Typische Argumente und was davon zu halten ist

Aufklärung

(1) geschlechtliche: wenn man Kindern erzählt, was sie lassen sollen, damit sie es dann mit schlechtem Gewissen tun.
(2) philosophiegeschichtlich: Bewegung der Durchsetzung säkularer Werte und Maßstäbe; gegen überkommene ganzheitliche Weltbilder treten Sinnlichkeit und Abstraktion feindlich auseinander. Aus dem (heiligen) Hain wird nur noch Holz, gleichwohl und erst recht kann man dann von den (gewesenen) Schönheiten der Natur träumen. Wird gern als Vorbild reklamiert, wohl vorwiegend aus Unkenntnis.
(3) politisch kam Aufklärung mit einem beschwichtigend-verlogenen Kompromissangebot daher: "Räsoniert so viel ihr wollt, aber gehorcht!" sollte der aufgeklärte Monarch Kant zufolge sagen und so die zwischenzeitlich entstandene bürgerliche Öffentlichkeit sozusagen durch freundliche Erlaubnis und Umarmung fesseln. Eine reizende Idee nicht ohne gegenwärtige Analogien; das Bürgertum wollte jedoch nicht nur schwatzen, sondern mehr, und war dabei durchaus auch hartnäckig, uneinsichtig und gewaltbereit. Selbst zur Macht gelangt, hatte und hat es ein durch Erfahrung gewitzigtes negatives Verhältnis zur Meinungs- und Gedankenfreiheit und erweiterte und verfeinerte die Methoden zu ihrer Begrenzung erheblich.
Begriffsentwicklung: Vom reflexiven (sich aufklären) zum transitiven Gebrauch (ich kläre dich auf), daher dann Ablösung der Aufklärung durch Volksaufklärung (und Propaganda), Nachfolgebegriffe "Heimatdienst" und "politische Bildung", denn das Volk ist immer noch uneinsichtig. Wenn einem zu viel Aufklärung widerfahren ist, ist man paradoxerweise abgeklärt, was man als Euphemismus für depressiv [Verlust von Hoffnungen und Lebenszielen, Einschränkung des geistigen Horizonts vorwiegend auf eine undifferenzierte Selbstwahrnehmung, Suizidgefahr] verstehen kann.
Merksatz: "Die vollends aufgeklärte Welt erstrahlt im Zeichen triumphierenden Unheils." (Horkheimer / Adorno)

Endzeit

Jedes legt noch schnell ein Ei / und dann kommt der Tod herbei ...

Irgendwann ist immer Endzeit, jedenfalls für uns. Und natürlich kann man auch argumentieren: was angefangen hat, muss aufhören, nur was nie angefangen hat, hört auch nicht auf. Zur Behauptung der Ewigkeit der Welt gehört zwingend eine Theorie ihrer Veränderung und Wandelbarkeit.

Wenn man also die Zukunft wüsste - altes Spiel: Stell Dir vor, Du wüsstest, wann es so weit ist, was würdest Du anders machen? Warum änderst Du es nicht jetzt gleich? - eine Möglichkeit, sich seine Prioritäten im Leben klar zu machen. Dito einen Begriff von Freiheit zu bekommen - deshalb denken Jugendliche ja auch routinemäßig über Selbstmord nach. Die wenigsten bringen sich dann auch um; schlimm genug.

Wechseln wir den Maßstab: Große Ereignisse werfen ihren Schatten voraus; das größte aller möglichen Ereignisse -

Jetzt wühlt er im Schoße der Erde -
Sie kracht! Sie kracht!
Und aller Säklen stolze Pracht
Versinket in schauriger Nacht ...
[Telemann / Ahlers, Der jüngste Tag]

- ist ja auch für Christen in der Offenbarung des Johannes genau beschrieben. [Die Interpretationen dazu - sowohl die offiziellen "mit kirchlicher Druckerlaubnis" wie die anderen - enthalten meist viel amüsanten und instruktiven Unfug.] Vorausberechnen oder vorhersagen, so lehrt die Erfahrung, nützt nichts, man muss erstens bereit sein und zweitens die Zeichen der Zeit richtig erkennen. [Todd Strandberg, ein Sergeant der US-Luftwaffe, bemüht sich seit Jahren mit seinem Rapture Index darum, quasi einem Index für die Sündhaftigkeit der Welt, aus dessen Konstruktion man allerlei lernen kann.] - Gegen das erste ist rein gar nichts einzuwenden (die Weisheit der unterschiedlichsten Kulturen empfiehlt eine "abschiedliche" Haltung, so zu leben, als könnte dieser Tag der letzte sein); das zweite wirft interessante philosophische Fragen auf - auch gut. Was nämlich qualifiziert irgendeine Tatsächlichkeit zum Zeichen der Zeit - oder auch bloß, wie man es in gegenwärtigen philosophischen Diskursen eine Nummer kleiner hat, zum Ereignis, oder wenigstens zum Pseudo-Ereignis?

Was also? Es kommt immer mal wieder vor, dass Leute sich von einem charismatischen Führer soweit beeindrucken lassen, dass sie an ein konkretes Datum glauben - denn dass es bisher nie gestimmt hat, beweist ja rein gar nichts. Es gibt keinerlei Sicherheit, dass es so weitergeht wie bisher - eine Binsenweisheit, die Fondsgesellschaften auch irgendwo kleingedruckt in ihren Anzeigen und Verkaufsprospekten unterbringen müssen, damit wirklich niemand kommen kann.

Also am nächsten Termin kann immer THE BIG ONE stattfinden, wie die Kalifornier sagen (auch die Einwohner von Tokio warten auf ein entsprechendes Großereignis). Und wenn jemand ganz dringend gerettet werden will ...

Ansonsten haben wir gerade einen signifikanten Termin passiert - das Jahr 2000 - und merkwürdigerweise haben die ganz normalen Medien - Spiegel, Stern, Zeit usw. - schon Jahre vorher Testballons losgelassen - "wäre es jetzt nicht Zeit für eine ordentliche Endzeitstimmung?" - war aber nicht viel an Besorgnissen zu entfesseln. (Man könnte hierbei darauf hinweisen, dass die letzte grße Angst, die vor einem atomaren Krieg während der 80er Jahre, noch gar nicht so lange zurücklag; man könnte auch spekulieren, dass zu Endzeitstimmungen nach den Vorbildern aus der Zeit von 1890 bis 1914 kulturelle und psychische Energien gehören, die wir nicht mehr besitzen, wie immer man das bewerten mag.) Selbst die realen computertechnischen Probleme (deren weit gehende Vermeidung ja richtig Geld gekostet hat) konnten eigentlich niemanden wirklich aus der Ruhe bringen. (Ich hatte mir ein paar Vorräte zugelegt - alte Forderung des Zivilschutzes, "Aktion Eichhörnchen" hieß das mal - und habe sie dann bis in den Mai 2000 hinein ohne Verluste aufgefuttert - für von Menschen inszenierte Pannen soll man auch wirklich vorbeugen, die kriegen das hin, dachte ich.)

