Die Tante hatte mir aufgetragen, die Scheibtruhe, die wir am Bachrand, oberhalb eines der kleinen, grasüberwachsenen Stege abgestellt hatten, zu nehmen, um am folgenden Morgen bachabwärts, in der Gemischtwarenhandlung, die gleichzeitig als öffentliche Fernsprechstelle diente, die Post abzuholen und auszutragen. De Selby, der Meßdiener vom Vortag, der in der Bahnhofswirtschaft so herzlich gelacht hatte, stand, als ob er auf mich gewartet hätte, in einiger Entfernung vom Haus und beobachtete mich, als ich heraustrat. Er hatte noch immer den schwarzen, leichten Mantel an, und als ich kopfnickend den mir schon bekannten, aus dem Dorf herausführenden Weg einschlug, trat er freundlich an mich heran, stellte sich vor und bat mich, sich mir anschließen zu dürfen. Ich lud ihn ein, er bedankte sich, und nach Austausch einiger weiterer Höflichkeiten hinsichtlich des Gesprächsanfanges keiner von uns beiden wollte scheinbar der erste sein, und bald drohte diese Umständlichkeit selbst die harmlosesten Anläufe zu ersticken setzte er mir, plötzlich entschlossener, seine Theorie des Einwegsystems auseinander, deren Quintessenz in einer Beobachtung bestand, die auch ich häufig gemacht hatte, nämlich der, daß alle Wege letztlich nur in einer Richtung begehbar waren.
Das Einwegsystem
Als Hinwege bezeichnete De Selby in der Folge jene Wege, die zwischen den Orten A und B von A nach [64] B führend angelegt waren (oder umgekehrt). Man erkenne sie daran, daß sie spielend zu gehen seien, selbst beim ersten Mal. Auf einem Hinweg, führte De Selby weiter aus, vergehe die Zeit wie im Fluge, Rück- oder Irrwege hingegen führten durch Gegenden, die rasch wechselten und wie zusammengesetzt erschienen. Auf Hinwegen sei man zu Hause, betonte er. Der Weg, der uns soeben dorfauswärts führte, sei ein Rückweg. Das könne ich schon daran erkennen, daß die uns umgebende Landschaft sich im Vorwärtsgehen von uns entferne, plötzlich aber hinter uns liegen werde, so daß das namenlose Gefühl, unser Orientierungssystem werde in Kürze zusammenbrechen, seine volle Berechtigung habe. Zur Bekräftigung seiner Theorie berichtete De Selby von zwei Vorfällen, die sich vor langer Zeit in dieser Gegend zugetragen hätten. Im einen Fall habe ein Bieresch, der im Gespräch mit seinem Nachbarn von der Dunkelheit überrascht worden sei, versucht, sein nur durch eine Wiese von seinem Nachbarn getrenntes Haus querfeldein, auf einer Abkürzung zu erreichen. Er sei aber nie zu Hause angekommen, sondern von seiner Frau erst nach stundenlangem Suchen im Dorfgasthaus bewußtlos betrunken aufgefunden worden. Trotz guten Zuredens von allen Seiten sei er nicht dazu zu bewegen gewesen, nach Hause zurückzukehren. »Der andere Fall ist nicht weniger tragisch«, sagte De Selby. »Es handelt sich auch bei ihm um eine Sage. Ich weiß sie, wegen ihrer Bedeutung für meine Theorie, auswendig. Sie trägt den Titel die alltägliche Verwirrung und erhebt schon damit Anspruch auf [65] Allgemeingültigkeit. Sie lehrt, daß man keine Abkürzungen gehen soll, denn schon das fußbreite Abweichen vom rechten Hinweg kann direkt ins Unglück führen.« Oft begleiteten kleine, ausgetretene Pfade einen Hinweg, erklärte De Selby, sie liefen irreführenderweise sinnlos lange neben diesen her, man gehe auf ihnen scheinbar leichter und freier. Aber ohne daß das bloße Auge die haarfeinen Abweichungen bemerken könne, führten diese Pfade von den Hinwegen weg, unmittelbar ins Verderben. Gedankenverloren aufblickend, fände man sich plötzlich in einer völlig fremden Umgebung wieder. »Irrwege also«, sagte De Selby. »Ein Wechsel, rasch und rücksichtslos wie ein Zungenschlag, findet statt!« Nun bereue man auf einmal. Man sehe sich um, horche, bleibe stehen. Alles sei plötzlich wie verrückt: Wegsteigungen erweckten den Eindruck von Neigungen, ein in der Ferne scheinbar breit ausladendes Tal erweise sich im Näherkommen als unpassierbarer Felsspalt. »Gebirge lösen sich in nichts auf. Der Boden gibt unter dem Wanderer nach wie ein morscher Ufersteg«, erklärte De Selby, der Mesner. »Ihm wird schwindlig; er taumelt; er sucht Halt an einem Geländer. Er hat die Seekrankheit auf festem Lande, wie wir es nennen.«
Er machte eine Pause. »Rückwege sind Fußangeln«, sagte er dann. »Die Sage erzählt, daß der Wanderer, im Bewußtsein seiner Verwirrung, sofort versucht habe, den Irrweg in der Gegenrichtung zurückzulegen, aber sosehr er suchte, er fand den Pfad nicht. Vor den Augen des Wanderers, erzählt die Sage, habe sich [66] ein Nebelstreif in die Luft aufgehoben und aufgelöst.« Wieder schwieg De Selby bedeutungsvoll.
