Erwin W. Lutzer: Hitler's Cross

The revealing Story of how the Cross of Christ was used as a Symbol of the Nazi Agenda. Chicago: Moody Press, 1995

Lutzer ist ein evangelikaler Prediger aus Chicago, und es geht ihm mit diesem Buch weniger um Geschichtsschreibung als um die Anwendung auf seine einheimischen Verhältnisse, wo doch wirklich böse Liberale unter dem Slogan der Trennung von Kirche und Staat das Christentum aus den Schulen und überhaupt aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängen wollen. Also, wenn das so weitergeht: dann sieht man an Nazideutschland, was dabei herauskommt.

Dennoch hat Lutzer halbwegs ordentlich recherchiert (dass er Deutsch kann und Berlin mal besichtigt hat, hilft sicherlich dabei), was allerdings zig Ungenauigkeiten und Missverständnisse nicht ausschließt. So what: interessant ist die Tendenz und die Argumentationslinie.

Die Deutschen hatten einen mystischen Begriff des Reichs (und richtig assoziiert Lutzer Dein Reich komme) und hatten (Hegel und Nietzsche sollen schuld sein) ein Gefühl der eigenen Erwählung; umso heftiger traf sie die Niederlage im ersten Weltkrieg und der unfair peace treaty of Versailles (ja, schreibt er so). Dann Chaos und Elend, und Hitler sollte erlösen. Dass alle diese Vorstellungen ohne Christentum nicht so denkbar und nicht so populär hätten sein können, das auch nur zu denken verbietet Lutzer seine Wirkungsabsicht.

Tja, aber dieser Hitler was a throroughly demonized being whose body was but the shell for the spirit that inhabited him (50). Schließlich war schon Braunau ein hotbed of occult activity (37), und im Folgenden nimmt Lutzer dann alles Gerede von Schicksal und Vorsehung samt den Geschichte und Legenden über Hitlers Unverletzlichkeit für bare Münze, zum Stoff eines Anti-Heiligenlebens. [Als nüchterne Gegenposition sei einmal mehr Michael Rißmann: Hitlers Gott: Vorsehungsglaube und Sendungsbewußtsein des deutschen Diktators (Zürich, München: Pendo, 2001) empfohlen, der den opportunistischen Charakter solcher Äußerungen deutlich hervortreten lässt.] Konsequent wird Lutzer dann später (114-116 sowie diverse Abbildungen) säkulare und neuheidnische Tendenzen im Nationalsozialismus sehr hoch bewerten.

Tapfer stellt er sich dann auch der Frage, wie Gott das alles zulassen konnte. Denn Gott setzt nun mal die Herrscher ein und ggf. wieder ab – laut Daniel 2, 21. Aber er hat auch dem Satan Macht gegeben, und was der damit anfängt, dafür wird ihn Gott am Ende der Zeiten zur Rechenschaft ziehen. Also Hitler genauso mit göttlicher Zulassung, wie sowieso alles auf der Welt mgZ passiert – warum will einen das nicht so recht trösten? Was sagt Lutzer also? Ihr wisst ja gar nicht, wozu es gut war: Verfolgung trennt immer die Schafe von den Böcken, sie treibt die Menschen entweder Gott in die Arme oder überlässt sie ihrem just fate, ihrem gerechten Schicksal. "God was doing more in Nazi Germany than we will ever realize." (55) Na prima.

In der weiteren Schilderung von Hitlers Karriere trifft man dann auch wieder die alten Bekannten Rauschning und Ravenscroft (um die man einen weiten Bogen machen sollte, aus dem simplen Grund, dass sie Fiction geschrieben haben, weil sie Knete brauchten). Lutzer will und muss für sein Bild den Okkultisten Hitler, den satanisch Besessenen stark machen, Hitler als Verkünder einer alternativen Religion. Auf so etwas sei Deutschland vorbereitet gewesen, es habe eine nationale Besessenheit von Okkultismus geherrscht, nirgends habe es so viele Wunderheiler gegeben, nirgends habe man so viel Horoskope gelesen (behauptete Felix Kersten, Himmlers Masseur). Das darf historisch und mit Blick auf andere europäische Nationen getrost bezweifelt werden, aber Lutzer dient es natürlich auch als Gegenwartsbezug: Deutschland soll auf Hitler vorbereitet gewesen sein, so wie New Age heute die Welt für den Antichristen vorbereitet (67). – Die These vom Nationalsozialismus als politischer Religion hat eine gewisse Plausibilität und einen gewissen begrenzten Erkenntniswert, aber man muss dann immer dazusagen: Diese Religion konnte nur aus den Ruinen der alten gedeihen – denen des Christentums und ganz besonders denen des Protestantismus.

