Es ist nicht in erster Linie der biedere Alltagsverstand, der hier auf Propaganda macht - der zuckt (solange man ihm keinen Floh ins Ohr gesetzt hat) die Schultern, fragt: Was geht's mich an? Er hat einzelne Ressentiments, bei denen er auch leidenschaftlich wird, doch an sich ist er tolerant (allerdings auch leicht neidisch), so lange sich ihm und seinen Interessen nichts in den Weg stellt ...
... und genau das wird man ihm immer wieder versichern müssen: Wir tun dir nichts. Du musst nicht dran glauben. Keine Konkurrenz zu deinen Anliegen. Ja klar, der Mensch muss auch essen. Mir schaffe au für onser Geld ...
Wo er sich von Konkurrenz bedroht sieht oder wo ihm ein schlechtes Gewissen über die Schulter schaut, da kann er rabiat werden. Was dann zum Vorschein kommt, ist die Position des kämpferischen Atheismus des 19. Jahrhunderts, der vulgärmaterialistischen Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts, Ernst Haeckels, Ludwig Büchners. Ist die Seele ein Gas? Kann man sie verflüssigen? Wie viel wiegt sie? Ist doch alles Blödsinn, was ihr da erzählt! Teile des dort geschürten Misstrauens und der damals installierten Vorurteile wirken bis auf den heutigen Tag fort. Die Welt muss geordnet, geschlossen und nachvollziehbar durcherklärt sein, das gibt ihm ein Gefühl von Sicherheit - welches man gerade so sehr darum braucht, weil das in Wirklichkeit ja gar nicht der Fall ist.
Da ich nichts von Mission halte - zur richtigen Zeit werden Leute auch die richtigen Fragen stellen - kann ich nur raten, derartige Konfrontationen zu vermeiden, notfalls abzuwiegeln und auch kleinere Provokationen auf sich beruhen zu lassen.
Es gibt im wesentlichen drei Gruppen, die einen hier beschäftigen müssen:
Bei den ersten beiden Gruppen liegen die materiellen Interessen - was man sonst ja auch als "niedere Motive" bezeichnet - ihres Handelns auf der Hand - das eine Wort Futterneid reicht aus, um sie zu kennzeichnen. Erschwerend kommt allerdings hinzu, dass es sich um Vertreter von Berufsgruppen handelt, die grundsätzlich zu einem hohen moralischen Standard in ihrer Tätigkeit verpflichtet wären und denen in der Bevölkerung ein entsprechendes Vertrauen entgegengebracht wird.
Man wird dennoch nicht leugnen, dass es sich hierbei vielfach auch um Überzeugungstäter handelt - und man hat das ja auch bei den Terroristen der RAF z.B. als erschwerendes Moment genommen. Zum Teil glauben sie ja das, was sie verzapfen - ja, ja, wie blöd muss man sein? - aber zum Teil glauben sie wirklich dran. Es gibt genug Nischen und Winkel in dieser Gesellschaft, wo man sich vor der Wahrnehmung ihrer grundsätzlichen Verlogenheit und ihres Betrugscharakters verstecken kann, wo man bei hinreichender Genügsamkeit in seiner Betätigung Sinn finden kann.
Zu anderen Teil ist aber ihre Überzeugung einfach die blinde Loyalität zu ihrer Institution - komme was mag, ich stehe zu meiner Kirche. (Äh-hem, oft genug ja auch der Arbeitgeber, und wo soll sich ein Pfarrer sonst umtun? Lehrer gibt's genug und zuviel. Vertreter werden? Doch ein ziemlicher Abstieg! Apologeten für Waschmittel? Die gibt es schon ... und sie sind oft witziger, einfach rundrum besser, effektiver ... keine Frage, da ist kein Raum mehr frei. - Einflussagenten in Brüssel, mit salbungsvoller Stimme sprachenkundig die Interessen beliebiger Industrien vertreten? - Ach, da gibt es doch schon Zigtausende, man wartet da nicht auf Nachwuchs, auf Quereinsteiger schon gar nicht.)
