Nachworte, Versäumnisse, Zukunftsphantasien ...

Beziehungen sind kein Zuckerlecken, nix ist mit Pantoffeln an - die dazugehörigen Überlegungen sind kurz gehalten worden, ich denke, Personen, die o.k. sind, machen auch Beziehungen, von denen man das sagen kann. Sonst gibt es natürlich eine Fülle von Einzelfragen, mehr als sich irgendein Mensch im Vornherein ausdenken kann. Und was es sonst so alles gibt, falls (auch) du dich nicht so recht am Ende aller deiner Wünsche fühlen solltest - auch darüber gibt es nicht so viel zu sagen.

Fremdgehen: na ja...als Single ist es einfach in Ordnung, sich holen, was zu holen ist (der Kuckuck ist ein kluger Vogel). Auch ein bisschen "Tonnenideologie" ist vollkommen ok, aber behalt' das für dich, Frauen mögen es aus einsichtigen Gründen nicht, wenn man so über sie redet. Das Kriterium sollte sein, ob es dir ein gutes Gefühl gibt (die Gegenargumente sind nur zu offensichtlich, dass es dich immer auch deprimieren kann, weil du mit anderen Männern bzw. mit Frauen nicht mithalten kannst). Ich bin leicht zum Neid zu bewegen (trotz allem, was ich besser weiß), und das nett gemeinte Schulterklopfen von Burns: "...und nachdem ich dann, wie man so sagt, einige Zeit meine Eicheln gesät hatte, heiratete ich..." erfreut mich nicht.

Unbeschwert halten einem ja auch Therapeuten eine Geschichte wie die von Loretta unter die Nase, "...einer zweiundvierzigjährigen Frau, die sich nach zwanzigjähriger Ehe scheiden ließ und während der letzten fünf Jahre keinen Sex mehr gehabt hatte. Ihr Mann hatte immer Unlust oder Müdigkeit vorgeschützt. Nach ihrer Scheidung ging sie sechs Monate lang jeden Abend in eine Single-Bar und gabelte einen Mann auf. Anfangs empfand sie es als sehr aufregend, wieder als sexuelles Wesen behandelt zu werden. Mit der Zeit jedoch ließ der Reiz nach, und sie erkannte, dass sie mehr an einer dauerhaften Bindung als an Sex interessiert war." - Macht, den Monat bieder zu 30 Tagen gerechnet, 180 Männer oder fast Kompaniestärke. - Manche Menschen "kommen sich unattraktiv vor und haben Angst, dass sich nie wieder jemand für sie interessieren wird, und glauben, beweisen zu müssen, dass sie durchaus attraktiv sind." (James und Schlesinger 1990, 56) - Ja, das Gefühl kommt mir bekannt vor, und wenn es eben nicht nur manche Frauen wären, die sich das so einfach beweisen können, dann würde ich auch freiwillig alles Mögliche erkennen und sanfter darüber denken.

Doch wie die Dinge für Männer nun einmal liegen, kommt es vor allem darauf an, nicht die eigene Beziehung aufs Spiel zu setzen. Kein Geschlecht ist von Natur aus monogam, aber hinsichtlich Treue und Eifersucht gilt aufgrund eurer unterschiedlichen Machtpositionen ein ungleicher Maßstab, und du hast mehr zu verlieren, mehr Kummer mit den Folgen zu erwarten.

In Beziehungen gefasste Sexualität kann die reine Unnatur sein - daher kann man ja so relativ sinnvoll mit dem Begriff "sexual scripts" hantieren. Überhaupt ist ja die Grenze zwischen Sozialem und Biologischem nicht streng definierbar, und sie muss auch nicht definiert werden. - Von der Natur her sollte es ja so aussehen, dass Männer sich um Vaterschaft sorgen (also eigentlich eifersüchtig sind) und Frauen um Unterhalt (also neidisch: "Trägt er mein Geld (Zeit, Aufmerksamkeit, usw.) zu der Anderen?"), als Konsequenz sollten Frauen über kurzfristige oder gar einmalige Seitensprünge schnell und einfacher hinwegsehen können (vgl. Wiederman und Allgeier, 1993). Können sie ja auch, unter entsprechenden Voraussetzungen - und die sind gegenwärtig eben nicht so, da lohnt sich ein anderes Vorgehen mehr.

