Werner Thiede

Warum ich nicht an Reinkarnation glaube

Ein theologischer Diskussionsbeitrag

INHALT
Vorwort 1
Warum ich nicht an Reinkarnation glaube 3
Neuere Bücher zum Thema 23

EZW-Texte Nr. 136 [1997] ISSN 0085-0357
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Vorwort

Ende Mai 1996 fand in Neuss bei Düsseldorf ein mehrtägiger Publikumskongreß mit international bekannten Reinkarnationsforschern statt, veranstaltet von der esoterischen Zeitschrift "Die andere Realität". Ende September desselben Jahres wurde in Würzburg im Rahmen einer Akademie-Veranstaltung über Jenseitsvorstellungen und damit auch über Reinkarnation referiert. Auf beiden Veranstaltungen war ich als Vortragender und Podiumsgast mit eingeladen und hatte mich im Unterschied zu den übrigen Referenten bzw. Podiumsteilnehmern gegen die Reinkarnationsidee auszusprechen. Beidemale war der Vorgang ungewöhnlich. Denn der Veranstalter des Mai-Kongresses hatte meine Bedingung akzeptiert, unter der Überschrift "Warum ich nicht an Reinkarnation glaube" sprechen zu dürfen - also gegen die Programmatik dieser esoterisch motivierten Versammlung! Und die September-Veranstaltung war die einer katholischen Akademie, bei der außer mir zwei römisch-katholische Universitätstheologen auftraten - ich hatte in diesem Rahmen meine kritischen Argumente gegen Mitchristen zu behaupten!

Diese Erfahrungen (einschließlich einiger positiver Rückmeldungen) bestätigen einerseits die Zunahme des religiösen bzw. weltanschaulichen Pluralismus hierzulande, andererseits die wachsende Evidenz des Reinkarnationsgedankens auch innerhalb christlicher Theologie und Kirche. Der in Würzburg referierende katholische Theologieprofessor verstieg sich sogar zu der - jedenfalls übertriebenen - Behauptung, daß die Offenheit gegenüber der Reinkarnationsidee bereits den "Hauptstrom" in der heutigen Theologie charakterisiere. Wahr ist, daß wir es mit einem "Hauptstrom" in unserer Gesellschaft zu tun haben, in der sich zunehmend Säkularisierungs- und Spiritualisierungstendenzen durchdringen. In welchem Ausmaß die esoterische Interpretation des Todes insgesamt zugenommen hat, ist zu schließen aus dem Umstand, daß der prozentuale Anteil derer, die überhaupt noch in irgendeiner Weise an ein Leben nach dem Tod glauben - er liegt in Deutschland einer repräsentativen Umfrage des Institutes für Demoskopie Allensbach von 1992 zufolge bei 37 Prozent - sich inzwischen fast schon decken dürfte mit dem Prozentanteil derer, die dabei an ein Modell der Reinkarnation denken. Dies wiederum nimmt nicht wunder, wenn man einer Umfrage des INFRA-Instituts für das Wochenmagazin FOCUS folgt, die besagt, daß 1996 fast jeder zweite Deutsche meint, sein Leben könne durch Meditationstechniken und fernöstliche Weisheiten bereichert werden. Auf solch "solider" Basis hat - wiederum laut FOCUS - inzwischen sogar eine 1995 gegründete "Stiftung Prometh" die Möglichkeit eröffnet, daß man sich in testamentarisch geregelter Weise als in einem "späteren Leben" Wiederverkörperter selber beerben kann.

Nachdem unsere religiöse Gegenwartskultur zunehmend von solchen Zügen geprägt wird, gilt es von christlicher Seite her, sich die authentische Struktur der im Neuen Testament grundgelegten Hoffnung neu bewußtzumachen und sie - intra wie extra muros - auf die Reinkarnationsidee zu beziehen. Der Dialog mit anders gearteten Auffassungen ist heutzutage unumgänglich und geboten. Daß er [2] nicht in jedem Fall auf Synkretismus oder gar Gleichmacherei zielen muß, ist in der pluralitätstheologischen Debatte der letzten Jahre deutlich geworden. Vielmehr macht das Gespräch zwischen unterschiedlichen Standpunkten nur dann wirklich Sinn, wenn sich authentische Partner begegnen, die einander die Wahrheit nicht vorschreiben wollen. Vertreter der Reinkarnationsidee haben allerdings naturgemäß eine "integrierende" Tendenz, da ihre Weltanschauung auf monistischer bzw. nicht-dualistischer Basis zu gründen pflegt. Der daraus resultierende Anschein von Überlegenheit hat seine Versuchlichkeit auch für Christen. Doch die neutestamentliche Reich-Gottes- und Auferstehungshoffnung weist eine ganz eigene Struktur auf, die sich schwerlich monistisch einholen läßt (dazu meine Studie von 1991). In dieser Frage sind daher m.E. Synkretismen unangebracht. Stattdessen kann ein neues Durchbuchstabieren christlicher und nichtchristlicher Hoffnungsmodelle unter den Bedingungen unseres Zeitalters die Gründe für die Unvereinbarkeit plausibel und mit ihnen die Notwendigkeit religiöser Entscheidung zugunsten des einen oder ändern transparent machen. Der folgende Text, der dies nur in Ansätzen versuchen kann, entspricht weitgehend dem Vortragstext der eingangs erwähnten Mai-Veranstaltung; auch der Titel ist gleichgeblieben. Den Charakter des Vortragsmanuskripts habe ich unverändert gelassen. Wer einen wissenschaftlichen Fußnotenapparat mit näheren Angaben zur Herkunft von Zitaten vermißt, sei insbesondere auf meine Aufsätze "Todesnähe- und Reinkarnationserfahrungen als Elemente natürlicher Eschatologie" (Evangelische Theologie 56, 3/1996, S. 194-214) und "Indizien für Reinkarnation?" (Materialdienst der EZW 52, 6/1989, S. 161-174), aber auch auf jene meiner Bücher verwiesen, die das Thema ansprechen und daher in der Literatur-Liste am Ende des Heftes mit enthalten sind.

Bayreuth, im Januar 1997
W. T.
[3] Anfang

Warum ich nicht an Reinkarnation glaube

Wir leben in einer Zeit des religiösen und weltanschaulichen Pluralismus. Unterschiedlichste Ausrichtungen blühen und gedeihen heute nebeneinander. Die Informationsgesellschaft macht es möglich, Kenntnisse über kulturelle Inhalte entlegenster Regionen zu erhalten. Angesichts dieser Situation ist es nur um den Preis bornierter Rückständigkeit möglich, in Sachen geistiger Orientierung stets bloß sein eigenes Süppchen vor sich hin zu kochen. Das Reden mit dem Andersdenkenden, das Wahrnehmen selbst fremdartiger Überzeugungen gehört vielmehr im besten Sinn zur Mitmenschlichkeit, christlich gesprochen: zur Nächstenliebe, wenn nicht zur Feindesliebe! Und darum bin ich der Einladung zu diesem einschlägig ausgerichteten Kongreß gefolgt. Ich möchte hören und gehört werden. Furcht vor anderen Meinungen ist kein Zeichen von Stärke, die Offenheit für eventuelle Korrekturen alles andere als ein Zeichen von Schwäche. In diesem Sinn darf ich dem Veranstalter und Ihnen allen meinen Respekt aussprechen, daß Sie mir hier mit meinem für viele gewiß nicht leichtverdaulichen Vortrag Raum geben.

Die meisten anderen Vorträge hier könnte man sinngemäß unter die warmherzige Überschrift stellen: "Warum ich an Reinkarnation glaube". Mein Thema liegt quer dazu. Allerdings geht es mir letztlich weniger um eine Bestreitung, um ein negatives Bekenntnis, als vielmehr um eine positive Erklärung. Ich möchte der frohen Überzeugung Ausdruck verleihen, an etwas Größeres als an Reinkarnation zu glauben. Mir liegt also gar nicht primär daran, allerlei Zweifel auszubreiten; vielmehr bin ich zutiefst von - wenn Sie so wollen - "positivem Denken" bewegt; und ich hoffe, daß Sie mir das bei meiner Argumentation in der folgenden Stunde abspüren werden. Dieses Positive läßt sich zugespitzt auf die Formel bringen: Ich glaube nicht an die Reinkarnation, sondern an die Inkarnation - nämlich an das geschichtliche Kommen des einen und einzigartigen Gottessohnes Jesus Christus in unser Fleisch. Von daher will ich insgesamt sieben gute Gründe dafür benennen und darlegen, daß ich dem Reinkarnationsgedanken nicht zustimmen kann.

1. Ich glaube nicht an Reinkarnation, weil mir die Hoffnung über den Tod hinaus dafür zu wichtig ist.

Dieses Argument mag zunächst befremdlich klingen; denn in unserer Zeit hängen viele Menschen dem Reinkarnationsgedanken gerade deshalb an, weil er ihnen die beste Gewähr dafür bietet, daß mit dem Tod nicht alles aus ist. Nun, die urmenschliche Sehnsucht danach, daß der Tod nicht alles beendet und mit dem Signum der Sinnlosigkeit überzieht, erfüllt auch mich. Wer dagegen jedes Hoffen über den Tod hinaus ablehnt, denkt ausgesprochen negativ. Bekanntlich ist diese "materialistische" Einstellung in unserem Kulturkreis weit verbreitet: Zahlreiche Menschen richten sich in ihrem Dasein so ein, als lebten sie absolut nur dieses eine Leben, und darum versuchen sie, aus ihm herauszuholen, was nur immer möglich ist. Nicht unbedingt platter, aber berechnender Egoismus verbindet sich bei solcher Haltung mit einem wahrhaft hoffnungslosen Getriebensein im Stre- [4] ben nach immer mehr Selbstverwirklichung, nach immer mehr Besitz von materiellen Gütern oder von Erlebniskultur, nach immer größeren Geschwindigkeiten und immer mehr Machbarem. In aller Regel verdrängen Menschen solcher Denkungsart den Tod aus ihrem Bewußtsein und aus ihrer Lebenswirklichkeit, so gut es geht. Getrieben von der Angst vor dem Tod als der nihilistischen Macht, die allen Lebenssinn zutiefst in Frage stellt, stürzen sie sich in verschiedenste Formen der Zerstreuung (zu denen übrigens auch ein Übermaß an Arbeit zählen kann). Die in unserer weithin materialistisch ausgerichteten Gesellschaft so verbreitete Tabuisierung des Todes ist ein auffälliges Phänomen, das wissenschaftlich schon seit langem beobachtet und reflektiert worden ist. Als Verdrängungsvorgang zeugt es von einer Fluchthaltung vor der harten Realität des Todes - psychologisch unschwer nachvollziehbar! Doch solch eine Fluchthaltung läßt sich nicht allein im Blick auf materialistische Lebenseinstellungen diagnostizieren. Auch Spiritualisten pflegen mit dem Tod in einer Weise umzugehen, die darauf hindeutet, daß sie dessen harte Realität fliehen. So hat bereits Sigmund Freud bemerkt, der Gedanke der Seelenwanderung sei in der Absicht ersonnen worden, dem Tod seine Bedeutung als Aufhebung des Lebens zu rauben. Gewiß, Spiritualisten haben keine Tabuisierung'des Todes nötig; sie stellen sich dem Thema "Tod" immerhin. Aber ihre Fluchtmethode ist nun die der Bagatellisierung des Todes. So hat der in zahlreichen mythologischen und metaphysischen Varianten begegnende Reinkarnationsgedanke überall eine schlichte Grundfunktion: Er soll den Tod relativieren, mit der Vergänglichkeit und Unvollkommenheit des Daseins einigermaßen versöhnen. Reinkarnation heißt ja: Es gibt etwas, das sich wiederverkörpert, das also der Macht des Todes eigentlich nicht unterworfen ist. In der Abfolge zahlreicher Existenzen nimmt sich der Tod demnach als bloße Bagatelle aus.

