Satans Macht und Wirken in den zwei Besessenen von Illfurt

mit einem Anhang:

Das besessene Kaffernmädchen

Nach authentischen Dokumenten bearbeitet von P. Sutter, Pfarrer von Wickerschwihr (O.-E.)
4. illustrierte und verbesserte Auflage
STRASBOURG
Société d'Edition de la Basse-Alsace (L'Alsacien)

Imprimatur: Argentinae 14 Januari 1921.
JOST, V. G.

Alle Rechte vorbehalten.

Maria, der unbefleckten Gottesmutter und glorreichen Siegerin über Sünde und Satan widmet diese Arbeit in dankbarer Verehrung
Der Verfasser.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort IX
I. Thiébaut und Joseph Burner 1
II. Die Teufel 7
III. Satan und die geweihten Gegenstände 11
IV Satan und die Gottesmutter 20
V. Verlust des Himmels. Höllenpein 27
VI. Satan und die Kilben, Bälle und Tänze 30
VII. Der Teufel als Prophet 33
VIII. Neue Ränke 48
IX. Das Martyrium der Knaben 53
X. Am Gnadenort Einsiedeln 60
XI. Satans Bekenntnisse 65
XII. Der ungläubige Doktor und der noch ungläubigere Lehrer 68
XIII. Die bischöfliche Kommission 73
XIV. Rapport des Gendarms Werner 79
XV. Gendarm Schini verduftet 87
XVI. Eine Szene in Saint-Charles 90
XVII. Thiébauts Befreiung 95
XVIII. Auch Joseph wird befreit 103
XIX. Der Sieg der Himmelsmutter 108
XX. Menschenwitz und Professorenwahn 113
Nachtrag 121

ANHANG:
Das besessene Kaffernmädchen.
I. Im Gottesdienst 124
II. Satan und das Kruzifix 131
III. Eine Predigt des Höllengeistes 133
IV. Furcht vor Maria, St. Michael. Sein grosses Wissen 136
V. Germana Cele 140
VI. Germana und Beicht 143
VII. Germanas erste Befreiung 145
VIII. Germanas zweite und endgültige Bekehrung 149
[Editorische Notiz]

Vorwort zur ersten Auflage.

Die katholische Kirche lehrt ausdrücklich, dass es Teufel und böse Geister gibt. Es sind dies persönliche Wesen, körperlose Geister, die einst als gute Engel im Stande der heiligmachenden Gnade von Gott erschaffen und zu hoher Herrlichkeit im Himmel bestimmt wurden. Gott aber, welcher niemanden krönt, der nicht zuerst gekämpft hat (II Tim., II 5), unterwarf alle Engel einer Prüfung, damit sie sich die ewige Seligkeit als Belohnung verdienten; doch sind in dieser Prüfung viele Engel gefallen. Sie wollten Gott gleich sein und haben durch ihren Stolz den Heiligen Geist und die heiligmachende Gnade verloren. Ihre Sünde war ausgesprochene Auflehnung gegen Gott, förmlicher Bruch des Geschöpfes mit seinem Schöpfer. Sie war mit der Geisteskraft und Willensenergie eines Engels begangen, mit der Absicht unwiderruflichen Festhaltens an ihrer Empörung, die nicht durch Unwissenheit und Schwachheit entschuldbar war: eine Sünde der reinsten Bosheit. Darum wurden sie auch von Gott sofort verworfen ohne Möglichkeit der Busse. Ihr ganzes geistiges Leben wurde verkehrt durch Verfinsterung des Verstandes und Verhärtung des Willens. Dazu kam der Verlust der ewigen Seligkeit und die Verdammung zu ewiger Höllenpein. „Gott hat der Engel, welche sündigten, nicht geschont, sondern mit Ketten der Hölle sie in den Abgrund gezogen und der Qual übergeben,“ schreibt der hl. Apostel Petrus (II Petr., II 4).
Die bösen Geister sind unsere Feinde. Sie beneiden uns, die wir, nach der Lehre des hl. Thomas, ihre Plätze in der himmlischen Glückseligkeit einst einnehmen sollen. Weil sie nun aber gegen Gott selbst nichts [ix | x] vermögen, suchen sie uns in Versuchung und Sünde zu stürzen und uns von Gott zeitlich und ewig zu trennen.
Mit den ersten Stammeltern haben sie den Anfang gemacht, und sie zum Ungehorsam gegen Gott gebracht. Durch diese Sünde fielen sie und alle ihre Nachkommen, mit alleiniger Ausnahme der allerseligsten Jungfrau Maria, in die Gewalt und Knechtschaft des Teufels, bis der Welterlöser, Jesus Christus, Gottes Sohn, auf Erden erschien und durch seine Menschwerdung: und seinen Tod am Kreuze die Werke des Satans zerstörte, seine Gewalt brach und die gefallenen Menschen aus seiner Knechtschaft befreite. Nun ist es dem Menschen möglich, mit der Gnade Gottes alle Versuchungen des Satans zu überwinden und die ewige Seligkeit zu erlangen.
Der Glaube an die Teufel ist so alt und so verbreitet wie das menschliche Geschlecht. Selbst die Heiden glaubten an die Existenz böser Geister, wenn sie auch diese Wahrheit verunstalteten und ihnen zumeist aus Furcht göttliche Ehre erwiesen. In der biblischen Geschichte des Alten Testamentes werden die Geister der Hölle sehr oft erwähnt, ihr verderblicher Einfluss auf die Menschen geschildert und ihre Bosheit gebrandmarkt. Wer denkt da nicht in erster Linie an die Geschichte des geduldigen Job und an die furchtbaren Uebel, die der Satan durch Zulassung Gottes ihm zufügte.
Zur Zeit Christi war der Glaube des jüdischen Volkes an das Dasein des Teufels und seines verderblichen Wirkens allgemein. Jesus Christus und seine Apostel bekräftigten diesen Glauben durch Wort und Tat. Sie lehrten, wie man den Versuchungen der bösen Geister widerstehen solle und trieben die Teufel aus den besessenen Menschen aus. Die katholische Kirche, die da eine Säule und Grundfeste der Wahrheit ist, handelt ebenso. Sie verlangt von den Gläubigen den Glauben an das Dasein dieser gefallenen Engel. Zu ihrem Schutze gibt sie ihnen eigene Waffen: das heilige Kreuzzeichen, das Weihwasser u. a. m.; sie ordnet Be- [x | xi] schwörungsformeln gegen die Besessenheit an und gibt ihren Priestern die Vollmacht, die Gewalt der bösen Geister zu vernichten und sie aus den Leibern besessener Menschen zu vertreiben.
Der liebe Gott lässt es nämlich aus uns unerforschlichen Gründen zu, dass der böse Geist den Menschen durch gewaltsames, quälendes Eingreifen in die menschlichen Tätigkeiten schädige oder plage, oder ihm an seinen zeitlichen Gütern schade (obsessio), wie beim geduldigen Job, St. Antonius (Einsiedler), hl. Theresia, heiligen Pfarrer von Ars, Maria von Mörl, Crescentia von Kaufbeuren u. a. m. Ja, es geschieht zuweilen, dass Gott ihm erlaubt, in den Leib eines Menschen einzudringen, mit demselben sich zu vereinigen, und über dessen Sinne, Organe und Glieder eine tyrannische Gewalt auszuüben. Vermöge dieser geheimnisvollen Innewohnung und tyrannischen Gewalt ist es ihm möglich, die Sinne des Menschen zu seinen Absichten zu gebrauchen und die geistigen Handlungen der Seele zu verwirren, so dass er die seltsamsten und wunderlichsten Wirkungen in demselben hervorzubringen vermag (possessio).
Die Kennzeichen wahrer Besessenheit sind folgende:
1. Kenntnis fremder, nie erlernter Sprachen.
2. Wissenschaftliche Einsichten – auffallende Fertigkeit, über wissenschaftliche Fragen sich auszusprechen – bei sonst nicht wissenschaftlich Gebildeten.
3. Kunde ferner und geheimer Dinge. Eindringen in die Gedankenwelt anderer.
4. Kraftäusserungen weit über alle menschlichen und natürlichen Kräfte.
5. Gebundenheit gewisser Organe (Blindheit, Taubheit oder Stummheit).
Dass die Besessenheit besonders in früheren Zeiten sehr oft vorkam, lehrt uns die Heilige Schrift und die Kirchengeschichte. Wie oftmals hat der göttliche Heiland Menschen von ihren bösen Geistern befreit. „Er trieb viele Teufel aus und gestattete nicht, dass sie re- [xi | xii] deten“ (Marc. I, 34). – „Es fuhren aber die Teufel aus vielen, rufend und sagend: Du bist der Sohn Gottes“ (Luc. IV, 41). – Bekannt ist auch die Geschichte der zwei Besessenen vom Gerasa (Luc. VIII, 31) und des besessenen Knaben am Fusse des Berges Thabor (Matth. IX, 33). Auch seinen Aposteln hat der göttliche Meister die Gewalt gegeben, die Teufel auszutreiben (Matth. X, 1). Die Kirche, in Uebereinstimmung mit den apostolischen Vätern und Kirchenlehrern aller Zeiten, hat den Glauben an ihre Macht über die besessenen Menschen deutlich bewiesen durch den Exorzismus – die Beschwörung –, d. h. eine feierliche Aufforderung an den Teufel, in den heiligsten Namen Jesu und Maria den besessenen Menschen zu verlassen oder sich aller Anfeindungen gegen die Menschen zu enthalten. Sie hat einen eigenen Stand der Kleriker eingesetzt, mit eigener Weihe – ordo exorcistatus –, um die Beschwörungen an den bedauernswürdigen Menschen vorzunehmen.
Die Besessenheit kommt seit dem Kreuztode Christi in den christlichen Ländern nur mehr selten vor, ist jedoch unter den Heiden auch jetzt noch ziemlich häufig, wie die Missionäre uns erzählen. Wenn auch selten, so geschieht es doch zuweilen, dass unser Herrgott dem höllischen Feind erlaubt, in den Leib eines Menschen zu fahren und darin sein Unwesen zu treiben. Noch sind zahlreiche Leute am Leben, die den Fall der beiden Kinder von Illfurt mit angesehen haben und die Wahrheit der verschiedenen Ereignisse heute noch bezeugen können; denn solche grausigen Dinge entschwinden dem Gedächtnisse nie mehr.
An Hand von authentischen Dokumenten, welche vom ganz vertrauenswürdigen Augen- und Ohrenzeugen, die als Sachverständige zur Untersuchung des Falles berufen worden waren, aufgezeichnet wurden, wollen wir die tragische, aber äusserst interessante Leidensgeschichte jener zwei Illfurter Knaben des Näheren beleuchten. Diese Dokumente entstammen teils dem Illfurter Pfarrarchiv – teils den an Ort und Stelle niedergeschriebenen Berichten des Herrn Altbürger- [xii | xiii] meisters und Reichstagsabgeordneten Ignace Spies-Schlettstadt, sowie des Herrn Professors Lachemann, die beide den Fall aufs gründlichste und gewissenhafteste studierten –, teils den Aufzeichnungen des am 2. November 1921 + [verstorbenen] Herrn Rektors Hausser, ehem. Aumôniers von Saint-Charles, und des Herrn André-Rappoltsweiler, dessen Obhut der älteste Knabe in den letzten Wochen anvertraut war. Ebenso wurde eine Artikelserie der „Revue catholique d'Alsace“ vom Jahre 1870 und die von Herrn Pfarrer Brey-Illfurt verfasste kurze Geschichte des Falles zu Rate gezogen. Selbstverständlich handelt es sich in dieser Abhandlung um rein geschichtliche Tatsachen, die keine doktrinäre, sondern nur eine rein menschliche Glaubwürdigkeit beanspruchen. [xiii | xiv]

Vorwort zur zweiten Auflage.

Nachdem die erste Auflage des Büchleins in kurzer Zeit vergriffen war, musste an eine zweite Auflage gedacht werden. Sie ist um eine Reihe von Einzelheiten vermehrt worden. Allenthalben hat die tragische und äusserst spannende Geschichte des unglücklichen Bruderpaares von Illfurt das grösste Aufsehen und das lebhafteste Interesse erweckt. Welt- und Ordensgeistliche haben die einzelnen Kundgebungen der Besessenen mit bestem Erfolg in ihren Predigten und Unterrichten verwendet und im Herzen mancher Sünder heilsame Ewigkeitsgedanken wachgerufen.
Wahrlich, in unserem materialistischen Zeitalter ist kaum eine Lektüre so geeignet, den Glauben an die Existenz und das unheimliche Wirken der Höllengeister mehr zu kräftigen und einen heilsamen Schrecken vor Sünde und Satan einzuflössen, als die schlichte, wahrheitsgetreue Erzählung der schauerlichen Szenen teuflischer Bosheit in unschuldigen Kindern.
Möge auch diese 2. Auflage in die katholischen Familien eindringen und in den Herzen der Leser heilsame Früchte hervorbringen, einzig Gott zur Ehre und zum Heil der unsterblichen Seelen.
Eichhofen, den 1. November 1921.
Der Verfasser. [xiv | xv]

Vorwort zur vierten Auflage.

Die überaus tragische Geschichte der beiden armen Kinder von Illfurt hat im Laufe der zwei vergangenen Jahre eine ungeahnte Verbreitung bis in die entferntesten Länder der Erde gefunden. Fast alle „Semaines religieuses“ (Diözesanblätter) Frankreichs haben das Büchlein erwähnt und sehr lobend besprochen. Zahlreiche Bischöfe und andere hochgestellte Geistliche und Laien, besonders auch der berühmte Herz-Jesu-Apostel Pater Matéo haben das Werk in Wort und Schrift sehr warm empfohlen.
Ausser den vier französischen Ausgaben ist bereits eine englische, italienische, spanische, portugiesische, ungarische, indische und brasilianische Ausgabe erschienen. Auch die Schweiz, sowie Deutschland haben ihre eigenen Ausgaben. In Vorbereitung sind zurzeit Ausgaben für die Vereinigten Staaten, Polen, Croatien, Slovenien und Annam.
Dieser seltene Erfolg beweist die Nützlichkeit und hohe Volkstümlichkeit dieser Schrift. Wie einst zu Lebzeiten Jesu der Satan, von der Allmacht des Weltheilandes bezwungen, bei mancher Gelegenheit der Wahrheit die Ehre geben musste, so muss auch die entsetzliche Tyrannei, welche er an seinen zwei unschuldigen Opfern ausübte, dazu mithelfen, die Seelen mit heilsamer Furcht vor der Sünde und mächtigem Vertrauen auf Gott und seine unbefleckte Mutter zu erfüllen.
Wickerschwihr, den 1. November 1926.
Der Verfasser. [xv | xvi]

I. Thiébaut und Joseph Burner.

In der Ortschaft Illfurt, zwei Wegestunden südlich Mülhausen, die damals zirka 1200 Einwohner zählte, wohnte die arme, aber brave Familie Burner. Der Vater Joseph Burner war fahrender Händler, der landauf, landab mit Zündhölzern und Zunder handelte; die Mutter Marie Anna Foltzer besorgte ihre fünf noch unmündigen Kinder. Ihr ältester Sohn, Thiébaut, wurde geboren am 21. August 1855 und der zweite Sohn, Joseph, am 29. April 1857. Mit 8 Jahren besuchten sie die Volksschule. Es waren stille, mitteltalentierte, etwas schwächliche Kinder. Im Spätjahr 1864 wurde Thiébaut sowie sein jüngerer Bruder von einer geheimnisvollen Krankheit befallen. Der zuerst herbeigerufene Arzt Dr. Lévy von Altkirch sowie andere zugezogene Aerzte, wussten sich die Art der Krankheit nicht zu erklären. Alle die verschiedenen Medikamente hatten keinerlei Wirkung, Thiébaut wurde so mager, dass er nur mehr einem wandelnden Schatten glich.
Vom 25. September 1865 ab zeigten sich an den Knaben ganz abnorme Erscheinungen, Auf den Rücken liegend, drehten sie sich mit unheimlicher Schnelligkeit im Kreise herum wie ein Kreisel. Dann fingen sie an, die Bettstellen und andere Möbel mit wuchtiger Kraft und Ausdauer zu bearbeiten, was sie „dreschen“ [1 | 2] nannten, ohne dabei die geringste Müdigkeit zu verspüren, wenn das Dreschen noch so lange dauerte. Darauf verfielen sie wieder in Krämpfe und Zuckungen, dann wieder in solche Niedergeschlagenheit, dass sie stundenlang ohne Bewegung, gleichsam leblos dalagen.
Ausserdem überfiel die Knaben nicht selten eine Art von Wolfshunger, den nichts zu stillen vermochte. Auch schwoll ihnen der Unterleib hoch an, und es kam den Kindern vor, als laufe im Magen etwas wie eine Kugel oder bewege sich wie ein lebendes Wesen springend auf und ab. Die Beine hielten die Knaben oft wie biegsame Ruten zusammengewunden, und kein Mensch konnte sie auseinanderreissen.
Der ältere Knabe, Thiébaut, wurde namentlich durch ein peinliches Wesen verfolgt, das einen Entenschnabel und bekrallte Hände hatte und am Leibe mit unsaubern Federn bedeckt war. Sobald der Knabe dieses Wesen über seinem Bette schweben sah, schrie er erschreckt auf, denn das Gespenst drohte ihm mit Erwürgen, so dass der Knabe auf dasselbe losstürzte und ihm Federn ausriss, wenigstens 20-30 Mal am hellen Tage, vor 100 Personen, unter denen sich nicht leichtgläubige Männer aus allen Klassen befanden. Diese abscheulich stinkenden Federn hinterliessen beim Verbrennen keine Asche.
Oftmals, wenn die Kinder auf ihren hölzernen Stühlen sassen, wurden die Stühle mitsamt ihnen durch eine unsichtbare Hand emporgehoben; nachher wurden die Kinder in eine Ecke geschleudert, während die Stühle in eine andere Ecke flogen. Ein andermal fühl- [2 | 3] ten sie wieder am ganzen Körper ein schmerzhaftes Prickeln und Stechen, und dann holten sie aus ihren Kleidern Unmengen von Federn und Seegras hervor, dass der Boden damit ganz bedeckt wurde. Man mochte ihnen Hemd und Kleider noch so oft wechseln, immer wieder kamen die Federn und das Seegras zum Vorschein. Diese Federn, die auf so unerklärliche Weise ihren Körper bedeckten, waren so stinkend, dass man sie nicht aufbewahren konnte. Wenn man sie verbrannte, war keinerlei Asche zu sehen.
Die schrecklichen Krämpfe, und die Misshandlungen aller Art brachten die Knaben so weit, dass sie das Bett hüten mussten und ihr Körper mächtig aufschwoll. Brachte man zufällig einen geweihten Gegenstand, ein Kreuzchen, eine Medaille, einen Rosenkranz in ihre Nähe, dann gerieten sie in heftigen Zorn und Raserei. Sie beteten nicht mehr. Die Namen: Jesus, Maria, Heiliger Geist u. a. m., welche die Anwesenden aussprachen, machten sie zittern und erbeben. Gespenster, nur für sie sichtbar, erfüllten sie mit Furcht und Entsetzen.
Furcht und Entsetzen ergriff aber auch die Eltern, die solchem furchtbaren Schauspiele hilflos zusehen mussten. Verwunderung ergriff die Nachbarn und die immer zahlreicher werdenden Besucher von nah und fern, denn bald wurde die Sache ruchbar und jedermann wollte die armen Kinder sehen. Was war mit ihnen geschehen?
In Illfurt lebte eine alte, übel beleumundete Frau, die von ihrem Heimatsort wegen ihrer Liederlichkeit fortgejagt worden war. Von ihr sollen die Kinder ei- [3 | 4] nen Apfel angenommen und gegessen haben. Das wäre der Anfang ihrer so auffallenden Krankheit gewesen. So wenigstens erzählten wiederholt die Geister, die in den Kindern hausten. Wie dem auch sei, es stellte sich bald heraus, welcher Art diese Geister waren, denn an den Früchten lässt sich der Baum leicht erkennen.
Oftmals lagen die Kinder stundenlang ruhig und apathisch da. Plötzlich veränderte sich ihr Wesen. Sie wurden nervös und aufgeregt und gestikulierten und schrien in einemfort. Ihre Stimme war jedoch nicht die eines Kindes, wohl aber eine starke, rauhe und heißere Männerstimme. Dabei hatten die Kinder den Mund meist geschlossen; es war offenbar, dass sie bei diesen Reden und diesem Schreien gar nicht selbst beteiligt waren, dass vielmehr andere unsichtbare Wesen aus ihnen redeten. Stundenlang konnten sie in einemfort rufen: „Nudeln, Knöpfeln, Wasserschnitten!“ Es war rein zum Davonlaufen, und die Eltern wussten sich nicht mehr zu helfen. Endlich kam der Vater auf den Gedanken, den Kindern zu sagen: „Schreit, Kinder, schreit noch stärker zur Ehre Gottes.“ Bei der ersten und zweiten Aufforderung wurde das Geschrei schon schwächer, um bei einer weiteren Aufforderung ganz aufzuhören. Herr Tresch erreichte sofortige Ruhe, indem er den Kindern zurief: „Im Namen der heiligsten Dreifaltigkeit – schreit noch stärker.“
Die leiseste Anspielung an die heiligste Dreifaltigkeit jagte den Besessenen die grösste Furcht ein. Thiébaut begehrte einmal von der Schwester ein Glas Wasser. Die Schwester reichte ihm dasselbe mit den Worten: „Trinke, Thiébaut, aller guten Dinge sind drei.“ [4 | 5] Sofort wandte sich der Kleine ab und war nicht zu bewegen, das Wasser zu trinken.
Ganz auffällig war die Angst der Kinder vor geweihten Sachen, ihr heftiger Widerwille gegen Kirche, Gebet und Gottesdienst, sodann die entsetzlichen Flüche und unflätigen Redensarten, deren sie sich sehr oft bedienten, und die den Kindern vorher völlig fremd gewesen waren. Auch redeten und antworteten sie in den verschiedensten Sprachen, das Französische, Lateinische und Englische sprachen sie geläufig und verstanden auch die verschiedensten französischen und spanischen Patois (Dialekt). Kein Wunder, dass jedermann die bedauernswerten Kinder sehen wollte, und dass sich die weltliche und geistliche Obrigkeit um ihr Schicksal kümmerte und die Sache aufs gründlichste untersuchen liess.
In erster Linie war es der ehrwürdige Ortspfarrer, Herr Charles Brey, ein sehr gottesfürchtiger, edler Seelenhirte, dem das Schicksal der Familie Burner, besonders der zwei armen Kinder, nahe ging. Er hatte bald heraus, dass die Erscheinungen lediglich dämonischen Ursprungs waren, und dass es sich da um den allerdings seltenen Fall von Besessenheit handelte. Auf irgend eine andere Art waren alle Dinge vernünftigerweise nicht zu erklären. Er berichtete daher die Angelegenheit an die geistliche Obrigkeit, die eine Kommission von drei geistlichen Herren zur offiziellen Untersuchung nach Illfurt beorderte und später die Beschwörung vornehmen liess. Der Herr Pfarrer wurde kräftig unterstützt von seinem braven und getreuen Bürgermeister, Herrn Tresch, und den besten Familien von [5 | 6] Illfurt. Es gab zwar immer noch Zweifler, aber deren Zahl war gering, und die bösen Geister zeigten ihre volle Zufriedenheit mit ihnen. Hingegen waren sie ergrimmt gegen jene, die ihre Natur durchschauten, besonders gegen den Herrn Pfarrer und Bürgermeister, sowie gegen Herrn Ignace Spies, den Bürgermeister von Schlettstadt, gegen dessen Freund, Herrn Martinot, Directeur de Régie, ebenfalls von Schlettstadt, und den Professor Lachemann von St. Pilt aus der Kongregation der Frères de Marie. Diese drei waren extra aus der Ferne gekommen, um den Fall zu beobachten und genau zu studieren. [6 | 7]

II. Die Teufel *

In jedem Knaben hausten mindestens zwei höllische Geister. Sie verschwiegen ihre Namen, solange sie konnten. Von Pater Souquat in Jesu Namen aufgefordert, rückten sie doch mit der Sprache heraus. Der ältere Knabe, Thiébaut, war von den Teufeln Orobas und Ypès besessen. Letzterer nannte sich einen höllischen Grafen, der über 71 Legionen herrschte. Einer der Teufel, der im jüngeren Knaben, Joseph, hauste, nannte sich Solalethiel, vom andern hat man den Namen nicht in Erfahrung bringen können. Dieser Solalethiel war verschmitzter und grausamer als die Teufel im älteren Bruder, Ypès dagegen war mit Taubheit geschlagen, denn so lange er den Knaben beherrschte, war dieser vollständig des Gehöres beraubt, so zwar, dass er auf eine dicht neben dem Ohre abgeschossene Pistole auf keine Weise reagierte. Erst im Augenblick seiner Befreiung erhielt Thiébaut das Gehör wieder.
Eines Tages fragte Herr Martinot den Besessenen auf lateinisch: „Unde venis?“ „Wo kommst du her?“
Dieser machte eine Gebärde der Verachtung und sprach: „Tu es diabolus!“ „Du bist ein Teufel!“
„Du auch,“ erwiderte Herr Martinot.

* Aus den Archiven der Pfarrei Illfurt. [7 | 8]

Noch zweimal nannte der Besessene ihn Satan und Teufel, ebenso den anwesenden Herrn Spies.
„Ich bin kein Teufel,“ protestierte Herr Martinot, „du selbst bist einer, und vielleicht ein Chef der Teufel.“
Dieser Gedanke schmeichelte seinem Stolz: „Jawohl,“ rief er, „ich bin Chef über 71 Legionen.“
„Nur über 70 Legionen bist du Chef,“ erklärte der Angeredete.
„Ueber 71 Legionen,“ wiederholte der Satan.
„Nun gut, über 71 Legionen, und du armer Chef, du solltest dich deiner Unwissenheit schämen. Du kennst weder deinen noch meinen Namen.“
„Doch, doch, ich kenne meinen und deinen Namen so gut wie du, aber ich sage ihn dir nicht. Wärest du ein Jude,“ setzte er hinzu, „so würde ich dir in allen Sprachen antworten.“
Er sagte die Wahrheit, denn wenn er wollte, antwortete er in den verschiedensten Sprachen, besonders in Englisch und Französisch. Am selben Tage unterhielt sich Thiébaut eine halbe Stunde lang in tadellosem Französisch, ebenso Joseph, er, der kaum lesen konnte. Ja, als sie einmal allein waren, und nur eine Nachbarin die Kinder beaufsichtigte, unterhielten sie sich den ganzen Tag in französischer Sprache.
Die bischöfliche Behörde beorderte zwei Niederbronner Schwestern, Severa und Methula, mit der Beaufsichtigung der armen Kinder. Als sie in Illfurt ankamen, war der Bürgermeister und mehrere Notabeln der Gemeinde am Bahnhof, um sie zu empfangen und sie zu den Kindern zu führen. Diese, obschon sie die [8 | 9] Schwestern noch nie gesehen oder gekannt hatten, nannten sie sofort bei ihren Klosternamen und dutzten sie. Der Schwester Severa, einer Bayerin, nannten sie die Zahl ihrer Geschwister und verkündigten ihr die Art ihrer Beschäftigung und enthüllten ihr mehrere Familiengeheimnisse. Die Schwestern kamen aus dem Erstaunen nicht mehr heraus.
Plötzlich sagte Joseph zu ihr:
„Du würdest mir Freude machen, wenn du mir das blaue Fläschchen schenktest, das du in deinem Koffer hast.“
Dieser Koffer stand noch am Bahnhof. Der Bürgermeister liess ihn holen. Unterdessen fragte er die Schwester, was es mit dem blauen Fläschchen für eine Bewandtnis habe.
„Jawohl,“ antwortete die Schwester, „ich habe in meinem Koffer ein blaues Fläschchen mit Aether zu meinem persönlichen Gebrauch.“
Alle Anwesenden staunten, nur Herr Miclo, der Lehrer, nicht, der weder an Gott noch an den Teufel glaubte.
Kurz darauf kamen zwei Niederbronner Schwestern, die in Altkirch amtierten, auf Besuch zu ihren Mitschwestern. Sie unterhielten sich leise miteinander über die Besessenen und die sonderbaren Erscheinungen, die da vorkamen. Thiébaut, der ganz taub war und das Gespräch also weder hören noch verstehen konnte, lag auf dem Bette. Eine der Schwestern war jedoch von der Besessenheit nicht überzeugt, sie sprach von einer Nervenkrankheit. Da trat der Herr Pfarrer herein, als eben die Altkircher Schwestern sich verab- [9 | 10] schieden wollten. Thiébaut erzählte nun dem Herrn Pfarrer alles, was die Schwestern gesagt hatten, und fügte hinzu: „'s Prahlmadamele vo Altkirch glaubt's nit.“
Die Höllengeister hatten auch wieder ihre Vorgesetzten, ihre Meister, vor denen sie zitterten. Ab und zu bekamen sie Besuch, der ihnen nicht sehr willkommen war. Einmal rief der eine der Knaben im Delirium: „Aha, jetzt kommt der Meister!“ – „Welcher Meister?“ fragte man ihn. – „Eh! unser Meister!“ – „Ist er stärker als du?“ – „Ja.“ – „Wie sieht er aus?“ – „Er hat zwei Füsse, den Körper mit Federn bedeckt, einen langen Hals, einen Entenschnabel, die Hände sind wie Katzenkrallen, die er vorstreckt.“ – „Nun, so fasse ihn, wenn er kommt.“ – Gleich darauf schrie der Knabe: „Da ist er! Da ist er!“
Mit dem Meister kamen auch noch andere Höllengeister, seine Trabanten. „Wir sind ihrer viele,“ meldete dann der Besessene. Ab und zu erschien der Meister in Gestalt eines wilden Menschen, oder eines Hundes, oder auch einer Schlange.*)

* Aus den Aufzeichnungen des Herrn Professors Lachemann. [10 | 11]

III. Satan und die geweihten Gegenstände.*

Der dämonische Charakter der Besessenheit offenbarte sich hauptsächlich, wenn man den Knaben mit Weihwasser oder geweihten Rosenkränzen und Medaillen nahe kam. Dann fingen sie an zu toben; der Schaum lief ihnen aus dem Munde, und sie wehrten sich mit äusserster Energie gegen eine solche Berührung. Mischte man einige Tropfen Weihwasser in die Speise, so heimlich man es immer tun konnte, dann berührten sie sie nicht. „Weg mit deinem Dreck, er ist vergiftet,“ riefen sie dann. Wollte man ihnen die Nahrung mit Gewalt beibringen, dann wehrten sie sich aus Leibeskräften, schlugen um sich und bissen die Zähne mit aller Gewalt aufeinander. War aber kein Weihwasser in der Nahrung, dann verzehrten sie sie und verschlangen sie gierig. Man musste die Knaben veranlassen, die Nahrung mit 3 Fingern der rechten Hand zum Munde zu führen, denn der Teufel hatte einmal erklärt: „Was das „Hündlein“ (so nannte er den Knaben) mit der linken Hand isst, oder mit nur 2 Fingern der rechten Hand, das ist für mich und nicht für ihn.“
Eine Nachbarin, Frau Brobeck, hatte etwas Weihwasser in die Medizin getan, die die Kinder nehmen sollten: „Lieber nehmen wir alle „Gütterlein“ aus der

