Eine Studentengruppe hatte irgendeine Art von Event unter dem Schlagwort »Kritische Wissenschaft« geplant. Ein Freund hatte dafür ein nettes, wohlbegründetes, triftiges und hoffnungsgeladenes Referat vorbereitet, das mir so zuwider war, dass ich umgehend das folgende Koreferat angeboten habe. Stattgefunden hat das dann alles nicht so, aber derlei Anlässe wiederholen sich ja immer wieder.

Eine bessere Wissenschaft? Oder lieber gar keine?

»Wissenschaft« ist eine schiefe Abstraktion. Eine Sammlung recht verschiedenartiger Praktiken, deren Einheit gesellschaftlich gestiftet ist, nicht von ihren Inhalten und Zielen her. Eine zusammenhängende Bestimmung zu geben, ist nachhaltig immer wieder gescheitert, auch wenn es an Bemühungen dazu wirklich nicht gefehlt hat. Ein einheitliches Interesse? Das ließe sich für erhebliche Teile schon ausmachen: Wissenschaft ist in vielen gesellschaftlichen Bereichen direkt oder indirekt gesetzgebend, und sie hat Appetit auf mehr. Kann man halten davon, was man will, denn aus was sollte sich dieser Zugriff legitimieren? Aus einem Wahrheitsanspruch etwa? Oder einem übergreifendes Ethos? Ach, als seien nicht gerade die Haltungen der Beteiligten ganz besonders einem historischen Wandel unterworfen, weit stärker noch als ihre Wissensbestände.

Aber zerbrechen wir uns nicht den Kopf darüber - das verstehen wir sowieso nicht, wie uns die Wissenschaftler erklären würden. Nehmen wir die Abstraktion »Wissenschaft« einfach so, wie sie uns um die Ohren gehauen wird. »Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Margarine Fett enthält.« Und dass man - aus Gesundheitsgründen, versteht sich -, im Krieg Margarine essen muss und im Frieden Butter. Und dass man schön brav sein muss und schlucken, was der Arzt einem verordnet.

Seien wir so naiv, fragen wir »die Wissenschaft« bzw. ihre beamteten Vertreter als ginge es um ein Kochrezept: Ich will was wissen, könnt ihr es mir nicht sagen?

Wenn man so fragt, zeigt sich zuallererst eine Zweideutigkeit dessen, was man unter dem Begriff »Wissenschaft« zu verstehen hat: Einerseits ein Korpus von Wissen - Fakten, Theorien, Verfahren -, andererseits ein Betrieb, eine gesellschaftliche Institution, in dem dieses Wissen fortgeschrieben, aufpoliert und gelegentlich auch vermehrt wird.

Eine wirkliche Wissenschaftskritik kann nur von außen erfolgen - von einem Verbraucherstandpunkt aus und ganz im Sinne der üblichen Preisausschreiben, bei denen regelmäßig eine Teilnahme von Beschäftigten der ausschreibenden Firma untersagt ist. (Das wirft sogleich Probleme auf, wo es um Studenten als Subjekte von Wissenschaftskritik geht: Einerseits haben sie die unvergleichlich besten Möglichkeiten dazu, andererseits richtet sich ihr vornehmliches Interesse darauf, sich für eine Position im Betrieb oder für eine durch diesen Betrieb ermöglichte und in ihm begründete zu qualifizieren. Sie sind der Nachwuchs, sie wollen klug scheißen lernen.)

Aus einer solchen Verbraucherperspektive - der ganz naiven Perspektive: Ich habe Absichten, wie kann ich sie verwirklichen? - stellt sich zunächst einfach die Frage: Ich hab gehört, ihr wisst was, na was wisst ihr denn? Die Frage richtet sich also auf taugliche Konkretisierungen; man mag es (nach dem, was im folgenden zu besprechen sein wird) für ein Wunder halten, aber sehr häufig wird solche Neugier auch triftig befriedigt, das heißt so, dass sich aus der Antwort auch Handlungsperspektiven ergeben.

