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Traumata bearbeiten; schlechte Gewohnheiten
Man kommt kaum umhin, dieses Thema quasi zynisch von hinten aufzugreifen - unser Leiden ist doch in den meisten Fällen, nie gelitten zu haben... - und deshalb glauben wir auch nicht, dass Schmerz und Leiden keinen Wert verleihen und auch nicht adeln oder sonst was, sondern einfach nur beschissen sind ("wer der Folter erlag..." ist auch mit Sicherheit nicht mehr eitel). Schweres ist weiter nichts als schwer, und sicher kein Anlass zum Neid, kein Anlass auch, nach dem zu suchen, was uns allenfalls widerfahren sein könnte. Nun kann man freilich eine solche Suche allenthalben beobachten, und längst nicht nur im Zusammenhang von (sexuellem) Missbrauch. Traumata sind sehr beliebt, "etwas Schweres erlebt zu haben" scheint uns gewichtig werden zu lassen, und es scheint uns gewissermaßen auch als eine vorgezogene Buße, Rabatt auf das dicke Ende, an das wir heimlich ja doch glauben.
- Nun, Gott sei Dank erleben die meisten Menschen nichts außergewöhnlich Schweres (und wer hat je behauptet, dass das gewöhnliche Leben einfach und schmerzlos sei?),
- oder wir merkens nicht, dass es das ist
- oder wir nehmens nicht schwer (das heißt auch: uns selbst nicht ernst - aber muss man das? und wie könnte man das?)
- und jedenfalls sind wir nicht dankbar für die Gewöhnlichkeit und ihre Wonnen; sie erscheint uns nur als staubige Langeweile (wie Bernanos ihr ein Denkmal gesetzt hat am Anfang seines Journal d'un curé de campagne).
Inwieweit sind negative Erfahrungen aus deiner Lebensgeschichte heute noch wirksam / bedeutsam?
Unterscheide: es ist eine Sache, physisch und / oder psychisch noch unmittelbar an einem Ereignis zu leiden, etwa körperlich beschädigt zu sein oder in bestimmten Situationen immer wieder Ängste zu entwickeln; das wäre Anlass dafür, daran in der einen oder anderen Weise zu arbeiten.
Es ist eine ganz andere Sache, welche Rolle schwere und schmerzhaft empfundene Ereignisse in der Konstruktion der Lebensgeschichte spielen, nach dem Motto "weil ich damals..., deshalb kann ich heute (nicht)...". - Solche Erklärungen bzw. Theorien über die eigene Person können ja handfest richtig sein, häufig aber ist der behauptete Zusammenhang einfach an den Haaren herbeigezogen. - Bedenke etwa das folgende Muster:
"Ich habe Probleme mit xyz...
...wie kommt das bloß, ich bin doch sonst nicht so doof...
(und bis hierhin mag das ja zutreffend beobachtet sein)
...das muss doch einen Grund haben...
(muss es wirklich? kann es nicht "für sich selbst stehen" bzw. triviale Gründe haben? Nützt es überhaupt etwas, Gründe zu kennen?)
...in meiner Vergangenheit...
(verbreiteter psychoanalytischer Aberglaube!)
...was kanns bloß sein? Ah, mir fällt ein, meine Mutter hat...
(Lass deine Mutter in Ruhe!)
...deshalb werde ich wohl heute immer...
(non sequitur, Trugschluss).
Man sucht also in solch einer Gedankenfolge so lange, bis man etwas scheinbar Passendes gefunden hat, dann hängt man es einer geeigneten Person (und gerade Eltern sind da oft ziemlich wehrlos) als Schuld an, beschließt, ihr böse zu sein (was für sich in der Regel schon einmal schlechte Auswirkungen hat), und ist ansonsten jetzt in seinem problematischen Verhalten bestätigt und gerechtfertigt, braucht gewissermaßen nichts mehr daran zu tun. - Außerdem gibt es ja für manche Menschen wirklich schlimme Erinnerungen, die man eher ruhen lassen sollte, und dass man sie wieder ausgegraben hat, trägt auch nicht so recht zur Lebensqualität bei.
Merke: Wichtig ist nicht, was du erlebt hast, sondern dass du es überlebt hast! Es hätte schließlich auch anders kommen können. (Und ist es nicht für viele Menschen - wie dich - auch anders gekommen?)
Die Suche nach Erklärungen und Gründen ist in unserer Kultur geradezu endemisch, die Versuchung dazu tritt immer wieder an einen heran, ob spontan "aus uns selbst" oder von wohlmeinenden Freunden her. Man wird sich, wenn eine derartige Frage aufkommt, sinnvollerweise immer fragen:
"Wenn ich einen Grund für xyz wüsste,
was könnte ich dann tun, was ich nicht schon jetzt tun kann?"
Und genauso wird man sich fragen: "Wenn ich mich mit einer Erforschung von Ursachen und Zusammenhängen eines Problems aufhalte,
stärke ich damit das Problem oder stärke ich die Lösung?"
In der Regel wird man sich damit zu einem fruchtbaren Handeln in der Gegenwart zurückrufen können.
Entwöhnung von Tagträumen
Unser Leben ist abenteuerlich genug, dass wir alle unsere Phantasie brauchen, um es optimal zu bewältigen. Wir leben in einer Welt, deren Realitätsstatus vielfach fragwürdig ist, und in der man sich nur durch viel Interpretation und Phantasie zurechtfinden kann - ein so wunderbar angepasster Charakter des 19. Jahrhunderts wie Dickens' Gradgrind ("Ich will Fakten!") könnte heute nur eine Bauchlandung nach der anderen erleben. Fakten sind gemacht, d.h. veränderlich, sie haben ihre Zusammenhänge und Folgen, die wir meist nur zum kleinsten Teil kennen, und die wir doch nach Wahrscheinlichkeitserwägungen ergänzen müssen, um ihre Bedeutung für unser Leben zu erfassen. Was aber ist das anderes als eine Phantasieleistung? Und woher kommen uns Problemlösungen, wo andere Leute glauben, die Welt sei mit Brettern vernagelt? Wie könnten wir sinnvolle Unterschiede machen und für uns ausnutzen, wenn nicht durch das, was wir Phantasie nennen?
So ist es auch ein Missverständnis, wenn man Nüchternheit und Phantasie als Gegensätze begreift. Es hat ja tatsächlich alles einen 'Hof', eine 'Aura' von Möglichkeit um sich - 'man könnte ja', alles ist nur zu einem gewissen Prozentsatz real (und deshalb finden wir ja übrigens an schlechten Tagen auch an allem etwas zu bereuen). Ohne eine flinke und vielseitige Phantasie ist Nüchternheit, ist ein realistisches Erfassen unserer Lebenssituation und ihrer Möglichkeiten gar nicht mehr möglich. Eben darum aber brauchen wir unsere Phantasie hier, in unserem Alltag, und nicht in irgendwelchen Wolkenkuckucksheimen.
Das Alleinsein ist der ideale Nährboden für Tagträume - wir müssen sie nicht ausformulieren, erläutern, rechtfertigen, ganz zu schweigen davon, sie in zäher Anstrengung zu verwirklichen. Wenn es dann auch noch um Liebe und Sexualität, um unsere stärksten Wünsche geht, schützt uns die Peinlichkeit des Themas zusätzlich vor der Ernüchterung. "Loving and romancing a beautiful woman was the only thing many of these deprived men ever seemed to think about in their almost incessant fantasies and daydreams." (Gilmartin 1985, 432) - als ob man es nicht auch so schon gewusst hätte...
