Der Fluch des Christentums?

Schnell vergessbar hat im Herbst 2000 eine philosophisch-theologische Debatte stattgefunden, wie man sie nicht alle Tage zu lesen bekommt. In ihr verknüpfen sich sämtliche gängige Themen, die einem gegenwärtig in der Auseinandersetzung um Religion welcher Art auch immer begegnen. Abgesehen von erklärten Atheisten (und da ist meist auch irgendwas zu verdauen, unbefangene Heiden sind dünn gesät) kann man fragen, wen man will: Das Christentum ist schon o.k., aber man hätts gern ein bisschen anders.

  • Erstens eindeutiger auf 'positive' Werte des menschlichen Zusammenlebens ausgerichtet (tja ja, die Liebe),
  • zweitens verschärft, wenn nicht ausschließlich, auf diesseitiges Wirken eingestellt (und so natürlich potentiell auch als Bündnispartner für die eigenen politischen und sozialen Bestrebungen geeignet),
  • drittens - quasi unvermeidliche Ergänzung zum vorigen Punkt - ohne Übernatürliches, Wunder, Brimborium, Himmel und Hölle, vor allem ohne Opfer,
  • viertens aber solle es sich lossagen von seiner Geschichte, an der es viel gibt, dessen man sich schämt (vielleicht auch, weil es nur zu gut in die gegenwärtige Landschaft passt),
  • und dahinter verbirgt sich als fünfter Punkt ein Erschrecken und eine Ratlosigkeit gegenüber Gewalt allgemein - sie verträgt sich, so müsste man im Vorgriff erläutern, nicht mit der neuzeitlichen Vorstellung vom Menschen als durch Reflexion eigenmächtigem Subjekt. Im Unterschied dazu erinnert das Christentum an die sozusagen selbstverständliche Auslieferung und das Unterworfensein des Menschen unter die übergeordnete Souveränität Gottes, die wir gegen uns als Gerechtigkeit annehmen müssen, nicht weil sie gerecht wäre, sondern weil eben der Chef der Chef ist, unser aller Vater, absolute, nicht hintergehbare oder relativierbare Gewalt. (Schon im nichtchristlichen Altertum hatte man da ein paar Probleme, "die eine Sache gefiel den Göttern, dem Cato die andere" - neu ist das alles nicht.) Religion handelt also von Gewalt (auch wenn sie sich hinter Formulierungen wie der von der "schlechthinnigen Abhängigkeit" verbirgt) und fordert bedingungslose Loyalität - zu der moderne Menschen nicht so recht im Stande sind.

Wie heißt das dann doch gleich an der Fleischtheke? "Darfs ein bisschen mehr sein?" - So würde man angesichts dieser Liste von Reformwünschen wohl auch fragen. Wem es mit seinem Modernismus ernst ist, der müsste sich eigentlich ganz von diesem Ideengebäude und seinen begleitenden Vorstellungen verabschieden - das gesamte Terrain aufgeben, nüchtern sein Leben leben, und nichts sonst. Nun gibt es viele Gründe über die religionsunterrichtliche Indoktrination hinaus, warum Leute dies weder wollen noch tatsächlich können. Deshalb bekommt man in gewöhnlichen Gesprächen oder den verbreiteten Randbemerkungen zu anderen Hauptanlässen immer nur Teile dieses Wunschzettels serviert. Selbst von Menschen, die sich die christliche Religion zu einem wesentlichen Anliegen gemacht haben (reden wir gar nicht von denen, die nur Geld damit verdienen), bekommt man meist nur praktische Vereinseitigungen, wobei die Unterscheidung der beiden Testamente ein handliches Schema abgibt - je nachdem hätte man das Christentum gern ein wenig "jüdischer", diesseitiger (so z.B. auch Michael Jäger), oder man hätte es gern "christlicher", ohne den eifersüchtigen, bösen Stammesgott des Alten Testaments, nur noch vannillelieb. Manche flirten auch ehrenwert mit dem Buddhismus, denn dass das Leiden aufhören soll, ist tatsächlich eine schätzenswerte Idee, im Christentum jedoch vor dem allgemeinen Ende nicht vorgesehen.

Die hier vom Zaum gebrochene Debatte gibt einen bequemen Anlass, diese Fragen im Zusammenhang zu überdenken und Stellung dazu zu beziehen. Wenn ich den Verweisen auf die Beiträge der Autoren (übrigens meist relative Schwergewichte im ideologischen Gewerbe) kurze Kommentare (es sind keine getreuen Referate, man kann und soll schließlich selber lesen) hinzugefügt habe, dann heißt das nicht, dass ich irgend etwas besser wüsste. Ich doch nicht; und selbst wenn, wäre es verkehrt, es einfach zu erklären. Man kann und sollte den Streit fortsetzen - Anlässe bieten sich genug.