Allerdings mit bemerkenswerten Unterschieden. Die Auskünfte eines Physikers sind in der Regel ein bisschen mehr wert als die eines Psychologen. Das weist einen zunächst schon auf unterschiedliche Einbindung einzelner Wissens- und Wissenschaftsbereiche in die gesellschaftlichen Lebensprozesse hin. Wenn man aber mal gerade nicht wissen will, wie man ein Haus wärmeisolieren muss, sondern es einem z.B. um andere Arten von Isolation geht? Dann lernt man etwas Neues kennen.

Zu den oben genannten Elementen Wissen und Wissenschaftsinstitution gesellt sich als Drittes ein medialer Vermittlungszusammenhang. Man begegnet nicht irgendeinem Wissen, man begegnet einer veröffentlichten Expertenäußerung. In ihr sind (1) alle Zweifel, Widersprüche der Sache und eventuell offenen Fragen getilgt, (2) offen oder verdeckt moralische Ansprüche, Parteilichkeiten und gesellschaftliche Gestaltungsabsichten enthalten, (3) unvermeidlich, wenn auch unterschiedlich penetrant, Elemente der Selbstdarstellung und Reklame vorhanden - wo nicht für die Person des Experten, so doch immer für die gesellschaftliche Institution Wissenschaft, aus der heraus er Experte geworden ist. Hinzu kommt, dass man in der Regel nicht nach irgendetwas fragt oder recherchiert, sondern im Rahmen eines teils relativ freilaufenden, selbstorganisierten, teils auch absichtsvoll gesteuerten Zeitgeistes ständig mit wissenschaftlicher Expertise (zum Reigen der gerade angesagten, in den Vordergrund gerückten - von wem? - Themen) zugeschüttet wird.

Hat man in der Schule die optimistische Version gelernt, dass Wissen Macht sei (scientia enim potestas), so erfährt man nun das Gegenteil. Man will was machen, das ermöglicht einem Wissenschaft in vielen Fällen jedoch nicht; gleichwohl hat sie sich eine Macht geschaffen, mit der man gar leicht aneinander gerät, und die auch im täglichen Leben schon öfters mal den Verzicht auf das Ergebnis seiner individuellen Wahrnehmung fordert. Augen zu und durch. Glücklich, wer dann einfach sagen kann: Nix wissen macht auch nix. Es geht in vielen Lebenslagen ja tatsächlich auch nicht schlechter, ja besser ohne das.

Hat man die Geduld, an der optimistischen Lesart festzuhalten und auf Wissen zu bestehen (soviel Arbeit einem das machen kann), so bekommt man am Ende einer ausgewachsenen Schnitzeljagd zwar oft genug nicht die Auskünfte, hinter denen man ursprünglich her war, aber man erhält eine gewisse Einsicht darüber, was es mit Wissenschaft (Wissensproduktion und -distribution) auf sich hat und wie viel dementsprechend von ihrem Wissen zu halten ist.

Man darf sich das Erstaunen darüber und die begleitende Empörung nicht abgewöhnen - sie werden im Zweifelsfall ja auch immer wieder neu belebt, wenn man sich die einengenden und lebensverhindernden Folgen von Wissenschaft bewusst macht. Auch die weichste Wissenschaft hat Folgen: Aus Politologen und Soziologen werden Politikberater, aus Psychologen werden Gutachter, aus Gender-Studies-Mäuschen werden ja nicht nur Prostituierte, sondern auch brunnenvergiftende, klimaschädigende Journalistinnen. Selbst Religionswissenschaftler werden in zeitweiligen Dienst zur Meinungsmache genommen, da gibt es keinen Unterschied. Denn alles dies trägt sich in einem Klima wachsender gesamtgesellschaftlicher Disziplinierung zu, die vielerlei Gründe und Erscheinungsformen hat (insbesondere auch weit über eine direkte staatliche Disziplinierung hinausgeht), insgesamt jedoch eine sich beschleunigende und unumkehrbare Tendenz darstellt. Die Rede von einer »Kolonialisierung des Alltags« trifft die Sache wohl ganz gut; Wissenschaft ist die führende und hauptsächliche Kraft dieses Prozesses - und als Neger, als Objekt solcher Kolonialisierung, sollte man da was dagegen haben.