Daß damit auch die gegenwärtige Existenz im Diesseits selbst relativiert, ja mehr oder weniger bagatellisiert wird, ist ein Nebeneffekt, der von Reinkarnationsgläubigen mitunter in seiner Ambivalenz wahrgenommen wird. Die verschiedenen Inkarnationen werden "nebensächlicher". Sie erhalten den Charakter von Spielen, die - entweder weil sie gelungen oder auch weil sie mißlungen sind - beliebig oft wiederholt werden können. Der Eindruck einer "unendlichen Leichtigkeit des Seins" drängt sich dann auf, der in seiner schönen Rauschhaftigkeit eine Flucht vor dem Ernst des Lebens und des Sterbenmüssens darstellt - und eine Flucht vor der tiefen Frage: Wer bin ich eigentlich in meiner Unverwechselbarkeit? Wem bin ich verantwortlich? Gibt es vielleicht eine höhere, eine höchste Macht, die sich für mich und für die ganze Welt verantwortlich weiß? Wenn mein Leben nur eines von vielen aneinandergereihten ist, stellt es sich bedeutungsloser dar als in dem anderen Fall, daß jeder Mensch nur einmal auf dieser Erde lebt, wie es im Neuen Testament ausdrücklich der Hebräerbrief (9,27) sagt.

Dieser Einmaligkeit jedes Menschen entspricht die Einmaligkeit des Sohnes Gottes in seinem geschichtlichen Kommen. Von Jesus wissen wir, daß er - im Unterschied zu manchen Zeitgenossen - überzeugt war, daß der Tod nicht das Ende des Menschen bedeutet (Mt 10,28; Luk 16,19-31). Ebenso läßt sich aus der Überlieferung mit Sicherheit schließen, daß er keine Reinkarnationslehre vertreten, sondern den Menschen als Person in seiner Ganzheitlichkeit und Einmaligkeit [5] auch über den Tod hinaus im Blick gehabt hat. Entsprechend hat er von Gericht und Gnade, von Auferstehung und ewigem Leben geredet. Und nicht nur seine Worte, sondern das Ereignis seiner Auferstehung selbst bilden für Christen den Grund für ihre frohe Überzeugung, daß der Tod nicht das Ende ist. Der Reinkarnationsgedanke entspricht nun zwar dieser Grundüberzeugung; aber er wirft ein Grundproblem auf, das sich durch sämtliche der vielfältigen Theorien zu diesem Gedanken zieht. Ich meine die zentrale Frage nach dem, was sich diesem Konzept nach eigentlich von Existenz zu Existenz reinkarniert. Die Widersprüchlichkeit der Antworten auf diese Frage in den religiösen, mythischen, philosophischen und esoterischen Systemen unserer Welt korreliert dabei mit der Widersprüchlichkeit der Sinnhorizonte, die im Zusammenhang damit jeweils gesetzt oder abgestritten werden. Eines freilich impliziert der Gedanke der Reinkarnation grundsätzlich: Der Tod wird zwar überlebt, aber meist nur, um wieder in ein weiteres dem Tod ausgeliefertes Leben zurückzuführen. Das "Leben nach dem Tod" ist insofern lediglich eine Zwischenstation und rückt als mögliche Ewigkeitshoffnung - falls eine solche überhaupt in den Blick kommt- in weiteste Fernen. Nicht von ungefähr stellt der Reinkarnationsgedanke in seinen asiatischen Ursprungsländern ein keineswegs erfreuliches Konzept dar: Sowohl für Hinduisten als auch für Buddhisten liegt das Heil gerade im Ausbrechen aus dem Rad der Wiedergeburten! Hinzu kommt, daß das Heil nach den Vorstellungen dieser beiden Weltreligionen sich notwendigerweise entschieden von jener Dimension abhebt, in die die Reinkarnationen immer wieder zurückgeführt haben. Das heißt, die wahre Erlösung im Leben nach dem Tod wird abgelöst von weltlicher Konkretheit: Sie pflegt im Rahmen des Hinduismus in die göttliche Ur-Einheit zurückzuführen, im Rahmen des Buddhismus in ein selbstloses Nirwana - in beiden Fällen also in eine Art Leben, das die Identität mit der auf Erden lebenden und hoffenden Person entweder schwer oder gar nicht mehr nachvollziehen läßt. Man könnte im Blick auf manche buddhistischen Schulen regelrecht formulieren: Deren Reinkarnationsdenken macht die Erwartung eines "Lebens nach dem Tod" zunichte. Wenn ich viele Male leben müßte, dann bliebe ja notgedrungen unklar, wer "ich" eigentlich bin: mein Selbst müßte sich konsequent in einer von mir als vorfindlicher Kreatur weglenkenden Abstraktheit definieren, die mir bei aller angeblichen "Göttlichkeit" die existentielle Freude an der Hoffnung über den Tod hinaus nimmt, wie ich sie als Christ sehr wohl verspüre. Dieser Einwand gilt übrigens auch im Hinblick auf das abendländische Grundmodell des Reinkarnationsgedankens, das positiver gefaßt ist: Die Seele soll demnach nicht aus dem Kreislauf der Reinkarnationen entfliehen, sondern es positiv zu spirituellem Wachstum und Gewinn im Weltenlauf nutzen. Dieses Modell findet sich bereits im antiken Griechenland, wo das Rad der Wiederkehr bejaht ist. Neuzeitlich begegnet es insbesondere in Gestalt der modernen, mit indischer Religiosität verwobenen Theosophie sowie in deren Ableger, Rudolf Steiners Anthroposophie, in einigen spirituellen Philosophien und ferner in mehreren neuoffenbarerischen und esoterischen Sekten. Ein höheres, sich göttlichem Ursprung verdankendes, aber "gefallenes" Seelenwesen wandert durch wiederholte Erdenleben, um durch Lernen und Läuterung sich evolutiv wieder dem Göttlichen anzunähern. Reinkarna- [6] tion hat damit eine positive Funktion, die im Dienst "spiritueller Selbstverwirklichung" steht. Aber auch diese abendländisch verbreitete Variante steht am Ende vor derselben Grundfrage wie die ursprünglichen morgenländischen Modelle: Wohin führt das Ganze schließlich? "Der menschliche Weg, der ein kreisförmiger ist, beginnt und endet in der Einheit" - so lautet z. B. die philosophische Spekulation des seit Jahrzehnten mit Reinkarnationserfahrungen befaßten Esoterikers Thorwald Dethlefsen in München; und ähnlich können sich auch fernöstlich orientierte Denker unserer Zeit ausdrücken. In der auf L. R. Hubbard (1911-1986) zurückgehenden "Scientology" führt die Reinkarnation am Ende zum "Operierenden Thetan" als dem befreiten Geisteskern im Menschen, der seiner absoluten Freiheit frönt. Nein, wenn ich über den Tod hinaus hoffe, dann nicht, um in eine absolute Autonomie, in eine abstrakte Einheit oder eine unpersönliche Göttlichkeit zurückzukehren!

2. Ich glaube nicht an Reinkarnation, weil ich aufgrund der Inkarnation und Auferstehung Jesu Christi auf die Auferstehung des "Fleisches" hoffe.

Wenn ich hier den Begriff des "Fleisches" verwende, muß ich ihn kurz definieren. Immerhin darf ich ihn hier gebrauchen, was sich insofern nicht von selbst versteht, als er unter modernen Zeitgenossen fast nur noch im Sinn der Metzgerei verstanden wird. Wer aber von Reinkarnation redet, spricht ja zu deutsch vom "Wieder-ins-Fleisch-Kommen". Im Blick ist damit "Fleisch" als materielle Leiblichkeit im Zusammenhang der "grobstofflichen" Welt. Wenn die Heilige Schrift von "Fleisch" spricht, dann geht es ihr weniger um den Aspekt des Materiellen im Gegensatz zum Spirituellen als vielmehr um den der Kreatürlichkeit im Gegenüber zu Gott dem Schöpfer. Sie weiß um den wesenhaften Unterschied zwischen Gott und seiner Schöpfung. Und sie weiß um den Status der Entfremdung, in dem sich die Schöpfung befindet, bis sie erlöst sein wird im "Reich Gottes". Der Begriff des "Fleisches" drückt darum zugleich auch die Sündhaftigkeit der Menschen vor Gott mit aus. Umso großartiger macht sich die einleitende Botschaft des Johannesevangeliums aus: Der Logos, der im Anfang bei Gott war, wurde Fleisch! Die Inkarnationslehre drückt im Christentum die heilvolle Überbrückung des Gegensatzes zwischen Gott und Mensch, Schöpfer und Schöpfung, dem Heiligen und dem Sünder aus, wie sie in Jesus Christus ein für allemal erfolgt ist. Damit ist allem Fleisch Rettung in Aussicht gestellt: ein geheilter und geheiligter Kosmos, Auferstehung der Toten zu ewigem Leben! Im apostolischen Glaubensbekenntnis ist wörtlich von der "Auferstehung des Fleisches" die Rede. Christlicher Glaube hat von daher ein sehr positives Verhältnis zur Leiblichkeit, zur Ganzheitlichkeit. Er erhofft die Auferstehung des Leibes - nicht im dem naiven Sinne, daß sich die Gräber öffnen und die Leichenteile (sofern sie überhaupt noch bestehen) zusammenfügen müßten, sondern so, daß der jetzt noch entfremdete Kosmos am Ende der Geschichte dank Gottes Vollendungshandeln ganz von seinem Geist durchdrungen und beherrscht sein und für alle Menschen und Mitgeschöpfe vollendete Leiblichkeit einschließen wird.

Was Gott mit der Auferstehung Jesu Christi begonnen hat, das wird er zu seiner Zeit herrlich zum Abschluß bringen. Ergriffen von der positiven Verheißung er- [7] lösender Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen glaube ich an die Resurrektion, zu deutsch: die (vom Geist Gottes gewirkte) Wiederauferstehung, nicht aber an die Reinkarnation, zu deutsch: Wiederfleischwerdung (des Geistes im Menschen). Ich glaube, daß Gottes Verhältnis zu jedem von uns einmalig ist und sich in dieser Einmaligkeit durchhalten wird, bis wir im Zuge der universalen Verwandlung der Schöpfung mit neuer, vollendeter Leiblichkeit beschenkt sein werden. Im Neuen Testament gilt der Tod als der letzte Feind Gottes - aber seine inskünftige Überwindung steht nicht in Frage. Deshalb richtet sich christliches Hoffen auf Gottes Herrschaft nicht auf irgendeine Jenseitswelt über uns, sondern auf einen neuen Himmel und eine neue Erde vor uns. Es richtet sich auf Gottes erlösendes Handeln an seiner gesamten Kreatur - und läßt sich darin durch keine an zeitliche Wirklichkeit gebundene Vernunft beirren. Den Kosmos aus seinen Vergänglichkeitsstrukturen befreien: das können nicht Menschen tun, das bleibt das Werk dessen, der alles ins Dasein gesetzt und zur Vollendung in seinem Geist bestimmt hat. Damit bin ich bei meinem dritten Argument gegen den Reinkarnationsglauben.