Woher kommen uns übrigens die Tagträume und Phantasien? Dem naiven ersten Eindruck nach springen sie uns an, kommen sie einfach zu uns, wie die Dämonen zum St. Antonius. Nun sind freilich die Dämonen meistens etwas dümmlich, und unsere Tagträume könnten uns nie so tief berühren und engagieren, wenn sie nicht passgenau aus uns selbst kämen, freilich nicht von dem Teil unserer Person, der gerade als wachhabendes Bewusstsein firmiert. Erst durch lockern und distanzieren, auch dadurch, dass wir unsere Vorstellungen immer auch parodieren und bewusst verändern, überzeugen wir uns davon, dass nicht unsere Tagträume uns benutzen (oder auch uns durchmachen, beuteln, zerreißen...), sondern dass wir - oder zumindest Teile unsere Person - sie benutzen, in dusselig guter Absicht, mit Recht, aber ohne Rücksicht auf die Folgen. Wir lernen dadurch auch spezifische Signale dafür, wann wir uns auf einen imaginativen Ausflug begeben wollen, und können uns gegebenenfalls stoppen. - Und wie benutzen wir unsere Tagträume, jedenfalls die, die uns so spontan kommen? Der Begriff "Tagtraum" ist reichlich unpräzise: Wenn ich mir meine Zeitlinie vorstelle, wenn ich anhand einer Metapher meine Situation zu klären versuche, wenn ich an / mit einem Erinnerungsbild arbeite, wenn ich Ziele visualisiere, was ist das anderes als ein Tagtraum? - Andererseits ist die Gefahr eines Missverständnisses vermutlich doch nicht so groß - wir alle kennen Phantasien von Wunscherfüllung und großer Macht (wenn nicht Allmacht), und genau um die geht es. Absurderweise bringen wir es gerade in diesen Fällen auch fertig, uns darüber zu täuschen, dass wir eben der Autor aller dieser Veranstaltungen sind.
Wir benutzen Tagträume und verwandte Phantasien immer wieder zum Aufschieben von Entscheidungen und notwendigen Erledigungen - "wer weiß, vielleicht erledigt sich alles von selbst".
Wir benutzen Phantasien oft als eine "sichere" Alternative an Stelle von wirklicher, sinnlicher Erfahrung, die uns aus irgendeinem Grund Angst macht; an einer Phantasie ist aber keine Erfahrung zu gewinnen. Wenn man wissen will, wie etwas wirklich ist, muss man es machen; von vielen anderen Erfahrungen wird man sich freilich auch gern zugeben, dass man froh ist, sie nicht machen zu müssen oder gemacht zu haben. Das muss man sich auch zugestehen.
Tagträume sind ja aber gerade gegenteilig angelegt - sie haben ihre spezifische Zeit, eine unverbindliche leere Traumzeit: einmal werde ich, oder vielleicht auch bloß: ich könnte ja, ich würde gern - du kannst den ganzen Vormittag auf einem Stuhl sitzen und träumen, spürst dann nur, wie dir kalt ist und wie deine Muskeln steif geworden sind. Ginge es noch um die Antizipation zukünftiger Lebensphasen, so wäre die Sache fragwürdig genug - was für den Knaben als Traum von "wenn ich einmal groß bin" sinnvoll sein kann, muss der Mann bewusst entscheiden - aber darum geht es ja in der Regel gar nicht.
Wir benutzen Tagträume oft als Ausdrucksmedium und Verwirklichungsmittel für persönliche Glaubenssätze - nun, negative Erwartungen verhelfen zu ebensolchen Resultaten, solange niemand hilfreich dagegenhält - und das ist schon deshalb nicht zu erwarten, weil ja niemand weiß, dass wir Rumpelstilzchen heißen und gerne unserer Nachbarin ein Kind machen würden. Es ist im Vergleich merkwürdig, wie selten wir systematisch positive Erwartungen aufbauen und wie wenig konkret wir oft unsere Pläne belassen. Demgegenüber wäre es wichtig, unsere Erwartungen und Überzeugungen auch tatsächlich auszuprobieren, und unsere Phantasie kann uns dabei helfen, Situationen dafür zu finden, bei denen die Risiken harmlos und überschaubar bleiben.
Wir benutzen Phantasien schließlich oft als Medium, in dem wir uns Wünsche "erfüllen", von denen wir glauben, dass sie uns in der Wirklichkeit versagt sind und unerfüllbar bleiben müssen. Nun, von einem phantasierten Essen läuft mir zwar das Wasser im Munde zusammen, aber satt macht es mich nicht - und genauso treiben Tagträume nur immer weiter die Gier nach neuen Tagträumen hervor, "schützen" uns davor, Erfüllung und Zufriedenheit in der Wirklichkeit zu finden. Stattdessen hinterlassen Tagträume einen Kater, wie jeder andere Rausch auch.
Ein wichtiger Zug dieser Wunscherfüllungsphantasien ist es ja, dass "alles wie von selber geht": das Glück "fällt uns in den Schoß", es bedarf bestenfalls einiger einfacher Entscheidungen dafür. - Also zum Beispiel der Entscheidung, einen Lottoschein abzugeben, und schon ist Reichtum oder jedenfalls materielle Sorglosigkeit fast schon eine Tatsache für uns, bis zum Samstagabend. Was für eine politische und soziale Stabilisierung, und was für ein Missbrauch unserer besten Gefühle... - natürlich dürfen wir hoffen, zumal darauf, dass unsere Anstrengung und Arbeit Früchte tragen wird, doch gerade auf diese Weise betrügen wir uns eben darum.
Schon allein deshalb, weil wir selten unsere Tagträume sinnlich konkret ausgestalten (und wann warst du einmal in deiner Phantasie müde, hattest Kopfschmerzen, Muskelkater, oder hast auch nur geschwitzt?), schon allein deshalb ist die Wirklichkeit immer anders, und eben nicht so problemlos schön wie unsere Träume. Das kann zu einem richtigen Teufelskreis führen, in dem wir bei allem, was wir ausprobieren, nur wieder denken "nein, so toll ist es doch nicht", und so unsere Verhaltensspielräume immer weiter einengen, uns auch immer höhere Hemmschwellen dagegen aufbauen, etwas Neues auch nur zu versuchen.
Das ist übrigens bei fremden Phantasien nicht anders als bei den Eigenen - darum misstraue jedem / jeder, die viel Literatur (fiction) liest! Es ist immer etwas faul bei ihm oder ihr! Wir brauchen als Erwachsene kein Leben aus zweiter Hand mehr, wir können unser Leben selbst in die Hand nehmen. Wenn dir danach ist, genehmige dir von Zeit zu Zeit einen Roman oder dergleichen mit der selben Ambivalenz, mit der du dir einen alkoholischen Rausch genehmigst - es wird eine intensive (und allein darum gute) Erfahrung sein, nun ja, aber es wird dir hernach auch für einige Zeit schlechter gehen.
