Rastatt: Pabel-Moewig, 1999
Aus einer ganzen Reihe von Gründen habe ich und haben viele Leute, die ich als ernsthafte Esoteriker bezeichnen würde, Lehren, die mit Außerirdischen und ihrem Wirken zu tun hatten, immer mit verschärfter Skepsis, ja oft ungemischter Verachtung angesehen. Warum eigentlich?
Zum einen natürlich deshalb, weil es sich ganz offensichtlich um die Übertragung mythischer und religiöser Konzepte in materielle Vorstellungen handelt, Übertragungen, bei denen allerlei verloren gegangen ist. Es ist im Prinzip der gleiche Widerwille, den man empfindet, wenn Ernst Haeckel die Seele als Gas sucht und nicht findet, oder wenn irgendwo, nach Adornos Bonmot, der Astralleib gewogen werden soll. Aber sind nicht Götter, Engel, Dämonen und was da sonst noch die diversen heiligen Schriften bevölkert, alles per Definition Außerirdische? Bei aller ihrer Übermeschlichkeit und Macht stehen sie aber immer in einem notwendigen Zusammenhang mit unserer Welt, einem Zusammenhang, der zufälligen Besuchern aus dem Weltraum (oder anderen Dimensionen, Frequenzbereichen usw.) völlig abgeht.
Auch der vielfach unübersehbare Aspekt der Angstbewältigung stößt ab. Man mag es mit der Angst als menschlicher Grundbefindlichkeit halten, wie man will (so selbstverständlich ist sie gar nicht) aber derartige Lehren können nicht auf eine Art von Entschlossenheit führen, die erst ein sinnerfülltes Leben ermöglicht. Es rettet uns einfach kein höheres Wesen, oder bürgerlich: Hilf Dir selbst, so hilft Dir Gott; kein Weg führt an dem vorbei, was wir selber tun müssen.
Die Überzeugung allerdings, als Mensch eben nichts Entscheidenden selber tun zu können, sitzt tief und kann mit zahlreichen Plausibilisierungen aufwarten. Wenn man dies in den falschen Hals bekommt, reduziert man freilich die Menschen zu Statisten in einem kosmischen Drama, das prinzipiell auch ganz gut ohne uns auskommen könnte. Und wir ohne es. Auch hier haben die Auseinandersetzungen um die christliche Dogmatik philosophische Standards hinterlassen, die man nicht ungestraft unterschreiten darf.
Peinlich wird es erst recht, wo die Außerirdischen als Agenten einer moralischen Weltordnung auftreten da hätten sie allerdings seit Beginn unserer geschichtlichen Erinnerung alle Jahre wieder kommen können oder müssen, denn richtig nett zueinander waren Menschen doch immer nur im eher kleinen Kreis.
Verschwörungstheoretische Ansätze blühen hier unvermeidlich so wie auf kaum einem anderen Gebiet. Man muss, wie zum Stichwort ausgeführt habe, mit Verschwörungstheorien sorgfältig umgehen, einerseits der geistigen Gesundheit wegen, aber andererseits und vor allem um der wirklichen Verschwörungen willen. Die Herren dieser Welt haben schon öfters mal Interessen, die von denen ihrer Untergebenen rabiat abweichen, und stellenweise kann man da schon eingreifen und sollte es wohl auch tun, alles allgemeinen Zukunftspessimismus unbeschadet ein bisschen Aufschub ist immer drin.
"Sie [SIE!] sind nicht unser Fleisch" - eine solche Aussage mobilisiert zwar sehr alte Gefühle, hat jedoch schlimmstenfalls immer nur für blutige Pseudo-Lösungen gesorgt. Manche Varianten bieten geradezu eine isomere Abbildung auch spezifisch antisemitischer Klischees, wie sie sich noch nie als sonderlich hilfreich erwiesen haben. Die Mechanismen kapitalistischen Wirtschaftens scheren sich nicht um ethnische Zugehörigkeiten, auch wenn es in der konkreten politischen Umsetzung unbestreitbar zeitweilige Anomalien dieser Art gegeben hat und gibt. Doch so sehr man z.B. Gruppen der organisierten Kriminalität als einen Modus ethnischer Selbstbehauptung gerade in Einwanderungsländern begreifen sollte, so sehr sollte man sich auch klar machen, dass sie nur durch Verbote, Diskriminierung und allerlei sonstige wettbewerbsverzerrende Maßnahmen groß und mächtig werden konnten. Wer Drogen verbietet, schafft einen illegalen Drogenhandel, und wer die Verbote mit Zähnen und Klauen verteidigt, wie es namentlich die Regierungen der USA tun, der will, dass er bestehen bleibt - weil er längst ein paar interessante Funktionen und geschäftliche Dimensionen hinzugewonnen hat.