»Rückwege und das gebe ich trotz aller Vorbehalte zu«, fuhr er fort, »Rückwege haben dennoch ihre Vorteile. Sie verleiten auch mich immer wieder zu ihrer Benützung. Aber ich gebe der Versuchung nur dann nach, wenn ich mich in Gesellschaft befinde. Da kann man sich gegenseitig helfen, indem man Geschichten erzählt. Freilich strengt das doppelt an, und man kommt deswegen auf ihnen im Gegensatz zu den Hinwegen, auf denen man scharf und flink wie in einem Bach dahineilt nur stolpernd und schwerfällig voran. Dafür verbraucht man auf ihnen praktisch keine Zeit«, rief er. »Man geht sie gleichsam quer zum Zeitstrom, nicht mit dem Zeitstrom wie einen Hinweg. Denken Sie bloß an gestern!« sagte er emphatisch und warf dazu beide Arme in die Luft. »Wir, die in der Bahnhofswirtschaft zurückgeblieben waren, beschlossen, die Strecke ins Dorf auf dem Weg über den Krug zum grünen Kranz zurückzulegen, weil wir Ihnen noch unbedingt zuvorkommen wollten. Sie hatten (eine Rücksichtnahme Ihrer Frau Tante, das muß man sagen!) auf Ihrem Weg wahrscheinlich das Gefühl zu fliegen. Wir wagten das Abenteuer des Rückwegs eigentlich hätten Sie uns singen hören müssen, als wir an Ihnen vorbeizogen«, fügte De Selby ein. »Wir riskierten, und obwohl wir erst eine halbe Stunde nach Ihnen aufbrachen und im grünen Kranz noch einmal Station machten, waren wir lange vor Ihnen im Ballsaal. Da haben wir uns inzwischen an Ihrem Rotwein schadlos gehalten«, sagte er lachend. [67]
»Ich habe Sie vorhin beobachtet, als Sie aus dem Haus traten. Sie haben es vielleicht gemerkt. Sie haben sich umgeschaut, dann haben Sie Ihr Ziel ins Auge gefaßt. Ich habe gewußt, woran Sie dachten«, rief er.
»So wie Sie das gemacht haben, so entschlossen, so mutig, so macht es nur einer, der sich wirklich in allem auskennt. Zuerst wollte ich eigentlich mit mir selbst eine Wette abschließen, dann ließ ich's aber bleiben, denn es war ganz klar, daß Sie sich für den Rückweg entscheiden würden. Sie taten es freilich nicht bewußt, aber ist nicht gerade der, der die Angst in sich hat, der erste, der sie unbewußt peinlichst vermeidet, die große Gefahr? Das Ziel vor Augen, die Schlucht dazwischen wird wohl nicht zu breit sein, ein Sprung und man ist drüben. So ist's richtig!« sagte er und schnalzte laut mit den Fingern. »Ich bin da anders: Ich denke zuerst an meine Bequemlichkeit und Gesundheit. Und ich greife auch nach der Hand, die mir ein Hinweg hinstreckt. Da geh' ich geradeaus, und wenn's noch so weit ist, und ich rede auch geradeheraus. Sie dagegen sind immer fürs Unbequeme. Wenn Ihnen einer die Hand hinstreckt, dann verschränken Sie Ihre am Rücken und drehen sich weg. Recht haben Sie! Wer weiß denn wirklich, zu wem eine Hand gehört! Besser ein gefährlicher Rückweg, denken Sie, als die verkehrsreiche Hauptstraße. Bestimmt wird Ihnen auch Inga zusagen. Also: Auf zu Inga!« De Selby war ganz außer Atem. Durcheinander vom Reden, gestikulierte er noch mit den Armen, als er schon zu sprechen aufgehört hatte,[67] und erschöpft ließ er sich ins Gras fallen, als wir an jener Stelle angekommen waren, wo ich am Vorabend die Scheibtruhe stehengelassen hatte.
[Klaus Hoffer: Bei den Bieresch. FfM: Fischer Taschenbücher, 1986 (zuerst 1979)]
| Ebene höher | Letzte Datei |