Beispielbrief

Geschrieben von Habab am 08. August 2001 22:46:07:
Als Antwort auf: Esoterik, ernst zu nehmende Religion? geschrieben von Sahra am 08. August 2001 18:57:07:

Liebe Sarah,
Du stellst erstmal eine Frage über Deinen Beitrag, nämlich

[Ist] Esoterik ernst zu nehmende Religion?

Nun ja, da gibt es bloß eine Antwort drauf: Ja! - und die muss man dann noch ein bisschen erläutern, und dazu sagen: In dem, was so als "Esoterik" oder "esoterische Szene" bezeichnet wird, treffen sich minderheitliche Tendenzen mindestens

Sind doch alles dreis weltweit anerkannte Religionen - und wenn ein esoterischer Christ z.B. nicht so glaubt wie der Papst, dann ist er eben ein Abweichler von der allgemeinen Kirche, aber damit immer noch Christ und religiös.

Ich werde jetzt keine Definition von Religion improvisieren - gibt schon ein paar und sie haben ihre Tücken - aber wir wollen uns doch bitte nicht der Illusion hingeben, dass Religion oder die Religionen (wie wir sie auf der Erde nun mal haben) irgendwie lieb und nett und problemlos sozialverträglich wären. Sind sie nicht. Sie reden vom Heiligen, von dem Geheimnis, von dem man als Mensch unwiderstehlich angezogen wird, und dem man gleichzeitig mit Furcht und Zittern gegenübersteht. (Frei nach Rudolf Otto referiert). Sie reden von Leben und Tod, d.h. sie reden von Gewalt. (Wenn man Gewaltverherrlichung sucht, braucht man bloß die Psalmen zu lesen.) Und bei passender Gelegenheit üben die Gläubigen - in unterschiedlichem Maße, aber im Prinzip alle Anhänger von Religionen - auch Gewalt aus.

Deshalb haben wir - hier in Europa auch nach der katastrophalen Erfahrung der religiös geprägten Kriege und Bürgerkriege des 17. Jahrhunderts (handgreiflich: warum ist Norddeutschland so dünn besiedelt?) - einen säkularen Staat, und Religion ist verfassungsmäßig geschützte Privatsache. Also mach deine religiösen Angelegenheiten im kleinen Kreis aus und halt dich ansonsten an die allgemeinen Gesetze - "dass man Gott mehr gehorchen soll als den Menschen" kann nicht als Ausrede gelten, um diese Gesetze zu brechen. Ist gut so, soll so bleiben, und soll bitte vor allem auch für die Angehörigen von religiösen Minderheiten gelten. Für christliche Esoteriker genauso wie charismatische Christen - sollen sie doch kampfbeten, das ist auch eine friedliche Beschäftigung. Und ebenfalls für die Buddhisten, Muslimen, Neuheiden und Atheisten in Deutschland und was einem sonst noch so einfallen kann. Man muss sich ja nicht lieben, um korrekt miteinander umzugehen (auch eine Definition von Rechtsstaat). Man kann sich ja auch streiten - ist ja mitunter auch ein Weg zu besserer Einsicht.

Nun haben wir hier in Deutschland zwei große christliche Kirchen mit historisch gewachsener besonderer Stellung; die mögen natürlich keine Konkurrenz und machen allerlei Volksaufklärung und Propaganda, wo sie dann einzig lieb und gut sind und alle anderen in abgestufter Weise dumm, schlecht, schlimm oder gar ultraübel sind. Dabei fällt die Kirche, der ich angehöre, die evangelische, öfters mal durch dummdreiste und peinliche Aggressivität auf; die andere gibt sich vornehmer und etwas besonnener, ist aber im Kern nicht weniger entschieden. Daneben gibt es auch noch etliche Freibeuter, die sich hier ein Geschäft versprechen, die sind unweigerlich unter besonderem Profilierungsdruck.

Im Prinzip verlassen sie mit ihren Aktivitäten den verfassungsmäßigen Boden der Religionsfreiheit, und das auch in einem Gesellschaftszustand, wo man leicht hysterische Reaktionen auslösen kann (Beispiele? Fallen Dir etwa keine ein?). Das ist entsprechend besorgniserregend und man muss sich da auch in sinnvoller Weise dagegen zur Wehr setzen - sonst ist man mit seinen abweichenden Auffassungen schnell die nächste ultraüble und brandgefährliche Sekte.