Schließlich fragt man sich ja auch nach der Datenbasis aller dieser Erzählungen. Selbst die nüchtern betriebene Ufologie ist eben eine noch-nicht-Wissenschaft, eine Kunde, eine Sammlung von Daten, zu denen verzweifelt eine organisierende Theorie gesucht wird. Die Präastronautik habe aber recht ansehnliche Befunde, sagt man mir nun, wozu dienen sie uns? Mag ja sein, dass das Schnabeltier ein so absonderliches Wesen ist, dass man es sich am leichtesten als Resultat genetischer Experimente erklären kann aber ist damit, wie einem gelegentlich verkündet wird, "Darwin passé"? Die Evolutionslehre, die man ebenso sehr deshalb hasst, weil sie einen zum Denken jenseits formallogischer Schlüsse zwingt und weil sie mit der Vorstellung einer Schöpfertat auch die Macht von uns kleinen Subjekten beiseite setzt, um die sich eben nicht alles dreht? Nein, warum denn.
Nicht zu vergessen, dass einige dieser Gruppen zumindest auch recht grob-materielle Vorstellungen davon hatten, wie sie in den Himmel kommen könnten, und neben dem Leibhaftigen ist so etwas natürlich das beste Futter für die Medien und ein ständiges Argument für disziplinierende Eingriffe.
Fischinger und Horn kommen aus der nüchternen UFO-Forschung und haben daher gute Gründe, sich von Auswüchsen auf ihrem Gebiet abzusetzen; dies wird in den Nachworten der Autoren und den zusätzlich aufgenommenen Stellungnahmen Gleichgesinnter auch ausführlich dargelegt. Sie erzählen etwas unsystematisch und materialverliebt von den verschiedensten Gruppen, die sich auf unmittelbare oder mediale Kontakte zu Außerirdischen berufen, und so unabsehbar und produktiv dieses Feld ist, so hat man doch den Eindruck, dass die wichtigsten Varianten wenigstens gestreift worden sind. Wo dies sich anbietet, lassen sie auch gern die jeweiligen Gruppen in längeren Zitaten selbst zu Wort kommen.
Im Einzelnen erfährt man Näheres über George Adamski und seine unmittelbaren Nachfolger, über George King und seine "Aetherean Society" [über sie gibt es auch einen interessanten religionswissenschaftlichen Aufsatz hier ], über die Rael-Bewegung, über Omnec Onec, die Frau von der Venus, über den Schweizer Billy Meier mit seinen plejadischen Kontakten, über Ashtar Sheran und sein Kommando zur Evakuierung der Erde, sowie über Uriella und "Fiat Lux", bekannt durch ihre Katastrophenprophezeihungen. Kürzer werden die bekannten Katastrophen abgehandelt Heaven's Gate und die Sonnentempler mit ihren Selbstmorden, auch die "Weltuniversität" der Frau Fittkau-Garthe auf Teneriffa, von der man nicht sagen kann, was aus ihr noch geworden wäre doch auch wenn sie nur ein Opfer der Medienhysterie geworden sein sollte, wird man diese Gruppe nicht so richtig vermissen. Viele andere Gruppen und Einzelpersonen werden knapper erwähnt, ein Index hilft sie aufzufinden. Interessant auch der kurze eigene Abschnitt über fundamentalistisches Christentum was fliegt durch die Luft und ist kein Vogel? müssen wohl Dämonen sein, das hat da Tradition.
Im Anhang findet sich auch eine problematisierende Bestimmung des Begriffs Sekte; nun ja, wenn man sich darüber klar ist, was man damit meint, ist es durchaus ein tauglicher Begriff, den durch das neutrale "Gruppe" zu ersetzen nur müßige Kosmetik darstellen würde. Überhaupt richtet man sein Augenmerk auf diesem Gebiet ja viel zu leicht auf die jeweiligen "Lehren" und Glaubensinhalte und tendiert dazu, die folgenreichen sozialen Formen zu ignorieren oder unterzubewerten, in denen sich diese Lehren realisieren; da gibt es an religiösen Gruppen, politischen Parteien und Bewegungen oder selbst an stinknormalen Firmen mehr Gemeinsames zu beobachten, als man angesichts der unterschiedlichen Etiketten vermuten sollte.
Insgesamt ein nützliches (und stellenweise ausgesprochen vergnügliches) Buch, das, soweit ich es beurteilen kann, sorgfältig recherchiert ist und an dem es nur an sehr wenigen Stellen gelegentliche Unklarheiten zu reklamieren gäbe. So kann man sich dergleichen gefallen lassen, sehr gut sogar.
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