nach dem Sieg in den Schenken folgen, um vielleicht den Grund zu begreifen, warum der Prokonsul ihn nicht mit Goldmünzen bezahlen wird. Drohenden Blickes wartet er auf eine günstige Gelegenheit. Vielleicht, daß er am Schluß, einen Fuß auf dem Leichnam des Netzkämpfers, noch einmal das Lächeln der Frau des Prokonsuls finden kann; aber er denkt das nicht, und wer es denkt, glaubt nicht mehr daran, daß Marcos Fuß sich auf die Brust ei- [141] nes enthaupteten Nubiers stellen wird.

"Entscheide dich", sagt Roland, "es sei denn, du willst, daß ich mir den ganzen Abend den Kerl anhören soll, der ich weiß nicht wem Zahlen diktiert. Hörst du das?" "Ja", sagt Jeanne, "man hört ihn von sehr weit weg. Dreihundertvierundfünfzig, zweihundertzweiundvierzig." Für einen Augenblick ist da nur die ferne und monotone Stimme. "Auf jeden Fall", sagt Roland, "benutzt er das Telefon für etwas Praktisches." Ihre Antwort könnte jetzt voraussehbar sein, ihre erste Klage, aber Jeanne schweigt noch ein paar Sekunden und wiederholt dann: "Sonia ist soeben gegangen." Sie zögert, ehe sie hinzufügt: "Wahrscheinlich ist sie gerade auf dem Weg zu dir." Roland ist erstaunt darüber, Sonia hat keinen Grund, zu ihm in die Wohnung zu kommen. "Lüg nicht", sagt Jeanne, und die Katze entwischt ihrer Hand, schaut sie beleidigt an. "Es ist keine Lüge", sagt Roland, "ich bezog mich auf die Uhrzeit, nicht auf die Tatsache, daß sie kommt oder nicht kommt. Sonia weiß, daß mir Besuche und Anrufe zu dieser Stunde lästig sind." Achthundertfünf diktiert von weitem die Stimme. Zweiunddreißig. Jeanne hat die Augen geschlossen und wartet, daß die anonyme Stimme Pause macht, um das noch zu sagen, was zu sagen bleibt. Wenn Roland auflegt, bleibt ihr noch die Stimme im Hintergrund der Leitung, sie kann den Hörer weiter am Ohr halten, übers Sofa Stück für Stück wegrutschen, die Katze streicheln, mit dem Tablettenröhrchen spielen, den Zahlen lauschen, bis auch die andere Stimme ermüdet und nichts mehr bleibt, absolut nichts, bis auf den Hörer, der entsetzlich schwer an ihren Fingern werden wird, ein totes Ding, das man ohne hinzusehen von sich tun kann. Hundertfünfundvierzig, sagt die Stimme, und in noch größerer Entfernung, schwach wie eine Bleistiftzeichnung, fragt jemand, vielleicht eine schüchterne Frau, zwischen einem doppelten Knacken: "Ist da der Nordbahnhof?" [142]

Ein zweites Mal gelingt es ihm, dem Netz auszuweichen, aber er hat den Sprung nach hinten schlecht bemessen und rutscht auf einem feuchten Fleck im Sand aus. Mit gewandter Kraft, die dem Publikum den Atem verschlägt, treibt Marco mit einer Pirouette seines Schwerts das Netz zurück, während er den linken Arm ausstreckt und den widerhallenden Schlag des Dreizacks auf seinem Schild empfängt. Der Prokonsul zeigt Verachtung auf die erregten Kommentare von Licas und wendet sein Gesicht Irene zu, die sich nicht gerührt hat. "Jetzt oder nie", sagt der Prokonsul. "Nie", antwortet Irene. "Er ist nicht mehr das, was er war, wiederholt Licas, "und das wird ihm teuer kommen, der Nubier wird ihm keine zweite Gelegenheit geben, man braucht ihn nur anzusehn." Abstand haltend, beinah regungslos, scheint Marco seinen Irrtum einzusehen; den Schild erhoben, blickt er fest auf das Netz, das bereits