Selbstverantwortung: Ich wars!

Natürlich sind die Schweine schuld an allem Unglück, natürlich stimmt das sogar, bloß es nützt nichts. Es nützt dazu, seine esoterisch gesinnten Kumpel aufzuziehen, wenn man ihnen erläutert, dass nicht der Vegetarismus, sondern vielmehr das Schweineschlachten die Welt vorwärts bringen wird. Oder wenn man seinen lieben, braven Freunden von amnesty vorschlägt, unter dem Motto "Tod den Henkern" zu demonstrieren. Jenseits der Fahrtüchtigkeitsschwelle, wo man solche Gespräche vom Zaum bricht, heißt das, da nützen solche Gedanken was.

Sonst? Sind sie hinderlich, und das nicht zu knapp. Du brauchst niemanden aus seiner Schuld - sofern vorhanden - zu entlassen, wenn du einsiehst, dass an deinem Unglück, deinen Misserfolgen zunächst du schuld bist. Du kannst ja auch nur persönlich vergeben - etwas sehr Sinnvolles und Ratsames - wo du persönlich betroffen warst. Von der Gesellschaft warst du aber nur quasi meteorologisch betroffen - Kind deiner Zeit gewesen, in den Regen gekommen, eingelaufen, ausgefärbt. Der Unterschied ist moralisch erheblich. (Es sollte sich auch fast von selbst verstehen, dass du dir auch keine unbeschränkte Verantwortlichkeit für allerlei Schlechtigkeit der Welt aufhängen lassen musst (das war und ist wohl auch noch ein beliebtes Manöver moralgetriebener Politik) - an manchen Dingen bist du wirklich nicht schuld, auch wenn du zugeben wirst, dass du, in ebensolcher, meteorologischer Weise, auch an ihnen beteiligt warst.)

Und war es denn in unserer Vergangenheit wirklich so schlimm? In den 70er Jahren trauerten wir häufig einer "glücklichen Jugend" nach (die uns, sagen wir heute, erspart blieb) - aber wie verhält es sich denn wirklich damit? Kann man denn überhaupt vom Misslingen von Sozialisations- und Erziehungsprozessen (und einer nachfolgenden Psychopathologie) als Massenerscheinung sprechen? - Ja,

  • 1. vom Standpunkt kritischer Theorie der Gesellschaft (Horkheimer, Marcuse, Jacoby) aus; damit hat es viel Missbrauch gegeben (indem darin Gesellschaft bzw. Kultur oft paradoxerweise merkwürdig homogen erschien), und es besteht immer die Gefahr eines hemmungslosen Utopismus aus Beliebigkeit der Maßstäbe; aber auch
  • 2. ganz naiv vom Standpunkt der Zufriedenheit des Endverbrauchers aus, die schlicht nicht gegeben ist oder hinter historischen Maßstäben gravierend zurückbleibt; das hat ein beträchtliches kritisches Potential, doch auch damit gibt es Probleme, vor allem, indem Leute ihr Unglück aus Paradoxien von Selbstverwirklichung heraus selbst verschuldet haben und es nun einfach lieben; aber es bleibt genug übrig.

Was aber dabei sorgfältig vermieden bleibt, ist die traurige Einsicht, dass mehr eben nicht drin war - nicht außer dir, und nicht in dir. Es wird auch sorgfältig vergessen und entwertet, dass soundsoviel eben wirklich ging, und es wird erst recht vergessen, dass wir auch die Maßstäbe, nach denen wir unsere Unzufriedenheit messen, nur aus der selben Quelle geschöpft haben. Das Bild von Glück, das wir uns als Mohrrübe vorhalten, haben wir von daher abgezogen, wo unsere Unzufriedenheit, unsere Misserfolge herkommen sollen. Zirkuläre Gedankenspielchen, das ist alles, was es ist.

Bis hierhin sind wir gekommen - manchmal schon eine respektable Leistung - und wer sitzt denn am Steuer? Du und kein höheres Wesen! Auch auf der Straße gibt es Umstände, und es gibt andere Menschen, auf deren Verhalten man besser Rücksicht nimmt. Natürlich stehen wir immer wieder mal eher hilflos im Stau - das ändert aber nichts daran, dass wir uns als Fahrer in der Tat als Täter fühlen, als fähig, mächtig und verantwortlich. Psychos gehen dieses Thema immer mit der gleichen Selbstverständlichkeit an, wie eine Autowerkstatt einem einen Ölwechsel verpasst, wenn man sie nicht geradezu daran hindert - aber es ist ja auch genauso grundlegend! ( - und dreh es doch einmal um: wenn du dich nicht um dich kümmerst, für deine Interessen eintrittst - auf welchem Gebiet auch immer - wer tut es dann?)

Auch in der Interaktion mit Frauen kommt es auf mein Verhalten an, es ist zwar nicht unwichtig, was / wer ich bin (und was ich habe), aber viel wichtiger, was ich tue. Es ist meine Verantwortlichkeit, einen passenden Partner zu finden, mich ihr gegenüber passend / normkonform zu verhalten, und zu tun, was sonst noch nötig sein wird - ganz egal, was meine zufälligen Bedürfnisse und Vorlieben sein mögen.