Freilich kann man Tagträume nicht einfach abstellen wie einen Wasserhahn - sie haben nun einmal ihren Platz in unserer geistigen Hauswirtschaft, und dieser Platz muss dann eben in sinnvoller Weise anders besetzt werden, nach und nach. Du solltest deine Tagträume darum ruhig in bescheidenem Maße verfolgen, vor allem wenn es wiederkehrende Phantasien sind; dabei ist es wichtig, sich über die Thematik klar zu werden, die man in seinen Tagträumen umwälzt. Viele Menschen sind ja in einen regelrechten Kampf mit ihren Tagträumen und Phantasien verstrickt, weil sie ihnen moralisch unannehmbar scheinen, oder weil sie etwas davon gehört haben, sie sollten "positiv" denken. Der Hauptfehler dabei ist eine Vermischung zwischen interpretieren und bewerten - es ist eine Sache, seine Phantasien zur Kenntnis zu nehmen und sich nach ihrem Sinn zu fragen, und es ist eine ganz andere Frage, ob man sie inhaltlich billigt oder es gut findet, dass sie einem in den Kopf kommen. Es werden einem immer wieder "schlechte" Gedanken kommen (und je härter man zwischen guten und schlechten Gedanken unterscheidet, desto mehr), nur muss man sie auch wieder gehen lassen - wenn man gegen sie ankämpft, hält man sie genauso fest, als wenn man sie pflegen und ihnen nachhängen würde. "Wir sollen uns über keinen Gedanken wundern, der in uns auftaucht, auch wenn er noch so gemein und unfair, noch so egoistisch und brutal ist. Wir sollen keine Angst bekommen, wenn wir in uns Hass und Neid, Eifersucht und Groll entdecken oder wenn wir merken, dass wir einem anderen den Tod wünschen. Wir sollen uns dann keine Vorwürfe machen, dass wir doch so nicht denken dürfen, dass wir von Grund auf schlecht sind, weil wir solche Gedanken in uns haben. Wir sollen vor keinem Gedanken in uns erschrecken. Das nützt uns nichts und treibt uns nur in Angst und unfruchtbare Selbstvorwürfe.
Die richtige Reaktion ist vielmehr, sich einzugestehen, ja der und der Gedanke ist in mir, ich wünsche ihm den Tod, ich spüre in mir Hassgefühle, Mordgedanken, Eifersucht, die Lust, den anderen fertig zu machen. Ich lasse den Gedanken in mir zu, aber ich agiere ihn nicht aus. Ich kämpfe mit ihm, indem ich nach der Wurzel frage: Woher kommt dieser Gedanke, was sagt er über mich aus, welche positive Kraft steckt in ihm, welche Sehnsucht drückt sich in ihm aus und auf welche inneren Wunden weist er hin? Wie sehr muss mich meine Wunde schmerzen, dass ich so über den anderen denke? Anstatt uns den Gedanken zu verbieten, lassen wir ihn zu und können offen mit ihm kämpfen. Nur so können wir ihn überwinden, ohne ständige Angst, dass er in uns wieder auftauchen könnte. Manche fühlen sich wie besessen von einem negativen Gedanken, weil er bei den unpassendsten Gelegenheiten in ihnen hochsteigt. Wenn wir ... ohne Angst die Gedanken anschauen und dann offen mit ihnen kämpfen, werden wir nie "besessen" sein von irgendwelchen Gedanken. Die Gedanken werden dann nicht zu Zwangsgedanken, sondern zu einem Gegner, mit dem wir kämpfen in dem Vertrauen, dass Gott uns den Sieg verleiht." (Grün 1983, 53-54.)
Es ist richtig, dass viele Phantasien nicht gut für uns sind, aber frontal gegen sie zu kämpfen, erhält sie nur am Leben und kostet dich viel Kraft. Auch ein diätmäßiger Umgang mit ihnen, eine Konzentration auf "Erfreuliches", "Korrektes" kann nur in sehr beschränktem Umfang nützlich sein, obwohl es richtig sein kann, an bestimmte Dinge bewusst "gar nicht erst denken zu wollen". Manchmal packt einen ja ein natürlicher Abscheu, dann ist es auch gut, sich mit einem klaren "das will ich nicht!" davon zu distanzieren. - Wenn du deine Phantasien jedoch einmal im Zusammenhang zur Kenntnis genommen hast, und du das Gefühl hast, erkannt zu haben, was sie für dich bedeuten, wird es dir auch relativ leicht fallen, sie freundlich zu verabschieden, und meist kommen sie dann auch in ihrer bisherigen Gestalt nicht wieder. Tagträume haben immer wieder, auch wenn sie sich noch so absonderlich und hässlich artikulieren, einen Kern, der mit einer guten Absicht des betreffenden Persönlichkeitsteils für dich zu tun hat. Indem du - real oder therapeutisch - an dem jeweiligen Thema arbeitest, entziehst du ihnen ihre Veranlassung.
Beispiele:
"ich bin Rambo" |
"ich will stark und mächtig sein sein" |
"ich mache eine wichtige Erfindung" |
"ich will anerkannt sein" |
Bearbeitungsvorschlag: "Welche anderen Wege gibt es für mich, Anerkennung von den Personen zu bekommen, von denen ich sie haben will? Was muss ich, was kann ich dafür tun? Wie kann mir dieser Traum dabei helfen?"
"ich schneide meinem Chef die Kehle durch" |
"Verarbeitung einer verletzenden Erfahrung" |
Bearbeitungsvorschlag: Zunächst dich distanzieren, ansonsten Methoden zur Bearbeitung schmerzhafter Erfahrungen anwenden; real: andere Stelle suchen.
"ich lebe in einem alten Haus mitten im Wald" |
"Thematik von Kraft und Erschöpfung" |
Bearbeitungsvorschlag: Entspannungsübungen; real: Urlaub machen
Versuche insgesamt, möglichst viel von deinen Tagträumen aus ihrer Traumzeit in eine Zeit deines Handelns (heute, morgen, nächste Woche, in den Sommerferien, usw.) hinüberzuholen! Damit bekommen sie die Chance einer Verwirklichung, unterliegen allerdings auch der Kritik und Anpassung an die jeweiligen Möglichkeiten - ein Kuhhandel, mit dem wohl alle beteiligten Teile zufrieden sein können. - Halte dich sonst zurück, kultiviere nicht neue Träume!
Als bedrängend werden häufig gerade an sich eher schlichte sexuelle Tagträume empfunden - auch bei ihnen lässt sich eine solche Vereinbarung treffen - der für sie verantwortliche Persönlichkeitsteil kann und wird dir helfen, das, was er sich legitimerweise wünscht, auch gelegentlich zu kriegen - vielleicht nicht genau so, nicht mit der Person, von der du träumst, aber so, dass er damit zufrieden sein kann - jedenfalls wenn er die Überzeugung bekommt, dass du in sinnvoller Weise auch auf dieses Ziel hinarbeitest. Beim Sex selbst gibt es viele nützliche Anwendungen für deine Phantasien - sie sind das einfachste Mittel, deine Erregung funktional zu steuern (siehe unten). Auch da wird man freilich gemischte Gefühle bei der unvermeidlichen Virtualisierung des Begehrens haben - es macht einen nicht gerade glücklich, dass es eben nicht (oder nicht mehr) um 'spontanes' Begehren aus der Körperlichkeit zweier Menschen heraus geht, sondern um Erregung aus der Erinnerung an Erregung; dass man nicht das will, was man vor sich hat, sondern das, was vielleicht möglich wäre oder möglich gewesen wäre, usw. Was wir als stärkende Rückbindung an Grundlagen der Person erlebt haben, das wird nun eine Sache des Willens und der Verantwortlichkeit; zweifellos einer der größeren unter vielen schrittweisen Verlusten unserer Unschuld.