3. Ich glaube nicht an Reinkarnation, weil sich mit diesem Konzept ein Läuterungsdenken zu verbinden pflegt, das Gottes Gnade nicht in ihrer Radikalität zum Zuge kommen läßt.

Der Zweck des Reinkarnationsgedankens wird häufig in der Läuterung dessen gesehen, das da von Dasein zu Dasein wandert. Insofern hat man es nicht nur mit dem Axiom der Unsterblichkeit, sondern auch mit dem der Präexistenz zu tun: Was sich von einer irdischen Existenz zur nächsten weiterschwingt, das steht von jeher über den Strukturen der vergänglichen Wirklichkeit. Damit trägt es selbst einen göttlichen oder zumindest quasi-göttlichen Charakter. Der Prozeß der Reinigung bedeutet von daher entweder ganz oder zumindest teilweise Selbstreinigung, Selbsterlösung - wie immer dieses Selbst oder diese Bewußtseinswirklichkeit im einzelnen verstanden werden mag. Denn auch wenn man im buddhistischen Sinn jedes personale Selbst leugnen wollte, bleibt das Ziel der Reinigung und Erkenntnis bestehen, das eine zu läuternde und erkenntnisfähige Größe impliziert.

Der Prozeß der Läuterung dauert mehrere Leben bzw. sehr lange Zeiträume, eben weil er als autonomer Evolutionsprozeß gedacht ist, dem göttliche Gnade im besten Fall ein Stück weit zur Hilfe kommt. Reinkarnation gilt insofern als heilsnotwendiger Prozeß. Christlich gesehen ist hingegen nur eines heilsnotwendig: die Inkarnation Jesu Christi, das Kommen des Erlösers auf die Erde mit allen, bis zum Kreuzestod führenden Konsequenzen. Dieses Kommen gilt der ganzen Menschheit, an der Gott in seinem Sohn partizipiert. Und es gilt ihren Gliedern ggf. auch noch jenseits des Todes, wie das in 1. Petrus 3 und 4 anklingt (dort ist kein "Fegfeuer", kein jenseitig andauernder Prozeß der Läuterung im Blick!).

Der christliche Gerichts- und Gnadengedanke läßt sich in seiner tief verstandenen Intention nicht mit dem Reinkarnationskonzept harmonisieren. Das Geschenk der unbedingten Liebe Gottes ist in der Bibel so radikal als reine Gabe gemeint, daß der jeweilige Zustand des Empfängers nicht zu den Bedingungen für sein Angebot, ja nicht einmal für sein Empfangen zählt. Im Neuen Testament ist [8] an mehreren Stellen von "Wiedergeburt" die Rede. Damit ist gerade nicht "Reinkarnation" gemeint, sondern das von Gottes Geist ermöglichte Erkennen der Heilswahrheit und das daraus resultierende Neuwerden des menschlichen Herzens. "Wer in Christus ist, ist eine neue Kreatur geworden", schreibt der Apostel Paulus (2. Kor 5,1 7). Der Mensch mag Gott gesucht haben oder nicht - entscheidend ist, daß Gott ihn gesucht, aufgesucht hat in seinem Geist. Wiedergeburt bedeutet: in ein neues, heiles Verhältnis zu Gott als Vater kommen, ein neues Selbstverständnis erhalten durch die von Jesus Christus eröffnete Beziehung zu ihm. Wer in diesem Sinn ins "Christusbewußtsein" gefunden hat, der weiß, daß er dieses Bewußtsein nicht seinem Tun und Lassen, seiner Entscheidung oder seiner Meditation zu verdanken hat, sondern der Botschaft von der Liebe Gottes, die ihn ergriffen hat. Auf diese Liebe weiß er sich angewiesen, durch sie weiß er sich gnädig gerettet. Das Verständnis Gottes als der Schöpfermacht, die ihn unbedingt liebt, erlaubt ihm erst in Wahrheit, den Allmächtigen zu erkennen. Nur wer von Gottes Geist verwandelt und beherrscht wird, weiß überhaupt, wer Gott ist. Bis dahin befand er sich auf der Flucht vor Gott, suchte sich in geschickten Arrangements von Gottes-, Welt- und Menschenbildern vor Gott zu retten. Entweder er verstand Gott moralisch-gesetzlich als die Macht, der er durch Einhaltung von Geboten und Darbringung von Opfern Genüge tun konnte. Oder er deutete Gott als mehr oder weniger unpersönliche Macht, als absolute Energie oder überpolare Wirklichkeit, vor der er sich nicht persönlich zu verantworten hatte. In der Begegnung mit Jesus Christus aber zerbrechen ihm diese Gottesverständnisse. Gott greift durch die Versöhnungsbotschaft Jesu Christi ins Herz des Menschen: Der ins Fleisch Gekommene und am Kreuz für alle Gestorbene ist der eine, wahre Zugang zu Gott. Es brauchen keine Seelen durch zahllose Existenzen zu Gott wandern, wo doch Gott zu den Menschen hinabgestiegen ist und sich bis in den schändlichen Kreuzestod hinein mit ihnen solidarisiert hat. Jeder darf erkennen: Gott, der Schöpfer und Vollender der Welt, ist Liebe und will mit uns in eine ewige Liebesbeziehung eintreten. Damit wir ihm als sein Gegenüber frei begegnen können, hat er uns in autonom strukturierter Wirklichkeit Raum zur Freiheit gewährt. Diese Gewährung hat ihn selbst Einschränkung und Schmerzen gekostet. Daß er sie - aus Liebe - auf sich genommen hat, das hat er uns im Kommen und Sterben Jesu Christi am Kreuz signalisiert. Unter Anhängern des Reinkarnationsgedankens gab es einige Versuche, die christliche Heilsbotschaft mit dem Konzept der Seelenwanderung zu verbinden. Das hierzulande vielleicht bekannteste Beispiel für eine derartige Synthese stellt Rudolf Steiners anthroposophische Lehre dar. Nachdem sich der von seinem göttlichen Ursprung weithin abgelöste menschliche Geist nicht mehr selber von seinem erbsündlichen "Grunddefizit" befreien konnte, führte laut Steiner die Christus-Tat am Kreuz von Golgatha den "Ausgleich" herbei. Der Gedanke der Reinkarnation spielte hierbei eine wichtige Rolle: In wiederholten Erdenleben sollte sich die Christusbeziehung entfalten können, und zwar so, daß der Mensch an seiner eigenen Vollendung mitwirkt. Steiner, der konsequent von "Selbsterlösung" sprechen konnte, unterschied dabei zwischen "aktuellen Tatsünden" als "den individuellen Unvollkommenheiten" und deren objektiven Folgen im Kosmos. Die individuellen Tatsünden habe der Mensch selber im [9] Laufe wiederholter Erdenleben auszugleichen. Lediglich das Gebiet der objektiven Sündenfolgen, die nicht mehr ungeschehen und auch nicht wiedergutzumachen seien, habe Christus durch sein Kreuzesopfer "aufgelichtet". Hierzu ist zu bemerken: Von der Heiligen Schrift wird diese okkulte Sonderlehre Steiners nicht bestätigt. Vielmehr muß christlicher Glaube gegen solche Halbierung der Gnade entschieden protestieren. Wo der im Kern immer noch als spirituell-autonom verstandene Mensch zu seinem eigenen Miterlöser werden kann und muß, dort wird er sich selbst zur Hoffnung, die dann freilich eine solche Größe und Länge aufweist, daß sie sich entweder nur über den Gedanken an wiederholte Erdenleben als erfüllbar denken läßt - oder über den Fegfeuergedanken, weshalb nachgerade einige katholische Theologen (im Anschluß an Karl Rahner) eine problematische Affinität zum Thema der Reinkarnation entwickelt haben. Wird aber der christliche Erlösungsgedanke und damit der Begriff der Gnade radikal ernstgenommen, dann steht fest: Die Versöhnung, die Gott durch Christus mit den Glaubenden herstellt, muß als reines Geschenk der Liebe begriffen und ergriffen werden. Denn so und nicht anders richtet Gott seine Herrschaft in den Herzen der Menschen auf, daß er sich als der sie bedingungslos Liebende erweist. Wer Selbsterlösung im engeren oder weiteren Sinn nicht ausschließt und daher mit dem Konzept der Reinkarnation sympathisiert, kann diese radikale Bedingungslosigkeit nicht fassen. Wem hingegen theologisch klar ist, daß alle Erlösung ganz von der Wiedergeburt durch den Geist Gottes abhängt, also von der inneren Neugeburt in die geheilte Beziehung zu Gott hinein, der hat Entscheidendes vom Wesen des "Reiches Gottes" verstanden. Diese geistliche Wiedergeburt wird bewirkt durch die Erkenntnis des gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus, angesichts derer das spiritualistische Konzept einer Wiedergeburt im Sinne von Wiederverkörperung als überflüssig, ja irreführend verblassen muß. So bleibt im Blick auf die Anthroposophie, aber ebenso auf ähnliche synkretistische Versuche in einigen modernen Philosophien, Theologien und neureligiösen Sondergemeinschaften wie z. B. dem "Universellen Leben" oder dem "Orden Fiat Lux" zu betonen: Das Heilswerk Jesu Christi wird durch reinkarnatorische Annahmen in seiner Bedeutung reduziert und damit verzerrt und verkannt. Wird es aber angemessen verstanden, dann entfällt der Gedanke an wiederholte Erdenleben. Reinhart Hummel betont in seinem Buch über "Reinkarnation" (2. A. 1989) zurecht: "Christliche Hoffnung gründet sich auf die Gewißheit, daß Gott in der Auferstehung aus dem Bruchstückhaften des Menschenlebens etwas Rundes und Ganzes machen kann. An dem so verstandenen Prinzip Gnade scheitern die Versuche, der Reinkarnationslehre einen legitimen Platz im Bereich des Strebens nach christlicher Heiligkeit und Vollkommenheit zu verschaffen."

