Verschwörungstheorien haben mit Esoterik nichts zu schaffen. Nichts, gar nichts, auch wenn es gelegentliche crossovers gibt, man ab und zu die gleichen Darsteller auftreten sieht. Nicht nur deshalb stehen sie auf einem anderen Blatt. |
Macht man nicht, sagen sie. Denn es gibt keine Verschwörungen. Die Welt ist ein einseitig beschriebenes Blatt, alles steht deutlich sichtbar nebeneinander und wird linear fortgeschrieben. Zuverlässig gesichert durch Kondome, Versicherungen und die NATO.
Leider tritt die Wirklichkeit ab und zu den Gegenbeweis an, dass nämlich diese als Muster geistiger Gesundheit propagierten Auffassungen einfach nur falsch sind. Einer der schönsten und kürzesten Beiträge zu den endlosen Forumsdebatten zum WTC Massacre von einem quidam RYPE ging so :
Sprich mir nach, 9*11 mal:
Da sind keine Flugzeuge.
Da sind keine Entführer.
Du hast noch nie von Flugzeugen gehört.
Du hast noch nie von Entführern gehört.
Die nicht entführten Flugzeuge sind nicht in Hochhäuser geflogen.
Es gibt keine Hochhäuser.
Die nicht entführten Flugzeuge, die es nicht gibt,
sind nicht in Hochhäuser geflogen, die es nicht gibt,
und haben nichts mit der Verschwörung zu tun.
Es gibt keine Verschwörung.
Die Flugzeuge, die Entführer und die Hochhäuser,
die es nicht gibt und die nichts miteinander zu tun haben,
haben nichts mit der Verschwörung zu tun, die es nicht gibt.
FNORD
Und was war denn nun wirklich los? Also auch jetzt weiß man es nicht. Und das FBI sagt, es weiß es auch nicht. Wird wohl auch nicht so wichtig sein?
Und wenn diese Sache auch ein bisschen krass war (nach den Maßstäben entwickelter Länder), es ist ja nicht die erste Überraschung mit politischen Konsequenzen. Aus verschiedenen Gründen ist mein Lieblingsfrage eigentlich immer noch "Wer hat Olof Palme umgebracht?" - aber auch sonst finden sich Beispiele genug.
Macht man nicht, sagen ihre Beschwichtiger und Propagandisten. Heißen Magister, heißen Doktor gar, schreiben und schreien gegen Verschwörungstheorien, auch wenn es jetzt unwiderleglich und amtlich ist , dass es Verschwörungen gibt. Denn Verschwörungstheorien
Macht man nicht, sagen auch die linken Intellellen. Denn
Macht man nicht, das sitzt auch uns in den Knochen. Denn man tritt damit aus den mehrheitlich geteilten Wirklichkeitskonstruktionen aus, das macht einem Kummer und eine Menge wenig effektiver Arbeit und beraubt einen manchen Trostes und mancher süßen Gemeinschaftlichkeit. Außerhalb der Herde ist das Leben härter - nicht heroisch härter, sondern in der Regel einfach beschissen härter.
Macht man nicht, hauen dann die Wächter der geistigen Gesundheit in die gleiche Kerbe, vielleicht verliert man ja noch ganz den Kontakt zur Wirklichkeit, verzweifelt an Vernunft und Wissenschaft, und wird richtig verrückt.
Es gibt Leute, die wirklich geistig den Boden unter den Füßen verloren haben, und wenn man auch nur ein paar davon näher gekannt hat, dann wird man ausgesprochen vorsichtig mit der Verwendung psychiatrischer Kategorien als Metapher. Im Sinne des üblichen leichtfertigen Sprachgebrauchs kann man nur sagen: Ein bisschen Paranoia ist gut für die Eitelkeit (wann ist man schon mal so gut, dass jemand hinter einem her ist?) und fürs Überleben.
So. Alles dies kein Grund, den Mahnungen "Macht man nicht!" zu folgen. Alles dies aber auch keine Grund, die eine oder andere Erzählung oder Theorie über eine (oder mehrere) Verschwörungen zu glauben. Oder überhaupt eine. Jetzt ist erstmal Zeit für eine ganz andere Frage - nämlich:
Wovon ist denn die ganze Zeit überhaupt die Rede?
Peinliche Frage. Eine ganze Nummer (#124) vom Kursbuch hat sich darum schon mal herumgemogelt. Es gibt keine umfassende und triftige Definition von "Verschwörungstheorie" - mit dem Resultat (oder dem Zweck), dass alles, was einem (ihnen?) nicht passt, in dieses Sammelbecken abgeschoben werden kann.
Was einem bleibt, sind historische Beispiele und Familienähnlichkeiten zwischen den jeweiligen Theorien, und natürlich Merkmale, wie sie in den oben aufgeführten Argumenten impliziert sind.