eingerollt ist, auf den Dreizack, der zwei Meter vor seinen Augen hypnotisch auf und ab bewegt wird. "Du hast recht, er ist nicht mehr derselbe", sagt der Prokonsul. "Hattest du etwa auf ihn gewettet, Irene?" Geduckt, zum Sprung bereit, spürt Marco auf der Haut, in der Tiefe des Magens, daß die Menge ihn im Stich läßt. Hätte er nur einen Augenblick Ruhe, könnte er den Knoten zerhauen, der ihn lähmt, die unsichtbare Kette, die sehr weit hinten beginnt, er weiß nicht, wo, und die in einem gewissen Augenblick der Eifer des Prokonsuls ist, das Versprechen einer außerordentlichen Bezahlung, und ein Traum auch, in dem ein Fisch vorkommt, und nun, da Zeit für nichts mehr bleibt, das Bild des Traums, wie es sich vor das Netz stellt, das vor seinen Augen tanzt und jeden Sonnenstrahl zu fangen scheint, den die Risse im Zeltdach filtern. Alles ist Kette, Falle. Sich mit bedrohlicher Heftigkeit aufrichtend, der das Publikum applaudiert, während der Netzkämpfer zum ersten Male einen Schritt zurückweicht, wählt Marco den einzigen Weg, die Verwirrung, den Schweiß und den Geruch nach [143] Blut, den Tod vor ihm, den es zu ersticken gilt; jemand denkt es für ihn hinter der lächelnden Maske, jemand, der ihn begehrt hat, da er über dem Leib eines sterbenden Thrakiers stand. "Das Gift", sagt sich Irene, "einmal werde ich das Gift finden, aber nimm jetzt sein Glas Wein an, sei die Stärkere, warte auf deine Stunde." Die Pause scheint sich auszudehnen, wie sich die boshafte schwarze Galerie ausdehnt, zu der in Abständen die ferne Stimme zurückkehrt, die Zahlen wiederholt. Jeanne hat immer geglaubt, daß die Botschaften, auf die es ankommt, sich in einem bestimmten Augenblick ohne Worte finden lassen; vielleicht sagen diese Zahlen mehr, sind mehr als jede Rede für den, der sie aufmerksam verfolgt, so wie für sie Sonias Parfüm, die flüchtige Berührung ihrer flachen Hand auf ihrer Schulter viel mehr gewesen sind als die Worte Sonias. Aber es war nur natürlich, wenn Sonia sich nicht mit einer chiffrierten Botschaft zufriedengeben und es mit allen Buchstaben aussprechen wollte, es auskostend bis zuletzt. "Ich verstehe, daß es für dich sehr hart sein wird", hat Sonia wiederholt, "aber ich verabscheue den Betrug und ziehe es vor, dir die Wahrheit zu sagen." Fünfhundertsechsundvierzig, sechshundert -zweiundsechzig, zweihundertneunundachtzig. "Es ist mir gleich, ob sie in deine Wohnung kommt oder nicht", sagt Jeanne, "mir ist jetzt alles gleich." Anstelle einer weiteren Zahl entsteht ein langes Schweigen. "Bist du noch da?" fragt Jeanne. "Ja", sagt Roland, läßt die Kippe im Aschenbecher und sucht ohne Eile nach der Flasche Cognac. "Was ich nicht verstehen kann ...", beginnt Jeanne von neuem. "Bitte", sagt Roland, "bei solchen Sachen versteht keiner groß was, meine Liebe, und außerdem ist mit Verstehen nichts gewonnen. Ich bedaure, daß Sonia zuvorgekommen ist, es war nicht ihre Sache, es dir zu sagen. Verdammter Kerl, kann er nicht mit seinen Zahlen aufhören?" Die schwache Stimme, die an eine organisierte Welt von Ameisen denken läßt, fährt in ih- [144] rem minutiösen Diktat fort an der Schwelle eines näher rückenden und dichter werdenden Schweigens. "Aber du", sagt Jeanne absurderweise, "also du ..." Roland trinkt