4. Ich glaube nicht an Reinkarnation, weil weder die Heilige Schrift noch die alte Kirche davon wissen (wollen).

Dieses Argument bringe ich erst an dieser Stelle, weil es - eingangs gebracht - wohl vielfach auf Unglauben, Ablehnung oder besser: auf Unverständnis gestoßen wäre. Nachdem ich aber wichtige Punkte inhaltlich skizzieren konnte, läßt sich nun leichter begreifen, daß und warum die Heilige Schrift der Christen- [10] heit tatsächlich ohne den Gedanken an wiederholte Erdenleben auskommt. Das hat nichts mit etwaigen Fälschungen biblischer Schriften zu tun, wie manche Esoteriker in ihrer Erklärungsnot unterstellen. Vielmehr liegt es sozusagen am Paradigma der Heiligen Schrift, an ihrem Gottes- und Menschenbild. Umgekehrt paßt die Möglichkeit verständlicherweise schwer ins Paradigma des Wiederverkörperungskonzepts, daß christlicher Glaube und Reinkarnation unverträglich sein sollten. Wer aber nicht der Wirklichkeitsflucht verdächtigt werden will, muß sich dieser Möglichkeit ernsthaft stellen. Historische Tatsache ist nämlich, daß weder die Bibel noch das frühe Christentum den Reinkarnationsgedanken bejaht haben. Auf dem Feld moderner Esoterik wurden in dieser Hinsicht allerdings so viele Falschmeldungen verbreitet, daß die Wahrheit heute oft schon unglaubwürdig klingt. Doch in dieser Hinsicht befinden wir uns nicht auf dem Gebiet des Glaubens, sondern des wissenschaftlich Nachprüfbaren. Was zunächst die Heiligen Schriften des Alten und Neuen Testaments angeht, so ist bei nüchterner Auslegung schlicht Fehlanzeige zu melden. Daß die Reinkarnationsidee biblisch anzutreffen sei, ist eine lediglich von manchen Sektierern und Esoterikern in einzelne Textstellen hineingetragene, wissenschaftlich aber unhaltbare Leseweise. Es ist heute bestens erforscht, welche Denkmodelle angesichts des Todes bei den alten Hebräern, dann im Frühjudentum und schließlich im frühen Christentum verbreitet waren. Triste Totenreichperspektiven, lichte Himmelshoffnung und freudige Auferstehungserwartung - das alles gab es, doch der Reinkarnationsgedanke war nur außerhalb dieser Religionen in einigen philosophischen Schulen und in damaligen Mysterienkulten präsent.

Werner Schiebeier hat in der neuesten Ausgabe der "Anderen Realität" eingeräumt, daß das Alte Testament von Reinkarnation nichts weiß. Im Blick aufs Neue Testament führt er zu Unrecht einige Bibelstellen an, die von wiederauferstandenen Propheten reden, denn damit ist keineswegs "Reinkarnation" gemeint gewesen. Ich denke, als einzige Bibelstelle, bei der vielleicht der Gedanke an Seelenwanderung im Hintergrund steht, läßt sich jene Frage der Jünger im neunten Kapitel des Johannes-Evangeliums anführen: Hat der Blindgeborene selbst gesündigt oder seine Eltern und damit seine Behinderung verursacht? Doch bezeichnenderweise deutet die Antwort Jesu nicht etwa auf karmische Belastung und damit aufs Konzept der Seelenwanderung hin. Vielmehr lautet sie: "Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm." Damit und mit der anschließenden Heilung des Blinden lebt Jesus ganz und gar das Konzept des von ihm verkündigten und repräsentierten Gottesreiches. Übrigens läßt dasselbe Johannes-Evangelium Johannes den Täufer gleich im ersten Kapitel ausdrücklich die Frage verneinen, ob er der wiedergekommene Elia sei. In den anderen Evangelien wird er zwar von Jesus als solcher bezeichnet, was gern als Beleg für die Reinkarnationsidee im Neuen Testament mißbraucht wird. Gemeint ist dort aber ein typologisch gleiches Wiederkommen des Elia entsprechend der alttestamentlich-prophetischen Verheißung, nicht eine Wiedergeburt im reinkarnatorischen Sinn. Auch in der Geschichte der frühen und mittelalterlichen Kirche blieb das Konzept der Reinkarnation ohne Anerkennung. Lediglich in einigen gnostischen Sekten tauchte es auf, so bei den Karpokratianern und den Basilidianern. Inter- [11] essanterweise erblickten aber diese beiden häretischen Gruppen am Rande des Christentums in dem mit der Reinkarnation verbundenen Karmadenken den Ausdruck einer auf niedere Wirklichkeitsebenen beschränkten Gerechtigkeit, die mit dem Konzept des unbedingt guten Gottes der Liebe nicht auf eine Stufe zu stellen sei. Die Vergeltungspädagogik des Karmadenkens wurde von den Gnostikern also ähnlich kritisch betrachtet wie die Gesetzlichkeit des Alten Testaments.

Hat aber nicht sogar einer der großen Kirchenväter die Seelenwanderung gelehrt, nämlich der vom spiritualistischen Flair Alexandrias geprägte Origenes? Tatsächlich hat er zunächst so etwas wie "Reinkarnation" befürwortet, später aber sich explizit dagegen gewandt, so daß am Ende auch seine Schüler nicht die Seelenwanderung vertraten. Was Origenes und seine Schule durchaus behaupteten, war die Präexistenz der Seelen und deren nachtodliche Weiterentwicklung - wobei der spekulative Gedanke einer reinigenden Verkörperung in späteren Welten anklingen konnte, nicht aber der einer Reinkarnation innerhalb desselben Äons. Das 5. ökumenische Konzil von Konstantinopel im Jahre 553 hat daher auch keineswegs, wie viele Esoteriker entgegen der Quellenlage wähnen, die Reinkarnation verworfen, sondern den Gedanken einer präexistenten Seele. Mit der Abweisung der spiritualistischen Vorstellung, Menschen seien eigentlich himmlische Geistwesen, die nach einem "Sündenfall" in tiefere materielle Ebenen verbannt worden oder hinabgestürzt seien, war und blieb freilich auch der Reinkarnationsgedanke kirchlich ausgeschlossen. Und es ist ein esoterisches Märchen, daß er vor dem 6. Jahrhundert in der frühen Kirche verbreitet gewesen wäre. Die Tatsache, daß ihn die Bibel und die Dogmengeschichte nirgends ausdrücklich verworfen haben, eröffnet nicht etwa seine exegetische bzw. "christliche" Denkmöglichkeit, sondern belegt nur die Abseitigkeit und Verzichtbarkeit dieser Vorstellung für die Kirche. Zurecht urteilt der Religionswissenschaftler Hans Waldenfels: "Es gibt keine Versöhnung zwischen dem christlichen Glauben und einer konsequent vertretenen Reinkarnationslehre."

5. Ich glaube nicht an Reinkarnation, weil ich die diese Vorstellung stützenden Erfahrungen für illusorisch halte.

Mein erster Grund, Reinkarnation für eine illusorische Vorstellung zu halten, ist schlicht der, daß auch eine Reihe von Hinduisten und Buddhisten dies tun. So ist nach der etwa 1200 Jahre alten Theorie der Advaita Vedanta im Kontext des Hinduismus der karmisch bedingte Reinkarnationskreislauf ein Illusionsmechanismus, der sich auflöst, sobald die vollkommene Erkenntnis des zeitlosen, unwandelbaren Urgrunds eintritt. Reinkarnation wird demgemäß als Produkt illusorischen Erkennens aufgefaßt. Und die etwa 1600 Jahre alte buddhistische Vogacara-Schule lehrt ähnlich, daß alles Projektion ist, während das eigentliche Bewußtsein in sich vollkommen unbewegt ist. Wo dieses Bewußtsein sich in seiner Nicht-Dualität wahrnimmt, wird das Reinkarnationsproblem hinfällig. Diese Illusionsthesen basieren nun freilich auf metaphysischen Aussagen über das Bewußtsein, die ich in dieser Form selbst wieder für Illusion halte. Etwas Richtiges haben sie aber doch an sich, weshalb ich sie hier argumentativ eingebaut habe: Sie ahnen nämlich etwas von der Fähigkeit des Bewußtseins, sich Illu- [12] sionen hinzugeben, sich etwas vorzumachen, ja regelrecht vorzuspielen. Genau das findet in unserem Jahrhundert häufig statt, und zwar in Gestalt von induzierten Rückführungen in frühere Leben. Bereits in den Jahren um die Jahrhundertwende hatte der Hypnotiseur Albert Rochas erste Experimente in dieser Richtung veranstaltet. Allerdings mußte er schon damals feststellen, daß die zunächst beeindruckenden Angaben Hypnotisierter über ihre früheren Leben oft wenig präzise und voller Anachronismen, also illusorisch waren. In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts führte dann der schwedische Psychologe John Björkhem Rückführungsexperimente an über 1000 Versuchspersonen durch - abermals mit durchweg banalen Ergebnissen. Ein dänischer Hypnoseforscher warf ihm mangelnde Skepsis vor und demonstrierte einen eigenen Versuch an einem schwedischen Dienstmädchen. In Hypnose spielte sie eine vornehme Hofdame aus dem 16. Jahrhundert. Als sie gefragt wurde, wo sie ihr Wasser herhole, antwortete sie anachronistisch: "Was für eine Frage, von der Wasserleitung!"

Um die Jahrhundertmitte führten schließlich die Hypnose-Experimente des Amerikaners L. Ron Hubbard zu einer ersten weltanschaulichen und organisatorischen Neubildung - nämlich zu der bereits erwähnten "Scientology", die ich übrigens in einem Buch (2.A. 1995) als Pseudoreligion analysiert habe. Im Zuge des von Hubbard kreierten, hypnoseartigen Dianetik-Verfahrens war man auf das Phänomen der Erinnerung an frühere Leben gestoßen. Auf dieser Basis wurde die scientologische Weltanschauung errichtet: Göttliche Geistwesen, "Thetanen" genannt, verkörpern sich demnach über Billionen Jahre hinweg im materiellen Universum. Nachdem es ihnen in ihrer Ewigkeit langweilig geworden ist, ersinnen sie für sich selber Fallen, aus denen sie sich wieder herauskämpfen müssen. Hubbard hat in seinem Buch "Haben Sie vor diesem Leben gelebt?" aufgrund von scheinbaren Rückerinnerungen an Leben auf anderen Planeten z. B. die Geschichte eines Scientologen publiziert, der vor etwa 55 Billionen Jahren aus einer fliegenden Untertasse ins Meer gestürzt und dort von einem riesigen Wassertier getötet worden sein soll. Man fühlt sich hier doch lebhaft an das Science-Fiction-Genre erinnert, das Hubbard als Fantasy-Schriftsteller durchaus beherrscht hat. Mit der Realität dürften solche scheinbaren Rückerinnerungen schon deswegen nichts zu tun haben, weil der geschilderte Vorfall länger zurückliegt als der naturwissenschaftlich heute angenommene Beginn des Universums! Aber solche Kritik bringt Scientologen schwerlich aus ihrem illusorischen Konzept. Mitglieder ihrer internen Bruderschaft namens "Sea Org" unterschreiben sogar einen Vertrag, der sie - natürlich unter Voraussetzung des Reinkarnationsgedankens - auf eine Milliarde Jahre dienstverpflichtet.