"Ich bin verantwortlich für meine Biographie": Das ist einfach hinsichtlich dessen, was du alles erreicht und geleistet hat. Du hast viele Gründe, auf dich stolz zu sein und mit dir zufrieden zu sein. Etwas weniger einfach ist es natürlich mit den Entscheidungen, die du inzwischen für einen Fehler hältst - der wichtigste Gesichtspunkt dabei ist der, dass du sie zu ihrer Zeit nach bestem Wissen und nach deinen besten Möglichkeiten gefällt hast. Dass du sie heute anders ansiehst, ist nicht nur ein zufälliges Besserwissen im Nachhinein, sondern es dokumentiert auch, wie weit du dich mittlerweile weiterentwickelt hast, eine an Möglichkeiten und Fähigkeiten reichere Person geworden bist. Daneben wird sich immer irgendwo ein Anlass zu Trauer finden, aber weil Trauer das richtige Gefühl ist, um unsere Abschiede von der Vergangenheit zu begleiten, kann es dir auch nicht hinderlich sein, sondern wird es dich festigen und stärken.

Muss man - ja, man muss wohl ausdrücklich sagen, dass Verantwortung für das eigene Handeln nicht in magische Allmachts- (und Allverantwortungs-) Vorstellungen abdriften muss, kann, darf? Natürlich gibt es immer einen Möglichkeitsrahmen, er ist oft weiter, als wir zu denken geneigt sind, manchmal ist er eben auch relativ eng oder gar nicht vorhanden. Wer Fischstäbchen fangen will, muss sich schon in einen Supermarkt begeben, und das heißt eben Montag bis Samstag zu den bekannten Öffnungszeiten... - und wenn Sonntags plötzlich Besuch kommt, bin ich wirklich nicht verantwortlich.

Wohlgemerkt auch: Verantwortung ist nicht notwendig dasselbe wie Schuld, und hat schon gar nichts mit Selbstvorwürfen zu tun und damit, sich zu verurteilen und bestrafen. Wenn du bereut hast, was immer zu bereuen war, und um Verzeihung gebeten hast, wo das angebracht war - dann kannst du die Vergangenheit ziehen lassen, und wirst dennoch immer wissen: es ist meine, ich wars! - Verantwortung für sein Leben zu übernehmen bedeutet also vor allem anderen den absoluten Verzicht auf die süßen Tröstungen eines Opferstatus. - Denk einmal drüber nach und schreib dir auf, was für Vorteile es alle für dich hat, ein Opfer (von was auch immer zu sein). Spätestens, wenn du diese Liste nach einigen Tagen wieder liest, und dir deutlich wird, was dir ein Opferstatus erspart, dann wird dir auch klar werden, wie viele gute und wichtige Ereignisse und Entwicklungen er dir "erspart", sie effektiv verhindert und aus deinem Leben ausschließt. Es wird gut für dich sein, ihnen Platz zu machen.

Nun, und wenn du das nicht glaubst, es nicht magst, doch lieber Opfer als Täter gewesen sein magst, auf der Moral (und dem moralischen Unterschied zwischen dir und dem Rest der Welt) bestehst, dann habe ich im folgenden Abschnitt einige Erinnerungshilfen zusammengestellt, damit es dir etwas leichter fällt, zu sehen, was du für einer bist und dass du vielleicht nicht an allem schuld bist, aber jedenfalls alles verdient hast. - Nein, eigentlich hast du noch ein unverschämtes Glück gehabt, von Rechts wegen müsste es dir noch viel schlechter gehen als es das tut, richtig schlecht - so wie du es bist. Ich kann dir nicht versprechen, dass du dich hinterher gut fühlst, aber dass du beginnen wirst, deine Gedanken über Schuld, Schicksal, Verursachung und Verantwortung zu sortieren.

Eine realistische moralische Selbstwahrnehmung ist nicht nur "zutreffend" und "was sich gehört", sondern bringt auch mannigfaltigen sekundären Gewinn. Sie festigt gegen Ressentiments und Schuldzuweisungen - die Welt ist nicht ungerecht zu einem, usw. Sie hilft, Aspirationsräume abzustecken - es ist nicht chaotisch / zufällig / schicksalhaft, was man hoffen darf, sondern wohl geordnet, endlich, begrenzt. Man kann daraus auch Anleitungen zu Buße und dauerhafter Besserung ziehen, ebenso wirkt sie der Eitelkeit und einem leeren Ehrgeiz entgegen (man tut ja nur bruchstückhaft, ungenügend, was man schuldig ist). Als Wichtigstes vielleicht warnt sie einen vor übertriebenen Hoffnungen (wie man bei manchen auf fragwürdige Weise zustandegekommenen Erfolgen sagt "es ist aber kein Segen dabei" - der ist verbraucht, vergeudet, ausgeschlagen - denn man hat in seinem Eigensinn ja gesagt "ich bin ja clever, ich kanns ja").

Wenn du glaubst, damit im Reinen zu sein, darfst du den folgenden Abschnitt auch überblättern.


Opfer sein ist wundervoll -

das muss man sich vermiesen! Alles geschieht dir recht, du hast es dir verdient!

Weißt du nämlich, was du für einer bist? - Nimm dir einen Stift und ein paar Blatt Papier, und erinnere dich:

1. Hast du nicht Chancen gehabt und sie in den Wind geschlagen? - Welche zum Beispiel? Warum? Was hat dir gefehlt, was hast du dir vorgemacht?

2. Hast du nicht Nein gesagt zu _________ , als sie dich wollte?

3. Bist du nicht immer wieder ungehorsam gewesen, gegenüber deinen Eltern, deinen Lehrern, und gegenüber allen, die dir sonst etwas zu sagen hatten? - Skizziere drei Beispiele!