Der nächste Termin ist dann 2012 (wg. Mayas Kalender), zwischenein taucht ein neuer Planet auf, gibt es einen Polsprung und natürlich auch das große Erdbeben. Wenn nicht, sind wir auch nicht sehr enttäuscht, wir sind ja Kummer gewöhnt.

Muss man überhaupt etwas dazu sagen, warum sich ein Weltende wünschen lässt? Ist ja schon eine leidvolle Veranstaltung, diese Welt, und zumindest subjektiv wird es schlimmer statt besser. Man orientiert sich hier am besten anhand der Science Fiction - es gibt den gelegentlichen Entwurf einer friedlich geordneten Liquidation, quasi Geschäftsaufgabe, wie in Ray Bradburys rührend zärtlicher Geschichte Die letzte Nacht der Welt (aus Illustrated Man), und niemand ist wirklich böse drum - ansonsten aber ein ganzes Subgenre von Survivor Stories - lassen wir doch die anderen abkratzen, ich und noch mindestens ein nettes Mädel bleiben übrig, Abenteuer gibts gratis, wär doch was. (Ein wunderbarer Zug in Stephen Kings The Stand, dass er seine Überlebenden reflektieren lässt: das reicht jetzt für hundert Jahre Atempause, dann geht die ganze Scheiße wieder los.)

Das Thema der Endzeit als Weltende hat viele schier unerschöpfliche Aspekte und Konsequenzen - und es hat mitnichten nur mit Angst zu tun, sondern immer auch mit Freiheit / Befreiung, und es führt seinen Trost mit sich. So ist es jedenfalls auch in der christlichen Tradition vielfältig ausgestaltet worden. Da gibt es auch für nicht religiös denkende Menschen manches zu bedenken - z.B. anhand von Walter Benjamins Metapher vom "offenen Himmel der Geschichte".

Ein "Neues Zeitalter" als Endzeit hingegen ist mit zahlreichen Paradoxien behaftet, dito mit der Erfahrung belastet, dass neue Zeitalter schon öfter ausgerufen wurden. Auch wenn wir heute durchaus zurecht das Gefühl haben, in einer Zeit wie keiner anderen zu leben, uns mitten auf einer Epocheschwelle zu befinden (oder schon darüber hinweg zu sein?), gerade dann sollten wir uns vor vorschnellen Definitionen des Neuen hüten - man erlebt ja doch immer wieder Überraschungen. - Nun haben Leute unweigerlich Vorstellungen von der Zukunft, und (mit einer schönen Formulierung Wolfgang Döbereiners) wer eine Vorstellung hat, der sucht auch Leute, die sie besiedeln. Viel Glück dabei.

"Esoterik" ist nicht "esoterisch"

Wie wahr, wie wahr ... und? Ein wirklich vertieftes Wissen (von den hier zur Rede stehenden Sachen) besitzen immer noch nicht richtig viele Leute - also könnte man sogar dem ursprünglichen Wortsinn nach die Schultern zucken und sagen: was wollt ihr denn, ist doch so. Und wenns denn wirklich esoterisch wird, dann randalieren die Kritiker ja auch gleich wegen "Geheimnistuerei".

Tatsächlich jedoch ist "Esoterik" zu einer gleichgültigen Branchenbezeichnung geworden - das, was beim Buchhändler unter diesem Schild steht. Demzufolge haben wir es mit einem Sammelbecken von unverbundenen und häufig einander widersprechenden Lehren zu tun, die seitens der hegemonialen Wissensbestände als ausrangiert und widerlegt gelten oder sonst in Opposition zu ihnen stehen. Sie haben durchaus ein gewisses geistiges Zentrum, das man als die Sehnsucht nach Heil und Heilung bezeichnen könnte - der Sehnsucht nach einer "integritas", "Unversehrtheit", und nie war sie so vermisst wie heute, kein Zweifel. - Mir wäre der altmodische (aus den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts stammende) Begriff "Lebensreform" durchaus lieber, weil sachgemäßer - aber auf Etiketten kommt es ja eben nicht an.

Die Konsequenz jedenfalls: Pauschal über "Esoterik" kann man eigentlich nur sprechen, wenn es um Marketing geht - es gibt sich überlappende Zielgruppen, es gibt einige relativ spezifische Vertriebsformen und -wege - ja. Doch sobald es um Inhalte geht, muss man die genauer bezeichnen - sonst spricht man von allem, d.h. von gar nichts. Dagegen wird man - wahrheitsgemäß - immer wieder auf der jeweiligen Eigenart bestehen.

Esoterik und Nationalsozialismus

Sich mit dem Nationalsozialismus zu beschäftigen, ist immer lehrreich, auch für Esoteriker, auch sie schließlich Menschen, die in einer konkreten historischen Situation befangen sind ... und glaubt man manchen Kritikern, dann sind wir eh alle kleine Nazis.

Doch enttäuschenderweise müssen wir gleich mit der Vorstellung aufräumen, der gesamte Nationalsozialismus sei eine okkulte Veranstaltung gewesen. Es gibt Bücher, die so etwas behaupten - dazu an anderer Stelle mehr - aber davon wird es nicht wahrer, weder auf oberster Führungsebene noch erst recht auf den darunterliegenden ausführenden Ebenen. Man war in der Regel ziemlich nüchtern und musste es sein - man konnte sich seine Waffen nicht von Zwergen und Elfen herstellen lassen. Das mussten schon Menschen tun. Sucht man nach esoterisch relevanten Aspekten des NS, so muss man bereit sein, Randbereiche zu betrachten, die dem durchschnittlichen Volksgenossen weder bekannt waren noch ihn sonderlich interessiert hätten.

Zunächst stolpert man allerdings über das, was man vor allem nach dem Ende der Naziherrschaft dann immer wieder gern "die Dämonie Hitlers" genannt hat. Ein außergewöhnlicher Mann, talentiert und tüchtig, zweifellos. Auch (wie Sebastian Haffner es schön ausgedrückt hat) mit der undisziplinierten Arbeitsweise eines Künstlers. Jemand, der sich gern auf die Vorsehung berief. Jemand, der Leidenschaften entfesseln konnte und ihm entgegengebrachtes Vertrauen auch rückhaltlos zu nutzen verstand. Über dem vielleicht alles, was er sich an Kräften aufgeladen hatte, später zusammenschlug. Sicherlich eine genauere Betrachtung wert, doch die Rede von seiner Dämonie kommt immer zu glatt und zu bequem, und so richtig es ist, die Massenveranstaltungen des Nationalsozialismus unter dem Begriff des Rituals zu untersuchen, okkult waren die diese Rituale ganz gewiss nicht. Im Gegenteil. [Ergänzung]

Was bleibt also? Der schlecht abgrenzbare Korpus "nationalsozialistischer Weltanschauung", wie er durch Massenorganisationen, Schulen und insbesondere die Jugendorganisationen HJ und BDM eine gewisse Breitenwirkung entfaltete. ("Unsere Sonnwendfeiern, die waren schon schön ...") Esoterisch war daran nicht viel. Eine aus politischen Rücksichten vorsichtig dosierte Feindschaft gegenüber dem Christentum und eine Propaganda für einzelne Stücke germanischen Brauchtums könnte so bezeichnet werden.