Natürlich will sie dich besitzen, und wird dich vielleicht auch, wie ihre Lieblingsjeans, die meiste Zeit tragen. Aber wenn du gerade in der Waschmaschine bist, soll sie dann nackt rumlaufen, dann braucht sie doch auch was! Und wird dann natürlich auch auf die Vielfalt ihrer Motive verweisen ("das hat mich doch bloß ganz toll bestätigt"), und darauf, dass einmal schließlich kein Mal sei - "ich musste ihn einfach mal ausprobieren, ich hatte doch noch nie einen Neger gehabt". Frauen haben das Fremdgehen zur Kunst verfeinert, für die es vielseitige Ratschläge und Maximen gibt. Entsprechend gibt es ohne die Kontrolle, dass du jede Nacht bei ihr liegst, nur eine trübe Wahrscheinlichkeit der Vaterschaft, allerdings sieht man es dem Kind ja auch ein bisschen an.

Für dich sieht das einfach anders aus - denk erstmal an den Knatsch, wenn es rauskommt, und da ist es ja nicht mit einem Krach abgetan, da wird deine Partnerin erst einmal toben, wenn sie es erfährt, dann brüten, dann dir wieder eine Szene machen, wird drohen, taktieren, erpressen, bis sie endlich glaubt, ihren Spielraum ausgebeutet zu haben. Denk auch an ihre bleibende Eifersucht, und erspars ihr, erspars vor allem dir! Die einfache Überlegung, dass zusätzliche Partner einen nur aufwerten, ist doch nicht durchsetzungsfähig. Wenn du dich erwischen lässt, verändert sich die Machtkonstellation in eurer Beziehung weiter zu deinen Ungunsten, und auf Jahre hinaus. Es hat in aller Regel Kompensationshandlungen zur Folge, und nachher ziehst du doch einen Wechselbalg auf. Es passt ja auch nur zu gut in die üblichen Beziehungsstrukturen: Männer, so sagt man, müssen periodisch geputzt / gestutzt werden (wie eine Kerze, beschnitten), sonst werden sie übermütig; du gibst ihr die Schere in die Hand zu einer wundervollen Verschuldungsstrategie.

Wenn dir Betrug gelungen ist, lass es auf sich beruhen! Das Wissen darum vergiftet grundsätzlich! Deine Partnerin wird umgekehrt schon eher geneigt sein, dir von ihren Umtrieben zu erzählen - dies macht Sinn, indem es ein Test ist, der deine Geduld und Belastbarkeit prüft - ganz zu schweigen von der Falle "wenn du mich wirklich lieben würdest, würdest du das nicht so gleichgültig hinnehmen" - und dich, womöglich, auch aus deiner Reserve locken soll.

Für die Frau beginnt Treue mit realer Abhängigkeit wichtig zu werden, mit Kindern, Falten, Wechseljahren. Du kannst deinen Teil dazu beitragen: erstens sie beschäftigt halten, zweitens dafür sorgen, dass sie sich dabei wohl fühlt, und drittens sitzt sie nunmal am längeren Hebel, also spul dich nicht auf. Nimm Vorbeugung irgendwo in deine Planung auf, fahr nicht ans Mittelmeer (die costa del fuck), führe sie nicht in Versuchung, du tätst ja dann schließlich auch zugreifen. Ab nach Finnland, wo die Frauen so hüsch sind, dass für ihre Brüder nichts mehr übrig geblieben ist, wie man in jedem Film der Kaurismäkis wieder sehen kann.