Tröstlich ist bei einigen von ihnen, dass sie ihre aus Überzeugung betriebene und auf Überzeugung ausgerichtete Arbeit (wie soll ich jemanden entzünden, ich brennte denn selbst?) nach der Art einer bürokratischen Routine verrichten - it's just the job, sagen viele von ihnen (gleichbedeutend mit: es muss ein Privatleben geben, Grenzen des Engagements wie für andere Menschen auch) - ich als Person brauche mir kein Gewissen daraus zu machen. Es ist ja auch eine undankbare Aufgabe immerfort "nicht bewegen" zu predigen, Gürtel und Hosenträger einer an Auszehrung leidenden Institution zu sein. So liefert ihre Arbeits- und Lebensweise ein heimliches Anerkenntnis des Falschen in ihrem Gewerbe - und zu so etwas kommt keine Inspiration, kann gar nicht.
Doch wenn sie denn "eiferten", wie die Bibel das nennt (es wäre schwierig, auch im Hinblick auf ihre Stellung in ihrer Organisation, aber gelegentlich sieht man Ansätze dazu), dann kämen vielleicht finstere Gestalten dabei heraus, wie die Reformatoren oder Ignatius von Loyola - Menschen, von denen man bei allem schuldigen Respekt doch lieber Abstand hielte.
Aber alle diese Bemerkungen zeugen nur von meiner eigenen melancholischen Anhänglichkeit an eine der großen Kirchen. Zu so etwas neige ich generell - ein Land voll Lieb und Leben? Könnte ich mir vorstellen und hätte ich schon gern. Darin eine Gemeinde, wo man sich freundlich begegnet, wo man sich auch mal fest hält, wenn das Meer der Zeit gerade hohe Wellen schlägt? Würde ich gerne dazu gehören und auch etwas dafür tun. Ist halt nicht.
Der Umgang mit Theologen bzw. religiös motivierten Menschen ist relativ einfach. - Sie haben Ihren Weg gefunden, das ist schön für Sie. Ich / wir wollen Sie dabei nicht stören, aber Sie wissen ja, viele Menschen können Ihren Weg nicht mehr mitgehen. Tja, schade eigentlich, aber ist so. Für diese Menschen muss es doch auch etwas geben, nicht wahr? Ich / wir nehmen Ihnen ja nichts weg, was Sie nicht schon verloren hätten ...
Sachliche Auseinandersetzungen sollte man unter dem Vorurteil angehen, dass diese Leute im Zweifelsfall gut informiert sind (wenn sie davon auch einen eher einseitigen Gebrauch machen werden) und ihre ps und qs schon auseinanderhalten können. Man sollte sich seiner Sache dann schon sehr sicher sein, und da man als Privatmensch und dissident Gläubiger nicht für das Sammeln von Informationen bezahlt wird, sollte man sich der Grenzen seines Wisssens auch nicht schämen. Mag ja sein, dass es viel Schlechtes auf der Welt gibt, kein Wunder, das erwartet man ja gar nicht anders, aber das eigene Anliegen, bittschön, das kennt man selbst am besten, und das gehört nicht dazu, das ist in Ordnung. Punkt.
Psychologen und Psychotherapeuten sind ein massives Problem und der Umgang mit ihnen ist durchaus nicht einfach. Sie stellen auch die aggressivsten Kritiker - Leute wie Colin Goldner, Hans-Jörg Hemminger (nomen est omen) oder Michael Utitz (die letzten beiden übrigens für die evangelische Kirche tätig; Goldner, von dem es heißt, er halte Religion einfach für Unsinn, lässt sich gelegentlich auch von ihr in Anspruch nehmen, ebenso wie der Religionswissenschaftler Zinser, von dem der Ausspruch bezeugt ist, "Kirche, das ist ja nur der offizielle Okkultismus").
Vielleicht sucht man am besten im Internet nach den Namen und liest sich einige der Texte dieser Leute durch (sie sind reichlich vorhanden). Der Stil, heißt es, sei der Mensch - nun, wie schreiben sie? Selbstsicher und entschieden (denn sie wissen ja tatsächlich allerlei), gelegentlich auch maßlos (denn sie sind Experten und Experten müssen auf alles eine zweifelsfreie Antwort haben). Aggressiv, misstrauisch, ganz in der Logik einer Kriegführung, in der Gefangene nicht gemacht werden, denn das können ja doch nur böse Menschen sein, vor denen man aufgerufen ist, irgendwelche armen Opfer zu retten.