Muss man sagen, dass wir (nahezu) alle Neger sind? Dass die Tatsache, dass man in irgendeiner wissenschaftlichen Einrichtung als Hausboy dienen darf, einen nicht zum Subjekt der dort veranstalteten Prozesse werden lässt? Dass es längst so ist, dass Kritik diese Institutionen nur stärkt? Und dass alle eventuellen Legitimationsgewinne, die sich aus Einverständnis und Knechtung unter den gesellschaftlichen Disziplinierungsapparat ergeben, bei nächster Gelegenheit mit geringem Aufwand wieder eingezogen werden?

Man hat nichts von einer wissenschaftlichen Fügsamkeit und von seinem Einverständnis mit den Prozessen und Institutionen, sie kommt einen aber teuer zu stehen. Verwissenschaftlichung verdirbt Wissen und ist kein Weg zu gesellschaftlicher Akzeptanz und politischer Wirkungsmacht mehr.

Was also sagen, konzentriert zunächst auf eine gesellschafts- und sozialwissenschaftliche Perspektive? Zunächst einmal die Feststellung, dass diese Gesellschaft schon viel zu viel über sich weiß. Außer einem: Nämlich, dass das alles nur Mumpitz ist. Und hier können die Hausboys der Wissenschaften, die angehenden Klugscheißer, eine bedeutsame Rolle spielen und tun es in manchen Bereichen auch schon, und sei es quasi nur als freiwillige Nachtschicht neben ihrer anständigen Betätigung. Paradigmatisch die Psychologie: Neben eine wissenschaftliche Theorie tritt eine weitgehend unverbundene und zunehmend gänzlich anders informierte und orientierte seelsorgerische Praxis.

Zunächst also wird man feststellen, dass es Wissen nicht nur außerhalb der Universitäten, sondern auch seltsamerweise außerhalb der Wissenschaft gibt; manches Wissen gibt es auch nur dort und insgesamt gedeiht es gar nicht so schlecht. Seine Situation »in freier Wildbahn« hat ihre eigenen Gefahren und Hindernisse, vor allem aber ist es ständig in seiner praktischen Anwendung durch Disziplinierungsmaßnahmen, zuvörderst solche der Professionalisierung und des vorgeblichen Verbraucherschutzes bedroht. Daraus ergeben sich Solidarisierungszumutungen, die für sich (und mehr noch als der unmittelbare Angriff) das größte Hindernis eines freien Wissens darstellen. Hier gibt es viel zu verteidigen, einiges zu verbessern, aber vor allem auch beträchtliche Offensivpotentiale.

Hier haben die Sozialwissenschaften viel beizusteuern - indem sie einfach nur rückhaltlos ausplaudern, wie wenig sie in den entscheidenden Fragen des individuellen und gesellschaftlichen Lebens wissen, und wie wenig sie als Begründung für das taugen, was in Staat und Gesellschaft einem dann als sachnotwendig und angemessen verkauft wird. Sie haben auch die geeigneten Methoden systematischer Beobachtung und kritischer Analyse entwickelt, die man gegen sie selbst kehren kann. Voraussetzung ist allerdings, dass sich die (ehemaligen) Sozialwissenschaftler dabei der Unvereinbarkeit einer kritischen Praxis mit der bestehenden Wissenschaft bewusst sind und bleiben (daran ist ja schon manche schätzenswerte Initiative gescheitert). Es kann nicht um einen durch Selbstkritik herbeizuführenden Wissenschaftsfortschritt gehen, sondern um die Zerstörung von Wissenschaft als nicht logischer, sondern sozialer Form des Wissens.

Daher braucht es auch keine Widerspruchsfreiheit und Systematik in der Wissenschaftskritik. Das Spektrum eines Widerstands gegen die Kolonialisierung ist vielfältig - es reicht von der einfachen Verteidigung des Eigensinns und der Dummheit über das moralische Anpissen von Experten (sollen sie doch für ihren Bekanntheitsgrad und die resultierenden Privilegien zahlen) bis hin zu immanenten Auseinandersetzungen, wie man sie ihrer Form nach durchaus noch als Teil von Wissenschaft hätte tolerieren können.