4. Hast du nicht immer wieder Unfug getrieben, wenn keiner näher hinsah? - Gib Beispiele an!

5. Hast du nicht _________ im Streit geschlagen?

6. Wen hast du alles im Stich gelassen, als sie deine Hilfe brauchten? Schreib sie alle auf, und wenn du ihre Namen nicht weißt, dann erläutere die Situation!

7. Träumst du nicht immer wieder von grauslichen und bizarren Handlungen? Hast du nicht Freude daran?

8. Hast du nicht __________ belogen und hintergangen? Wie, auf welche Weise und mit welchen Mitteln hast du es getan? Was hat es dir genützt?

9. Hast du dich nicht oft für etwas Besseres gehalten? - Wem gegenüber - drei Beispiele!

10. Hast du nicht ___________ beneidet und ihm / ihr Schlechtes gewünscht?

11. Hast du nicht schon Tiere gequält? Was für welche? Wann? Wie? Was hast du dir gedacht dabei? Gar nichts? Wie findest du das?

12. Hast du nicht __________ gestohlen, als die Gelegenheit günstig war?

13. Warst du nicht zu faul und zu träge, wenn du wach und tätig hättest sein sollen? Nenne wenigstens drei Situationen, in denen das der Fall war!

14. Wann warst du das erste, zweite, dritte und letzte Mal feige, bist davongelaufen, wo du hättest kämpfen müssen?

15. Wie viele von deinen Freunden hast du bis jetzt verraten? Wie und an wen? Für was, und hast du es bekommen? Nenne wenigstens drei Fälle, in denen du es getan hast!

16. Hast du Nahrungsmittel oder Kleidung mutwillig verschwendet oder verdorben?

17. Hast du Wasser verschwendet ? Hast du achtlos Boden verdorben? Hast du gedacht, es kommt nicht drauf an?

18. An wem bist du sonst auf andere Art schuldig geworden? Schreib auf, an wem und wie!

19. Was fällt dir noch an Schändlichem über dich ein?

Also, da siehst du es, wenn du nicht schamlos gelogen hast: ein Dreckskerl bist du, ein Satansbraten! Weißt du auch, was du damit verdient hast? Tut dir wenigsten irgendetwas davon Leid? Du willst ein Opfer der Umstände sein? Du willst wohl auch noch, dass du jemand Leid tust? Ich werd dir mal was sagen: Dir gehts wohl zu gut!

Aber natürlich, jetzt gehts dir schlecht, und ich soll Anteil nehmen, nett zu dir sein? Gell, jetzt ballst du die Fäuste, knirschst du mit den Zähnen und rollst die Augen, du kleiner Scheißer? Das soll alles gar nicht wahr sein? Mach dich doch nicht lächerlich, deine Taten verurteilen dich! Nett zu dir, das war ich in den paar Zeilen vor der Überschrift. Du hast das wohl nicht ernst genommen? Und jetzt? "Stürz dich doch in dein Küchenmesser, du Mickerling!" sage ich dir, "Ich absolvier dich von gar nichts! Ist auch nicht mein Gewerbe! Du musst damit leben, so wie ich auch!"

Unbegreiflicherweise geht es uns doch ziemlich gut. "Willkommen als anspruchsloser Bewohner der Hölle, der sich mehr Mühe geben wird!" - Könnte alles besser sein, klar, wer hätte da schon was dagegen. Aber insgesamt? Wir sind - bis jetzt - davongekommen, quasi wider alles vernünftige Erwarten.

Nachdem wir genau genug auf uns selbst geschaut haben, erinnern wir uns übrigens schüchtern daran, dass weite Teile des Feminismus ihren Sinn darin sahen, jeder Frau so etwas wie einen Mindestopferstatus (möglichst dann auch mit mindestens freiem Taxifahren) zu verschaffen, in einer möglichst marginalen Weise, so dass sie einfach alles tun können, und dennoch immer im Recht sind (vgl. das Prinzip "Jagdschein"), erinnern wir uns auch daran, wie Männer aus Männergruppen sich so unglaublich peinlich als Opfer gesellschaftlicher Rollenzwänge und Tralala dargestellt haben, nehmen wir es als Bekräftigung: wir sind Täter, wir sind selber schuld! (Man mag hier übrigens auch darüber nachdenken, wie der Begriff 'Opfer' entwertet wird, wenn er wahllos für alle Menschen gebraucht wird, denen etwas mehr oder weniger Schlimmes zugestoßen oder zugefügt worden ist. Er hat ja auch die Bedeutung einer bewussten Entscheidung aufgrund einer politischen, religiösen usw. Überzeugung, zu Gunsten eines bestimmten Lebensziels, usw. No doubt there are many victims, but what about sacrifices?)

Es gibt in dieser Situation für Männer übrigens eine beliebte Anschlussillusion (so wie es ja auch Anschlusskonkurse gibt) - das heiter lärmende Spielchen mit der Ratzekalität, nämlich -

das Ding mit der großen Krise

- oder: Jetzt schon! Buße tun! - Das geht dann etwa so:

Was Not tut, ist der AUSZUG AUS DER GESCHICHTE - aus deiner Lebensgeschichte, aus unserer kollektiven Geschichte, die Befreiung -
man kann auch sagen: DAS ERBRECHEN - in welchem du von dir gibst, was alles an FALSCH in deinen Körper gekommen ist.
Dann, irgendwann, nach Wüste und Fasten, wirst du wieder zu dir nehmen, was dir förderlich sein kann. Dann wirst du nur noch aus GUTEN DINGEN bestehen.