* Aus den Dokumenten des Herrn Abgeordneten Spies. [11 | 12]

Apotheke, als dass wir etwas von der Familie Brobeck annehmen.“ Ein anderes Mal bot man ihnen Feigen dar, die ein Priester gesegnet hatte: „Weg mit deinen Rattenköpfen, der Pfaff hat Grimassen darüber gemacht,“ rief der Knabe.
Herr Spies hielt einmal dem älteren Knaben eine kleine Reliquie des seligen Gerard Majella vor das Gesicht mit den Worten: „Schau, da ist einer, der manchen von deiner Sippschaft in die Flucht gejagt hat.“ Alsobald machte der Knabe eine Grimasse, blähte die Backen auf, biss gewaltsam die Zähne aufeinander und hielt die Lippen zusammengepresst Da drückte ihm Herr Spies die Reliquie auf die Lippen. Der Kleine wehrte sich mit Leibeskräften, drehte sich um und gebärdete sich wie ein Verzweifelter. Endlich schrie er: „Pack dich los, Italiener.“ Tatsächlich war Gerard Majella ein junger italienischer Liguorianerbruder, der im Rufe der Heiligkeit gestorben war. Auf natürliche Weise hatte der Besessene das keineswegs wissen können.
Was der Satan ganz besonders fürchtete, war die geweihte Benediktusmedaille. Deshalb wollten beinahe sämtliche Pfarrkinder von Illfurt solche Medaillen haben und trugen sie stets bei sich. Als Herr Tresch den Knaben einmal aus einem Gebetbuche vorbetete, schrien sie: „Es ist nicht notwendig, dass du hierher kommst, uns vom „Païas am Hölzlein“ und von der „grossen Dame“ zu sprechen.“ So nannten sie stets den lieben Heiland und seine heilige Mutter.
Gegen letztere hatten sie einen furchtbaren Respekt. Als Herr Tresch einmal einem der Knaben eine [12 | 13] Medaille der Mutter Gottes von der immerwährenden Hilfe in die Ohren steckte (der Kleine war taub) und dem Teufel befahl, aus dem Ohr zu gehen, rief dieser: „Ich kann nicht, denn dort ist Schwefel, Harz und Pech.“
Wenn ihm die Schwester etwas zu essen und zu trinken brachte, und sie hatte auf noch so heimliche Weise auch nur einen einzigen Tropfen Weihwasser hineingetan, so rührte er die Speise nicht an; gewöhnlich schleuderte er Teller oder Glas an eine Wand, ohne dass sie zerbrachen. Da trat auch einmal ein junger Mensch aus Illfurt, 24 Jahre alt, ins Zimmer, um die Knaben zu sehen. Die Krisis hatte soeben begonnen. Da fing einer von ihnen an zu lachen und rief: „Aha, du hast das Geld gefunden; so viel im Wohnzimmer, so viel im Bett, so viel auf dem Speicher.“ Und dabei nannte er verschiedene Summen. Herr Tresch, der Bürgermeister, fragte darauf den Jüngling, was es damit für eine Bewandtnis habe, und dieser bestätigte, dass er vom Herrn Pfarrer den Auftrag erhalten habe, das kleine Opfer, welches seine vor einigen Tagen verstorbene Verwandte für die Kirche bestimmt hatte, ihm zu überbringen. Um es den Augen habgieriger Erben zu entziehen, hatten sie das Geld an verschiedenen Orten verborgen, von denen nur der Jüngling etwas wusste. Bevor dieser die Kinder verliess, riefen sie ihm noch zu: „Ja, ja, gut essen, gut trinken und ein schlechtes Leben führen, das bringt dich in den Himmel.“
Ganz verdutzt verliess der Jüngling das Haus. Kein [13 | 14] Zweifel, dass diese Warnung von Seiten der Besessenen ihm für sein ferneres Leben sehr heilsam wurde.
Ehe Herr Tresch die Kinder verliess, besprengte er ihr Bett noch mit Weihwasser mit den Worten: „Sit nomen Domini benedictum“ (der Name des Herrn sei gebenedeit), – „Non sit, non sit“, knirschte der Satan.
Ein Priester legte einmal einem der Besessenen im Schlafe eine geweihte Medaille auf das Ohr. Plötzlich fing das Ohr an zu zittern, bis die Medaille heruntergefallen war. So geschah es auch, als dieselbe dem Knaben auf den Kopf gelegt wurde. Gelang es demselben, einem geweihten Gegenstand zu verstecken, dann konnte er weidlich lachen und sagte dann zu den Umstehenden: „Such deinen Dreck, er stinkt.“
Den Priestern gegenüber zeigte sich der Teufel stets hasserfüllt. Er hatte für sie nur Spott- und Schimpfnamen, die er wohl den neumodischen liberalen Herrlein oder den ochsenblutroten Sozen abgelauscht hatte: „Schwarzkutte, Stinker, Pfaff“. Das waren noch die unschuldigsten Namen. Herrn Superior Stumpf beehrte er mit seinem besonderen Hasse. „Jetzt gehe ich zum Stumpfle, dem Stinker, um ihn zu plagen.“ Nach einer Weile rief er frohlockend: „Ah, ich habe ihm einen Streich gespielt, wenn er dabei nur kaput gegangen wäre.“
Als man nachforschte, gestand der Herr Superior, dass er tatsächlich zu derselben Zeit von einer unsichtbaren Gewalt in die Höhe gehoben worden sei, dass seine sämtlichen an der Wand befestigten Tafeln zu Boden geflogen und seine Möbel von der Stelle gerückt und umgeworfen worden seien, und dass ein heilloser [14 | 15] Spektakel in seinem Zimmer stattgefunden habe, bis dasselbe mit Weihwasser besprengt und den höllischen Geistern im Namen Gottes befohlen habe, ihn ruhig zu lassen. Der Satan bekannte selbst: „Der Stümpfle, der Elende, hat mir den Eingang versperrt, indem er sein Zimmer mit Unrat verschmiert hat.“
Ihm waren Juden, Protestanten und besonders Freimaurer viel sympathischer: „Das sind brave Leute,“ sagte er zuweilen, „so sollten alle sein. Die sind's, welche die wahre Freiheit wollen. Sie sparen unserm Meister viel Mühe und gewinnen ihm viele Leute. Aber die Dreckler (Katholiken) und die Schwarzkutten (Priester) machen ihm grossen Schaden und entreissen ihm viele Seelen.“
Vor dem geistlichen Kleid oder dem Habit eines Ordensmannes hatte er einen grossen Abscheu. Er duldete es nicht, dass man ihn damit nur berührte, dagegen liess er es gern geschehen, wenn ein Laie ihn mit seinem Ueberzieher oder sonst einem Kleidungsstück bedeckte. Ein starkes, kupfernes Kreuz, das man Joseph anlegte, verbog sich alsbald und nahm die Gestalt eines X an, bis man es wegnahm. Dieses Schauspiel wiederholte sich allemal, wenn man ihm das Kreuz über die Schultern legte. Ein Skapulier, mit dem man ihn einmal bekleidete, flo,g in hohem Bogen in die Luft und fiel auf das Képi des zufällig anwesenden Gendarmen Werner, ohne dass der Knabe sich nur im mindesten gerührt hätte.
Zu Herrn Tresch sagte er einmal: „Wenn ihr andern in den Schweinestall (Kirche) gehet, eure Hände erhebet und plärret (betet), kommt ihr alle da hinauf“ [15 | 16] – er zeigte zum Himmel empor. „Aber die es nicht so machen, kommen zu uns.“
Einmal legte eine Besucherin aus Bettendorf dem Knaben einen geweihten Rosenkranz auf die Brust, während man ihm die Hände hielt Da schrie er: „Wenn ich deine Geissenbollen erwische, werde ich den Katzenschwanz in Stücke reissen; aber das Bild der grossen Dame, das daran hängt, darf ich nicht berühren.“ – „Was ist denn auf der Medaille?“ fragte man darauf. – „Ein Knabe und ein Mädchen, die die grosse Dame beschützt.“ Als man nachschaute, war es tatsächlich eine Medaille von La Salette, die Erscheinung der Mutter Gottes vorstellend mit den zwei Kindern.
Ein anwesender Laie betete fromm: „Von den Nachstellungen des Teufels erlöse uns, o Jesu“ –, da geriet der Besessene in eine gewaltige Wut und schrie: „Still, du lügst, halt's Maul, nein, nein.“ Am schlimmsten gebärdete sich der Satan bei Gelegenheit einer Fronleichnamsprozession, als man einen der Knaben in ein Haus gebracht hatte, an dessen Front ein Sakramentsaltar aufgeschlagen worden war. Der Teufel schrie und lärmte und tobte, dass es nimmer zum Aushalten war. Er beruhigte sich erst, als die Prozession vorüber war.
* Frau Werner, die Frau des Gendarmen, wollte den Kindern eine Freude machen. Sie kaufte ein grosses Bilderblatt, welches eine ganze Fronleichnamsprozession vorstellte. Da fehlte niemand, vom Kirchenschweizer bis zum Herrn Pfarrer mit der Monstranz.

* Bericht des Brigadiers Werner. [16 | 17; dazwischen das Bild von Ch. Brey, Pfarrer von Illfurt.]

Jedes Alter und jedes Geschlecht war vertreten, Knaben und Mädchen, Jünglinge und Jungfrauen, auch ältere Personen und Fahnenträger, sogar ein Altar war vorhanden, wie man sie am Fronleichnam in jeder Ortschaft aufschlägt. Frau Werner schnitt nun die einzelnen Figuren aus, klebte sie mit in Wasser aufgelöstem Gummi auf dünnen Karton und befestigte sie auf einem kleinen Hölzchen zum Aufstellen. Zu allen Figuren nahm sie bei der Gummiauflösung nur gewöhnliches Wasser; für den Schweizer, die schönste Figur von allen, aber mengte sie einige Tropfen Weihwasser dazu, um die Kinder auf die Probe zu stellen.
Dann brachte sie die Figuren auf das Bürgermeisteramt, wo die Kinder einstweilen wohnten und von den zwei Niederbronner Schwestern gepflegt wurden. Herr Pfarrer Brey war eben anwesend. Die Kleinen waren ganz entzückt ob der herrlichen Figuren, so was hatten sie noch nie gesehen. Da sie gerade ruhig waren, stellte Herr Brey die Figuren auf den Tisch in Reih und Ordnung – zuerst den Altar, dann allen voran, wie sich's gebührt, den Kirchenschweizer, sodann die Jugend, die Geistlichkeit – zuletzt Männer und Frauen. Thiébaut und Joseph betrachteten aufmerksam und mit grossem Interesse die Aufstellung. Nach einer Weile zerstörte der Herr Pfarrer die schöne Ordnung und bat die Kinder ihrerseits, die Figuren, die nun ihnen gehörten, auch in Reih und Glied zu stellen.
Thiébaut machte sich mit Eifer an die Arbeit. Er fing mit den hintersten Figuren an und stellte sie sachgemäss in Ordnung; den Schweizer bekam er erst zuletzt in die Hände. Sobald er ihn angefasst hatte, [17 | 18] schleuderte er ihn gegen die Türe, das Gesicht ganz voll Wut. Joseph, ganz erstaunt ob des Gebarens seines Bruders, erhob sich sofort, um die Figur zurückzuholen. Wie er sie aber anfasste, geriet auch er in Zorn, zertrat sie und rief: „Do hesch jetzt, Kirchaschnitzer“.
Die Anwesenden wussten nicht, was das zu bedeuten hatte, bis Madame Werner ihnen mitteilte, dass sie sich zur Verfertigung desselben einiger Tropfen Weihwassers bedient hatte.
Die besseren Familien Illfurts taten sich zusammen, um abwechselnd den armen Kindern für den Mittagstisch und eine kräftigere Kost zu sorgen, die Reihe war an Frau Nico, der Wirtin „zum weissen Rössle“. Da sandte sie ihre Nichte, Fräulein Lina Meyer, mit einer excellenten Linsensuppe zu den Kindern, denen gerade diese Speise die allerliebste war. Schon freuten sich beide beim Anblicke der duftenden Suppe und schickten sich an, ihre Teller damit zu füllen. Plötzlich stiessen sie jedoch die Schüssel zurück und riefen: „Fort, schnell fort mit deinem Dreck.“
Was war geschehen? Sie hatten die Suppe nicht einmal versucht. Gendarm Werner begab sich hierauf zu Frau Nico, um nachzuforschen, was los sei. Die Frau gestand ihm offen, dass sie bisher an Besessenheit nicht geglaubt habe, und dass sie, um die Kinder zu prüfen, einen Esslöffel voll Weihwasser der Speise hinzugefügt habe. Nun sei sie überzeugt, dass von einem Schwindel keineswegs die Rede sein könne.
Aehnliche Szenen ereigneten sich, wenn auch in geringerem Masse, jedesmal, wenn man die Knaben mit [18 | 19] einem Kruzifix, einem Rosenkranze oder sonst mit einem geweihten Gegenstand in Verbindung brachte. Immer dasselbe Entsetzen, dasselbe Grauen, dasselbe Schimpfen und dieselbe Raserei. Sie beweisen die ganz erstaunliche Kraft und Wirksamkeit der Sakramentalien, die in der Hand des gläubigen Christen eine ganz vortreffliche Waffe bilden gegen die Angriffe und Versuchungen des höllischen Feindes. [19 | 20]

IV. Satan und die Muttergottes.*

Während der Teufel alles Heilige, selbst unseren Herrgott nicht ausgenommen, mit Schimpf- und Spottnamen betitelte, wagte er es nie, die Gottesmutter zu beschimpfen, Als man ihn nach dem Grunde fragte, antwortete er: „Ich darf nicht, der „Païas am Hölzle“ hat mir's verboten.“ Immer nannte er sie nur: „Das grosse Dame“.
Als Thiébaut einmal ruhig war, gab man ihm eine Muttergottestafel, mit der er spielte. Plötzlich kam die Krisis. Er warf die Tafel mit Gewalt zu Boden, dass sie zerschmetterte. Der anwesende Professor Lachemann, Frère de Marie von St. Pilt, fragte ihn lateinisch, während die andern ihn zur Ruhe zwangen: Quid sentis de Immaculata Conceptione Beatae Mariae Virginia, quae contrivit caput tuum? (Was hältst du von der Unbefleckten Empfängnis Maria, die dir den Kopf zertreten hat?) Wütend schrie er: „Pack dich fort, pack dich fort, mit deiner grossen Dame, ich will nichts von ihr wissen.“
Darauf fing er an, so grässlich zu fluchen und zu lästern, dass die Krankenschwester, die ebenfalls anwesend war, voll Schrecken und Entsetzen Weihwasser nahm und ihm Stirn, Mund und Brust im Namen der

* Bericht des Herrn Professors Lachemann. [20 | 21]

heiligen Dreifaltigkeit mit drei Kreuzen bezeichnete, worauf der Kranke sich vollständig beruhigte.
Es wurde bereits bemerkt, dass auf Veranlassung: des Herrn Pfarrers Brey zwei Niederbronner Schwestern, Schwester Severa und Schwester Methula, die beiden Knaben beständig bewachten und pflegten. Es war eine überaus harte Arbeit und die guten Schwestern mussten manches hören und manches erleben.
Eines Tages fragte Professor Lachemann den Aeltesten: „Sprich, was hältst du von den Kongregationen und speziell von den Frères de Marie?“
Der Kleine antwortete nicht. Darauf fragte er ihn abermals auf deutsch:
„Wo befindet sich das Bild der Mutter Gottes in der Kapelle vom St. Filter College?“
Wiederum schwieg der Kleine. Als der Professor ein drittes Mal fragte, antwortete er zornig:
„Du, du hältst es immer mit den Pfaffen. Du plärrst (betest) immer im Schweinestall auf der linken Seite.“
Die Anwesenden fragten darauf Herrn Lachemann, was der Kleine damit meine. Der Gefragte erklärte ihnen darauf, dass die Angaben des Besessenen genau stimmten. Denn in der Kapelle des Pensionats habe er seinen Platz stets auf der linken Seite, um die Zöglinge beaufsichtigen zu können.
Zwei Studenten von Moissac (Tarn-et-Garonne), die bei den Frères de Marie zu Besançon studierten, waren nach St. Pilt gekommen, um dort ihre Osterferien zuzubringen. Herr Lachemann gab ihnen einen Empfehlungsbrief an seinen Verwandten, Herrn Tresch, mit, damit sie die besessenen Knaben sehen könnten. Sie [21 | 22] gingen in das Haus Burner und blieben daselbst bis 1 Uhr morgens. Verwundert, die Kleinen mit einer Männerstimme reden zu hören, ohne dass ihre Lippen sich bewegten, richten sie an dieselben etliche Fragen in baskischem Patois, das sehr dem Spanischen gleicht.
Herr Tresch verstand davon kein Wort. Die Knaben aber antworteten ihnen auf französisch auf alle ihre Fragen. Die Studenten fragten hierauf die Kinder, woher sie kämen und wohin sie nun ziehen wollten; die Besessenen aber antworteten ihnen auf deutsch:
„Du hast nicht nötig, dass ich es dir sage, denn du würdest alles den Pfaffen hinterbringen.“
Zu wiederholten Malen sprach der Besessene zu Herrn Tresch von der grossen Dame, die er daheim in seinem Kasten habe. „Du hast sie ja noch nie gesehen,“ erwiderte der Bürgermeister. – „Ich weise es dennoch,“ rief der Knabe, „du gibst alles der grossen Dame und ihrem Hund; du trägst sie immer in deiner Tasche.“ – „Warum gibst du ihnen so wüste Namen?“ fragte Herr Tresch. – „Ich kann sie nicht anders nennen.“
Einmal traten Herr Spies und Herr Martinot in Begleitung des Herrn Tresch in das Haus der besessenen Kinder. Diese hatten sie die Gasse herunterkommen sehen und zeigten sich sehr erbittert darüber. Sie waren kaum ins Zimmer getreten, als der kleine Joseph zu Herrn Tresch sagte: „Du hast dem Spitz (er nannte Herrn Spies mit dem Spottnamen Spitz oder Canisi) geschrieben, und der da (Martinot) ist mitgegangen.“ – „Nein, ich habe nicht geschrieben,“ versicherte Herr Tresch. – „Doch, doch, du hast dem Spitz geschrieben [22 | 23] und der andere ist mitgekommen.“ – Es war tatsächlich so.
Herr Spies nahm darauf den kleinen Joseph auf seinen Schoss und fragte ihn verschiedene Sachen. Manchmal antwortet er richtig, oft auch erwiderte er: „Das brauchst du nicht zu wissen.“ Dann waren es Dinge, von denen der Satan nicht gerne redete. Unter anderem fragte ihn auch Herr Spies: „Was habt ihr mit Voltaire gemacht, als er zu Euch kam?“ – „Oh, den haben wir famos aufgenommen. Wir sind ihm in Prozession (er sprach Cropsession, nie Prozession) entgegengegangen, wir hielten ihn aber fest.“
„Als er ans Höllentor kam, bekam er Angst und machte Miene umzukehren; aber er konnte uns nicht entwischen, und er wurde gezwungen, durch das Loch des Feuers einzugehen.“
Während Herr Spies den kleinen Joseph noch immer auf seinem Schosse hielt, legte er ein Stücklein Seidenstoff auf das Hinterhaupt des Knaben, welcher diesen Gegenstand weder sehen noch fühlen konnte. Alsobald schrie er: „Mach doch diesen Lumpen weg, er brennt mich.“ – Dabei wollte er sich von Herrn Spies losmachen. „Es ist kein Lumpen,“ sagte Herr Spies. „Ich werde ihn nur entfernen, wenn du mir sagst, was darauf ist.“ – „Es ist nichts darauf, mach' ihn weg, er brennt mich.“ – „Du kannst dich lange wehren, ich entferne ihn nicht, bis du mir sagst, was darauf ist.“ – „Die grosse Dame ist darauf,“ rief er entsetzt. Tatsächlich war es ein Bild der Muttergottes, auf Seide gemalt.
Darauf bat er abermals: „Mach' auch das weg, was [23 | 24] du in der Tasche hast, es brennt mich.“ – Er meinte damit ein Kreuzchen, das Herr Spies in der Tasche trug, und das er auf keine Weise sehen konnte, und erklärte dabei, dass auch Reliquien darin enthalten seien. Dem war auch so. Selbst die Medaillen, die Herr Spiel arn Hake trug, belästigten ihn und brannten ihn.
Ab und zu nannte der Teufel Herrn Spies „Canisi“. Was der Teufel mit dieser Bezeichnung wollte, war dem Herrn Bürgermeister von Schlettstadt lange unverständlich. Er wusste nicht, in welcher Beziehung er zum hl. Canisius stehen könnte. Da traf er einmal den Herrn Superior der Isenheimer Jesuiten und trug ihm den Fall vor. Als Ordensgenosse des längst verstorbenen Heiligen könne vielleicht der Pater Auskunft geben. Und in der Tat; ohne langes Zögern erklärte ihm der Herr Superior, dass in der Schweiz ein Katechismus in Gebrauch sei, den man „Canisi“ nenne, weil der hl. Canisius aus dem Jesuitenorden ihn verfasst habe. Dieser Katechismus sei ein Jahrhundert nach dem Tode des Heiligen von einem Pater Spies, ebenfalls aus der Gesellschaft Jesu, neu herausgegeben worden.
Danach muss der Teufel eine genaue Kenntnis der Geschichte und ein ungewöhnliches Gedächtnis für Tatsachen besitzen. Er erinnert an ein Buch vom hl. Canisius (gestorben Januar 1597), welches den Namen seines Verfassers, Canisi, beibehielt, und macht dabei zugleich auf einen Namensvetter des Bürgermeisters. Pater Spies, Anspielung, welcher den Katechismus 100 Jahre nachher neu herausgab. Der Knabe konnte diese Kenntnis offenbar auf keinerlei natürliche Weise erlangt haben. [24 | 25]
Auch Frl. Marie Spies, die noch lebende Schwester von Herrn Spies, weilte einmal auf Besuch bei den Kindern. Es war am 8. Mai 1868. Als sie sich ihnen zu nähern versuchte, wurden die Kinder unruhig, schlugen um sich und suchten der Besucherin die Kleider zu zerreissen.
Fräulein Spies war, wie ihr Bruder, eine eifrige Förderin des „Sendboten vom Hochheil. Herzen Jesu“, des „Propagateur de St-Joseph“, des Lebendigen Rosenkranzes, des Gebetsapostolates und mehrerer ähnlicher frommer Vereinigungen. Das alles warf ihr Thiébaut vor, indem er sie beschimpfte und ihren Namen verketzerte. Er meldete ihr, dass sie die Broschüren alle bei Garell hole, und nannte dabei die Strasse und die Hausnummer des Buchhändlers. Dabei war er noch nie in Schlettstadt gewesen und hatte weder Fräulein Spies noch den Buchhändler je zuvor gesehen oder gesprochen.
Als sie hierauf den Knaben mit dem Finger berührte, an dem sie eine geweihte Hubertusmedaille trug, schrie der Besessene: „Halt, du hast Feuer und brennst mich.“ Dann fügte er hinzu: „Gelt, die Bomben konnten nicht in dein Hüttlein eindringen, du hast die grosse Dame darin.“ Er meinte damit die Belagerung von Schlettstadt anno 1814, wo tatsächlich keine Bombe das Haus Spies berührte und wie es auch nachträglich im 70er Krieg verschont blieb.
Eines Tages hielt Herr Martinot den kleinen Joseph auf seinem Schosse. Der Kleine wehrte sich, um von ihm loszukommen. Umsonst. Da sagte Herr Martinot zu ihm: „Ich lasse dich nicht los, bis du mir sagst, in [25 | 26] welcher Sprache die Bücher geschrieben sind, die ich auf mir trage.“
„Du hast ein französisches bei dir, vom Gebetsapostolat.“
„Und die andern, in welcher Sprache sind sie?“
„Nichts, nichts!“
„Kleiner Lügner, sag' lieber, dass der Inhalt dieser Bücher dich belästigt und dich leiden macht, aber sag nicht, es sei nichts.“
„Nichts ist's, nichts! – Uebrigens,“ setzte er auf Französisch hinzu, „ist eines dabei, das du aufgehoben hast.“
Das Büchlein, das der Besessene meinte, war das Buch der Tagzeiten vom Dritten Orden des Heiligen Vater Franziskus, welches Herr Martinot vor sieben oder acht Jahren von einer Trödlerin für 15 Centime“ gekauft hatte. Es war damals sehr schadhaft, aber er hatte es neu einbinden lassen und hatte es jeden Tag in Gebrauch. Vom dritten Buche wollte Satan nichts wissen. Es war die Pars verna des römischen Breviers.
Nach diesem Gespräch gab Herr Martinot dem Kleinen die Freiheit. Dieser warf sich auf sein Bett und fing an, ungeziemende Redensarten zu halten, die aber einzig und allein aufs Konto des Teufels zu buchen sind. [26 | 27]

V. Verlust des Himmels. Höllenpein.*

Der Gedanke, dass er den Himmel verloren, und zwar auf ewig, machte den Satan namenlos unglücklich. Mehr wie einmal rief er aus dem Mund der unglücklichen Kinder: „O wie schön ist's da oben, wie schön ist's da! Ach, wenn es mir ein einziges Mal vergönnt würde, diese Herrlichkeit zu schauen, wie glücklich wäre ich!“
Ein anderes Mal sagte er: „O wie ist doch der Himmel so schön. Wenn ich ihn auch einmal schauen dürfte, aber nein – ich werde ihn nie sehen.“ Als der anwesende Herr Tresch ihn fragte, warum er ein solches Verlangen offenbare, klagte er: „Ich bin dazu gezwungen durch die drei, die stärker sind als ich.“
Nachdem Thiébaut nach der Anstalt Saint-Charles in Schiltigheim überführt worden war, verhielt er sich die ersten drei Tage hindurch still und ruhig. Am Abend des vierten Tages jedoch zeigte sich der Teufel wiederum in seinem Körper: „Ich bin da,“ rief er auf einmal, „und ich bin in Wut.“ Die Schwestern fragten ihn darauf, wer er denn sei? – „Ich bin ein Fürst der Finsternis.“ – „Wo wohnest du?“ – „In der Hölle,“ – „Möchtest du nicht in den Himmel hinein?“ fragten weiter die Schwestern, – „Doch, aber es gibt für mich keine Hoffnung mehr, hineinzukommen.“ – „Wer hat

* Aufzeichnungen des Herrn Pfarrers Brey. [27 | 28]

dich aus dem Himmel gejagt?“ – „Michael, der Stinker. Michael mit seinem Schwerte.“ – „Was würdest du machen, um in den Himmel hineinzugelangen?“ – „Ich würde tausend Jahre auf Nadelspitzen 'krobbeln'; ich würde auf scharf geschliffenen Messern rutschen, um hineinzukommen.“ – „Aber warum bist du denn fortgejagt worden?“ – „Ich wollte selbst der Höchste sein.“ – „Wie heissest du?“ – „Das geht dich nichts an.“ – Er fügte bei, dass er ein Fürst der Hölle sei, der Legionen Teufel in den Lüften kommandiere, und wenn diese Teufel Körper hätten wie die Menschen, würde man das Licht der Sonne nicht sehen vor ihrer Menge.
Von der Hölle bezeugt er, dass die katholische Kirche das Richtigere lehre, aber er fügte hinzu: „Das Feuer der Hölle ist nicht das, was ihr glaubt. Ihr könnt euch keinen Begriff davon machen; es ist viel heisser und brennender und man leidet daselbst fürchterlich.“ Dabei gab er gewöhnlich dem Wunsche Ausdruck, von Gott ganz vernichtet zu werden.
Als er gefragt wurde, welche Sprache man in der Hölle spreche, begann er mit grossem Wortschwall und mit unheimlicher Schnelligkeit ein Kauderwelsch vorzutragen, das ein Gemisch von Latein und Italienisch zu sein schien und in dem nur das oft wiederkehrende Wort „Victoria“ zu verstehen war. Alsdann sagte er in deutscher Sprache: „Das ist die Sprache, die wir dort reden.“ – „Wo dort?“ fragte Herr Tresch, „in den Hölle?“ – „Ja in der Hölle,“ antwortete er.
Am Abend des 28. März 1868 schilderte der Besessene die Leiden Jesu Christi. Als er von der Todesangst im Oelgarten sprach, rief er plötzlich aus: [28 | 29] „Wahrhaft, du hast sehr warm, entsetzlich warm, du bist in Schweiss gebadet für die Sünden der Menschen.“ – Er bekannte auch, dass er bei der Kreuzigung zugegen gewesen sei, dass er die Juden aufgereizt habe, Ihn zu martern; er habe die Schläge gezählt, die auf Ihn gefallen seien. Darauf fragte ihn ein Besucher, wie es in der Hölle aussehe? – „Nicht gut,“ antwortete er. Als er noch weiter forschte, wurde er unwillig und sagte: „Es geht dich nichts an, mach', dass du hineinkommst, dann wirst du es schon erfahren.“
Ab und zu suchte Satan auch Propaganda zu machen. Einem Besucher bot er hundert Franken täglich an, wenn er einwilligte, in seine Dienste zu treten. Ja selbst dem eigenen alten Vater Burner bot er einmal tausend Franken an, wenn er ihm dienen wolle. Zu Herrn Tresch sagte er einmal: „Ich besitze viele Säcke voll Gold und Silber, ich will machen, dass du sie findest.“ – Herr Tresch erwiderte: „Gut, ich bin's zufrieden, ich werde sie der Kirche geben und unter die Armen verteilen.“ – „Nein, nein, nicht so,“ schrie der Besessene, „so habe ich es nicht gemeint.“ Glaubt man da nicht, denselben verlorenen Engel zu hören, der einst in der Wüste unsern Heiland versuchte: „Dies alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest“?
Der stolze, tief unglückliche Höllengeist hat kein sehnlicheres Verlangen, als dass alle Menschen ihm dienen. [29 | 30]

VI. Satan und die Kilben, Bälle und Tänze.

Die Besessenen hatten oft ruhigere Stunden und Tage. Die Teufel waren dann abwesend, und die Kinder assen und tranken, plauderten und spielten wie andere Kinder, und wussten rein nichts von dem, was im Zustande der Besessenheit mit ihnen geschehen war. Gewöhnlich an den Sonntagnachmittagen war der Teufel fern von ihnen. Wenn man ihn dann bei Eintritt der Krisis fragte, wo er unterdessen gewesen sei, antwortete er, er sei in dem und dem Nachbarsorte auf der Kilbe gewesen, da sei es lustig hergegangen, da habe er ihnen aufgespielt und habe reiche Ernte gehalten. Das gefalle ihm am meisten; er muntere die jungen Leute auf, ja recht ausgelassen zu sein.
* In Saint-Charles rief er einmal: „Ich will trinken!“ Herr Andre fragte ihn hierauf: „Du kannst ja nicht trinken, du bist ein Geist. Was willst du trinken? Pack' dich fort in die Hölle.“ Da antwortete der Satan: „Ich setze mich nieder mit den Trinkern und reize sie zum Saufen, bis sie voll sind. Wenn sie dann betrunken sind, verschütten sie das Getränk auf den Tisch und auf den Boden, und was sie so verschütten, das ist für mich.“ – Weiter erzählte er, dass er besonders Bälle und Tänze liebe, dass er die Leute reize