Nebenbei bemerkt sind dies auch lauter Argumente dafür, den Stellenwert von Sexualität in eurer Beziehung kontrolliert niedrig zu halten, diesen Bereich beständig gegen das, was ihr sonst noch alles Schönes zu zweit erleben könnt und erlebt zu relativieren - und ein solcher Ansatz liegt mit großer Wahrscheinlichkeit in Sinne der Frau, sie wird ihn mitmachen und so sich immer fester an dich schließen.

Nun ist allerdings die Versuchung groß; durch eine Partnerin - ja auch so etwas wie ein Qualitätszertifikat - wird ein Mann allemal attraktiver, und wenn er kleine Kinder oder gar Babys mit sich rumschleppt, macht das erst recht an. "Hast du eine, hast du alle" - das stimmt vielleicht nicht wörtlich, aber du hast es dann mit ziemlich vielen Frauen viel leichter. Was du damit anfängst, ist deine Entscheidung, und natürlich musst du nicht so risikoscheu sein, wie ich mich hier gebe. Irgendetwas nebenher zu laufen zu haben, kann Vorteile für alle Beteiligten bringen, und gar ein einverständliches Dreieck, bei dem die beiden Frauen sich mögen und auch etwas miteinander anfangen können, ist eine der stabilsten und genussreichsten Beziehungsformen, die man sich nur ausdenken kann. Die Chancen jedoch, dass so etwas zustandekommt, sind verhältnismäßig klein, die Risiken auf dem Weg dahin beträchtlich.

Hältst du dich übrigens für bisexuell? Ungefähr jeder 5. Mann hat irgendwann einmal in seinem Leben (irgendeine Art von) Sex mit einem anderen Mann gehabt, das ist zumindest nichts Ungewöhnliches. Relativ leicht entwickelt sich daraus auch eine regelmäßigere Partnerschaft - nur einfach ist es in aller Regel nicht: Ein Bi-Mann hat immer Rückzugsgebiete und Vorbehalte, er kann auch anders (wie eine Frau ja auch immer anders kann, wenn auch aus anderen Gründen), während ihm ein offiziell "schwuler" Partner ungeschützt gegenübersteht. Für diese Männer, die ja auch die volle Last der Diskriminierung auf sich genommen haben, gibt es keine Hintertürchen, ist so eine Beziehung kein bisschen spielerisch, und man kann sie nur zu leicht verletzen. - Bei Frauen setzt so etwas übrigens geradezu Weltuntergangsstimmung frei - sie nehmen es immer wieder als die größtmögliche persönliche Beleidigung auf. Ein homosexueller Seitensprung, oder gar eine richtige Affäre mit einem Mann - das kann der schnellste Weg sein, deine Partnerin loszuwerden...

Was man sonst so "die geheimen Wünsche" nennt: lieber so sein lassen! Schwulsein ist ok - freilich, wenn du das liest, bist du noch nicht vollständig in homosexuellem Verhalten und seinen vielfältigen sozialen Begleitumständen ausgehärtet. Dann bedenke, dass es keine "eigentliche" sexuelle Orientierung gibt, die du plötzlich irgendwo in dir entdeckt haben könntest (genauso wenig wie ein eigentliches, "wirkliches" Selbst, siehe oben), und bedenke auch, wie peinlich und eitel ein spätes Comingout sein kann. Wenn jemand über 30 noch seine Vorliebe für Männer "entdeckt", dann hat es einfach immer etwas von Resignation, ja Kapitulation an sich. - Sonstige Perversionen sollte man als widernatürlichen Eigensinn einstufen; sie haben für gewöhnlich für einen Mann zur Folge, dass er allein bleibt.

Was ist widernatürlich dran? Dass es einer besonderen Inszenierung bedarf, eines wie auch immer gearteten Einverständnisses über das aktuell gesellschaftlich akzeptiere Maß hinaus. Das habe aber nichts mit Natur zu tun? Ach, geh, darauf kommt es nicht an!
Die Sexualwissenschaft im engeren Sinne ist voller merkwürdiger, schiefer Begriffe, z.B.