Du kannst die große Krise nicht im Urlaub inszenieren, du kannst auch nicht derweilen schuppern gehen, und dann kommst du nach Hause, reißt dir den Schlips ab und jetzt los. Das geht nicht. Also wirst du dich winden, wirst winseln: so nicht und so nicht und so nicht. Du wirst versuchen, eine kleine Krise zu inszenieren, und weil das nichts wirkt, noch eine und noch eine und noch eine.

Einen Scheißdreck wird es dir nützen. Du kannst tagelang auf einem Baum sitzen und immer vor dich hinsagen: mit jedem Atemzug atme ich FALSCH aus - du atmest es bloß wieder ein. Das schlimmste FALSCH ist das FALSCH in deinem Kopf, DU MUSST DEINEN KOPF zERBRECHEN. Nur so wirst du wieder einfältig, das stumpfe Tier, als das du gemacht bist.

Das lässt dich aber keiner, solange du in Gesellschaft bleibst. Stumpfe Tiere fangen sie weg, und hör mal: sie bringen sie nicht ins Tierheim, auch nicht in den Zoo, sie schlagen sie gleich tot und dann verwerten sie sie restlos: zu Seife, zu Leim, zu Katzenfutter. Das ist es, was sie mit stumpfen Tieren machen. - Wenn du am Rande ihrer Siedlungen bleibst, um sie schleichst und nur nachts heulst, dann geht es vielleicht. Tags deckt dich die Maske des Elends: Wieder ein Beispiel, sagen sie, für die Güte unserer Weltordnung, wenn dich denn einer sieht. Darum lassen sie dich leben.

... und nun komm wieder rein, 's gibt Futter.

Und es gibt den Alltag zu bestehen. Einfach so, dafür immer wieder. Lebenslänglich: Vermitteln müssen. Im Kompromiss leben. Schmutzig, halbgescheit. Tapfer sündigen hat da mal jemand angeraten.

Das Thema ist so wichtig, dass man es gar nicht deutlich genug sagen kann. Wie auch immer später noch von Reinigung, usw. die Rede sein wird - ich sage dir, du sollst normal, gewöhnlich, durchschnittlich werden, das heißt eigentlich: unbelastet (von allen möglichen Normen und Ansprüchen). Sie betreffen dich dann einfach nicht mehr. - Pass auf: ich sage dir nicht, du sollst moralisch "gut" sein oder werden. Schön für dich, und noch schöner für die Menschen, mit denen du zu tun hast, wenn du einiges von dem, was so unsere moralische Tradition ist - das christliche Liebesgebot und einige Tipps und Fallbeispiele dazu aus den zehn Geboten - in deinem Leben verwirklichen kannst. Man kann ja auch kaum genug darauf hinweisen, dass die Grundzügen von Anständigkeit so sind, dass sich Christen, Juden, Moslems und Heiden aller Art ziemlich mühelos darauf verständigen: man kann aus ihnen nicht austreten wie aus einer Religionsgemeinschaft, und wenn man es doch meint tun zu sollen, wird man teuer dafür bezahlen. Es gehört sich einfach so, mag nicht immer ganz leicht sein, ist aber auch nie richtig schwer, und hat jedenfalls aber nichts mit unserer Selbstbewertung zu tun. Alles, was wir einfach so tun können (und was wir eigentlich bloß nicht zu lassen brauchen, wo wir einfach dran denken müssen), hat kein "Verdienst" und wir dürfen uns nichts darauf einbilden.

Für die Partnersuche jedoch kommt es darauf sowieso nicht an. Um dich zu paaren und fortzupflanzen, brauchst du kein guter Mensch zu sein. Es hilft immens, wenn du nett bist, aber das gehört in einen ganz anderen Bereich. Ansonsten gelten für die Paarung andere Kriterien.

Wie ja denn in unserem Alltagshandeln kurzfristig immer stärker eine Logik der Kriegführung an die Stelle der Moral tritt - man fragt sich nicht: was ist angemessen, recht und gut? - sondern: was kann ich mir erlauben? was werden sie mir durchgehen lassen? (Wir wissen ja: frech kommt weiter.) - Je langfristiger freilich unser Kalkül wird, je unabsehbarer und bedeutender auch die Handlungszusammenhänge werden, in denen wir agieren, desto weniger kann man freilich derartige Fragen mit einer hinreichenden Sicherheit beantworten. Man wird dementsprechend vorsorglich auf moralische Kriterien, auf ein gerechtes Handeln geführt: man kann ja nie wissen, die Kreise schließen sich ja tatsächlich immer wieder, usw. - Vom Standpunkt einer solchen variablen "Grenzmoral" her entdeckt man feste moralische Prinzipien auf einmal als unmittelbar entlastend: sie halten einem den Kopf frei, und schon allein deshalb wird man sie in bescheidenem Umfang dulden und befolgen.

Es hilft zwar immens, wenn du ein "gutes Gewissen" hast, aber das ist eine psychologische Sache, das liegt voll und ganz in dir, mit dem, was du tust und wie du dich verhältst, hat das nichts zu tun.

Wenn du starke moralische Überzeugungen hast, für das Gute und gegen das Schlechte in der Welt kämpfen willst oder tatsächlich kämpfst (was immer du dafür hältst) - das ist in der Regel auch nicht weiter schlimm, jedenfalls solange deine Ideale nicht zu absonderlich sind. Es ist eine Frage des Zeitmanagements, solange du genug private Zeit und Kraft übrig behältst, mach ruhig weiter so. Qualitativ vertragen sich eine Leidenschaft für Gerechtigkeit und die Leidenschaft für eine Frau immer. Quantitativ - nach Stunden und Minuten - kann es eng werden.