* Dokument Spies und Pfarrarchiv. [30 | 31]

zu tanzen und Dummheiten zu machen. Ale er dies gesagt hatte, verliess er den Knaben.
Nach etwa zehn Minuten kehrte er zurück und rief hohnlachend: „Jetzt bin ich in der Bierwirtschaft gewesen!“ Dabei nannte er das Bierlokal nebst seinem Eigentümer und sprach noch von andern Wirtschaften und ihren Eigentümern, und doch war der Knabe vorher niemals in Schiltigheim gewesen. Dann fügte er hinzu: „Meine Geschäfte gehen flott; ich bin froh, mein Chef wird zufrieden mit mir sein.“ Am meistem freute er sich, wenn in diesen Lokalen – was nur allzuoft geschieht – recht zweideutige und unzüchtige Reden geführt wurden.
Ein anderes Mal zogen einige halbbetrunkene junge Burschen disputierend vor dem Hause vorbei. „Wart,“ rief auf einmal der Satan, „ich will sie reizen, dass sie sich verhauen.“ Tatsächlich gab es nach fünf Minuten eine famose Keilerei, die sich dreimal wiederholte. Dabei lachte der Besessene mit dem ganzen Gesichte.
Einmal hielt der Teufel inmitten im Geschwätz inne und rief: „Still, jetzt halben wir ihn!“ – Man fragte ihn: „Wen denn?“ – „Na, den Jüngling, der in dem X…schen Lokale in Schlettstadt tanzt“ – Dabei nannte er die Wirtschaft und die Strasse. Plötzlich schrie er: „Aha, jetzt haben wir ihn, jetzt ist er bei uns!“ – Die sofortigen Nachforschungen in Schlettstadt ergaben tatsächlich, dass in jenem Wirtshaus und zur selben Stunde ein junger Mann mitten im Tanze vom Schlage gerührt und tot niedergefallen war.
In Illfurt erzählte er einmal: „Dieser Bock von N… und seine Frau sind in den Schweinestall [31 | 32] (Kirche) gegangen, um zu fressen (kommunizieren). Sie hatten Hunger. Kaum waren sie nach Hause zurückgekehrt, fingen sie an zu händeln und zu fluchen wie Rasende. Die fürchterlichsten Fluchworte flogen aus ihrem Munde wie Schneeflocken. Ich habe vor lauter Pläsier gelacht. Am Abend hätten sie wieder in den Schweinestall zurückkehren können, denn ihr Zustand war schlimmer als am Morgen. Ich habe alle ihre Flüche in ein Kästlein getan, um sie aufzubewahren.“
Einmal sagte er: „Wenn irgendwo Kilbe ist, so stehen wir um den Tanzboden wie eine lebendige Mauer und mischen uns unter die Tänzer; denn da blüht unser Weizen.“ [32 | 33]

VII. Der Teufel als Prophet.

Aus dem bereits Erzählten geht deutlich hervor, der Geist der Hölle genau weiss, was für Dinge sich ereignen in weiter Entfernung, ja selbst in fern gelegenen Ländern. Er ist aber nicht minder in der Weltgeschichte beschlagen und offenbarte oft Dinge, die zeitlich weit zurücklagen und von denen die Zuhörer keinerlei Kenntnis hatten. Ja, noch mehr, er sagte zuweilen Dinge auf Tage und Wochen voraus, die zum Erstaunen aller regelmäßig eintrafen. Als gefallener Engel hat er seine Wissenschaft nicht alle eingebüsst; er weiss mehr, als wir Sterbliche nur ahnen.
Oftmals sagte er den Besuchern, die bei ihm eintraten, auf den Kopf zu, was sie Schlechtes angestellt hatten; er warf ihnen die geheimsten Sünden vor, so dass sie vorzogen, im Schnelltempo zu verduften. Ab und zu konnte er sogar predigen. Zu einein Nachbarn sagte er: „Saufbold, der du bist. Warst du nicht dabei, als der Pfaffe gesagt hat, man solle sich nicht volltrinken? Deshalb bist du doch zu N. … gegangen, um dich zu betrinken. Du, du bist schuld, dass deine Tochter und das Vieh krank sind.“
Am Palmsonntag kanzelte er einen andern Illfurter ab: „Du Saufbruder, hast du nicht gehört, dass der Pfaffe im Schweinestall gesagt hat, man sollte diese [33 | 34] Woche in kein Wirtshaus gehen? Du gehorchst nett! – Bist du nicht mit dem Bäcker von Flachslanden in der Wirtschaft X. … gewesen und hast Bier getrunken?“
Andere mussten ihren Vorwitz noch bitterer büssen. Bleich und wie vom Blitz getroffen machten sie sich aus dem Staube, denn der Teufel hatte ihnen böse Geheimnisse gemeldet oder schwere Vergehen aus dem früheren Leben vorgehalten, von denen sie glaubten, dass sie niemanden bekannt wären.
* Der Bürgermeister eines Ortes in der Umgegend von Strassburg sagte einmal zu den Ratsmitgliedern nach einer Gemeinderatssitzung: „Ihr Männer, wer geht am Sonntag mit nach Schiltigheim, den Besessenen zu sehen?“ Es meldeten sich etliche. Da bemerkte einer: „Aber höre, Herr Maire, man sagt, der Teufel könne einem die Wahrheit sagen.“ – „Wisst ihr was, ihr Männer,“ sprach der Maire, „morgen ist Samstag. Wir gehen in die Kirche und beichten; dann am Sonntag kommunizieren wir in der Frühmesse; dann kann der Teufel uns nichts vorwerfen.“ – Gesagt, getan. Sonntag ging's nach Schiltigheim. Als sie in Saint-Charles die Klingel anzogen, erschien eine Schwester und fragte, was die Herren wünschten. „Wir hätten gern den Besessenen gesehen,“ antwortete der Bürgermeister. – „Kommen Sie, meine Herren, ich will Sie hinführen.“ – Als die Schwester die Zimmertüre geöffnet hatte, rief der Besessene: „Guck einmal da, da ist der Maire von X.…, der Adjoint und andere aus dem Gemeinderat. Gelt, ihr habt halt dem Wetter

* Bericht des Herrn Superiors Guerber. [34 | 35]

nicht getraut, dass ihr gestern in die Kirche gegangen seid und den Dreck von eurem Gewissen habt abschaben lassen. Es hat aber einer von euch sein' Sach nicht gut gemacht. Es hat einmal einer Rüben gestohlen.“ Der Mann, den es anging, erschrak so heftig, dass er ausrief: „Ja, ich habe aber den Leuten das Geld dafür hingelegt.“ – Da sprach der Besessene: „Aber die Leute haben das Geld nicht bekommen.“ Daraufhin meinte der Maire: „Kommt, ihr Männer, wir wollen gehen, sonst könnte er mir auch etwas vorhalten.“ In einem Nu war die ganze Gesellschaft verduftet. Als die Sache weiter bekannt wurde, brauchte der Rübenschelm für den Spott nicht zu sorgen.
* Thiébaut verkündete mehrmals den Tod einer Person im voraus. Zwei Stunden vor dem Ableben einer Frau Müller kniete er auf das Bett und machte die Gebärde des Läutens; ein anderes Mal machte er eine volle Stunde lang dieselbe Gebärde des Läutens. „Für wen läutest du?“ fragte man ihn. – „Für Gregor Kunegel,“ antwortete er.
Zufällig war die Tochter dieses Mannes anwesend. Sie erschrak heftig und sagte zum Kleinen:
„Lügner, der du bist, mein Vater ist nicht krank, da er gegenwärtig am Bau vom Kleinen Seminar in Zillisheim als Maurer arbeitet.“
„Mag sein,“ erwiderte der Knabe; „aber er ist soeben abgestürzt. Geh, schau einmal nach.“
So war es auch. Der arme Mann war vom Gerüst abgestürzt und hatte das Genick gebrochen, und zwar

* Pfarrarchiv von Illfurt. [35 | 36]

im selben Augenblick, als Thiébaut läutete. Kein Mensch in Illfurt hatte noch von dem Unglück Kenntnis.
Am Samstag vor dem dritten Fastensonntag sagte er zum voraus, dass andern Tage über vierhundert Fremde nach Illfurt kommen würden, weil die Kunde sich verbreitet hätte, die Kinder wären vom Teufel befreit worden. So geschah es auch. Am Abend zeigte der Satan eine helle Freude und stiess Jubelrufe aus, dass so viele von ihnen um dieser Sache willen den Gottesdienst verfehlt hätten.
Von Dingen, die zwanzig, dreissig, ja hundert Jahre zurücklagen, redete er mit einer Sicherheit und einer Genauigkeit, als ob diese sich in seiner Gegenwart ereignet hätten.
Herr Tresch war im Januar 1869 zum Bürgermeister von Illfurt ernannt worden. Es war noch nicht bekannt im Dorfe, und der Besessene redete ihn schon an mit „Herr Maire“. Vorher schon hatte der Kleine zu seiner Mutter gesagt: „Ich habe eine so grosse Wut, dass ich schier 'zerknelle'.“ – „Warum denn!“ fragte die Mutter. – „Weil dieser Stinker zum Bürgermeister ernannt worden ist, ich und die Unsrigen vergehen fast vor Zorn.“ – Es war dies zur selben Stunde, wo die Ernennung von der Präfektur von Colmar abgesandt wurde.
Als Herr Tresch eintrat, rief der Besessene: „Du bist ein Mann der Kirche, du bist in 'Siedlen' (Einsiedeln) gewesen.“ – „Du lügst,“ erwiderte Herr Tresch, „sag' mir, wo ich war.“ – „In Stadt.“ – „In welcher Stadt?“ – „In Schlett“ (Schlettstadt). – Dem war auch [36 | 37] so. Und der Kleine sagte weiter: „Du warst auch bei den Lumpensammlern (so nannte er die Kapuziner) und hast ihnen Geld gebracht, um Lumpen zu machen“ (heilige Messen lesen zu lassen). – Tatsächlich war Herr Tresch kurz zuvor in Dornach bei Basel im Kapuzinerkloster gewesen und hatte beim Pater Guardian zwei heilige Messen bestellt für die Befreiung der Kinder. Kein Mensch in Illfurt wusste davon, ausser Herrn Brobeck, der ihn begleitet hatte.
In einer besonders heftigen Krise offenbarte er, dass mehrere Geistliche, deren Namen und Pfarreien er nannte, seinetwegen an den Bischof und an die weltliche Behörde geschrieben hätten: „Der Pfaffe von X. und der von Z. haben an den grossen Pfaffen mit der grossen Kappe geschrieben und der mit der grossen Kappe hat nach Mülhausen Antwort geschrieben wegen der kleinen Hunde“ (die zwei besessenen Knaben). Dann zu einer der Schwestern, die ihn bewachten, gewendet, sagte er weiter: „Und du Plärrerin, mit deinen Geissenbollen am Katzenwadel (Rosenkranz), du schläfst keine drei Nächte mehr hier im kleinen Nebenzimmer.“ Wie erstaunt waren die Anwesenden, besonders die Schwestern, die von einer Versetzung noch keine Ahnung hatten. An demselben Abend kam ein Brief vom Kloster, durch welchen beide Schwestern binnen zwei Tagen die Kinder verlassen und nach Mülhausen zurückkehren sollten.
Einer, den der Satan am meisten auf dem Strich hatte, war Herr Tresch, der Bürgermeister von Illfurt, ein braver, gottesfürchtiger Mann, vom alten Schrot [37 | 38] und Korn. Wenn er ihm einen Streich spielen konnte, so unterliess er es sicher nicht.
„Wart nur,“ drohte er ihm einmal, „ich werde meine Gesellen zum Pfarrer schicken und ihn so gegen dich aufhetzen, dass du nie mehr dieses Haus betrittst.“
„Ich fürchte deine Drohungen so wenig wie deine ganze höllische Bande,“ lautete die Antwort. „Mit der Hilfe Jesu und Mariä jage ich euch alle in den Abgrund.“
Als der Bürgermeister, der auch Krämer war, einmal im Keller nachschaute, bemerkte er mit Schrecken, dass ihm das ganze Fass Sirup ausgelaufen war. Der Teufel erzählte ihm andern Tags, dass er es getan, und dass er seinen Teil am Sirup bekommen habe, weil Herr Tresch in der Aufregung es unterlassen habe, an die armen Seelen zu denken.
Eines Tages ging Herr Tresch in den Wald, um wilde Rosenstämme zu holen, und sie in seinen Garten zu pflanzen. Er hatte seinen Hofhund bei sich. Am Waldessaum traf er einen Menschen mit unheimlicher Miene, der ebenfalls von einem kleinen schwarzen Hund begleitet war. Am selben Abend, als er die Kinder aufsuchte, rief einer:
„Gelt, du hast heute um diese und diese Stunde am Waldessaum einen Mann mit einem Hund getroffen?“
„Ja. Aber wer hat dir das gesagt?“
„Wer mir das gesagt hat? – Ich war es selbst.“
„Ja, ich!“
„Was tatest du denn daselbst?“ [38 | 39]
„Ich erwartete dich. Gut Glück, dass du Dreck (einen Rosenkranz) in der Tasche hattest, sonst hätte ich dich verhauen, dass du noch lange daran denken würdest.“
„Und warum das?“
„Weil du dich viel zu viel um die zwei kleinen Hunde bekümmerst. Weil du alles erzählst, was da passiert, und du es noch andern Personen schreibst,“
„Dann,“ fuhr er fort, „hast du bemerkt, dass dein Hund den meinigen nicht beschnuppert hat?“
„Ja, aber ich hab' mich daran nicht aufgehalten. Welches war die Ursache?“
„Weil mein Hund auch einer von den Unsrigen war. Wenn du acht gegeben hättest, hättest du bemerkt, dass der Mann keine Füsse hatte.“
Tatsächlich hatte Herr Tresch diesen Umstand nicht beachtet.
Ein andermal war Herr Tresch abermals mit seinem Hunde in den Wald gegangen, um wilde Rosen zu holen, und wiederum begegnete er einem Manne mit finsterer Miene, der von einem Hund begleitet war. Er grüsste den Fremden, der trocken antwortete. Als der Fremde vorüber war, sah er ihm nach, denn er vermutete in ihm einen Gauner.
Als Herr Tresch am nächsten Morgen vom Schlaf erwachte, verspürte er an beiden Fersen einen heftigen Schmerz, wie wenn er gebissen worden wäre. Es fiel ihm ein, die schmerzenden Stellen mit Weihwasser einzureiben. Bis zum Abend war jeglicher Schmerz verschwunden.
Auch diesmal meldeten ihm die Kinder, dass er [39 | 40] ihren Meister angetroffen hätte, und dass der Hund einer ihrer Genossen gewesen wäre.
„Gelt,“ sagten sie, „dein Hund hat sich weder dem Mann noch seinem Hunde genähert!“ Dem war auch so.
Als Herr Tresch noch ein Knabe von acht bis neun Jahren war, gewahrte er eines Abends auf dem ziemlich abgelegenen Kirchhof eine grosse Flamme, die auf ihn zukam. Von entsetzlicher Angst betroffen, lief er, so schnell ihn seine Füsse tragen konnten, davon. Dieses Jugenderlebnis kam ihm einst in den Sinn, und er fragte nach dessen Bedeutung.
Thiébaut antwortete: „Das war der Graf (ein adeliger Herr von Illfurt, der, an den Schweif eines Rosses gebunden, über Stock und Stein zu Tode geschleift worden war), der dir zeigen wollte, wohin er sein Geld versteckt hat. Er hat sich auch noch andern gezeigt, aber sie haben auch Angst gehabt wie du. Darum ist dieser Schatz noch am selben Ort, und er wird noch lange daselbst bleiben.“
„Na, weil du weisst, wo er sich befindet, zeig' mir ihn,“ meinte der Bürgermeister.
„Das tue ich nicht!“
„Warum nicht?“
„Du würdest alles dem Pfaffen bringen, und ihr liesset damit einen grossen Schweinestall (Kirche) erbauen. Das will ich nicht,“ antwortete der Knabe.
Am 8. Februar 1868 brachte Herr Tresch den Kindern eine Düte sogenannter „Meertrauben“. Er bot sie zuerst Thiébaut an und befahl ihm, dieselben mit drei Fingern der rechten Hand zum Munde zu führen. [40 | 41] Der Satan, aufs höchste erbost, rief: „Es ist nicht notwendig, dass du dem Hund Geissenbollen bringst.“
„Du bist ein Hund,“ erwiderte der Bürgermeister, „und nicht Thiébaut.“
„Gut,“ antwortete der Geist der Hölle, „ein andermal werde ich den Arm des Hundes steif machen, dass er nicht mehr essen kann.“
Eine halbe Stunde später begehrte der Junge einige Trauben. Herr Tresch gab ihm welche; aber Thiébaut konnte sie nicht zum Munde führen, denn sein Arm war steif geworden. Herr Tresch nahm dann die Trauben und versuchte sie ihm in den Mund zu stecken. Aber der Kleine biss die Zähne fest aufeinander. Da befahl er ihm im Namen Jesu den Mund zu öffnen. Alsobald öffnete er den Mund und ass drei Trauben; darauf sagte er: „Ich habe genug.“
Eines Tages ging Herr Tresch zu den Kindern und traf den Herrn Pfarrer im Hausflur. Herr Tresch trat allein ins Zimmer. Alsobald riefen die Besessenen: „Der Pfaffe ist da, wir sagen nichts.“
Sie hatten den Pfarrer weder sehen noch hören können. Darauf fingen sie an, unsinnig zu springen und zu tanzen. Herr Tresch nahm dann Weihwasser, zeichnete damit ein grosses Kreuz auf den Fussboden, an der Stelle, wo sie tanzten, und sprach: „So springet jetzt, solange es euch beliebt!“ Alsobald flüchtete sich ein jeder in eine andere Ecke.
Herr Tresch bat die Anwesenden, die Knaben wieder in die Mitte des Zimmers zu führen. Es gelang ihnen jedoch nicht. Sie wehrten sich mit Händen und Füssen, schnitten abscheuliche Grimassen und hielten [41 | 42] sich an jedem Gegenstand fest; sprangen sogar über das Bett.
Ein andermal brachte Herr Tresen ein kleines Kruzifix mit, um die Besessenen auf die Probe zu stellen. Einer der Knaben hielt eben die Augen geschlossen. Zum Ueberfluss bedeckte sie Herr Tresch noch mit der Hand, damit der Knabe ja nicht sehen könne, was mit ihm vorgenommen würde. Mit der andern Hand legte er das kleine Kruzifix auf dessen Brust; im Nu flog es in die nächste Ecke. Er wiederholte noch etliche Male dasselbe Experiment immer mit demselben Erfolg, bis er mit starker Stimme dem Teufel zurief: „Ich befehle dir im Namen Jesu Christi, dass du das Kruzifix da lassest, wo ich es hinlege!“ Darauf legte er es abermals auf die Brust des Kindes, wo es nun ruhig liegen blieb. Gleich darauf erwachte der Knabe, und als man ihn fragte, was er getan habe, antwortete er: „Ich habe geschlafen.“
Einmal sagte der kleine Joseph zu Herrn Tresen: „Ich will dich an eine Begebenheit aus deiner Jugend erinnern. Du gingst einmal in den Wald, um Holz zu hauen. Da kam eine Schlange herangeschlichen.“ – „Was hab' ich mit ihr gemacht?“ fragte Herr Tresen. – „Du hast sie geköpft, indem du die drei Namen (der heiligen Dreifaltigkeit) anriefst. Und weisst du, dass du einen meiner Trabanten getötet hast? Wenn du ihn nicht umgebracht hättest unter Anrufung der drei Namen, hättest du dich verirrt und wärest nicht mehr aus dem Walde herausgekommen.“ – Herr Tresen erinnerte sich dessen noch ganz genau.
Manchmal erzählte der Besessene noch Begeben- [42 | 43] heiten aus den Anfängen der Menschheit, genau wie die Heilige Schrift sie berichtet, und sagte, dass er bei der Verführung der Stammeltern sowie beim Untergang von Sodoma und Gomorrha zugegen war: „Du brauchtest nicht zu plärren (beten) und durchs Gitter zu blasen (beichten), wenn ich nicht einen Apfel für Eva gepflückt hätte.“
Auch von den alten Zeiten redete er zuweilen: „Im Schwedenkrieg,“ sagte er einmal, „wurde der alte Schweinestall (die Burnkirche auf dem Gottesacker) nicht zerstört, aber der Pfaffe wurde daselbst am Altar getötet, während er die Monstranz in der Hand hielt. Alsdann wollte ein Soldat der grossen Dame den Kopf abschlagen, aber er konnte nicht, er fiel rittlings (rücklings) herunter und krepierte. Ich habe ihn mitgenommen nebst vielen andern. Die grosse Dame leidet nicht, dass man etwas im Schweinestall stehle.“ Er erzählte noch manches von schauerlichen Verbrechen, die in früheren Zeiten in Illfurt verübt worden waren.
* Es war am 12. März 1868. Herr Tresch befand sich wieder einmal bei den Kindern, die ziemlich ruhig waren. Plötzlich stellte sich der Böse abermals ein: „Hier bin ich!“ rief er mit unheimlich heiserer Männerstimme. – „Wo kommst du her?“ fragte Herr Tresch. – „Vom Garell.“ – „Wer ist das?“ – „Ein Buchbinder.“ – „Von wo?“ – „Er ist von da, wo die zwei her sind, die manchmal zu dir kommen.“ – „Was für zwei?“ – „Der Grosse und der Alte.“ – „Wie heissen

* Dokument Spies. [43 | 44]

sie?“ – „Der Canisi (Herr Spieß). Vom andern (Herrn Martinot) weiss ich den Namen nicht, er ekelt mich.“ – „Was hast du beim Buchbinder gemacht?“ „Ich habe den ganzen Tag bei ihm zugebracht. Er hat ein schönes Buch eingebunden, in welchem er gern gelesen hat. Das hat mich gefreut, und ich bin den ganzen Tag an seiner Seite geblieben.“
„Wohnt er weit vom Grossen?“ – „Nein, nur einige Häuser weit.“ – „Gehst du nicht auch zum Grossen?“ – „Nein, die Türe ist zu niedrig, als dass ich hineingelangen könnte.“ – „Was ängstigt dich noch beim Grossen?“ – „Die grosse Dame, die aussen angebracht ist.“ – „Und der Alte, was machst du mit ihm!“ – „Ich will nichts von ihm wissen, er ekelt mich sehr.“ – „Gehst du nicht auch zu ihm?“ – „Nein, er trägt etwas Rundes, das mich verhindert, zu ihm zu gehen.“ – „Ist's nicht das Kreuz, das du schon einmal hier gesehen hast?“ – „Nein, es ist etwas, das der Pfaffe in die Höhe hält, und das würde mich stechen, wenn ich zu ihm ginge.“ – Es war dies eine Reliquie vom heiligen Kreuz in einer silbernen, kreuzförmigen Kapsel.
Als Herr Spies von Herrn Tresch den Bericht über diese Unterredung erhielt, ging er sofort zu Herrn Garell, der ebenfalls in der Rittergasse in nächster Nähe wohnte, und fragte ihn, ob er nicht an dem und dem Tag ein Buch eingebunden habe, in dem er gelesen habe. Herr Garell, der sich dessen nicht mehr genau erinnerte, sah im Register nach und meldete, dass er tatsächlich am betreffenden Tage für den Pastor von Schlettstadt eine protestantische Bibel ein- [44 | 45] gebunden habe, in der er gelesen habe. Da zeigte ihm der Besucher den Brief aus Illfurt. Wie vom Blitze getroffen, rief er: „Wie kommt es, dass sich der Teufel um mich kümmert?“ Herr Martinot, der Herrn Spies begleitete, antwortete ihm, dass es nicht zum Verwundern sei, da ja der Glaube uns lehrt, dass der Teufel wie ein brüllender Löwe um uns herumgehe, zu sehen, wen er verschlinge. Darauf erzählte er ihm noch weiteres über die Natur der höllischen Geister und ihren unheimlichen Einfluss auf die Geschicke der Menschen.
Herr Garell drückte Herrn Martinot sein höchstes Erstaunen aus. „Sie können die Tatsache erzählen,“ schloss er, „aber verschweigen Sie meinen Namen.“
Herr Garell aber konnte nicht anders und erzählte die ganze Geschichte seiner Familie, ohne zu beachten, dass auch die Kinder zuhörten. Diese erzählten dann ihrerseits den Schulkameraden, was sich bei Papa zugetragen. Selbstverständlich wusste binnen 24 Stunden die ganze Stadt, dass der Teufel bei Garell gewesen sei, und dass derselbe in Illfurt droben alles, was er gemacht hat, erzählt habe. Das erbitterte den Buchbinder heftig, und ganz vergessend, dass er die Sache selbst ausgeplaudert, und in der Meinung, Herr Martinot habe ihn verraten, eilte er zum kaiserlichen Staatsanwalt, um Klage zu erheben. Dieser liess Herrn Martinot kommen, welcher sich jedoch leicht rechtfertigen konnte, und in wenigen Minuten war die Angelegenheit aufgeklärt.
Auch aus seiner politischen Gesinnung machte der Teufel kein Hehl. Er war dem Kaiser Napoleon III. [45 | 46] nicht hold, wohl deshalb, weil derselbe mit dem Heiligen Vater, dem Papste, auf gutem Fusse stand. Der Teufel offenbarte sich dagegen wiederholt als überzeugter Republikaner; denn oftmals rief er den eintretenden Besuchern zu: „Liberté, Egalité, Fraternité; République Française!“ – „Du bist ein Narr und verstehst nicht, was du sagst. Warum rufst du so?“ fragte ihn Herr Spies. – „O doch verstehe ich es,“ antwortete er: „Es lebe die Liberté, Egalité, Fraternité (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit). Das ist eine günstige Zeit für unsereiner.“ Wie wahr hatte Satan gesprochen!
Am 24. Juli 1798 war der von Illfurt gebürtige, überaus seeleneifrige Abbé Jean Bochelen, Vikar von Niedersept, vom Colmarer Revolutionsgericht, angeblich wegen Uebertretung des Auswanderungsgesetzes, eigentlich aber aus Hass gegen die Religion, zum Tode verurteilt und am Abend desselben Tages in der Sandgrube ausserhalb der Stadt erschossen worden. Die Gegenstände, die dem Glaubensbekenner gehört hatten, wurden von seinen Freunden wie heilige Reliquien aufbewahrt. Das blutige Hemd blieb in der Familie Bochelen. Da entstand am 28. Juni 1842 in Illfurt eine gewaltige Feuersbrunst, welche mehrere Häuser, auch eines der obengenannten Familie, in Schutt und Asche legte. Es konnte jedoch der Behälter mit dem Kelche, den Briefen, Brevieren u. a. m., welche einst dem Vikar gehört hatten, gerettet werden. Nur ein Wertstück war dabei durch Diebstahl abhanden gekommen: das blutige Hemd des Märtyrers.
Alle Nachforschungen nach dem Verbleib dieses Hemdes waren vergeblich. Da fragte einmal Professor [46 | 47] Lachemann den Knaben Thiébaut: „Sag mal, Thiébaut, kennst du auch Bochelen?“ – „Red mir nicht von diesem 'Ritter-Stritter',“ antwortete der Besessene. „Ich will nichts von ihm wissen. In 30 Jahren von jetzt an wird man genug von ihm reden, wenn man ihn ausgräbt.“
Tatsächlich erschien 30 Jahre später, anno 1897, das von Herrn Pfarrer Soltner, Breys Nachfolger, verfasste Buch: „Johann Bochelen, der letzte elsässische Märtyrer der grossen Revolution“, wodurch sein Andenken der Vergessenheit entrissen und seine Tugenden aufs neue verherrlicht wurden. Ebenso wurde dem edlen Glaubensbekenner vor dem neuen Pfarrhause ein herrliches Denkmal errichtet, auf welchem im Kupfermedaillon des Sockels die Szene der Erschiessung verewigt wurde.
Einige Tage nach dem Besuche des Professors Lachemann fragte ein Enkel der Familie Bochelens denselben besessenen Knaben: „Thiébaut! Wo ist das Hemd von Bochelen hingekommen?“ – „Halt's Maul davon,“ schrie er, „ein braver Bub (brav nach des Teufels Ansicht) hat es (beim Brand) gestohlen, sonst hätte man später 'Heldenbüchsen' (Reliquienkapseln) daraus gemacht.“ *

* Pfarreiarchiv Illfurt. [47 | 48]

VIII. Neue Ränke.

Das Los der armen Knaben war ein entsetzliches. Der Höllengeist plagte sie furchtbar, besonders wenn er wegen einer Medaille oder sonst einer geweihten Sache in Wut geraten war. Der Besessene kannte dann niemanden mehr, er zerriss und zerschmetterte alles, was ihm unter die Hände fiel. Wollte man seinem Treiben Einhalt tun, dann wehrte er sich mit äusserster Gewalt, und es war oft ungemein schwer, ihn zu bewältigen. Wiederholt hatte der Teufel erklärt, dass er viel lieber in einem erwachsenen, starken Manne wohnen wolle, dass man ihn dann sobald nicht bemeistern würde; da er aber nur in einem Kinde hause, dürfe er nicht mehr Kraft gebrauchen, als das Alter des Kindes es zulasse.
Auf Herrn Tresch, der fast täglich zu Besuch kam, war der Satan ganz besonders schlecht zu sprechen. „Mit dem habe ich noch ein Hühnlein zu rupfen,“ sagte er einmal, als der Bürgermeister sich soeben entfernt hatte. Kurz darauf brach sich eine seiner Kühe ein Bein. „Da hat er schon was abgekriegt, aber es gibt noch anderes.“ Wenige Tage nachher verendeten ihm zwei Kälber. „Wieder etwas für ihn,“ hohnlachte der Teufel, „aber es ist noch nicht fertig.“ Nach längerer Frist fiel der Bürgermeister die Treppe herunter and brach sich den Vorderarm. Während dies geschah, er- [48 | 49] zählte es der Teufel bereits hohnlachend den Anwesenden.
* Im Monat März 1868 hatte Herr Tresch ein Schwein gekauft. Schon am zweiten Tage hatte das bisher ganz gesunde Tier alle Fresslust verloren und siechte dahin. Der Tierarzt fand jedoch keinerlei Krankheit an demselben, so dass Herr Tresch auf den Gedanken kam, die Sache sei auf andere Weise zu erklären. Er hing im Stall eine geweihte Benediktusmedaille auf, und alsobald war das Tier wieder munter und frass wie gewöhnlich. Beim nächsten Besuche erklärte dann der Teufel: „Jetzt darf ich nicht mehr bei dir einkehren; wir müssen über dein Haus wegfliegen, seitdem du Dreck in deinem Stall aufgehängt hast.“
Auch in anderen Häusern von Illfurt rumorte ab und zu der böse Geist, besonders im Hause Kleiber Benjamin. Diese Leute hatten viel von ihm zu leiden und mehr wie einmal wurde der Seelsorger gerufen, um Häuser und Stallungen zu segnen. Auch den Familien Brobeck und Zurbach machte er viel zu schaffen. Wenn er wieder mal mitten in der Nacht in der oberen Kammer einen Hexensabbat veranstaltet hatte, rühmte er sich regelmässig: „Hast du uns diese Nacht gehört? Gelt, wir haben dir einen netten Sabbat gemacht.“
Der Teufel war namentlich auf jene Personen schlecht zu sprechen, welche den Kindern ein Interesse bezeigten und ihnen auf irgendeine Weise zu Hilfe kamen. Er erkannte selber, dass er der Nachbarsfamilie Brobeck zwanzig Bienenvölker vernichtet hatte. Als