Was bleibt, ist jedenfalls ein selten vollständiges Bild: So sieht christlicher Revisionismus aus; dann - so einmal mehr mein Vorschlag - sollte man es gleich bleiben lassen damit. Wenn man dies aber nicht will (und in der Tat nicht kann), was dann? Dann kann die Debatte vielleicht ein Stück weit zu Klärungen beitragen.

Herbert Schnädelbachs Ausgangsartikel »Der Fluch des Christentums« [Die Zeit #20/2000]

Schnädelbach argumentiert so, dass er sagt: Das Christentum hat nicht einfach Fehler gemacht in seiner Geschichte, es ist der Fehler; also was man alles an seiner Geschichte ablehnt, das ist direkte Konsequenz seiner Lehren. (Also "das Kind schielt nicht, das muss so kieken" - mit allen Implikationen, die das hat, und tatsächlich haben ja auch die modernen, freundlichen Kirchen der Gegenwart ihre Krallen und Zähne). Da wird dann eine Liste von sieben "Geburtsfehlern" des Christentums daraus, die seien unbehebbar, und man solle darum das Christentum verabschieden, es "in Frieden ziehen lassen" - oder es eben so gründlich verändern, dass es kaum noch den Namen verdiente.

  1. Die Lehre von der Erbsünde sei (1) eine theoretische Luftnummer des Paulus (aus "wenn Sünde, dann Tod" werde "weil Tod, daher Sünde"), (2) entsprechend die Rechtfertigung aus dem Glauben wenig wert (das schließt dann den üblichen Schlenker zur Prädestinationslehre ein); (3) sei sie menschenverachtend - in der Tat, sie spricht den Unwert von Menschen allgemein aus, und sie passt überhaupt nicht zu neuzeitlichen Ideen der Menschenwürde und der Menschenrechte, die in der Tat andere Wurzeln haben. In der Perspektive der Gottesunterworfenheit haben Menschen keine "Würde" (aller Ebenbildlichkeitsspekulationen unbeschadet), sie sind Fleisch (und zwar eher noch 'meat' als 'flesh'), Material, das Vieh auf YHVHs Farm. - Dass es in der Durchsetzung der modernen Lehren massive Kämpfe gab, kann nicht überraschen - "das jüdische und stoische Erbe musste der christlichen Tradition erneut abgetrotzt werden." Mag wohl so sein, wobei mir das positive Gegenbild des Judentums immer ein wenig fragwürdig vorkommen muss; schließlich hat das AT seine sehr rabiaten Aspekte, und gerade sie werden in unseren Tagen realhistorisch einmal mehr verwirklicht.
  2. Die Lehre von der Rechtfertigung durch das stellvertretende Opfer Christi (der Vorstellungskomplex vom Lamm Gottes) fällt Schnädelbach natürlich genauso schwer wie den meisten Leuten - der Witz dabei ist ja, dass nach der Rhetorik des Paulus ein Rechtshandel stattgefunden haben soll (wir werden in Richtung auf unsere Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit geführt, so als ginge es vor das zuständige Amtsgericht), der dann aber radikal von aller menschlichen Gerechtigkeit abweicht. Hinzu kommt eben die implizite Negation von Subjektivität, die in dem "einer für viele, so wie viele für einen" steckt; wir haben nun einmal Schwierigkeiten, unsere Einordnung in Kollektive zu denken, auch wenn uns das Thema (zumal als Deutsche) wahrhaftig nicht neu sein dürfte.