"Verschwörung" ist dabei bereits ein melodramatischer Tendenzbegriff. Verschwörung gibt's im Theater oder in der Oper. Wir haben ja auch keine Gesetze gegen Verschwörungen, sondern welche gegen "kriminelle Vereinigungen". Kriminell ist, was gegen die Gesetze verstößt und ihnen nicht passt, und eine Vereinigung, nun ja, ist eine Vereinigung. Kennt man ja, kommt doch vor, dass man sich zu dem einen oder anderen Zweck vereinigt. Je nachdem, wie er beschaffen ist, wird man auch wahrheitsgemäße Auskunft über den Zweck seiner Vereinigung geben. Oder auch nicht. Oder auch gar nicht bekannt machen, dass man sich vereinigt hat.
Eine ganz alltägliche Sache. "Es kommen keine drei Kaufleute zusammen, ohne dass sie gleich eine Verschwörung gegen ihre Kundschaft aushecken würden" - so Adam Smith vor circa 250 Jahren; man hat inzwischen umfangreiche Maßnahmen ergriffen, die ihnen das erschweren sollen, aber tun tun sie es natürlich immer noch ganz gern bei passender Gelegenheit. Also Tausende von Verschwörungen jeden Tag, in Oiropa und weltweit? Natürlich. - Wo man schon mal in diesem Bereich ist, tut es vielleicht keinen Schaden, daran zu erinnern, dass kapitalistisches Geschäftsleben insgesamt ein Bereich konstitutiver Nicht-Öffentlichkeit ist, in dem Geschäftsgeheimnisse wesentlich für den Erfolg von Firmen sind (und zur Industriespionage hin und zurück herausfordern), in der es sehr beschränkte gesetzliche Publikationspflichten gibt und man ansonsten gern den Kunden (auch den Anteilseignern) etwas vom Pferd erzählt ...
Auch für illegale Geschäfte gibt es Vereinigungen - sogenannte organisierte Kriminalität. In den wirklich profitablen Kernbereichen stellt sie einfach eine Parodie auf ganz normales Geschäftsleben dar - ehrlicher Handel, aber mit Gütern und Dienstleistungen, die so nicht auf den Markt kommen sollen. Mit genügend Abstand ist das Prinzip geradezu lächerlich einfach einzusehen: Der Staat verbietet bestimmte menschliche Schwächen und Genüsse und die Mittel dazu; es findet sich ein Anbieter, der doch für die Befriedigung dieser Bedürfnisse sorgt - gegen Aufpreis fürs Risiko und mit Extraprofit, wenn es gut geht. Man hätte z.B. in den ganzen Debatten über die Legalisierung von Drogen viel aggressiver vorgehen sollen - "Sie sind dagegen? Wer bezahlt Sie dafür?" - aber an dem Thema liegt mir eigentlich nicht so viel, es ist nur ein Stück offen sichtbarer Dummheit und Verlogenheit mehr.
Richtig amtliche Verschwörungen gibt es auch, die nennt man Geheimdienste. Sie sind geheim, weil ihre Zwecke vielleicht gar keinen so ungeteilten öffentlichen Beifall finden würden, und weil sie Mittel anwenden, die ebenfalls weniger ansehnlich, wenn nicht schlicht ungesetzlich sind. Die Regierungen lassen sich diese Dienste eine Menge Geld kosten, das heißt, sie versprechen sich auch irgendeine für sie nützliche Leistung davon. Dass diese Leistungen mitunter - wenn sie denn an die Öffentlichkeit dringen - weniger überzeugend ausfallen, sollte einen nicht auf den Gedanken bringen, das sei immer so und das ganze schöne Geld gehe auf Fressspesen und Bordellbesuche drauf. Es bleibt gewiss noch genug übrig.
Halten wir als Zwischenergebnis fest:
1. es gibt haufenweise aktive Verschwörungen, öfters kommen sie sich auch ins Gehege
2. wer das leugnet, ist dumm, gedankenlos, böswillig oder von einem anderen Stern
3. sie unterliegen den gleichen organisatorischen Prinzipien und Problemen, wie man sie aus Wirtschaft und Verwaltung kennt (und noch einigen Einschränkungen mehr, die auf den erhöhten Risiken beruhen)
Dieser dritte Punkt - und muss ich ihn noch weiter plausibel machen? - liefert einem wichtige Kriterien zur Bewertung der Theorien oder Erzählungen über Verschwörungen, die man so hört. - Ergänzen wir diese Liste durch eine wichtige Erinnerung:
4. viele schlechte Dinge geschehen täglich im Rahmen der Gesetze und man findet nichts dabei - denken wir an den ganzen Lobbyismus - 30.000 Menschen in diesem Gewerbe allein in Brüssel, las ich neulich in der Zeitung - die kosten was, und wen? Die Konsumenten und Steuerzahler, und zwar für eine Leistung, die bestenfalls überflüssig ist und anderenfalls schädlich - nämlich für die Durchsetzung von partikularen Interessen gegen die der Allgemeinheit.
