[Neugier bringt Katzen um ...]

Langsam lief Annie an den Regalen vorbei und hielt ab und zu inne, wenn ihr ein besonders schöner Ledereinband mit Goldprägung auffiel. Nachdem sie bereits drei Seiten des Raumes aufmerksam betrachtet hatte, blieb sie plötzlich stehen und streckte neugierig die Hand nach einem Buch aus. Es war in rotes Kalbsleder gebunden und trug wunderschöne vergoldete Verzierungen. Auf dem Buchrücken stand in Goldlettern "Le Château d'Armor". Der Autor war ihr nicht bekannt, aber Annie fand es aufregend, dass es tatsächlich ein Buch über das Schloss gab.
Es schien nicht so, als sei das Buch schon einmal gelesen worden, denn die Seiten klebten noch ganz fest zusammen. Trotz ihrer Ungeduld handhabte Annie das Buch sehr vorsichtig. Es war offensichtlich ein sehr wertvolles Buch, und wahrscheinlich gab es nur wenige Exemplare davon. Vermutlich wussten die gegenwärtigen Besitzer des Schlosses noch nicht einmal etwas von seiner Existenz.
Das Buch war natürlich in Französisch geschrieben, aber es enthielt eine Reihe wunderschöner Illustrationen und Zeichnungen, so dass Annie es trotzdem mit großem Interesse ansah. Sie war glücklich über ihren Fund und setzte sich in einen der großen, bequemen Sessel, um das Buch in Ruhe ansehen zu können.
Die Grundrisszeichnungen gaben Annie noch eine bessere Vorstellung davon, wie das Schloss gebaut war. Als sie eine Seite umschlug, begann ihr Herz auf einmal wild zu klopfen. Die Zeichnung stellte den oberen Flur, die Galerie am Kopf der Treppe dar und zeigte eindeutig den Teil der Wandtäfelung, wo die Treppe zu Ende war.
Annies Schlafzimmer lag nur ein paar Meter weiter auf der gegenüberliegenden Seite, und wenn man um die Ecke in einen anderen Flügel des Gebäudes bog, kam man – wie auf der Zeichnung zu sehen war – zu Raouls Zimmer. Die Zeichnung war sehr exakt ausgeführt. Eine Öffnung – keine Tür – in der hölzernen Täfelung machte verständlich, wie Charles Louis Vernais den Revolutionären damals in letzter Minute hatte entkommen können.
Als man ihr die Geschichte seiner Flucht erzählt hatte, war die Geheimtür kurz erwähnt worden. Aber man hatte ihr nichts Genaues darüber erzählt, und niemand hatte sich die Mühe gemacht, ihr den Fluchtweg zu zeigen. Manchmal hatte Annie geglaubt, dass die Geheimtür und der Geheimgang nur in der Phantasie bestanden. Jetzt aber hielt sie den Beweis in Händen.
Zum ersten Mal bedauerte sie aufrichtig, kein Französisch zu können, denn sicher stand in dem Buch auch, wie man die Geheimtür öffnen konnte. Annie blätterte eine Seite weiter, und das Rätsel war gelöst: auf einer kleineren Zeichnung war dargestellt, welche der hölzernen Verzierungen man bewegen musste, damit sich die Tür öffnete. Annie prägte sich die Zeichnung genau ein. Sie wollte sicher gehen, dass sie die spezielle Verzierung wieder erkannte.
Niemand sah sie, als sie aus der Bibliothek herauskam. Annie fühlte sich fast ein wenig schuldig, als sie die marmorne Treppe zur Galerie hinaufstieg. Vielleicht sollte sie jemand Bescheid sagen, bevor sie auf Suche nach der Geheimtür ging. Aber irgendwie wollte Annie sie allein entdecken, und sie unterdrückte ihr schlechtes Gewissen.