Auch für viele andere Zwecke können wir Phantasien zielgerichtet einsetzen (z.B. "mentales Training"), wir wissen, dass sie effektiv sind und uns in vielerlei Weise helfen können - also sollten wir sie auch für uns (und nicht gegen uns) arbeiten lassen.
Die Träume in unseren Nächten sind ein sehr viel besser geeigneter Austragungsort für alle die "phantastischen" Phantasiemanöver, die wir unbewusst für nötig halten mögen. Wir sollten diese Träume durchaus ernst nehmen, und sie als eine Mitteilung an uns würdigen - aber wir wissen ja, dass sie unverbindlich sind und nicht "wörtlich" genommen werden können. (Nacht-) Träume sind unverantwortlich, wir dürfen (aber müssen nicht) sagen: ich verstehs nicht. Man kann auch recht sinnvoll und effektiv von ihnen erzählen, innerhalb selbstverständlicher Grenzen. "Eine verzweifelt vor sich hinweinende junge Frau berichtet, ein sehr guter Freund von ihr habe amüsiert und erstaunt erzählt, er habe sie im Traum vergewaltigt. Das Ereignis lag schon Wochen zurück, und sie erlebte diese Erzählung, als wenn das Ereignis wirklich stattgefunden hätte und sich jederzeit wiederholen könnte. Dieser Freund wusste nichts von ihrer Reaktion. Sie mied jeden Kontakt aus Angst vor weiteren Erlebnissen dieser Art." (Dieker-Müting 1997) Normalerweise weiß man ja, welche Dinge einem 'nicht mal im Traum einfallen' sollten. - Die Geschichte ist so absurd, dass sie wahr sein muss - man bedenke, was da für ein Verführungspotential verschwendet worden ist. Nehmen wir mal an, es habe überhaupt eine vertrauensvolle Beziehung soweit gegeben, dass man überhaupt über Träume redet - tut man ja nicht mit jedem, und wenn man es tut, dann macht man damit den Anderen auch zu jemand Besonderem. Dann hätte also der Junge einfach erzählt: "Letzte Nacht hab ich geträumt du wärst da." Räusper. "Und du warst ganz freundlich und zutraulich, wie ein junges Kätzchen." Räusper: Was macht sie für ein Gesicht? Stellt sie sich das vor? "Das war richtig schön ..." - Ich würde auf die Folgen wetten, wenn das überhaupt ginge - junge Menschen sind mitunter wunderbar suggestibel - "als wenn das Ereignis wirklich stattgefunden hätte". Ok, Schattenseiten hat das auch.
Wie man seine Träume erlebt, und wie man entsprechend damit umgeht und was man von ihnen hält, darin gibt es große individuelle Unterschiede. Zuverlässig kann man nur davon ausgehen, dass jeder Mensch so gut wie jede Nacht auch träumt. Wenn man seine Träume schätzt, kann man durchaus die Gewohnheit aufbauen, sich an zunehmend mehr von ihnen zu erinnern, indem man sich zeigt, dass man auch über die Teile, die einem in Erinnerung geblieben sind, sich freut und dankbar für sie ist. Dies kann ein wertvoller Weg sein, mit seinem Unbewussten in Verbindung zu bleiben - anders freilich geht es auch. Du siehst, ich bin selbst kein "guter Träumer", und an Traumdeutung (bzw. an Träumen als Medium der Kommunikation mit dem Unbewussten) liegt mir demgemäß nicht viel. Damit befinde ich mich wohl deutlich in der Minderheit, und ich kann dich - wenn dich das Thema interessiert - nur zu einem so gescheiten und erfahrenen Fachmann wie Eugene Gendlin (Dein Körper, Dein Traumdeuter. Salzburg: Müller, 1987) weiterschicken. Er präsentiert eine Anzahl einfacher Verfahren, die Träume für uns verstehbar und gegebenenfalls eben erst erträglich machen können. Viele Träume allerdings sind schlicht Schrott, andere wiederum erklären sich nur zu deutlich und offensichtlich - man muss ihnen dann einfach glauben, ob mans auch nicht gern mag... Kaum hatte ich den Film Matrix gesehen, dass ich auch schon im Traum mit Trinity - na was wohl? - über die Vor- und Nachteile verschiedener Festplattentypen (IDE, SCSI) diskutierte. Dass Trinity und die sie verkörpernde (und stimmgebende!) Carrie-Ann Moss attraktiv sind, vermag ich mir voll bewusst zu machen; warum ich mir gerade von ihr erzählen lassen muss "You paid way too much for that drive!" (die Festplatte, die ich nämlich vor kurzem erworben hatte), wissen wohl bloß diverse streitsüchtige Persönlichkeitsteile. - Oder für welchen Trieb sonst habe ich zuviel bezahlt? Mag sie schon Recht haben.
Nieder übrigens mit der psychoanalytischen Gedankenpolizei - ich erinnere mich noch an eine eher unerfreuliche Bekannte, die berichtete, wie jemand aus ihrer WG naiv beim Frühstück erzählte, er sei im Traum über weite Landschaften geflogen - "und wir mussten alle kichern, weil man weiß ja, was das bedeutet". - Mag ja sein, dass solche Träume unmittelbar mit Sexualität zu tun haben, aber die ist postpubertär eigentlich gar nicht mehr zum Kichern.
Porno: viel zu teure "Aufklärung"
Wie stellt man sich denn die sexuelle Sozialisation von Männern vor? Irgendwann nimmt sich mal eine erfahrene Frau des hübschen Jungen an (und die anderen soll sowieso der Teufel holen), zeigt ihm, wie die Liebe ist, und da gewinnt er die Fähigkeiten für den Rest seines Lebens? Oder Onkel oder Vater gehen mit dem Jungen ins Bordell? Oder wie lernen wirs eigentlich wirklich, was man mit einer Frau anstellen muss? Durch Versuch und Irrtum? Wie viel Versuche, wenn es viele Irrtümer sind?
Sagten uns die Eltern irgendetwas Brauchbares? Oder ein Lehrer? Ein älterer Freund? Erfahrenere Klassenkameraden? Nein, auch wenn dergleichen wohl vorkommen mag, und sich die Bedingungen durch die sexualkundliche Faktenvermittlung in der Schule sicherlich entspannt haben, die wichtigste Informationsquelle über Sexualität für einen Jungen ist schlicht Pornographie. Sie lehrt, worum es eigentlich geht, und sie lehrt die trivialen Details (wenn man denn schon weiß, wo man sie suchen soll!), und es ist immer noch eine gar nicht so leicht zu beantwortende Frage, wo und wie denn jemand auf sich allein gestellt - ohne eine freundliche Partnerin, die Lust am Probieren hat (und die kann man ja mit der Lupe suchen!) - etwas zur Verbesserung seines Sexualverhaltens lernen kann. Wer sich wirklich ungeschickt anstellt, bekommt in der Regel nur die Rückmeldung, dass er schlecht war und nicht wieder drauf darf - und damit hat es sich dann.