    Nun ist dieser Rechtshandel auch noch eine Transaktion Gottes mit und in sich selbst, insofern er eben seinen einzigen Sohn opfert - ein "unbegreifliches Szenarium", das trifft schon. (Wobei wir ja ständig viele Dinge wahrnehmen, die wir nicht begreifen, und das tut ihnen rein gar nichts... - und kommt hier die Unbegreiflichkeit nicht genau aus der Inszenierung, aus dem, wie Paulus die Ereignisse darbietet?) Das Unbegreifliche jedenfalls hält die Vorstellungskraft fest, entsprechend dann die von Schnädelbach gerügte Konzentration auf den gekreuzigten statt den auferstandenen Christus, auf Blut und Wunden, Karfreitag statt Ostern. Ob denn der Gedanke sei, "je blutiger, desto authentischer"? Ja, das ist beileibe nicht der einzige Gedanke zur Sache, aber richtig ist er durchaus. In der Tat ist echt und authentisch nur Schmerz und Tod, vom Rest kann man auch träumen. Hier bleibt allerlei unausgesprochen, und mit einer Wendung zur Psychologie verliert Schnädelbach an argumentativer Flughöhe; seine These jedenfalls: Indem das Christentum dergestalt in Gewalt einwilligt, billigt es sie nicht nur, sondern reizt es auch dazu an - und Gewaltanwendung mit christlicher Begleitung unterschiedlicher Art gab es unzweifelhaft genug in der Geschichte. Billigte, erklärte bzw. verklärte es nur das Unvermeidliche, das, was sowieso geschehen wäre (sei es mit einer konkret-materiellen Begründung, sei es, weil Menschen nach Adam oder nach Darwin einfach so sind)? Diesen Zweifel lässt Schnädelbach nicht aufkommen - Gewaltverherrlichung (und was wäre abendländische Religion sonst?) gilt ihm als Verursachung. Hier hängt sich dann die Kritik einer Behauptung von einer zivilisierenden Wirkung des Christentums, insbesondere einer "Humanisierung der heidnischen Menschen" durch Mission an, die für den kundigen Leser offene Türen einrennt - christliche Bekehrung heißt Steigerung, bedeutet härtere, intimere Herrschaft über den Menschen, eigentlich sogar seine Verdrängung, sein Verschwinden als Subjekt ('nicht ich, sondern Christus in mir'), inklusive inneren und äußeren Folgen. (Unter den Stichwort Eschatologie, Punkt 5, ist das dem Autor auch durchaus bewusst.) Mit dem historischen Argument "so übel wie die Christen seien die Heiden - Kelten, Germanen usw. - nicht gewesen" begibt sich Schnädelbach natürlich aufs Glatteis - Stammesgesellschaften sind nicht nett, man könnte es bequem am Volk Israel des AT ablesen. Dennoch, man wird seiner Feststellung zustimmen müssen, "nicht nur den Menschenrechten ... sondern auch der Menschlichkeit als Prinzip setzte das Christentum oft tödliche Widerstände entgegen" - und dann zurückfragen, was den an "Menschlichkeit" dran sei? Wo sie ihre Fundamente habe und wo sie denn - als 'positive' Wirkungsmacht - zu Tage getreten sei? In Ermangelung solcher Beispiele - und da fällt mir tatsächlich nichts ein, was frei von Interesse, von ethnischem Zusammengehörigkeitsgefühl oder sonstigen 'niederen Motiven' wäre - läge es doch nahe, gerade die Kriege und Massaker unseres Jahrhunderts für einen besonderen Ausdruck von Menschlichkeit, nämlich menschlicher Eigenmächtigkeit, angemaßter Souveränität zu halten - von zu wenig Gottesfurcht (und eben die hat ja mit Blut und Wunden zu tun), wenn man so will.
  3. Der Missionsbefehl an alle Menschen, alle Völker (der 'Universalismus') und die Missionsgeschichte des Christentums sind ja ein geläufiges Ärgernis; man kann die Argumente eigentlich zusammenfassen in dem Bonmot Adornos, Wahrheit sei eben immer totalitär. "Kulturimperialismus"? Aber immer, wo man Recht hat, hat man Recht. Toleranz ist dasjenige, was auf den ersten Blick widersinnig ist und erst begründet werden muss (wie die moderen Toleranzkonzepte ja auch ihre Wurzel in der historischen Erfahrung des religiös geprägten Bürgerkriegs hatten). - "Wo das Christentum tolerant wird, hat es sich in Wahrheit schon aufgegeben, auch wenn es dann noch als Privatangelegenheit fortlebt oder als eine moralische Grundhaltung, zu deren Begründung die Bibel entbehrlich ist." So richtig falsch ist das nicht; also was tun tolerante Christen wirklich, oder gibt es sowas überhaupt ... hm. - Freilich lenkt das alles ab von einem Gesichtspunkt der evolutionären Durchsetzung des überlegenen Gedankens; so viel Gewalt und Intrige es in der Erfolgsgeschichte des Christentums gab, es war auch immer "was dahinter"; davon hören wir hier nichts.
  4. Die christliche Judenfeindschaft ist ebenfalls ein religionskritischer Topos, den uns Schnädelbach unter die Nase reibt; nun gut, warum lässt der jüngste Tag auf sich warten? Weil es noch Juden bzw. die jüdisches Religion gibt. Das war mal Konsens, heute mag man aus Gründen nicht mehr davon sprechen, es hatte zu monströse Parodien. "Der Holocaust war ohne das Christentum nicht möglich [In welchem Sinne??? Unsere ganze Geschichte ist eine christliche Geschichte, es ist in alles hinein verwoben], viele Christen haben sich daran ohne schlechtes Gewissen beteiligt" - letzteres leider wahr.
  5. Die christliche Eschatologie der Johannesoffenbarung kritisiert der Autor als permanente Quelle von Angst und Schrecken (ohne, wie oben angedeutet, zu bedenken, sie habe eventuell nur die vorhandenen Gefühle kanalisiert und ausgerichtet). Sie wird dann auch - in fragwürdiger Weise - zur Quelle einer "eschatologischen Politik" erklärt; dahinter verbirgt sich die heute routinierte Absage an alle Art von politischer und gesellschaftlicher Utopie, zu der ja allemal ein Herbeiführungshandeln gehört, das "kein Deckchensticken ist". Jedes In-sich-gehen des Geistes kostet zahllose Opfer, Hegel wusste das noch und musste sich darum später einen "Mystiker der Gewalt" (Walter Benjamin) schimpfen lassen. Lieber ein Zustand ohne Furcht und Hoffnung? Nec spe, nec metu ... Sympathien für die Stoa hat Schnädelbach ja allemal übrig.
  6. Der Import des Platonismus (mit seiner begleitenden Verschärfung der Dualismen von Diesseits und Jenseits, Ideal und Wirklichkeit, Leib und Seele usw.) sei mit den christlichen Kernbestand eigentlich gar nicht vereinbar gewesen; der nämlich sei - wie das zeitgenössiche Judentum - aufs Diesseits ausgerichtet gewesen - Christus war nach Himmelfahrt also quasi nur abwesend, weil buchstäblich verreist (ein Jenseits als qualitativ anderen Zustand habe erst der Platonismus geschaffen). Da fällt dann auch das Stichwort "Hinterwelt" und wird an Nietzsche angeknüpft. "Das Unheil der christlich-platonischen Diesseits-Jenseits-Unterscheidung besteht darin, dass durch sie die reale Welt zum bloßen Schein herabgesetzt und normativ entwertet wurde." Erst die Aufklärung habe die Wirklichkeit rehabilitiert - das müsste ein Philosoph besser wissen: rehabilitiert als berechenbare Abstraktion von Masse, Energie und Nützlichkeit, rehabilitiert zum Verbrauch. Und außerdem ist es ja eben nicht weit her mit der Wirklichkeit (wir haben bloß keine andere übrig) - hier wäre mehr Präzision nötig (und sicher auch mehr Raum, als Schnädelbach ihn hatte).
    Viel besser sitzen die Vorwürfe hinsichtlich der Trennung von Leib und Seele (ja eigentlich erst der Erfindung einer 'unsterblichen Seele', die biblischen Indizien dafür sind schwach), resultierender Leibfeindschaft (die die christliche Bevölkerung egal nicht zum Aussterben gebracht hat) - sicher, da ist ein Problem und auch dorthin fällt Platons langer Schatten; zuerst freilich hat man sich da an Paulus zu halten. Dessen Aussagen wegzurelativieren - "die stehen bei ihm noch ganz im Kontext der Naherwartung der Wiederkehr Christi" - ist zumindest bedenklich.
  7. Als letztes sei schließlich der Umgang der Verfasser des NT mit der historischen Wahrheit anstößig. Jawohl, es geht da genau andersherum zu wie beim modernen Journalismus, der vor lauter Fakten keinen Sinn mehr sieht; das Leben und Leiden Christi ist derartig von sinngebenden Konstruktionen umschlossen, dass einem auch die einfachsten Fakten fragwürdig werden (und die weniger einfachen sowieso und erst recht). Ein so vielfältig angekündigter Tod ... jawohl, die Evangelisten berichten, was sie für wichtig hielten, und so, wie es sich für sie sinnvoll zusammengefügt hat. Das gehört zur literarischen Gattung, und unsere Konzeption von historischer Wahrheit (fragwürdig, wie sie ist) musste auch erst noch erfunden werden. - Also die Evangelisten hätten mindestens teilweise bewusst gelogen - nun ja, warum sich darum streiten; problematisch ist die Folgerung, dass nämlich unser Glaube auf der Tatsächlichkeit der Ereignisse beruhe (dazu wird dann ausdrücklich Paulus aufgerufen, 1. Korinther 15, 14 f.). Da kann doch, sagt man sich, etwas nicht stimmen, und beginnt darüber nachzudenken, was es denn mit 'Tatsächlichkeit' hier überhaupt auf sich haben könnte, und ob es nicht vielmehr wirklich der Glaube ist, der die Tatsachen schafft, wie der Autor es gegen das Christentum ja auch in anderem Zusammenhang vorbringt.