Ein Schwergewicht wird freilich auf die einfache Denunziation, auf den Geheimnisverrat fallen müssen. Auf Hinweise auf Unfähigkeit im Umgang mit realen Problemen, auf das Bedienen von Partialinteressen, auf alltägliche Formen der Korruption. Man wird aufzeigen, wie schiefe Ideen durch verschiedene Bereiche vagabundieren - was die Psychologie ausscheidet, nährt die Pädagogik noch lange - und wie solches Recycling letztlich nur Symptom von Hilflosigkeit ist. Im Hinblick auf Medizin und Naturwissenschaften wird man von der unauflöslichen Verflechtung dieser Wissensbereiche mit wirtschaftlichen und staatlichen Interessen berichten - man mag ja ruhig von einer staatsmonopolistischen Wissenschaft sprechen - ebenso und parallel zum Aufweis von systemisch bedingten (und grundsätzlich behebbaren) Ineffizienzen und Fehlerquellen.

Es ist paradox, wenn auch nicht unerklärlich, dass viele dieser Argumentations- bzw. Denunziationsstrategien bereits z.B. im Rahmen von Technikkritik vorliegen und eingeübt sind. Dabei stellt sich die Situation in den meisten technischen Bereichen (und es ist verkehrt, von »der Technik« zu sprechen, sie ist in folgenreicher Weise vielfältig gegliedert) sehr viel einfacher und freundlicher dar als gerade im sozialwissenschaftlichen Umfeld. Ein Ingenieur, dem man vorschlägt, doch irgendetwas Nützliches zu tun, wird sich die Sache durch den Kopf gehen lassen und nach seinem Gehalt fragen. Hinzu kommen oft ungenützte Potentiale von naivem gutem Willen, der auch mal Abstriche annehmbar macht. Sozialwissenschaftler hingegen sind Überzeugungstäter, sie wollen - so muss man als Ausgangsvermutung annehmen - das, was sie tun; sie wollen die Kolonialisierung, die Planung und Verwaltung des Lebens. Sie träumen durchaus nicht nur davon, Verwalter zu sein, sondern auch von den Freuden des Verwaltetwerdens, so ist halt mehrheitlich ihre psychische Verfassung, oft genug können sie wirklich »nichts dafür« für ihre Veranlagung, nur dass sie leider eben lebensabträglich ist und eingedämmt gehört. Sie können sich gegebenenfalls nur darauf herausreden, dass sie nicht wissen, was sie tun. Genau zu dieser Einsicht sollte man sie jedoch immer wieder zwingen, und für breite Veröffentlichung Sorge tragen.

Und für die Leute, die echte (man mag es kaum glauben) Sorge tragen, es gehe mit Wissenschaft auch die Welt unter, es komme mächtiger Irrationalismus (was immer das sein soll) zu Macht, usw. - sie kann man nur tröstend darauf verweisen, dass Wissen nicht an die Form von Wissenschaft (als Institution) gebunden ist. Und dass das, was so herrscht, sowieso mit hehren Vorstellungen von Rationalismus wenig zu tun hat (und dass diese Vorstellungen ja auch nur ein Schatten eines in anderer Weise jederzeit noch lebendigen Gottesglaubens sind). Man wird sie auch darauf hinweisen können, dass die Unterschiede in ihrer praktischen Betätigung mit und ohne wissenschaftliche Begründung oftmals minimal sind. Den Schmerz um die Entwertung ihrer mühselig erworbenen kleinen Expertenschaft jedoch wird man ihnen nicht nehmen können, bestenfalls kann man ihnen versichern: Man wächst daran.


P.S.: Vielleicht sollten wir ein paar Tage oder Wochen lang Indianer spielen und alles, was uns so einengt, direkt dem »großen weißen Vater in Berlin« anlasten. Vielleicht käme uns dann auch das gehörige Gefühl zu unserer alltäglichen Entmündigung. (Und stellen wir uns auch vor, was für ein Gesicht Gerhard S. machen würde, wenn er zu 250 Dingen sagen müsste: »Ich will das so« - nicht »es ist richtig, weil meine Experten«, oder »es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass«, sondern er müsste sagen: »Ich will das so«. Würde ihm nicht gefallen.)



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