Doch mit Pornographie kommt er gewissermaßen vom Regen in die Traufe:
1. Porno ist eine betrügerische Sozialisationsbedingung, eine falsche Auskunft über die Welt. Aus jedem anatomischen Atlas ist mehr zu lernen, während es in Porno eine Abfolge immergleicher Gemeinplätze gibt (vielleicht das der Grund, warum sie in "1984" mechanisch hergestellt werden, ohne weiteres menschliches Zutun außer eben der Arbeit des Druckers). Mechanisch ist ja schon das Grundprinzip dieser Texte und Bilder: spezifische Handlungen des Mannes an der immer willigen Frau haben definierte gute Folgen. Das trifft aber nirgendwo zu, und man möchte es sich auch gar nicht wünschen. - Doch auch hinsichtlich dessen, was Leute denn so üblicherweise miteinander tun, ist Pornographie nur dazu geeignet, Erwartungen aufzubauen, die aller Wahrscheinlichkeit nach enttäuscht werden. - Kein Wunder: wo es im Porno exotische Varianten serienmäßig gibt, da verläuft in vielen wirklichen Beziehungen die Frontlinie immer noch bei "nein, nein, ich mag das Ding nicht in den Mund nehmen". Na und.
Pornographie ist insgesamt in vielerlei Hinsicht eine "fehlerhafte Gebrauchsanweisung", die genauso zum Nicht-Funktionieren und zu Schäden und Unfällen führen kann wie eine beliebige andere Gebrauchsanweisung, die nichts taugt. Für ein gelingendes Sozialverhalten überhaupt, und natürlich auch für eine effektive und gelingende Partnersuche sind viele verschiedene Dinge wichtig - das einfache Wissen, "wie man etwas macht", wird dabei immer leicht unterschätzt, nicht zuletzt deshalb, weil man vielfach leichtfertig soziale Erfahrung (aus erster Hand oder aus Erzählungen) als selbstverständlich voraussetzt. Trotzdem ist der Mangel daran in vielen Problemsituationen ausschlaggebend - und Pornographie liefert das genaue Gegenteil von dem, was man dann brauchen könnte.
2. Porno zeigt die Welt einer sexuellen Elite, die es wohl so gar nicht gibt (oder eben nur in den Bordellen), gegenüber der jeder wirkliche Mann, jeder Leser bzw. Rezipient sich nur minderwertig fühlen kann (darauf haben wir ja gerade gewartet!). Pornographie hantiert immer wieder mit dem latenten Sozialneid, an dem gibt es viel zu phantasieren und genießen, gewissermaßen abzuschmecken und auf der Zunge zergehen zu lassen - genießen freilich mag man es gar nicht so recht nennen, man badet sich in schlechten Gefühlen, empfindet seine Unterlegenheit (und wenn einen die Elite wenigstens vernaschen würde, man ist ja aber als Mann noch nicht einmal als Objekt etwas wert, "Hingabe ist nutzlos", "Sie werden nicht assimiliert werden!").
3. Über sexualtechnische Fortschritte (die soll es ja gelegentlich geben) kann man sich anderswo notdürftig informieren, auch wenn es dabei meist nur um verwirrende Einzelfragen geht. Pornographie zeigt reduktionistische Bilder menschlichen Verhaltens, eine Konkurrenz zu unserem Alltagswissen. Diese andere Welt ist attraktiv in sich geschlossen und entsprechend hochgradig sinnhaltig, aber schmerzlicherweise immer wieder nicht mit der eigenen Erfahrung zu vereinbaren. Und dafür fehlt ihr auch viel.
4. Es gibt eine feministische Kritik an Pornographie, deren Hauptargument es ist, dass Pornographie Frauen entwürdigt; es lohnt sich nicht, darüber zu diskutieren, ob und ggf. wie das zutrifft, auch wenn ich zumindest die gängigen Argumentationen für etwas weniger als überzeugend halte und ich es nicht für einen Zufall halten kann, dass jedes Mal auf zweifelsfrei scheußlichen Gewaltdarstellungen verwiesen wird, wenn ich lieber noch zum Normalen etwas Schlüssiges lesen oder hören würde.
Egal: Auch wenn es hier Unstimmigkeiten und Ambivalenzen geben mag, Pornogebrauch (-besitz, usw.) blamiert dich unrettbar und komplett, zerstört oder mindert erheblich deine Chancen bei Frauen, und du hast nicht das Geringste davon - schließlich wichsen kannst du auch so ganz gut (zu gut). Phantasien haben ihre Funktion als Mittel der Erregungskontrolle beim Beischlaf - Frauen wissen das: "Scharf gedacht ist halb gekommen" (Cosmopolitan) - darum bringen manche Sexualtherapeuten ihren Klienten auch bei, mit der nichtdominanten Hand zu wichsen, damit die sich mehr dabei denken müssen. - Aber hier reicht ein ziemlich schlichtes Repertoire aus: deine Wünsche.
5. Nützlich zu wissen ist jedoch, dass Porno Frauen durchaus auch kräftig anmacht, und natürlich trägt das zur pauschalen Ablehnung und Vermeidung solches Materials bei ('gar nicht erst an mich herankommen lassen'). Wir kennen auch ja die Geschichten 'meine Nachbarin bumst so laut, da wird mir jedes Mal ganz anders', und nicht zuletzt dürfte hier auch der eigentliche Reiz von Partnertausch und Rudelbums-Veranstaltungen für Frauen zu suchen sein.
Allerdings trifft das eben nur auf die normalen Fickfotos zu, zu denen man sich noch eine Liebesgeschichte hinzudenken könnte, nicht auf Bizarres und erst recht nicht auf Gewaltdarstellungen; außerdem haben Frauen ihre Art von Porno in Gestalt so genannter romantischer Liebesromane (in denen durchaus auch eine gute Portion Sex vorkommt) an jedem Zeitschriftenkiosk: Es sind einfach symptomatisch unterschiedliche Arten, denselben Fehler zu machen (die Hefteln sind auch nicht gut für sie). Beim nächsten Arzt- oder Zahnarztbesuch solltest du auch einmal einen Blick in die Prolo-Variante von Frauenzeitschrift tun (Praline, Neue Revue, etc.)! - Übrigens stellt sich die Frage, ob die gegenwärtigen Liebesromanen nicht inzwischen doch so formal-realistisch geworden sind, dass sie stilbildend auf Alltagsverhalten wirken können, also echtes Orientierungswissen für Frauen und für dich enthalten (ein gewisses Problem ist allerdings die überwiegend englischsprachige Herkunft der hier vermarkteten Texte). Mein Eindruck von diesem Material ist recht zwiespältig: Es erlaubt zwar Zugriffe auf verbreitete Typen von Phantasien (ausdrücklich Plural - es gibt da unterschiedliche und unvereinbare Typen / Topoi / Handlungsskripts), der Weg zur Wirklichkeit ist jedoch relativ weit. Lehrreich sind sie jedoch uneingeschränkt hinsichtlich dessen, was routinemäßige Gegenstände der Aufmerksamkeit von Frauen sind: Selbstdarstellung, Körpersprache, usw. Als einen Exkurs zum Thema 'Phantasien' habe ich unten eine pauschalisierende Analyse eingefügt.
6. Porno trägt bei zur Abtrennung von Sex von seinen lebendigen Wurzeln in der Alltagsinteraktion. - Diese Trennung ist als anständig / unanständig, für Erwachsene (nichts für Kinder), verboten / erlaubt usw. vielfältig bereits Teil unserer Lebensgeschichte bzw. Erziehungsgeschichte - was "vernünftig" ist hat mit Sex, mit "Leidenschaft" nichts zu tun, "es ist eine Welt für sich". Porno zieht einen Teil seiner Wirkung auch aus dem Kategoriegrenzeffekt, "uiui, ich überschreite jetzt eine Grenze" (vielleicht noch ergänzt durch den Gedanken: wenn das jemand wüsste!).