Also, so zieht Schnädelbach Bilanz, ohne diese sieben Geburtsfehler, was bliebe übrig? Ein "aufgeklärtes Judentum", aber könnte das Christentum eines solche Amputation von Kernbeständen überleben? Da wird man die Zweifel des Autors teilen; daher dann sein Resumée: "Ich habe den Eindruck, dass das verfasste Christentum in der modernen Welt sein tatsächliches Ende längst hinter sich hat, aber ohne dies bemerkt zu haben. Kirche als moralische Anstalt und als soziale Veranstaltung - das verdient Respekt und Unterstützung. ... In Wahrheit haben die Kirchen nichts spezifisch Christliches mehr zu sagen." Gar nicht unplausibel, diese Beschreibung, kann einem ohne jeden bösen Willen schon so in den Kopf kommen. Soziale Veranstaltungen hätte man freilich dann lieber unter einer offenen demokratischen Kontrolle; dazu ist Kirche vielleicht gar nicht da. Und wenn es um Moral ginge, nun ja, dann wäre Sokrates unser Erlöser (ein Gemeinplatz des 18. und 19. Jahrhunderts, Žižek greift ihn wieder auf). Moral gibt es nur nebenbei, und sie ist Ersatz. - Also einmal mehr: Muss das Kind so kieken?