Ja, aber die ganz großen Verschwörungen - das Weltjudentum, die Freimaurer, die Illuminaten, das New Age unter theosophischer Leitung ... ?
An ihnen sollte als erstes auffallen, dass sie von diffus bestimmten Kollektivsubjekten ausgehen sollen. Nicht nur, dass man ja vielleicht ein, zwei, viele Menschen aus diesen Gruppen kennt und Schwierigkeiten hat, sich Konsense unter ihnen vorzustellen - es geht einfach nicht, aus rein formalen, organisatorischen Gründen.
Und zweitens geben sie einem Anlass, seine Plausibilitätskriterien zu spezifizieren. Man kann so ein paar Kriterien aufstellen, wann man eine Verschwörungstheorie den X-Files überlassen sollte - als nur noch Unterhaltungswert oder andernfalls der geistigen Gesundheit abträglich.
1. Wenn sie einen vergessen lässt, dass viele Dinge einfach ihrer eigenen Logik entsprechend passieren. In der Heeresdienstvorschrift soll es einmal anlässlich des Durchwatens von Flüssen gehießen haben: "Sobald dem Soldaten das Wasser bis zum Hals steht, beginnt er ohne weiteren Befehl mit Schwimmbewegungen." - Auf genau diese Art geschehen viele wunderbare Dinge auf der Welt ... auch Katastrophen ereignen sich so, und die Idee, es könnte großes Unglück nur aus einem natürlichen Zusammenwirken von Einzeleffekten entstehen, und man könne so-und-so Vieles einfach herbeireden, ist eigentlich viel erschreckender.
2a. Wenn sie zuviel erklärt - und einem damit den Blick verstellt auf die reale Vielfalt der konkurrierenden Interessen; ganz eng im Zusammenhang damit steht
2b. wenn sie Kollektivsubjekte konstruiert - "die (alle) Juden, Freimaurer, Esoteriker ..." - die es in dieser Form einfach nicht gibt und nicht geben kann.
3. Wenn sie ein bestimmtes Maß an Komplexität überschreiten. Wenn irgendwo eine größere Anzahl von Leuten über viele Jahre einen relativ starren Plan verwirklichen müssen, damit die Verschwörungstheorie Plausibilität gewinnen kann - dann sollte man die Theorie ändern oder sie eben als Science Fiction genießen. (Isaak Asimov hat das ja in der Trantor-Trilogie um den Plan des "Psychohistorikers" Hari Seldon durchgespielt - dass da im Wesentlichen alles klappt, spricht nicht für den Autor - vielleicht hatte er sich ja von den Protokollen inspirieren lassen.) So etwas kann nicht funktionieren - es gibt immer fatale Überraschungen, die zu Änderungen von Strategie und Taktik zwingen. Klappt ja auch in der Wirtschaft nicht, jede größere Entscheidung (und die fallen fortwährend an) ist mit massiven Unsicherheiten belastet - und wir haben ja auch bei Weltkonzernen schon wunderbare Fehlplanungen und Fehlentscheidungen gesehen.
Nehmen wir ein sehr naheliegendes Beispiel - die katholische Kirche. Sie hat hervorragende Voraussetzungen für den Machterwerb im globalen Maßstab - eine ordentliche Führungsstruktur, tüchtige Leute auf allen Ebenen, eine corporate identity und Firmenideologie wie niemand sonst (selbst die japanischen Zaibatsus haben bloß eine Firmenhymne, kein ganzes Gesangbuch), sie hat Geduld, Macht ist ihr nicht eben fremd und ein Geheimnis bewahren kann sie zweifellos auch.
Ganz gewiss ein global player ... einflussreich und durchaus bei guter Gesundheit, sie wird uns alle überleben. Aber Weltherrschaft? Und schmerzliche Rückschläge hat sie auch immer wieder hinnehmen müssen.
Sämtliche "großen" Verschwörungstheorien konzeptualisieren ja Weltherrschaft in der Form des Monopols einer Gruppe - vielleicht gibt es Entgegensetzungen: herrschen durch Zwietracht - aber dann steht auf beiden Seiten die selbe Gruppe und profitiert wie bei einer Zwickmühle immer. Nette Vorstellung - gerade die Protokolle haben ja mehr als nur einen Touch von Allmachtsphantasie, wie in einem erotischen Traum, wo man sich nicht entscheiden mag, ob man auf oder unter seiner Partnerin liegen will, aber irgendwie kann man dann beides auf einmal, im Traum. Tatsächlich fragt es sich jedoch, ob genuin oligopolistische Strukturen nicht überhaupt profitabler sind - und vom Leitungs- und Koordinationsaufwand her sind sie entschieden vorzuziehen.
