Colin Goldner, Hrsg.: Der Wille zum Schicksal.

Die Heilslehre des Bert Hellinger. Wien: Ueberreuter, 2003

Es gab einmal eine Generation in Deutschland – unter Pluto im Löwen geboren, 1968 zwischen 29 und 14 Jahren alt und inzwischen als "durchgeknallte Generation" (Bettina Röhl) ziemlich treffend bezeichnet – deren Spitzenvertreter wollten die Welt nach ihren Vorstellungen ganz neu organisieren. Die kam ihnen historisch und demographisch auch anfangs entgegen, eine Zeit vielfältiger Diskussionen, riskanter Experimente und neuer sozialer Bewegungen begann. Später trübte sich dann der Zeitgeist ein (so Habermas' Diagnose von 1977), es galt, sich in Realitäten zu schicken und sich Positionen zu sichern. Und zwischenein gab es viel zu überstehen – von bewältigen kann keine Rede sein, man hatte ja seine Ideale an irgendeinem überhimmlischen Ort wohl verwahrt und die gedankliche Kreativität hatte sich im "nutzlosen Erwachsenwerden" (der subkulturelle Bestseller der 80er Jahre) ebenfalls erschöpft. Nun sitzen sie denn heute an allerlei herausgehobenen Posten und Pöstchen unserer Gesellschaft, und wenn sich die auch kaum für fünf Cent verändern und menschlicher gestalten lässt, so tröstet doch immer die Vorstellung, über kulturelle Definitionsmacht zu verfügen. Man kann klagen (nicht zuletzt über die unintendierten Folgen des eigenen Handelns) und tut es auch fortwährend.

Es ist klar, dass die Lehren und Praktiken des Familientherapeuten Bert Helliger mit ihrer Anerkennung von Schicksal und Ordnungen und mit ihrem Ziel eines versöhnlichen Umgangs mit der persönlichen Vergangenheit und ihren Bindungen für diese Leute wie ein Schlag ins Gesicht wirken musste – ebenso wie es nicht Wunder nehmen kann, dass sich Hellingers therapeutische Konzepte in den letzten zehn Jahren wie ein Lauffeuer ausgebreitet haben. Da kehrte etwas Verdrängtes zurück, oder vielleicht sollte man eher von "mutwillig Ausgeschlossenem" reden – jedenfalls etwas, das fehlte.

Colin Goldner ist seit vielen Jahren für seine vehemente Kritik an alternativen Therapieformen bekannt; nun hat er um einen eigenen Beitrag unter dem bezeichnenden Titel "Esoterischer Firlefanz" (mit 66 Seiten bei Weitem der längste, die anderen begnügen sich mit ca. 10-15 Seiten) allerlei kritische Stimmen herum gruppiert, von denen etliche (in anderer Fassung?) bereits zuvor veröffentlicht worden sind. Ein Hinweis darauf ist in dem schlampig edierten Band ebenso wenig zu finden wie manche Zitatquelle im Literaturverzeichnis.
Ein Konzil der Nachverdränger: Da finden sich dann die bekannten Namen der Sektenbekämpfung wieder – Hugo Stamm, der "Experte" vom Züricher Tagesanzeiger, El Awadalla aus Österreich, Michael Utsch, der führende Psychologe der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) und Rechtsanwalt Ingo Heinemann von der sogenannten "Aktion für geistige und psychische Freiheit" (AGPF). Unter den übrigen Beiträgern finden sich dann auch zwei Psychoanalytiker – trotz dürftiger Wirksamkeit (die einschlägigen Untersuchungen sind sogar hinten gelistet) und autoritärer Verfahrensweisen wird man natürlich von solchen Leuten auch deshalb nie ein böses Wort zur Psychoanalyse hören, weil deren Theoreme eng mit den Lieblingsphilosophien und philosophischen Gurus jener Generation verbunden sind.
Neben einigen journalistischen Beiträgen und Anwendung der Faschismuskeule (Fritz Glunk: "Hellinger als Protofaschist") lässt auch die Frauenbewegung grüßen – Hellinger gehört zum Backlash, wer hätte es anders erwartet. Eine niveauvolle Abgrenzung von traditionellen familientherapeutischen Verfahren bieten Fritz Simon und Arnold Retzer (auch in Psychologie Heute 1998 nachlesbar); Heiner Keupps knappe soziologische Überlegungen zu den von Hellinger angesprochenen Bedürfnissen sind interessant und konkretisieren meine hier gebotene Skizze – wenn ich mir auch eine vollkommen gegensätzliche Bewertung erlaube. Es fehlt den fortschrittsfreudigen rationalistischen Modernisierern ja nicht an Intelligenz, sondern an Selbstkritik und an Bußfertigkeit – die sollen immer bloß die anderen aufbringen.

Gerade wenn man Hellingers Konzepte als wertvolle Hinwendung zu einer Erfolg versprechenden Seelsorge und Psychotherapie wertet, bleiben genug Fragen der unterschiedlichsten Art übrig, und eine nüchterne Diskussion wäre einem herzlich erwünscht. Doch im vorliegenden Sammelband haben sich Personen und Interessengruppen ein Album geschaffen, denen (in unterschiedlicher Schärfe und Sachlichkeit und aus unterschiedlich zu bewertenden Gründen) einfach die ganze Richtung nicht passt, und die sich auch nicht darum bekümmern, mit was sie sich tatsächlich und stattdessen einverstanden erklären.
Manchmal könnten einem solche Leute beinahe Leid tun – die Wirklichkeiten der verschiedensten Gebiete nehmen sie inzwischen schon recht kräftig ran. Ihr kollektives Scheitern vor Augen, zappeln und schreien sie allerdings nur umso heftiger; statt "Emanzipation" haben sie nur noch Abwehr und Disziplinierung im Sinn. Bevor sich diese Generation zu ihren Vätern versammelt, könnten sie uns noch allerlei einbrocken, da gilt es wachsam zu sein. Und nicht nur das: Es gilt auch, die eigenen Lebenskonzepte und Glücksansprüche ernst zu nehmen und zu verwirklichen – ob das der altgewordenen Avantgarde von Vorgestern passt oder nicht.


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