Richard Schröder Unkraut unter dem Weizen [Die Zeit #22/2000]

Schröder kommt aus der Tradition der Christen in der DDR, entsprechend vergleicht er zunächst mit den Varianten atheistischer Propaganda, die es dort gab. Schnädelbachs Kritik sei schon sachkundiger gemacht; dennoch sei an Schnädelbach eine gewisse Oberflächlichkeit festzustellen (wie sie nunmal Außenstehenden eigen ist, die "marktwirtschaftliche Fragen" stellen). In der Tat, man ist Christ als vorreflexiver Teil der Identität, fast so wie man Mann oder Frau ist; nichts nimmt die Taufe zurück, und das Erwählungsbewusstsein erst recht nichts.
Nun sei ja aber das Christentum nicht ein-für-allemal von seinen Geburtsfehlern abhängig und ihnen ausgeliefert, es gebe vielmehr eine "permanente innerchristliche Selbstkritik" zu beachten, die jedoch trotz Schröders Beispielen blass bleibt. Richtig: Nicht alle waren immer für alles Fragwürdige, und man muss weltlichen Mächten und Interessen ihre Schuld am Ausbau der Geschichte zu Schlachthaus und Trümmerhaufen lassen - erst recht, wenn es um Judenvernichtung, stalinistische Säuberungen und die Gräuel der Weltkriege geht. Auch die Eschatologie weiß Schröder zu verteidigen: "So gesehen ist der Gedanke des Jüngsten Gerichts ein Einspruch gegen den Grundsatz: Egal, ob Recht oder Unrecht, der Erfolg hat das letzte Wort. Und das "jenseitige" Gericht schärft ein, dass das "Diesseits" der Ernstfall ist. Es gibt keine zweite und dritte Chance durch Reinkarnation. Es schärft das Prinzip Verantwortung ein."
Zum Thema Erbsünde und Rechtfertigung wiederholt Schröder die traditionellen Positionen - eben des Ungenügens des Menschen für sich - ohne sie viel weiter zu explizieren. Auch sein Hinweis auf Christi Tod als Ende der Opfer ist traditionell und korrekt; freilich hat er, so könnte es einem einfallen, zwar das Ritual beendet, aber offensichtlich nicht den Blutdurst gelöscht. An der mangelnden historischen Verwirklichung gerade dieser bahnbrechenden Konsequenz gäbe es Erklärungsbedarf.