* Bericht des Herrn Professors Lachemann. [49 | 50]

Herr Brobeck einmal nach seinen Bienen schaute, sah er mit Entsetzen, dass sämtliche Bienen wie geköpft waren. Da er bald erfuhr, von welcher Seite der Streich kam, liess er das Bienenhaus segnen und mit Weihwasser besprengen und fortan hatte er Ruhe.
„Ich kann meinen Hass nicht weiter gegen ihn ausüben,“ jammerte er alsdann, „und meine Macht, ihm zu schaden, ist vernichtet durch die Grimassen der Pfaffen.“
Marianne Kleiber war eben im Begriffe, Brot in die Suppe einzubrocken, während ihre ältere Schwester Catherine am Fenster sass. Auf einmal sah diese eine Maus durch die offene Tür ins Zimmer treten: „Marianne,“ rief sie, „Marianne, eine Maus, zertritt sie.“ Die Schwester tat es. In diesem Augenblick war der Fuss und das ganze Bein gelähmt. Catherine, die sofort einen Teufelsspuk vermutete, eilte ins Burnersche Haas, die Kinder zu befragen. Als diese sie erblickten, riefen sie: „Aha, die Maus!“ und offenbarten ihr, dass „ihre Herren“ ihr diesen Streich gespielt. Nach Verlauf von drei Tagen liess die Familie das ganze Haus segnen, Marianne wusch ihr Bein mit Weihwasser und sofort hörte jeder Schmerz und jede Lähmung auf.
Am meisten erfreuten ihn Hunds- und Schlangenfiguren, von denen er oft mit Kreide oder Bleistift die wunderlichsten Exemplare zeichnete: „Solche haben wir in der Hölle,“ sagte er dann, „es sind unsere Meister.“
Einmal klagte Thiébaut der ihn besorgenden Schwester: „Schwester, ich habe Läuse.“ Sie schaute nach und erblickte zahllose rote Läuse auf dem Kopfe des Knaben. Alsobald begann sie, mit Hilfe dreier an- [50 | 51] derer anwesender Personen, den Kopf des Knaben mit Kamm und Bürste zu bearbeiten. Doch je mehr sie vom Ungeziefer vertilgten, desto mehr erschienen wieder neue. Da rief der Vater, der ungeduldig geworden war: „Wart, Satan, ich will dich mit deinen Läusen vertreiben.“ Er holte Weihwasser und besprengte damit das Haupt des Knaben mit den Worten: „Ich befehle dir im Namen der heiligen Dreifaltigkeit, das Kind zu verlassen.“ Und im selben Augenblick waren die Läuse fort. Dieses Mittel half auch bei Joseph, der ebenfalls über dasselbe Ungeziefer zu klagen angefangen hatte.
Trat ein Besucher ein, der keinen geweihten Gegenstand bei sich trug, so blieb gewöhnlich die Uhr stehen, die er in der Westentasche trug, und der Teufel spottete seiner. Als Herr Tresch ihn einmal fragte, warum er nicht auch ihm diesen Streich spiele, antwortete er: „Wenn ich könnte, täte ich es schon.“
* Im Sommer 1868 hatten die Kinder längere Zeit hindurch Ruhe. Als die Krise wiedergekehrt war, fragte Herr Tresch den Satan: „Wo bist du diesen Sommer gewesen?“ – „Ich habe viele Kommissionen gemacht.“ – „Warst du auch in Spanien?“ (Dort war nämlich die Revolution ausgebrochen.) – „Ja, dort hatten wir am meisten Arbeit. Dort sind sie auch gefallen.“ – „Hast du auch mitgeholfen, die Königin fortzujagen?“ – „Jawohl.“ – „Warum denn?“ – „Dort befindet sich fast in jedem Hause ein Pfaffe.“ – „Gibt es deren dortselbst viele?“ – „Ja, mehr als hier.“ – Darauf sagte er zu Herrn Tresch: „Wenn ich dich und den Pfaffen von

* Bericht des Herrn Professors Lachemann. [51 | 52]

hier gewinnen könnte, könnte ich bleiben. Aber du bist ein Hartnäckiger, wie auch der Spitz (Spies) von Schlettstadt und der grosse Plärrer“ (Martinot). – „Sprich, ist es nicht wahr, dass die Gottesmutter mich beschützt und mich standhaft erhält?“ – „Halt's Maul, still!“ schrie er dann.
Ein andermal gestand der Teufel, dass er auch dem Massenmörder Troppmann bei seinen Verbrechen geholfen habe. [52 | 53]

IX. Das Martyrium der Knaben.

* Der Zustand der beiden besessenen Knaben glich einem fortwährenden Martyrium. Schon ihr Anblick flösste einem im hohen Grade Mitleid und Entsetzen ein. Während den zwei ersten Jahren, in denen sie meist das Bett hüten mussten, schlugen sie oft zwei- bis dreimal in der Stunde ihre Beine ganz widernatürlich übereinander und verflochten sie nach Art eines Stranges, und zwar so fest, dass es unmöglich war, sie auseinanderzureissen. Plötzlich fuhren die Beine mit Blitzesschnelle auseinander. Manchmal standen sie auf dem Kopf und den Beinen zugleich, und hielten den Leib hoch in der Höhe. Kein Druck von aussen vermochte dann dem Körper die natürliche Haltung wiederzugeben, bis es dem Satan bequemte, seine Opfer wieder in Ruhe zu lassen.
Oftmals, wenn die Kinder zu Bette lagen, drehten sie sich gegen die Wand und malten schreckliche Teufelsfratzen, mit denen sie redeten und spielten. Legte man einem der Besessenen im Schlafe einen Rosenkranz aufs Bett, so verschwand der Knabe in einem Nu unter dem Deckbett und kroch nicht hervor, bis der Rosenkranz wieder weg war. Sass er auf einem Stuhl, so wurde manchmal der Stuhl mit samt dem Knaben durch unsichtbare Gewalt hoch in die Höhe gehoben,

* Pfarrarchiv und Dokument Spies. [53 | 54]

dann wieder fallen gelassen, so dass der Stuhl in eine Ecke und das Kind in eine andere Ecke flog. Selbst die Mutter Burner, die mit ihrem Söhnlein auf der Bank sass, wurde mit ihm in die Höhe gehoben und sodann in eine Ecke geschleudert, jedoch ohne Schaden zu nehmen. Manchmal schwoll der Körper zum Zerspringen an, und dann erbrach sich der Knabe und es kam lauter Meerschaum, Federn und Seegras aus dem Munde. So waren auch die Kleider oft mit Federn bedeckt, die jedoch einen starken Gestank verbreiteten.
Waren die Knaben im Hof oder im Garten, so kletterten sie oft schnell wie eine Katze auf die äussersten dünnsten Zweige, die niemals brachen. Im Zimmer, das die Kinder bewohnten, entstand zuweilen plötzlich eine unerträgliche Hitze, so dass es niemand mehr aushalten konnte, und doch befand sich kein Ofen daselbst. Wenn man seine Verwunderung ausdrückte, lachte der Teufel und rief: „Gelt, ich heize gut ein; gelt bei mir ist's warm!“
Die Mutter, die im selben Zimmer schlief, konnte es oft vor Hitze nicht aushalten, bis sie aufstand und das Bett und sich selber mit Weihwasser besprengte. Sofort kehrte die normale Temperatur wieder zurück und sie konnte ruhen. So erging es sehr oft auch den Schwestern, die ihn bewachten. Wie muss erst Feuer des Zornes Gottes in der Hölle die verworfenen Engel peinigen. Wer denkt da nicht an die Worte des Propheten: „Wer wird zu wohnen vermögen im verzehrenden Feuer, in den ewigen Gluten?“ (Js. XXXIII, 14.)
Für die guten Niederbronner Schwestern Severa [54 | 55] und Methula war die Besorgung und Bewachung der Kinder eine überaus harte Aufgabe. Bald wurden die Fenstervorhänge von unsichtbaren Händen heruntergerissen und die noch so fest verschlossenen Fenster sprangen mit unheimlicher Schnelligkeit von selbst auf, bald wurden Stühle, Tische and andere Möbel umgeworfen und im Zimmer von Geisterhand herumgeschleift, bald bebte das ganze Haus wie von einem gewaltigen Erdbeben.
Kam ein Priester oder sonst ein eifriger Katholik zu Besuch, dann krochen die Besessenen in aller Eile unter Tisch und Bett, oder sprangen zum Fenster hinaus. Erschienen jedoch andere, sogenannte liberale Christen, dann zeigten sie eine grosse Freude und riefen: „Das ist einer von unseren. So müssen alle werden, das wäre recht.“
Als Thiébaut in Saint-Charles anlangte, redete der Teufel drei Tage hindurch kein Wort. Erst am vierten Tag, abends 8 Uhr, rief er: „Ich bin da und habe grossen Zorn.“ – Die wachhabende Schwester fragte ihn darauf: „Wer bist du denn?“ – „Ich bin der Herr der Finsternis.“ – Dabei war seine Stimme wie das Brüllen eines Kalbes, das man erwürgen will. Wenn er zornig war, dann war das Aussehen des Knaben ganz grauenhaft. Er kannte niemanden mehr, auch seine Mutter nicht. Er zerriss die Kleider und zerschlug alles was er erwischte, bis man ihn bewältigte. Gab man ihm ein Kleidungsstück mit einer eingenähten Medaille, so war sein erstes, das Futter zu zerreissen und den geweihten Gegenstand herauszuklopfen. Seine Taubheit war so gross, dass er Herrn Superior Stumpf auslachte, als [55 | 56] dieser neben seinem Ohr mehrere Pistolenschüsse losfeuerte: „O, der da will schiessen und bringt es nicht fertig,“ rief er.
Der Herr Superior kam einmal mit einem Strassburger Pfarrer per Kutsche auf Besuch nach Saint-Charles. Thiébaut trommelte eben auf den Fensterscheiben. Als er das Fuhrwerk von ferne erblickte, sagte er: „Aha, da kommt der Dreckler. Wart, ich will ihm etwas aufspielen.“ Nach kaum zwei Sekunden löste sich ein Rad vom Wagen und die beiden Herren mussten aussteigen und den Rest des Weges zu Fuss machen.
Anderen schlimme Streiche spielen, die Hündlein (Thiébaut und Joseph) quälen und auf jede Weise martern, das war seine liebste Beschäftigung. Ueber vier Jahre mussten die armen Kinder in diesem schauerlichen Zustand verharren, weil es in der fernen Hauptstadt allzuviele Leute gab, die von einer dämonischen Besessenheit nichts wissen wollten und sich nicht einmal überzeugen liessen durch den Bericht der ersten Enquête. Erst nach etlichen Monaten kam die zweite Enquête zustande und mit ihr das Ende des langen Martyriums und die Befreiung der beiden unglücklichen Knaben.
Einmal besuchte ein Offizier eines afrikanischen Regimentes, das in Mülhausen in Garnison war, aus Neugierde die beiden Besessenen. Als diese seiner ansichtig wurden, machten sie ihm eine solche genaue und eingehende Gewissenserforschung im besten Französisch, dass der Offizier ganz kleinlaut die Flucht er- [56 | 57] griff und sich gründlich bekehrte. Ebenso erging es einem Mülhauser Schulinspektor und zwei andern Mülhauser Herren, die der Vorwitz nach Illfurt getrieben hatte. Auch aus ihnen hat das dämonische Treiben in der Folge gute Christen gemacht.
Am Dienstag morgen, 3. März 1868, ging Vater Burner auf den Markt nach Mülhausen. Kaum in der Stadt angelangt, kam ein kleines Männlein, ein fahrender Händler, der mit Nadeln und Faden handelte und in der Gegend jedermann bekannt war, auf ihn zu, und machte ihm bittere Vorwürfe: „Du selbst bist schuld am Unglück deiner Kinder; du treibst Physik mit ihnen.“ In diesem Tone ging es weiter. Vater Burner verteidigte sich so gut er konnte. Es gelang ihm aber nicht, den Mann zu überzeugen. Zu Hause angelangt, rief ihm der Besessene schon von weitem zu: „Aha, gelt der kleine Händler hat dir eine Szene gemacht; er hat gesagt, du treibst Physik mit deinen Kindern.“ – „War er auch einer von den Deinigen?“ fragte der Vater. – „Jawohl, er ist mir schon ins Netz gegangen.“ – „Da will ich für den armen Mann ein Vaterunser beten, um ihn zu erlösen, und will ihm wegen seiner Grobheit nichts nachtragen.“ Alsobald betete er ein Vaterunser. Da rief der Satan plötzlich: „O weh! Jetzt zerreisst mein Netz und der Mann entgeht mir.“
An einem Fasttage schrie er heftig nach Fleisch und bediente sich dabei der französischen Sprache: „Va me chercher de la viande, ou je sors par la fenêtre.“ An einem andern Tage kam es ihm nie ein, Fleisch zu begehren. [57 | 58]
Das Gebet war ihm überaus lästig. Herr Tresch hatte einmal ein altes Gebetbuch von anno 1646 mitgebracht, welches etliche kräftige Gebete gegen die bösen Geister enthielt. Kaum hatte er es geöffnet, als die Besessenen ihm alle möglichen Schimpfnamen zuriefen. „So so,“ meinte Herr Tresch, „weil du angefangen hast, so werde ich denn fortfahren.“ Darauf sprangen die Besessenen auf ihr Bett und schrien: „Du bringst immer so alte, dreckige Blätter,“ und Thiébaut fügte hinzu: „Du machst mich verrückt, ich kann dich nicht mehr hören, ich werde ein Narr; man muss mich nach Stephansfeld* führen.“ Alsdann machten sie Miene, auf ihren Gegner zu springen und ihn zu beissen und zu kratzen. Dieser hob seine Hand hin und befahl ihnen, darauf zu schlagen, wenn sie es wagten. Sie schlugen jedoch immer daneben, bald rechts, bald links davon.
Auch sonst gelang es ihnen selten, ihre bösen Absichten gegen ihre Gegner zur Ausführung zu bringen. Einmal geschah es doch, dass Thiébaut in Saint-Charles Herrn Abbé Schrantzer, der ihm widersprach, eine kleine Kratzwunde beibrachte. Herr Schrantzer beachtete die kleine Wunde nicht, da sie ihn nur wenig schmerzte. Erst als der Finger am zweiten Tag ganz erheblich anschwoll und sehr schmerzte, bekam er Angst und badete den Finger im Weihwasser. Am folgenden Tag war alles Weh, ja jede Spur der Wunde verschwunden. Ein andermal nahm der Knabe einen Stuhl und schleuderte ihn gegen Abbé Schrantzer. Um Haaresbreite hätte er ihn am Kopfe getroffen. Als er

* Irrenanstalt bei Brumath

sein Experiment wiederholen wollte, nahm der Geistliche Weihwasser und berührte seine Hand. Alsobald liess der Besessene den Stuhl los und flüchtete sich brummend und knurrend in eine Ecke. [59 | 60]

X. Am Gnadenort Einsiedeln.

* Im Mai 1868 waren die Kinder ganz besonders bösartig und immer voll Wut. Ihre Redensarten waren oft sehr gemein und oftmals schmutzig, so dass der Bürgermeister, Herr Tresch, und Herr Brobeck beschlossen, wenigstens mit Thiébaut eine Wallfahrt nach Maria-Einsiedeln zu unternehmen, damit am Gnadenorte die Beschwörung vorgenommen werde.
Kein Mensch in Illfurt wusste von dem Plane auch nur das geringste mit Ausnahme der beteiligten Personen.
Des andern Tages sagte Thiébaut zu Herrn Tresch: „Du und Lien (der Pfarrer von Orschweiler, ein Freund und Landsmann des Herrn Pfarrer Brey), ihr wollt mich jenseits der Berge führen. Das gefällt mir nicht. Was? Ich soll da hineingehen (ins Kloster Einsiedeln)? Nie und niemals.“
Da rief der Jüngere: „Ich will mich verheiraten.“ – „Ja, mit der Hölle,“ rief der Aeltere. „Aber ich?“ – Herr Tresch sprach darauf: „Du, du gehst mit auf die Hochzeit; kann ich auch mitkommen?“
„Ja,“ antwortete Thiébaut, „du und Lien.“ – „Und wer noch?“ fragte der Bürgermeister weiter. – „Und noch etliche andere,“ erwiderte darauf der Knabe, „aber wehe euch, der Berg ist hoch.“ –

* Rapport des Brigadiers Werner. [60 | 61]

„Ich fürchte deine Drohungen nicht,“ versetzte darauf Herr Tresch.
Die Knaben konnten von der beabsichtigten Reise nichts wissen, der Teufel allein wusste es. Er machte die Knaben finster und nachdenklich und konnte seinen Zorn nicht verbergen.
Der Tag der Abreise kam heran. Die Herren Pfarrer Brey und Lien, sowie die Herren Lachemann, Brobeck und Tresch führten den kleinen Thiébaut, der nur mit Widerwillen in das Coupe stieg. In Mülhausen trafen sie noch mehrere Herren, die demselben Ziel entgegenfuhren: Herrn Loetsch, den Provinzial der Frères de Marie, Herrn Klein, Chef de gare von Colmar, und Herrn Weber, Sakristan am Strassburger Münster.
Während der Reise war Thiébaut ruhig, er bewunderte die schönen Landschaften, die Seen und die Berge, er ass und trank wie die andern. Am Tage nach der Ankunft in Einsiedeln begaben sich die Herren nach dem Kloster, um sich anzumelden. Sie erhielten den Bescheid, sich mit dem Kleinen um 9 Uhr in einem Saal einzufinden, wo der Pater Exorzist sie erwarten wollte.
Etwas vor der angegebenen Zeit verliessen sie das Gasthaus, um sich ins Kloster zu begeben. Jedoch Thiébaut widersetzte sich aus Leibeskräften. Herr Lachemann, kurz entschlossen, fasste ihn und trug ihn in den Saal, wo Pater Lorenz Hecht auf sie wartete. Nun begann der Pater den Besessenen in jeder Weise auszufragen, erhielt jedoch keine Antwort. Darauf betete er die Gebete des Exorzismus, worauf der Knabe lärmte und tobte. Da er nichts ausrichten konnte, gab er den Herren den Bescheid, um 1 Uhr wiederzukommen. [61 | 62]
Als sie zur festgesetzten Stunde wieder vor dem Pater standen, legte dieser dem Knaben die Stola um den Hals und betete über ihn. Der Besessene aber wehrte sich derart, dass vier Herren ihn festhalten mussten. Darauf blieb er einige Minuten wie tot am Boden liegen, sprang plötzlich mit aller Hast auf, um die Flucht zu ergreifen; man hielt ihn jedoch fest.
Tags darauf erneuerte ein anderer Pater, Nepomuk Buchmann, dieselben Zeremonien mit demselben negativen Erfolg. Aber diesmal war der Knabe äusserst unruhig und aufgeregt. Hierauf führte der Pater die ganze Gesellschaft in den grossen Saal, welcher mit den Bildnissen verschiedener Herrscher geschmückt ist. Thiébaut besah sich die lebensgrossen Porträts mit grossem Interesse. Er nannte sie: Soldaten. Am besten gefiel ihm das Bildnis des Königs von Preussen. Beim Bilde des Papstes Pius IX. senkte er den Kopf. Und als man ihm den Kopf in die Höhe hielt, schloss er die Augen. Der Pater sagte hierauf: „Das genügt mir.“
Am Mittwoch und Donnerstag brachte man ihn in die Kapelle mit dem bekannten Gnadenbilde.
Während die Anwesenden fünf Vaterunser und fünf Ave Maria beteten, zitterte der Kleine an alle Gliedern. Kopf und Hände bewegten sich in einemfort. Immer wieder trachtete er aus der Kapelle zu kommen, und senkte den Kopf, sobald man anfing zu beten. Im Hinausgehen hatte man alle Mühe, ihn zurückzuhalten, so schnell wollte er sich entfernen. Welche Furcht, welch Entsetzen muss den Satan ergreifen vor dem Bilde der Himmelsmutter!
Noch einmal versuchten es die Patres, das Kind [62 | 63] vom Teufel zu befreien; sie hatten auch diesmal keinen Erfolg. Dann rieten sie den Herren, zur Autorität des Bischofs ihre Zuflucht zu nehmen, der den geeigneten Priester beauftragen solle, die Beschwörung amtlich vorzunehmen. Denselben Rat hatten ihnen bereits die Patres Kapuziner von Dornach bei Basel gegeben. In einem Empfehlungsbriefe, den Pater Lorenz dem Herrn Brey mitgab, bestätigte er den wahren Charakter teuflischer Besessenheit in dem armen Jungen.
Wie glücklich war dieser, die Heimreise antreten zu dürfen. Während der ganzen Reise war er still und ruhig. Aber in Illfurt angekommen, sprach er vierzehn Tage hindurch kein Wort.
Am Fronleichnamstag wurden die beiden Knaben in die Kirche geführt. Es wiederholte sich da die nämliche Szene wie in Einsiedeln. Nach dem Gottesdienste nahm sie Herr Tresch mit nach seiner Wohnung. Sie wollten aber durchaus nicht in der Stube bleiben. Da benetzte der Bürgermeister das Türschloss mit Weihwasser. Nun hatten sie keine Lust mehr fortzulaufen. Hierauf führte er sie vor ein Bild der Muttergottes in seinem Schlafzimmer. Aber sie weigerten sich, es anzusehen.
Eines Tages führte Herr Pfarrer Brey die zwei Brüder nach der Kirchhofkapelle Burnkirch spazieren. Die Mutter sowie die beiden Niederbronner Schwestern und der Cantonnier begleiteten sie. Joseph folgte willig, nicht so der Aelteste. Bei der Illbrücke angekommen, schwangen sich die beiden aufs Brückengeländer und machten Miene, ins Wasser zu springen. Man hatte alle Mühe, sie zurückzuhalten und zum Weitergehen zu ver- [63 | 64] anlassen. Bei dem grossen Nussbaum in der Nähe der Kirche angelangt, weigerte sich Thiébaut, auch nur einen Schritt weiterzutun. Mau musste ihn mit Gewalt weiterschleppen. Vor der Kirchtüre angelangt, liess er sich glatt auf die Erde fallen. Das nützte ihm jedoch nichts: man trug ihn kurzerhand in die Kirche hinein. Nach einer Weile beruhigte er sich und verrichtete auch mit Joseph und den andern einige Gebete. So viel Mühe es gekostet, Thiébaut in die Kirche zu bringen, so leicht war das Scheiden von dem Gotteshause. Die Kinder liefen wie Häslein dem Dorfe zu. Die Begleiter konnten ihnen kaum folgen, solche Eile hatten sie, vom Gotteshause wegzukommen. [64 | 65; dazwischen Bildnis von Ignace Spies und Rektor Hausser]

XI. Satans Bekenntnisse.

In einem seiner Briefe erzählte Herr Martinot, wie der Bürgermeister von Illfurt einen der Besessenen genötigt habe, ihm zu bekennen, welches die wahre Religion sei. Der Knabe rief: „Dass du es weisst, die deinige allein ist die wahre, alle andern sind falsch.“ – „Aber wie kommt es,“ fragte Herr Tresch weiter, „dass du ein solches Bekenntnis machst?“
„Ich bin dazu gezwungen,“ erwiderte der Besessene, „und zwar durch die drei da oben. Ich muss dir ebenfalls mitteilen, dass wir keinerlei Macht haben über diejenigen, die denken und handeln wie du. Wir können nichts gegen die, welche würdig beichten und kommunizieren und der grossen Dame dienen und sie anrufen, die an unserem Unglücke auch schuld ist. Wir können denen nichts anhaben, die aufrichtig die Lehren dessen befolgen, die wir hassen, die dem Vater aller Hunde (Papst) treu und ergeben und dem grossen Schweinestall (Kirche) untertan sind.“
Herr Martinot fragte sodann, wie er heisse: „Ich kenne meinen Namen und den deinigen so gut wie du; aber ich sage ihn dir nicht. Ich habe meine Gründe.“
Tags darauf fragte ihn Herr Tresch, warum er am Vorabend so eigensinnig und grob gegen die beiden Herren von Schlettstadt gewesen wäre. – „Ich kann den 'Spitz' nicht leiden,“ antwortete er, „ebensowenig [65 | 66] als den andern. Dieser, der in Schlettstadt wohnt, aber nicht von dort ist (Herr Martinot stammte vom Departement de la Meurthe), betet zu viel. Er betet so viel er kann. Was er hat, gibt er den Armen; er behält für sich kaum einige Fetzen. Er geht sogar zu den Reichen, um für die Armen zu betteln. Ich kann ihn nicht leiden. Sprich mir nicht mehr von ihm.“
Mit Herrn Tresch war der Satan keineswegs galanter. Er nannte ihn einmal „den grossen Zweig, der sich weithin erstreckt“, und fügte dann hinzu: „Du bist ein Geizkragen, ein Hungerleider, du gibst mir nichts, nicht einmal die Kartoffelschalen. Du gibst alles der grossen Dame und ihrem Hund. Selbst in deinem Hause hast du die grosse Dame mit dem Hündlein auf dem Schoss.“ Herr Tresen fragte ihn hierauf: „Wo steht denn die grosse Dame?“ – „Ueber der Türe.“ – „Das ist aber nicht die, welche du fürchtest?“ – „Nein, aber die, welche du in deinem kleinen Schranke hast und das Hündlein auf dem Schosse trägt.“ – Dieses Bild, eine „Pieta“, hatte der Bürgermeister von seiner Tante von St. Pilt erhalten und verehrte sie sehr.
An einem Sonntag morgen, während die Glocke das Zeichen für die heilige Wandlung gab, geriet der Teufel in grosse Wut. Da sprach die wachhabende Schwester zu ihm: „Wart nur, du wirst bald gezwungen werden, Reissaus zu nehmen. Kann ich dich nicht selbst verjagen?“ – „Deine Nase ist zu kurz dazu,“ spottete der Teufel. – „Wer kann dich denn vertreiben?“ – „Charles Brey“, antwortete er.
Ebenso verkündete der Teufel des älteren Knaben, dass er in Gegenwart von 12 Personen werde weichen [66 | 67] müssen und dass dann das Hündlein (Thiébaut) das Gehör wieder erlangen würde. „Aber,“ fügte er hinzu, „ich werde mich zur Wehr setzen.“ – Wir werden später sehen, welchen ganz gewaltigen Widerstand er dem Exorzisten entgegensetzte, der ihn in Gegenwart von 12 Personen austrieb.
* Ein frommer Priester, früher Aumônier in Saint-Charles, kam extra nach Schiltigheim, um den besessenen Knaben zu besuchen. Als er in die Stube trat, grüsste er mit den Worten: „In nomine Jesu omne genu flectatur“ (Im Namen Jesu beuge sich jedes Knie im Himmel, auf Erden und unter der Erde). Kaum hatte er dieses gesagt, so fiel der Knabe wie eine Masse zusammen; dann begann er zu jammern und zu heulen und verkroch sich heulend unter das Bett. Der Geistliche wiederholte dieselben Worte und befahl dem Knaben, näher zu kommen. Als sich dieser weigerte, sprengte er Weihwasser unter die Bettstelle. Da kroch der Besessene auf allen Vieren hervor und drehte sich winselnd am Boden und flüchtete sich in eine Ecke, so weit als möglich vom Priester entfernt.