Kaum war die erinnerbare Reinkarnation dank Scientology in Amerika zum Thema geworden, da erregte 1953 der Fall der Bridey Murphy Aufsehen. Während mehrerer Hypnosesitzungen hatte diese Dame angegeben, im Dezember 1798 in Irland geboren zu sein. Auch nannte sie verschiedene damalige Personen- und Ortsnamen. Die historischen Nachprüfungen ergaben zum Teil die Unrichtigkeit, zum Teil aber auch die Richtigkeit der verblüffenden Aussagen. Erst die Nachforschungen eines Pfarrers brachten Licht in die publicity-trächtige Angelegenheit. Er fand heraus, daß die Informationen und sprachlichen Fähigkeiten von Murphy im wesentlichen auf einprägsamen Kindheitserlebnissen um eine [13] Frau mit irischer Vergangenheit und um einen Kindheitsfreund beruhten. In Deutschland begann 1968 der schon erwähnte Münchener Hypnotherapeut Thorwald Dethlefsen mit einschlägigen Hypnose-Experimenten. Sein Buch "Das Erlebnis der Wiedergeburt. Heilung durch Reinkarnation" wurde zehn Jahre später ein esoterischer Bestseller. Anläßlich seiner Veröffentlichung widmete ihm das Fernsehen damals eine über einstündige Sendung. Schien doch der Hypnotiseur mittels seiner Methode dem neugierigen Publikum "exakte und authentische Aussagen über die Vorgänge von Empfängnis, Tod und Nachtodzustand" zu offenbaren! Es ging um nichts Geringeres als um "den experimentellen Nachweis der Wiederverkörperungslehre", wie es im Nachwort hieß.

Ausschnitte aus einem von Dethlefsen veröffentlichten Tonbandprotokoll können exemplarisch einen Eindruck vom Wert solcher Rückführungsexperimente vermitteln. Dethlefsen spricht mit einer von ihm hypnotisierten Katholikin aus Nürnberg, die im Zuge ihrer Rückführung vorgibt, sie sei eine Christin zur Zeit der römischen Christenverfolgung. Sie äußert die Befürchtung, hingerichtet zu werden. Nach und nach schält sich als Grund für die geplante Exekution aber nicht etwa eine Christenverfolgung, sondern der Umstand heraus, daß sie, die Christin, einen Giftmord ausgeführt habe - eine Motivänderung, wie sie aus Träumen bekannt ist. Angemerkt sei, daß hypnotische Rückführungen auffallend häufig Mordtaten, Hinrichtungen, Selbstmorde und ähnliche aufregende Todesfälle zu schildern pflegen. Dethlefsen fragt also die Katholikin nach dem Giftmord.

D.: Wer soll tot sein, wenn er es gegessen hat?

K.: Das ist ein Freund, ein Freund von - ich weiß nicht - mir fällt der Name nicht ein...

D.: Welche Funktion hat er, was macht er?

K.: Er unterdrückt alle, alle Menschen, er hält sich Sklaven, und er regiert ein großes Reich, ein großes Reich. Er hat viel Macht, sehr viel Macht, aber er haßt alle Christen, er haßt alle Christen!

D.: Er hat viel Macht - ist er ein König, ein Kaiser?

K.: Nein, nein, er ist ein Imperator, er ist ein Imperator, er ist der - nein, Kaiser - er hat viele Titel, er hat viele Titel - Augustus, Augustinus, Augustus, nein, Augustinus, ja, Augustinus. Er haßt alle Christen, er haßt alle Christen vom Romanus - soll sauber werden, das Romanus...

Dethlefsen betont eigens, "daß diese Frau von ihrer Schulbildung her weder Latein kann noch von den geschichtlichen Zuständen des alten Roms irgendwelche Kenntnisse besaß" - allerdings machen die Äußerungen der Frau auch keineswegs den Eindruck danach! Den Zustand seiner Klientin vor der ersten Hypnose-Sitzung beschreibt Dethlefsen folgendermaßen: "Alle Symptome waren vermischt mit religiösen Ideen... Sie hatte manchmal rote Flecken im Gesicht, deren sie sich sehr schämte und die besonders stark wurden, wenn sie das Haus verlassen wollte." Die Ursache der Angst und speziell der roten Flecken versuchte er herauszufinden durch die hypnotische Suggestion: "Wir gehen in der Zeit zurück, so lange, bis Sie auf das Ereignis stoßen, in dem die Flecken zum ersten Mal auftraten." Daraufhin erzählt die Frau wieder aus demselben Leben zur Zeit der Christenverfolgungen, nur daß diesmal die Christen sie verfolgten. Sie sei in einem Garten bei ihrem ersten Geschlechtsverkehr entdeckt worden, und weil sie sich dem hingegeben hatte, ohne [14] verheiratet und getauft gewesen zu sein, werde sie nun von Christen gefoltert.

D.: Will man, daß du was zugibst oder was sagst?

K.: Ja... Hm - daß ich die Kirche beschmutzt habe...

D.: Wer ist alles anwesend?

K.: Es sind - ich weiß nicht, es sind aber nur - fünf Männer, glaube ich - nein - ja - und einer ist ganz besonders grausam.

D.: Wieso, was macht er denn?

K.: Der drückt mir Schwämmchen auf die Haut... Der hat mein ganzes Gesicht entstellt - der brennt ganz fest...

Damit soll nun das Urtrauma gefunden sein, das die roten Flecken der Nürnbergerin erklären und dessen Bewußtmachung therapeutisch wirksam machen soll. Die Schilderung der Vorgänge muß allerdings als äußerst unglaubwürdig bezeichnet werden. Daß die verfolgten Christen zur Römerzeit selbst grausamste Folterungen vollzogen hätten - der Frau wird dann auch noch das Bein fast ausgerissen -, das ist ebenso unsinnig wie die Aussage, daß eine Christin sich zu einem Giftmord habe überreden lassen. Es handelt sich folglich um Illusionsgeschichten.

Während Dethlefsen 1978 noch so tat, als hätte er die Hypnose-Rückführungen in scheinbar frühere Existenzen selber erfunden, räumte er in seinem Folgeband "Schicksal als Chance" ein, daß sie bereits viele Jahrzehnte vor ihm experimentell durchgeführt worden waren. In diesem Band distanzierte er sich nun ausdrücklich von den Hypnose-Regressionen, um auf Rückführungen in nurmehr leichter Trance umzuschalten. Dabei täuschte er sich - und seine Leser - darüber hinweg, daß dieser relative Methodenwechsel ohne wesentliche sachliche Bedeutung war und nicht zufällig zu gleichartigen Ergebnissen führte - als gäbe es nicht ganz unterschiedliche Stufen hypnotischer Zustände! Die durchaus intelligenten Leistungen des Unterbewußten in eingeschränktem Wachzustand, etwa beim automatischen Schreiben, sind der Parapsychologie spätestens seit den Dissertationen von Carl Gustav Jung (1904) und Hans Bender (1936) geläufig.

Aber haben Reinkarnationserlebnisse nicht doch mit einer noch tieferen Schicht der Psyche als dem Unterbewußtsein zu tun, nämlich mit dem Unbewußten? Müßte sich heutige Psychotherapie über feststellbare Traumata des jetzigen Lebens hinaus womöglich auch deren möglichen Vorläufern und Wurzeln in "früheren Leben" widmen? Diese Fragen werden von sogenannten Reinkarnationstherapeuten eindeutig bejaht. Und zweifellos sind gewisse therapeutische Erfolge bei solchen Hypnose- oder Trance-Regressionen durchaus vorstellbar, zum Teil sogar nachweisbar. In den scheinbar einst durchlittenen Erlebnissen kann das betreffende Subjekt nämlich akute, latente oder unbewußte Persönlichkeits- und Beziehungsprobleme dramatisierend darstellen und gegebenenfalls bearbeiten. Die Illusionsgeschichten dienen praktisch der Symbolisierung psychischer Verletzungen. So weiß der erfahrene Reinkarnationstherapeut Paul Meienberg genau: "Für den Erfolg der Therapie ist es dabei unbedeutend, ob wir nun tatsächlich daran glauben, daß es sich bei der Person, mit der wir uns in dem inneren Geschehen identifizieren, auch wirklich um uns selbst handelt." Es könnte durchaus sein, "daß uns unsere Seele eine Bühne bereitet, auf der alle äußeren Umstände und Mitspieler so arrangiert sind, daß wir in eine Rolle versetzt werden, in der wir unseren aktuellen Konfliktstoff voll ausleben können. Unsere Seele inszeniert ein Drama für uns, in dem wir selbst die Hauptdarstel- [15] ler sind. Dadurch werden Konflikte bewußt gemacht, und die Dynamik in unseren Gefühlen und Denkmustern kann ausagiert werden."

Allerdings - das müßte der erfahrene Psychologe eigentlich dazusagen - besteht auch die Möglichkeit, daß Schaden angerichtet wird. Ich denke hier an Gefahren wie die, daß Menschen aufgrund ihres illusorischen Glaubens an neu entdeckte Identitäten einschneidende Handlungen begehen. So hat sich einem Pressebericht zufolge eine ältere Dame von ihrem Gatten scheiden lassen, mit dem sie bis dahin glücklich verheiratet war, weil er gegenüber ihren Erzählungen aus ihrem früheren Leben als Tochter eines indischen Maharadscha skeptisch blieb. Und ob einer jüngeren Malerin namens Andrea dadurch wirklich geholfen wurde, daß sie ihren Gatten in einer "Rückführung" als katholischen Inquisitor erlebte, der sie als Hexe verbrennen ließ? Im Grunde führen solche "Therapien" zu Bagatellisierungen des Diesseits, indem sie den Ernst des Lebens gegen einen illusionär-dramaturgischen Deutungsrahmen eintauschen, der dann zu leichtsinnigen, aber womöglich folgenschweren Aktionen animiert. Zudem besteht die Gefahr, daß bei der pseudopsychologischen Aufarbeitung von traumatischen Erlebniserinnerungen sogenannte "Deck-Erinnerungen" verkannt werden, wie sie der Schulpsychologie seit Sigmund Freud bekannt sind: Sie fälschen vergangenes Geschehen mit verhüllenden Bildern ab, um auf diese Weise schmerzliche bzw. anstößige Eindrücke nachhaltig zu verdrängen. Insofern ist zu bezweifeln, ob sie eine förderliche psychische Verarbeitung wenigstens auf "symbolischer" Ebene mit sich bringen. Der Psychologe Hansjörg Hemminger hat dazu festgestellt: "Das angebliche Wiedererleben schmerzlicher Erfahrungen aus früheren Existenzen beseitigt kein gegenwärtiges Problem, sondern verändert es oft nur auf unvorhersehbare Weise."

Denkbar ist zwar, daß mit dem scheinbaren Wiederdurchleben "früherer Existenzen" in gewissem Maß eine psychische Verarbeitung des menschlichen Sterbenmüssens, der Todesfurcht stattfindet. Wie existentiell tragfähig das von manchen Reinkarnations-Gurus angepriesene "Therapie"-Resultat wirklich ist, zeigt sich aber erst in der Feuerprobe. Klaus Schilling, ein erfahrener Esoteriker, hat nach weit über hundert Stunden sich hinziehender "Reinkarnationstherapie" überrascht feststellen müssen, daß bei ihm eine Leistenbruchoperation Todesangst erzeugen konnte. Zitat: "Ich hab' gesagt, das gibt's doch nicht, jetzt hast du Reinkarnationstherapie gemacht und erklärst den Leuten den Sterbeprozeß -und jetzt hast du Angst vor einer lächerlichen Operation!" Offensichtlich wird die Angst vor dem realen Tod durch spiritualisierende Todesdeutung allenfalls überspielt. Die existentiellen Phantasie-Dramen erweisen sich als bedenkliche Illusionen.