Robert Spaemann Die Taube auf dem Dach [Die Zeit #23/2000]

Spaemann schäumt vor Wut - jedenfalls so der scharfe Ton seines Beitrags, den er auch offen als eine "Zurechtweisung" bezeichnet. Man kennt ihn auch anders, und er hat so jedenfalls Schnädelbach Vorwände geliefert, auch allerlei an seiner Kritik abzubügeln, was durchaus Substanz hat.
In einem ersten Schwerpunkt wendet er sich gegen das Ausspielen des Judentums gegen das Christentum, wie Schnädelbach es an verschiedenen Stellen vornimmt, und zurecht wird erstmal klargestellt, dass es kein Christentum als "aufgeklärtes Judentum" geben kann - ein blutarmes Christentum vielleicht, aber das hätte nichts Jüdisches an sich. Richtig sind auch die Hinweise, dass es eben im Christentum nicht nur Antijudaismus gegeben hat.
Mit dem Thema "Universalismus und Toleranz" geht er gegen diejenige Schwachstelle Schnädelbachs an, dass der nämlich nicht entfaltet hat, wie (gerade in der modernen Toleranz) Überzeugung von einer Wahrheit mit der Duldung anderer Auffassungen zusammengehen kann. Kann man logisch hinkriegen, kann man auch tatsächlich mal hinkriegen - die Geschichte weist allerdings in die Richtung, dass man zu dem Thema, wo man dulden muss - aus praktischer Rücksicht oder äußerem Druck - eher lau wird. Dies könnte Schnädelbachs Rechtfertigung sein; Žižek nimmt sich der Frage dann genauer an, auch Schnädelbach legt in der Replik mit hegelianisierenden Formulierungen nach. Ansonsten jubelt Spaemann - Katholik der er ist und elegant, wie er manchmal sein kann - hier dem gelernten Protestanten Schnädelbach eine niedliche rhetorische Figur unter: Kann ein guter Mensch kein Christ sein, kann ein Christ kein guter Mensch sein? Ooops, natürlich kann jemand Werke tun, die jeder billigen und als gut beurteilen wird, aber darauf kommt es ja - protestantischerweise - gar nicht an. (Peinlicherweise verheddert sich Spaemann selbst ein paar Absätze weiter selbst in der Unterscheidung von Sünde und Schuld, von Gottesverhältnis und menschlicher Wohltätigkeit.) - Weniger elegant und weniger durchdacht ist die Abwehr der Vorwürfe gegen den historischen Wahrheitsgehalt der Evangelien: Die Vorwürfe beruhten auf skeptischen Voraussetzungen, "Vorurteilen" und fielen mit diesen auch in sich zusammen - nun ja, es ist die Voraussetzung von Wahrheitsmaßstäben und -kriterien, wie wir sie aus dem Alltag kennen, und sie mögen hier aus historischen und sonstigen Gründen irrelevant sein, willkürlich und voreingenommen sind sie nicht. - Besser auf die Tradition gestützt kann er hinsichtlich Platonismus argmentieren - hat so was, man soll "vor dem Wort Dualismus nicht erschrecken". Nö, soll man nicht, und auch die Sache mit der Leibfeindlichkeit ist vielfältig widerspruchsreich. - Erbsünde: Nun ja, die Menschen sind wirklich nicht gut, und die jüdischen Autoren des AT wussten das auch schon. Sie kann nicht als spezifisch christliches Erbe gelten. Aber hat nicht das Christentum ganz einzigartig mit dieser Tatsache gewirtschaftet?
Beim Thema des stellvertretenden Opfers scheint Spaemann merkwürdigerweise irgendwie die Anstößigkeit der Denkfigur nicht aufgegangen zu sein - wichtig sei nur, dass Gott den Tod seines Sohnes als Sühne angenommen habe, nicht der weitere Zusammenhang. Im Zusammenhang mit den Ende der Opfer steht dann der schöne Satz: "Das Christentum löst die Mythen nicht ab, indem es sie für Unsinn erklärt, sondern indem es einen letzten Mythos erzählt, in den alle münden und den Christen für wahr halten." Allerdings ist da immer noch unsere alltägliche Konzeption von Gerechtigkeit, und gerade damit hat dieses Opfer rein gar nichts zu tun. Warum musste dieses Opfer doch noch sein, wenn dann sowieso Schluss sein sollte? (Hier hakt Schnädelbach auch in seiner Replik nach.) Schon recht, dass es so sein soll, schöner, wenn es so wäre, aber der Zusammenhang ist so nicht einsichtig.