Kommt freilich drauf an, was man erreichen will. Eine weitere Merkwürdigkeit der großen Erzählungen dieser Art ist ja nicht zuletzt, dass sie Auskunft über vergangene und gegenwärtige Taten (echte, falsche, vermutete) geben, auch programmatische Vorstellungen rezitieren (mit wenig Sinn für eine Sortierung nach Wichtigkeit der Maßnahmen oder ihre wechselseitige Abhängigkeit) - aber hinsichtlich der Ziele werden sie sehr einsilbig: Macht, Herrschaft, Reichtum. Ja, und dann? Da lässt die Erzähler die Phantasie im Stich.
Es sollte einem ja auch zu denken geben, dass ein sehr traditioneller Hauch von Endzeit durch diese großen Erzählungen zieht, auch wenn sie nicht explizit von einem Weltende sprechen. Die Gegenwart ist als die Zeit konzipiert, in der das jahrhundertelange Ringen guter und böser Mächte in einen stabilen Zustand böser Herrschaft, ein ewiges und irreversibles evil empire umzukippen droht. Welches nur noch mit Aufbietung aller Kräfte und Einsatz aller Mittel verhindert werden kann. - So richtig es ist, dass in der kurzen Lebensspanne des Einzelnen jedes Gefecht das letzte ist oder sein kann - als Deutung der Geschichte muss da irgendwo der Wurm drin sein. Doch auch Linken (vgl. Walter Benjamins Thesen) ist diese Konzeption nicht unbekannt - und natürlich könnte man auch plausibel machen, es sei schon geschehen und nur ein Gott könne uns noch retten.
Wie schon gesagt, es gibt Leute, die haben das alles, Reichtum, Macht, Herrschaft, wenn sie sie wollen, und von allem reichlich. Und was machen die? Betreiben ihre Geschäfte, zeugen Kinder und sterben irgendwann wie andere Menschen auch? Natürlich tun sie es nicht. Sie haben unendlich viel perversen Sex, nehmen Drogen, fressen kleine Kinder und / oder opfern sie finsteren Göttern. Sie sind ja auch eigentlich gar keine Menschen. Warum? Weil Banalität unerträglich ist. Und warum der phantasmatische Ersatz für sie in der jeweiligen Erzählung gerade so oder anders ausfällt, da mag jeder selbst interpretieren - Anhaltspunkte gibt es genug. (Hier klinkt sich natürlich auch ein, dass es in der offiziell propagierten Weltdeutung keine "normalen" Feinde mehr gibt, sondern nur noch böse Feinde, Teufel in Menschengestalt, am besten mit Bart - das war, auch auf Grund trauriger Vorübungen, sehr leicht zu vermitteln.)
Zeit für ein weiteres Zwischenergebnis: Mit Weltverschwörungen sieht es mau aus. Wir können unsere Glaubhaftigkeitstabelle hernehmen und eintragen: Realitätsgehalt, Wahrscheinlichkeit 0,1%, Metaphorisches Potential ausgereizt 150%, zum Überdruss.
Kleine Verschwörungen hingegen - von ein bisschen Extraprofit durch Korruption bis hin zum Staatstreich (in der passenden Weltgegend, und wenn der US-Botschafter das abnickt) - waren möglich, sind möglich und finden daher ständig statt, und sie werden sicher noch öfters an die Öffentlichkeit kommen.
Wir sollten so etwas daher in unsere alltägliche politische Heuristik aufnehmen - wenn Leute etwas tun, was offensichtlich politisch oder wirtschaftlich falsch ist und ihrem "offiziellen" Auftrag zuwiderläuft, dann werden sie dazu bestochen, erpresst oder auch beides. Hintermänner gibt es genug, man könnte immer ein Gerücht in die Welt setzen, mal sehen, was passiert.
Allerdings - wir haben es ja gerade wieder an den Ereignissen um die Bankgesellschaft Berlin vordemonstriert bekommen - passiert gar nichts weiter. Die Wahrnehmung von Skandalen hat sich verändert: Skandale sind normal, denn Sie leben so, der Skandal ist ihr Medium, so wie sie ja auch schon vor jeder Handlung der ganze Skandal sind. Denn wer zu Ihnen gehört, der muss Dreck am Stecken haben, Sie sorgen dafür, so wie man in Jungengruppen Mutproben ablegen und in Verbrecherbanden Verbrechen verüben muss, um dazu zu gehören. Und machen kann man nichts. Vielleicht kann man ihnen irgendwelche Dienste leisten, ganz gleich welche, und dann kriegt man ein Teilchen vom Kuchen ab. So weit ist "verschwörungstheoretisches" Denken durchaus schon in unser politisches Alltagsbewusstsein eingesickert und zweifellos ist das auch nicht sein bester Teil.