Wenn du Ansprüche hast, die du erst noch verwirklichen willst, dann schränkt dich das schon sehr viel mehr ein. "Ich bin auf dem xy-Weg zur Erleuchtung": Nun, wenn du ganz, ganz großes Glück hast, triffst du jemanden unterwegs. Ansonsten aber sind solche Wege so beschaffen, dass sie für ein ganzes Leben reichen (und es wäre ja auch schlimm, wenn es nicht so wäre - erst der Weg, dann die Wahrheit, dann die Langeweile?). Man kann so etwas nicht als Mittel und Voraussetzung für anderes gebrauchen. Ich kann nur sagen: machs halblang! Wenn du neben und außerhalb von deinen moralischen und spirituellen Zielen noch jemand brauchst, dann sind diese Ziele zumindest schlecht bestimmt. Zerbrich dir nicht den Kopf darüber, werde einfach - vorläufig, bis du besser unterscheiden gelernt hast - etwas lasch und lau - bedenke: Christus ist für die Sünder gekommen, nicht für die Selbstgerechten, die haben ihn vielmehr ans Kreuz schlagen lassen. Sie meinten, sie brauchen so jemanden nicht.

Und schließlich: Wie wichtig sind dir denn deine moralischen Eigenschaften? Stehen sie für dich so im Vordergrund deiner Identität (auf einer Liste "wie bin ich?" so weit obenan) dass du darüber von dir aus, ungezwungen, in Konkurrenz treten musst? Es ist ohne Zweifel gut für dich, meistens dankbar, meistens ehrlich, nach Möglichkeit und Fähigkeit gerecht, vernünftig, fleißig und großzügig zu sein. Es ist tödlich für dich und deine Versuche, eine Beziehung aufzubauen, wenn du es immer, absolut und in unübertrefflicher Weise sein willst. Hier ist Ehrgeiz nur von Übel. (Und denke auch an das Paradox der Selbstlosigkeit, auf die man wen dressiert? Na eben das eigenen Selbst... )

Selbstlosigkeit mag ja etwas Schönes sein; Tatsache ist: wenn man denn einmal selbstlos handelt, fällt es einem gar nicht auf. Es ist dann einfach nur das Richtige bzw. Rechte, was eben jetzt in dieser jeweiligen Situation getan werden muss. - Und umgekehrt: wenn es einem auffällt, dass man selbstlos handelt oder gehandelt hat, dann weil es daran etwas zu bereuen und zu kritisieren gibt - sei es unmittelbarer Schaden, Spott usw. bis hin zur Ernüchterung nach der Hingabe an etwas Falsches, das nicht im vermuteten Maße werthaft war. Oder man bemerkt auch nur als Nebenmotiv die eigene Selbstdarstellung, "ich möchte gut dabei aussehen, wenn ich es tue". Na und.

Ich würde mich durchaus auch als "fleißig" bezeichnen - ich freue mich, mit Menschen zu tun zu haben, die noch mehr tun als ich, ich kann mich aber auch mit relativ faulen Leuten wohl fühlen, ich brauche auch mich nicht zu verachten, wenn ich übertroffen werde. Den eigenen Wert sozusagen auf Mark und Pfennig bestimmen wollen: das fordert nur das Finanzamt, und das will betrogen sein. - Das sei aber eine komplett unakzeptable Einstellung? Ach, leck mich am Arsch, es gibt Wichtigeres. Und erinnere dich: Du hast sowieso keine Chance mehr, perfekt zu sein, also nutze die, die es gibt!


Die kleinen Krisen

Es gibt - ganz von allein - schon immer mannigfaltige Anfechtungen, spontane Krisen, sie kommen einen an, und mitten in einem ganz gewöhnlichen Tag ist da das hohle Gefühl im Bauch, der schlechte Geschmack im Mund, und im Kopf ist nur noch Platz für Scham und Selbstvorwürfe. Die sind einzeln für sich meistens ganz berechtigt, sie sind alle dazu gut, sein zukünftiges Verhalten zu verbessern... - aber was tut man jetzt damit, wo sie einen mit geballter Macht überschwemmen wollen?

Du bist ein schlechter Mensch, sagen sie - dein ganzes Leben ist nur Anmaßung, Anmaßung, Unfug - was willst du denn, du weißt doch nichts - dir hat es ja nie an etwas gefehlt!

Sucht, suchen - es hat einem "nichts gefehlt", gerade darum sucht man, in den Bibliotheken, im Sperrmüll, auf dem Flohmarkt, wo auch immer. - Hätte es einem einmal an etwas gefehlt (hätte man eine vollständige Grenzerfahrung gehabt), könnte man sich getrost "nach Hause" wenden, wie die anständigen Leute auch (die sich zügeln können, die sich - vor Uranfang - gezügelt haben).

"Wie kann ich zur vollkommenen Zerknirschung kommen?" (als Zusammenbruch von identitätsstütztenden Annahmen mit der Hoffnung auf eine Wiederaufrichtung durch Annahme der "richtigen" Annahmen / Glaubenssätze). Buße als Reinigung von Lebenslügen, falschen Auffassungen über das Selbst ("Gott fordert das Opfer alter Gewohnheiten"). - Nun, offenbar so ja nicht: denn wo man eigentlich nur will, dass es aufhört (mit der Scham, den Vorwürfen, der Angst), eben da verhindert man eine Erholung, steigert sich nur in die Verzweiflung hinein.

