Womit hat man zu rechnen, was sind dementsprechend voraussichtlich Schwachstellen der einem entgegengebrachten Argumentationen? Was einem Routine oder gar Schlagwort ist, darüber denkt man ja nicht weiter nach - wir alle sind ein bisschen denkfaul.
Natürlich haben auch säkulare und linke (das fällt heute weitgehend zusammen) Kritiker ein grundsätzliches Handicap. Geht es bei den Christen darum, etwas mehr glauben zu müssen, als man alltäglich gern hat, so handelt es sich hier um das Problem, etwas zu verleugnen. Nein, nicht Gott und seine Engel, die sowieso, aber das tut der stinknormale Alltagsverstand ja auch.
Was man verleugnen muss, ist der Gedanke, dass an Religion (gleich in welcher Darreichungsform) doch irgendwas dran sein müsse - quasi: sonst gäbs sie ja nicht. Entsprechend hatte ja auch die ältere Religionskritik etwa Ludwig Feuerbachs und zahlreicher Nachfolger vom "Gemüt" oder "Gefühl" des Menschen gesprochen, das sich hier in verkennender Weise ausspreche. Wo ist es geblieben?
Man kann das etwa ausgehend von der Literatur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchaus beantworten. Denkt man an Brecht oder Anna Seghers, so findet man einerseits das obligate optimistische Menschenbild (mag es sich auch schnoddrig darbieten), andererseits, wie verzerrt auch immer, ein deutliches Behagen an Welt und Sinnlichkeit - das Leben könnte schon sehr schön sein, es gibt bloß vorher noch viel zu tun.
Vorbei. Die Weltkriege und die totalitären Regime des vergangenen Jahrhunderts haben in furchtbarer Weise pseudochristliche Apologetik betrieben: Voilà, so schrecklich ist der Mensch in seinem Wahn, er kann eben nicht allein stehen, wo er sich aufrichten will, fällt er gleich wieder um. Also braucht er was über sich. Dass Menschen mit vernünftiger Begründung zu ziemlichen Untaten in der Lage sind, hätte man freilich schon längst wissen können, aber immerhin, das Ausmaß und der Informationsfluss ... das beeindruckt doch ungemein.
Und zwar allen anderslautenden Analysen und Erörterungen zum Trotz. Im Erschrecken über die Ereignisse bildete sich ein trüber, selbst keineswegs rational begründbarer Bodensatz: Auf den Menschen - die Menschen - ist kein Verlass. Angesichts der gewachsenen Gefahren sind Beruhigung und Kontrolle angesagt - kein Zweifel, wer dies gern und mit Gusto erledigt. Experten an die Front. Im Hintergrund ist dabei eines der plumpsten Erklärungsmuster überhaupt: Dämonie, Massenwahn, Manipulation. Ungezogen, das Volk, muss man besser erziehen, und gut überwachen. Der Mob muss regiert werden (der Streit ist nur noch, von welcher Partei). Also jawohl: an Religion und Spiritualität ist etwas dran, aber nichts Gutes.
Gefühl, Gemüt? Ach, alles bloß schlechtes Denken. Und wenn Gefühle lästig werden, dysfunktional - kommt ja zunehmend häufig vor - dann treibt sie der Psychologe oder Psychiater eben irgendwie ab oder aus, notfalls mit Medikamenten. Und Religion kann dabei sogar helfen - denken wir an die gar nicht so naive Schwundstufentheologie der 12-Punkte-Selbsthilfebewegungen, aber immer öfter wird einem auch richtiger Glaube (ein anständiger, vernünftiger) von psychologischer Seite her als Voraussetzung von geistiger Gesundheit und Erfolg angepriesen. (Man muss eingestehen, dass eine solche Herabsetzung des übergreifenden Sinns zu einem Mittel für Zwecke eher bescheidener Art auch in esoterischer Lebensberatung alltäglich vorkommt.)
Im anthropologischen Pessimismus finden sich Christentum und Wissenschaft harmonisch zusammen. Daher kann einen ja auch nicht wundern, wie selbstverständlich inzwischen beide miteinander umgehen - also wenn es schon etwas fürs Herz sein soll, dann bitte bei den Großkirchen, die kennen wir immerhin schon, da ist es harmlos. Tatsächlich waren sie während der letzten Jahrzehnte in der Lage, jeglichen Enthusiasmus auf die eine oder andere Art ins Leere laufen zu lassen, und das ist es, warauf sich das Zutrauen der Linken zu ihnen stützt. Das heißt nicht, dass ihre sehr kräftig gehütete institutionelle Existenz harmlos wäre oder man sich darauf verlassen könnte, dass es so bleibt. Und schon gar nicht macht diese Linke, "die daran ging, die Freundlichkeiten der herrschenden »Zivilgesellschaft« zu entdecken und sich in der Verteidigung der »Bürgergesellschaft« schließlich zum ideologischen Staatsschutz mauserte" (Joachim Hirsch), die Gegenrechnung auf, wie viel von diesen absichtsvoll weggepufferten Energien für eine bessere Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse hätte genutzt werden können. Keine Experimente! ist heute ein linker Konsens geworden.
In eine solche extrem grobe Skizze wären dann zahlreiche einzelne Züge einzuordnen, am offensichtlichsten wohl der Wandel von Fortschrittskonzeptionen von der Zuversicht eines kulturell-moralischen Fortschritts zum nüchterneren Versprechen "besser leben durch neue Technik" und schließlich zum Verschwinden dieses Begriffs aus den breitenwirksamen öffentlichen Diskursen im Laufe der 70er Jahre (und entsprechend der Verwandlung von "fortschrittlich" zum Synonym für "sozialistisch"). Gegenwärtig haben wesentliche Teile der Bevölkerungen der entwickelten Länder den Eindruck, an einem Gipfelpunkt angekommen zu sein - man kann noch froh sein, und besser wird es auf keinen Fall.
Ebenso wäre genauer nachzuvollziehen, wie diese Verdüsterung des Horizonts einerseits jeweils zeitbedingten politischen Absichten und Trends entsprochen hat, andererseits sehr viel guten Willen und Kraft absorbiert hat, die zu anderem hätte führen können. Das Unbehagen am Rückblick und die Reue über verpasste Gelegenheiten, bei denen man entschiedener hätte auftreten können, nimmt mit wachsendem Abstand nur zu.
Soweit eine Geschichte, die hier als ein mehr oder weniger gedankenloses Rutschen von einem Vorstellungskomplex in den anderen beschrieben ist - das ist für ideologische Operationen gar nicht so untypisch. Unser alltägliches Denken bewegt sich in unabsehbarer Weise immer wieder in Wolken von Selbstverständlichkeiten, die wir vielleicht nach Farbe, Geschmack und Geruch beurteilen, aber nicht weiter analysieren. Werden wir zu genauerem Hinsehen und Durchdenken genötigt, zeigen sich schnell Widersprüche und treten Einwände auf - doch normalerweise haben wir einfach "etwas Besseres zu tun". So auch hier. - Eine zweite hier einschlägige und stellenweise eng verbundene Geschichte wäre die der Wissenschaftlichkeit des "wissenschaftlichen Sozialismus" und der merkwürdigen Allianzen, zu denen dies im Verlauf der letzten hunderfünfzig Jahre Anlass gab und residual immer noch gibt; sie wird gelegentlich eigens zu betrachten sein. Sollte die Frage auftauchen, so kann die vorstehende Überlegung jedenfalls auch bestimmen helfen, um was es in grundsätzlicherer Weise geht.
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