Slavoj Žižek Liebe ohne Gnade [Die Zeit # 25/2000]

Žižek ist hier insgesamt ungewohnt diffus. Hervorzuheben ist zunächst seine Erörterung zum Thema des Universalismus; eine sich als partikular verstehende Religion kann gut tolerant sein (wie man es in gewissem Maße von Islam und Judentum behaupten kann) - freilich, genau jener ermöglichende Partikularismus hat ja seine sehr finstere Seite. Man hat sich da also eine (mindestens) 2x2-Matrix von Ebenen und Merkmalen vor Augen zu halten.
Als seine hauptsächliche Fragestellung benennt er die Frage, was es denn mit der Liebe Gottes auf sich habe, und er beantwortet diese Frage im Zusammenhang einer fortschreitenden Offenbarung Gottes durch Christus. "Und zwar, weil Gott in und für sich selbst ein Rätsel ist, weil er die unergründliche Andersheit in sich selber trägt. Genau deswegen musste Christus erscheinen; nicht nur, um Gott der Menschheit zu offenbaren, sondern auch, um als Gott für sich selbst erscheinen zu können - nur durch Christus kann sich Gott als Gott überhaupt erkennen."
"Die Unergründlichkeit Gottes für sich selbst zeigt sich auch in dem verzweifelten Ausruf von Christus, seinem "Vater, warum hast du mich verlassen?". Die totale Verlassenheit, der totale Rückzug Gottes in sich selbst, ist der Punkt, an dem Christus ganz zum Menschen und die Kluft zwischen Gott und Menschen in Gott selber aufgehoben wird. Diese christliche Vorstellung von der Beziehung zwischen Menschen und Gott verkehrt das heidnische Vorurteil, wonach die Menschen nur durch spirituelle Reinigung zu Gott gelangen und die "unteren" leiblichen Aspekte der Existenz verdrängt werden müssen, um sich in göttliche Höhen zu erheben. [Ein m.E. sehr wichtiger und richtiger Punkt, unbeschadet diverser 'Rückfälle'.] Denn gerade wenn ich mich als abgeschnitten von Gott erfahre, im Moment äußerster Entfernung zu Gott - bin ich Ihm am nächsten, weil ich mich in der Lage des verlassenen Christus wiederfinde. Es gibt keine direkte Identifikation mit der göttlichen Herrlichkeit: Ich identifiziere mich mit Gott nur über die Identifikation mit der einzigartigen Figur des von Gott verlassenen Gottes-Sohns.
Die göttliche Selbst-Verlassenheit, diese Unergründlichkeit in Ihm selbst, zeigt die fundamentale Unvollkommenheit Gottes. Und nur in dieser Hinsicht kann eine christliche Liebe in ihrer Eigenart entstehen, eine Liebe jenseits der Gnade. Liebe ist immer Liebe für den (großen) Anderen, insofern Er fehlt - wir lieben den Anderen, weil er begrenzt ist, hilflos, sogar, weil er ganz gewöhnlich ist. Im Unterschied zur heidnischen Feier der göttlichen (oder auch menschlichen) Perfektion, besteht das letzte Geheimnis der christlichen Liebe vielleicht darin, dass sie zur Unvollkommenheit des Anderen gehört und ihr anhängt. Und dieses christliche Vermächtnis ist, anders als Herbert Schnädelbach glaubt, heute so kostbar wie nie zuvor."
Wer sollte da nein sagen? Es gibt Gott eben nicht nur als souveräne Übermacht zu erfahren - die manchen in freier Entscheidung gnädig sein kann, wenn sie mag (darauf bezieht sich auch der Titel des Beitrags) - sondern als etwas in sich Widersprüchliches und in Menschengestalt. Doch es bleiben hier schon anderthalb Fragen sehr weit offen.

Hans Maier Die Überwindung der Welt [Die Zeit #27/2000]