Eine Verhandlung gegen dich selbst, gegen deine Lebensgeschichte, von außen betrachtet: Ei, warum hat er nicht? - Habe ich je etwas allein / etwas Besonderes gemacht. oder habe ich immer nur versprochen und nichts geliefert? Es ist wohl so...

Warum, es gibt immer warums... - hast du strammgestanden , hast du deine Liebe zu deinen Eltern gestehen müssen, vielleicht (der Verzicht auf Abenteuer, als Einschärfung gegen böse Onkels) - es gibt immer warums, aber es gibt keine Entschuldigung, keine Ausrede.

Vielleicht weil es so "nötig" war, es war aber nicht nötig, es ist sehenden Auges unterlassen worden, verschlampt worden (freilich aus einem unklaren Gefühl heraus, das komme mir so zu).

Über die Jahre öffnet sich so eine Schere, da sagen sie dann: so einer wie du versteht so etwas (grundsätzlich, von vornherein, kann gar nicht) nicht (und du weißt nicht, ob es nicht vielleicht auch stimmt, ob du es nicht wirklich nicht verstehst).

Und nun, da kommen dir Bußwünsche, aber kannst du denn Buße tun? Ist es nicht nur neue Schuld, wenn du es versuchst? Immer, wenn du zu etwas Gutem, "Höherem" aspirierst, von dir aus "tun willst", musst du dich fragen:

Darf ich das denn überhaupt?

"Schätzt du dich selber richtig ein, dann wirst du dich unter Schmerzen als ein ziemlich erbarmungswürdiges Geschöpf erkennen... Du bist nämlich unrein, selbst deine Lippen sind beschmutzt, ... und doch wagst du dich vor den Herrn der Scharen." (Evagrius Ponticus, Über das Gebet, 79, vgl. 145-146) Es ist nicht selbstverständlich, wieder zugelassen zu werden, auch nur unter die besserungsfähigen, bußfertigen Sünder. Man ist leicht zu keck, und sträflich darin.

Zuerst und vor allem sollst du ja deinen Ungehorsam büßen, doch der Bock passt nicht mehr durchs Fenster, du musst ihn / dich schlachten und zerteilen (und wo du schon in den einfachen Aufgaben, als Kind, versagt hast...)

Du siehst:

  • Ich verdiene es nicht, dass
  • Ich bin voll von Lügen und Ausreden

und: das da ist nun mein Posten, da bin ich hingestellt, eine Rückzugsmöglichkeit gibt es nicht (natürlich würde ich gerne desertieren und dann mit hallo unter den fleißigen, stillen Freunden auftauchen, mich von ihnen beglückwünschen und betutteln lassen).

Und würde ich es denn überleben, auch nur ein paar Stunden am Stück ehrlich zu sein? ist nicht bereits eine Überschuldung eingetreten, die eine Änderung unmöglich macht, bin ich nicht so hoch gestiegen, da muss der Fall tödlich sein?

Es zeigen sich offensichtliche Grenzen des eigenständigen, von sich ausgehenden Tuns ("wollen und laufen"). "Herr, ich bin es nicht wert... -aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund." Dieses Wort ist gesprochen, wir dürfen vertrauen, und die Liebe treibt die Furcht aus (1 Joh. 4).

Wir können auch nicht willentlich unsere Illusionen aufgeben, denn wir finden an uns / in uns keinen Boden, auf dem wir angelangen und dann fest stehen könnten. Wenn wir überhaupt an ihnen arbeiten, dann ist gleichzeitig mit der Kritik an ihnen eine Entflechtung der Kategorien nötig (weil sie in der Regel als komplexes System vorliegen: "ich bin so einer, deshalb ist so etwas richtig für mich") - diese Konsequenzen treffen aber nicht zu -

  • du bist wohl ein schlechter Mensch, deshalb aber verdienst du noch nichts Schlechtes (sondern musst nur vordringlich deine Überheblichkeit und den falschen Stolz fahren lassen); du hast Chancen wie andere auch.
  • Anspruchsabsenkung ist nötig; aber diese realistischen Ansprüche sollst du dann auch haben (du musst wieder zurückfinden in eine Position als Handelnder, als Subjekt rationaler Entscheidungsprozesse).

Das Alltagsleben besteht aus infinitesimalen Akten von Verrat und Bewährung (schon morgens vor dem Spiegel, usw.) - dagegen steht unsere Erwartung von / Sehnsucht nach großen Gefühlen, ausgezeichneten Augenblicken der Entscheidung - darauf sind wir hin erzogen, und zu einem anderen Modell fehlt uns einerseits die tragende Überzeugung, andererseits die Wachsamkeit (das ist nicht nur eine Frage der Bequemlichkeit, wir müssen tatsächlich unsere "mindfulness" begrenzen). - Große Gefühle usw. haben wir bestenfalls als ein Notgepäck (mythische Geschehnisse, die immer gegenwärtig sind - so der Nationalsozialismus mit Krieg und Judenvernichtung, so Vietnam, der Putsch in Chile, Stammheim, Gorleben, usw.).

Vgl. Kluge, Macht der Gefühle: wir reflektieren, um sie überhaupt zu haben; da ist ein eingefleischtes Misstrauen gegen sie - vgl. dagegen einen direkten Zugriff (unbesorgt um Verschleiß als Unterhaltung - was eine recht fragwürdige Kritik ist) Samuel Fuller (in Godards Pierrot le fou ) "The film is like a battleground. Yes ... Love. Hate. Action. Violence. Death. In one word ... Emotion."