  • Exhibitionismus - Frauen zeigen sich eben immer und unvermeidlich (werden nicht nur gesehen, siehe oben), und stellen sich dann auch oft genug bewusst als erotische Objekte dar, niemand fragt eigentlich nach ihrem Bewusstsein dabei - für manche Frau mag es schon ein Stück Exhibitionismus sein, ein Kleid zu tragen, usw.
  • Voyeurismus - ein Witz, dass es diese Kategorie noch gibt, wo sie doch qualitativ auf uns alle zutrifft.
  • Fetischismus - bedenke: wer mit was, wie? - der Begriff ist nur in seiner weitesten Ausdehnung noch brauchbar (vgl. oben).
  • gender dysphoria, mangelnde Freude an dem Geschlecht, das man ist - die ist recht häufig und normal, und gewöhnlich unauffällig, gerade und besonders bei Frauen, aber auch bei Männern: nur kann man eben nichts dran machen.

Insgesamt gibt es viele gute Gründe pauschal zu sagen: "Perversionen" sind das Verhalten von Männern, die sich nicht geschlechtstypisch benehmen. Und das eben ist ja ein biographisch teures Vergnügen.

Das nimmt zumindest einigen Formen "perverser" Betätigung nicht ihre Attraktivität - es ist recht begreiflich, warum sie einem in den Kopf kommen können und manchmal schwer wieder rausgehen.

Gegenüber manchen "perversen" Gelüsten stellt sich schlicht und ergreifend Neid ein, aktualisieren sich unsere wohlbegründeten gesellschaftlichen Minderwertigkeitsgefühle. Neulich bin ich auf eine Anzeige gestoßen: Wohnmöglichkeit für junge Frau in neugebautem Haus bei Paar, alles inklusive, "wer will mit uns leben und lieben?" - Nun gut, das wahre Leben beginnt da, wo ein Eigenheim nurmehr eine Bagatelle ist, nicht schon da, wo man die Nummern nicht mehr einzeln abrechnet, aber einen Stich gibt es mir schon. Ich bin phantasievoll genug, um zu sehen, dass hier eine aufregend enge und vorteilhafte Lebensperspektive für eine Frau liegen kann, und ich kann da nicht mithalten.

Nur hat das Gefühl in meinem Magen rein gar nichts mit Sexualität zu tun, sondern damit, dass ich immer noch Reste von Liebesideologie mit mir herumschleppe, dass ich denke, irgendwo müsse doch soziale Macht eine Grenze haben und Geld könne doch nicht alles kaufen. Wenns freilich nur zu solchen Vorstellungen reicht, dann soll man das Denken vielleicht wirklich lieber den Pferden überlassen. "The rich can have it both ways" - fürs Geld echte Gefühle, so ist das eben. Gar nicht anders.

Alberich, den Blick starr aufs Rheingold gerichtet, begreift nichts und will deshalb Prostitutionskunde werden –
Erzwäng' ich nicht Liebe / listig erzwäng' ich mir Lust?
– und prompt verflucht er auch gleich die Liebe. So kann das natürlich nicht gut enden, ja fast möchte man sagen: so einer gehört abgezockt.

Von oben her sieht die Welt anders aus - wir wissen das längst, spätestens seit unser Lehrer uns in Grundschulzeiten einmal einen Wasserturm hochgescheucht hat. Wir brauchen uns nicht zu wundern, wenn eine unbeschwerte gesellschaftliche Stellung Möglichkeiten eröffnet und Intensitäten freisetzt, die uns monochromen Mittelschichtmännern, deren kleine Subjektivität ihr Ein und Alles ist, den Atem und den Schlaf raubt. Wir sollten wenigsten nicht überrascht sein, wenn wir schon beschämt werden. - Und sei dies auch nur eines heimlichen Masochismus halber: möchten nicht auch wir überwältigt und genommen werden, die Fülle erfahren, so etwas wie Erlösung? Daran ist kein Mangel, es gibt genug davon auf der Welt - aber so nicht für uns. Wir müssen andere Wege gehen. (Es ist ja auch die eigentliche Grundlage vieler westlicher religiöser Umtriebe die Behauptung, dass am Heil überall Mangel ist - man muss den darin versteckten Widerspruch sorgfältig genießen. Nichts impft besser gegen betrügerische Versprechungen, als die Einsicht, dass etwas, was rationiert ausgegeben wird, nicht das Heil sein kann. Wer es gefunden hat, der hat genug für immer: wir reden da nicht von Kopfschmerztabletten.)