Fragt man geduldig genug den Auslösern der Erregung durch Pornographie hinterher, so zeigt sich einerseits immer deutlicher der beträchtliche Unterschied zu denen in realen Begegnungen, andererseits findet man sich in einem "Höllentanz", aber nicht der Zombies, sondern der Kategorien - belebt / unbelebt, organisch / technisch, Mensch / Tier / Ding, Zweck / Mittel, usw. Es geht immer wieder vordringlich um Identität und die sie tragenden Annahmen und Begriffe: wer bin ich, wo bin ich / wie ist meine Welt beschaffen, kann das denn wahr sein? Aus dieser eigentlich grundlegend intellektuellen Erregung (die ja auch in der Pubertät ihren richtigen lebensgeschichtlichen Ort gehabt hat - "das eigentliche metaphysische Alter", wie Ernst Jünger es genannt hat) erwächst auch die Gefahr, in partikulare Denkformen, Zwecksetzungen, Urteilskriterien - ganze Geisteszustände als Ensemble solcher einzelnen Setzungen abzugleiten (in denen man dann Tage hadert und zappelt). Auffällig und leicht bemerkbar ist ja in solchen Texten insbesondere ein Übergreifen der Zweckmäßigkeit auf ungehörige Bereiche, in denen sie leer läuft: das Stichwort "sinnreich" (vgl. 'Junggesellenmaschinen', sie sind das in eminenter Weise); ebenso leicht sichtbar und ein Pendant dazu ist immer wieder die Thematisierung von Herrschaft und Disziplin als Wunschphantasie und Selbstbeweihräucherung. Dies ist in "normaler" Pornographie nur wenig schwächer als (naturgemäß) in der des SM bzw. dessen Diskursen (vgl. Hitzler 1993), es hat aber auch nichts spezifisch Sexuelles an sich: man findet genau analoge Strukturen z.B. in magischen Gruppen wieder (vgl. Luhrmann, 1989). Nun ja, wer denn genug Phantasie hat, der hat sich sicher was zu wünschen... - ich auch, wer noch, es ist ja aber nicht zu haben, in unserer gesamten Kultur nicht ("und jeden Tag leckt man dem Staat den Schwanz").
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Man folgt diesen Mustern, findet sich in einem kognitiven Niemandsland wieder, "spaced out" gegenüber einer quasi hypothetischen Wirklichkeit: wie wäre es denn, wenn alles einmal an seinem Platz wäre, Verstand, Sinnlichkeit, Vernunft, in jeweils geeigneter Weise tätig? - Und nun erinnere dich, wie naiv, jedenfalls gedankenlos und schön selbstverständlich du reagierst, wenn du jemanden in den Arm nimmst und küsst, die du gern magst; bedenke den Unterschied.
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Nun wissen wir freilich, dass das gar nicht sein kann: Es führt ein kontinuierlicher Verhaltenszusammenhang vom netten Schwatz am Kaffeeautomaten bis zum Schweiß und Keuchen des Geschlechtsakts. Wir gehen diesen ganzen Weg, ohne je den Alltag, die Normalität zu verlassen, da ist kein anderes Land, keine andere Zeitqualität für uns. Die Kategorien und ihre Grenzen gibt es nur in unserer Einbildungskraft. Vergleiche mal: der Kauf eines Hauses ist in der Tat eine ziemliche Grenzüberschreitung - und sollte es dich darum sexuell erregen?
Letztendlich sind freilich alle diese Überlegungen reiner Luxus: Du musst dir nur einmal ehrlich eingestehen, was Porno mit dir macht, wie es dich verändert - ob du dadurch besser oder schlechter drauf bist - und wenn du das einmal getan hast, dann ist es doch wohl komplett passé für dich?
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Muss ich betonen, dass ich mich trotz der hier vorgebrachten kritischen Argumente entschieden gegen jede Art von Zensur und Zensurbestrebungen wende, mögen sie von den Kirchen, dem Staat, der Kongregation der Schwestern der Hl. Alice S. oder wem auch immer ausgehen und von Prüfstellen, Selbstkontrollen oder sogar von eBay exekutiert werden? Ganz gleich, worum es geht: Der Zensor ist immer das größere Übel.
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Vorstellungsübung: Schutt wegräumen (such dir aus, was du aufräumen willst, vielleicht ein verwildertes Grundstück)
Vorstellungsübung: Eine ganz besondere Art Waschmaschine, in der du sauber wirst; Konzentration auf kinästhetische Aspekte des Waschvorgangs, Wärme, das Gefühl auf der Haut, das Rütteln der Maschine, die Spannung, wenn der Deckel aufgeht, das schmatzende Geräusch dabei...
Schlechte Gewohnheiten: abspritzen
Es gibt eine Zeit im Leben eines Mannes, da ist es durchaus gut und wichtig für ihn zu masturbieren. Das ist irgendwann in der Pubertät, und dann lernt er auf diese Weise seinen Körper genau kennen und sexuell mit ihm umzugehen. In Deutschland kann ich mich ja auch praktisch darauf verlassen, dass du es genauso gemacht hast, und das war auch nur gut so. Es war auch wichtig und richtig, herauszufinden, was dich anmacht. Bedenke auch, wie sich dein Gefühl von Obszönität verändert hat, und du kannst es auch weiter verändern. Ja, und nun bist du ein kompletter Mann, lebst gerade alleine, und warum solltest du dir nicht einen runterholen, wenn es dir so in den Kopf kommt?
Die einfachste Antwort darauf ist einfach: Warum solltest du? Es ist doch, vergleichen mit einer gelungenen Nacht zu zweit, eine verdammt armselige Angelegenheit. Fühlst du dich denn danach wirklich gut? Und sich vorzumachen, das kleine Zucken im Bauch und das Ziehen im Schwanz seien das Wichtigste von der Sexualität, das trägt nur dazu bei, dich gegen die vielfältigen Reize des Ernstfalls abzustumpfen - die möchtest du doch aber lieber genießen, oder nicht?
Eine nicht ganz so einfache Antwort hätte dann damit zu tun, dass es dir "so in den Kopf kommt" - es macht nun einmal Spaß, und so schaffst du nur die Voraussetzung dafür, dass es dir bald wieder in den Kopf kommen wird - und den brauchst du für viele andere Dinge dringend nötig, unter anderem auch dazu, dir eine Partnerin an Land zu ziehen. Sexuelle Drangzustände kommen aus dem Kopf, nicht aus den Hoden, und sie können zumindest recht lästig sein. - Aber ist nicht viel von unserer "plötzlichen" Geilheit sowieso nur schlichtester Harndrang?