* Aufzeichnungen des Herrn Aumôniers Hausser. [67 | 68]

XII. Der ungläubige Doktor und der noch ungläubigere Lehrer.

* Nachdem Gendarm Werner seinen ersten Rapport an die Unter-Präfektur nach Mülhausen geschickt hatte, sandte der Unter-Präfekt Dubais de Jancigny sofort den Gerichtsarzt Dr. Krafft nach Illfurt, um die Kinder gründlich zu untersuchen, und seine Meinung in einem Rapport niederzulegen. Dr. Krafft war Protestant und ungläubig. Mit einer Miene voll Spott und Ironie nahte er sich den Kindern und liess sich vom Bürgermeister den Ursprung des Uebels und die verschiedenen Erscheinungen der Besessenheit erklären.
„Bah,“ sagte er hierauf, „da gibt's weder Hexe noch Teufel, sondern das ist eine Krankheit, die wir „Veitstanz“ nennen.“
Die Anwesenden waren teils verwundert, teils erbost über das so leichtfertige Urteil.
„Aber, Herr Doktor,“ meinte einer, „Sie kommen doch erst eben an. Sie können doch kein Urteil fällen, oder Sie haben erst gesehen, was vorgeht.“
„Das stimmt,“ meinte der Sachverständige, „ich will also eine Krise hervorrufen. Wir werden's gleich haben.“

* Archiv der Pfarrei Illfurt. [68 | 69]

Er zog seine goldene Uhr heraus, und sie Thiébaut vor das Auge haltend, sprach er zu ihm: „Schau, Kleiner, auf diesem Uhrdeckel ist das Bild eines Vogels eingraviert. Sieh' recht, und wenn du es findest. so ist die Uhr dein Eigentum.“ Der Knabe schaute wohl fünf Minuten lang auf den Uhrdeckel, ohne mit einer Wimper zu zucken, fand aber natürlich den Vogel nicht, weil eben keiner da war, sondern nur verschnörkelte Figuren. Hierauf stellte er auch Joseph auf die Probe, ohne mehr Erfolg. Diese Probe sollte bei den Kindern eine Nervenkrise hervorrufen, welche dann die Theorie des Arztes bestätigt hätte. Die Knaben waren durchaus ruhig geblieben und Dr. Krafft musste zugeben, dass von einer Nervenkrankheit keine Rede sein könne.
Da nahm ihn Herr Antoine Zurbach, ein Ratsherr, der zugegen war, auf die Seite und bat ihn, er möge ihn auf den Hausflur begleiten. Dort angekommen, reinigte er zwei Gläser und füllte sie mit frischem Wasser. Hierauf reichte er dem Doktor ein drittes, ebenfalls mit Wasser gefülltes Glas und bat ihn, mit der Fingerspitze einen Tropfen dieses letzteren Wassers in eines der beiden mit frischem Wasser gefüllten Gläser fallen zu lassen. Nachdem dies geschehen war, bot der Arzt den stets vom Durst gequälten Knaben die beiden Gläser an. Jeder nahm mit grosser Hast sein Glas. Thiébaut trank das seine mit einem Atemzuge aus. Joseph jedoch, ohne das Glas an die Lippen zu führen, warf das seine auf den Boden mit den Worten: „O, die Schweinerei.“
Dr. Krafft, aufs höchste verwirrt, kehrt auf den Hausflur zurück, um den Inhalt des dritten Glases zu [69 | 70] prüfen: „Ei,“ sagte er, „dies Wasser hat doch keinerlei besonderen Geschmack!“
„Und wenn auch,“ meinte mit Recht Herr Zurbach. „Der Kleine hat ja das Glas nicht einmal zu seinem Munde geführt.“
„Ja, was ist denn das für Wasser?“ fragte der Doktor.
„Es ist Weihwasser,“ antwortete der Gefragte.
„Da verstehe ich nichts davon,“ erklärte der Arzt und auf seine Uhr schauend: „Ach, es ist Zeit zur Bahn.“
Und fort war er. Das spöttische Lächeln war ihm vergangen. Viel schlimmer erging es dem Lehrer von Illfurt, Herrn Miclo. Er war der Aufgeklärte, der Anführer der Ungläubigen. In der Schule machte er sich lustig über die Ereignisse im Hause Burner und schloss mit den Worten: „Ach was, es gibt überhaupt keinen Teufel.“
Der Mann jener übelbeleumundeten Frau, die den Kindern den verhängnisvollen Apfel gegeben hatte, war seines Zeichens Fischer. Er erschien auch eines Tages im Pfarrhaus, um daselbst einen schönen grösseren Fisch anzubieten. Herr Pfarrer Brey war abwesend; seine Haushälterin hatte jedoch von ihm die strenge Ordre bekommen, von dieser Familie unter keinen Umständen etwas anzunehmen oder zu kaufen. Sie wies also den Mann kurzerhand ab. „Na, wenn der Pfarrer den Fisch nicht will,“ brummte der Fischer im Fortgehen, „so bringe ich ihn dem Schulmeister.“ [70 | 71]
Gesagt, getan. Als der Lehrer hörte, dass der Mann im Pfarrhaus abgewiesen worden war, kaufte er ihm den Fisch ab mit den Worten: „Wenn der Pfarrer ihn nicht mag, so esse ich ihn.“ In derselben Zeit erklärte der Teufel aus dem Munde Thiébauts: „Na, na, jetzt ist Miclo unser, aber erst in einem Jahre werden wir ihn ganz bekommen.“
Kurz darauf reiste er mit zwei seiner Kinder zu Verwandten in der Nähe von Colmar. Auf dem Champ-de-Mars von Colmar sah er eine Kompagnie Soldaten exerzieren. Da stellte er sich vor die Kompagnie und rief: „Je suis Napoléon, l'empereur des Français“. Dabei nahm er ein Stück Papier und ging auf den Offizier los, um ihn zu dekorieren. Der Aermste war überschnappt. Man brachte ihn ins Bürgerspital und von da nach Stephansfeld*, wo er einige Monate verblieb. Hierauf wurde er anscheinend gesund entlassen und kehrte nach Illfurt in seine Stelle zurück. Acht Tage später fand man ihn auf dem Speicher des Bürgermeisteramts im Hanf erstickt. Er hatte sich erhängt. Gendarm Werner schnitt ihn los, und der herbeigerufene Dr. Poucelet von Altkirch bestätigte den Selbstmord. – Es war gerade ein Jahr vergangen, seitdem der Satan verkündigt hatte: „In einem Jahre werden wir ihn ganz bekommen.“
Der Teufel hatte also auch das vorausgesagt und sich über Herrn Miclo ob seines Unglaubens weidlich amüsiert.
Die Folge davon war, dass sehr viele sich bekehr-

* Eine Irrenanstalt in der Nähe von Strassburg. [71 | 72]

ten und eifrige Christen wurden. So erschien einmal eine brave Frau im Redemptoristenkloster von Landser und bat den Pater, ihre vor kurzer Zeit abgelegte Generalbeicht wiederholen zu dürfen. Sie sei bei den Kindern gewesen, sagte sie, und der Teufel schien Gefallen an ihr zu finden, und nun sei sie in grosser Sorge, dass es um ihren Seelenzustand nicht gut stehe. [72 | 73]

XIII. Die bischöfliche Kommission.*

Es vergangen mehrere Jahre, bis die bischöfliche Behörde sich über den Fall der beiden Kinder aussprach. Bischof Raess selber verhielt sich sehr skeptisch und liess sich erst durch den Bericht der von ihm ernannten Kommission von der Tatsache der Besessenheit überzeugen. Es war hauptsächlich auf die Veranlassung des Kantonalpfarrers von Altkirch, Chanoine Lemaire, dass der Bischof am 9. April 1869 eine kanonische Untersuchung des Falles anordnete.
Am 13. April begaben sich die drei ernannten Kommissionsmitglieder, Chanoine Stumpf, Superior des Grossen Seminars von Strassburg, Apollinarius Freyburger, Kantonalpfarrer von Ensisheim, und Nicolaus Sester, Stadtpfarrer von Mulhausen, nach Illfurt, um das Nötige zu veranlassen. In Abwesenheit des Herrn Pfarrers führte sie der Bürgermeister durch eine Hintertüre in das Haus Burner, um von den beiden Knaben nicht bemerkt zu werden. Sie fanden daselbst nur die Mutter und Thiébaut, der, am Tische sitzend, gerade damit beschäftigt war, eine Baumwollspule abzuwickeln. Sein jüngerer Bruder war verschwunden: „Wo mag nur Joseph stecken,“ meinte die Mutter, „soeben war er noch hier. Ist er etwa wieder aus dem Fenster gesprungen?“

* Archiv des Bistums Strassburg. [73 | 74]

Nach kurzem Suchen wurde der Flüchtling entdeckt. Er hatte sich in der Nebenkammer unter dem Bette versteckt und konnte nur mit Gewalt hervorgezogen werden. Verzweifelt wehrte er sich und verbarg sein Gesicht mit den Händen wohl 10 Minuten lang. Herr Tresch hielt Wache, dass er nicht mehr Reissaus nehmen konnte.
Unterdessen bleibt Thiébaut ganz in seine Arbeit versunken. Er macht auf die Besucher einen guten Eindruck. Seine Ruhe und Bescheidenheit, sein offener Blick, sein harmloses Wesen, gepaart mit einer gewissen Traurigkeit und Mattigkeit, fallen ihnen angenehm auf. Joseph dagegen hat die Physiognomie eines ausgesprochenen Taugenichts, ohne allen Ernst, den Blick zu Boden gerichtet, stets bereit zu dummen Streichen, hinterlistig, boshaft und faul. Den widerspenstigen Sinn bezähmen weder gute Worte noch Schläge.
Herr Superior Stumpf bietet ihm zuerst eine geweihte Medaille an. Entsetzt fährt er zurück bis zur Mauer. Da er nicht mehr weiter ausweichen kann, schlägt er ihm die Medaille mit der Faust aus der Hand und macht sogar Miene, sich mit Fusstritten zu wehren. Darauf hebt der Bürgermeister die Medaille vom Boden auf und will sie ihm zu küssen geben. Da versetzt ihm der Junge mit heftiger Wut etliche wuchtige Hiebe und erntet andere dafür ein. Dabei schneidet er widerliche Grimassen und windet sich wie von einer Tarantel gestochen.
Bei dieser Szene verhält sich Thiébaut ganz teilnahmslos. Kaum, dass er einmal einen flüchtigen Blick [74 | 75] auf seinen Bruder wirft. Herr Stumpf bietet auch ihm die Medaille an. Da, siehe, der Knabe schiebt die Spulen zurück und rückt entsetzt von ihm ab. Sein Angesicht wird feuerrot. Als er bemerkt, dass man ihn nicht weiter belästigen will, beruhigt er sich, rafft die Spulen zusammen, legt sie in eine Lade und setzt sich bescheiden hinter den Tisch.
Als jedoch die Herren Freyburger und Sester sich neben ihn setzen, wird er verwirrt und rückt von ihnen ab bis zur Mauer. Er beruhigt sich erst, als er sieht, dass man nicht weiter in ihn drängen will. Er hebt dann Papierschnitzel vom Boden auf. Sein Gesicht behält jedoch den Ausdruck der Sorge und der Angst vor einem neuen Angriff. Dieser lässt nicht lange auf sich warten; denn Herr Tresch besprengt seine Hände mit Weihwasser; was ihn veranlasst, sein Heil in der schleunigsten Flucht zu suchen. Wie er aber sieht, dass eine weitere Flucht unmöglich ist, lässt er sich fallen, um sich unter dem Tische zu verstecken. Alsbald zieht ihn Herr Tresch hervor and setzt ihn auf eine Bank neben Herrn Superior Stumpf gegenüber den beiden anderen Herren. Thiébaut rückt nun an das andere Ende der Bank, äusserlich ruhig und mit gesenkten Augen. Diese Bank befindet sich am Fussende des Bettes, welches mit einem ärmlichen, baumwollenen Vorhang von blauer Farbe bedeckt ist.
Von dem Knaben unbemerkt, besprengt hierauf Herr Sester den Vorhang von innen mit Weihwasser. Thiébaut seufzt auf wie unter der Last eines ungeheuern geheimnisvollen Schmerzes. Herr Stumpf bietet seinerseits ein Bildchen aus seinem Breviere an, [75 | 76] wird aber damit mit Heftigkeit abgewiesen. Daraufhin hält der Bürgermeister den Jungen fest, während der Superior ihm das Bildchen auf den Kopf legt. Vergebliche Mühe. Der Besessene schüttelt den Kopf solange, bis das Bildchen am Boden liegt.
Alle diese Prüfungen ermüden ihn sehr. Mit beiden Armen wischt er sich den Schweiss vom Angesichte; er kann nur mit Mühe Atem bekommen. Der kleine Bruder war unterdessen aus dem Fenster gesprungen und spielte vor dem Hause mit andern Kindern.
Die Untersuchung hatte den ganzen Morgen gedauert und hatte die Kommission von der wahren Natur dieser absonderlichen Krankheit überzeugt. Als die Herren abgereist waren an demselben Abend, begab sich Herr Tresch nochmals nach dem Burnerschen Hause und fragte Thiébaut: „Na, kennst du die Herren, die dich heute besucht haben?“ – „Was, du nennst sie Herren? Ich bin ein grösserer Herr als diese da.“ – „Woher sind sie?“ – „Der eine ist nicht weit von da, nur von Mülhausen.“ – „Welcher?“ – „Der, welcher öfters hinausging. Er glaubt nicht sehr, aber die zwei andern sind desto mehr davon überzeugt.“ – „Wo ist der andere her, welcher dir das Bild angeboten hat?“ – „Von Strassburg. Dieser macht mir am meisten Schaden. Der Mann mit der grossen Kappe hat ihn geschickt.“ – „Und der dritte?“ – „Der ist von Ensisheim. Aber ich will sie schon davon abbringen und sie ungläubig machen.“
Dabei ist zu bemerken, dass der Kleine vollständig taub war und seine Eltern auf keine Weise wissen [76 | 77] konnten, woher und zu welchem Zwecke die Besucher gekommen waren.
Nach der Protokollaufnahme, laut Aussagen der Zeugen und auf Grund eigener Beobachtung, reichte die Kommission ihren Bericht der bischöflichen Behörde ein, damit das Weitere veranlasst würde. Herr Superior Stumpf schlug vor, die Knaben nach Strassburg in eine klösterliche Anstalt zu bringen, um mit ihnen die Exorzismen vorzunehmen, und Herr Superior Spitz bot dazu die Waisenanstalt Saint-Charles bei Schiltigheim an, welche dem Allerheiligenkloster gehörte. Auf den Wunsch des Herrn Generalvikars Marula wurde vorerst nur der älteste Knabe nach der Anstalt überführt, wo er fünf Wochen lang, bis zum Tage seiner Befreiung, in der Pflege der Schwestern verblieb.
Schon vorher einmal sollte eine Enquête gemacht werden, aber besonderer Umstände halber kam sie nicht zustande. Der Satan hatte auch dies vorausgesagt. In Gegenwart der Herren Spies und Martinot fragte einmal Herr Tresch den älteren Knaben, als die Krisis wieder eingetreten war: „Sprich, wo bist du heute gewesen?“ – „O, ich habe meine Zeit nicht verloren,“ erwiderte der Satan, „ich war heute in Strassburg.“ – „Was hast du da gemacht?“ – „Ich habe fünf Pfaffen betrogen.“ – „Wieso?“ – „Ei, ich habe eine Soutane angezogen, und so ist es mir gelungen, sie hinters Licht zu führen.“ Die Herren erfuhren nachträglich, dass tatsächlich eine von der geistlichen Behörde angeordnete Untersuchung hätte stattfinden sollen, und dass dieser Auftrag einem Geistlichen gegeben worden [77 | 78] war, dem die Sache gar nicht passte. Er kam zwar nach Illfurt, sah aber weder die Kinder, noch deren Eltern und übertrat nicht einmal die Schwelle des Burnerschen Hauses. Die Enquête fiel natürlich ins Wasser, und die Sache des Teufels wurde dadurch mächtig gefördert. [78 | 79]

XIV. Rapport des Gendarmen Werner *

Zu der so ungemein tragischen Geschichte der vom Teufel besessenen Kinder von Illfurt sind neue, sehr interessante Dokumente hinzugekommen. Es sind die Aufzeichnungen, die Herr Professor Lachemann von den Frères de Marie von Sankt Pilt hinterlassen hat, und die im Collegio Santa Maria in Rom aufbewahrt waren, nebst dem ausführlichen Rapport des Brigadier der Illfurter Gendarmen, wie er ihn ab und zu der Präfektur von Colmar und der Unterpräfektur von Mülhausen zugehen liess. Herr Werner, der Brigadier, war in Illfurt noch ganz ungläubig.
Die schärfste Beobachtung der wunderbaren Ereignisse im Hause Burner und eine Wallfahrt nach Lourdes brachte den die Wahrheit offen suchenden Mann auf andere Gedanken. Als er sich nach Vesoul zurückzog, war er bereits ein musterhafter Christ geworden. Seine Aufzeichnungen hat er sodann einem geistlichen Freunde** mitgeteilt, und wir geben sie im Auszug wieder, weil das Schicksal der armen Kinder im Elsass und weit über seine Grenzen hinaus so mächtiges Interesse erweckte.
Es war im November 1868. Da wurde der Brigadier Werner von der Illfurter Gendarmerie benachrichtigt,

* Rapport des Brigadiers Werner.
** Pater Wüssler, C. s. Sp., Freiburg in der Schweiz. [79 | 80]

dass wieder einmal eine grössere Zusammenrottung des Volkes vor und in dem Hause stattfände, um Zeuge zu sein der teuflischen Kundgebungen in den zwei armen Kindern. Herr Werner begab sich sofort in das Haus und bemerkte bei ihnen mit Erstaunen einen ungewöhnlich furchtsamen und blödsinnigen Ausdruck; sonst hatte er sie immer als heiter, lebenslustig und intelligent gekannt.
Er fragte den anwesenden Vater, woher das komme, und dieser meinte, sie seien verhext worden, was den Gendarmen zum Lachen reizte. „Seid gescheit,“ antwortete er, „und schickt zum Arzt; der kann schon helfen.“
Schon wollte sich der Brigadier zurückziehen, da bat ihn ein anweisender Herr, noch eine Weile zu bleiben, denn bald beginne die Krisis. Er blieb.
Richtig, nach einer Wedle rief der Aelteste: „Da ist er, da ist er!“
Alsobald fing sein Bauch an, sich unnatürlich aufzublasen; sein Atem wurde pfeifend, und seine Brust ging auf und ab wie ein Schmiedeblasbalg. Der Gendarm stemmte sich mit aller Kraft gegen Brust und Bauch des Kindes, um den Bewegungen Einhalt zu tun. Ein anwesender Ratsherr half ihm; dazu kam noch ein dritter und vierter Mann. Der Gendarm überliess hierauf seinen Platz einem anwesenden Mehlhändler, Bouvier mit Namen, einem Koloss von ungewöhnlicher Kraft. Alle vier Männer drückten mit solcher Gewalt auf den Leib des Knaben, dass die Bettstelle krachte, ohne jeden Erfolg. Besorgt, dass dadurch innere Organe verletzt werden könnten, bat sie Herr Werner, den [80 |81, dazwischen Bilder von Bischof Stumpf und Generalvikar Freyburger] Knaben freizulassen. Dieser aber rief: „Ach was, ich spüre absolut nichts, Ihr könnt noch ein paar Männer zur Hilfe herholen, sie werden ebensoviel ausrichten.“
Der Vater erzählte dann den Anwesenden, dass solche Erscheinungen öfters vorkämen bei beiden Knaben, dass er jedoch bald damit fertig werde. Er brauche sie nur mit Weihwasser zu besprengen, so sei die Geschichte alsobald erledigt. Auf den Wunsch des Herrn Brigadier Werner besprengte er nun Thiébaut mit etwas Weihwasser. Da entrang sich ein Stöhnen dem Munde des Kindes; sein Leib schwoll langsam ab, die Krisis war zu Ende.
Im Monat Februar 1869 war eines Nachmittage der Brigadier Werner abermals auf Besuch bei den Kindern. Es waren aber wenig Leute da, und die Knaben verhielten sich seit einigen Tagen ziemlich ruhig, weil Luzifer, wie sie sagten, Karneval halte und auf den Bällen sich herumtreibe. Die Mutter benützte diese ruhige Zeit, um das Bett der Kinder in Ordnung zu bringen. Sie liess beide, nur mit dem Hemd bekleidet, sich auf die Stühle niedersetzen, die in der Nähe des Ofens standen. Herr Werner war im Begriff nach Hause zu gehen und redete noch im Hausflur mit dem eintretenden Herrn Frindel, Chef de gare von Illfurt. Da vernahmen sie einen Schrei aus der Stube; sie eilten sofort herbei, um zu sehen, was los sei. Da erblickten sie Thiébaut, durch eine geheimnisvolle Kraft emporgehoben, 35 bis 40 Zentimeter über seinem Sitze schwebend. In dieser Lage verblieb er mehrere Minuten, zum grössten Staunen der Anweisenden. Da holte ein Fräu- [81 | 82] lein den Weihwasserkessel und besprengte den Jungen mit Weihwasser.
Langsam und stossweise liess sich dieser herab auf seinen Stuhl; er schien ermattet zu sein und begehrte, ins Bett zurückzukehren.
Auf ihre Frage meldeten die Eltern den Besuchern, dass diese Erscheinung bei den Kindern sich schon des öftern wiederholt habe, und Joseph bestätigte die Aussagen seiner Eltern.
Kurz darauf hörte Herr Werner, dass Thiébaut einem geheimnisvollen Wesen Federn ausgerupft habe. Er begab sich nach dem Hause Burner, wo der Vater ihm eine Lade mit solchen Federn zeigte. Sie waren gelblich und besassen ihre Wurzeln. Aehnliche Federn hatte noch niemand gesehen. Aus dem Bette waren sie nicht, das ergab eine sofortige genaue Untersuchung. Die Bettfedern stammten von grauen Gänsen, und ihre Wurzeln waren abgeschnitten. Herr Werner fragte einen der Knaben, wie der geheimnisvolle Besucher denn aussehe und wie er ihm erscheine.
„Unter der Gestalt einer grossen Gans,“ antwortete der Besessene, „aber mit einem sehr langen Schnabel und grossen, grünen, phosphoreszierenden Augen.“
Hierauf fragte er auch den Jüngern, ob das so stimme, was sein Bruder behaupte. Joseph verneinte das und sagte, das, was er sehe, sei kein Vogel, wohl aber ein kleines, behaartes Tier, wie ein Meerschwein. „Das ist auch die Ursache,“ bemerkte der Vater, „warum der Leib des jüngeren nie so sehr aufgeblasen ist, wie derjenige seines Bruders.“ [82 | 83]
Alsdann bat Herr Werner den älteren Knaben, dem Vogel die Federn auszurupfen, wenn er wieder käme. Unterdessen verteilte eine anwesende fremde Dame etliche Zuckersachen an die Kinder, welche dieselben sofort zum Munde führten. Plötzlich liess Thiébaut die Bonbons fallen, zeigte nach vorn und rief: „Da ist er, da ist er!“
Er machte die Gebärde, etwas auszurupfen. Da fasste Herr Werner ihm schnell die rechte Hand und ein anderer Mann die linke. Als sie dessen Fäuste öffneten, fielen zwei Häuflein Federn heraus. Die Herren untersuchten sie und konstatierten, dass sie mit den ihnen vom Vater gezeigten durchaus identisch waren. Herr Werner riet diesem, sie von einem Chemiker untersuchen zu lassen.
Auf der Haustreppe kam dem Brigadier Herr Pfarrer Brey entgegen, dessen erste Frage lautete: „Nun, was halten Sie davon?“
„Ei,“ antwortete der Gefragte, „für mich ist das alles ein unbegreifliches Mysterium. Was ich bis jetzt gesehen habe, hat mich in Erstaunen gesetzt.“
„Nun, wenn Sie mitkommen wollen,“ sagte hierauf der Geistliche, „dann wird Ihr Erstaunen noch grösser werden.“
Er zog aus der Tasche seiner Soutane eine sehr starke, seidene Schnur (einen sogenannten Franziskusgürtel), zog sie durch den kupfernen Ring eines geweihten Kreuzleins aus sehr hartem Buchsholz, legte die Schnur auf den Hals des Knaben und bat einen der Anwesenden, einen festen dreifachen Knoten zu machen, so dass dieser Knoten im Nacken sass, das Kreuz aber [83 | 84] auf der Brust häng. Unmöglich, dass der Knabe den Knoten lösen oder die Schnur hätte zerreissen können. Uebrigens wurde gut aufgepasst.
Die Knaben liessen mit sich machen, was man wollte, und antworteten mit Bereitwilligkeit auf alle Fragen. Plötzlich erbleichte Thiébaut, fing an zu zittern und rief: „Da kommt er, da kommt er!“
Herr Werner zog schnell die Bettdecke zurück und bemerkte auch ebenso schnell das Verschwinden der Schnur und des Kreuzes. Alle waren erstaunt. Als Thiébaut bemerkte, dass der Gendarm das Bett untersuchen wollte, erhob er sich und befahl auch seinem Bruder aufzustehen.
„Suchet jetzt,“ sprach er, „aber Ihr findet nichts. Die Schnur ist weg. Vom Kreuz aber befindet sich ein Teil auf dem Brett mit den Büchern über dem Bett. Nehmt einen Stuhl und schauet nach. Ein anderer Teil liegt unter dem Holz hinter dem Ofen und der Rest draussen vor der Türe, im Hausgang.“ Und so war es auch. Man fand alle drei Teile an den angegebenen Orten, von der Schnur jedoch fand man nichts mehr.
Dieses neue Ereignis machte am darauffolgenden Tag die Runde durch die Zeitungen der Gegend, und aus weitem Umkreise kamen immer mehr Leute, die Knaben zu sehen. Zeitweilig musste man zu Absperrungsmassregeln seine Zuflucht nehmen und einen Ordnungsdienst einsetzen, um einer Katastrophe vorzubeugen, denn der Fussboden drohte einzustürzen.
Eine ähnliche Szene ereignete sich etwas später. Während den heftigsten Krisen sahen die Kinder öfters [84 | 85] sieben Gespenster, die sie „die weissen Wesen“ oder die „sieben Narren“ nannten. Thiébaut sah allein noch ein achtes Wesen, das er „Meister“ nannte. Eines Tages erschienen sie ihnen wieder und raubten ihm den St. Josephsgürtel, den man fest um den Leib des Knaben gebunden hatte. Der Herr Pfarrer fragte ihn, wo der Gürtel hingekommen sei.
„Such' ihn!“ war die Antwort. Der Herr Pfarrer suchte ihn überall, besonders unter dem Bett und im ganzen Zimmer, fand aber nichts. Auf sein wiederholtes Fragen erhielt er stets dieselbe Antwort. „Such' ihn!“ Noch zwei Tage suchte man allenthalben. Jedesmal umsonst, Thiébaut lachte und wiederholte nur: „Such' ihn!“
Nach einem Monat fragte der Geistliche zufällig nochmals den Knaben, wo denn der Gürtel hingekommen sei. „Such' ihn im Federbett.“ Man suchte und fand ihn daselbst ganz eng zusammengerollt, so dass er nicht mehr Raum einnahm als ein Steinkügelchen, womit die Kinder spielen. Und doch hatte Th. den Gürtel nicht losmachen und so verwickeln können, ohne dass der Herr Pfarrer, der ihn scharf beaufsichtigte, es bemerkt hätte.
Er wollte auch einmal die Taubheit Thiébauts auf die Probe stellen und zu diesem Zweck etliche Schüsse in nächster Nähe des Knaben aus seiner Pistole abfeuern. Als er jedoch die Pistole nehmen wollte, war sie verschwunden. Er suchte sie vergebens. Da rief er Josepb herbei und sprach zu ihm: „Joseph, hilf mir meine Pistole suchen.“ [85 | 86]
Der Kleine eilte herbei und rief: „Dort in der Ecke liegt Ihre Pistole!“
Der Geistliche war erstaunt, sie an einem so ungewohnten Platz zu finden. Er lud und feuerte fünf Schüsse neben Thiébaut ab. Dieser aber hatte nichts gehört. Er fragte vielmehr die Anwesenden, warum der Herr Pfarrer nicht schiesse, und schloss mit den Worten: „Ah, er kann nicht schiessen.“
Der Teufel hatte einmal erklärt, dass er Thiébaut das Gehör geraubt habe wegen der Leute, die sich seiner annehmen; damit er ihre Bemerkungen nicht höre. Aber während den Krisen erlangte er jedesmal das Gehör wieder und hörte dann so gut wie sein Bruder. Seine Taubheit verlor der Knabe erst im Augenblicke seiner Befreiung, wie es auch der Satan vorausgesagt hatte. [86 | 87]

XV. Gendarm Schini verduftet.*

Mit Brigadier Werner war noch ein anderer Gendarm in Illfurt, Schini mit Namen, ein früherer Artillerieoffizier, Inhaber der Médaille militaire und mehrerer anderer Orden. Er war Protestant und spottete weidlich über die Vorgänge im Hause Burner. Besonders konnte er sich lustig machen über die zahllosen Fremden, die von weit herkamen, um, wie er sagte, „die Narrenpossen“ der zwei Knaben sich anzusehen.
Weil nun aber in jedem Menschen eine Portion „Wunderwitz“ steckt, hätte Schini doch einmal gerne und unauffällig mitangesehen, was denn eigentlich los ist. Eines schönen Tages bat er seinen Brigadier um Erlaubnis, ebenfalls zu den Kindern gehen zu dürfen.
„Ja, gehen Sie,“ lautete die Antwort, „aber erst, wenn die Nacht angebrochen ist und in Zivil.“
In seiner Eigenschaft als offizieller Berichterstatter besuchte Herr Werner die Kinder immer in Uniform. Schinis Besuch hingegen war nur ein privater. Er lieh sich irgendwo ein Zivilkleid und begab sich in der Abenddämmerung nach dem Burnerschen Hause. Da gerade viele Leute da waren, musste er unten im Hausflur warten, bis die Reihe an ihn kam.

* Rapport des Brigadiers Werner. [87 | 88]

Jedoch, das Warten dauerte nicht lange. Die Knaben lagen droben im ersten Stock in ihrem Bette, Da rief einer von ihnen die Mutter herbei und sagte ihr leise:
„Mutter, geh' doch auf den Hausflur; unten an der Treppe steht Gendarm Schini. Führ' ihn durch die Leute hindurch zu uns herauf, 's ist so lange, dass wir ihn nicht gesehen haben.“
Die Mutter nahm eine Lampe und ging. Aber da der Gendarm in Zivil war, erkannte sie ihn nicht. Sie kam dann zurück und sagte den Kindern, dass sie sich geirrt hätten.
„Doch, doch,“ schrien beide, „Gendarm Schini ist da, er ist in Zivil.“
Jetzt schaute der Vater nach. Richtig traf er Schini und bat ihn, sofort heraufzukommen, da die Kinder das wünschten. Diese Meldung traf diesen wie ein Blitz. Er hatte genug gehört und gesehen. In einem Nu war er verduftet. Kaum war der Vater ins Zimmer zurückgekehrt, so riefen die Kinder: „Aha, Papa Schini hat Pech gekauft!“
Als er zu Hause angekommen war, fragte ihn sein Vorgesetzter: „Was? Schon zurück? Was haben Sie gesehen?“
„Nichts hab' ich gesehen, aber gehört hab' ich. Das genügt mir.“ Er erzählte nun, wie er von den Knaben erkannt worden war, obgleich sie ihn nicht hatten sehen können.
„'s ist doch eigentümlich,“ bemerkte er sodann, „unsere Religion verbietet den Aberglauben, aber wie soll ich dieses Geheimnis erklären. Es müsste schon [88 | 89] sein, dass die Kinder die Gabe des zweiten Gesichtes haben.“
Von diesem Tage an spottete er nicht mehr.
Etliche Tage darauf kam auch ein Mann vom Nachbardorf Spechbach nach Illfurt, um die Kinder zu sehen. Unterwegs ging er an einem Rebstück vorbei, wo die Stöcke über und über mit süssen Trauben behängen waren. Die Versuchung war gross und schon langte er nach einer Traube; doch, als braver Christ überwand er sich und schritt weiter.
Kaum im Hause Burner angekommen, riefen die Kinder ihm zu:
„Gelt, das waren schöne Trauben! Warum hast du sie nicht genommen? Sie waren so süss!“
Die Bestürzung des Besuchers kann man sich denken. [89 | 90]

XVI. Eine Szene in Saint-Charles.*

In einem interessanten Brief des Herrn Charles André, Gärtner von Saint-Charles, an seine in Rappoltsweiler wohnenden Eltern unterm 5. Oktober 1869 lesen wir folgende ergreifende Szene, deren Augen- und Ohrenzeuge er selber gewesen war.
„Am Samstag sagte die Schwester (Soeur Damase) zu mir, ich solle das Kind (Thiébaut) in die Kirche (Kapelle der Anstalt) führen, koste es Gewalt oder nicht. Ich dachte, das sei ein leichtes, aber ich irrte mich. Ich nahm den 14jährigen Knaben und hielt ihn fest. Die Schwestern verbanden ihm die Augen, dass er nicht wissen sollte, wohin wir gehen wollten, und ich ging gegen die Kirche. Als wir nun einen Schritt gegen die Kirche taten, wurde er wütend, – denn bisher war er ruhig – und wollte nicht weitergehen. Ich nahm ihn in die Höhe, um ihn zu tragen. Er war sehr schwer, und ich brauchte alle meine Kräfte, um ihn zu bemeistern. Ich ging, so gut ich konnte, ihn halb schleifend, halb tragend, in die Kirche. Er gab keinen andern Laut von sich, als wie ein Hund, welcher heult.
Die Schwestern wollten mir tragen helfen, und nahmen das Kind an den Füssen; da schleuderte er die

* Aufzeichnungen des Herrn Charles André. [90 | 91]