Ergänzen wir ansonsten unsere politische Heuristik: Wenn irgendetwas an die Öffentlichkeit dringt, sind Inhalte relativ unwesentlich; hauptsächlich interessant ist die Frage, warum der Skandal jetzt öffentlich gemacht wird, zu welchem Zweck usw.
Verschwörungstheorien, ganz gleich welcher Reichweite, sprechen von der herrschenden Klasse - meist ohne jeden Blick auf die wirtschaftlichen Grundlagen, die sie zur herrschenden Klasse gemacht haben, und ohne Vorstellung davon, wie wirtschaften anders organisiert werden könnte. Ebenso eigentlich ohne Hoffnung auf Veränderung und ohne Perspektive außer der unpraktikablen und nutzlosen Idee, sie alle umzubringen. (Ein bisschen Mordlust ist nur zu verständlich - auch in linken Traditionen hatte man diese Träume - man muss die Raben und nächtigen Geier vertreiben, damit die Sonne scheint und alles gut wird, sagt die Internationale - und in der Sowjetunion unter Stalin hat man das ja praktisch erprobt. Der Erfolg sollte ernüchtern.) - Hinzu tritt - sei es als masochistische Variante, sei es als Rechtfertigung der aggressiven Wünsche - die hintergründige Sicherheit, dass sie uns alle umbringen werden, und zwar bald (sonst erleben wir es eh nicht mehr; ich hatte ja oben schon von Endzeit gesprochen). Und dann die Erde verlassen, einfach davonfliegen [Variante] ... nicht, dass wir es nicht verdient hätten, Schlappschwänze, die wir sind.
Diese Theorien sprechen von der herrschenden Klasse mit einer spezifischen Mischung von Neid, Lust und Ekel und stellen sich damit, so stilistisch verschieden das auch daherkommt, in gewisser Weise als geschlechtsspezifische Variante an die Seite der Regenbogenpresse. Und wie sich manche sonst nüchterne und tüchtige Frau doch über die Affären der oberen 10.000 erstaunlich gut informiert zeigt - in der halbbewussten schmeichelnden Gewissheit, dass sie durch ihre leckere, begehrenswerte Leiblichkeit die Eintrittskarte zu solchen Kreisen ja eigentlich schon besitzt und hypothetisch dazugehört, so kann man auch gut verstehen, wie sich Leute in die personellen Details der internationalen Politik versenken.
Ansonsten gibt es natürlich stilistische Unterschiede. Bei Altmeister Gary Allen ist zwar auch schon eine gewisse fiebrige Erregung festzustellen, aber anders als viele seiner Abschreiber spricht er noch ausschließlich von realen Institutionen und Personen. Es gibt eine politische und wirtschaftliche Elite, die hat tatsächlich ihre Informationskanäle, Treffpunkte, Wasserlöcher und Konsensbildungsmechanismen - und keinerlei Grund, jedem alles auf die Nase zu binden. Information kostet und muss sich rechnen - nur Desinformation wird einem hinterhergeworfen. Man könnte so etwas jederzeit ins Realistische umbiegen, indem man erläutert, dass da gar keine Verschwörung stattfindet und auch nicht stattzufinden braucht. Die Leute haben Interessen, die sich zwar öfter mal auch widersprechen - aber einen Widerspruch kann es nur auf der Grundlage einer vorgängigen Gleichheit geben. Gemeinschaftlich, als Klasse, ist das globale kapitalistische Wirtschaftssystem ihr concern, ihr Betrieb (den sie haben und der sie hat) und der will gemanagt sein. Die Kosten tragen andere, wir auch zum kleineren Teil, braucht man gar nicht gut zu finden.
Allen hat ja auch eine erkennbare Vorstellung, wie es anders sein sollte - Wirtschaft und Politik sollten weit gehend unabhängig voneinander sein, die Politik, geleitet von demokratisch gewählten integren Vertretern, sollte das Sagen haben und die Interessen der Nation und des Staatsvolks verfolgen. Und so weiter - wir kennen das ja, wie aus den Märchenbüchern der politischen Bildung.
Die Unstimmigkeit, ja Albernheit dieser Vorstellungen wird zunehmend deutlicher und allgemeiner sichtbar. Natürlich trifft diese Erkenntnis Leute umso härter und schmerzlicher, je länger sie an traditionellen Vorstellungen und Begriffen festgehalten haben - daraus erklärt sich auch zu einem Teil die Beliebtheit von Verschwörungstheorien bei der politischen Rechten. Verschwörungstheorien sind deren Globalisierungsdebatten. Und tatsächlich gibt es da viel dazu zu sagen.