Ansonsten aber stand der Rassismus im Vordergrund - wir (kenntlich an zwei Dutzend Merkmalen des nordischen Menschen) sind die absolut Guten, die Juden sind die absolut Bösen, der Rest der Menschheit je nach Entfernung und politischer Opportunität mehr oder weniger minderwertig. Untermenschen wie die Slawen oder fremdartige potentielle Konkurrenten wie der Bündnispartner Japan, für den man sich auch nicht allzu eifrig interessieren sollte.

Dafür brauchten die Nationalsozialisten keinen esoterischen Beistand - derartiges Gedankengut war schon seit Jahrzehnten weit verbreitet. Nun, da man Andersdenkende vertrieben oder zum Schweigen gebracht hatte, konnte es sich als offiziell und allgemein darstellen. Ob es als solches auch akzeptiert wurde, sei dahingestellt; viel davon ist zweifellos geblieben und hat oft den schlechten Namen "Rasse" gegen unverdächtige Etiketten wie "Kultur" oder "Zivilisation" eingetauscht.

Für einen weiter gehenden "Okkultismus" oder auch nur intensivere weltanschauliche Beschäftigung von offizieller Seite der Partei oder des Staates stehen dann nur noch drei Namen - Alfred Rosenberg, Heinrich Himmler und Rudolf Heß. Rosenbergs Hauptwerk allerdings, der "Mythus des 20. Jahrhunderts", ist eine Kulturtheorie in der Linie, wie sie von Chamberlain und Spengler bis zu Samuel Huntington führt - und für esoterische Bestrebungen hatte Rosenberg herzlich wenig übrig. Es gab da in jeder Epoche so merkwürdige Mischlinge, heißt es anlässlich Pythagoras, der beim echten, edlen Griechentum nie habe Fuß fassen können - "So zog denn Pythagoras nach dem Westen, nach Süditalien, baute dort (ein antiker Rudolf Steiner plus Annie Besant) seine Mysterienschulen mit weiblichen Priesterinnen aus und galt im ganzen afrikanischen Umkreis, von wo die geschlechts-kollektivistische "Mysterien"-Lehre des Ägypters Karpokrates ihm fördernd entgegenkam, als Weisester der Weisen. Die Gleichheit aller wird wieder einmal vom demokratischen Tellurismus verkündet, Gemeinschaft der Güter und Weiber als Ziel hingestellt ..." (1934, 49) Alles iih-baba. - Und der Mythus? Der Mythus ist die Rasse, das Blut, was denn sonst, und weiter nichts. - Rosenberg bekleidete ansonsten im NS-Staat ehrenvolle, aber zunehmend einflussarme Ämter; das Gleiche trifft auf Heß zu, über dessen Auffassungen man herzlich wenig weiß (und darum umso besser spekulieren kann).

Bei Heinrich Himmler hingegen hat man es mit dem zweitmächtigsten Mann dieses Staates zu tun, und man kann ihm ein echtes, wenn auch reichlich wahlloses Interesse an esoterischen und okkulten Fragestellungen nicht absprechen. Man hat auch hinreichend Quellen, um die Art und Weise seiner Beschäftigung mit diesen Themen zu kennen - "ich habe gehört, soll doch mal jemand nachforschen" - wie jemand, der eine Wand abklopft, weil er eine Geheimtür darin vermutet - mal hier, mal da, überall klingt es hohl, aber nichts geht auf. Von "Wissenden" erwartet man anderes.

Hier sollte man übrigens auf ein weit verbreitetes und nahe liegendes Missverständnis hinweisen. Auf der Grundlage einer heutigen relativ liberalen und pluralistischen Öffentlichkeit (man kann fast alles sagen, denn es nützt doch nichts) achten wir auf begriffliche Zusammenhänge und die Affinität von Ideen - "das ganze braune Gedankengut". Das war allerdings den Führern der NSDAP ziemlich scheißegal. (Man kann es etwa in Mein Kampf ii,5 nachlesen.) Was sie interessierte, war eine direkte, "totale" ideologische Hegemonie: Was gelten soll, soll von uns kommen und unter unserer Kontrolle stehen. "Auch" völkisch-rassisch zu denken verlieh keinerlei Freibrief, sich eigenständig zu organisieren und sich öffentlich zu äußern. Diskussion wirkt nur zersetzend, und das brauchen wir doch nicht, oder? Entsprechend ist es auch kein Wunder, wenn die Vielfalt der esoterischen bzw. okkulten Äußerungen, wie man sie in der Weimarer Zeit hatte, ganz unabhängig von politischen oder weltanschaulichen Sympathien nach 1933 zunehmend schrumpft und alsbald bis auf wenige, kontrollierte Themen ganz verschwindet. "Die Wahrheit, das ist der Führer", und wer sonst noch etwas will, der stört bloß.

Dennoch gab es jede Menge praktischen, volkstümlichen Okkultismus von unten - Wahrträume, Vorahnungen, gefallene Verwandte, die sich verabschieden kommen, usw. So viele Gerüchte machende Astrologen, dass man es für sinnvoll hielt, ihnen die Betätigung mit Kriegsbeginn zu verbieten; es war auch nicht schwierig, die Karten gelegt zu bekommen, und das Handlesen kam ohne jegliche Hilfsmittel aus. Bei diesen - den vielleicht allein wirklich interessanten Erscheinungen im Zusammenhang - wird man zurückverwiesen auf eine grundlegend andere kulturelle Situation, deren Verstehen trotz aller Beschäftigung mit Quellenmaterial immer wieder an Grenzen stößt. Eine Zeit, die notgedrungen ein sehr enges Verhältnis zu Tod und Sterben hat, hat auch unvermeidlich ein anderes Verhältnis zur Transzendenz, ihren vermeintlichen Äußerungen und den Arten des Umgangs damit. Not lehrt nicht nur beten, aber niemand wird sie darum herbeiwünschen.