Beine auseinander und die Schwestern fuhren hinweg. Als ich mit ihm auf den Kirchenstufen war, wurde er rasend und drehte sich winselnd in meinen Armen herum wie eine Schlange. Auf einmal schlug er seine beiden Füsse um die meinen herum, und zwar so fest, dass niemand sie weg brachte. Ich war eingeklemmt und fiel auf die Seite an die Kirchenmauer. Ich schwitzte mir ein nasses Hemd und konnte fast nimmer schnaufen. Da ruhte ich ein wenig aus und ging, so gut ich konnte, mit dem Kleinen die Treppe hinauf bis an die Kirchentüre. Man öffnete sie und ich stand am Eingange.
Plötzlich wurde der Knabe wie vom Blitze getroffen und fiel in meinen Armen zusammen. Er war wie tot; Schaum bedeckte seinen Mund; seine Augen steckten tief in ihren Höhlen und blieben fest geschlossen; er gab keine Spur von Leben. Ich schleifte ihn bis mitten in die Kirche; da fielen wir beide auf die Erde nieder. Das Kind blieb daselbst zwei Minuten wie tot liegen; da bekam er plötzlich Leben und schrie wie ein wütender Hund: „Weg mit dem Dreck. Hinaus aus diesem Saustall!“ und gelber Schaum umgab seinen Mund.
Ich wollte seine Augen gut betrachten und beugte mich über ihn, da spie er mir diesen Schaum ins Gesicht. Er drehte sich wie ein getretener Wurm und schrie fürchterlich; dabei suchte er nach der Kirchentür zu kriechen. Sehr langsam und wie zerschmettert waren jetzt seine Bewegungen. Es war fürchterlich und grausam, und die Finsternis der Nacht vermehrte noch unsern Schrecken. [91 | 92]
Nach einer halben Stunde schleifte ich ihn wieder hinaus. Kaum war er vor der Türe, so erhob er sich von selber und lief ganz allein. Ich nahm ihn bei der Hand und führte ihn in sein Zimmer. Es hat uns alle angegriffen. Wir sprachen nichts und waren gedankenvoll und voll Bewunderung.
Ins Zimmer zurückgekehrt, sollte der Knabe sein Abendessen einnehmen. Er rührte es jedoch nicht an, sondern legte sich aufs Bett und schlief ein. Während er schlief, begann der Teufel mit heiserer und zorniger Stimme zu sprechen:
„O, wie bin ich in Wut!“
„Wo war Thiébaut heute abend?“ fragte man ihn,
„Im Schweinestall!“
„Wer hat ihn dahin geführt?“
„Der Vagabund, der Dickkopf!“ (Herr André.)
„Wer noch?“ fragte die Schwester.
„Du!“
Hierauf fing er an zu murren und zu fluchen.
Die Schwester fragte weiter:
„Wer hat dich mit Weihwasser besprengt!“
„Die Stinkerin, die mit den kleinen Hunden ist!“
Tatsächlich war es die Schulschwester gewesen. Der Teufel nannte die Kinder bloss: kleine Hunde.
„Du hast es ja nicht gesehen,“ meinte die Schwester weiter, „du hattest ja die Augen verbunden.“
„Weisst du nicht,“ antwortete er, „dass ich alles sehe?“
„Und warum hast du Thiébaut nicht essen lassen?“
„Der Hund brauchte das nicht. Ich habe im Schweinestall satt bekommen.“ [92 | 93]
Thiébauts Mutter war in die Stadt gegangen, um der Ehrw. Generaloberin, Soeur Angélique, und dem Herrn Erzpriester Spitz zu berichten, was sich mit ihrem Kinde in Saint-Charles ereignet hatte. Als sie zurückgekommen war, erzählte der Teufel ihr und der wachhabenden Schwester alles, was sie Herrn Spitz und der Generaloberin gesagt hatte.
Man konnte den Teufel zum Sprechen zwingen, wenn man den Knaben mit Weihwasser besprengte, oder ihm eine Medaille auflegte, was ihn sehr erzürnte. Einmal in Wut geraten, kannte er niemand mehr. Er zerriss und zerbrach, was ihm unter die Hände fiel, und wenn man sich ihm widersetzte, wehrte er sich mit äusserster Heftigkeit, so dass man ihn kaum zu bändigen vermochte.
Der Knabe ist taub, wir haben ihn geprüft auf alle Arten. Er redet sehr wenig des Tages, und dann redet er wie ein kleines Kind mit einer reinen Stimme. Spricht aber der Teufel aus ihm, so ist die Stimme stark, wie ein starker Bass, heiser und nicht gut zu verstehen.
Er scheint sehr gleichgültig zu sein gegen das, was um ihn vorgeht. Er geht herum, wie ein toller Mensch, schaut kein Kind an, welches noch nicht sechs oder sieben Jahre alt ist, rührt auch keines an; ebensowenig schaut er irgend ein religiöses Bild an. Am meisten Freude zeigt er am Vieh, wie Spinnen, Kröten; das sind seine Lieblinge. Er sucht oft solches Ungeziefer, spielt mit ihnen, lässt sie auf seiner Hand herumlaufen und reisst ihnen die Füsse aus. Er isst meistens wie ein anderer Mensch; aber er hat Zeiten, [93 | 94] wo er Vielfrass ist, wie er auch letzthin einen grossen Korb voll Aepfel leerte und alle bis auf den letzten ass.
Wenn ihm die Schwester das Essen bringt und tut ihm einen Tropfen Weihwasser hinein oder berührt es mit einem geweihten Pfennig, und zwar in der Küche, wo der Knabe niemals hinein kommt, so weiss er es doch. Dann geht er an die Speise und beschaut sie und sagt: „Ich habe keinen Hunger; es ist Dreck drin, oder es ist vergiftet,“ – und er rührt das Essen nicht an und isst nichts, bis man ihm anderes bringt. Mit dem Trinken ist es ebenso.
Die Kirche nennt er Saustall, das Weihwasser Sauwasser oder Dreckwasser, die Priester Schwarzkutten, Pfaffen usw. Die Schwestern nennt er Patienten, die voll Dreck hängen. Die Katholiken sind Dreckler. Die Kinder heisst er Hündlein. Aber die Freimaurer lobte er, ebenso die Protestanten. Von ihnen sagte er: „Das sind rechte Leute; solche muss man haben, diese wollen die Freiheit.“ Von ihnen redete er mit der grössten Freude. Die leisten „uns Herren“ viele Dienste; denn er nennt sich „Herr“ und die Teufel seine „Herren“. Sie sparen ihnen viele Mühe und verschaffen ihnen viele Leute. Dagegen die Dreckler und Schwarzkutten verderben ihnen viel, machen ihnen viele Mühe und rauben ihnen zahlreiche Seelen.
Wenn der Teufel aus dem Kleinen redet, so geschieht das wie in einer Art Verzückung; er liegt wie tot. Es ist ein schöner Bub, aber bleich und melancholisch. Er lebt und geht umher, wie ein Mensch in grossem Kreuz.“ [94 | 95]

XVII. Thiébauts Befreiung.*

Anfangs September 1869 wurde der älteste Knabe nach der Waisenanstalt Saint-Charles bei Schiltigheim überführt. Seine unglückliche Mutter begleitete ihn. In Saint-Charles fand auf Befehl des Hochwürdigsten Herrn Bischofs durch Generalvikar Rapp, Superior Stumpf und Pater Eicher, Superior der Strassburger Jesuiten, eine neue und ganz gründliche Untersuchung statt. Daneben wurde der Knabe von Herrn Aumônier Hausser und einem Strassburger Theologen, Herrn Abbé Schrantzer, aufs genaueste beobachtet.
Schon das Aeussere des Knaben war auffallend. Er war sehr hager und bleich, wie ein Kind, das zu schnell gewachsen war. In seinen grossen, schwarzen Augen lag etwas Unstetes, Unsicheres, seine Züge schienen ermüdet, wie nach einer langen Krankheit. Er war völlig taub. Die meiste Zeit blieb er ruhig und vertrieb sich die Zeit mit Spielen oder mit Spazieren auf dem Hofe. Er unterhielt sich mit den Besuchern in einem tadellosen Französisch, antwortete auch auf lateinisch, fing aber selbst niemals lateinisch zu reden an. Nur von der Kapelle wollte er nichts wissen. Man mochte ihm auch die Augen verbinden, ihn kreuz und quer durch die Korridore führen, sobald er in die Nähe

* Pfarrarchiv Illfurt. [95 | 96]

der Kapelle kam, sträubte er sich mit aller Gewalt und war nicht mehr weiterzubringen. Dabei heulte er wie ein Hund. Brachte man ihn mit Gewalt hinein, dann liess er sich hinfallen wie ein Klotz; sein Angesicht war grässlich anzusehen, und wenn man ihm mit Weihwasser besprengte, krümmte er sich wie ein zertretener Wurm. Er ward erst wieder ruhig, als man ihn zur Kapelle hinausgebracht hatte.
Am Sonntag, 3. Oktober, stand ein Fuhrwerk im Hofe der Waisenanstalt Saint-Charles. Der hochwürdigste Herr Superior, die Generaloberin und der Pater Exorzist sollten von Strassburg abgeholt werden. Schon war alles zur Abfahrt bereit, da übergab Herr Abbé Schrantzer dem Kutscher eine geweihte Medaille des hl. Benediktus. Thiébaut war in einem andern Teil des Hofes und konnte die Uebergabe der Medaille auf keinen Fall bemerken, da ein Gebäude dazwischen stand. Um 2 Uhr kamen die Herren an und unternahmen alsobald den Exorzismus. Der Knabe wurde mit Gewalt in die Kapelle gebracht und von den Herren Schrantzer und Hausser, sowie vom Gärtner, Herrn André, festgehalten. Er stand auf einem Teppich vor der Kommunionbank, das Angesicht gegen den Tabernakel gewendet; dasselbe war krebsrot, wie bei einem Fieberkranken. Von den Lippen floss dicker Schaum bis zur Erde. Der Besessene drehte und wand sich, als sässe er auf einem glühenden Rost. Immer wieder drehte er sich gegen die Türe. Jedesmal, wenn Herr Schrantzer seine Brust mit dem Kruzifix berührte, wölbte sich dieselbe und blies sich auf wie ein Ballon. [96 | 97¸ dazwischen Bildseite: Ansicht von Illfurt. / Burnenkreuzkapelle auf dem Friedhof von Illfurt. / Etablissement Saint-Charles, Schiltigheim.]
Nun begannen die Zeremonien der Austreibung. Pater Souquat, der vom Bischof mit der schwierigen Aufgabe betraut war, zögerte anfangs, er glaubte nicht recht an die Besessenheit, da er mit dem Knaben bisher noch nicht oder nur ganz kurz in Berührung getreten war. „Pack dich los,“ rief der Satan, „scher dich los, du Dreckler.“ In Gegenwart von 5 Geistlichen (es waren erschienen Herr Erzpriester Spitz, Herr Stumpf, der Superior des Priesterseminars, Herr Professor Rossé, Herr Aumônier Hausser und Herr Abbe Schrantzer), 6 Schwestern und der Mutter des Knaben fing Pater Souquat an mit der Litanei von allen Heiligen. Bei den Worten: „Heilige Maria, bitt' für uns,“ schrie der Teufel fürchterlich. – „Hinaus aus dem Saustall! – Stinker. – Ich will nicht.“ So rief er allemal, wenn der Name eines grossen Heiligen genannt wurde, besonders, als man betete: „Alle heiligen Engel und Erzengel bittet für uns.“ Als der Pater an die Worte kam: „Vor den Nachstellungen des Teufels erlöse uns, o Herr,“ bebte der Besessene und zitterte am ganzen Leibe, schrie so gewaltig und drehte und wand sich so heftig, dass die zwei Geistlichen und der Gärtner ihn kaum halten konnten.
Nach Abbetung der Litanei stand der Pater von ihm und betete die im Ritual vorgeschriebenen Gebete, während der Besessene in einem fort schrie: „Stinker, hinaus aus dem Saustall.“ Beim Gloria Patri rief er: „Ich will nicht,“ d. h. dem Vater, Sohn und Heiligen Geist die Ehre geben. Vor der Lesung des Johannesevangeliums zeichnete der Pater das kleine Kreuz auf Stirne, Mund und Brust des Besessenen, der wie ein [97 | 98] Hund heulte und nach des Paters Hand schnappte, um ihn zu beissen. Da fragte Pater Souquat auf deutsch: „Du Geist der Finsternis, zertretene Schlange, ich, als Priester des Herrn, befehle dir im Namen Gottes, dass du mir sagst, wer du bist.“ Der Teufel rief: „Das geht dich einen Dreck an, du Stinker, ich sag' es, wem ich will.“ Darauf erwiderte der Pater: „Das ist eben deine stolze Haltung und Rede, die du vor dem allmächtigen Gott hieltst, als er dich aus dem Himmel schleuderte. Aber ich befehle dir: Weiche von hier, Satan, aus dieser Kirche, du gehörst nicht in das Haus Gottes, du gehörst in die Finsternis der Hölle.“ Da schrie der Teufel: „Ich will aber nicht, meine Zeit ist noch nicht da.“
Nach dreistündigem Gebet und Anstrengung, ganz in Schweiss gebadet, hielt der Pater inne und verabschiedete sich, um ein andermal seine Arbeit fortzusetzen. Der Kleine wurde aus der Kapelle gebracht und beruhigte sich alsobald.
In derselben Nacht sagte er zu Herrn Abbe Schrantzer: „He, du hast gut getan, ihm ein „Blächle“ (Medaille) zu geben.“ – „Wem denn?“ – „Ei, dem Kutscher.“ – „Wie, weisst du das? Was hättest du sonst getan?“ – „Ich hätte Menschen, Pferde und Wagen umgeworfen, ich galoppierte mit neben den Pferden.“ – „Gelt, wir haben dich gestern tüchtig gequält. Kennst du den, der dich gesegnet hat?“ – „O ja, er hat schon einmal einen von unsern Herren vertrieben.“ – Tatsächlich hatte Pater Souquat in jüngeren Jahren schon einmal in Deutschland den Teufel aus einem Hause verjagt. Diese Tatsache hatte jedoch der Kleine nur auf übernatürliche Weise erfahren können. [98 | 99]
Dieses Zwiegespräch bewirkte, dass Pater Souquat nunmehr von der Besessenheit Thiébauts vollständig überzeugt wurde. Am folgenden Tag, Montag, nachmittags um 2 Uhr, kamen die Herren abermals aus der Stadt, und der Pater begann aufs neue den Exorzismus. Diesmal wurde der Kleine in eine Zwangsjacke gesteckt und auf einen roten Sessel gebunden. Doch, der Teufel tobte ärger denn je. Er hob den Sessel mitsamt dem Knaben in die Höhe und schleuderte die wachhaltenden Herren bald links, bald rechts. Dabei brüllte und schäumte er schrecklich.
Als nach zirka zwei Stunden Litanei und liturgische Gebete zu Ende waren, erhob sich der Pater und redete den Besessenen an: „Jetzt, unreiner Geist, ist deine Zeit da. Ich befehle dir im Namen der katholischen Kirche, im Namen Gottes und in meinem Namen, als Priester des Herrn, dass du mir sagst, wie viel ihr seid.“ Wieder ertönte dieselbe Antwort, wie am vorigen Tage: „Das geht dich ein Dreck an, Stinker.“ – Der Pater antwortete: „Das ist eben deine stolze Rede, die du führst und die in der Hölle geführt wird. Also gehörst du in den Abgrund der Finsternis und nicht zum Licht. Also fahre hin in die Hölle, unreiner Satan.“ – „Ich will nicht hinein, ich will an einen anderen Ort.“ – „Nun, Satan, beschwör ich dich, dass du mir sagst, wie viel ihr seid.“ – „Wir sind nur zwei.“ – „Wie heissest du?“ – „Oribas.“ – „Und der andere?“ – „Ypès.“ – „Also, ihr unreine Geister, ich befehle euch, weichet aus dem Hause Gottes. Darin habt ihr nichts zu schaffen. Geister des Verderbens, weichet von hier, ich befehle es euch im Namen des [99 | 100] allerheiligsten Sakramentes.“ – „Ich will nicht, Stinker, du hast keine Gewalt, meine Zeit ist noch nicht da.“
Der Geistliche zitterte und schwitzte; er war sehr angegriffen. Die Zuschauer waren aber nicht minder angegriffen und entsetzt. Desungeachtet begann der Priester wieder aufs neue den Kampf mit dem Teufel aufzunehmen. Er nahm ein Kruzifix, hielt es ihm vor das Gesicht und sprach: „Du elender Satan, du getraust nicht einmal dieses Bild anzuschauen, du wendest dein Gesicht um, damit du es nicht sehest, und du trotzest dem Priester. Ich befehle dir, weiche von hier und fahre in die Hölle, welche für dich bestimmt ist.“ – Der Teufel rief: „Ich will aber nicht, es ist nicht gut dort.“ – Darauf der Priester: „Hättest du auf Gott gehorcht; aber dein Stolz hat dich ins Unglück gebracht. Du bist ein Geist der Finsternis. Also weiche von dem Licht und gehe in die Finsternis, die für dich bereitet ist.“ Wiederum schrie der Satan: „Meine Zeit ist noch nicht da, ich gehe nicht.“ – Darauf nahm der Pater eine vom Heiligen Vater geweihte Kerze und sprach: „Du stolzer Satan, ich stelle dir diese Kerze auf den Kopf, um dir den Weg in die Hölle zu zeigen. Dieses Licht ist das Licht der katholischen Kirche, und du bist ein Geist der Finsternis. Also fahre in die Hölle und bleibe bei deinen Gefährten, zu denen du gehörst.“ – Der Teufel antwortete: „Ich bleibe da. Wo ich bin, bin ich gut, und in der Hölle ist es nicht gut.“
Endlich nahm der Pater eine Muttergottesstatue zur Hand und sprach: „Siehst du da die heilige Jungfrau Maria? Diese muss dir den Kopf nochmal zertreten. [100 | 101] Sie muss dich nochmal zeichnen und dir den Namen Jesus und Maria auf die Brust schreiben, auf dass es dich ewig brenne. Also du willst nicht weichen. Ich habe es dir befohlen im Namen Jesu, im Namen der katholischen Kirche, im Namen des Heiligen Vaters, des Papstes, im Namen des allerheiligsten Sakramentes. Du hörst nicht auf die Stimme des Priesters. Nun, Satan, befiehlt es dir aber die heilige Muttergottes. Sie zwingt dich, von hier zu weichen. Also, unreiner Geist, weiche vor dem Angesicht der Unbefleckten Empfängnis. Sie befiehlt dir, dass du weichest.“ Unterdessen beteten alle das Memorare. Da schrie der Teufel heftiger denn je mit tiefer Bassstimme: „Jetzt muss ich weichen.“ Noch einmal drehte er sich und wand sich wie eine zertretene Schlange. Da hörte man im Körper ein leises Krächeln; der Knabe streckte sich und dehnte sich, und fiel hin wie tot. Der Teufel war fort. Ein fürchterlicher, entsetzlicher Anblick für die Zuschauer. Vor einem Augenblick noch die höchste Wut, das zornerfüllte Angesicht, die trotzigen Antworten, und nun lag der Junge da, wohl eine Stunde wie im Schlaf. Er war befreit. Er reagierte nicht mehr auf Weihwasser und Kruzifix und liess sich ruhig in sein Zimmer tragen. Dort erwachte er nach einer Weile, rieb sich die Augen und sah verwundert auf die vielen ihm unbekannten Personen, die ihn umgaben. „Kennst du mich?“ fragte ihn Herr Schrantzer. – „Nein, ich kenne Sie nicht,“ erwiderte der Knabe. Ein Freudengeschrei entrang sich der Brust der überglücklichen Mutter. Ihr Thiébaut hörte wieder und war frei vom höllischen Geiste. Und alle [101 | 102] dankten Gott, der seiner heiligen Kirche solche Macht über die Hölle gegeben.
Voll Freude kehrten Mutter und Sohn nach Illfurt zurück mit der festen Zuversicht, in baldiger Zeit auch Joseph erlöst zu sehen. Ihre Hoffnung sollte am 27. desselben Monats in Erfüllung gehen. [102 | 103]

XVIII. Auch Joseph wird befreit *

Nach Hause zurückgekehrt, war Thiébaut munter und guter Dinge. Doch, von allem, was seither geschehen war, hatte er keine blasse Ahnung. Er kannte nicht einmal Herrn Pfarrer Brey mehr und erinnerte sich nicht, das neue Mairiegebäude jemals gesehen zu haben. Für seinen jungen Bruder Joseph hatte er von Strassburg etliche Medaillen mitgebracht, die er ihm anbot. Dieser warf sie aber zu Boden und sprach: „Behalte das für dich, ich will nichts davon.“ Da fragte Thiébaut verwundert seine Mutter: „Mutter, ist Joseph närrisch geworden?“ Man hütete sich wohlweislich, die wahre Ursache von Josephs Handlungsweise anzugeben.
Am Mittwoch abend rief der Besessene auf einmal: „Meine zwei Kameraden (die Teufel von Thiébaut) sind Angstmeier; jetzt bin ich der Meister und der Stärkste; ich gehe vor sechs Jahren von da nicht weg, ich habe keine Angst vor den Pfaffen.“ Da fragte ihn Herr Tresch: „Bist du denn so mächtig?“ – „Jawohl,“ erwiderte er, „hier gefällt es mir, wo ich mich eingerichtet habe; ich ziehe in ein Nest und verlasse es, wenn es mir beliebt.“
Mittlerweile hatte Herr Pfarrer Brey vom Bischof

* Aufzeichnungen des Herrn Pfarrers Brey. [103 | 104]

die Vollmacht begehrt, den Exorzismus vorzunehmen, denn der Zustand des bedauernswerten Knaben verschlimmerte sich jeden Tag, während Thiébaut täglich Schule und Kirche besuchte und seither auch schon zur Beicht gegangen war. Er war wieder der frühere Knabe; nur von den letzten vier Jahren wusste er nichts; es war, als hätte er die ganze Zeit geschlafen.
Da endlich kam die bischöfliche Ermächtigung in Illfurt an, und der Herr Pfarrer beschloss, die Zeremonie der Beschwörung am 27. Oktober vorzunehmen.
Am besagten Tage in aller Frühe brachte man den Knaben nach der Kirchhofkapelle Burnenkirch, die eine kleine Viertelstunde vom Dorfe entfernt liegt. Um einen Volksauflauf zu vermeiden, hatte man die Sache verheimlicht. Nur wenige Zeugen waren geladen worden: Professor Lachemann von St. Pilt, Herr Ignace Spies von Schlettstadt, Herr Martinot, sowie Herr Tresen, der Bürgermeister von Illfurt, und die Eltern von Joseph. Auch der Lehrer war erschienen und der Chef de Gare, Herr Frindel; ebenso Schwester Hilaria, die Vorsteherin der Mädchenschule.
Als um 6 Uhr die heilige Messe begann, fing der Besessene an, mit den Füssen zu lärmen und sich nach allen Seiten zu drehen, so dass man ihm Hände und Füsse fesseln musste. Doch beim Staffelgebet strampelte er sich die Füsse frei und schleuderte den Riemen mit einem Tritte bis zu den Füssen des Celebranten. Herr Martinot band ihn auf seinen Schoss. Darauf bellte er wie ein junger Hund und grunzte wie ein Schwein und stiess mit heiserer Stimme unartikulierte Laute aus. Nur vom Sanctus an bis zum Ende der [104 | 105] heiligen Messe war er still, was alle Anwesenden in Verwunderung setzte.
Als der Priester die heiligen Gewänder abgelegt hatte, kniete er, nur mit Surplis und violetter Stola bekleidet am Fusse des Altars nieder und begann die Gebete, die zum Exorzismus vorgeschrieben sind; zuerst die Litanei von allen Heiligen und etliche Beschwörungsformeln. Darauf trat er zum Besessenen und befahl ihm, zu sagen, wie viele der Teufel da seien: „Du brauchst das nicht zu wissen.“ Auf den erneuerten Befehl antwortete der Kleine trocken: „Ypès.“ Das war der Name des Teufels, der in seinem Bruder gehaust hatte.
Während der Lesung des Johannesevangeliums fing der Besessene an, den Herrn Pfarrer mit Schimpfworten zu traktieren und rief: „Ich gehe nicht fort.“ Drei Stunden nacheinander bemühte sich der Exorzist um den Knaben. Bald legte er ihm Reliquien auf das Haupt, bald hielt er ihm die geweihte Osterkerze zwischen die Arme; dann besprengte er ihn wieder mit Weihwasser und wandte die kräftigsten Beschwörungsformeln an. Immer wieder schrie der Teufel: „Ich gehe nicht fort! Ich will nicht!“
Die Anwesenden fingen an, sich zu entmutigen. Doch der bereits todmüde Seelsorger ermunterte sie immer wieder, auszuhalten und den Rosenkranz zu beten. Herr Tresch, der den Knaben schon die ganze Zeit hindurch gehalten hatte, übergab ihn Herrn Lachemann, worauf der Besessene rief: „Bist du auch da, du Plattnase?“ – Jetzt kam der Herr Pfarrer vom Altar zurück, an dessen Stufen er eine Weile innig ge- [105 | 106] betet und eine Novene versprochen hatte, und sprach, zum Knaben gewandt: „Ich beschwöre dich im Namen der Unbefleckten Jungfrau Maria, dieses Kind zu verlassen.“ – Wütend antwortete der Satan: „Muss er auch noch mit der „grossen“ Dame kommen. Jetzt muss ich fort.“ Auf diese Worte hin erfasste eine unbeschreibliche Erregung alle Anwesenden, die nun überzeugt waren, dass die Stunde der Befreiung gekommen sei.
Nochmals wiederholte Herr Pfarrer Brey dieselbe Beschwörung. „Ich muss fort,“ schrie wieder der Teufel, „ich will in eine Schweineherde fahren!“ – „In die Hölle!“ rief der Pfarrer. Ein drittes Mal ertönte die Beschwörungsformel und wiederum bat der böse Geist: „Ich will in eine Gänseherde fahren.“ – „In die Hölle!“ lautete die Antwort. „Ich kenne den Weg nicht dahin, ich will in eine Schafherde fahren.“ Und ein letztes Mal erscholl der kategorische Befehl: „In die Hölle!“ – Mit dem Rufe: „Jetzt bin ich gezwungen, fortzuziehen,“ streckte sich der Knabe, wand sich hin und her, blähte die Backen auf und machte eine letzte krampfhafte Bewegung. Darauf ward er still und unbeweglich, und als man ihn der Fesseln entledigte, sanken die Arme herab, und der Kopf fiel nach rückwärts. Nach einer Weile hob er die Arme und streckte sie wie einer, der vom Schlafe erwacht; darauf öffnete er die während der ganzen Zeremonie geschlossenen Augen und war ganz verwundert, sich in einer Kirche zu sehen in solcher ihm ganz fremden Umgebung. Zu Beginn der Zeremonie hatte der Teufel erklärt: „Wenn man mich zwingt, fortzuziehen, werde ich zum Zeichen [106 | 107] meines Wegganges einige Gegenstände zerreissen.“ Er hielt Wort. Nach der Befreiung fand man den Rosenkranz, den man Joseph umgehängt hatte, in Stücke zerrissen; ebenso die Schnur des Kreuzchens an seinem Halse, Da der Knabe gefesselt war, wäre es ihm unmöglich gewesen, diese Gegenstände selbst zu zerreissen.
Alle Anwesenden waren erschüttert. Dankbaren Herzens beteten sie das Te Deum, die Muttergotteslitanei, das Salve Regina und andere Gebete, die vielfach vom Schluchzen unterbrochen wurden. Herr Pfarrer Brey selbst musste mehrmals innehalten. Tränen des Dankes und der Rührung erstickten seine Stimme. Wie freudig war die Rückkehr ins väterliche Haus! Wie bewunderten alle in nah und fern die Macht der Himmelskönigin, die auch hier wieder einmal den höllischen Drachen überwunden hatte! [107 | 108]

XIX. Der Sieg der Himmelsmutter.

Wenn du einmal, mein lieber Leser, Illfurt besuchst, wirst du am Platze, in einem Garten, gegenüber dem früheren Burnerschen Hause, ein schönes Denkmal erblicken, das Bild der Unbefleckten Empfängnis in vergoldetem Gusseisen auf hoher, steinerner Säule. Das Denkmal ist zehn Meter hoch und überragt alle umliegenden Gebäude. Am Sockel liesest du die Worte: In memoriam perpetuam liberationis duorum possessorum Theobaldi et Josephi Burner obtentae per intercessionem Beatae Mariae Virginis Immaculata. Anno Domini 1869. Zu deutsch: Zum ewigen Andenken an die Befreiung der zwei Besessenen Thiébaut und Joseph Burner, erlangt durch die Fürbitte Maria, der Unbefleckt Empfangenen Jungfrau, im Jahre 1869.
Herr Pfarrer Brey hatte es sich nicht nehmen lassen, diesen Tribut der Dankbarkeit der Himinelsmutter zu zollen, und die Pfarrkinder, sowie auch andere Muttergottesverehrer hatten gern ihr Scherflein beigesteuert zu diesem edlen Werke. War es doch ganz auffallend, dass gerade die Unbefleckt Empfangene sowohl in Schiltigheim als auch in Illfurt den höllischen Drachen überwunden und ihm den Kopf zertreten hat. Waren doch alle anderen stundenlangen Exorzismen erfolglos, bis der Satan der Macht der „grossen Dame“ weichen musste. In ihre Hand hat der allmächtige [108 | 109] Gott den Sieg gelegt, wie er ihn einst beim ersten grossen Kampfe dem Erzengel Michael verliehen. Maria ist das starke Weib, der Schrecken der Hölle; vor ihr muss alle Macht der Finsternis weichen. Ihr sei Ehre und Ruhm und Dank in alle Ewigkeit.
Und nun fragest du vielleicht: „Warum diese furchtbare Besessenheit dieser bedauernswerten Kinder? Wer hat da gesündigt? Die Eltern oder sie selbst?“ – Lies einmal das Kapitel IX vom heiligen Johannesevangelium, wo von der Heilung des Blindgeborenen die Rede ist. Dort wirst du die Lösung finden. Unser Herrgott hat auch diese Prüfung zugelassen, damit seine Werke offenbar werden, und damit er uns an die über alles grosse Wohltat der Erlösung erinnere. Vor der Ankunft des Welterlösers war der Satan auf Erden schier allmächtiger Herr und Meister, und er hat sein Reich fast allenthalben aufgerichtet, das Reich des Unglaubens und der törichten Abgötterei. Darum galt er auch als „der Fürst dieser Welt“.
So hat ihn selbst der Erlöser geheissen. Bevor er für uns am Kreuze starb, hat er gesagt: „Jetzt ergeht das Gericht über die Welt, jetzt wird der Fürst dieser! Welt hinausgestossen, und ich, wenn ich von der Erde erhöht sein werde, werde ich alles an mich ziehen.“ (Joh. XII, 31), d. h. durch den Glauben an Christus, seinen Tod und seine Auferstehung, werden alle Menschen, die guten Willens sind, von der Herrschaft des Teufels befreit und mit ihrem Heiland vereint, hier in der Liebe und einst droben in der Seligkeit.
Er selbst hat, als er noch auf Erden wandelte, seine Macht über den Satan in sichtbarer Weise gezeigt, in- [109 | 110] dem er überall die Besessenen, denen er begegnete, vom Teufel befreite, und diese nämliche Macht hat er seiner Kirche und seinen Aposteln .gegeben: „In meinem Namen werden sie Teufel austreiben.“ (Marc. XVI, 17.)
Die Apostel haben es in Jesu Namen probiert und es ist ihnen gelungen, und auch die Kirche hat bis auf den heutigen Tag dieselbe Macht über die Geister der Hölle in den Besessenen ausgeübt, stets mit demselben Erfolg wie in Schiltigheim und Illfurt. Kein Fürst hat solche Macht und kein noch so mächtiger Potentat, aber der katholische Priester hat sie. Nur ihm hat der göttliche Heiland die wunderbare Gewalt gegeben über die Geister der Finsternis. Ein Wort von ihm verjagt sie sowohl aus den Leibern, als auch aus den Seelen der Menschen. Und wenn auch die körperliche Besessenheit zu unseren Zeiten nur eine recht seltene Erscheinung ist), so ist dafür die seelische Besessenheit, der Stand der Todsünde, um so häufiger.
Der Teufel hat nämlich allen Profit, sich nicht allzu häufig zu offenbaren; denn diese Offenbarung ist so abscheulich, dass sich die Menschen mit Ekel von ihm abwenden und sich oft bekehren, wie es in Illfurt droben der Fall war. Er zieht es vor, in aller Heimlichkeit und Stille durch die Todsünde in das Menschenherz einzuziehen und daselbst seine Wohnung aufzuschlagen. O, was gibt er sich Mühe, unverdrossen, ohne Ruh' und ohne Rast', durch List und allerlei Versuchung und Verführung ins Herz; hineinzugelangen, um es von Gott zu trennen mit der Absicht, den ganzen Menschen mit sich ins ewige Elend hinabzuziehen. Ist es ihm einmal gelungen, das Herz zu besitzen, so [110 | 111] raubt er ihm seine Ruhe, seinen Frieden, seine Verdienste der guten Werke, seinen Gott, ja, oft noch sein ganzes ewiges Glück.
Sag mal, mein Christ, wenn du damals in Illfurt gewesen wärest, und dem haarsträubenden Treiben des höllischen Feindes hättest zuschauen können, wie so viele Tausende von Zeugen, die das beobachtet haben, sag mal, möchtest du einen so hässlichen, tyrannischen Geist in deinem Herzen beherbergen, wenn du es verhindern könntest? Möchtest du freiwillig auch nur für eine halbe Stunde zusammenleben mit einem so entsetzlichen Ungeheuer? Und doch tust du es, wenn du freiwillig in eine schwere Sünde einwilligst und hast einen oder mehrere dieser schrecklichen Höllengeister im Logis deiner Seele, bis du deine Sünde aufrichtig bereust, und der Priester durch sein Machtwort die Unholde wieder aus dir vertreibt. Jetzt ist ja diese Besessenheit der Seele dem Menschen nicht besonders auffällig oder beschwerlich, und sehr viele Menschen leben in diesem Zustande wochenlang, ja jahrelang. Aber einmal wird die Hülle der Seele fallen, dann wird das namenlose Elend zutage treten.
Wenn der Satan schon auf Erden mit unschuldigen Kindern so furchtbar umgeht, wie wird er erst mit den Verdammten umgehen, die der Zorn Gottes seiner Gewalt ganz übergeben hat, da sie sich im Leben freiwillig in seine Gewalt gegeben. Wie muss es über alle Massen entsetzlich sein, das Zusammenleben mit so hässlichen, verruchten, gottlosen und boshaften Geistern. Wie haben wir Ursache, mit dem frommen [111 | 112] Psalmisten zu beten: „O Herr, übergib nicht den Bestien die Seelen, die auf dich vertrauen.“ (Ps. 73. 19.) Wie sollen wir oft und andächtig die Bitte wiederholen: „Von den Nachstellungen des Teufels erlöse uns, o Herr.“ Bleiben wir getreu im Glauben, bewahren wir im Herzen die Gnade, und der Satan wird uns nicht schaden können, nicht im Leben und nicht in der Ewigkeit. [112 | 113]