Wem das noch nicht einsichtig ist, der möge bedenken: Unter Hypnose oder in Trance stellt jede geringste Prämisse eine folgenreiche Suggestion dar. Aufschlußreich sind diesbezüglich die alten, heute zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Berichte von Thomson Jay Hudson. In seiner Anwesenheit wurde ein junger Mann hypnotisiert, der den spiritistischen Geisterglauben entschieden ablehnte, aber eine Vorliebe für philosophische Studien besaß. Nachdem ihm der Hypnotiseur suggeriert hatte, er könne den Geist des Sokrates herbeizitieren, ließ er sich doch tatsächlich auf eine Diskussion mit dem "Spiritus" des toten Philosophen ein. In dem zweistündigen fik- [16] tiven Gespräch wurde ein wunderbares gedankliches System entwickelt. Und in späteren Hypnosesitzungen gelang es problemlos, weitere Geister verstorbener Philosophen in die Diskussionen einzuführen. Schließlich wurde dem jungen Mann ein sehr gelehrtes, philosophisches Schwein vorgestellt. Die Suggestion lautete, das Schwein sei die Karma-Verkörperung eines moralisch zweifelhaften alten Hindupriesters und könne sich an dessen Wissen erinnern. Prompt entwickelte das imaginierte Schwein eine Erklärung der Hinduphilosophie! Angesichts der verblüffenden Wirkungen einer Suggestion unter Hypnose oder in Trance-Zuständen läßt sich denken, was es bedeutet, wenn ein Hypnotiseur wie Dethlefsen sein methodisches Vorgehen wie folgt beschreibt: "Ich suggerierte ihm, er befände sich im Mutterleib, drei Monate vor der Geburt. Und schon erzählte er uns von seinen Eindrücken als Embryo... Ich suggerierte: 'Wir gehen jetzt noch weiter zurück - und zwar solange, bis du auf ein Ereignis stößt, das du genau schildern und beschreiben kannst - solange gehst du in der Zeit zurück!'" Tiefenpsychologisch bedeutet der hypnotische Zustand eine Regression in kindlich-unkritisches Denken und Fühlen, wobei dem Hypnotiseur die Vater- bzw. Mutterrolle zukommt. Die Psyche ist sozusagen eine höfliche Instanz: Wo immer es sich machen läßt, erweist sie sich als gefällig, und aus diesem Grund ist sie hochgradig suggestibel. Im Wahrnehmungs- und Erlebnisbereich auftretende Lücken und Löcher stopft sie in geschickter Verknüpfung von Realität und Fantasie mit Windeseile zu. Der bekannte amerikanische Parapsychologe und Reinkarnationsforscher Ian Stevenson erzählt von zahlreichen Beispielen selbst durchgeführter und hinterher nachgeprüfter Hypnoseexperimente: Er ist selbst überzeugt, daß die meisten Merkmale reinkarnatorischer "Erinnerungen" der Phantasie entstammen. Was soll denn die bedrängte Psyche tun, wenn eine Suggestion zur Erinnerung von Erlebnissen zu einer Zeit aufruft, in der die Versuchsperson noch gar nicht gelebt hat? Die Psychiatrie kennt für das subjektiv ehrliche, aber dennoch fantasierende Ausfüllen von Erinnerungslücken den Begriff der Konfabulation. Ein Lexikon erklärt: "Die Entstehung von Konfabulationen läßt sich durch den Druck zur folgerichtigen Fortführung einer einmal eingeschlagenen Gedankenrichtung erklären, wobei das objektive Wissen und die Tatsachenkenntnis jedoch nicht zur Ausführung dieses Denkaktes ausreichen. An dessen Stelle wird, um dem inneren Bedürfnis nach Vollendung gerecht zu werden, eine zwar nicht sinnlose, aber relativ unbegründete Fabeldichtung gesetzt." Wenn nun Konfabulation schon im Wachbewußtsein möglich ist, etwa bei Erinnerungslücken nach einem Verkehrsunfall, dann erst recht infolge massiver Suggestion! Dabei wirkt sich der Glaube an Reinkarnation als solcher als Suggestionsbereitschaft und in Trancezuständen als Suggestionsförderung aus. Von daher erklären sich m. E. auch viele Phänomene in alter und neuer Zeit, die ein scheinbar spontanes Erleben früherer Existenzen im Zuge außergewöhnlicher Bewußtseinszustände beinhalten. Heutzutage müssen also im Einzelfall gar nicht ausgesprochene Suggestionsbemühungen angestrengt werden; das Thema liegt sozusagen in der Luft. Daher gilt es in Zeiten wie diesen, die Reinkarnation zum Modethema erheben, die Warnung Raymond Moodys zu bedenken: Gerade weil der Reinkarnationsgedanke eine tiefe Sehnsucht der menschlichen Seele anspricht, ist "äußerste Skepsis am Platze [17] gegenüber allen von wem auch immer berichteten Beobachtungen und Fakten, die die Wahrheit jener Lehre zu beweisen scheinen".

6. Ich glaube nicht an Reinkarnation, weil dieses Konzept dazu verleitet, die Transzendenz, das Jenseitige bzw. Göttliche in den Bereich des Beweisbaren herunterzuziehen.

Im Eranos-Jahrbuch (Neue Folge 3) 1995 findet sich ein lesenswerter Aufsatz von Michel Hulin unter der Überschrift "Die Seelenwanderung". Darin heißt es: "In gewissem Sinne ist ja alles, was das Jenseits betrifft, insofern prinzipiell unnachprüfbar, als jede Beobachtung oder jedes Maß, welche diesem Bereich gälten und angelegt würden, ihn ipso facto in unsere diesseitige Welt hinüberziehen würden." Mit anderen Worten: Das Jenseits wäre nicht mehr das Jenseits, wenn es diesseitig ergriffen und beweisbar gemacht werden könnte. Theologisch ausgedrückt: Gott wäre nicht Gott, wenn er sich wie ein weltlicher Gegenstand nachweisen und demonstrieren ließe. Anthropologisch heißt das: Falls es wirklich etwas gibt, was über die irdischen Bedingungen erhaben wäre, indem es von Existenz zu Existenz hüpfen kann, so wäre das etwas Überirdisch-Göttliches. Wenn schon Reinkarnation, dann also als Glaubensangelegenheit! Und dann möge man jedem die Freiheit lassen, an Reinkarnation gegebenenfalls <i>nicht</i> zu glauben.

Aber der Gedanke der Reinkarnation verführt als zyklisches Modell zu monistischem Denken, das heißt, zur synthetischen Zusammenschau von Diesseitigem und Jenseitigem. Er verleitet dazu, die Trennlinie zwischen Immanenz und Transzendenz, zwischen Irdischem und Göttlichem generell zu relativieren. Von daher fällt dann die Behauptung leicht, Reinkarnation gehöre durchaus zur Kategorie des objektiv Beweisbaren. Schwieriger wird es erst, wenn sich herausstellt, daß es mit der Beweisbarkeit eben doch nichts sein kann. Das müssen spätmoderne Esoteriker oft noch genauso lernen, wie frühmoderne Theologen begreifen mußten, daß Gott sich nicht beweisen läßt.

Die Argumente, die Reinkarnation angeblich beweisen können, erscheinen vielen ihrer Verfechter bislang so bestechend, daß sie von wirklich kritischer Reflexion darüber leichtsinnig absehen. Man kann mir, nachdem ich hier erkläre, nicht an Reinkarnation zu glauben, selbstbewußt entgegenhalten: "Reinkarnation ist ja heute gar keine Frage des Glaubens mehr! Sie ist vielmehr eine Erfahrungstatsache; ihre Wirklichkeit ist längst bewiesen!" Dieser Argumentation muß ich mich stellen. Ich nehme sie durchaus ernst, denn hier stehen höchst relevante Fragen auf dem Spiel. Ein objektiver, zwingender Beweis für Reinkarnation hätte schließlich enorme weltanschauliche und eben auch religiöse Folgen!

Das Bemühen um experimentelle Klärung auf diesem Gebiet reicht weit ins vorige Jahrhundert zurück. Es waren zunächst aber keineswegs wissenschaftliche, sondern spiritistische Experimente, von denen man sich mehr Licht und Aufklärung erhoffte. Dem damals sich massiv ausbreitenden Materialismus wollte man spiritualistisches Erfahrungswissen entgegensetzen. Um es kurz zu machen: Die aus dem jenseits herbeizitierten Geister waren sich in dieser interessanten Grundfrage nicht einig - genauso wenig übrigens wie die abendländischen Theosophen. Selbst die Chef-Ideologin der modernen Theosophie, Helena P. Bla- [18] vatsky (1831-1890), hat die Idee der Reinkarnation erst seit ihrem Übertritt zum Buddhismus im Jahre 1880 umfassend bejaht. Im Jahre 1924 erfuhr man aus dem Buch "Dreißig Jahre unter den Toten" des amerikanischen Arztes Carl Wickland, der Geist der Blavatsky habe sich bei ihm gemeldet und wolle die Anhänger der Theosophie darüber belehren, daß es doch keine Wiederverkörperung gebe. Natürlich wurde die Herkunft dieser Aussage von Anhängern des Reinkarnationsglaubens wiederum einem dämonischen Lügengeist zugeschrieben. Dergleichen Vorgänge spielen sich in der Geschichte des Spiritismus immer wieder ab; ich erinnere nur an das einschlägige Büchlein von Wilhelm O. Roesermueller "Geister warnen vor Geistern" (2.A. Nürnberg 1965). Spiritistische Argumente können also inhaltlich nicht zugunsten der Reinkarnation angeführt werden. Und erst recht nicht formal: Denn entgegen der Darstellung W. Schiebelers ist es der wissenschaftlichen Parapsychologie ihren eigenen Aussagen nach bis heute nicht gelungen, die spiritistische Deutungshypothese für paranormale Vorkommnisse beweiskräftig zu untermauern.

Was die bereits thematisierten Rückführungen in frühere Leben in mehr oder weniger veränderten Bewußtseinszuständen angeht, so stellen auch sie alles andere als einen Beweis für Reinkarnation dar. Der 1991 verstorbene Parapsychologe Hans Bender warnte ausdrücklich davor, "hypnotische oder nicht-hypnotische Rückführungsphantasien als Beweis für ein früheres Leben anzusehen". Auch der auf diesem Kongreß heute anwesende Raymond Moody resümierte in seinem Buch "Leben nach dem Leben" auf der Basis von rund 200 eigens durchgeführter Hypnose-Regressionen: "Bei den plastischen Rückführungserlebnissen handelte es sich durchweg um faszinierende Dramen, nach deren Herkunft man in vielen Fällen nicht lange zu suchen brauchte. Ein Teil ließ sich unschwer als Widerschein von Beziehungsproblemen oder latent neurotischen Bedingungen in den derzeitigen Lebensumständen der Versuchsperson identifizieren. Andere Erlebnisse wiederum brachten unverkennbar das Selbstkonzept - den persönlichen Mythos - der Versuchsperson zum Vorschein." Selbst ein Theosoph wie John Algeo räumt in seinem Buch über "Reinkarnation" (1991) ein: "Wie heilsam oder gefährlich die Rückführung in frühere Leben als psychologische Therapie auch sein mag, als Beweismittel für Reinkarnation ist sie ebenso ungeeignet wie die Lesungen von Hellsehern."