-----...und dann schiebst Du einen Artikel nach, der aus genau so einer Ecke kommt ... auch wenn er Schweizer Erzeugnis ist -----

Also was sagt man dazu? Erstens zur Erinnerung: Religion ist nicht lieb, nett, sozialverträglich, sie redet vom Absoluten und ist immer auf dem Sprung, den Absolutheitscharakter ihrer Aussagen auch praktisch geltend zu machen (wie hieß das doch gleich bei Karl Marx, "Die Ideologie wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift"?)

Zweitens: Viele Religionen haben in ihrem Kern eine Unterscheidung zwischen mehreren grundverschiednen Arten von Menschen. Dabei denke ich jetzt nicht an die Spaltung in "wir und der Rest der Welt" (den gibt es ja sowieso und bei jeder Art von Gemeinschaft), sondern an Gute und Böse, Auserwählte und Verdammte. Historisch ist das vielfältig variiert und abgestuft - aber es ist übrigens Kernbestand der christlichen Lehre beider Konfessionen (weil in Kernformulierungen auf Augustinus zurückgehend), es ist dann auch gerade durch Jean Calvin für die reformierte Tradition drastisch verschärft und nach außen gekehrt worden. Luther (mit seinem guten Riecher für Machtfragen) war da deutlich zurückhaltender.

Rassismus (wo der Flammer von redet) ist das keiner ... aber ein wunderbares und vielfältig recyclebares Schema, mit dem man schon viel Unfug anstellen konnte. Denn Metaphern sind hungrig, die Hölle kann nicht warten, sondern man kann sie den anderen ruhig schon hier & jetzt heiß machen.

Drittens: Der Philipp Flammer tut so, als gäbe es "eine" Esoterik - das ist natürlich Unsinn. Man braucht bloß in einen allgemeinen esoterischen Buchladen zu gehen, da steht Haufen und genug herum, was sich inhaltlich einfach nicht miteinander verträgt. (Frag dann noch die Frau hinter der Kasse, ob sie denn "das alles glaubt?" und dann viel Spaß dabei ...)

Die Esoszene ist heterogen, pluralistisch - eine ihrer wichtigsten Einheiten besteht darin, dass man von immer den gleichen Leuten nicht gemocht oder auch bekämpft wird. Ansonsten machen wir allerlei Stinobürgern vor, wie tolerantes Zusammenleben auch wirklich funktionieren kann ...

... und dabei kann man sich durchaus streiten (wenn die Standpunkte nicht sowieso viel zu weit auseinanderliegen) - manches, was in so einem Laden zusammensteht, ist echtes Gold, anderes bloß goldig, und manches auch ziemlicher Scheiß. Muss man unterscheiden können; unterscheiden, Urteilskraft anwenden, ist zentraler Bestandteil von Denken - das tut weh, ich weiß, aber wenn man es daran fehlen lässt, "so nennt man das stumpfsinnig" (Kant). Wollen wir doch nicht sein und es auch anderen Menschen nicht leichtfertig unterstellen.

Manches im "esoterischen" Angebot war auch mal geheim, anderes ist bloß unheimlich ... mit einer Etymologie von "geheimem Wissen für Auserwählte" kann man keinen Blumentopf usw. Heute ist wunderbar viel Information zugänglich, und anders als in der christlichen Prädestinationslehre kann man sich wenigstens soweit selbst auserwählen, dass man sich auf beschränkten Gebieten selbst einigermaßen schlau macht.

Also: Esoterik als pluralistisches Angebot voller Widersprüche, auch als unvermeidlich seichter Harmonisierungsversuch dazwischen (nicht mein Ding - wie sagte Jesus: "Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert" - aber gibt es sicherlich). - Notieren wir nebenher mal, dass Flammer vernünftige Leute zitiert (aber mit großer Vorsicht, so richtige Esoterikfeinde sind das nämlich alles nicht).

Trotzdem hätten Esoteriker alle etwas gemeinsam - das Axiom einer Überwelt - oder volkstümlich ausgedrückt, die Überzeugung: Das kanns doch nicht alles gewesen sein. - Jawoll, kann es nicht. Unsere Alltagswelt ist eingebettet in größere Zusammenhänge (sagen übrigens alle Religionen, bloß welche Zusammenhänge ...)

Und das allein soll dann schon 100 üble Folgen haben - und zwar wegen der ganzen Unterscheidungen, von denen ich oben schon sprach? Zwischen denen, dies schnallen, denen die zu doof sind, denen, dies gar nicht anders haben wollen ... und so fort? Es hat über so etwas in der Geschichte eine Menge Blutvergießen gegeben, gibt es in anderen Ländern immer noch, aber hier und jetzt (das heißt, in Berlin-Kreuzberg) gehen wir doch freundlicher miteinander um. Kannst ja mal vorbeischauen.

