Burkhard Müller-Ullrich: Medienmärchen: Gesinnungstäter im Journalismus

München: Blessing, 1996

Ein unterhaltsames, wenn auch oberflächliches Buch, an dem im Detail allerlei zu nörgeln wäre; die letzten Kapitel schließlich, die sich um eine theoretische Durchdringung des Themas bemühen, wirken irgendwie angeklatscht und auch nicht so recht nachvollziehbar. Vorher jedoch lässt Müller-Ullrich allerlei große Themen der 80er und 90er Jahre Revue passieren – das Waldsterben, diverse zweifelhafte Solidaritätsaktionen, die Kampagne von Greenpeace gegen Shell betreffend die Entsorgung der Ölförderungsanlage "Brent Spar", schließlich die Kampagnen zugunsten einzelner Kriegsparteien im ehemaligen Jugoslawien – und so auf einem Haufen zusammengenommen beeindruckt das schon.
Nimmt man sich – sagen wir mal: eine mittlere Zugfahrt lang – Zeit für das Buch, dann erkennt man, dass es eben nicht nur Hysterie oder die Bereitschaft dazu gibt (Showalter), sondern auch ein Gewerbe, das diese Disposition systematisch ausnutzt – eine ganze Propagandalandschaft voller oft recht raffinierter Akteure.
Was also hat man zu erwarten, wenn man die Zeitung aufschlägt oder den Fernseher einschaltet? Desinformation. Müller-Ullrich macht dafür Dummheit, Sensationsgier (und das wirtschaftliche Interesse an Auflagen- bzw. Zuschauerzahlen) sowie politisch-pädagogische Absicht verantwortlich, und er versteht das offensichtlich als eine Steigerung hinsichtlich der Gefährlichkeit und sozialen Schädlichkeit.
Es gibt bei aktuellen Ereignissen kein "wie es wirklich gewesen ist". Stattdessen gibt es einen Strom von Erzählungen, der alles Mögliche an Treibgut mit sich führt. Manchmal klärt sich so etwas – im Nachhinein, wenn es nicht mehr handlungsrelevant ist und eigentlich keinen mehr zu interessieren braucht.
Wenn sich so etwas dann als Fälschung herausstellt, ist der Verbrauch an Vertrauen und sozialem Kapital immens und geht weit über den einzelnen Fall oder "Skandal" hinaus. Das Publikum wird nach und nach abgebrüht, alles ist egal, machen kann man eh nichts - nicht nur ein vielleicht mancherorts willkommenes Handicap politischer und sozialer Bewegungen, sondern auch ein Stück Zerrüttung, die ganz allgemein zur Unbeweglichkeit und Ineffizienz einer Gesellschaft beiträgt. Einem rationalen Handeln scheint mit dem verallgemeinbaren Zweifel an einer gemeinschaftlich geteilten Wirklichkeit der Boden unter den Füßen weggezogen. Zum Untergang von Reichen und Zivilisationen trägt so etwas mindestens so viel bei wie äußere Not und Knappheit.
Wie geht man damit um? Eine Beschränkung auf die eigene Betroffenheit und das eigene Sachwissen hilft natürlich: Muss man denn jetzt reagieren? Oder sich auch nur einen Kopf machen? Man hat ja viel über das Problem der Grenzenlosigkeit moralischer Forderungen gesprochen; im Hinblick auf ubiquitäre Desinformation und Propaganda schrumpt das unvermeidlich auf den Rahmen, in dem noch noch zuverlässige Erfahrung möglich ist. Wo man noch anrufen kann und nachfragen, quasi. – Auch Plausibilitätserwägungen unter Einbeziehung der vier Grundrechenarten können sehr nützlich und beruhigend sein; dito ein gutes Gedächtnis nach dem Motto "wer einmal lügt ..." - Manchmal allerdings sprechen auch Gerüchte, "urban legends", in aller ihrer Haltlosigkeit etwas Richtiges aus, das man anders nicht beim Namen nennen will oder kann; das sieht Müller-Ulrich nicht.
Ansonsten aber stehen nur Standardheuristiken zur Verfügung; man kennt sie sonst unter hässlicheren Namen wie "Ressentiment" oder "Vorurteil". Entgegen manchen Auffassungen sind Vorurteile ja durchaus auf Erfahrungen gestützt, nicht einfach aus der Luft gegriffen; dies verbürgt allerdings mitnichten ihre Angemessenheit im jeweils aktuellen Fall. Aber wenn man die richtigen Vorurteile hat, ist man fein raus und kann sich auch ein paar Patzer leisten ... und wie beurteilt man, ob es die richtigen sind?
Nun, Vorurteile sind sozusagen Entscheidungen auf Vorrat: Jedes Vorurteil steht im Zusammenhang einer bewussten oder öfters wohl auch gar nicht voll bewussten Vorstellung davon, wie die Welt und wie das Leben der Menschen beschaffen sein sollte. Man kann sich diese Zusammenhänge bewusst machen und sich fragen, inwieweit diese Konzepte auf ein gutes Leben hinweisen. In der Fülle seiner Bereiche und seiner Widersprüche; was darin überwiegt, und ob diese Konzepte auch für die fast exotisch anmutenden Glücksmomente des Lebens Raum lassen. Sonnenuntergänge, Vollmondnächte, Schneeballschlachten, Hautkontakt ...


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