Was ist dann aber von historischen Nachprüfungen zu halten, die die Erinnerungen solcher Rückführungen bestätigen konnten? Hubbard, von Jankovich, Dethlefsen und andere verweisen schließlich in ihren Büchern auf positive Resultate bei der Überprüfung früherer Leben. Tatsächlich scheint es vereinzelte Fälle zu geben, in denen detaillierte Angaben historisch verifiziert werden konnten. Doch hierfür tun sich alternative Erklärungsmöglichkeiten auf, so daß von vornherein eine wissenschaftliche Beweiskräftigkeit nicht in Frage kommt. Durchaus ernstzunehmen ist etwa der parapsychologische Hinweis auf die Möglichkeit außersinnlicher Wahrnehmung (ASW), die sich gerade in außergewöhnlichen Bewußtseinszuständen enorm verstärkt. Das trifft nicht zuletzt für künstlerische Fähigkeiten zu, wie schon vor Jahrzehnten sowjetische Versuche mit künstlich, eben durch Hypnose erzeugten "Reinkarnationen" nachgewiesen haben. Auf diese Weise lassen sich z. B. auch außergewöhnliche Tanz- [19] leistungen in Trance erklären, ohne daß sich ihretwegen der Schluß auf Reinkarnation oder Besessenheit nahelegen müßte.

In diesem Zusammenhang verdient auch das Phänomen der Xenoglossie Erwähnung, also das Auftreten von Sprachkenntnissen, die in außergewöhnlichen Bewußtseinszuständen auftauchen können. Parapsychologische Hypothesen sind hier möglicherweise angebracht - aber keineswegs immer nötig. So gab eine Hausangestellte unter Hypnose ganze Sätze in hebräischer und lateinischer Sprache von sich. Nachforschungen zeigten jedoch, daß sie diese Sätze im Hause eines Priesters gehört hatte, bei dem sie früher einmal angestellt gewesen war: Dessen Rezitationen hatten sich ihrem Unterbewußtsein eingeprägt. Insgesamt sollte man also nicht voreilig mit paranormalen Erklärungsmodellen argumentieren. Zu oft schon konnten verblüffendste Informationen und Fähigkeiten, die angeblich aus früheren Leben stammten, auf normale Weise geklärt werden. So hat man im Anschluß an Hypnoserückführungen die betreffenden Personen abermals in Hypnose versetzt, nun aber zu dem Zweck, den aus "früheren Leben" stammenden Angaben auf den Grund zu gehen. Dabei kam heraus, daß etliche Informationen und Persönlichkeitszüge in Wahrheit auf Theatervorstellungen, Romanen, menschlichen Begegnungen und Ähnlichem beruhten. Dennoch erweist sich die Argumentation mit paranormalen Fähigkeiten oder Aspekten mitunter als kaum vermeidbar. Das könnte etwa angesichts von Behauptungen der Fall sein, denen zufolge bestimmte Leberflecken oder Hautpigmentierungen ihre Ursachen in tödlichen Verwundungen während früherer Existenzen haben sollten, deren Geschichtlichkeit im Einzelfall nachgeprüft werden konnte. Solche Überprüfungen haben bislang nur selten zu positiven Resultaten geführt. Aber selbst in solchen Fällen lassen sich merkwürdige Leberflecken (para-)psychologisch so erklären, daß die Notwendigkeit des Reinkarnationsgedankens entfällt. In der Regel führt freilich die Argumentation mit auffälligen Geburtsmalen schon insofern nicht weit, als man lange darüber streiten kann, ob nun ein Ereignis aus einem früheren Leben der Entstehung des Hautflecks zugrunde liegt - oder umgekehrt das Wissen um den Hautfleck der Konfabulation einer dazu passenden Geschichte! Paranormale Deutekategorien könnten insbesondere die von Stevenson und einigen anderen Forschern beigebrachten Fälle von Spontanerinnerungen bei Kindern verlangen. Erstmals hatte Stevenson davon in seinem berühmten Buch "Wiedergeburt" berichtet. Während auf dem Titelbild der deutschen Ausgabe von "zwanzig wissenschaftlich bewiesenen Fällen" die Rede ist, unterstreicht Stevenson ausdrücklich bereits im Vorwort: "Alle Fälle haben Schwächen, desgleichen auch alle ihre Berichte. Weder kann ein Einzelfall noch können die Fälle in ihrer Gesamtheit als Beweis für die Wiederverkörperung herangezogen werden." Das Buch schildert Berichte von eindrucksvollen Fällen, in denen Kleinkinder vor allem in Indien plötzlich und wirkungsvoll eine andere Identität vorgeben. Daß aber bei den betreffenden Fällen die Reinkarnationshypothese als unwahrscheinlich zu gelten hat, zeigen einige dieser Beispiele dadurch, daß der einstige "Besitzer" der angeblich reinkarnierten Seele überhaupt erst starb, als das betreffende Kind schon einige Zeit lebte! Unter "Seelenwanderung" stellt man sich eigentlich etwas anderes vor als solche Vorgänge, die eher an Besessenheit erinnern! Sofern sich diese Phänomene [20] belegen lassen, ergeben sich daraus neue Fragen an Psychologie und Parapsychologie; als Beweise für Reinkarnation können sie aber nicht gelten. Insgesamt kann von irgendwelchen Beweisen oder auch nur handfesten Indizien für Reinkarnation nach alledem nicht die Rede sein. Zurecht betont Moody am Ende seiner Reinkarnations-Monographie, bezüglich der "Seelenwanderung" stünden die Beweise bisher noch aus. Auch der parapsychologische Experte Johannes Mischo erklärt: "Eine überzeugende empirische Belegbasis für die Reinkarnation gibt es nach meiner persönlichen Einschätzung derzeit nicht." Kurz und gut: Es gibt keinen objektiv zwingenden Grund, an Reinkarnation zu glauben. Dazu fällt mir die Begegnung mit einer älteren Frau ein, die nach einem meiner Vorträge über Reinkarnation zu mir kam: Bewegt erzählte sie mir von einem ihr unerklärlichen Erlebnis, das es ihr unmöglich mache, nicht an Reinkarnation zu glauben. Als ich ihr daraufhin eine spezielle parapsychologische Alternativ-Erklärung für ihr Erlebnis anbot, atmete sie erleichtert auf: Es war ihr abzuspüren, daß ihr eine Last von der Seele fiel, und sie formulierte das ausdrücklich. Denn seit vielen Jahren war aufgrund ihrer persönlichen Erfahrung oder besser: aufgrund der ihr bis dahin einzig möglichen Deutung des Erlebten der Reinkarnationsgedanke für sie ein Denkzwang gewesen, den sie gern wieder gegen die Zusage der christlichen Botschaft eintauschte.

7. Ich glaube nicht an Reinkarnation, weil spontane visionäre Grenzerlebnisse an der Schwelle des Todes dafür keine überzeugenden Indizien liefern.

Mir ist bewußt, daß ich hier zum Schluß ein heikles Argument anführe, weil in einer Anschlußveranstaltung kein Geringerer als der weltbekannte Sterbeforscher Moody wohl das Gegenteil behaupten wird. Nachdem ich mich allerdings selber mehrere Jahre fast ausschließlich mit dem Gebiet der Nahtodes-Erlebnisse befaßt habe, will ich Ihnen gerne meine Argumente mitteilen. Zunächst muß ich in Analogie zu bereits Gesagtem unterstreichen, daß das wissenschaftlich mittlerweile reichlich untersuchte Phänomen der Nahtodes-Visionen weder inhaltlich noch formal geeignet ist, ein Leben nach dem Tod objektiv zu beweisen. Aber gerade wenn jemand vom Modell der Seelenwanderung ausgeht, könnte er das Gebiet der Schwellenerlebnisse in Todesnähe am ehesten zugunsten einer Gewinnung von Indizien für Reinkarnation anzuführen versucht sein. Denn im Erfahrungsbereich der unmittelbaren Todesnähe läßt sich eine Überlappung von Immanenz- und Transzendenz-Kategorien eventuell denken. Vor rund zwanzig Jahren hat Moody in seinem internationalen Bestseller "Leben nach dem Tod" geschrieben: "Kein einziger der mir bekannten Fälle bietet irgendwelche Anhaltspunkte dafür, daß es eine Seelenwanderung im Sinne von Reinkarnation gibt." Die gleiche Aussage machte der Sterbeforscher Karlis Osis, der über tausend Berichte von Sterbebett-Visionen aus den USA und aus Indien mit dem Computer ausgewertet hatte. Noch vor Erscheinen der deutschen Ausgabe seines Buches "Der Tod - ein neuer Anfang" im Jahre 1978 habe ich ihn in einem Tonband-Interview ge- [21] fragt, ob ihm im Zusammenhang mit den erforschten Visionen irgendwelche Indizien für Reinkarnation bekannt geworden seien. Seine Antwort war eindeutig: Dies sei zu seiner eigenen Überraschung weder in Indien noch in den USA der Fall gewesen! Sein zusammen mit dem Parapsychologen Erlendur Haraldsson verfaßtes Buch, inzwischen als Taschenbuch zu haben, bestätigt das. Doch dann kamen die 80er Jahre mit ihrem breitenwirksamen Aufschwung der Esoterik- und New-Age-Welle, die Reinkarnation als erfahrbaren Trip zur Mode-Erscheinung machten. Von da an nahmen die Indizien zu, daß Nahtodes-Erlebnisse und Reinkarnation etwas miteinander zu tun haben könnten. Der auf diesem Kongreß ebenfalls anwesende amerikanische Todesnähe-Forscher und Psychologe Kenneth Ring erwähnte in seinem 1985 deutsch erschienenen Buch "Den Tod erfahren - das Leben gewinnen" seltene Fälle, in denen Menschen in unmittelbarer Todesnähe angeblich nicht bloß ihr scheinbar zu Ende gehendes, sondern auch noch "frühere Leben" vor ihrem inneren Auge ablaufen sahen. Zugleich machte er auf ein Untersuchungsresultat aufmerksam, demzufolge Menschen aufgrund von Nahtodes-Erlebnissen eher bereit sind, an Reinkarnation zu glauben. Ich denke, man muß das beides im Zusammenhang sehen. Die "thanatologische Welle" hat zahlreiche Menschen dem Gedanken nähergebracht, daß der Tod doch nicht das absolute Ende sein dürfte. Von daher haben sie gerne auf das von der Esoterik-Welle angebotene Denkmodell namens Reinkarnation zurückgegriffen, um mit der neuen Transzendenz-Perspektive zurechtzukommen. Ja dieses Modell dürfte sogar unbewußten Einfluß auf den Ablauf mancher neueren Todesnähe-Erlebnisse genommen haben; denn das Gehirn pflegt zur Konstruktion und Deutung von Erfahrung auf ihm bereits bekannte und geläufige Denkwege und Vorstellungen zurückzugreifen. Von daher erklären sich meiner Ansicht nach eventuelle neuere Phänomene in dieser Richtung bei Moody, der davon in den 70er Jahren noch nichts bemerkt hatte. Vielleicht gilt Ähnliches im Blick auf den ebenfalls auf diesem Kongreß anwesenden Esoteriker Stefan von Jankovich. Der aus Ungarn stammende Architekt hatte 1964 ein typisches Nahtodes-Erlebnis und darüber in zahlreichen Artikeln, ja 1984 in einem eigenen Buch berichtet. Als bald darauf mit der New-Age-Bewegung in Deutschland auch das Thema "Reinkarnation" zum Modethema avancierte, begann er plötzlich, sein eingehend geschildertes Sterbeerlebnis zu erweitern. So schilderte er 1986 im Rahmen einer mehrstündigen ZDF-Sendung über Reinkarnation seine Lebensrückschau in Todesnähe so, als wäre sie lediglich der Beginn eines Gesamtüberblicks über mehrere vergangene Leben gewesen! Hingegen hatte er in seinem Buch wenige Jahre zuvor ausdrücklich geschrieben, daß die Gesamtzahl aller Szenen seines Lebenspanoramas sich auf die Zeit von seinem "Tod" nur bis zurück zu seiner Geburt in Budapest bezog! Ich nehme stark an, daß seine früheren, noch nicht erweiterten Fassungen des Nahtodes-Erlebnisses die wahren Schilderungen waren - und zwar nicht zuletzt deshalb, weil ein Vergleich der internationalen wissenschaftlichen Sterbeforschungsliteratur eindeutig zeigt, daß Nahtodes-Erlebnisse mit Reinkarnationselementen in der Regel nicht vorkommen. Wer sich mit der Geschichte der Thanatologie befaßt, der stößt auf einen eindeutigen Befund: Nahtodes-Erlebnisse deuteten in Ländern und Kulturen, die nicht mit Reinkarnation rechne- [22] ten, z. B. im christlichen Mittelalter, auch nicht auf Reinkarnation hin. Wo dieses Denkmodell hingegen in Geltung stand, z. B. im antiken Griechenland, dort konnten sich Sterbe-Erlebnisse vereinzelt mit ihm verbinden. Daß diese Verbindung von Osis und Haraldsson selbst in Indien nicht festgestellt werden konnte, untermauert meine These: Nahtodes-Erlebnisse haben eigentlich mit Reinkarnation nichts zu tun; wo das reinkarnatorische Modell doch auftaucht, hängt das mit subjektiv-unbewußten Deutungs- und Gestaltungsversuchen aufgrund entsprechender religiöser oder weltanschaulicher Prägung zusammen.

