Stern mal wieder... [Okt. 2002]

Re: Titelgeschichte "Die neuen Psycho-Sekten"

"Nun treiben sie also wieder diese Sau durchs Dorf" - damit könnte man Ihren sensationalistischen und substanzarmen Artikel beiseite legen, wenn er nicht Zeugnis ablegte von den fortdauernden Bemühungen einiger gesellschaftlicher Gruppen, neue religiöse Bewegungen und psychologische Verfahren nach Kräften zu behindern und niederzuhalten. Offenbar schien es diesen Gruppen - nur der vorinformierte Leser sieht, dass sich bei Ihren Gewährsleuten evangelische Kirche und von ihr beeinflusste Teile der SPD einträchtig zusammenfinden - zu Beginn einer neuen Legislaturperiode angebracht, wieder einmal Flagge zu zeigen und erneut allerlei Befürchtungen in der Bevölkerung zu wecken. Da kommt der "Stern" gerade recht, um solchen Leuten die Stange zu halten.

Es ist widerwärtig zu sehen, wie Sie versuchen, anhand von fünf fragwürdigen Einzelfällen alles anzuschwärzen, was sich unter den extrem vielfältigen Angeboten, die sich "esoterisch" nennen, so findet. Allerdings gibt es dabei auch einige Details, die zum Schmunzeln anregen - angefangen beim Lead-in-Text "Scientology war gestern": Ach nein, die gibt es immer noch, und wenn nicht wieder jemand einen Skandal aufmacht, dann leben sie weiter friedlich vor sich hin wie wir anderen auch.

Die selbsternannten "renommierten" Sektenexperten gehen immer mit dem Argument des Verbraucherschutzes hausieren und klagen über mangelnde Transparenz der Angebote (S. 62, Interview Abel, auch S. 68 Spalte 2). Dazu muss man einerseits reklamieren, dass es sich - im Gegensatz offenbar zur Auffassung der SPD-Abgeordneten und Berliner Synodalen Rennebach - bei Glaube und Weltanschauung nicht um Milch handelt, auch nicht um Käse. Da müssen - in Übereinstimmung mit den grundgesetzlichen Freiheitsrechten - andere Maßstäbe angelegt werden. Andererseits wundert man sich z.B., wie viel Transparenz man etwa angesichts der Veröffentlichungen von "alles ist möglich" Harry Palmer noch brauchen soll. Nicht alles ist geheim, lesen bildet, aber Leichtgläubigkeit ist nicht heilbar, auch juristisch nicht. Tatsächlich gingen die bisherigen Bestrebungen zu einem Lebensberatungsgesetz gar nicht so sehr auf Transparenz aus, sondern darauf, den bisherigen Anbietern von Lebenshilfe ihre sowieso schon in vielerlei Weise privilegierte Stellung zu festigen - ein Unterfangen, das im Hinblick auf die vielfältigen Hilfeansuchen und die Überforderung der bestehenden psychosozialen Hilfseinrichtungen als eine perverse Zumutung erscheinen muss.

Der zitierte Bericht der Enquete-Kommission "Sogenannte Sekten und Psychogruppen" des Deutschen Bundestages (er ist übrigens als Bundestagsdrucksache 13/10950 zumindest im Internet - bundestag.de - problemlos erhältlich) hatte vor allen Dingen eine versachlichende und ernüchternde Tendenz - vielleicht entgegen den Hoffnungen mancher Kommissionsmitglieder. Die Forderung nach einem Lebensberatungsgesetz steht dort übrigens nicht "ganz oben" - darüber steht, wie könnte es anders sein, die Forderung nach Geld für Beratung, Information und Forschung. Es gibt einen "Esomarkt" - und es gibt eben auch, parasitär dazu, ein Anti-"Esoterik"-Gewerbe. Wegen knapper Kassen war auch in diesem Punkt seitdem weniger drin als erhofft. Das kann ich leider gar nicht bedauerlich finden.

Für Ihr Stammbuch noch ein Zitat aus der "bösen" grünen Stellungnahme - "Soweit neue religiöse Bewegungen Gegenstand der Kommissionsarbeit waren, ist das Ergebnis, daß keine Informationen darüber vorliegen, die es rechtfertigen würden, neue religiöse Bewegungen allgemein als ein gesellschaftliches Problem oder gar eine Gefahr zu bezeichnen. Allerdings wurde auch deutlich, daß einige neue religiöse Bewegungen Anlaß zu zum Teil heftigen Konflikten geben. Wie bei allen Konflikten unterscheiden sich die Angaben der Beteiligten über Ursachen und Verlauf der Konflikte beträchtlich. Es ist deshalb notwendig, die Tatsachen sehr sorgfältig zu ermitteln, um nicht einseitig die Sichtweise einer der Konfliktparteien zu übernehmen."

Ich hoffe, dass Sie der im letzten Satz ausgesprochenen Empfehlung (die ja auch zur journalistischen Grundbildung gehört) zukünftig besser nachkommen werden.
Mit freundlichem Gruß,
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