Die Kirche bekommt freilich auch ein bisschen Fett ab – wg. mangelnder Wachsamkeit, Vertrauen auf Menschen statt auf Gott, usw.; was in ihr genauer an Motiven vorhanden war – sagen wir auch nur: ihre institutionelle Selbsterhaltung, und nicht zuletzt die Furcht vor dem Bolschewismus – das kommt nur später ganz nebenbei zur Sprache (104). Zeit für einen Griff ins Regal:

Kaum je sind deutsche Universitätslehrer in unsrer Lage gewesen. Unsre Schüler haben, mit Recht, das Bewußtsein, daß allein die Kämpferschar, der sie zugehören, uns, die Lehrer mit unsrer geistigen Arbeit und unsrer Schaffensmöglichkeit, vor der Bedrohung durch den Bolschewismus geschützt hat und schützt; mit dem ganzen deutschen Volkstum hat auch der deutsche Geist heute allein Existenz und Wirkungsmöglichkeit in dem vom Führer und seiner SA getragnen und gehaltnen neuen Gemeinwillen. [Emanuel Hirsch: Die gegenwärtige geistige Lage, Göttingen 1934, 4.]

Danke, Herr Hitler, sie haben unseren Arsch gerettet ... und was Hirsch hier ausplaudert, das haben reichlich andere für sich gedacht. Die Kirche hätte von Anfang an warnen und kämpfen sollen? Ja wie denn, und warum denn? Es gehört zu Lutzers fundamentalen Selbsttäuschungen, dass er behauptet, es gäbe ein solides, feststehendes biblisches Christentum an sich. Es gibt aber innerhalb weiter Grenzen (die Kirchengeschichte belehrt uns, wie weit sie sind) nur ein Christentum im Rahmen einer jeweils zeitgenössischen Theologie und der sie sowohl begleitenden wie fundierenden sozialen Praktiken. Und von ihnen her betrachtet musste eine Front gegen den Nationalsozialismus deutlich als weniger dringlich erscheinen.

Lutzers Erörterung des Antisemitismus folgt zunächst den gewohnten Stichworten: christlicher Antisemitismus allgemein, Luther, Wagner, Chamberlain, Hitler. Die Juden sind das auserwählte Volk, und gerade darum mussten sie leiden, und in Erfüllung der Apokalypse des Johannes kommt noch mehr Schreckliches auf sie zu. Bis dann. – Auch hier wieder die Anwendung auf Lutzers Gegenwart: Die Nazis behandelten die Juden als Schädlinge, als Unpersonen; wir hatten ja mal Sklaven, die keine Personen sein sollten, und heute haben wir den Holocaust an den ungeborenen Kindern. Und was tun wir schon dagegen (100).

Die Kirche war deceived, betrogen. Und warum: (a) Weil sie eine lange Tradition mit dem deutschen Nationalismus verband (zweifellos für sich zutreffend), (b) weil sie sich auf liberalism und historische Bibelkritik eingelassen hatte (106-108) – wirklich? Hier wird Bultmann mit den Tendenzen mancher Deutscher Christen zusammengerührt. Aber was ist mit der Zwei-Reiche-Lehre? Offenbar nicht viel, denn Lutzer ist sich ganz sicher, dass sich die Kirche als gesellschaftlich gestaltenden Kraft in allen Lebensbereichen geltend machen muss, und wenn sich der Staat in den Weg stellt, dann eben auch gegen den Staat. Lutzer wird nie das Wort Theokratie in den Mund nehmen, aber unter einer christlichen ideologischen Hegemonie, wie er sie sich wünscht (vgl. dazu das Schlusskapitel) wird wohl dem Staat nur noch alles delegiert, was mehr als Bibelkenntnis zu seiner Planung und Durchführung erfordert.

Die Perspektive auf das Verhältnis von Kirche und Staat bestimmt auch seine aus Umfangsgründen etwas oberflächliche und einseitige Nacherzählung des Kirchenkampfs, und tatsächlich war dies ja eine Hauptkampflinie, hinter der alle inhaltlichen Fragen, vielleicht nur den Arierparagraphen ausgenommen, zurücktreten mussten. Auch hier stellt Deutschland wieder ein Modell für das Verhalten von Christen in aktuellen Konflikten in den USA dar. Was verlangt Gott von uns? Ihm allein die Ehre zu geben, auf ihn zu vertrauen (und nicht auf Menschen und Menschenverstand), Nachfolge, bis zum Martyrium, wenn es sich denn so fügt. Während man jedoch bei dem hier breit herausgestellten Dietrich Bonhoeffer ein deutliches Maximierungsprinzip findet (in der Nachfolge kann man nie genug tun), kleidet Lutzer das in den scheinbar schlichten Satz We just need to be all that God wants us to be every single day (171).