Darauf nicht klarer, umfassender und deutlicher zu reagieren, ist sicher eine Schwäche der Linken. Kann sich bessern. Auf Verschwörungstheorien mit antifaschistischem Getue, volkserzieherischem Aufklärungsgeschwätz, Ausschlussdrohungen und Verleumdungen zu reagieren, ist genau die Art modernisierter Linker, auf die man dankend verzichten könnte, und die damit die Fehler und Gedankenlosigkeiten der Verschwörungstheorien konservieren, indem sie sie in untergründige Kanäle abdrängen. Es geschieht ihnen recht, wenn man sie bei jeder passenden Gelegenheit am Wickel nimmt und sagt "Sprich mir nach: Da sind keine Flugzeuge ..."
Man kann es drehen, wie man will: was an Verschwörungstheorien, den großen, umfassenden zumal, verkehrt ist (und das ist eine Menge) liegt primär im wie, darin, wie mit den Fragen und Themen umgegangen wird. Die falschen Umgangsweisen formen sekundär ihrerseits wieder ihr Material, das was, die Themen um.
Geistes- und andere Zustände in Auflösung
Verschwörungen, Korruption usw. kosten nicht nur, sie demoralisieren auch. Nicht nur durch das Gefühl von Ohnmacht, das sie mit sich bringen. Wenn man richtig misstrauisch wird, gehen einem rasch alle Maßstäbe und Kriterien verloren. "Traue keinem!" könnte genauso gut auch heißen: glaube alles! - Man schätzt dann Plausibilität nach sachfremden Kriterien ein - als da wären z.B. Verwandtschaftsbindungen, ethnische Affinitäten mit der Quelle der Äußerung usw., eine weitere Nebenwirkung: Geschichte wird zur Universalwissenschaft, "Weil irgendwann davor muss doch die Wahrheit dagewesen sein". Fröhliche Suche: "Die Wahrheit" gab es so nie.
Dann kommen alle möglichen Arten von Albträumen hinzu und werden plausibel - was schlecht für die wirklichen, tatsächlichen Opfer ist (vgl. die Situation beim sexuellen Missbrauch) - insgesamt geht im Durcheinander der Thesen und Behauptungen die Tatsächlichkeit verloren. Soweit individuelle Folgen, und niemand wird bestreiten, dass sie heikel sein können.
Versuchen wir das zu verallgemeinern: Es breitet sich ein ganz anderes Massenbewusstsein aus, ein irrationaler (d.h. auch keiner Refertigung bedürftiger, denn Gründe werden ja beliebig, finden sich immer) Hass, neidgesteuert in erster Linie auf "die da oben". Das erlaubt, sobald eine Handlungsmöglichkeit sichtbar wird, nicht nur eine rapide Pogromstimmung - die Handlungsmöglichkeit fällt in dieses Bewusstsein wie ein Kristallisationskern in eine übersättigte Lösung - sondern vielleicht auch mehr, über das Spektakel und Massaker hinaus. Einen neuen Bund? Und Deutschland, im Gefolge des Bürgerkriegs und der anschließenden Säuberungen von neun Zehnteln seiner Einwohner befreit, lebt glücklich und zufrieden vom Ertrag seiner Böden? Spontan finden sich wieder die deutschen Stämme, und Grenzkonflikte werden beim jährlichen Allthing in Kassel (oder Weimar) beigelegt?
Leider nein. Tagträume hat man sowieso, und sie zu Science Fiction auszuarbeiten, ist eine probate Art, mit vagabundierenden Affekten umzugehen. (Allerdings gibt es schon das klassische Zukunftsszenario eines enttäuschten und wütenden Linken - Alfred Döblins Berge, Meere und Giganten von 1925.) Ganz gewiss wird so etwas nicht geschehen - auch keine andere Konzeption, die davon ausgeht, dass das Volk endlich doch noch zu sich selbst findet und handlungsfähig wird, hat irgendeine Chance zur Verwirklichung. Denn auch hier wird ein nichtexistentes Kollektivsubjekt aufgerufen, und es zu bilden, es entstehen zu lassen, darauf mag man wenig Hoffnung setzen. Weniger denn je, und an Versuchen hat es ja nicht gerade gefehlt.
Gewalt wird es natürlich geben - sie ist einer der Aspekte der Demoralisierung - nämlich vorwiegend der Leutchen unten untereinander, und das Interesse der Ordnungshüter wird es nicht sein, die Ordnung zu hüten, sondern dafür zu sorgen, dass die Unordnung unten bleibt. In Amerika machen sie das schon länger so und es klappt verflixt gut.