Es war schwieriger, die Stelle zu finden, als sie gedacht hatte, aber schließlich fand Annie die spezielle Verzierung doch. Zwar wusste sie nicht, wie der Mechanismus funktionierte, aber sie drückte mit der Hand rings um die Verzierung auf die Holztäfelung. Wie erschrak sie, als sich vor ihr in der Täfelung plötzlich eine dunkle Öffnung auftat. Es war nur eine schmale Öffnung, und ihr entströmte der feuchte, modrige Geruch von Jahrhunderten. Aber die Entdeckung an sich war wunderbar aufregend!
Annie konnte kaum glauben, was sie sah, obwohl es in England genügend Geheimgänge und verborgene Türen in alten Häusern gab. Warum sollten die Franzosen weniger erfinderisch gewesen sein! Einen Moment lang stand sie auf der Schwelle, und ihr Herz hämmerte wie wild. Sie wusste nicht genau, was sie als nächstes tun sollte.
Schließlich fasste sie Mut und wagte sich weiter vor. So weit sie im Dunkeln erkennen konnte, führte ein enger Gang nach rechts, der in eine Treppe zu münden schien, die nach unten führte. Annie trat nicht ganz in den Gang. Mit einem Fuß blieb sie immer noch auf dem roten Teppich der Galerie stehen. Es wäre Wahnsinn, sich ohne Licht weiter hineinzuwagen.
Nach kurzem Zögern ging Annie in ihr Schlafzimmer, um nach irgendetwas zu suchen, womit sie sich den Weg leuchten konnte. Dort stand ein silberner Kerzenleuchter mit zwei Kerzen. Eine davon zündete sie an.
Es war immer noch niemand zu sehen, als Annie wieder aus ihrem Zimmer trat, aber die Geheimtür war wieder verschlossen. Mit klopfendem Herzen blieb Annie davor stehen. Wer mochte sie geschlossen haben? Es war niemand zu sehen. Schließlich redete sie sich ein, dass die Tür sich automatisch geschlossen hatte, und sie drückte wieder auf den Geheimhebel, um sie erneut zu öffnen.
Als sie durch die Tür trat, wurde ihr bewusst, wie melodramatisch das Ganze war. Es war sicher das ausgefallenste, was sie in ihrer Karriere als Journalistin je erlebt hatte. Sie wusste überhaupt nicht, ob es einen Ausgang gab – und wo der Ausgang lag, aber irgendwie war Annie überzeugt davon, dass es einen geben musste, Charles Louis Vernais war auf diesem Weg geflohen – warum sollte sie den Gang nicht benutzen können? Der Gang war nicht sehr hoch und von dichten Spinnweben behangen. Annie hatte den fürchterlichen Verdacht, dass es in dem Gewölbe Ratten gab, denn sie hörte ganz leise, scharrende Geräusche.
Annie fuhr zusammen, als hinter ihr die Geheimtür mit einem kaum vernehmbaren Laut zufiel. Trotzdem war sie fest entschlossen, Charles Louis' Spuren zu folgen. Ziemlich bald kam sie zu der Treppe, und Annie schauerte in ihrem dünnen Sommerkleid zusammen, als sie in die pechschwarze Finsternis starrte.
Die Treppe kam Annie endlos lang vor. Sie hatte das Gefühl, als befände sie sich noch innerhalb des Châteaus. Wahrscheinlich lag der Ausgang irgendwo außerhalb, in der Nähe des Schloßes. Schließlich gelangte sie in eine Art Sackgasse. Vor ihr war die kalte Steinwand, in der sie einen eingemauerten Bogen erkannte. Es sah so aus, als wäre es eine Tür. – Nur – es war keine!
Hier gab es keine Täfelung mit Geheimriegel, nur einen schweren, eisernen Ring. Annie stellte die Kerze ab und versuchte, den Ring zu bewegen. Es knirschte und knackte fürchterlich, aber schließlich gab die scheinbar solide Wand nach, und Annie tat mit geschlossenen Augen einen tiefen Atemzug. Die Tür war aufgegangen, und frische Luft strömte herein.