Fassen wir zusammen. "Hatte der NS esoterische Ideen, Theorien und Vorstellungen?" - Ja, sowas gab es dazu, so ungefähr, wie einem der Koch üblicherweise ein bisschen Petersilie auf das Schnitzel legt und dann denkt, damit sei es schon wieder mehr wert. Originell war es alles nicht, Folgen hatte es auch so gut wie keine. Wärs auch ohne gegangen? Höchstwahrscheinlich. Kann man von dem dort umgewälzten Zeug etwas brauchen? Im Prinzip ist nichts gegen die Aneignung herrenloser Güter zu sagen - aber diese Güter waren und sind halt nicht gut - sagen wir: sonst hätte es schon jemand getan, Zeit war ja genug.

Aber kann es übrigens sein, dass man mit der Denunziation der Esoterik als nationalsozialistisch - mit dem Einzeichnen von Hakenkreuzen auf alle möglichen geistigen Gebiete, die so dauerhaft versperrt werden sollen - "Salz auf die Stelle" - in Wirklichkeit das auslöschen möchte, was tatsächlich eines der zentralen Motive zur Esoterik ist, und was als Verprechen auch viele Menschen zum Nationalsozialismus hingezogen hat - die Sehnsucht nach Gemeinschaftlichkeit?

Gefährlich

Die Erde ist gewaltig schön / doch sicher ist sie nicht

Es sind schon schlimme Dinge passiert, sie können wieder geschehen - ja. Allgemein und im Durchschnitt sollte man jedoch auf sein Alltagswissen zurückgreifen und sagen: Ohne Gewaltanwendung kann man nur jemanden vernaschen, der / die auch vernascht werden will. Also Hände weg von Kindern (unter 18), und der Rest geht nur die Beteiligten etwas an.

Gewiss erlebt man ab und zu auch unangenehme Überraschungen. Free VD with every other Latin lover. Auch sonst ist oft mehr drin, hängt mehr dran - man wundert sich, wie tief der Kaninchenbau hinabführt. Und ob man je wieder das Tageslicht sieht. Natürlich gibt es auch Rhetorik und sonstige sprachliche Beeinflussungsmethoden - es geht ja gar nicht in erster Linie um "Psychotechniken", wie sie gewöhnlich verstanden werden - Drogen, Tank, Hypnose, Fasten, Hyperventilationsübungen u.v.a. - das Argument mit den einverständlichen Erwachsenen reicht eben gerade nur so und so weit.

Man kann dann zum "professionellen" Opfer konvertieren, vielleicht sogar zum / zur Sektenexpertin aufsteigen - solche Karrieren finden sich. Will man das nicht, dann ist Hilfe oder auch nur Trost rar - das Gefühl, etwas verraten zu haben, was doch zu 90% richtig und ungeheuer wertvoll war, bloß den Rest wollte man nicht mehr mittragen (obwohl man doch schon in soundsoviel Fragen eingeknickt ist, sich gefügt hat und mit einem schlechtem Gefühl dabei mitgetan hat), das ist einfach nur schlimm. Und dabei hat man doch sein Bestes gegeben - mindestens Lebenszeit, oft auch noch mehr, was einem wichtig und teuer war. Und wo isses jetzt. - Es ist eher ein Zeichen geistiger Gesundheit, sich hierbei auf sich zurückzuziehen und zu trauern, anstatt eine komplette Kehrtwende zu machen. Nach zehn Jahren sieht das alles anders aus.

Ein Tipp übrigens: Linke (oder die es mal waren) sollten das Problem und die unterschiedlichen Reaktionsweisen darauf aus den ff kennen. Wer leugnet, disqualifiziert sich selbst.

Die größte Gefahr besteht jedoch darin, dass man wirklich bekommt, was man hat haben wollen. Dass man wirklich sein Leben und sich ändert. - Gefahr? Ja. Für die Menschen um einen herum nämlich, die einen anders im Gedächtnis haben.

Geheimnistuerei

"Geheimnistuerei" ist durchaus Element von Marketingmaßnahmen, und nicht das beste. Auf die Wahrheit kann es kein Copyright geben. Doch darf man erinnern, dass auch in der Technik und Wirtschaft ist nicht alles open source ist; nicht umsonst z.B. klickt man sich vielmehr routinemäßig durch EULAs, die einem das reverse engineering und das dekompilieren streng untersagen. Dass Klarheit wünschenswert ist, ist ansonsten gar keine Frage - und man erfährt ja auch in der Regel eine ganze Menge, jedenfalls genug, um einem eine grobe Orientierung und Einordnung des Angebots zu erlauben. Und wer nicht fragt bleibt dumm.

Irrationalismus

Der Begriff hört sich bedrohlich an - er erinnert an die dunkleren Stunden des Mathematikunterrichts, an die verflixten Zahlen, die man nie ordentlich zu fassen kriegte. Immerhin sinnvoll annähern kann man sie ja - was zugleich auf einen ersten, in den Lexika prominenten Begriff von Irrationalismus hinweist, nämlich als der philosophischen Behauptung, am Individuellen, am "Dunkel des gelebten Augenblicks" zumal, entzöge sich immer etwas unserer Erkenntnis. Dem kann man leicht zustimmen und hat die Tradition auf seiner Seite, die "individuum est ineffabile" sagt, es sei unfassbar, davon gäbe es "nulla scientia", kein allgemeines Wissen - wie denn auch. Sogleich allerdings erhebt sich dann die Frage: Macht das was? Und die Antwort heißt zweifellos: nein. Die n-te Kommastelle kann keine Revolution machen und all unser Wissen in Frage stellen. (Natürlich können Menschen uns überraschen - sagen wir mit einem Amoklauf oder einem Blumenstrauß - aber das wissen wir doch, das steht doch auch nicht in Frage.)

Aber im Vergleich zum Begriff "Irrationalismus" sind die irrationalen Zahlen richtig handlich. Offenbar soll er ja eine philosophische (oder sonstwie geartete) Lehre bezeichnen, die nix von der Vernunft hält, ganz im Gegenteil. Hat Vernunft ein Gegenteil? Die Sprache sagt Ja: Unvernunft. "So eine Unvernunft von dem Bengel, konnte er nicht gucken, bevor er auf die Straße gelaufen ist." Mit Unvernunft also bezeichnen wir einzelne, lokale falsche Entscheidungen - wie falsch sie sind und ob überhaupt, da kann man noch drüber streiten, aber wie das Sprichwort sagt, die ganz und unstrittig Unvernünftigen sterben aus. Offensichtlich eine Sackgasse.