einen Schluck Cognac. Er hat seine Worte immer gern mit Sorgfalt ausgewählt, überflüssige Dialoge vermieden. Jeanne wird ihre Sätze zwei-, dreimal wiederholen, während er so wenig wie möglich seine besonnenen Antworten vorbereitet, die in diese beklagenswerte heftige Gemütsbewegung Ordnung hineinbringen. Kraftvoll atmend richtet er sich nach einer Finte und einem seitlichen Angriff auf; etwas sagt ihm, der Nubier werde diesmal die Reihenfolge des Angreifens ändern, der Dreizack werde dem Netz zuvorkommen. "Sieh genau hin", erklärt Licas seiner Frau, "ich habe es ihn in Apta Iulia tun sehen, und er verblüfft sie jedes Mal." Schlecht gedeckt, das Risiko nicht wagend, in das Feld des Netzes einzutreten, wirft sich Marco nach vorn und hebt jetzt erst den Schild, um sich vor dem gleißenden Fluß zu schützen, der wie ein Blitz der Hand des Nubiers entfährt. Er kann den Netzrand abwehren, aber der Dreizack schlägt nach unten und Blut springt aus Marcos Schenkel, während das kurze Schwert vergebens am Schaft widerhallt. "Ich hab es dir gesagt", schreit Licas. Der Prokonsul betrachtet aufmerksam den verletzten Schenkel, das im vergoldeten Beinpanzer versickernde Blut; mit Bedauern fast denkt er, daß Irene diesen Schenkel gern gestreichelt hätte, seinen Druck und seine Wärme gesucht hätte, stöhnend, wie sie stöhnen kann, wenn er sie hinlegt, um ihr weh zu tun. Noch heute nacht wird er es ihr sagen, und es wird interessant sein, ihr Gesicht dabei zu studieren, den schwachen Punkt in ihrer perfekten Maske zu suchen, die Gleichgültigkeit bis zum Schluß vortäuschen wird, so wie sie jetzt ein gesittetes Interesse vortäuscht an diesem Kampf, bei dem der jäh erregte Plebs angesichts des drohend bevorstehenden Endes vor Begeisterung aufheult. "Das Glück hat ihn ver- [145] lassen", sagt der Prokonsul zu Irene. "Fast fühl ich mich schuldig, ihn in diese Provinzarena gebracht zu haben. Etwas von ihm ist in Rom geblieben, das sieht man deutlich." "Und der Rest wird hierbleiben", kräht Licas, "bei dem vielen Geld, das ich gewettet habe!" "Bitte, sei doch nicht so", sagt Roland, "es ist absurd, daß wir uns weiter telefonisch unterhalten, wenn wir uns heute abend sehen können. Ich sag es dir noch einmal, Sonia war voreilig. Ich wollte dich vor diesem Schlag bewahren." Die Ameise ist mit dem Diktieren ihrer Zahlen fertig, und Jeannes Worte hören sich jetzt anders an; es sind keine Tränen mehr in ihrer Stimme, was Roland überrascht, der seine Sätze vorbereitet hat, während er eine Lawine an Vorwürfen erwartete. "Mich vor dem Schlag bewahren?" sagt Jeanne. "Mit Lügen, klar, indem du mich einmal mehr täuschen wolltest." Roland seufzt, er verwirft die Antworten, die einen gewundenen Dialog bis zum Gähnen fortsetzen könnten. "Es tut mir leid, aber wenn du so weitermachst, ziehe ich es vor, aufzulegen", sagt er, und zum ersten Mal ist eine Spur von Zugänglichkeit in seiner Stimme. "Es wird besser sein, wenn ich morgen zu dir komme, zum Teufel, schließlich sind wir zivilisierte Wesen!" Von sehr weit weg diktiert die Ameise: acht-hundertachtundachtzig. "Komm nicht", sagt Jeanne, und es ist lustig, die Worte zu hören, wie sie sich mit den Zahlen vermischen, komm achthundert nicht achtundacht-zig, "komm nie mehr, Roland".