Der Duft von Weihrauch umfing Annie, bevor sie aus dem Gang heraustrat. Kein Zweifel, sie befand sich hinter dem Altar einer kleinen Kapelle. Es sah so aus, als würde sie selten benutzt. Annie war sich fast sicher: sie hatte die Kapelle der Familie gefunden. Und das war der Weg, auf dem ihr Vorfahre den Revolutionären entkommen war.
An den Wänden der Kapelle waren ringsum Grabplatten und Grabinschriften angebracht. Aber vor einer nur brannten Kerzen und standen Rosen. Annie musste einfach wissen, wessen Grab dies war.
Auf Zehenspitzen ging sie darauf zu. Durch die bemalten Glasscheiben fiel sanftes Licht in die Kapelle, und in diesem Licht las Annie die Grabinschrift. Sie sah noch vergleichsweise neu aus und war in schlichter Schrift gehalten. "LOUISE CLOTHILDE", las Annie leise, "geliebtes, einziges Kind von François d'Armor und seiner Frau Clothilde. 1920-1942".
Annie fragte sich, warum die d'Armors so beharrlich über dieses Thema schwiegen. Welches Geheimnis umgab diese Frau, Raouls Mutter? Sie seufzte auf und drehte sich um. Zurück wollte sie den Weg durch den Schlossgarten nehmen.
Als Annie sich zum Gehen wandte, trat ein Mann aus dem düsteren Bogen des Eingangs hervor. Mit wütenden, glitzernden Augen starrte er sie an. "So, Mademoiselle", sagte Raoul d'Armor drohend, "Sie schnüffeln also immer noch in Angelegenheiten herum, die Sie nichts angehen!"
"Raoul!"
Annie merkte nicht einmal, wie familiär diese Anrede war, sondern starrte ihn nur völlig entgeistert an. Ihr Herz klopfte so stark, dass sie kaum atmen konnte, als sie ihm im kühlen Schatten der kleinen Kapelle gegenüberstand.
Sie hatte nicht damit gerechnet, dass ihr hier jemand begegnen würde, erst recht nicht Raoul d'Armor. Annies Gedanken rasten wild durcheinander, als sie nach einer plausiblen Erklärung für ihre Anwesenheit suchte. Der Himmel mochte wissen, wie lange er sie schon beobachtet hatte, aber sicherlich hatte er gesehen, wie sie die Grabinschrift gelesen hatte. Es war nicht zu übersehen, dass er unheimlich wütend war.
Raoul ließ ihr keine Zeit zu antworten. Er sah sie von oben bis unten an, und die Spinnweben in ihrem Haar, der Staub in ihrem Gesicht und der feuchte, grüne Fleck auf ihrem hellen Sommerkleid erklärten zur Genüge, auf welchem Weg sie hierher gekommen war.
"Sie haben also die Route d'Evasion entdeckt, nicht wahr?" fragte er und runzelte ungeduldig die Stirn, wie jedes Mal, wenn sie seine Sprache nicht verstand. "Den Fluchtweg", übersetzte er, und Annie nickte.
Ihr Blick richtete sich unwillkürlich auf den halb verborgenen Eingang. Er war wieder verschlossen, und Annie fühlte sich plötzlich, als sei sie in eine Falle geraten. "Ich – ich habe ihn durch Zufall entdeckt", erklärte sie, und im gleichen Moment tat es ihr schon leid, dass sich die Erklärung so entschuldigend anhörte. "Ich verstehe wirklich nicht, warum Sie von Herumschnüffeln sprechen, Monsieur Raoul!"
Die grauen Augen blickten Annie immer noch mit dieser unbeugsamen Härte an, und sie wünschte, sie hätte vorher um Erlaubnis gefragt. Dann hätte es wenigstens nicht so ausgesehen, als hätte sie ihr Vorhaben verheimlichen wollen.
"Wenn wir Sie von der Existenz der Kapelle hätten wissen lassen wollen, hätten wir Ihnen davon erzählt', sagte Raoul. "Da wir das nicht getan haben, Mademoiselle Morton, hätten Sie darauf schließen können, dass wir es nicht wünschten!"