XX. Menschenwitz und Professorenwahn.*

Gegen die Tatsache der Besessenheit beider Kinder erhob sich alsbald ein kräftiger Widerspruch, und zwar in erster Linie von seiten aller jener Elemente, die zum voraus an keinen Teufel glauben, und jeden Fall von Besessenheit oder kirchlichem Exorzismus mit einem verächtlichen Lächeln oder mit ein paar sogenannten wissenschaftlichen Phrasen abfertigen.
Interessant ist die Abhandlung des in Basel dozierenden deutschen Physiologen Professor Dr. Hoppe über den Fall von Illfurt. Er hatte die Sache studiert, hatte das Büchlein von Herrn Pfarrer Brey gelesen, hatte mit Geistlichen beider Konfessionen darüber gesprochen, und war zu dem Schluss gekommen, dass das Besessensein eine menschlich unverstehbare Erscheinung sei; er könne aber nicht dazu beitragen, den Wahn des Besessenseins erneuern zu helfen. „Ich erkenne dabei an,“ schreibt er, „dass der katholische Exorzismus der Geistlichen die beiden Knaben geheilt hat, nicht durch sogenannte Teufelsaustreibung, sondern durch psychische Heilung des kranken Gehirns. Somit erkenne ich bei jedem der beiden Knaben eine hysterisch-choreatische Verwirrtheit und erkläre die Vorgänge auf folgende Weise: Die ganze Seele, oder das beseelte Gehirn der beiden Knaben hat den Teufels-

* Archiv der Pfarrei Illfurt. [113 | 114]

spuk selbst gemacht, wie auch die Heilung zustande gebracht, und dies war mittels der Gehirnorganisation und des geistigen Gehirnmechanismus möglich …
„Die Kinder zeigten ein mannigfaltiges und grosses Wissen; aber es steckte gleichfalls in ihnen, ist auch nicht mehr etwas Neues und Unerhörtes, und man hat es nur noch nicht beachtet; überdies wird es durch bestehende Gehirnreizung befördert. Gleichfalls sind die auffallenden Gedächtniserscheinungen nichts Befremdendes mehr, so dass man sie nicht mehr als Teufelswerk zu betrachten hat. Der Glaube an die Einkehr eines Teufels in das menschliche Gehirn ist zu wohlfeil, um noch gelten zu können …“
Mit Verlaub, Herr Professor, das ist aber eine überaus schwache, unwissenschaftliche Argumentation. Was muss das für ein apartes Gehirn sein, das den Teufelsspuk selbst macht, zumal es sich um Kinder von 8-10 Jahren handelt, ohne alle Wissenschaft und Erfahrung, ohne alle Kenntnis der Politik oder der Geschichte? Was muss das für eine Gehirnorganisation sein, dass Kinder fremde, nie gelernte Sprachen mit Geläufigkeit sprechen, dass sie die Gewissen anderer Menschen aufdecken und ihnen ihre geheimsten Fehler offenbaren, dass sie von wissenschaftlichen Sachen reden, wie Sachverständige es nicht besser zu tun vermögen, dass sie zukünftige Sachen voraussagen, die sich mit Genauigkeit erfüllen, oder die Kräfte entwickeln, die weit über Kinderkräfte gehen? Was muss dies für eine auffallende Gedächtnisanlage sein, wenn Kinder, die anno 1855 oder 1857 geboren sind, sich noch aller Einzelheiten erinnern, die sich 1639 im Schweden- [114 | 115] krieg oder 1794 in der grossen Revolution in einzelnen Familien von Illfurt zugetragen?
Allerdings, solche Erscheinungen mit hysterisch-choreatischer Verwirrung zu erklären, ist allzu wohlfeil, Herr Professor, und zeigt, zu welchen Ungereimtheiten ein Gelehrter seine Zuflucht nehmen muss, wenn er das Uebernatürliche um jeden Preis verwerfen will.
Selbstverständlich hat der ganze Chor der liberalen und radikalen Zeitungen damaliger Zeit in dieselbe Kerbe gehauen. Eine Probe davon gibt uns das „Journal d'Altkirch“ vom 18. Januar 1868:
„In Bezug auf Teufel sind wir so ziemlich ungläubig geworden, und wenn man uns von Besessenen spricht, so lachen wir. Allein, der Aberglaube ist da, und man kann sich nie kräftig genug gegen Ideen erheben, die im Herzen des Volkes zu einem Zwecke unterhalten werden, dem ich hier nicht näher nachforschen will … Die beiden Kinder, für welche man anfangs mehrere Aerzte zu Rate zog, sind später von einer Schläferin (!) besorgt, dann in einem Kapuzinerkloster in unserer Nachbarschaft einer ganz eigentümlichen Behandlung unterworfen worden; allein, die Teufel wollten nicht weichen, und das allgemeine Aufsehen wurde immer grösser. Was war nun zu machen? Man schien alle Hilfsmittel erschöpft zu haben, als die Regierung den glücklichen Gedanken hatte, die Sache an Ort und Stelle durch den Brigadier der Gendarmerie untersuchen zu lassen. Nun, was weder Wissenschaft, noch Magnetismus, noch Beschwörungen vermochten, das vermochte ein galonierter Herr. Bei dem ersten Besuch der Autorität haben sich die Kinder beruhigt; [115 | 116] ihre Geisteskräfte erheiterten sich; ihre Bewegungen wurden geregelt, und die Teufel nahmen Reissaus zu allen Teufeln. Glückliche Reise!“
So macht ein geist- und gewissenloser Zeitungsschreiber Geschichte, nicht etwa in Spanien oder Holland, nein, in Altkirch, nur 10 Kilometer von Illfurt entfernt. Dem hätte der Teufel auch nicht übel das Gewissen erforscht, wenn er es gewagt hätte, die Kinder in eigener Person aufzusuchen.
In einer anderen Nummer vom 1. Februar 1868 spottet ein witzig sein wollender Korrespondent in folgender Weise:
Le diable est à Illfurt. Quelle riche moisson dès lors pour les chroniqueurs grands et petits! Les deux faibles créatures dont il a choisi le corps pour lui servir de logement, sans être armées de la massue d'Hercule, font pâlir devant leurs exploits le Demi-Dieu et ses travaux. Les crucifix, les amulettes attachés à leur cou se pulvérisent avec fracas et accompagnement de flammes vertes et bleues et de parfums sulfurés: ils annoncent l'avenir, et, ô comble du miracle, sans cordes ni cloches, sonnent à toutes volées le glas funèbre de ceux qui vont mourir! Et ce ne sont à, évidemment, que des préludes: chaque jour apportera un prodige nouveau, jusqu'à ce qu'il plaise à Satan, et puisse ce désir ne lui venir que bien tard de regagner pour un temps son domaine.
Je ne l'ignore pas, les esprits forts poseront d'indiscrètes questions: ils demanderont pourquoi ces jeunes enfantes, de préférence à tant d'autres, qui y avaient incontestablement plus de titres, ont mérité le pénible honneur de loger le Dieu cornu; si on leur parle de cris rauques, d'yeux hagards, de convulsions et des spasmes, ils répondront par: hystérie, vapeurs ou épilepsie et au lieu d'eau bénite recommander des douches, une nourriture forte et même le régime si cher à MM. Pleurant, Purgon et Diafoirus: heureux s'ils ne prétendent que croyants et exorciseurs, exorciseurs surtout, ont eux-mêmes un diable dans le corps, et le plus intraitable de tous, celui de l'absurdité! [116 | 117]
Zu deutsch:
„Der Teufel ist in Illfurt. Welch reiche Beute für grosse und kleine Zeitungsschreiber. Selbst die Heldentat eines keulentragenden Herkules verblassen vor den Heldentaten dieser vom Teufel besessenen Kinder. Die Kruzifixe, die Amulette (!) an ihrem Halse verpulvern mit Krachen bei grünen und blauen Feuerflammen. Die Kinder sagen die Zukunft voraus und – o grösstes aller Wunder – ohne Glocken und Glockenseile läuten sie zum Tode anderer Leute. Und das ist nur ein Vorspiel. Jeder Tag bringt ein neues Wunder, bis es dem Satan gefällt – hoffentlich so spät wie möglich, – in sein Reich zurückzukehren.
Allerdings, aufgeklärte Geister werden indiskrete Fragen stellen. Sie werden fragen, warum gerade diese armen Kinder eher als viele andere die zweifelhafte Ehre hatten, den gehörnten Gott zu beherbergen. Wenn man ihnen von heiserem Geschrei spricht, von scheuem Blick und Zuckungen und Krämpfen, dann antworteten sie: 's ist eitel Hysterie, Dämpfe und Fallsucht, und statt Weihwasser empfehlen sie Duschen, eine kräftige Nahrung und Klystiere à la Fleurant, Purgon und Diafoirus. Glücklich, wenn sie nicht behaupten, dass Gläubige und Teufelsaustreiber, letztere ganz besonders, den Teufel im Leibe haben und zwar den schlimmsten von allen, den absurden.“
Wir wollten an diesem Beispiele feststellen, mit welch frivoler Leichtfertigkeit die ungläubige Welt über die so seltsamen Erscheinungen urteilte, die sich hütete, sie einer näheren Untersuchung zu würdigen. Die Lehre von der Hölle und den verlorenen Geistern passt ihnen einmal nicht, dann begnügen sie sich mit Achselzucken und wohlfeilem Spott.
Viel zurückhaltender waren die verschiedenen Aerzte, die die Kinder in der ersten Zeitperiode besorgten, besonders die Herren Dr. Krafft, Dr. Henri Weyer, Dr. Alfred Szertecki von Mülhausen. Sie fanden die Krankheit unerklärlich, wagten es aber nicht, ein [117 | 118] Urteil über deren Natur abzugeben. Der Kantonalarzt von Altkirch, Dr. Levy, sagte Herrn Pfarrer Brey ganz offen, da sei seine Kunst machtlos, die katholische Kirche könne da besser helfen.
Die Kunde von der Besessenheit und der Befreiung der beiden Kinder drang bis nach Paris, wo sich auch die grossen Boulevardblätter damit beschäftigten, nicht immer in günstigem Sinne. So hatte Edmond About in der „Opinion Nationale“ eine Korrespondenz aufgenommen, welche die Tatsachen als Humbug hinstellte und behauptete, dass die Kinder noch immer in demselben elenden Zustand wären. Der „Industriel Alsacien“ und das „Journal de Colmar“ druckten den Artikel ab.
Daraufhin nahm das Bistum Strassburg öffentlich Stellung und liess den Redaktionen durch die Feder des Herrn Generalvikars Rapp folgenden Nasenstüber zugehen:
Strasbourg, le 9 janvier 1870
Monsieur le Rédacteur,
Vous avez publié dans votre numéro du 7 janvier une correspondance de Strasbourg qui demande quelques rectifications.
A Illfurt, un petit garçon était affecté depuis 4 ans d'un mal extraordinaire, dont les hommes de l'art ne pouvaient déterminer la cause et la nature. A la demande réitérée du maire et du curé, une enquête fut ordonnée par Mgr de Strasbourg, et l'on décida que l'enfant serait transporté à l'orphelinat de Schiltigheim, dirigée par les soeurs de Charité. Pendant plusieurs semaines, des faits extraordinaires, qu'il serait superflu d'exposer ici, mais qu'on exposera avec tous le détails nécessaires dans une feuille religieuse de l'Alsace, continuèrent à se produire, et la commission, dont personne, en dehors de votre correspondant, ne contestera ni les lumières ni l'autorité, [118 | 119] crut reconnaître que ces faits ne pouvaient avoir qu'une cause surnaturelle.
L'Eglise a des prières pour cette espèce de cas, même douteux; ces prières furent récitées et l'enfant est complètement guéri.
Votre correspondant a dit le contraire de la vérité, en affirmant avec surprise que l'enfant est resté dans le même état.
Les observations, les plaisanteries, les insultes dont vous avez assaisonné votre article ont peut-être plu à vos lecteurs, je ne m'y arrêterai pas.
Je n'ai voulu que rétablir les faits, et j'attends de votre loyauté que vous insériez cette lettre dans un des plus prochains numéros de votre journal.
Signé: RAPP, vicaire général.
Zu deutsch:
Strassburg, den 9. Januar 1870.
Herr Redakteur!
Sie haben in Ihrer Nummer vom 7. Januar eine Mitteilung von Strassburg veröffentlicht, die einiger Berichtigungen bedarf. In Illfurt leidet ein kleiner Junge seit 4 Jahren an einem seltsamen Uebel, wofür die Sachverständigen weder die Ursachen noch das Wesen erklären konnten. Auf wiederholtes Verlangen des Bürgermeisters und des Pfarrers wurde eine Untersuchung durch den Bischof von Strassburg angeordnet und man bestimmte, dass das Kind in das von Krankenschwestern des Allerheiligenklosters geleitete Waisenhaus von Schiltigheim überführt würde. Während mehrerer Monate zeigten sich ununterbrochen aussergewöhnliche Erscheinungen, die auszuführen hier überflüssig wäre, die aber mit allen nötigen Einzelheiten in einer elsässischen religiösen Zeitschrift zur Veröffentlichung kommen werden. Und die Kommission, der niemand, ausser Ihrem Korrespondenten, die Fachkenntnis noch die Befähigung abstreiten wird, glaubte zu erkennen, dass diese Tatsache nur eine übernatürliche Ursache haben könnte. Die Kirche hat für derartige, selbst zweifelhafte Fälle, besondere Gebete. Diese Gebete wurden verrichtet und seitdem ist das Kind vollständig hergestellt. Ihr Korrespondent hat das Gegenteil von der Wahrheit gesagt, indem er zu unserm Er- [119 | 120] staunen behauptet, dass das Kind im selben Zustand verblieben ist. Die Bemerkungen, Witze und Schmähungen, mit denen Sie Ihre Artikel gewürzt haben, haben vielleicht Ihren Lesern gefallen. Ich will mich dabei nicht aufhalten. Ich habe nur die Tatsache feststellen wollen und ich erwarte von Ihrer Loyalität, dass Sie diesen Brief in einer der nächsten Nummern Ihrer Zeitung veröffentlichen.
gez.: RAPP, Generalvikar. [120 | 121]

Nachtrag.

Brief von Thiébaut Burner an den am 2. November 1921 in Benfeld verstorbenen Herrn Rektor Hausser*, frühern Aumônier von Saint-Charles.
Während der jüngere Bruder Joseph, der beim Beginn seiner Besessenheit erst 8 Jahre zählte, kaum lesen und schreiben konnte, war sein älterer Bruder schon etwas vorgeschritten und konnte, wenn auch sehr unvollkommen und nicht fehlerfrei, deutsch und französisch lesen und schreiben. War aber die Krisis eingetreten, so redeten sie oft stundenlang mit den Besuchern in tadellosem Französisch.
Es wird unsere Leser interessieren, einen Dankbrief zu lesen, den Thiébaut noch in demselben Monat seiner Befreiung an den damaligen Herrn Aumônier Hausser schrieb. Wir geben ihn mit dem Original vollkommen übereinstimmend:
J. M. J. Illfurth, le 31 octobre 1869
La sainte volonté de Dieu
Monsieur Labé, aumonier
* J'ai l'honneur de vous montrer mes reconnaissances de tous les bienfait que j'ai reçu chez vous dans votre maison sacre par la grace de notre Seigneur Jesus Christ et sa très sainte Mère. C'est chez vous que j'ai a remercié mon bonheur de la délivrance de mes maux surnaturel, je suis très heureux maintenant heureux comme jamais je me réjouis maintenant

* Dokument Hausser. [121 | 122]

avec mon frère Joseph qui avait la même maladie comme moi et qui est guéris depuis le 27 octobre par notre cher Monsieur le Curé et aujourd'hui dimanche nous avons célébré l'actions de grace avec tout le monde à l'Eglise avec le Te Deum et les sonnes des gloches et bénédiction du sainte sacrement pour ce boneheur infini.
Maintenant nous allons à l'Eglise et à l'Ecole comme si nous aurions été jamais malade, mais je crois que vous avions eu une trole de maladie parce que nous nous rapelons nous a aucune souffrance, mais grace à Dieu encore une fois nous sommes guérie.
Je finix en Dieu et en me recommandant dans vos prières recevez mes respectueux Salutation
Thiébaud Burner
et aussi bien des compliment pour la Mère Superieure et pour la soeur Damas un bonjour de mes Parents pour toutes les soeurs.
Zu deutsch:
Der heilige Wille Gottes
Herr Abbé Aumônier!
Ich habe die Ehre, Ihnen meiner Erkenntlichkeit Ausdruck zu geben für alle Wohltaten, die ich in Ihrem heiligen Hause durch die Gnade unsers Heiligen Jesus Christ und seiner heiligsten Mutter erhalten. Bei Ihnen habe ich das Glück meiner Befreiung von meinem übernatürlichen Leiden gefunden. Ich bin heute so glücklich wie noch nie. Ich freue mich jetzt mit meinem Bruder Joseph, der dieselbe Krankheit gehabt hat wie ich und der am 27. Oktober durch unsern Herrn Pfarrer geheilt worden ist. Am heutigen Sonntag haben wir mit der ganzen Pfarrei einen Dankgottesdienst in der Kirche gefeiert mit einem Te Deum und Glockengeläute und feierlichem Segen zum Danke für das grenzenlose Glück.
Nun gehen wir in die Kirche und Schule, wie wenn wir niemals krank gewesen wären; ich glaube, wir hatten eine sonderbare Krankheit, denn wir erinnern uns keinerlei Leidens, aber nochmals Gott sei Dank, wir sind geheilt. [122 | 123]
Ich endige in Gott, indem ich mich in Ihre Gebete empfehle.
Empfanget meine ehrerbietigen Grüsse
Theobald Burner.
Auch viele Grüsse an die Ehrw. Mutter Vorsteherin und an Schwester Damas. Ein Gruss von meinen Eltern für alle Schwestern.
Es fragt vielleicht der Leser, was aus den zwei unglücklichen Kindern geworden ist. Beide sind im jugendlichen Alter gestorben. Thiébaut starb bereits zwei Jahre nach seiner Befreiung, nämlich am 3. April 1871, erst 16 Jahre alt. Sein Bruder fand Arbeit in Zillisheim und starb daselbst im Jahre 1882, im Alter von 25 Jahren. Herr Pfarrer Brey eilte extra herbei, um ihm die Sterbesakramente zu spenden. Dieser eifrige Seelenhirt, der beinahe 30 Jahre lang die Pfarrei Illfurt überaus segensreich verwaltete, starb im Rufe der Heiligkeit am 26. September 1895 im Alter von 68 Jahren. Wie die Leute von Illfurt heute noch erzählen, hatte er, wie einst der heilige Pfarrer von Ars, zeitlebens von den Plackereien der höllischen Geister, hauptsächlich des Nachts, viel zu leiden. Mit Weihwasser machte er dann jedesmal dem Spektakel ein Ende. Diesen Rat gab er auch den seltenen Besuchern, die es wagten, bei ihm die Nacht zuzubringen.
Breys Nachfolger war Pfarrer August Seltner, der im Jahre 1901 das alte Pfarrhaus veräusserte und in der Nähe der Kirche eine neue prächtige Pfarrwohnung erbaute, vor deren Hauptfront er das herrliche Denkmal des Abbé Bochelen, des letzten elsässischen Märtyrers der Revolution, errichten liess.

Anhang.
Das besessene Kaffernmädchen.

I. Im Gottesdienst.

Ein ähnlicher Fall von Besessenheit aus dem Jahre 1906 wird uns von dem Trappistenmissionar P. Erasmus Hörner aus dem Kaffernland (Natal, Südafrika) berichtet. Auch dieser sehr interessante Fall bestätigt wieder die Wahrheit der katholischen Lehre über die Existenz der bösen Geister und ihrer unheimlichen Macht, sowie die Furchtbarkeit der schweren Sünde und den grossen Nutzen des Busssakramentes. Er weist uns aber auch die Macht der katholischen Kirche über die Geister der Unterwelt gemäss der Worten des Heilandes zu seinen Aposteln: „In meinem Namen werden sie Teufel austreiben,“ (Marc. 16, 17.). Einen Teil dieser Begebenheiten hat bereits Pater Schöbitz aus dem Redemptoristenorden veröffentlicht unter dem Titel: „Ob es wohl auch heute noch Teufel gibt?“
Im Sommer des Jahres 1906 zeigten sich bei dem 17jährigen Kaffernmädchen Clara Germana Gele ganz merkwürdige Zustände, die auf natürliche Weise nicht [124 | 125] zu erklären waren. Dieses Mädchen war schon als unmündiges Kind getauft und im Alter von 4-5 Jahren in die Missionsschule von St. Michael gebracht worden. Ihre Eltern waren bei Germanas Geburt noch Heiden, bekehrten sich später, standen aber nie in gutem Rufe.
In ihrer Hütte (Kral) gab es ewigen Unfrieden, Streit und Fluchen. Das Kind selbst war ein schmächtiges, etwas hochaufgeschossenes Mädchen, ziemlich talentiert und eine gute Sängerin. Sie war aber sehr launisch, heute ausgelassen lustig, morgen verstimmt und schweigsam: aber immer sehr lebhaft, leicht erregbar und zum Zorn geneigt. Nach ihrer ersten heiligen Kommunion hielt sie sich eine Zeitlang recht gut. Doch der Leichtsinn bekam bald wieder die Oberhand; sie vernachlässigte die heiligen Sakramente und nahm sonderbare Manieren an.
Sie fiel allen auf durch den unheimlichen Glanz ihrer Augen. Sie gebärdete sich in der Nacht wie wahnsinnig. Sie schrie und tobte: „Ich bin verloren, ich habe unwürdig gebeichtet und kommuniziert! Ich muss mich erhängen, Satan ruft mich.“ Alles Zureden war umsonst. Ab und zu wurde sie etwas ruhiger. Eines Tages übergab sie dem Pater Erasmus einen Zettel, welcher eine Verschreibung an den bösen Feind enthielt. Wie das Mädchen zu dieser Verschreibung gekommen war, wusste sich niemand zu erklären, aber zu der heiligen Kommunion ging sie nicht mehr.
Am 20. August 1906 tobte sie auf unerhörte Weises riss ihr Oberkleid in Stücke, knirschte mit den Zähnen, bellte wie ein Hund und schrie um Hilfe: „Schwester, rufe mir den Pater Erasmue. Ich muss beichten und [125 | 126] will nun alles sagen. Aber schnell, sonst wird Satan mich töten. Er hat Gewalt über mich. Ich habe nichts Geweihtes mehr, denn die Medaillen, die du mir angehängt, habe ich weggeworfen.“
Schwester Juliana, die Oberin von St. Michael, erschrak heftig, band ihr aber sofort ein Agnus Dei, eine Reliquienkapsel, und eine Medaille der Immaculata und eine Medaille des hl, Benedict um den Hals und besprengte sie mit Weihwasser. Da aber schrie sie laut auf: „O Schwester, du brennst mich. Lass Pater Erasmus kommen. Er allein kann mir helfen.“
Man schickte nach dem Pater. Er fand Germana im Kreise ihrer Kameradinnen. Drei Schwestern waren noch zugegen. Sie war in rasendem Disput mit einem oder zwei unsichtbaren Wesen, von denen das eine schrie: „Jetzt ist unsere Stunde gekommen. Jetzt werden unserer viele auf die Erde gesandt, um Seelen zu versuchen, zu quälen und zu verführen. Wehe dir, Germana. Bis jetzt war ich allein; nun aber kommen viele, dich zu quälen.“
Das Mädchen aber rief: „Was habt ihr mit mir zu schaffen? Ich kann nichts dafür. Die Schwestern haben den Priester gerufen. Das Schwerste hab' ich aber ihm noch nicht gesagt.“
Pater Erasonus gab dem armen Kinde den heiligen Segen. Germana blickte ihn scharf an und sagte dann: „Soll ich es diesem da sagen? Ich sage es doch. Ich bin der Sache nun müde, und du plagst mich zu sehr. Auch hat er die Verschreibung, welche du zurückverlangst. Er hat sie mitgenommen. … O, der in mir ist, quält mich schrecklich, Satan ist sein Name.“ [126 | 127]
Pater Erasmus fragte sie dann: „Wer heißt du denn?“ – „Ich bin es.“ – „Bist du Germana?“ – „Nein, ich bin, nicht Germana. Ich muss heraus. Doch Germana ist mein. Ich bekomme sie doch. Tue dieses Bild (Muttergottesmedaille) weg. Die hat uns den Kopf zertreten. Es ist Maria. Weg mit ihr. Seht ihr die Schlange unter ihren Füssen? Das ist der Unsere, der Drache.“ Da lachte er wild und höhnisch.
Germana: „Ich habe den Satan gerufen, und er kam zu mir. Viermal habe ich würdig kommuniziert dann, aber immer sakrilegisch. Auch habe ich es nie bekannt, dass jener zu mir gekommen. Ich bin verloren, ich muss verzweifeln. O, Verzweifeln ist schrecklich!“
Am Sonntag, 26. August 1906, befahl der Pater, die Besessene in der Missionsstation St. Michaels zum sonntäglichen Gottesdienst zu führen. Eine Schwester, sowie ein anderes starkes Kaffernmädchen, führten sie in die Kapelle. Alle drei blieben in der hinteren Ecke stehen.
Gleich bei Beginn des Hochamts wurde Germana unruhig, schnitt Grimassen und begann zu schwätzen. Beim Evangelium konnte man sie kaum mehr halten. Nun begann der Priester mit der Verlesung des Evangeliums und erwähnte die Worte des Heilandes an seine Apostel, welche vergeblich versucht hatten, den Teufel aus einem Tauben zu befreien: „Diese Art Dämonen fährt nicht aus, als durch Gebet und Fasten“ (Math. 17 bis 20). Da ging der Spektakel los. Das Mädchen suchte den Prediger auf alle Weise zu stören. Es schrie, klatschte in die Hände und lachte. Dann wieder [127 | 128] schimpfte und raste es, knirschte mit den Zähnen und plötzlich lief es zur Kirche hinaus.
Etliche Schwestern holten Germana herein und wiesen ihr einen Platz in der ersten Bank an, in ihren eigenen Reihen. Unterdessen ermahnte der Priester die Anwesenden zu Gebet und Wachsamkeit, damit sie nicht in die Schlingen des bösen Feindes fielen, denn Satan sei ein Lügner und suche nur die Menschen zu verführen.
„Lüge,“ rief laut Germana, indem sie auf die Bank schlug und Gebetbücher zu Boden warf.
„Schweige,“ befahl ihr der Priester, „und bekenne die Wahrheit.“
„Ja, alles ist Wahrheit,“ bekannte nun das Mädchen mit lauter Stimme.
Und weiter schilderte der Prediger die Art und Weise wie Satan die Seelen betrügt, durch Augenlust, Fleischeslust und Hoffart des Lebens. Viele Menschen lassen sich von ihm täuschen, leben in ihren Sünden dahin und verschweigen sie noch in der Beichte.
„Beichtet nicht,“ schrie Germana dazwischen.
Der Priester gebot Ruhe und fuhr fort und sprach von der Sklaverei der Sünde und von dem Elend jener, die durch unwürdigen Empfang der heiligen Sakramente einen Gottesraub auf den andern häufen.
„Verschweigt nur alles,“ rief sie abermals. „Lüget recht beim Beichten.“
„Schweige mit solchen Reden; bekenne vielmehr die Wahrheit.“
„Ja, alles was du sagst, ist Wahrheit.“ [128 | 129]
Und weiter sprach der Prediger über die Mittel der Beharrlichkeit. „Glaubet an Gott, liebet und ehret ihn und haltet seine Gebote.“
Germana knurrte und bellte, äffte die Worte des Priesters nach, streckte die Zunge heraus und schrie:
„Was heisst Glauben? Gott? – Wo ist Gott? – Du hast Gott nicht gesehen. Wie kannst du sagen, dass ein Gott ist?“
„Schweige, du unreiner Geist und sprich die Wahrheit“ –
Germana: „Ja, es gibt einen Gott! Er ist im Himmel und überall und ich habe ihn gesehen …“
Der Priester ermahnte nun die Gläubigen zur Busse und Rückkehr zu Gott durch eine gute Beichte.
„Tut nur das nicht,“ brüllte das Mädchen. „Es ist lauter Lug und Trug. Hör' mal jetzt auf mit deinem Predigen, du quälst mich.“
Und weiter predigte der Pater, immer wieder unterbrochen durch Germanas Geschrei: „Lüge, tut nur das nicht.“ Einmal rief sie: „Macht lauter Scheinbeichten, bereitet euch absolut nicht darauf vor, erforschet kein Gewissen, erweckt keine Reue, macht keinen Vorsatz, so werdet ihr in den Himmel eingehen.“
Als die Rede war, den Sonntag zu heiligen und rechtzeitig zur heiligen Messe zu kommen, schrie sie: „Tut das nicht, kommt erst nach der Wandlung. Schwätzt und lacht in der Kirche und läuft mitten im Gottesdienst wieder hinaus.“ Nach einer Weile rief sie: „O wie lange predigst du! Wann hörst du einmal auf?“
Zum Schlusse forderte der Prediger die Anwesenden auf, niederzuknien. Er betete mit ihnen ein Reuegebet, [129 | 130] sowie die Taufgelübde nebst einer Anrufung der Fürbitte der Himmelsmutter. –
„Ich knie nicht nieder,“ brüllte das Mädchen, „ich kann Gott keine Ehrfurcht erweisen. Macht es alle wie ich. Verschreibt euch alle dem Satan.“
Die Leute waren starr vor Entsetzen; alle waren aufs tiefste erschüttert. – Das Credo wurde angestimmt. Beim „Et incarnatus est“ kauerte und bellte Germana wie ein Hund. Mitten unter der Opferung erhob sie sich frei vom Boden, schwebte gegen zwei Meter hoch über die Armlehnen der Bänke hinweg und liess sich im Chor hinter den Ministranten hohnlachend nieder. Dann drehte sie sich gegen das Volk und rief: „Betet mich an.“ Der Priester gebot ihr, dass sie schweigen und sich zurückziehen solle. „Ich kann Gott keine Ehre erweisen,“ antwortete sie, „es geht nicht.“
Bei der Wandlung brummte und tobte sie, ebenfalls beim sakramentalen Segen: „Hör auf mit deinem Rauch! Ich kann nicht niederknien, ich kann nicht anbeten.“
Dieser Gottesdienst blieb den Zuschauern unvergesslich. [130 | 131]