Ja, und was nun? |
Muss die vorstehende Analyse überzeugen? Ja, natürlich fände ich das gut - wohl wissend, dass gut eingeübte Deutungsmuster zäh sind und auf bloße Argumente kein Verlass sein kann. Wie sollte demzufolge mein abschließender Kommentar lauten? Nun, redet nicht immer nur von den Verschwörungen, die irgendwelche cleveren Anderen angezettelt haben. Derweilen vergeht die Zeit, und die Anderen (der unterschiedlichsten Art) machen den Reibach.
Verschwört euch doch! - Für irgendetwas Nützliches und Harmloses, sozusagen für den Anfang und zum Üben. Man kann den Maßstab ja später noch ausweiten. Und dann, in Erinnerung an eine kleine, aber sehr erfolgreiche Verschwörung -
Etwas Besseres als den Tod werdet ihr allemal finden.
Ich habe selbst keine Lieblingsverschwörungstheorie oder dergleichen. Ich kann es andererseits nicht ausstehen, dass sehr reale Dinge unter diesem Stichwort abgebügelt werden. Und dass dem Nachdenken über Trends und Zukunftsperspektiven Denkverbote auferlegt werden.
Oder doch: Zwei, dreimal im Jahr gucke ich nach, ob es bei David Icke oder Armin Risi Updates gibt. Schon weil ich einen Freund habe, der Sagan heißt und die Nagas toll findet. Aber Schuppen habe ich trotzdem nur auf dem Kopf.
Es gibt drei naheliegende Einwände gegen die hier vorgebrachten Überlegungen.
1. Politik gestaltet doch
- und das soll sie ja auch? - In gewissem Maße, ja. Weniger als man normalerweise zu denken verleitet wird, aber doch auf solche Weise, dass man ihre Eingriffe und Maßnahmen kaum ignorieren kann.
Dabei gilt als Faustregel:
Planmäßig gestalten ist sehr schwierig. Verhindern ist auch nicht leicht.
Beeinflussen kann große Wirkungen haben. Welche Themen auf eine "Tagesordnung" (wessen?), gesetzt werden, wie Alternativen präsentiert werden (z.B. "Atomkraft oder Steinzeit", war es nicht so?), was man als chic und unvermeidlich ausgibt.
Behindern kann völlig ausreichen. Manchmal, wie ein Friseur sagen würde, muss man nur die Spitzen schneiden - um nämlich zu verhindern, dass das Ganze eine neue Qualität annimmt und die hineingesteckten Bemühungen wirklich Frucht tragen. (Dies ist ja genau der Umgang der Sektenbekämpfer mit der Esoterik - es ist ihnen (mit wenigen Ausnahmen) ziemlich egal, wie viel "Aberglaube" durch die Gesellschaft schwappt - er darf nur keine verbindlichen Formen annehmen, nicht zur Lebensweise und Kultur werden und Frucht tragen.)
Oft ist geschehen lassen die effektivste Politik. Das hat den opportunistischen Aspekt, dass bürgerliche Politik in den letzten Jahrzehnten mit dem Weltlauf relativ zufrieden sein konnte. Es hat aber auch den Aspekt, den man sonst als "Subsidiaritätsprinzip" kennt - lassen wir die Details doch denen, die näher an den Sachen dran sind und sich damit auskennen. Und entfachen wir ihren Eifer durch ein bewusst vage gehaltenes Gesamtbild. Wenns denn vor lauter Übereifer peinlich wird, kann man es immer jemand anderem anlasten und sich selbst vornehm distanzieren.
2. Absichten unbegrenzt
Es ist ein übliches Verfahren, politische Gestaltungsabsichten in Form von gesamthaften Gesellschaftsprojekten zu verhandeln - "unser Land sollte so und so aussehen". Und dann mal sehen, wer mitmacht und wie weit die Initiative reicht. Es hat nie bis zur Volksgemeinschaft gereicht, auch nie zum rheinbündigen Centrumsdeutschland der C-Parteien unter Adenauer und Strauß. Aber jeweils zu einigen Vorzeigemaßnahmen, zu mehr oder weniger minimalen Plausibilisierungen. "Immerhin ..." - Nein: Bei der Bewertung einer politischen Leistung muss man sich diese Sätze mit "immerhin" unbedingt verkneifen und sie seinen Diskussionspartnern auch rot anstreichen. Sie wollen "Unvollkommenheiten" durch eine übergreifende Sinndeutung aus den erklärten Absichten entschuldigen, was grundsätzlich müßig ist und besonders pikant dann, wenn die Absicht selbst in sich widersprüchlich und prinzipiell unrealisierbar war bzw. ist.