"Wenn Sie mir doch glauben wollten!" entgegnete Annie. "Ich spioniere nicht herum. Mein einziges Interesse gilt Charles Louis Vernais, sonst niemandem."
Raoul sah sie an, als glaube er ihr kein Wort. "Ihr Interesse an Charles Louis Vernais war doch sicher beendet, sobald Sie Ihren Artikel fertig hatten", bemerkte er kühl. "Mais non, Mademoiselle, die simple Tatsache ist einfach die, dass Sie Journalistin sind – Ihre Aufgabe ist es, zu schnüffeln und zu spionieren!"
"Nein!" Annie hatte lauter und heftiger geantwortet, als sie beabsichtigt hatte. Für einen Augenblick hatte sie vergessen, wo sie sich befand. "Ich kann mich hier nicht mit Ihnen streiten", sagte sie, "das ist nicht der rechte Ort dazu."
Raoul antwortete nicht, sondern zog Annie am Arm hinaus vor die Kapelle. Die Sonne schien wieder, und die Luft roch frisch und feucht nach dem Regen. Die Kapelle war dicht von Bäumen und Hecken eingewachsen. Daher war sie Annie nie aufgefallen, als sie im Garten spazieren gegangen war.
Dies war eigentlich immer noch kein Ort, um ein Streitgespräch zu führen, aber Raoul schien das nicht zu stören. "Vielleicht können wir unseren – Streit hier draußen fortsetzen", schlug er vor, und seine Augen blitzten.
Annie hatte kein Bedürfnis, sich mit ihm zu streiten, vor allem nicht, wenn er sie so verächtlich ansah. Langsam schüttelte sie den Kopf. "Ich möchte mich eigentlich überhaupt nicht mit Ihnen streiten", sagte sie. "Es ist nicht nötig, und ich ..."
"Es ist absolut notwendig, wenn Sie weiterhin darauf bestehen, mich zu erzürnen", unterbrach er sie. "Sie haben eine Gabe, immer das Falsche zu tun, petite fouinarde. Immer sind Sie an der falschen Stelle!"
"Das ist Ihre Meinung", verteidigte sich Annie und holte dann tief Luft, als er plötzlich ihr Kinn umfasste und zu sich hindrehte.
"Auf meine Meinung kommt es ja schließlich an, ma fille!" entgegnete er leise, fast drohend. "Vergessen Sie das nicht, oder es könnte schlecht für Sie ausgehen."
"Lassen Sie mich los!" Annie war wütend, aber trotzdem konnte sie sich eines erregenden Gefühls nicht erwehren, den sein Griff ihr verursachte. Sie riss ihren Kopf los.
Mit einer Bewegung zog er sie an sich und presste sie fest an seinen muskulösen Körper. Mit einer Hand umfasste er ihren Nacken, mit der anderen hielt er sie fest.
Bevor Annie noch Luft holen konnte, pressten sich seine Lippen hart auf die ihren. Sie waren so fordernd und drängend, dass Annies Sinne einen Moment lang wie betäubt waren. Zuerst war sie so verwirrt, dass sie es mit sich geschehen ließ, aber als sie plötzlich merkte, wie schnell ihre Sinne darauf reagierten, fing sie an sich zu wehren.
Sie stemmte sich gegen seine Brust und versuchte, den Kopf wegzudrehen. Aber sein eiserner Griff ließ nicht locker, und allmählich ließen ihre Anstrengungen nach. Als er sie schließlich losließ, stand Annie mit geröteten Wangen atemlos vor ihm. Ihre Lippen waren halb geöffnet und brannten von der Härte seines Kusses.
Ihre Gefühle befanden sich in einem Chaos, und es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis sie sich wieder bewegen konnte. Sie zitterte wie Espenlaub und war nicht fähig, auf diesen Angriff zu reagieren.

[Aus dem Repertoire vom Mills & Boone, dem Weltkonzern für Frauenliteratur der weniger angesehenen und mehr gelesenen Art.]

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