Und die Endzeit, die steht uns dann laut Flammer auch noch unbedingt ins Haus - na ja, alter logischer Trick: was angefangen hat, kann und muss auch wieder aufhören, nur was gar nicht angefangen hat, kann auch immer weiter fortbestehen. - Jetzt müsste ich eigentlich einen Soundclip einbinden, Telemann/Ahlers, "Der Jüngste Tag" - »Wie schicken sich zur Ewigkeit der Welt ::Kunstpause:: verheerende Gerichte?« - also auch damals, in den 1760er Jahren, dachte man: So schlimme Kriege und Erdbeben (1755 Lissabon Schutt und Asche), da kanns doch nicht mehr lange dauern.

Im 20. Jahrhundert hatten wir Katastrophen in noch ganz anderen Größenordnungen (und die meisten davon durch Menschenhand), ein Überschuss an "Geschichtszeichen"; außerdem wissen wir inzwischen, dass der allgemeine Weltzustand, so wie er "normal" kapitalistisch eingerichtet ist, eine permanente Katastrophe ist, jeden Tag mehr Blut fordert, als wir alle spenden könnten. »Oh Gottes Engel wehre, und rede du darein« (Claudius' Kriegslied) - tut er aber nicht. Wir müssten irgendwas Zweckmäßiges "selber tun" (um nicht so sehr uns, sondern eine ganze Menge anderer Menschen aus dem Elend zu erlösen) - und wir könnens nicht. Scheißgefühl, verdirbt einem den ganzen Tag, wenn mans hochkommen lässt.

Dass Leute sich dann mit der Vorstellung trösten, in absehbarer Zeit nähme die Katastrophe ein Ende - 2012 oder sonst wann - da würde sowieso alles abgewickelt und gut gemacht: also wollen wirs ihnen nehmen? Weils Du bist und Du einen toughen Eindruck machst, da verrat ich Dir ein Geheimnis: Es hört nicht auf, jedenfalls nicht in unserer statistischen Lebenserwartungsspanne, aber bevor es besser wird, wird es auch noch richtig schlimm (und da können wir drauf rechnen, dass wir das noch abkriegen, allemal).

Also zusammengenommen: Alles halb so wild, Flammer trägt bloß reichlich dick auf. (Strohm 1997, auf den er sich beruft, ist übrigens ein niedliches Buch, große Stärken und einige unbegreifliche Totalabstürze, habe ich grade bei amazon.de was dazu geschrieben.) - Und Eco auch ok - Verschwörungstheorien sind ein sehr unterhaltsames, aber auch nicht ungefährliches Spielzeug. (Noch nicht mal Kinder spielen gern mit "harmlosem" Kram ...)

Flammer hat jetzt noch eine neue Gemeinsamkeit unter den Esoterikern gefunden, die nennt er "Paradigma der spirituellen Evolution" - erster Einspruch: die ist nicht allen gemeinsam! wenn auch vielen Leuten, die in ihrem Selbstverständnis "Esoteriker" sind - ich sag das immer ein bisschen schlichter: Die zentrale Metapher der "Welt als Schule" - ist doch klar: wir kommen reichlich dusslig zur Welt, lernen eine Menge dazu, das ganze Leben lang, soll doch auch zu was gut sein. Zweiter Einspruch: Das Christentum hat diese Metapher (die sich da mit dem Namen des Origines aus Alexandria verbindet) explizit abgelehnt und verurteilt, für Christen ist das hier die "letzte Gelegenheit" (mit Erpressungsaspekten?) - oder wie Pascal das dann ausgemalt hat, so etwas wie eine Haftanstalt, wo wir auf die Vollstreckung des Todesurteils warten. Auch nicht so nett - aber immerhin: der Tod ist das einzige, dessen wir wirklich sicher sein können.

Also machen wir uns was daraus: »Christus, der ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn« - schön in Schmiedeeisen auf einem Friedhofseingang hier in der Nähe. Also das, was Flammer da "Esoterikern" vorwirft, da sind wir gar nicht allein damit, kein bisschen. (Auch tugendhafte Heiden wie Sokrates empfanden übrigens ihre leibliche Anwesenheit in der Welt entschieden als zweite Wahl gegenüber einer geistigen - um bloß mal in Europa zu bleiben.)

Die Metapher der Welt als Schule geht gut mit Reinkarnationslehren (auch die sind übrigens ziemlich vielfältig und oft wirr, sobald man genauer hinguckt) zusammen, wenn sie auch nicht notwendig damit verbunden ist. Was man dazu braucht, ist allerdings eine "substanzielle" unsterbliche Seele - das ist eine ziemlich merkwürdige Geschichte, wie die erfunden wurde, aber es gibt auch Esoteriker, die davon nix wissen wollen. Lohnt sich durchaus, gerade darüber genauer nachzudenken.