Der vielleicht interessanteste Punkt jedoch knüpft sich an die Frage, was für Phantasien du dir bei der Masturbation fester und immer fester einprägst. Masturbation unter Verwendung einer erotischen Phantasie ist ein Trance-Manöver erheblicher Tiefe, in dem du dein Unbewusstes auf ganz bestimmte Vorstellungen und Bilder festlegst. Wichsen macht zwar nicht blind, aber geistig verdirbt es schon deine Sehkraft: Es macht dich nicht offen für Erfahrung, sondern verschließt dich in ganz bestimmte Vorstellungen, die häufig auch von ihrem Inhalt her nicht gerade harmlos sind. Dass es dich auch leicht auf ganz bestimmte körperliche Praktiken und Reize festlegt, sei nur so nebenbei bemerkt, und da ließe sich ja schon ein Ausweg finden. Häufig sind unsere Wichsphantasien vollkommen unrealistisch, und sie kommen damit dem Eingeständnis gleich, dass wir wirkliche Befriedigung, eine Befriedigung in der Wirklichkeit, nie finden werden. Darüberhinaus beziehen sie sich oft direkt oder metaphorisch auf verletzende Erfahrungen und zentrale Konflikte in unserer Persönlichkeit. Indem wir so unseren Schmerz und unsere Wut mobilisieren, verhindern wir Heilung und zementieren wir unsere Blockierungen. - Anders formuliert: es ist einfach nötig, uns mit dem zu versöhnen, was wir doch immer gewusst haben - "die Unzüchtigen werden das Himmelreich nicht erlangen".
Schließlich noch ein eher altbackenes Argument, das ich freilich für mich als richtig gefunden habe: Wichsen lässt die Welt grau aussehen, und zwar durch den Verbrauch von Energiepotentialen, die sonst an anderen Stellen produktiv oder wenigstens erlebnisintensivierend wirken könnten. Über Sexualität in Begriffen von Energie zu sprechen (Energieverbrauch: Erschöpfung / Erholung) ist zwar gegenwärtig noch nicht wieder so richtig schick, entspricht aber einerseits unserem subjektiven Erleben, andererseits respektablen Traditionen (z.B. der traditionellen chinesischen Medizin). Außerdem haben wir unsere Sprache für die subjektive Seite von Sexualität - nicht zuletzt um sexuelles Erleben als unvergleichlich herauszustellen - extrem verarmt. "Ich kam / hatte einen Orgasmus" - so weit die objektivierbare Seite - "es war schön / geil / gewaltig" (oder was würden wir sonst sagen dazu?) für die subjektive Seite - und ist das nicht doch etwas dürftig?
Der psychoanalytische Begriff der 'Sublimierung' (halb gar und wenig entfaltet, wie er bei Freud geblieben ist, vgl. Laplanche und Pontalis 1967/1972, 478-481) hat hier übrigens zu allerlei Verwirrung geführt - es ist letztlich jedoch schon weitaus mehr dran als nur 'Teenies kasernieren, damit sie gut in der Schule sind', 'Leistung statt Lebensfreude'. Die Verbreitung von Keuschheitsforderungen und zum Teil auch spezifischen Enthaltsamkeitspraktiken in den Weltreligionen weist auf diese grundlegende Bedeutung hin.
Ein selbstbefriedigter Mensch ist vielleicht wirklich zufriedener und jedenfalls ausgeglichener - aber bittschön, ich möchte mehr erleben und nicht weniger. Ich höre ja auch Musik nicht durchs Telefon, sondern aus einer Stereoanlage, mit Höhen und Tiefen, und reichlich laut, jedenfalls, wenn meine Nachbarn nicht da sind.
Vielleicht sollte ich aber doch noch einmal zusammenfassend sagen, dass alle diese Argumente nur sagen, dass es besser für dich ist, wenn du es lässt, wenn du etwas anderes stattdessen tust. Es ist nicht an und für sich schlecht, sich einen runterzuholen, und vor allem: Du bist nicht schlecht, wenn bzw. weil du es tust. Probier es mal anders, aber wie ich es schon bei anderen Tagträumen gesagt habe: Mit etwas Derartigem bewusst zu kämpfen, ist die beste Art, das jeweilige Verhalten beizubehalten. Mach keinen Teps drum, vergiss es einfach immer mal wieder - weißt du noch, wie du als Kind nach etwas Schönem eingeschlafen bist, warst noch ganz bei deiner Erinnerung, und auf einmal bist du wieder aufgewacht? Und du hast die Welt um dich herum zunächst kaum wieder erkannt, alles hat frisch gerochen, und du hast gewusst, dass es für dich an diesem Tag etwas Besonders in ihr geben würde?
Es gibt eine Geschichte von der antiken Hetäre Archidike, die einen armen Verehrer abgewiesen hatte; als nun dieser aufgrund Flehens zu Aphrodite im Traum mit ihr geschlafen hatte, verlangte die wirkliche Archidike das ihr zustehende Geld, wurde jedoch vom Gericht angewiesen, sie solle es sich von Aphrodite holen. Nach unseren Vorstellungen von Urheberrecht ist ihre Forderung gar nicht so absurd - mal dir mal das Konzept einer GEMA oder einer sonstigen Verwertungsgesellschaft aus, arm könntste werden davon!
Esoteriker sagen: du machst dir ein Karma damit, die Frauen, über die du phantasierst, kriegen das unbewusst mit, usw. - da hättste was um dich zu schämen, wenn es noch nicht reichlich genug vorhanden sein sollte!
Exkurs zu einigen nicht seltenen sexuellen (Männer-) Phantasien
Es ist ja zum Allgemeinplatz geworden, dass für Pornographie der Wunsch nach einer willigen Partnerin zentral ist. Eine, die einen will und nimmt , und die dann auch noch möglichst mehr als nur ein bisschen davon beeindruckt ist, was man mit ihr anstellt. Genau so ist die "typische" Pornographie aufgemacht, man erkennt diese Motive auf den ersten Blick. (Vgl. insgesamt Mertner und Mainusch 1970) Was weniger offensichtlich ist, ist wie sich diese Motive unter dem Druck der Wirklichkeit (d.h. der immer wieder wiederholten Enttäuschung) in bizarrere Formen hinein entwickeln.
Phantasien von Dominanz haben für Männer ihren "natürlichen", quasi realen Anteil, ansonsten bringen sie auf einen imaginären Punkt, wie für uns Liebe als die "Aneignung der Freiheit eines Anderen" (Sartre) konstruiert ist. Da sind die Ketten und Fesseln, das Peitschen und Kneifen... - und dahinter nichts radikaleres als die Sehnsucht nach einer Einwilligung, die zwei Menschen wirklich in Übereinstimmung brächte (und daran schmölze ja auch der ganze eigene Eigensinn dahin).
Nun isses aber nunmal nicht so; Leute, Männer und Frauen, geben einander, was jeweils sie geben wollen, und alles darüber ist Zumutung, strengt an und geht in Buchführungen und Aufrechnungen ein ("ich habe für dich xxx getan, und du ..."). Jeder tut sein Bestes, und keiner ist zufrieden - und das ist schon sehr lange so und muss darum wohl auch seine Ordnung haben.
Phantasien von einem Geschlechts- oder Rollenwechsel hingegen haben offensichtlich etwas von einem Treiberproblem an sich - der Zugriff auf ein Objekt klappt nicht, und so will man es an sich selbst realisieren. Nun kann man ja am Computer jederzeit eine virtuelle Schnittstelle konfigurieren, imaginäre Drucker adressieren und großzügig Speicher verteilen, den es gar nicht gibt. Im wirklichen Leben (und gibt es denn ein anderes?) werden einem die Grenzen davon in vielerlei Weise schmerzhaft bewusst - die Schuhe passen nicht, der Rock kneift oder geht gar nicht richtig zu, und obenrum schlappt der Fummel leer und unansehnlich. Dass man sich so nicht zeigen darf, täuscht einen tröstlich darüber hinweg, dass man ja eben auch nur eine lächerliche Figur machen würde... - viel zu weit von allem entfernt, was man an sich repräsentieren und sich so aneignen wollte. Man möchte ja nicht irgendein Trampel sein, sondern so eine(r), die man einfach lieb haben muss, von der eine motivierende Anmut ausgeht, die das Schwere mühelos werden lässt. Genau darauf ist man ja auch neidisch. Technische Lösungen helfen da nur begrenzt weiter (ich erinnere mich mit Vergnügen an eine Bemerkung von Pat Califia, ihre Bekannten mit fetischistischen Vorlieben hätten früher oder später alle angefangen selbst zu nähen, "weil man will ja eben genau das haben und nichts anderes", eine gerade auch metaphorisch bemerkenswerte Einsicht).
