Kultische Selbstauslöschung auf den Parteitagen der NSDAP. Berlin: Akademie-Verlag, 1997
In ihrer außerordentlich materialreichen, ganz in der Perspektive von Paul Tillichs Sozialistischer Entscheidung und der Berliner religionswissenschaftlichen Schule um Klaus Heinrich geschriebenen Studie analysiert Karow die Reichsparteitage als Opferzeremonien, in denen die Hingabe der Einzelnen an eine ursprungsmächtige "Volksgemeinschaft der Lebenden und der Toten" vollzogen und gefeiert wurde. Die Subjekte geben ihre (als nicht sonderlich wertvoll, aber leidbehaftet empfundene) Eigenständigkeit zugunsten der Zugehörigkeit zum Kollektiv auf, für das sie entsprechend auch zu jedem realen Opfer bereit sind.
Das ist breit und sorgfältig durchgeführt, und man kann aus diesen Analysen zweifellos viel lernen, auch über ihren unmittelbaren Anwendungsbereich hinaus. Ich bin etwas weniger glücklich über die Abschnitte, die der Frage nachgehen, was die Reichsparteitage und die sonstigen als NS-kultisch zu bezeichnenden Veranstaltungen für das Alltagsleben und Bewusstsein der Bürger bedeutet haben, aber natürlich taucht man dabei sofort in Grauzonen mit vielfältigen Widersprüchen ein.
Der Frage nach Herkunft und Tradition der psychischen Dispositionen, die derartiges plausibel und massenwirksam werden ließen, wird in dieser Studie nicht weiter nachgegangen - unübersehbar allerdings, dass hier viel an christliche Traditionen und Vorstellungskomplexe anknüpfen konnte und daraus Plausibilität gewann. Es gab nicht nur "Entwendungen aus der Kommune" (Ernst Bloch), die Klassenbewußtsein suggerierten und ersetzen sollten, man hat sich auch in der Sakristei bedient - und das fiel gerade bei den grundlegenden Begriffen und Vorstellungskomplexen gar nicht schwer.
In ihrem dokumentarischen Anhang, der den Verlauf des Reichsparteitags "Großdeutschland" (1938) wiedergibt, findet sich ein thematisch hier sehr interessanter Ausschnitt aus einer Rede Hitlers (221-222, 6.9.1938):
Der Nationalsozialismus ist eine kühle Wirklichkeitslehre schärfster wissenschaftlicher Erkenntnisse und ihrer gedanklichen Ausprägung. Indem wir für diese Lehre das Herz unseres Volkes erschlossen haben und erschließen, wünschen wir nicht, es mit einem Mystizismus zu erfüllen, der außerhalb des Zweckes und Zieles unserer Lehre liegt.
Vor allem ist der Nationalsozialismus in seiner Organisation wohl eine Volksbewegung, aber unter keinen Umständen eine Kultbewegung. [... Der] Nationalsozialismus ist eben keine kultische Bewegung sondern eine aus ausschließlich rassischen Erkenntnissen erwachsene völkisch-politische Lehre. In ihrem Sinne liegt kein mystischer Kult, sondern die Pflege und Führung des blutbestimmten Volkes. Wir haben daher auch keine Kulträume, sondern ausschließlich Volkshallen, auch keine Kultplätze, sondern Versammlungs- und Aufmarschplätze. Wir haben keine Kulthaine, sondern Sportarenen und Spielwiesen. Und das Charakteristikum unserer Versammlungsräume ist nicht das mystische Dunkel einer Kultstätte, sondern die Helligkeit und das Licht eines ebenso schönen wie zweckmäßigen Saal- und Hallenbaues. Es finden daher in ihnen auch keine kultischen Handlungen statt, sondern ausschließlich Volkskundgebungen in der Art, in der wir im Laufe langer Kämpfe dies erlernten und damit es gewohnt sind und es so bewahren wollen. Das Einschleichen mystisch veranlagter okkulter Jenseitsforscher darf daher in der Bewegung nicht geduldet werden. [...] An der Spitze unseres Programms steht nicht das geheimnisvolle ahnen, sondern das klare Erkennen und damit das offene Bekenntnis.
Warum muss Hitler abstreiten, dass der Nationalsozialismus eine kultische Bewegung ist, fragt man sich zunächst? Weil es gleichzeitig stimmt und nicht stimmt, und weil es anders einfach nicht mehr in die Zeit gepasst hätte. Und er lügt auch nicht einfach bloß (dass man tatsächlich beim Parteitagsgelände einen Eichenhain pflanzen wollte, hat man nur als Teil der thetralischen Inszenierung zu werten), sondern nur in derartig modernisierter Form war diese Ideologie als Teil eines Nationalkultus (vgl. "offenes Bekenntnis" ... aus dem "Herzen des Volks") zu retten. Für "mystisch veranlagte okkulte Jenseitsforscher" war tatsächlich kein Platz; quasi zurückgeblieben, übersahen sie das Nächstliegendste. Und "Links" hatte allerdings noch allerhand zu lernen; es scheint, es sei inzwischen Zeit genug dafür gewesen.
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