Das Drama, die vermutlichen Drohungen, sich das Leben zu nehmen, der Verdruß wie damals bei Marie Josée, wie bei all denen, die es tragisch nehmen. "Sei nicht dumm", empfiehlt Roland, "morgen wirst du es besser verstehen, es ist besser so für uns beide." Jeanne schweigt, die Ameise diktiert runde Zahlen: hundert, vierhundert, tausend. "Also gut, bis morgen", sagt Roland und bewundert Sonias Straßenkleid, die soeben die Tür aufgemacht hat und stehengeblieben ist mit einer [146] halb spöttischen, halb fragenden Miene. "Sie hat es aber eilig gehabt, dich anzurufen", sagt Sonia und legt ihre Tasche ab und eine Zeitschrift. "Bis morgen, Jeanne", wiederholt Roland. Das Schweigen in der Leitung scheint sich wie ein Bogen zu spannen, bis es von einer fernen Zahl klanglos unterbrochen wird. "Hört doch auf, diese Zahlen zu diktieren, ihr Idioten!" schreit Roland mit ganzer Kraft, und ehe er den Hörer von seinem Ohr entfernt, kann er am anderen Ende noch das Klicken wahrnehmen, den Bogen, der seinen harmlosen Pfeil abschnellt. Gelähmt, im Gefühl, unfähig zu sein, dem Netz auszuweichen, das ihn sogleich einschließen wird, bietet Marco dem nubischen Riesen die Stirn, das zu kurze Schwert regungslos am Ende des gespannten Arms. Der Nubier lockert ein-, zweimal das Netz, rollt es dann ein auf der Suche nach einer günstigen Stellung, läßt es kreisen, als möchte er die Schreie des Publikums verlängern, das ihn anfeuert, endlich mit seinem Rivalen Schluß zu machen, und er senkt den Dreizack, während er sich zur Seite wirft, um dem Wurf mehr Kraft zu verleihen. Marco geht dem Netz mit erhobenem Schild entgegen, und er ist ein Turm, der über eine schwarze Masse stürzt, das Schwert senkt sich in etwas, das weiter oben brüllt, Sand dringt in seinen Mund und in seine Augen, das Netz fällt sinnlos über den Fisch, der erstickt. Gleichgültig läßt die Katze Jeannes Streicheln über sich ergehen, ohne zu merken, daß ihre Hand ein wenig zittert und kalt wird. Als die Finger durch das Fell gleiten und anhalten, sich einkrallen in einem jähen Krampf, klagt die Katze schamlos, wirft sich dabei auf den Rücken und bewegt die Pfoten in einer erwartungsvollen Haltung, über die Jeanne sonst immer lachen muß; nicht diesmal. Ihre Hand liegt regungslos neben der Katze, kaum ein Finger sucht noch die Wärme des Fells, fährt leicht hindurch, ehe er wieder zwischen der wohligen Wärme der Flanke und dem Röhrchen mit den Tabletten innehält, das bis [147] hierher gerollt ist. In den Magen getroffen, brüllt der Nubier, indem er sich zurückbäumt, und in diesem letzten Augenblick, da der Schmerz wie eine Flamme aus Haß ist, fällt die Kraft, die seinen Körper flieht, ganz in seinen Arm und er vermag den Dreizack in den Rücken seines auf dem Gesicht liegenden Rivalen zu stoßen. Er stürzt über Marcos Körper, und von den Zuckungen rollt er auf die Seite. In den Sand gespießt wie ein riesiges leuchtendes Insekt, bewegt Marco leicht den Arm.