So, und das tut also der körperlichen und geistigen Gesundheit nicht gut, wenn man sich spirituell weiterentwickeln will, über Reinkarnation und Karma nachdenkt, und meint eine unsterbliche Seele zu sein oder zu haben? Mag manchmal sein. Was hatte ich oben über gefährliches Spielzeug gesagt? Und wir wollen doch was glauben, was auch stimmt, absolut stimmt, und uns zum Heil gereicht? - Das soll etwa narrensicher sein? So beschaffen, dass niemand Schaden nehmen kann? - Reines Malzbier ohne Kalorien? Flammer soll sich ins Knie ... - ich meine, ist doch albern, so was zu verlangen. Und ist hysteriefördernde Hetze, weil natürlich nur immer die religiösen Dissidenten beschwören Gefahren herauf ... und ohne unsereins wäre das Leben richtig harmlos?

Gegen Meister-Schüler-Beziehungen haben die Kritiker ja immer was - weil, weil, weil - abhaken, vergessen. Nebenbei bemerkt sind mir schon viele Leute begegnet, die klüger waren als ich und von denen ich ein bisschen gelernt habe - ein Meister war noch nicht darunter: Ist wohl doch ein ziemliches Glück, so eine Beziehung aufbauen zu können, zwei Nummern schwerer als eine Mutter oder einen Vater für seine Kinder zu finden, und das ist schon schwer genug. Fehlgriffe kommen ja auch dabei schon genug vor.

In dem Abschnitt über den Initiationsweg sagt Flammer dann, wiederum volkstümlich übersetzt: Wenn das alles bloß im Kopf passiert, dann kann man sich auch was einbilden. Richtig, kann man. Daher haben Initiationswege öfters mal Komponenten, wo man nicht bloß was wissen muss, sondern auch was können. Und entweder kann man es dann, oder ... - ich will damit nicht die Praxis zum alleinigen Wahrheitskriterium aufbauschen, aber zumindest negativ tut sies doch ganz gut: Sie lehrt einen seine Grenzen kennen. - Aber abgesehen davon: Man muss eben unterscheiden - nicht alles gleich glauben - sag ich doch ... (Jeder kann Meister/in werden? Ausprobieren ... - oder lieber nicht, erspar uns was ... - "Wahrnehmungsmanipulation"? Könnte es sein, dass man darüber auch schon ein bisschen was weiß? Und dann erfährt man trotzdem was, ohne Tank und Drogen und trotz Misstrauen? Natürlich, wenn man sich so ganz und gar nicht überraschen lassen will ...)

Schließlich kommt dann noch der ignorante Hammer, Esoteriker dächten nicht logisch, sondern in Analogien und Mythen / Legenden. Soll Flammer mal in ein gutes Lexikon schauen, was das ist (Ritters philosophisches oder das Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe wären da meine Tipps). - Was er tatsächlich aufführt - "Wie oben, so unten" - "Synchronizität" - das sind Heuristiken, also Prinzipien, nach denen man Neues entdeckt. Dann muss man natürlich seine Einfälle prüfen ... aber am Wert der Heuristik ändert das zunächst nichts. Sind schon öfter mal fruchtbar, die beiden Prinzipien (ham'wer noch mehr, keine Sorge), und öfter mal auch nicht. - Im Vergleich dazu haben übrigens die Stinos nur eine Heuristik: Es geht alles so weiter, bloß größer schneller teurer. Fortschreibung heißt das dann in der Verwaltungspraxis. War wohl öfters auch mal fürn A...? Und kann uns noch in Teufels Küche (wie immer man sich diesen mythologischen Ort ausgestattet denkt) bringen.

Also, liebe Sarah: Nicht nur hat der Artikel nix mit Deiner Frage zu tun, er ist auch (immerhin intelligent gemachte, feinere) Hetze gegen religiöse Minderheiten (und die Mehrheiten kriegen auch mal einen Rippenstoß ab). Kann man über alles im Detail reden. Aber wenn die Inquisitoren kommen ... dann soll man ihnen die Tür weisen. Und sagen, was sie für Leute sind. Nachher bauen sie doch wieder Scheiterhaufen. (Weil man sie als Kinder immer vom Ofen ferngehalten hat? Vielleicht auch; aber vor allem, weil sie denken, sie kommen damit durch; sie können sichs erlauben, denken sie, weil es wehrt sich ja keiner.)

Soweit viele Grüße,
Habab


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