Verpasste Chancen, unerledigte Geschäfte

Grundsätzlich sind wir dieser Thematik bereits oben, im Lebensalterabschnitt begegnet. Es gibt nicht viel, was man mit unerledigten Geschäften tun kann - sie erledigen, wenn das noch geht, verzichten, wenn das nicht mehr geht. Bei verpassten Chancen ist schon per Definition letzteres der Fall. Man kann sich freuen lernen, wenn andere ihre Chancen wahrnehmen, ihre Angelegenheiten besser "auf die Reihe kriegen", anstatt sie zu beneiden, und ansonsten das tun, was jetzt für einen dran ist. Chancen gibt es alle Tage, nur eben jedes Mal eine andere zu etwas Anderem - man könnte sich also in Bezug auf verpasste Gelegenheiten nur fragen: habe ich sie (die von damals) nicht richtig, nicht schnell genug erkannt? War ich zu träge, zu ängstlich? Was hat mich sonst gehindert (welche Annahmen, Überzeugungen, Normen)? - und man kann die Antworten darauf hineinnehmen in einen allgemeinen Prozess der Regulierung und Ertüchtigung.

Leichter gesagt als getan - sie kommen immer wieder hoch und nörgeln, lassen einen nicht in Ruhe. Knapp daneben ist nicht nur auch vorbei, sondern tut am schlimmsten weh... - statt für nächste Male zu ermutigen. Sie führen einen in unfruchtbare und kräfteverzehrende Gedanken und Phantasien von "hätt ich doch" und "wenn ich nur". Sie, die es sonst einfach nicht mehr gibt, leben so als aktuelle Probleme fort.

Sie sind eine beständige Anfechtung - gibt man ihnen nach, folgt man ihren schmeichelnden Stimmen, so kommt es im Extrem zu einer Abspaltung von Persönlichkeitsteilen und zum Aufbau einer separaten, phantasierten Biographie: "eigentlich bin ich ja... ich habe nur". Eigentlich bin ich ja gar nicht das Kind von diesen Arschlöchern, eigentlich haben sie mich ja nur im Krankenhaus vertauscht (wer an die Wiedergeburt glaubt, dem eröffnen sich hier natürlich noch ganz andere Möglichkeiten.)

Was also tun damit?

  • 1. sich dessen bewusst sein, dass es Chancen gibt, besondere Zeitpunkte und Gelegenheiten ("Kairos", mit Locken vorne, Glatze hinten...); es gibt Dinge, die kann man aufschieben und nach Bequemlichkeit später immer noch (oder gar nicht mehr) erledigen, und eben auch andere, für die das nicht gilt, die im rechten Augenblick ergriffen sein wollen. - Die gegenwärtigen Chancen ergreifen (und hat man damit nicht alle Hände voll zu tun?).
  • 2. verpasst ist verpasst: verzichten lernen; ggf. mit der Hilfe: man kann nicht alles haben, ich habe stattdessen xx getan, und das war auch gut (oder schien mir damals wenigstens so).
  • 3. analysieren: was war falsch / wie hätte ich es besser machen können (einmal, nur einmal darüber nachdenken, ins Tagebuch schreiben, fertig damit - nur nicht grübeln).
  • 4. daraus lernen - einerseits im Hinblick auf die einfache Wiederholung einer Situation, "beim nächsten Mal mache ich es richtig", und obwohl sich ja streng genommen nichts wiederholt, sind manche Situationen sich so ähnlich, dass man sie ohne Mühe wieder erkennt. Andererseits hinsichtlich schwerer überschaubarer Ereignisse / Situationen: verallgemeinern, was sind grundlegende Züge des Vorfalls (chunk up), wo kommt so etwas auch noch vor, gibt es Parallelen (chunk down / sideways). - Auch dies jedoch zeitlich begrenzen, und im Kopf behalten: "Ich mache es immer falsch" ist immer eine falsche Aussage! Immer gilt immer bloß bis zum nächsten Mal!

Was sind das denn für Gedanken, die immer wieder, typischerweise zu Reue führen?

  • abwarten, aufschieben
  • es nicht so genau nehmen
  • sich selbst eine Extrawurst braten, für sich Ausnahmen machen, Sonderregeln gelten lassen
  • trügerische Hoffnungen (es wird schon gut gehen, es wird schon nichts passieren, usw.)
  • verleugnen von Widersprüchen, harmonisieren
  • ...

Exkurs: Erinnerung an die Hölle

"Feuer im wörtlichen Sinne ist durchaus möglich.
Wie wir jedoch bereits gesehen haben, wird es noch eine andere Art von Feuer in der Hölle geben, ein Feuer, das vielleicht schlimmer ist als das Feuer im buchstäblichen Sinne. Das ist das Feuer der unerfüllten Leidenschaften, der Begierden, die nie befriedigt werden können. Fortdauernd brennende Gelüste lassen nie nach, and das gequälte Gewissen brennt und kommt doch nie zur Ruhe. Es wird ein zunehmedes Verlangen geben, mit abnehmender Befriedigung.
Die Hölle besteht also darin, dass die Seele, so wie sie ist, mit einem unzerstörbaren Körper vereinigt und für alle Ewigkeit ihrer eigenen Sünde ausgesetzt ist. Die Hölle ist ein Ort unstillbarer, bohrender Schuld, ohne Schmerz- oder Beruhigungsmittel. Feuer in wörtlichen Sinne wäre vielleicht nur zu willkommen, wenn es nur das gequälte Gewissen reinigen könnte." (Lutzer 1997, 112, meine Übersetzung)