Dennoch gibt sie uns einen Hinweis: Vernunft wird als Sinn eines Subjekts begriffen. Unterliegt sie damit auch einer beliebigen Subjektivierung in "meine Vernunft" und "deine Vernunft"? Nein, will uns scheinen, denn Vernunft soll allgemein gültig sein und man kann doch öfters mal herausfinden, wer nun Recht hat? Kann man, klar, zwei mal zwei ist nicht fünf und pi ist auch nicht drei, so bequem das wäre. Doch damit sind wir wieder in den Fällen und haben automatisch das Thema verfehlt. Gibt es eine solche Entscheidbarkeit global, für alle Fälle? Nein, die gibt es nicht. Also gibt es Vernunft doch auch im Plural?

Die Vorstellung ist uns mitnichten fremd. "Der Mensch denkt, Gott lenkt" sagt das Sprichwort (und unter anderen Verhältnissen hieß das dann "die Genossen werden sich sicher etwas dabei gedacht haben"). Es gebe also über alle menschliche Vernunft hinaus eine Instanz, die die wahre Vernunft verkörpert - sie beweist sich als die wahre Vernunft aus dem Erfolg. Deshalb tun wir auch bescheiden, beten vor unseren Unternehmungen "Dein Wille geschehe", und wenn alles gut gegangen ist, und sagen wir hinterher "Non nobis, Domine ..." - Einige Philosophen haben diese Überlegung bis ins Extrem verfolgt: Da man Gott als reinen souveränen Willensakt auffassen muss, kann er nicht an irgendwelche Gesetzmäßigkeiten oder Notwendigkeiten gebunden sein - also wenn die Winkelsumme im Dreieck 180 Grad beträgt, dann weil Er das so gewollt hat; wären Ihm 181 oder 179 lieber gewesen, dann wäre es eben so. Wir können richtig froh sein, dass Er die Welt nach Maß, Zahl und Gewicht eingerichtet hat ... täten wir anders doch ganz schön dumm dreinschauen.

Die Frage nach der Vernunft mutiert uns so unversehens zu einer Frage "Wessen Vernunft gilt?", "Who's running the show?" - und die ist ja nicht ohne Sprengkraft. Wessen Gott? Oder die Natur per "egoistischer" Gene, die uns dann, wenn wir am Fenster stehen und tief im Blute fühlen, ihre Botschaften durchgeben? Oder am Ende gar die Goldbärchen von der Ostküste? Ja, nein, unentscheidbar? Eine These, es gebe da eine Vernunft, sie sei aber nicht unsere (manchmal erweitert durch: und sie sei von uns auch nicht zu erkennen), hat jedoch zweifellos nichts mit Irrationalismus zu tun - da ist man in einer ganz anderen Problematik. Wir sind jedenfalls auf der Suche nach dem Irrationalen wieder in einer Sackgasse gelandet.

Wo bekommen wir denn "Vernunft" global zu fassen? An einem realen Subjekt offenbar nicht, ganz gleich, wie geschickt auch einzelne Subjekte in ihrer Interessendurchsetzung sein mögen. Wir bekommen sie zu fassen an logischen und sonstigen Notwendigkeiten - es müssen 180 Grad sein, geht nicht anders. Damit bekommen wir auch endlich einen zumindest reell scheinenden Gegenbegriff: Was zufällig ist, braucht nicht vernünftig zu sein und ist es auch oft nicht. Dito, was gedankenlos, unter Verzicht auf Denken geschieht - der Psychologe Luke Rhinehart erzählt von einem Mann (The Dice Man, 1971), der irgendwann beschloss, alle Entscheidungen in seinem Leben durch Würfeln zu fällen - was ihn dann auch teuer zu stehen kommt, spätestens, als ihm der Würfel grünes Licht gegeben hatte, seine Nachbarin zu vergewaltigen.

Zweifellos irrational - aber ist so etwas für einen Ismus geeignet? Kann man eine Lehre daraus machen? Offensichtlich nicht, denn eine "Lehre" erfordert ihrem Begriff nach so ziemlich das Gegenteil von Zufälligkeit und Gedankenlosigkeit. Sie braucht Inhalte - Aussagen - von einer gewissen minimalen Kohärenz. Geht nicht anders.

Also gibt es doch wohl Lehren mit einem (und das reicht ja schon sehr weit) oder mehr Fehlern (die dann auch irgendwie aufweisbar und benennbar sein könnten)? Ebenso gibt es auch offensichtlich Lehren über Gegenstände, die sich einer nachprüfbaren Erfahrung entziehen, womit die Lehren dann zu subjektiven Bekenntnissen - "ich glaube (an) das und das" - werden (die man respektieren kann, ohne genötigt zu sein, sie sich zu eigen zu machen).

Aber einen Irrationalismus? Den gibt es offenbar nicht; und wer unbefangen von "Irrationalismus" redet, der muss es sich wohl gefallen lassen, dass ihm sein schicker Vorwurf auf "na ja, es passt ihm halt nicht in den Kram" herabgesetzt wird. Nicht seine Vernunft, nicht sein Sinn, nicht seine Meinung ... kommt ja öfters vor, dass man Meinungsverschiedenheiten hat, braucht man sich gar nicht so aufzuplustern und mit Schimpfworten um sich zu werfen. Oder meint da etwa jemand, er leite hier die Veranstaltung? Reden wir also wirklich nur über Machtansprüche? Da ist dann Gewalt nicht fern, die zu legitimieren schwer fallen dürfte.

N.B. Diese Argumentation ist (1) nicht originell, (2) bezieht sie sich sehr eng auf das Konzept eines Irrationalismus als Lehre. Die Frage eines rationalen Verfahrens ist hier großzügig als gelöst vorausgesetzt (was sie natürlich nicht ist), dito fallen natürlich "Vernunft" und "Wissenschaft" gar nicht selbstverständlich zusammen. Zu alledem gibt es unendliche Argumentationen ... mit denen man im Zweifelsfall seine Gegner nur überfordern würde.

Deutlich geworden sollte jedenfalls sein, dass es sich bei dieser Sache "Irrationalismus" um eine ausgesprochen komplizierte Angelegenheit handelt - und wer davon zu reden anfängt, sollte sich bitte auch zu Einzelheiten äußern. Nicht selten stellt sich dann heraus, dass es schon als irrational gilt, wenn jemand überhaupt unabgeleitete letzte Wertsetzungen hat, für die er auch ggf. sein Leben und soweit anwendbar seine Seligkeit geben würde. Da mag man vielleicht nicht viel von halten, aber es kommt doch (1) sehr häufig vor (gerade auch bei den Gegnern des Sektenwesens), (2) zwischen einer idiosynkratischen und einer gemeindlich geteilten und verbreiteten Werthaltung gibt es zwar erhebliche soziale Unterschiede in ihren Konsequenzen, aber keine rationale Entscheidungsmöglichkeit. Daran eben - dass nicht jeder die gleichen Werte hat - bewährt sich (3) Toleranz, im Rahmen der allgemeinen Gesetze.