Im historischen Beispiel kann man ja sehr genau sehen, dass die Volksgemeinschaft des NS ihre Gewinner und Verlierer hatte - und die überwiegende Mehrheit der Deutschen stand klar auf der Verliererseite, ungeachtet einzelner Bonbons. Ebenso steht uns als Zeitgenossen die Qualität der von Helmut Kohl vor 20 Jahren propagierten geistig-moralischen Wende nur zu deutlich vor Augen. Immer abwärts, nie zurück. Und, und, und, und.
Man muss die Sätze mit "immerhin" umdrehen - immerhin (und in jedem Fall, den man als Beispiel heranziehen könnte) haben diese Projekte Kosten mit sich gebracht, und zwar Kosten weit über den unmittelbaren Zusammenhang der realisierten Projektteile hinaus. Sie haben Energien gebunden und abgelenkt, die für anderes - Besseres oder Realistischeres - nicht mehr zur Verfügung standen, haben Zwietracht und Spaltungen erzeugt und imaginäre Gräben aufgerissen, wo tatsächlich etwas sinnvoll hätte bewegt werden können. Eben genau das, was die traditionelle Metapher "Brunnenvergiftung" bezeichnet. Denken wir z.B. an die massive Mobilisierung ethnischer Ressentiments gegen Heimatvertriebene und Flüchtlinge in den 50er Jahren, die nicht zuletzt im Rahmen einer konfessionellen Politik stattfand.
Hat sich das verändert? Verpufft nicht inzwischen jede "Vision", jeder größere Entwurf im Geschwätz der Medien? Der Eindruck erscheint plausibel und wäre jedenfalls genauere Untersuchungen wert. Er macht aber vergessen, dass gerade dadurch ein Bild von Normalzuständen, von Eigentlichkeiten (und wir wissen ja Bescheid) erzeugt wird, an das wir uns vielleicht gar nicht so umstandslos gewöhnen möchten. - Hier finden sich jedenfalls interessante Leistungspotentiale von fiktionaler Literatur, nicht zuletzt der Science Fiction mit ihrer etwas schmuddligen relativen Unverantwortlichkeit.
Für eine alternative Politik wird stärker denn je die Frage der Streitkultur entscheidend sein - und hat man ja nachgerade genügend Beispiele, wie es nicht sein sollte. Aktionseinheiten - Querfronten, immer - keine dauerhaft verpflichtenden Bündnisse, keine Kompromisse. Der Kompromiss macht, nach einer schönen Formulierung von Manfred Voigts, den Feind zum Gegner - und es ist offensichtlich, dass das manchmal möglich und öfters auch unmöglich sein wird. Doch auch mit Feinden wird man zeitweilige Waffenstillstände schließen, nach nüchterner Beurteilung der Interessenlage und ohne dass die Feindschaft aufhört.
3. Ja, aber das weltpolitische Übergewicht ...
... der USA? (Als offen politische, militärisch gestützte Herrschaft im Gegensatz zu "nur" kultureller Hegemonie oder einer wirtschaftlich dominierenden Rolle?) Haben sie damit nicht schon gesiegt? Ge-end-siegt? History over, you lost out? - Vermutlich nein, es ist jedoch in niemandes Interesse, das gegenwärtig auf die Probe zu stellen. China kann friedliche Entwicklung brauchen (und deshalb auch die regelmäßig wiederkehrenden Provokationen, die eben das verhindern und erschweren sollen), Russland ebenso (und hier sind die Störmanöver eher offensichtlicher). Wenn Wladimir Putin gegenwärtig leise tritt, dann weiß er warum - man hat es bei diesem Präsidenten mit einem anderen Kaliber zu tun als bei seinem trunksüchtigen Amtsvorgänger. Es schickt sich von Deutschland aus, ihm und seinem Land Glück zu wünschen.
Und so etwas wie Oiropa gibt es eben nicht. Das ist wirklich ein Problem: Brüssel kann nicht aus der Vasallität ausbrechen, Brüssel kann überhaupt politisch relativ wenig. Es gibt einen realen Verlust an Souveränität der EU-Mitgliedsstaaten, aber von Brüssel aus gibt es nur Verwaltung - sie kann Politik nicht ersetzen. Umgekehrt behindert sie Politik an allen Ecken und Enden.
Alles dies rechtfertigt es jedoch nicht, schon eine aktuell bestehende NWO zu konstruieren. Doch das ist eine empirische Frage: Also man wird sehen. Von einer nationalen Regierung wird man in jedem Fall die Wahrung nationaler Interessen erwarten und ihre Außenpolitik danach bewerten. Wahrung nationaler Interessen heißt unter den gegebenen Umständen vordringlich nichts anderes als eben freundliche Distanz zu den Anliegen und Unternehmungen der USA. Hier hat die Schröder/Fischer-Regierung jämmerlich versagt und wird dafür zahlen müssen. Indem nämlich eine Stoiber-Regierung kommt und alles so weitergeht.
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