Wo soll man denn damit anfangen? fragt sich das nach den Regeln und Maßstäben der real existierenden Welt aufgewachsene Individuum. Man kann ein paar Kleinigkeiten in sein Verhaltensrepertoire aufnehmen – Streit vermeiden, Kränkungen verzeihen, gelegentlich Almosen geben, und ein paar mehr oder weniger selbstverständliche Dinge unterlassen – doch ansonsten verbleibt man in der Rat- und Hilflosigkeit jeglicher individueller Moral. Nur eine Gemeinde kann eine solchermaßen stabile Weltsicht erzeugen, dass sich allgemeine Handlungsperspektiven, d.h. eben auch solche eines Einwirkens auf Staat und Gesellschaft ergeben. Damit tritt dann freilich die Gemeinde in eine Zwischenposition zwischen Individuum und Welt, in der es einerseits schuldig wird an der Gemeinde (habe ich mich denn ganz eingesetzt?), und andererseits an seinem Gewissen (worauf habe ich mich da eingelassen? kann ich das wirklich mitragen?).

An solche Komplexitäten denkt Lutzer nicht; bedenkenlos vereinnahmt er auch spontane, "vormoralische" Entscheidungen – unseren Freund, den Juden Sowieso, den kriegen sie nicht, den verstecken wir – die waren ja mutig und ehrenwert, sie haben wirklich Menschen das Leben gerettet, nur mit Moral haben sie –wie Solidarität und Solidarisierungen überhaupt – wenig bis gar nichts zu tun. Solidarität kommt irgendwie aus dem Bauch, sie wird nicht aus Prinzipien geübt und auch nicht um Christi willen, so leicht sich das dem im Nachhinein auch unterschieben lässt. Sie ist auch zweifellos allerlei Zufälligkeiten anheimgegeben – nein, Moral oder Ethik lässt sich damit nicht machen; aber manchmal rettet die Entscheidung, Gefahr und Schicksal teilen zu wollen, wirklich.

Aber denken wir Lutzers Forderung etwas weiter nach. Die Gemeinde macht also ihren Glauben und die damit verbundenen moralisch-ethischen Prinzipien gegenüber dem Staat geltend, ebenso wie gegenüber dem Rest der Gesellschaft (unter Christen auch einfach als die Welt bezeichnet, wie in "in der Welt habt ihr Angst"). Nun kann der Staat (da es nicht nur eine Gemeinde gibt, sondern viele verschiedene) nicht anders als säkular sein (und in den USA hat das aus verschiedenen Gründen eine Schärfe, wie wir sie hierzulande hoffentlich nicht werden erfahren müssen). Damit ist ein Dauerkonflikt vorprogrammiert, wobei die Heftigkeit der Austragung von Fall zu Fall wechseln wird. In einer modernen Gesellschaft trägt dieser kulturelle Konflikt sogar in gewissem Maße zur Stabilität bei, bindet Energien, die sonst sich politisch artikulieren könnten.

Das Resultat allerdings ist eine fortschreitende Neutralisierung der Differenzen (ineins und als typische Verlaufsform ihre Vervielfältigung bis hin zur Individualisierung) – damit verliert aber das Christentum seine Einzigartigkeit; das ist ja, sagt Lutzer, nichts anderes als Hitlers positives Christentum! (201) Nein, Christen müssen die kulturelle Führerschaft gewinnen (204) – durch offenes Auftreten, durch Klärungen in den eigenen Reihen, durch Festigung ihres Glaubens – durch Rückzug in eine Paralleluniversum des guten Beispiels und die Konzentration auf das Wesentliche – "Let us never forget that the world's greatest need is always to see Jesus ..." (202) die culture wars gewinnen. Nun, was das heißt, kann man aus zehn Jahren und einigen tausend Kilometer Abstand gut nachvollziehen.

Immerhin: Als deutscher Leser wird man dankbar feststellen, dass wir in diesem populär gehaltenen und wohl auch recht verbreiteten Buch nicht einfach als blutrünstige Krauts dargestellt werden, sondern als Menschen wie andere auch. Immerhin etwas.


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