"Das geschieht nicht oft", sagt der Prokonsul zu Irene gewandt, "daß zwei Gladiatoren von solchem Ruhm sich gegenseitig umbringen. Wir können uns beglückwünschen, ein seltenes Schauspiel gesehen zu haben. Ich werde es heute abend meinem Bruder schreiben, um ihn in seiner langweiligen Ehe zu trösten."

Irene sieht, wie Marco den Arm bewegt, eine langsame sinnlose Bewegung, als wolle er sich den Dreizack, der in seinen Nieren steckt, herausreißen. Sie stellt sich den Prokonsul nackt auf dem Sand vor, mit demselben Dreizack, bis zum Schaft in ihm steckend. Der Prokonsul aber würde nicht den Arm mit dieser letzten Würde bewegen; er würde schreien und strampeln wie ein Hase und ein erzürntes Publikum um Vergebung bitten" Die Hand annehmend, die ihr Gatte ihr reicht, um ihr beim Aufstehen behilflich zu sein, nickt sie noch einmal; der Arm bewegt sich nicht mehr. Was zu tun bleibt, ist lächeln, sich in die Intelligenz flüchten. Die Katze scheint mit Jeannes Regungslosigkeit nicht einverstanden, sie liegt noch immer auf dem Rücken in Erwartung einer Zärtlichkeit; dann, als belästige sie dieser Finger im Fell der Flanke, miaut sie verstimmt, macht eine halbe Kehrtwendung und entfernt sich, achtlos nun und schläfrig. "Entschuldige, daß ich um diese Zeit komme", sagt Sonia, ich hab deinen Wagen vor der Tür gesehen, die Verführung war zu groß. Sie hat angerufen, nicht wahr?" Roland sucht eine Zigarette. "Du hast falsch gehandelt", sagt er. "Man sollte [148] meinen, so etwas wäre mehr eine Pflicht des Mannes. Schließlich war ich mehr als zwei Jahre mit Jeanne zusammen und sie ist ein gutes Mädchen." "Ah, aber das Vergnügen", sagt Sonia und gießt sich Cognac ein. "Ich hab ihr nie verzeihen können, daß sie so unschuldig ist, es gibt nichts, was mich so zur Verzweiflung bringen kann. Ich sag dir, sie fing an zu lachen, weil sie glaubte, ich wolle sie veralbern." Roland sieht das Telefon an, denkt an die Ameise. Jetzt wird Jeanne noch einmal anrufen, und das wird unbequem sein, denn Sonia hat sich neben ihn gesetzt und streichelt sein Haar, während sie in einer literarischen Zeitschrift blättert, als suche sie nach Illustrationen. "Das war nicht richtig von dir", sagt Roland, und zieht Sonia an sich. "Zu dieser Stunde zu kommen?" lacht Sonia und weicht seinen Händen aus, die ungelenk den ersten Verschluß suchen. Irenes Schultern werden von einem violetten Schleier bedeckt, sie wendet dem Publikum den Rücken zu, das darauf wartet, daß der Prokonsul ein letztes Mal grüßt. In die Ovationen mischt sich bereits das Geräusch einer aufbrechenden Menge, der überstürzte Lauf derjenigen, die vor den ändern zum Ausgang in den unteren Galerien wollen. Irene weiß, man wird die Leichen wegschleppen, und sie dreht sich nicht um. Der Gedanke ist ihr angenehm, daß der Prokonsul Licas' Einladung angenommen hat, in seiner Villa am Seeufer zu Abend zu esssen, wo die Nachtluft ihr helfen wird, den Geruch nach Plebs zu vergessen, die letzten Schreie, einen Arm, der sich langsam bewegt, als streichle er die Erde. Es wird nicht schwer für sie sein zu vergessen, auch wenn der Prokonsul sie quälen wird mit der ausführlichen Beschreibung von so viel Vergangenem, das ihm keine Ruhe läßt; eines Tages wird Irene die Art und Weise finden, damit auch er für immer vergessen kann und die Leute ihn nur einfach