Zäh ist diese Virtualisierung des Begehrens dadurch, dass sie einerseits auf den individuellen und kollektiven Wertsetzungen von Geschlechtsrollen und Attraktivität aufsetzt (und sie damit beschlagnahmt, inaktiviert), andererseits auch sonst vielerlei Überzeugungen und Gefühle um sich versammeln kann -
- die ganzen Tabus "ich darf nicht" (man darf nicht, und ich, ich schon gar nicht)
- den Neid, "sie sind glücklich, und sie tun es, und der Himmel fällt nicht ein"
und dann den Trost spendet, das, das sei doch immerhin etwas. Sagen wir, auch nur fünf Minuten lang, aber doch immerhin. Besser übrigens immer als die alltägliche Gewöhnlichkeit, die wir nie zu schätzen gelernt haben...
Man denkt bei solchen Gefühlen leicht zuerst an globale Inhalte, etwa in Form einer "kreuzweisen" Identifikation mit einer voraufgegangenen, für das Familiensystem unerledigten Person, ebenso auch als Weigerung, von seinem Vater etwas zu nehmen. Da mag das eine und andere dran sein, wer will das schon genau wissen, und man muss wohl schon Bernd Hellinger sein, um es so bestimmt zu behaupten. Was man jedoch bestimmt weiß und kennt, sind die Kräfte und Mechanismen, die ein solches Laufrad sich drehen lassen. Das mag noch keinen Ausweg weisen, aber immerhin; und es ist uns ja auch nicht an einem anderen Fetischismus gelegen (mag er auch sozialverträglicher sein), sondern an einer Befreiung über seine vielfältigen Formen (siehe unten) hinweg. - Man sagt ja übrigens, wenn der Narr bei seiner Narrheit bleibe, dann würde er schlau daraus (William Blake): nun ja, um den Preis seines Lebens. Und was gibt es denn letztlich aus einer phantastischen Verstrickung zu wissen? Fängt nicht doch alles Wissen erst jenseits der Phantasien an? Eine einlässliche Darstellung eines Betroffenen erinnert einen deutlich an die Beschränkungen, denen solches Wissen unterworfen ist.
"When a child is born, the first question usually asked is "Is it a boy or a girl." If the answer is not clear, as in the case of physically intersexed individuals, surgery is usually performed so that they can be "assigned" to one sex or the other, so as not to upset the dualistic paradigm.
From birth, this paradigm is continually reinforced through a complex yet largely subliminal program of gender socialization. Although in the case of transgendered individuals, the gender role conditioning didn't quite "take," it was nonetheless apparently assimilated at a deep enough level that many of us feel we need to dress in the clothing of the opposite sex in order to give ourselves permission to display what we have compartmentalized as "feminine" or "masculine" qualities. [Hervorhebung von mir] This seems to indicate that in addition to the biological element, we all have the psychological and spiritual potential for both the feminine and the masculine within us. This being so, the concepts of male and female are not the "opposites" that we have been taught, but are, rather, compliments: two parts of one complete whole.
The realization for some of us, that we are not like others of our sex, often begins very early in life, manifesting as a sense of innate inappropriateness of being grouped with others of our so-called gender and not allowed behaviors which seem natural to us. Many of us at this age begin "borrowing" parent's or sibling's clothes and dressing up as often as opportunity permitted.
In my own life, though I was born male, I never did feel like a man. I've always felt more comfortable around women than I have around men, and have always had a strong need for feminine expression. Somehow femininity seemed more natural to me; it was masculinity that I had to "learn", and which always seemed forced.
Having both the feminine and the masculine within us, it follows that there must be a vast blending ground between the diametrically opposed concepts of man and woman; and yet the myth persists that there is not. No wonder that the two "sexes" often have such difficulty understanding each other when society has cast them into the role of "opposites." Perhaps its time we question the whole male/female relationship construct. Obviously it is not working when our language, our social and behavioral mores, our entire society with all its movies, books, and television programs is full of instances of the "opposite" sexes unable to relate to one another.
Interestingly, even when someone changes gender, there is still the expectation that they are supposed to trade in one set of behavioral and dress standards for another, rather than in any way integrating masculine and feminine qualities." (Hotchkiss 1995)
Hier ist viel Wichtiges und Richtiges angesprochen - allem vornweg der individuelle und kollektive / gesellschaftlich-kulturelle Mangel an Möglichkeiten von "feminine expression", der Äußerung von zärtlichen Gefühlen, von Fürsorge, Trauer, von nicht-sexuell bestimmter Liebe und Zutraulichkeit. Und was dergleichen Dinge mehr sind: sie sind, so haben wir zu denken gelernt, nichts für uns, keiner fragt uns danach, im Zweifelsfalle sind sie nur peinlich. Daher dann die Vorstellung, sie über einen nicht minder peinlichen Umweg ansprechen zu können.
Nun allerdings: indem wir wissen, wovon hier die Rede ist, sind diese Gefühle und Vorstellungen doch unabweislich für uns da - das Stichwort heißt ja display what we have - wir müssen nur an es herangehen, es annehmen und in einen angemessenen Kontext bringen. Hier eben wird die "Schwierigkeit mit dem Nehmen vom Vater" (Hellinger) relevant, ebenso wie für sonstiges Suchtverhalten - er könnte etwas über eben solche angemessenen Kontexte wissen, und ganz gleich wie er ist, er weiß mehr darüber als wir (das bringt Vaterschaft so mit sich, das 'sich dem Schicksal aussetzen').
Ansonsten zeigt sich der Fehler, das Vermisste an sich selbst als einen phantasierten fremden Geschlechtscharakter zu erleben / erleben zu wollen - und schließlich ist es ja auch gar nicht an das Geschlecht gebunden, wie man nüchtern jederzeit zugeben wird; es hat nur Spezialisierung / Arbeitsteilung stattgefunden: Männer / Frauen führen gewohnheitsmäßig unterschiedliche kommunikative Akte aus. (Man könnte auch von einer "Beschlagnahme" bestimmter Handlungsbereiche sprechen, gerade auch im Hinblick auf die Asymmetrie "Frauen können auch anders / können alles" - siehe unten.)
Und eine Perspektive? "Perhaps it's time we question..." - jawohl, till we are blue in the face, und dennoch wird es uns nichts nützen. - Außerdem: machen wir damit nicht alles nur noch schlimmer? Insofern wir die Beschlagnahmung für uns ratifizieren, und uns ansonsten in unserem Alltag (den wir ja nicht im Fummel bestehen können) davon ausschließen? Und natürlich, wir wollen ja üblicherweise eine Beziehung zu einer Frau, eine Familie usw. (und hätten dann an ihr, was uns zu fehlen schien).
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