Die Agenda ist zwar von Fall zu Fall unterschiedlich akzentuiert, Kernpunkt aber ist immer: Psychotherapie / Seelsorge gehört in die Hände einer wissenschaftlich ausgebildeten Fachkraft (denn es ist ja alles so "gefährlich" - Scheibenkleister: nicht halb so gefährlich und auch nicht halb so wirksam! - und es gibt auch viel Betrug). Nun gut, die wissenschaftliche Psychologie ist die geistige Heimat dieser Leute, nicht zu beanstanden, wenn sie Partei für sie nehmen. Ob eine wissenschaftlich fundierte Psychotherapie allerdings (1) überhaupt und (2) im Rahmen des Systems psychosozialer Versorgung, wie wir es in der BRD haben, das leisten kann, was ihr hier alles anheim gestellt wird, ist eine Frage, die man durchaus problematisieren kann.
Hinzu kommt - das ist eine generationstypische Haltung - ein linksliberaler oder eher sozialdemokratischer Grundzug: Für das Soziale (mag es auch klebrig sein und schleimig süß wie ein warmer Honigkuchen) und seine Slogans, ein ablehnendes Verhältnis zu Autorität, ein Vorurteil für Rationalität und rationale Begründbarkeit, und eine Neigung, alles, was man ganz übel findet, mit dem Faschismus / Nationalsozialismus in Verbindung zu bringen. - Gar nicht so ins Bild passt die Bereitschaft mancher dieser Leute, auch mit staatlichen Instanzen und juristischen Mitteln zu drohen - man sollte sich gut überlegen, was man über sie sagt oder schreibt.
Diese Leute schreiben viel, und unvermeidlich kommen da auch gelegentliche Patzer vor - sachliche Fehler, logische Laufmaschen, überzogenen Geltungsansprüche. Da kann man dagegen protestieren (und gegebenenfalls hinzufügen: wenn das schon so ist, was soll ich denn vom Rest halten?) - für was immer das gut ist - auf einen konstruktiven Dialog mit ihnen kann man nicht rechnen.
Sollte es doch dazu kommen, dann liegt meines Erachtens die beste Chance dafür, ungeschoren wieder daraus herauszukommen und ggf. auch vor Publikum gut auszusehen darin, hartnäckig nachzufragen und auf Klärungen, auf Genauigkeit zu bestehen, und dann zu relativieren. Was meinen Sie denn nun damit? Was stört Sie daran? Ist das denn immer so? Sie beanspruchen also ... sehe ich das richtig? Was heißt das im konkreten Fall ... ? - Wie oft, denken Sie, kommt so etwas vor? Warum glauben sie, dass das typisch ist? Dass das immer so sein muss? Wie verträgt sich Ihre Position mit dem Prinzip / dem Leitbild von ... ?
Zu beachten: Wenn es sonst grundsätzlich sinnvoll ist, gemeinsame Grundlagen und Interessen mit Gesprächspartnern zu suchen (und zu konstruieren), dann kann sich das hier kontraproduktiv auswirken - wenn man sagt "wir wollen doch auch ..." dann springt ihr Misstrauen an, und wenn man sich sonst irgendwie gleichstellt, dann kommt das erst recht nicht gut. "Was Friseure können, können nur Friseure." Da bestehen sie auch drauf.
Mit Betroffenen, der dritten Gruppe, hat man schonender umzugehen, man hat bei diesen Menschen zu respektieren, dass da wirklich problematische Erfahrungen gemacht worden sind; ebenso wird man respektieren müssen, dass der "Verlust" eines Sohnes oder einer Tochter aus dem elterlichen Lebens- und Planungsgefüge wirklich Leid mit sich bringt, so verkehrt auch die zu Grunde liegenden Besitzansprüche und Verfügungsrechte waren.