Irrationalismus-Vorwürfe basieren ansonsten gewöhnlich einzeln oder zusammen auf drei fragwürdigen oder falschen Grundlagen. Da findet sich
(1) der platte Vorwurf der Nichtübereinstimmung mit zeitgenössischer Wissenschaft. Da muss man dann schon genauer hinsehen, um was es denn in der Sache geht - wirklich Falsches, durch Kompetenzüberschreitung von Wissenschaft in Verruf Geratenes, oder schlichter Aberglaube (den man, sofern harmlos, Leuten doch ruhig lassen soll).
(2) eine naive Ablehnung alles Mythischen als Modus der Wirklichkeitsaneignung - wissenschaftliche Vernunft also, die auf ihre eigene Reklame hereinfällt - und auf ihre Drohungen: Wenn sich nicht alles vernünftig durch Wissenschaft erklären lässt, au weia, dann gibt's auch Himmel und Hölle, und dann muss ich ja Angst haben. Da muss man dann halt aufklären ...
(3) eine (gar nicht so naive, aber falsche) Konzeption des Zusammenhangs von theoretischer und praktischer Vernunft. Man kann - in den endlichen Bereichen unserer Überschaubarkeit - leider viel Schlechtes wollen und tun und es ist deshalb noch nicht falsch. Richtig ist nicht einfach gut und falsch ist nicht einfach schlecht. Dennoch an eine Abbildbarkeit der Bereiche aufeinander und an ihre letztliche Übereinstimmung zu glauben ist der Vernunft überschwänglich. Und kein Argument. Und Optimierungsprobleme (darum geht es dann doch wohl) können Albträume verursachen. Tatsächlich, leider.

Rassismus

Im Zusammenhang mit Esoterik wird uns dieser Begriff in zweierlei Weise wichtig - in einer ignoranten und albernen, bei der einem immer wieder einzelne aus dem Zusammenhang gerissene Zitate irgendwelcher esoterischer Lehrer um die Ohren geschlagen werden und man aufgefordert wird, das dann äußerst übel zu finden, sich etwas zu schämen und sich hinfort nicht mehr zu mucksen. Rudolf Steiner ist hier als Zitatspender recht beliebt, aber andere kommen auch dran.

Man muss sich mit dieser Art Angriffen auseinandersetzen, auch wenn einen ihre simplistische Art ankotzen mag. Ja, soweit mir solche Zitate bekannt sind, haben die Leute das wirklich gesagt oder geschrieben. Zu einer Zeit, wo ein Denken in Rassen fester Bestandteil der zeitgenössischen Wissenschaft war, wo diskriminierende Maßnahmen bis hin zu massenhaften Morden z.B. in den afrikanischen Kolonien europäischer Länder eine unhinterfragte Selbstverständlichkeit waren. Genauso unbefangen und selbstverständlich ist der Begriff der Rasse auch in alltägliche esoterische Diskurse eingesickert. Eine Schande? Nun ja, Propheten müssen perfekt sein, wenn sie sich als so halbgescheit wie ihre Zeitgenossen erweisen, dann waren sie falsche Propheten. Bei einem einfachen menschlichen Lehrer wird man prüfen und das Gute behalten. Und man wird auf den Zusammenhang achten - einen Zusammenhang, der Spaltungen benennt, um sie einzuordnen in eine Entwicklungsperspektive auf ihre Überwindung hin.

Die zweite Fragestellung ist deutlich kniffliger und aktueller: Wie halten wir es mit der Standortgebundenheit von Vernunft? Die Frauen haben uns ja in den letzten Jahrzehnten immer wieder unter die Nase gerieben, dass es Dinge gäbe, die wir Männer nie verstehen würden oder begreifen könnten; vielleicht haben wir darin auch das Echo vielfältiger früherer Argumentationen gehört, genug, es reichte, um uns nachdenklich zu machen. Vernunft, so das tückische Argument, realisiert sich immer nur als verkörperte Vernunft, als konkrete Person in leiblich-geistiger Einheit, die ihre Einheit mit allen Menschen / der Menschheit darin findet, dass sie besondert, Teil einer besonderen Gruppe von Menschen, hier eben entweder Mann oder Frau ist.

Es ist einsichtig, dass dieses Argument beliebig erweiterbar ist ... ein bisschen Leichtfertigkeit vorausgesetzt, und gleich sind wir nicht nur bei den Negern, sondern auch bei arteigener Religion und bodenständiger Esoterik als Manifestation unserer Rassenseele. Was sagen wir also zu einer solchen Argumentation am handlichen Beispiel?

Wir kratzen an der pseudo-plausiblen Konstruktion der "verkörperten Vernunft". Jawohl, es gibt Erfahrungen, die das jeweils andere Geschlecht nie machen wird. Erfahrung heißt dabei nichts anderes, als dass das Jeweilige für sich zum Gegenstand des Bewusstseins werden kann. Da ist nicht nur ein Drücken hier und ein Ziehen da, irgendeine unspezifische Leibempfindung, sondern "das ist eine Bewegung meines Kindes in mir". Das schließt viel aus, was als "Unbewusstes" dennoch Einfluss auf unser Handeln haben wird: es gibt da immer ein Dunkel, aus dem wir leben - oder vielleicht auch nicht, es wäre ja kein Dunkel, wenn wir darüber Bescheid wüssten. (Eine Paradoxie, die interessante Konsequenzen hinsichtlich der Psychoanalyse hat.) Sobald es dir aber zur Erfahrung wird, können wir darüber sprechen; das beinhaltet Verluste und muss keineswegs zu Verstehen führen ... aber es löst die Erfahrung aus der konkreten Leiblichkeit heraus, überschreitet sie auf ein Allgemeines hin.

Das hat unmittelbare Rückwirkungen auf die Charakteristik von Leiblichkeit selbst - "der Körper ist keine Sache, sondern eine Situation" (Merleau-Ponty), und sofern wir nicht gerade im Koma liegen, sind wir beständig dabei, diese Situation in Worten und Taten auf Allgemeines hin auszulegen. Ohne dabei je aus unserer Haut zu können - und mit dieser Spannung leben wir halt, öfters recht vergnüglich.

Wo sind wir dabei, was ist wir dabei? Doch offenbar der gesamte Prozess ... und wenn wir versuchen, uns als "Wesen" oder "Identität" an einem seiner Momente festzumachen, dann geraten wir in Widersprüche und unabschließbaren Regress.