Wo denn die Mittelschicht einmal am Sektkorken hat riechen dürfen, da äfft sie nach. Nicht bewusst, aber mit Überzeugung, weil man es sich verdient hat. "Wie von selbst." Auch wenn alle Versuche einer bewussten Gestaltung des Privatlebens in den letzten Jahrzehnten auf das Kläglichste zusammengebrochen sind, gibt es kulturellen Wandel, und er entsteht daraus, dass es immer Minderheiten mit abweichendem Verhalten gibt, die miteinander in Wettbewerb stehen; einige der von ihnen ausprobierten Verhaltensweisen werden Teil der Massenkultur. Bis sich jedoch wirklich etwas an unserer Zweierkistenkultur ändert, wird es Jahrzehnte dauern - wenn denn nicht, wie ich vermute, Ernsteres dazwischenkommt - und wenn sich gegenwärtige Tendenzen durchsetzen, kann man sich darauf verlassen, dass das Resultat nichts Utopisches haben wird.

Vgl. Böckelmann, Hrsg., 1970 u.v.a.; die AAO, Bhagwan (Osho), usw. - Schlothauer (1992) bietet einen modernen Rückblick auf die AAO, der einem durchaus noch eine Gänsehaut geben kann, wenn man an die Ansprüche und die Sehnsucht jener Zeit erinnert wird. Wer damals nicht im empfindsamen Alter war, wird sich allerdings heute genauso gut fragen dürfen: War da je was? So viel Hoffnung, so viel Gestaltungswille, und dann? War Otto Muehls Ratschlag "Man muss ihnen [den Mädels] die Dutteln angreifen!" wirklich die Summe der befreiten Sexualität?

Sex wird keineswegs "casual" werden, ein schönes Konsumgut - das liefe ja wohl auch allen sonstigen Entwicklungstendenzen zuwider. Nein, so wie heute schon die Partnertauschzirkel über das Niveau ihrer Teilnehmer krakehlen, so wird es auch auf längere Sicht nur Veränderungen entlang des Leistungsprinzips geben - mit vielen kleinen Treppchen, und jeder muss sich auf seins stellen, wehe wenn nicht. Wie im Beruf und in jedem Tätigkeitsbereich wird es auch in diesen privaten Lebensbereichen um Steigerung gehen - extensiv um mehr Partner, intensiv um mehr Gefühl pro Akt. Partnertausch heißt das Stichwort für die erste Tendenz, Sadomasochismus das für die zweite - Gier auf Gültiges. Da ist der Fortschritt, man darf darauf wetten, jedenfalls hinsichtlich dessen, was wir so "Sex" nennen.