für tot halten werden. "Du wirst sehen, was unser Koch für Einfälle hat", sagt Licas' Frau gerade. "Er hat meinem Mann den Appetit [149] wiedergegeben, und in der Nacht ..." Licas lacht und grüßt seine Freunde, während er wartet, daß der Prokonsul, nach einem letzten Gruß, der noch immer nicht kommt, als fände er Gefallen daran, auf die Arena zu schauen, wo man die Leichen einhakt und wegschleppt, den Weg zur Galerie freigibt. "Ich bin so glücklich", sagt Sonia und lehnt ihr Gesicht an die Brust des schläfrigen Roland. "Sag es nicht", flüstert Roland, "man denkt immer, es ist nur aus Höflichkeit." "Du glaubst mir nicht?" lacht Sonia. "Ja, aber sag es nicht jetzt. Laß uns rauchen." Er tastet auf dem niedrigen Tisch nach den Zigaretten, steckt eine zwischen Sonias Lippen, nähert seine, und sie zünden sie beide zugleich an. In ihrer Schläfrigkeit sehen sie sich kaum an. Roland schwenkt das Streichholz hin und her und legt es auf den Tisch, wo irgendwo ein Aschenbecher steht. Sonia ist die erste, die einschläft, und er nimmt ihr behutsam die Zigarette von den Lippen, legt sie neben seine und läßt sie dann auf dem Tisch, an ihrer Seite in einen schweren traumlosen Schlaf gleitend. Das Gazetuch brennt ohne Flamme am Rande des Aschenbechers, verglimmt langsam und fällt auf den Teppich neben den Haufen Wäsche und das Glas Cognac. Ein Teil des Publikums schreit und schart sich in den unteren Rängen. Der Prokonsul hat noch einmal gegrüßt und gibt nun seiner Wache ein Zeichen, damit ihm Platz gemacht werde. Licas begreift als erster und zeigt auf das Segeltuch des alten Sonnendachs, das am entferntesten ist und zu reißen anfängt, während ein Funkenregen auf das Publikum fällt, das kopflos nach den Ausgängen drängt. Einen Befehl schreiend gibt der Prokonsul Irene einen Stoß, die noch immer mit dem Rücken zu ihm steht und sich nicht rührt. "Schnell, ehe sie in der unteren Galerie zusammenlaufen", schreit Licas und eilt seiner Frau voraus. Irene ist die erste, die das kochende Öl riecht, den Brand in den unterirdischen Lagern; hinten stürzt das Sonnendach auf die Rücken derjenigen, die [150] schieben und drängen, um sich einen Weg zu bahnen in der Masse verwirrter Leiber, die die zu engen Galerien verstopfen. Sie springen zu Hunderten in die Arena, nach anderen Ausgängen suchend, aber der Ölrauch trübt den Blick, ein Stoffetzen fliegt über den Flammen und fällt auf den Prokonsul, ehe er sich in dem Durchgang, der die kaiserliche Galerie trägt, schützen kann. Irene dreht sich um, als sie einen Schrei hört, und zieht behutsam mit zwei Fingern den sengenden Stoff weg. "Wir werden nicht herauskönnen", sagt sie, "sie scharen sich da unten alle wie die Tiere." Da schreit Sonia und will sich aus der brennenden Umarmung lösen, die sie im Schlaf umfangen gehalten hat, und ihr erster Schrei geht in den von Roland über, der, von einem schwarzen Qualm erstickt, vergeblich versucht, sich aufzurichten. Sie schreien noch immer, schwächer nun, da der Wagen der Feuerwehr mit voller Kraft in die von Neugierigen verstopfte Straße einfährt. "Es ist im zehnten Stock", sagt der Leutnant. "Es wird schwer sein, der Wind kommt von Nord. Los."

[Julio Cortázar: Das Feuer aller Feuer. Erzählungen. Übs. von Fritz Rudolf Fries. FfM: Suhrkamp, 1976]


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