Man wird da allerdings fast unvermeidlich auch auf Hintergedanken kommen hinsichtlich dessen, worin denn nun das Leid besteht - so ein abhanden gekommenes und zu einem von den eigenen Werten abweichenden Weg entschlossenes Kind, vielleicht auch mehr als nur ein bisschen hinausgedrängt aus der Familie und verführt oft nur zu etwas, was er oder sie im Kern wollte, konfrontiert die Angehörigen mit der ganzen eigenen Unentschlossenheit, dem für Unterhalt und Lebensstandard um mäßigen Preis verkauften Leben. Da gibt es allerlei abzuwehren und zu verdrängen, da tobt das Man und möchte nichts neben sich haben; Vernunft und Wissenschaft liefern ihm dabei gern seriöse Vorwände. Nun ja - zur Sprache bringen kann man das nicht.
Eltern sehen ihre Kinder überhaupt häufig als einen Marschflugkörper, abgefeuert auf Ziele, die ihnen erstrebenswert erscheinen und die sie vielleicht selbst nicht erreichen konnten. Da geht dann öfters viel daneben, und das resultierende Unglück auf beiden Seiten ist psychotherapeutisch solches Standardfutter wie der Ölwechsel an einer Tankstelle.
Im Umgang mit solchen Menschen wird man vor allem zuhören müssen und dabei das Besondere ihres Schicksals anerkennen und bestätigen müssen. Natürlich wird jede Betroffenheit auf die Dauer auch zur Routine, beliebig ohne Tränen abrufbar. Das werden sie aber nie als Einrede gelten lassen. Ihren Äußerungen liegt letztlich eine Überzeugung der folgenden Art zu Grunde:
"Jedes Verhalten der Art abc wird immer und unvermeidlich zu dem Resultat xyz (das ich an mir oder an mir nahe stehenden Menschen als leidvoll und schädlich erfahren habe oder dafür halte) führen."
Ja sagen. Ja. Ja, so kann das enden. Und das ist dann nicht leicht. Man kann sich da nicht gut damit abfinden. Manchmal kommt es so. Wenn nämlich ... - es kann aber auch ganz anders auskommen. Ich habe das anders erlebt. Usw.
Wenn einem allerdings ausgewiesene Christen mit dem Problem der "auseinandergerissenen Familien" kommen, dann sollte man sie doch schon an Jesus erinnern, der für dieses Argument gar nichts übrig hatte.
Meint nicht, daß ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen; ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und des Menschen Feinde [werden] seine eigenen Hausgenossen [sein]. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig; und wer nicht sein Kreuz aufnimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig. [Mt. 10, 34-38]
Denkt ihr, daß ich gekommen sei, Frieden auf der Erde zu geben? Nein, sage ich euch, sondern vielmehr Entzweiung. Denn es werden von nun an fünf in einem Haus entzweit sein; drei werden mit zweien und zwei mit dreien entzweit sein: Vater mit Sohn und Sohn mit Vater, Mutter mit Tochter und Tochter mit der Mutter, Schwiegermutter mit ihrer Schwiegertochter und Schwiegertochter mit der Schwiegermutter. [Lk. 12,51-53]
Es ging aber eine große Volksmenge mit ihm; und er wandte sich um und sprach zu ihnen: Wenn jemand zu mir kommt und haßt nicht seinen Vater und seine Mutter und seine Frau und seine Kinder und seine Brüder und Schwestern, dazu aber auch sein eigenes Leben, so kann er nicht mein Jünger sein; und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachkommt, kann nicht mein Jünger sein. [Lk. 14, 25-27]
Niemand, der seine Hand an den Pflug gelegt hat und zurückblickt, ist tauglich für das Reich Gottes. [Lk. 9,62]
Wahrheit ist so. Andersherum: Natürlich haben wir - habe ich - schon drei oder x Mal zurückgeschaut, deswegen werde ich / werden wir (alle?) voraussichtlich als unnütz hinausgeworfen werden. Doch das steht auf einem anderen Blatt ... und wer jemand aufhalten will ... braucht sich nicht zu wundern.
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