Ich komme zum Schluß. Nachdem es, wie ich zu zeigen versucht habe, keine zwingenden Argumente für den Glauben an Reinkarnation gibt, glaube ich lieber an das Geschenk des ewigen Lebens für uns Menschen in unserer Einmaligkeit. Gegenüber der Hybris von Esoterikern, die ihr Selbst in reinkarnatorischen Neuauflagen vervielfältigt sehen wollen, ziehe ich es vor, mich in meiner geschöpflichen Individualität von Gott angenommen zu wissen und demütig seine Gnade zu loben. Gegenüber der buddhistischen Weisheit vom Nicht-Selbst und von der Leere ziehe ich die Botschaft Jesu Christi vor, die mir die Fülle des Lebens schenkt. Gegenüber dem gesetzlichen Karma-Denken des Hinduismus ziehe ich das Erbarmen Jesu vor, dessen Ruf auch allen Karma-Gläubigen reinkarnatorischer Religiosität gilt: "Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!" Und ein Letztes: Gegenüber dem mit dem Modell des Karma-Glaubens oft einhergehenden, unrealistischen Harmonie-Denken, das in allen Dingen das Funktionieren einer stets ausgleichenden Gerechtigkeit zu erblicken sucht, ziehe ich das biblische Wissen um den leidenden Gerechten vor. Das abgrundtiefe Geheimnis der uns angehenden Wirklichkeit enthüllt nicht das Prinzip des Karma, sondern das Wort vom Kreuz.

[23] Anfang  Neuere Bücher zum Thema
John Algeo: Reinkarnation. Evolution der Seele, Satteldorf 1991.
Christopher M. Bache: Das Buch von der Wiedergeburt, Bern - München 1993.
Jan Badewien: Reinkarnation - Treppe zum Göttlichen? (R.A.T. 5), Neukirchen-Vluyn 1994.
Renold J. Blank: Auferstehung oder Reinkarnation? Mainz 1996.
Friedrich Beißer: Hoffnung und Vollendung, Gütersloh 1993 (HST 15).
Norbert Bischofberger: Werden wir wiederkommen? Der Reinkarnationsgedanke im Westen und die Sicht der christlichen Eschatologie, Mainz -Kämpen 1996.
Norbert Brox: Erleuchtung und Wiedergeburt. Aktualität der Gnosis, München 1989.
Rudolf Bubner: Evolution - Reinkarnation-Christentum, Stuttgart 1975.
Oscar Cullmann: Unsterblichkeit der Seele oder Auferstehung der Toten? Neuausgabe: Stuttgart 1986.
Thorwald Dethlefsen: Das Erlebnis der Wiedergeburt. Heilung durch Reinkarnation, München 13.A. 1991.
Peter Dinzelbacher: An der Schwelle zum Jenseits. Sterbevisionen im interkulturellen Vergleich, Freiburg i. Br. 1989.
Baidur  R. Ebertin: Reinkarnation und neues Bewußtsein, Freiburg i. Br. 2.A. 1989.
Richard Friedli: Zwischen Himmel und Hölle - die Reinkarnation, CH-Freiburg 1986.
Hubert Hänggi u.a.: Reinkarnation -Wiedergeburt - aus christlicher Sicht, CH-Freiburg - Zürich 1987.
Reinhart Hummel: Reinkarnation. Weltbilder des Reinkarnationsglaubens und das Christentum, Mainz - Stuttgart 2.A. 1989.
Stefan von Jankovich: Reinkarnation als Realität, Ergolding 1993.
Herrmann Kochanek (Hg.): Reinkarnation oder Auferstehung. Konsequenzen für das Leben, Freiburg - Basel - Wien 1992.
Manfred Krüger: Ichgeburt. Hildesheim 1996
Hans Küng: Ewiges Leben? München - Zürich 1982.
Geddes MacGregor: Reinkarnation und Karma im Christentum, München 1990.
Ludger Mehring: Die Sehnsucht des Menschen nach Heil zwischen Reinkarnations-Faszination und Auferstehungs-Hoffnung, Altenberge 1993.
Peter Michel: Karma und Gnade, Grafing 1988.
Jürgen Moltmann: Das Kommen Gottes. Christliche Eschatologie, Gütersloh 1995.
Raymond Moody: Leben vor dem Leben, Reinbek1990.
Joachim Müller u.a.: Kontakte mit dem Jenseits? Spiritismus - aus christlicher Sicht, Freiburg-Zürich 1989.
Armin Nassehi, Georg Weber: Tod, Modernität und Gesellschaft. Entwurf einer Theorie der Todesverdrängung, Opladen 1989.
Rudolf Passian: Wiedergeburt. Ein Leben oder viele?, München 1985.
Hans-Jürgen Ruppert: Okkultismus. Geisterwelt oder neuer Weltgeist? Wuppertal 1990.
Rüdiger Sachau: Westliche Reinkarnationsvorstellungen, Gütersloh 1996.
Perry Schmidt-Leukel (Hg.): Die Idee der [24] Reinkarnation in Ost und West. München 1996.
Christoph Schönborn: Existenz im Übergang. Pilgerschaft, Reinkarnation, Vergöttlichung. Einsiedeln-Trier 1987.
Hans Schwarz: Jenseits von Utopie und Resignation. Einführung in die christliche Eschatologie. Wuppertal 1990.
Ian Stevenson: Wiedergeburt. Kinder erinnern sich an frühere Erdenleben, Grafing 1989.
Werner Thiede: Auferstehung der Toten -Hoffnung ohne Attraktivität? Grundstrukturen christlicher Heilserwartung und ihre verkannte religionspädagogische Relevanz. Göttingen 1991 (FSÖTh65).
Ders.: Die mit dem Tod spielen. Okkultismus - Reinkarnation - Sterbeforschung. Gütersloh 1994.
Ders.: Esoterik - die postreligiöse Dauerwelle. (R.A.T. 6), Neukirchen-Vluyn 1995.
Ders.: Scientology - Religion oder Geistesmagie? (R.A.T. 1), Neukirchen-Vluyn 2.A. 1995.
Hans Torwesten: Sind wir nur einmal auf Erden? Freiburg i. Br. 1983.
Harald Wiesendanger (Hg.): Wiedergeburt. Herausforderung für das westliche Denken. Frankfurt/M. 1991.
Harald Wiesendanger: Zurück in frühere Leben. Möglichkeiten der Reinkarnationstherapie. München 1991.
Heinz Zahrnt: Gotteswende. Christsein zwischen Atheismus und neuer Religiosität. München 1989.
Helmut Zander: Reinkarnation und Christentum. Rudolf Steiners Theorie der Wiederverkörperung im Dialog mit der Theologie. Paderborn 1995.
Ronald Zürrer: Reinkarnation. Die umfassende Wissenschaft der Seelenwanderung. Zürich 1989.

Dr. Werner Thiede, Jg. 1955, Pfarrer der ev.-luth. Kirche in Bayern, war 1984-1990 Akademischer Rat a.Z. am "Institut für Evangelische Theologie" der Universität Regensburg. Nach der Promotion zum Dr. theol. in München wirkte er von 1991-1996 als Referent an der EZW. Seit Herbst 1996 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am "Institut zur Erforschung der religiösen Gegenwartskultur" der Universität Bayreuth und arbeitet an einem Habilitationsprojekt. Neben zahlreichen Aufsätzen, Fach- und Lexikon-Artikeln hat er folgende Bücher verfaßt: Das verheißene Lachen (Göttingen 1986, Turin 1989); Auferstehung der Toten - Hoffnung ohne Attraktivität? (FSÖTh 65, Göttingen 1991); Scientology - Religion oder Geistesmagie? (R.A.T. 1, Konstanz 1992, Neukirchen-Vluyn 2.A. 1995); Scientology - der Magie-Konzern (Medienpaket, Offenbach 1994); Die mit dem Tod spielen. Okkultismus - Reinkarnation - Sterbeforschung (Gütersloh 1994); Esoterik - die postreligiöse Dauerwelle (R.A.T. 6, Neukirchen-Vluyn 1995). Seit 1992 gibt er die Reihe Apologetische Themen (R.A.T.) im Friedrich Bahn-Verlag heraus.

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