Die Sache ist klassisch an einem anderen Beispiel erörtert worden: In Hegels Phänomenologie des Geistes findet sich ein Kapitel über Physiognomik und Schädellehre (Phrenologie), also über Lehren des späten 18. Jahrhunderts, die beanspruchten, das Wesen eines Menschen an seinen Gesichtszügen bzw. am Knochenbau seines Kopfs definiert finden und ablesen zu können. "Der Geist ist ein Knochen", mit diesem Satz fasst Hegel die Aussage der Phrenologie zusammen, und er geht auf diametral entgegengesetzte Weise mit ihm um. Ja, sagt er, der Geist ist ein Knochen. Er muss sich körperlich realisieren, von einer Existenz als körperloser Geist haben wir kein Bewusstsein. Auch die höchsten Gedanken können nur in einem Fleisch gedacht werden, das recht unerfreuliche Aspekte hat und jedenfalls nur begrenzt haltbar ist. Sollte jedoch jemand auf die Idee kommen, diesen Satz so zu verstehen, als sei der Geist nichts als der Knochen, reduzierbar auf den Knochen, fährt Hegel fort, dann sollte man ihm den Schädel einschlagen - als Demonstration des Fehlers, und auch wg. Dummheit und Unverschämtheit.

Was man mit jemand machen sollte, der sagt "der Geist ist das Blut" oder "der Geist ist die DNA" ... hm, aber so einfach macht es uns ein trainierter Rassendiskurs wie der Rosenbergs (siehe oben) doch nicht. Denn seine Argumentation versucht zu nahe liegenden Einwänden aus dem Weg zu gehen, indem sie gewissermaßen korrelierend vorgeht: Hier die leiblichen Besonderheiten, Artung, Rasse; da kulturelle Besonderheit (und nach einem großzügigen Raubzug durch die Kulturgeschichte heißt es dann: alles Große gehört natürlich uns). Etwas muss den Zusammenhang stiften - die Rassenseele, die wir zwar nur an ihren Manifestationen erkennen, aber da wir doch den (herbeigeredeten und gefälschten) Zusammenhang haben, muss der ja auch in etwas begründet sein ... die Argumentation hinkt auf beiden Beinen.

"Seele aber bedeutet Rasse von innen gesehen. Und umgekehrt ist Rasse die Außenseite einer Seele." (1934, 2) Damit wird auch der Begriff "Seele" zweideutig - sie ist schon immer ihrer Rasse entsprechend, soll aber gleichzeitig erst noch so werden, muss dazu erweckt werden, dann entsteht der Wille zur Einordnung in das Höhere. "Die stärkste Persönlichkeit ruft heute nicht mehr nach Persönlichkeit, sondern nach Typus ..." (531), also geradewegs nach Entpersönlichung, was eine wesentliche Tendenz der Moderne richtig wiedergibt. Aber lassen wir die Paradoxien dieser Verwirklichungsproblematik (die uns aus harmloseren Zusammenhängen bekannt vorkommen sollten) beiseite und konzentrieren uns auf die Duplizität von Seele - einerseits Rassenseele, überindividueller "ewiger Gehalt" (und ein ewiger Gehalt ist immer einer, der so ist, weil er so ist, unvermittelte Setzung; es ist klar, dass man gerade hier dann den Begriff "Kultur" einsetzen kann) - andererseits aber quasi als Hohlform schon vorhanden, exklusiv bei uns (jemand anders braucht gar nicht erst zu streben) - und der Geist ist doch ein Knochen. Nein, danke.

Mit dem Rekurs auf Hegel und mit dem Begriff Geist (auf den wir doch nicht so leicht verzichten möchten?) geraten wir allerdings in ein wohlbekanntes geistesgeschichtliches Schwerefeld - das des Christentums. Es lehrt ja den Geist als nun - seit, nach Christus - angemessenen Ort der Verehrung Gottes, das Universale als allen Völkern angemessen und zugewiesen. So hat er uns ja auch den Tröster gegeben; und tapfer gegenüber den konkreten Vorstellungen von Fleisch und Bein lehrt das Christentum auch gleichzeitig die Leiblichkeit dieses Geistes, indem es von der Auferstehung des Fleisches spricht. - Gewiss enthält es auch Keime einer gegenläufigen Interpretation, die Psychiker und Pneumatiker, natürliche und geistige Menschen trennt, und wer nicht von oben neu geboren ist, der braucht gar nicht erst mitreden wollen. In der Kirchengeschichte haben sich diese Widersprüche reichhaltig entfaltet, und es ist wichtig, sie sich vor Augen zu führen. Sätze wie "alles, was Du Dir so ausdenkst, kann ja nichts wert sein" gewinnen ihre reflexhafte Eingängigkeit und Plausibilität auf der Grundlage dieser Tradition.

Daraus stellt sich zweifellos die Frage, ob wir diese Selbstinterpretation des Christentums als epochemachend - zu einem Zeitalter des Geistes hin - übernehmen müssen. Wenn Ja - und vom Innern unserer Kultur her kann die Antwort nur Ja sein - dann hat es uns auch entscheidend gelehrt, was denn überhaupt Religion sei. Damit ist auch unsere Esoterik, einschließlich der schwärzesten Magie, immer noch eine christliche Esoterik, sozusagen auf christlichen Rechenkästchen mit ganz viel Kreuzen eingeschrieben und in diesen Koordinaten verortbar. - Ich rede damit keinem kulturellen oder geistesgeschichtlichen Apriori das Wort - wir können diesen Zusammenhang ja einsehen, wir können ihn auch mühelos empirisch erkunden, indem wir etwa unseren muslimischen Nachbarn oder Kollegen über seine Religion befragen, vergleichen und uns wundern - und wir haben, wenn wir es angemessen lesen, ja selbst in Gestalt des Alten Testaments ein Beispiel einer anderen Konzeption von Religion ererbt. Wir können auch aus diesem Zusammenhang austreten ... aber dann müssen wir aus sehr viel mehr austreten als nur aus einer Religionszugehörigkeit - so gut wie keine unserer Regeln und Begriffszusammenhänge gilt dann mehr. Da stehen dann ganz andere Sterne am Himmel.

Womit wir hinterrücks doch wieder beim Thema einer arteigenen Religion sind. Wir hätten also unsere Artung (und damit wir nicht wie oben in Teufels Küche kommen, sagen wir - nach dem Vorbild völkischer Theoretiker des frühen 20. Jahrhunderts -: Artung ist Willensgemeinschaft, "wir wollen uns" - der Mensch ist ja frei, er könnte ja quasi auf einer grünen Wiese ein neues Leben, eine neue Gemeinschaft anfangen) - und wie, bitte, kommen wir dann zu einer Religion? In was treten wir dann ein? Der offensichtliche Einwand dagegen ist natürlich, dass man zum uralten, unterdrückten Wissen zurückkehre - da wieder anknüpfe und weitermache, wo die Tradition durch die Christianisierung abgebrochen sei.