II. Satan und das Kruzifix.

Einmal erkletterte Germana – wie schon öfters vorher – eine armbreite und 2½ Meter hohe Mauer, eine offene Scheidemauer unter Dach, und tanzte auf ihr herum. Auf einmal blieb sie stehen. Unter ihren Füssen hing ein Kreuzesbild. Da begann sie, d. h. der Dämon in ihr, hellauf zu lachen und in die Hände zu klatschen.
„Ha,“ rief sie, „da ist er nun, dieser Jesus, Menschensohn, Gottessohn; am Kreuze hängt er, ha, ha, ha. Einst im Himmel hiess es: Gottes Wort wird einmal Mensch werden … dann müssen wir Engel auch den Menschen Jesus anbeten, weil er Gott ist. Ha. Nicht wir Engel, reine Geister, sollten erwählt werden in Verbindung mit diesem Wort als Erlöser aufzutreten, nicht einmal Lucifer, der höchste Engel … ha, ha, ha. – Ein wahrer Mensch, dessen Leib aus Erde, wollte Gott werden – Gott und Mensch in einer Person. – Und wir Engel, reine Geister, sollten dann diesen Menschen Jesus anbeten! ha, ha, ha! Non serviam (ich will nicht dienen) sprach dann Lucifer und eine grosse Menge mit ihm.
„Dann gab es einen Kampf. Michael der Elende überwand uns; wir unterlagen und wurden von Gott durch Michael, dem Verhassten, aus dem Himmel verstossen, hinunter in das ewige Feuer, zur Qual! – O, wie war der Himmel schön! – Doch non serviam in [131 | 132] Ewigkeit. Nie werden wir Gott, den wir hassen, anbeten, nie den Menschensohn anbeten.“ –
Da hielt der Dämon inne und bebte. Plötzlich rief er wieder durch den Mund des Mädchens:
„Ha, ha, ha! Gott gleich sein, Gott, den ich hasse. Meinen Thron wollte ich aufschlagen über seinem Thron, Gott wollte ich gleich sein. Da stürzte uns Gott, den ich hasse, den wir hassen, durch den verhassten Michael von unseren Thronen herab aus dem Himmel. – Nun stehe ich doch über ihm, über Jesus, Gottessohn, Menschensohn. – Ha, ha, ha! Nieder mit ihm, auf den Kopf trete ich ihm, diesem Menschensohn.“ Dabei trat die Besessene wütend mit dem einen Fusse auf das Kreuzbild herunter, spuckte aus und wiederholte höhnisch spottend: „Ha, ha, ha! Nun ist er, der Menschensohn, unten und ich oben. Er unter mir, ich über ihm.
„Im Paradiese hiess es: Sie wird dir den Kopf zertreten. Ja, der Jesus, Maria Sohn, sollte uns den Kopf zertreten. Nun stehe ich über ihm und trete ihm auf den Kopf!“ Wieder stampfte sie wütend auf das Kreuzesbild, spuckte aus und rief: „Die Burschen haben diesen Menschensohn schön zugerichtet, mit Geisseln blutig geschlagen, angespuckt und verspottet, zum König gekrönt mit einer Dornenkrone und ans Kreuz geschlagen. Ha, ha, ha! Da hängt er nun, der Gottmensch, Gottessohn, Menschensohn. Heil dir, König. Ich über dir, und du unter mir, ha, ha, ha!“
Urplötzlich sprang sie von oben herab, auf dem Boden kauernd, zitternd und bebend stiess sie verzweifelte Jammerlaute aus. Wie ein verprügelter Hund trollte sie sich von dannen hinein in den Schlafraum. [132 | 133]

III. Eine Predigt des Höllengeistes.

Der allmächtige Gott lässt es zuweilen zu, dass der verworfene Höllengeist auch der Wahrheit Zeugnis geben muss. So bekannte im Illfurter Falle der Satan die Wahrheit der katholischen Religion und der Lehre Christi. So hielt auch das unglückliche Kaffernmädchen einmal eine ergreifende Sakramentspredigt. Mehrere Geistliche und Ordensschwestern waren zugegen, Da stellte sich Germana vor den Hochaltar und rief mit lauter, aber ganz veränderter fremder Stimme:
„Da im Tabernakel, in der heiligen Hostie, ist Jesus gegenwärtig als Gott und Mensch, mit Leib und Seele, mit Fleisch und Blut. Ja, er ist hier wahrhaft gegenwärtig, der Gottmensch, den ich hasse! Viele Engel sind ringsum gegenwärtig, die beten Ihn an. Ich sehe sie, wir sehen sie; ihr sehet sie nicht, aber wir. Da, da sind sie. Ah, die Engel beten Jesus an, ihren Gott, euren Gott, den wir hassen. Betet auch Jesus an, wie die Engel. Wir beten Ihn nicht an. Wir können und wollen Ihn nicht anbeten, den Gott, den wir hassen. – Jesus, der hier zugegen ist, hat viele Legionen von Engeln, die Ihn anbeten und Ihm dienen. Er sitzt auf seinem Throne. Er ist ein König. Alles beugt sich vor Ihm. Seht nur. Seht, wie Ihn alle anbeten, – nur wir nicht.
„Ha, wir haben auch einen König; der sitzt auf einem feurigen Thron. Er hat eine Feuerkrone auf [133 | 134] seinem Haupte. Rings um ihn ist Feuer. Legionen dienen ihm, müssen ihm dienen und sind im Feuer gequält. Lucifer ist der Name unseres Königs. Er hat sein Reich und seinen Thron in der Hölle. Wehe, wehe uns! Ewig in der Hölle, im ewigen Feuer, in der ewigen Qual.“ – Sie stiess Schmerzensschreie aus. – „In der Hölle ist es schrecklich, da ist Hitze und Kälte, Feuer, und bitter, bitter kalt; dort ist schreckliches Feuer und doch dunkel, dunkel. Trotzdem sehen alle Verworfenen einander in dieser Finsternis, verworfene Engel und Menschen, Fluchen und Verwünschen, Hass und Streit, einander quälen, hassen und verfluchen, immer, immer, ohne Ende, nie heraus, immer in der Qual, die lange Ewigkeit, wehe, wehe!
„O, es war im Himmel so schön! Gott hatten wir gesehen. Wir wollten nicht dienen. Nun sind wir verworfen, verdammt von Gott, den wir hassen. Wehe! Das Schwerste und Härteste kommt noch. Am jüngsten Tage kommt dieser Jesus, der hier im Altarsakramente gegenwärtig ist, als allmächtiger Richter, zu richten die Menschen und Engel, uns, die verworfenen Engel. O, wenn wir nur nicht vor diesem Gerichte, vor allen erscheinen müssten! Das ist furchtbar! Aber wir müssen! Gott, den wir hassen, zwingt uns. O, dieser Schreckenstag, diese Qual! Jesus, der Gottmensch, der allmächtige Richter, wird uns mit Zornesblick anschauen. Wer kann diesen Blick ertragen? – Wehe, wehe! Denn das Urteil: Hinweg, ihr Vermaledeiten, hinein in die ewige Qual, ihr Verhärteten und Verstockten, hinweg von mir in alle Ewigkeit.“
Bei diesen Worten liefen der Besessenen schwere [134 | 135] Tränen über die Wangen. Aus ihrem Munde kamen herzzerreissende Jammertöne und Verzweiflungsrufe. Alle Anwesenden waren aufs tiefste erschüttert. Pater Apollinar fügte noch einige Worte hinzu: „Ja, wenn man mit Satan Mitleid haben dürfte, könnte man ihn wahrlich bemitleiden; aber er will ja vom Bekehrung nichts wissen, will Gott die Ehre nicht geben, will Ihm nicht dienen; er ist in Bosheit verhärtet. – Wie schrecklich muss es sein, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen. Wer trotzdem in die Hölle kommt, kommt hinein, weil er es selbst will. Wie schrecklich!“
Dass infolge von Unreinigkeit und Unzucht Unzählige ins ewige Verderben kommen, wiederholte die Besessene oft, desgleichen, dass das Feuer der Hölle nicht zu vergleichen sei mit dem irdischen Feuer; es lasse sich die Qual nicht schildern. [135 | 136]

IV. Furcht vor Maria, St Michael; Sein grosses Wissen.

Im Zimmer hing auch ein Bild der Muttergottes, der Immaculata, den Fuss auf den Kopf der Schlange gesetzt. Wenn Germana dieses Bild sah, geriet sie oft in tolle Wut und wurde geradezu rasend. Sie versuchte, das Bild mit Nägeln oder Nadeln zu durchlöchern, spuckte es an und schäumte vor Wut. Dann brach ihr Ingrimm im Sturme los: „Die da, ja die da ist's, die uns den Kopf zertrat durch ihren Sohn, den Menschensohn, Jesus, den wir hassen. He, die erste Eva haben wir drangekriegt im Paradiese. Gott wollte sie gleich werden – die Augen sollten ihr aufgehen, ha, ha. Ja, die Augen sind Adam und Eva aufgegangen, gefallen sind sie wie wir, verloren waren sie … Da kommt diese zweite Eva, diese Miriam, diese Maria, über die wir keine Gewalt hatten, und diese ist Mutter des Menschensohnes geworden, Mutter Gottes, den wir hassen.“ Dann zeigte sie auf die Schlange und diabolisch lachend und in die Hände klatschend rief sie: „Das ist einer von uns, die alte Schlange, ha, ha, ha! Die Schlange ist klug und schlau. – O, wie hassen wir diese Maria, die der Schlange den Kopf zertrat.“
Plötzlich hielt sie inne, ging weg, setzte sich in eine Ecke, brummte und knurrte, das Gesicht verhüllend. Ab und zu folgte eine Krise, wobei Germana gewaltig [136 | 137] gepeinigt wurde, so dass sie brüllte und heulte wie in Verzweiflung.
Nächst Gott und Muttergottes war die Besessene voll teuflischer Wut gegen den hl. Michael. Ein glühender Hass sprach aus ihren Worten und Gebärden, wenn man auf St. Michael zu sprechen kam. Es muss etwas unaussprechlich Großartiges gewesen sein, dieser erste Kampf und Sieg im Himmel. Diese Wut des Satans und seiner Anhänger lässt sich begreifen, wenn man bedenkt, was die Engel besassen, und was sie verloren. Unheimlich wurde es einem zumute, wenn der Verzweiflungsjammer ertönte über das für alle Ewigkeit verlorene Glück, und doch lautete der Refrain immer wieder: „Wir beten nicht an, wir wollen nicht dienen.“
Gerechter Gott, welches Entsetzen!
Als Pater Erasmus nach Rom reiste, wusste von dieser Reise niemand etwas, mit Ausnahme des Bruders Medard, der darüber das gröbste Stillschweigen beobachtete. Der Pater hatte beim Abschied nur gesagt, dass er nach der Nachbarstation Himmelberg reise, um dort die Quartalbeichten der Schwestern zu hören, was er auch tat. Von dort aus jedoch reiste er nach Durban und bestieg daselbst ein Schiff, das ihn nach Italien bringen sollte. Am selben Abend sagte die Besessene unter Lachen zu den Schwestern: „O, ihr Einfaltspinsel. Ihr meint, der Pater sei nach Himmelberg gegangen und komme morgen zurück. Der kommt nicht zurück, denn er fährt morgen nach Durban und von dort per Schiff nach Europa, nach Rom, ja, nach Rom reist er.“ [137 | 138]
Alle staunten und machten grosse Augen, und meinten, das Mädchen scherze. Bald erkannten sie jedoch, dass es die Wahrheit gesprochen hatte. Germana sagte stets, wo der Pater sich gerade aufhielt, in Speyer, in Oelenberg bei Lutterbach, in Mailand, in Rom. Alles stimmte genau auf Tag und Stunde.
Als man sie fragte, wo sie das alles und sonstige geheime Sachen wissen könne, antwortete der Dämon aus ihr: „O, nur Gott, den ich hasse, ist allgegenwärtig und allwissend, sonst niemand. Die Engel nicht und wir Geister nicht. Aber schnell wie der Gedanke können wir da und dort sein, aber nicht an verschiedenen Plätzen zu gleicher Zeit. Nun sind wir aber viele Legionen, so viele, dass es dunkel würde, wenn die Menschen uns sehen könnten. Diese zahllosen Geister in der Luft, auf Erden und an allen Plätzen der Welt sehen und hören, was die Menschen reden, tun und treiben, ja, was sie denken. Wir kommen zusammen schnell wie der Blitz und teilen uns alles einander mit. Auch unsern Vorgesetzten müssen wir Bericht erstatten. Lucifer selbst erfährt alles.
Er gibt den Grossen die Aufträge, und diese uns.“
Oefters wiederholte er: „Jetzt in dieser Zeit (1906 bis 1907) sind ganze Scharen, unzählige Dämone aus der Hölle losgelassen. Lucifer selbst ist losgelassen. Lucifer, unser König. Alle ziehen wir auf der Welt herum, um die Menschen zu verführen. Wir arbeiten alle gewaltig, um Neid, Hass, Zwietracht, Streit und Krieg“ Sünden und Laster unter den Menschen zu entfachen. Ja, wir arbeiten, denn unsere Zeit ist kurz; aber jetzt [138 | 139] hat Gott, den ich hasse, uns erlaubt, die Menschen zu versuchen und zu verführen. Ohne seinen Willen, ohne seine Erlaubnis können wir nichts tun. O, die dummen Menschen!!“ Da brach er seine Rede ab. [139 | 140]

V. Germana Cele,

das besessene Kaffernmädchen, verstand in ihren Krisen (Anfällen) alle Sprachen, in denen man sie fragte. Beim Exorzismus sprach sie ganze Perioden der Beschwörungsformeln in Latein voraus, korrigierte, spottete und machte wieder Verschiedenes lächerlich. Dann ab und zu wieder ein Mark und Bein durchdringendes Verzweiflungsheulen, Anschwellen des Körpers, Schweben über dem Erdboden. Nach der Krise war sie wieder ganz ruhig, aber sehr abgemattet.
Der Teufel in ihr war oft recht geschwätzig. Mit Vorliebe offenbarte er die geheimsten Vergehen und Sünden der Anwesenden, so dass viele beschämt sich aus dem Staube machten.
Diese Offenbarung geschah unter Angabe der Zeit und des Ortes, sowie mit Namensnennung der Personen. Von allem dem konnte das Mädchen auf natürliche Weise nichts wissen, da sie von jedem Verkehr abgeschlossen war. Wenn jedoch die Leute gut gebeichtet hatten, dann schwieg die Besessene; hingegen offenbarte sie die in der Beicht verschwiegenen Sünden. Damals machten viele ihr Gewissen in Ordnung.
Bei Anrufung der heiligsten Namen Jesus oder Maria geriet der Satan oft in ganz sinnlose Wut und stiess unheimliche Gotteslästerungen aus. Der Leib der Besessenen musste Unglaubliches aushalten. Oft winselte [140 | 141] und jammerte das Mädchen vor Schmerz. Was muss es erst für eine namenlose Qual sein, ewig mit Leib und Seele in die Gewalt des Satans zu kommen!
Ganz eigenartig mutete das Luftschweben an. bald wagerecht, bald senkrecht. Wagerecht erhob sich Germana langsam vom Bette, worauf sie lag, schwebte höher und höher, bis 2 Meter über dem Bett und ruhte dann wagerecht ausgestreckt, frei in der Luft schwebend. Dabei fielen die Kleider nicht nach abwärts, sondern waren fest und anständig an Körper und Beine angeschlossen. Langsam liess sie sich dann nach einer geraumen Weile wieder herab.
Manchmal stieg sie auch senkrecht in die Höhe, selbst in der Kirche in Gegenwart der ganzen Missionspfarrei. Sie blieb oft 1½ Meter vom Boden erhöht, ziemlich lange in dieser schwebenden Stellung, so dass keine Macht sie herunterzuziehen vermochte. Auch die vereinigten Kräfte der Schwestern und mehrerer Zulumädchen genügten dazu nicht. Nur das Besprengen mit Weihwasser machte sie sofort herunterkommen. Das geschah dann mit Knurren und Wutausbrüchen. Gleich darauf brach sie zusammen und weinte wie ein Kind.
Satan plagte sie noch auf andere Weise. Bald ward die Brust, dann wieder der Unterleib hoch aufgeblasen, aber nur für kurze Zeit. Ein andermal wurde plötzlich der Kopf unförmlich dick, der Hals unnatürlich lang, dann wieder die Backen unheimlich aufgeblasen, oder es bildete sich im Nu am Halse ein Riesenkropf, der; ebensoschnell wieder verschwand. Dann wieder unnatürliche Verdrehungen und Krümmungen des Körpers und Züngeln mit der Zunge nach Art der Schlangen. [141 | 142]
Oft lief auch etwas wie ein fingerdicker Strick unter der Haut am ganzen Körper herum über die Arme, Schultern, Hals und an der Seite herunter bis zu den Füssen. Dabei stiess das Mädchen Schmerzensschreie aus. Auch da half das Weihwasser wieder, ebenso der priesterliche Segen. Die Erscheinungen und Anfälle hörten sofort auf.
Das Unheimlichste von allem waren in den Krisen die glühenden, funkelnden Augen, Wut, Zorn Hass und Spott flammten dann aus diesen wie Feuer funkelnden Augen. Es überlief die Anwesenden heiss und kalt bei diesem Anblick. Sie hatten das Gefühl, als wolle sie der Höllengeist auffressen und vernichten. Viele lehrten wieder beten mit einer Andacht und Innigkeit, wie sie es im Leben noch nie getan. [142 | 143]

VI. Germana und die Beicht.

Unheimlich war bei dem besessenen Kaffernmädchen die genaue Wissenschaft der geheimsten Sachen, besonders der Sünden und Fehler der sie besuchenden Personen. Mehreren Burschen und Mädchen, zumal solchen, die aus der Schule entlaufen waren, sagte sie die in der Beicht verschwiegenen Sünden öffentlich ins Gesicht, so dass die Betreffenden vor Angst und Schrecken die Farbe wechselten. Pater Erasmus musste ihm des öfteren im strengsten Ton Stillschweigen gebieten; dann rief der böse Geist zornig: „Ich bin vom Priester gebunden; wäre das nicht, so würde ich euch schreckliche Dinge sagen.“
Besonders scharf nahm sie zwei auswärtige Burschen her, Ludwig und Franz. Die beiden gingen ganz erschüttert in die Kirche und legten eine reumütige Beicht ab. Aehnlieh erging es zwei aus der Schule entlaufenen Mädchen, Kordula und Crescentia. Kordula zitterte am ganzen Leibe, als ihr der Unsichtbare öffentlich alle ihre Schandtaten vorhielt; sie wurde wachsbleich und konnte kein Wort hervorbringen. Zu einer Congreganistin von Himmelberg sagte die Besessene: „Du bist jetzt „all right“ (ganz gut); aber glaubst du so zu bleiben? Pass auf, wir kriegen dich.“
Besonders auffällig benahm sie sich gegen ein Mädchen, das früher ihre intime Freundin gewesen war, [143 | 144] und das schon lange nicht mehr zur Beichte ging. Als sie ins Zimmer trat, sprang Germana auf, ergriff sie bei der Hand und setzte sich mit ihr auf eine Bank nieder. Sie hätschelte und streichelte sie gar freundlich und sagte: „Ja, du bist mein! Du folgst mir gerade nach Wunsch. Du bist meine Sklavin.“ Dann legte sie ihren Arm um deren Hals und klopfte ihr vertraulich auf die Schulter mit den Worten: „Ja, du bist meine Genossin.“ Zuletzt flüsterte sie ihr ins Ohr: „Beichte ja nicht, beichte nicht, das ist böse!“
Die Betreffende ging verblüfft nach Hause, und sie beeilte sich, wieder eine gute Beichte abzulegen. Aeusseren Erfolg hatte Satan somit nicht im mindesten. Im Gegenteil, nie gingen in St. Michael so viele Schulkinder und erwachsene Neubekehrte zu den heiligen Sakramenten, als gerade in jenen Tagen.
Welch furchtbare Lektion für jene lauen Katholiken, die da das ganze Jahr in der Sünde leben und die so notwendige Beicht immer wieder aufschieben, die sich mit der einmaligen österlichen Beicht begnügen und diese nur schandeshalber und oberflächlich machen. O, wenn sie wüssten, wie sehr der Höllengeist mit ihnen zufrieden ist! [144 | 145]

VII. Germanas erste Befreiung.

Der aus dem Grenzorte Arracourt bei Metz stammende Bischof von Natal, Mgr. Henri Delalle, aus dem Orden der Oblaten Mariä, erhielt Kunde von den schrecklichen Vorkommnissen auf St. Michael. Da er wegen einer dringenden Europareise selbst nicht nach der Station kommen konnte, beauftragte er am 10. September 1906 die Patres Mansuetus und Erasmus, den feierlichen Exorzismus vorzunehmen.
Die Zeremonie wurde auf Mittwoch, den 12. September, morgens 7 Uhr, festgesetzt. Die beiden Rektoren der Missionsstationen Lourdes und Marienthal, P. Appolinarius und P. Solenus, waren ebenfalls erschienen, Germana trat, begleitet von drei Mädchen und mehreren erwachsenen Kaffernmädehen, ins Chor der Kirche und liess sich auf einen Beichtstuhl nieder. Sobald der Pater mit der Abbetung der Allerheiligenlitanei begann, so fing die Besessene an unruhig zu werden, sie verfiel in Zuckungen, stand auf und zerriss ihre Kopfbedeckung.
Auf die Frage nach dem Namen des innewohnenden Dämons, lautete die Antwort: „Melek“, hebräische Bezeichnung für König. Dann fügte er hinzu: „Nur noch eine ganz kleine Weile, dann muss ich ausfahren. Ich werde meinen Weg durch ein Fenster der Orgelbühne nehmen, aber Germana muss mit mir zum Fenster hin- [145 | 146] aus. Wenn sie tot am Boden auffällt, fahre ich in die Hölle hinab.“
Da der Exorzist damit nicht einverstanden war, erhob der Satan ein furchtbares Brüllen und Toben. Dieses wurde so arg, dass man dem Mädchen Handschellen anlegen musste. Sein Gesicht wurde grässlich entstellt. Am meisten schrie die Arme bei Annäherung der heiligen Kreuzpartikel und beim Besprengen mit Weihwasser. Sie verstand offenbar alle Gebete und Beschwörungen des lateinischen Rituale und antwortete ganz korrekt auf die in Latein gestellten Fragen. Ausser sich vor Zorn wurde sie, als der Priester die Worte betete: Inimicus fidei et generis humani, auctor mortis, radix malitae. Feind des Glaubens und des Menschengeschlechtes, Urheber des Todes, Wurzel aller Bosheit.
Auf die Fragen des Priesters antwortete Germana u. a.: „Unser Fürst ist Lucifer. Gleich wie Gott seine Heerscharen hat, so hat auch Lucifer sein Kriegsheer. Wir sind in verschiedene Rangstufen eingeteilt. Es gibt bei uns Grosse und Kleine.“
– „Bist du ein Grosser oder ein Kleiner?“ – „Ich bin ein Kleiner.“ – „Wann wirst du ausfahren?“ – Unter Mark und Bein durchdringenden Jammertönen gab er zur Antwort: „Wehe, es ist mir keine lange Zeit mehr gegeben. Ich werde in die Hölle hinabstürzen und nie mehr wiederkehren, nie, nie mehr.“ Auf den Tabernakel zeigend: „Dort ist Jesus, der mir erlaubt hat, in Germana einzuziehen. Dort ist er, Germana liebt ihn, ich aber hasse ihn.“
Inzwischen war es Mittag geworden. Am Abend [146 | 147] wurde der Exorzismus wieder fortgesetzt, bis tief in die Nacht hinein – abermals umsonst. Die Nacht war für Germana ganz fürchterlich. Schwestern hielten bei ihr Wache. Gegen 2 Uhr morgens hob sie den Kopf und schaute erschrocken gegen ihre linke Seite und rief: „Da kommt einer der Unseren aus der Hölle.“ Dann war es, als horchte sie auf eine Rede und entgegnete sodann: „Ich hätte es ja getan, aber die Patres verweigerten es. Ich kann nicht, ich habe keine Gewalt.“
Am Morgen setzte die Beschwörung wieder an (13. September 1906) vor vielen Personen. Germana war schrecklich anzusehen. Ihr Gesicht war grauenhaft entstellt. Sie schlug um sich, und man war genötigt ihr Handschellen anzulegen und sie zu knebeln. Das war keine leichte Arbeit. Denn sie erhob sich in die Luft mitsamt dem Stuhle und riss auch Schwester Anacleta mit, die sie festhalten wollte.
Als man sie endlich überwältigt hatte, biss sie die Schwester in den Arm und verursachte ihr einen stechenden Schmerz. Merkwürdiger Biss! Habitärmel sowie die anderen Kleider waren nicht verletzt. Nur Schaum und Zahnspuren waren darauf sichtbar. Aber auf dem Arme entstanden zuerst rote, dann blaue und grüne Male, den beiden Zahnreihen entsprechend. In der Mitte war eine kleine, rote Wunde, –vie von einem Schlangenbiss. Am nächsten Morgen hatten alle Male hohe Blasen mit gelbem Wasser, wie bei Brandwunden. Der Arm schmerzte noch tagelang.
Nun setzte der Priester mit Glauben und Vertrauen noch einmal ein, diesmal mit Erfolg. Nochmals erhob sich Germana über alle hinaus sichtbar, schrie und [147 | 148] brüllte: Woooh-woooh. – Es spottete jeder Beschreibung. Plötzlich sank sie nieder. Wie eine Sterbende krümmte sie sich einige Male zusammen und streckte sich dann aus. Nun war alles vorüber. Germana war befreit. Man löste ihre Fesseln. Darauf betete sie mit den andern mit kindlicher Andacht. Ruhe und Frieden waren in ihr Herz zurückgekehrt. Ein feierliches Te Deum beschloss die heilige Handlung. [148 | 149]

VIII. Germanas zweite und endgültige Bekehrung.

Während den verschiedenen Krisen erklärte der Dämon Germanas, er werde zwar ausfahren, werde aber wiederkommen, und das zweitemal schrecklicher werden als das erstemal.
Tatsächlich wurde sie im Frühjahr 1907 abermals vom höllischen Geiste besessen. Dieselben schauerlichen Erscheinungen meldeten sich wieder, wie vorher. Pater Erasmus musste anfangs März 1906 [sic!] nach Europa reisen. Da beschloss der Bischof, Mgr. Delalle, den Exorzismus in eigener Person vorzunehmen. Am 24. April 1907 kam er mit zwei Oblatenpriestern selbst nach St. Michael.
Am ersten Tage arbeitete der Bischof, mit drei Priestern, abwechselnd die Beschwörungsgebete betend, hart und schwer von 8-12 und von 2-8 Uhr abends – ganz umsonst. Die Besessene war nicht zum Schweigen und der Dämon nicht zum Weichen zu bringen. Immer wieder erklärte er: „Ihr seid alle machtlos bis zur bestimmten Zeit. Jetzt habe ich Erlaubnis von Gott, den ich hasse, zu reden und zu offenbaren; ich muss das tun, so lange mir Zeit gesetzt ist.“
Am zweiten Tage des Exorzismus, nach 2½stündiger Arbeit in der Kirche, schwebte die Besessene auf einmal in der Luft, etwa 2 Meter hoch. Von dort rief sie hohnlachend dem verblüfften Bischof zu: „Gelt, Bischof, da [149 | 150] schaust du und wunderst dich. Hallo, Bischof, mache du das mir auch mal nach.“ Dabei lachte sie unbändig. Bischof und Priester schauten und wussten nicht, was tun. Nach geraumer Zeit schwebte die an Händen und Füssen gefesselte Besessene nieder und stand auf dem Boden.
Nun betete Mgr. Delalle selbst die Beschwörungsformeln mit festem Glauben und rief besonders die Fürbitte des hl. Michael und der Immaculata an. Es dauerte wohl noch eine Stunde. Doch endlich ward die Unbefleckt Empfangene auch hier Siegerin über Hölle und Teufel. Unter entsetzlichem Toben und Rasen, Fluchen und Wüten, wich endlich die höllische Bestie, und Germana sank wie leblos nieder. Als man sie aufhob, fühlte sie sich von ihrem Peiniger befreit, der dann nie wieder zurückkehrte. Hocherfreut stimmte der Bischof Magnifikat und Te Deum an, und die ganze Versammlung betete mit ihm und Germana innige Dankgebete.
Germana Cele lebte darauf noch 6 Jahre recht erbaulich. Zu Weihnachten 1912 erkrankte sie infolge Erkältung an Lungenentzündung, die in galoppierende Schwindsucht ausartete. Am 14. März 1913, am Fest der Sieben Schmerzen Maria, starb sie eines recht erbaulichen Todes, ganz ruhig und in Gott ergeben.
Als Schlussfolgerung wird gewiss der geneigte Leser den Vorsatz fassen: „Niemals will ich mich freiwillig durch die schwere Sünde in die Tyrannei dieses entsetzlichen höllischen Ungeheuers überliefern, damit ich nicht in ewiger unendlicher Qual sein über alle Massen unglückliches Opfer werde.“ [150 | 151]

Editorische Notiz: Dieses Dokument wurde in seiner urspünglichen Form und Rechtschreibung belassen; nur wenige offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt, und auf Grund des schlechten Drucks waren Punkt und Komma oft nicht sicher zu unterscheiden. Das Inhaltsverzeichnis stand im Original am Ende des Texts und wurde hier aus praktischen Erwägungen vorangestellt.

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