Partnertausch: Man bekommt hierüber zumindest aus den USA einige sozialwissenschaftliche Auskunft; es darf jedoch nicht überraschen, dass sie dürftig ausfällt (z.B. Palson und Palson, 1978; Murstein et al., 1985; Duckworth und Levitt, 1985; Dixon 1984; Jenks 1985a, b, c; Berliner Kolportage: Kuppinger und Weise, 1993) - es bestätigt doch nur vernünftige Erwartungen. Partnertauscher - "swingers", immerhin mit 250 000 Paaren auf die USA geschätzt (1985) ein ganzer Haufen - sind überwiegend weiß, Mittelschicht, gut ausgebildet und erfolgreich. Ihre politischen und gesellschaftlichen Auffassungen passen denn auch zu ihrem sozialen Hintergrund - eher konservativer als vergleichbare Gruppen, mehr auf Leistung und freies Unternehmertum orientiert. Sie sind ganz überwiegend mit der Welt, sich, ihrer Ehe und ihrem Sexleben zufrieden, auch wenn es (gerade auch bei den Männern) nicht immer bilderbuchmäßig klappt. Während in der deutschen Presse vorwiegend davon die Rede ist, welche Chancen sich dabei Männern auftun, ist es Konsens der befragten Beteiligten, dass die Frauen, auch wenn sie anfangs zögerlicher an die Sache herangehen, im Endeffekt mehr Interesse dafür entwickeln und sich mehr Spaß dabei rausziehen - Tätlichkeiten von Frau zu Frau dürften dabei ausschlaggebend sein. Noch ein Konsens: man kann so keine langweilige gewordene Ehe wieder auf Touren bringen (längerfristige "swinger" schlafen auch paarweise häufiger miteinander als Otto & Lina Normalverbraucher); entweder haben beide Lust auf Experimente und tuns für den Spaß an der Freud', oder sie beenden die Experimente und häufig auch ihre Beziehung relativ umgehend.

SM: Wetzstein et al. 1993 geben umfassende (und in Grundzügen noch aktuelle) Informationen zur deutschen SM-Szene; wer wissen will, worum es dabei geht, sollte es nachlesen. Über Masochismus (auch und gerade dies, entgegen den üblichen Vorstellungen, weit gehend Männersache) findet man ausführliche psychologische Überlegungen bei Baumeister 1989a; ansonsten kann man sich - Zillmann 1984 - physiologisch vorbuchstabieren lassen, warum Schmerz Spaß machen kann (es ist aber interessanter, das auszuprobieren). Übrigens kann man sich beruhigen: Ob in den USA oder in Berlin, es sind grob geschätzt 80% Männer die bloß wollen, und vielleicht gerade 20%, die auch eine Partnerin dazu finden (gleichgültig, ob sie dominant oder unterwürfig sind). Frust ahoi, den man sich, wenn man nicht zu ausgeprägt masochistisch fühlt, doch lieber erspart. - Ich möchte hier übrigens nicht behaupten, dass mit den Stichwort "Steigerung" schon alles über SM gesagt sei; es sind da durchaus auch noch respektable andere Motive im Spiel - die Sexualität der Philosophen, gewissermaßen.

Vom Standpunkt der Fortpflanzung oder Vaterschaft her gesehen rechnen wir einfach mal mit einer weiteren Verstärkung der gegenwärtigen Tendenzen, die ja auch nur eine Rückkehr zu historischer Normalität darstellen: Wer reich ist, wird mehrere Kinder haben, wer arm ist, wird sich mit anderen Männern in den Unterhalt einer Frau teilen und sich nicht zu laut wundern, von wem das Kleine denn nun ist - quasi eine Lotterie. - Es ist ein Maßstab dafür, wie gut es uns geht, dass gerade diese letzte Variante, die in vielen "ärmeren" Ländern gang und gebe geworden ist (vgl. Lancaster 1989), hier zu Lande noch kaum eine Rolle spielt.

Man darf darauf wetten - was man nicht darf, ist sich davon herunterziehen zu lassen. Es dient nicht unserer Zufriedenheit, uns an der vordersten Front des Fortschritts zu fühlen, wenn wir denn einmal eine Stufe hinaufgeklommen sind und an den modernen Sexualbetrieb einmal haben dranlangen dürfen. (Ganz vorn darfst du dich als Single so schon fühlen - Alleinsein ist tierisch modern, einmal mehr wird als Freiheit angepriesen, was nur härtere Knechtschaft vorbereitet.) Einmal im Leben Sodom und Gomorrah? Davon kann man nicht zehren. So werden wir nie aus der Gewöhnlichkeit unseres Lebens entkommen. Das Einzige, was uns zufrieden sein lässt, ist uns mit allen nötigen Beschränkungen in ihr einzurichten - und unseren Töchtern und Enkeln, nun, denen schenken wir Messer zum Geburtstag.

  
  
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