Nur dass dies eben ganz offensichtlich unmöglich geworden ist, nicht nur wegen der Dürftigkeit unseres Wissens über die vorhergegangenen Lebens- und Denkformen. Jeder Versuch einer Fortsetzung erfindet, und je weniger er sich über dieses Erfinden Rechenschaft gibt, um so mehr wiederholt er unwissentlich, und zwar unbefragt aus Gütern eben der Tradition, von der er sich absetzen möchte. Und eine solche unwissentliche Wiederholung hat unvermeidlich einen widerwärtigen, obszönen Charakter - wie wenn uns jemand nachäfft. "Ohne Juda, ohne Rom / bauen wir Germaniens Dom" - so ein völkischer Wahlspruch von vor 100 Jahren. Was für ein Dom? Braucht den jemand?

Man könnte diese Argumentation recht vielseitig entfalten; ich breche hier ab, da es mir nur darum ging, deutlich zu machen, dass es hier ein Problem gibt. Vielleicht sollte ich die Konsequenzen wenigstens so andeuten: Wäre ich der Überzeugung, dass das Christentum sich erschöpft hätte - es gibt Leute, die das glauben, und ich kann das durchaus respektieren - dann hätte ich es gar nicht eilig mit einer anderen Religion. Eine gewisse Liebe zur Erde und zur Natur überhaupt, ein Respekt vor der Finsternis - so etwas ist uns - allen Menschen - mitgegeben, und es könnte reichen. Alles Weitere dürfte Zeit haben, sehr viel Zeit.

Sektenberater

Ein Sektenberater berät nicht Sekten, sondern meist unter dem Anschein der Unparteilichkeit gegen Sekten [und wer mir/uns nicht passt, ist ...] und stattet sie mit übler Nachrede und einem schlechten Ruf aus. Sein Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass auch auf religiös-ideologischen Gebiet die Bäume nicht etwa in den Himmel wachsen; eine vollständige Erfüllung dieser Aufgabe (im Sinne von Spalierobst) gelingt zwar heute nur noch selten, doch haben die einschränkenden Eingriffe durchaus Verkrüppelungen und Misswuchs an Sekten und ihren Mitgliedern zur Folge. Sektenberater müssen gut aufpassen, dass sie weder Rechts- noch Linksberatung anbieten; da sie in der Regel große Institutionen im Rücken haben, riskieren sie aber auch gerne mal etwas.
Ihre negative Tätigkeit verbinden Sektenberater oft mit der positiven des Apologeten (wörtlich: Verteidiger, frei: Werbetexter), wobei dann unvermeidlich ihre Parteilichkeit offen zum Vorschein kommt. In dieser Seite ihrer Tätigkeit mag man sie ja auch nicht weiter kränken und behindern (auch wenn man sie nicht allzu hoch wird schätzen können); so war ja auch "Apologetische Centrale" zweifellos ein ehrlicherer und anständigerer Name für die Institution, die heute "Evangelische Zentralstelle für Weltanschaungsfragen" [EZW] heißt.
Merksatz: "Hier können Sie sich braten lassen!" (Joachim Fuchsberger)

Verbraucherschutz

In vielen Bereichen ist es sinnvoll, bestimmte Anforderungen zu setzen und ihre Einhaltung auch zu überwachen - hygienische Vorschriften für Gaststätten und in der Lebensmittelproduktion, Vorschriften für die elektrische Sicherheit von Geräten, regelmäßige technische Überprüfung von Automobilen. Das ist alles nicht selbstverständlich (anders ginge es auch), es macht die regulierten Produkte und Dienstleistungen teurer, es ist auch nicht wertneutral - wer hat nicht schon einmal gedacht, der TÜV sei nur dazu da, das Kfz-Gewerbe durchzufüttern? - aber den Kosten steht ein einsehbarer Nutzen gegenüber - schlichtes technisches Versagen ist als Ursache von Autounfällen doch relativ selten geworden.

Bei jeder weitergehenden Regulierung wäre ebenfalls eine solche Analyse von Kosten und zu erwartendem Nutzen zu erbringen. Die fehlt - kein Wunder, wie sollte man es bei diesem Thema auch anstellen? Doch darüber hinaus gilt dann nur noch der Satz, dass ein funktionierender Wettbewerb der beste Verbraucherschutz ist. Und die Gefährdung des Wettbewerbs geht immer von den Großen aus, nicht wahr?

Nun geht es hier freilich nicht um Autos oder Elektrogeräte. Es geht um sehr wichtige Fragen, die jeden Einzelnen von uns intim betreffen - mein Leben, meine Gesundheit, mein Sinn. Fragen, die man auch nicht einfach als Luxus abtun kann. (Selbst die Rationalisten in der vulgärsten Form, die einem immer die Faust des "is ebem so" reinschmettern wollen, "Pech gehabt", fertig - selbst sie bezeugen in der Vehemenz ihrer Äußerungen wie viel Kraft es sie kostet, nicht darüber nachzudenken.) Und gerade hier heißt es dann: Der Bürger ist dumm (natürlich, grundsätzlich; so dumm, wie ihn der Staat und die Medien gemacht haben), die Experten sind schlau, man muss sich ihrer Führung anvertrauen, blindlings. Unverschämtheit? Ist es wohl. Und man kommt nicht um den Verdacht herum, dass hier eben nur jemand selber Guru anstelle des Gurus sein will.

Man darf sich da nicht verwirren lassen. Immer wieder findet sich die Anmaßung verpackt in einen Diskurs wie "wenn er /sie nicht vermindert zurechnungsfähig gewesen wäre, dann hätte er /sie doch nie ... xyz getan" - denn es ist doch offenkundig, dass ... xyz Scheiße/Betrug sein muss - so, "offenkundig"? Nein, bei den wenigsten Fragen in unserem Zusammenhang kann hier etwas für ausgemacht und offenkundig gelten, und deshalb braucht man auch nicht blöd zu sein, um abweichende Ansichten zu haben. Man darf sich offen dazu bekennen - is eben so, "ich bin anders verrückt als ihr". - "Diese verminderte Zurechnungsfähigkeit ergibt sich als Folge von Psychotricks" ... oh ja, eure Tricks kennen wir auch schon. Und man kann euer Klient werden, statt der von jemand anders - frei zu werden kann man nur selbst riskieren.

Auch das beliebte Argument eines "moralisch verabscheuenswürdigen Geschäfts mit einer Notlage" wirkt unter diesem Blickwinkel recht zwielichtig.

Es gibt eine interessante politische Nebenfrage: Wie fürsorglich kann / sollte der Staat sein? - Hm, dabei gibt es allerlei zu überlegen ... - aber man kann sich gewissermaßen einen Überblick verschaffen, indem man sich klar macht, dass Fürsorglichkeit, "Schutz" nur die freundliche Seite von Herrschaft ist. Und die will verantwortet werden. Wir wissen, wie dürftig es gerade damit in unserer Republik aussieht. Warum dann Gehorsam?


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