Das klingt unangenehm vertraut, als sei es fast schon so weit... - tatsächlich üben viele Menschen Tag für Tag einen solchen Umgang mit sich und ihrer Vergangenheit ein, ohne dass es entlasten könnte, natürlich nicht. Das Leben eines so genannten "Neurotikers"; man fragt sich: kommen Neurotiker alle in die Hölle, oder ist sie ihre Erfindung, und wie verhält sich das überhaupt? Weiter oben habe ich davon gesprochen, es gebe einen Attraktor, sich "einzuschrumpfen", sich klein zu machen, dem man entgegenarbeiten müsste; offenbar gibt es Möglichkeiten des Umgangs mit Schuld und Reue, die einen sehr plausibel und übrigens auch rasch in eine recht real höllische Verfassung bringen.
Was besticht sonst an Lutzners Beschreibung der Hölle? Die Grenzwertbildung, alles zum Extrem sortiert: Dass die Abwesenheit(en) - die begangenen Taten, die versäumten Gelegenheiten - die gesamte Anwesenheit ausmachen. Nichts anderes ist ja mehr. Nur noch in jenem engen Kreise von Wunsch und Reue bewegt sich das Bewusstsein, kann eben nicht mehr, wie im Leben, spontan ausbrechen, etwas anderes tun. - Einerseits sind diese Auf- und Ausbrüche ja Zeichen und Instrument - Trittstein - von Verdrängung (kündigen so Wiederholungen an), andererseits, soweit die Verdrängung gelingt, schaffen sie Luft zum Atmen, bieten sie die Chance der Relativierung, der Abnutzung des seelischen Materials. Müßig zu sagen, dass sie aus dem Körper kommen, der will einfach essen, schlafen, sich bewegen; er unterbricht und befreit, dies alles wird dann als fortgefallen gedacht.


Enttäuschung / diffuse Wut

"Ich habe eine Menge Mühe und Arbeit gehabt, viele Dinge getan, die ich nicht gern getan habe oder deren Sinn mir nicht einleuchtete - und nun soll mir der Lohn vorenthalten werden!" - So empfinden viele Menschen; fragen wir nun nicht in erster Linie "welchen Lohn?" oder "wer hat dir gesagt, dass du belohnt werden sollst?" oder "womit willst du wirklich etwas verdient haben?" (lauter Fragen, die gar nicht so verkehrt wären, die diese Gefühlsblase leicht platzen lassen könnten), fragen wir einfach zunächst nach den Quellen und Kontexten dieser Gefühle.

Wir sind alle unter Bedingungen des realen oder imaginierten Mangels aufgewachsen, wo der Aufschub, das Sparen für eine große Tugend gehalten wurden - wo man uns mühsam beibringen musste, das Fleisch nicht bis zuletzt aufzusparen, sondern entgegen der uns anerzogenen Logik mit Kartoffeln und Gemüse nach und nach mitzuverbrauchen. Irgendwann kam die Gabel des Vaters auf deinen Teller, spießte dein Erspartes auf und sagte: "Du magst das ja offenbar nicht." Das hat dir ein dummes Gefühl veranlasst, du hast vielleicht sogar geheult? Tja, war aber nix zu machen.

Genauso ist es auch hier:

  • 1. Offensichtlich hast du nicht die richtigen Dinge getan, schade, es wird also Zeit, dass du dir darüber klar wirst, was wichtig und nützlich ist und was nicht.
  • 2. Und natürlich wird es Zeit, dass du die Richtung wechselst und jetzt etwas anderes tust.
  • 3. Schließlich ist der ganze Kult mit dem Aufschub Unfug - wie Jesus über solche Leute sagte: sie haben ihren Lohn dahin, das Leben ist kein Sparschwein! - Ebenso auch keine Warteschlange, keine behördliche Hierarchie oder Laufbahn (mit bescheidentlichem Hochdienen), usw. - man trifft allerlei falsch übertragene Vorstellungen, die unvermeidlich zu Enttäuschungen führen.
  • 4. Und die verlorene Mühe, die verlorenen Jahre? Musst du abschreiben, ganz einfach, es bleibt dir nichts anderes übrig! Es gibt keine Genugtuung für deine eigenen Fehler und Versäumnisse, wie denn auch? - Natürlich tut das weh... - aber wenn du dir das nicht antust, dann windest du dich nur in Neid, wenn du siehst, wie die Arschlöcher sich vermehren, prima leben und Freude haben, du haderst, wie das sein kann (sie habens schließlich kein bisschen verdient) - und gut fühlst du dich auch nicht dabei. Im Gegenteil, und darüberhinaus blockierst du dir auch Lernchancen und Wachstumsmöglichkeiten. Wie die Pharisäer, du erinnerst dich vielleicht...
  • 5. Wo du freilich deine Vergangenheit sowieso nicht wegschmeißen oder von deiner mentalen Festplatte löschen kannst, da kannst du genauso gut dir Wege einfallen lassen, wie du mit dem alten Zeugs noch etwas anfangen kannst. Verkaufen, vermieten, leicht verändert ins Wohnzimmer stellen (Bildung ziert noch). Der Schmerz, den du bei dem Gedanken empfindest, dass das alles "eigentlich" nix mehr wert ist, wird auch deine Gedanken auf Trab bringen, dass sie noch einen Nutzen dafür suchen. Kein Problem, mit ein wenig Geduld findet er sich, warts nur ab.

  
  
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