Diesen Beitrag musste ich mir erst neu herunterladen - aus gutem Grund: Maier kann vor allem gut schimpfen. In der Hauptsache sind seine Argumente falsch, in sich widersprüchlich oder gegenstandslos. Es ist auch eine fragwürdige apologetische Strategie zu behaupten, Christentum sei eine nicht auf Theologie reduzierbare (und daher nicht von der Theorie her kritisierbare) gelebte Erfahrung; das erinnert irgendwie an die Frauenbewegung. Nein, das Christentum ist eine Religion, die liest und denkt und streitet, und das liegt seinem historischen Erfolg mit zu Grunde. Recht hat Maier darin, dass Schnädelbachs Kritik starke protestantische Wurzeln hat und der Vielfalt der christlichen Konfessionen (auf die gesamte Welt betrachtet) nicht gerecht zu werden vermag (ist ja aber auch eine starke Forderung, und der Protestantismus, zumal in Deutschland, ist nicht bloß irgend etwas). Recht hat er auch in manchen Details, wo freilich Richtiges neben erheblicher Gedankenlosigkeit steht, wie in der Frage der Eschatologie bzw. Apokalyptik: "Nebenbei: Dass die Menschen des Abendlandes aus diesem Buch [der Offenbarung des Johannes] Angst gelernt haben sollen, ist ein ebenso rührendes wie unzutreffendes Vorurteil. Die Ängste waren doch längst da, für Schrecken sorgten Hunger, Verfolgung, Kriege und Katastrophen - und das Buch der Offenbarung versuchte die Menschen in ihrer kreatürlichen Angst gerade zu trösten. Es grenzt an Magie, zu meinen, Ängste würden durch Bücher erzeugt." - Selbst wenn der letzte Satz einfach so zutreffend wäre (und das ist er m.E. nicht), dann bleibt doch der Effekt, dass die Offenbarung (1) die Ängste auch über die konkreten Anlässe hinaus konserviert hat, (2) sie kanalisiert und ausgerichtet hat, indem (3) sie den Menschen die passenden Metaphern und Mythologeme an die Hand gegeben (oder in den Kopf gesetzt) hat. Das gehört einfach zu dem, was Medien tun, heute wie vor 2000 Jahren. Dass darüber hinaus gerade mit diesem Buch eine Menge Unfug getrieben worden ist, lässt sich wohl auch schwer abstreiten.

Schnädelbachs Replik Armes Christentum! [Die Zeit #30/2000]

Nun ja, wie Repliken eben so sind - aber Schnädelbach profiliert hier durchaus die wichtigeren seiner Kritikpunkte, und seine Abwehr gegenüber den Kritikern ist stellenweise schon ausgesprochen triftig. Mir leuchtet vor allem seine Beschreibung der Argumentationsfigur ein, ein bisschen etwas von der Kritik zuzugeben - "aber ansonsten kann man es ja auch anders verstehen ... und vielleicht noch etwas Schönes draus machen". So einfach kann man mit derartigen Fragen wirklich nicht umgehen.

Die Zeitschrift Chrismon hat die Diskussion um ein Streitgespräch zwischen Schnädelbach und dem ehemaligen Hannoveraner Bischof Hirschler bereichert.

In Erinnerung bleibt einem von diesem Streitgespräch vor allem der Zeigefinger des Bischofs, der doch sehr, sehr richtungsweisend ist. Dabei ist er - auch nach dem, was das Web an sonstigen Aussagen von ihm zu bieten hat - durchaus verständig und tolerant, wie man es in seiner Stellung nur sein kann. Es muss sich da offenbar um einen Reflex handeln. Etwas anderes ist auch beachtenswert: Es fällt einem auf, was Hirschler alles an sinnvollen Argumenten hätte vorbringen können, und was er alles nicht geltend gemacht hat.

Der Grund: Hirschler spricht die Sprache der Alltagsapologetik und Seelsorge, und offenbar ist die Kluft zwischen ihr und dem theologisch-philosophischen Diskurs zu groß geworden. Man kennt das von allerlei Wissenschaften - der Abstand zwischen der universitären Psychologie und den Diskursen von Psychologie Heute - man hat aber irgendwie das Gefühl, hier müsste das anders sein. In der Tat: Die kirchliche Alltagsrhetorik ist eine Falle; man kann aber nur viel Vergnügen darin wünschen (denn die Herren wüssten ja schon selbst, wie man herauskommt).

Im Mittelpunkt des Gesprächs steht zunächst das Thema der Erbsünde, und scheinbar unvermeidlich verwirrt man sich zwischen Sünde und Schuld. Zwischenein die erstaunliche Aussage Hirschlers, die Details der Hölle und ihrer Qualen seien bloß ein Bild, und da hätten wohl kaum Menschen daran geglaubt - ein bisschen viel positives Denken, das, und dann der Zeigefinger... - Schädelbach reißt irgendwann der Geduldsfaden: "Also ich kann weder mit Erbsünde noch mit der so genannten Rechtfertigungsbedürftigkeit des Menschen vor Gott etwas anfangen. Für mich gibt es Gott nicht!" Hirschler greift daraufhin in die Trickkiste: "Ich finde es auch von der Warte des Philosophen völlig unsachgemäß, wenn Sie sagen: Ich kann mit Gott nichts anfangen. Wenn Sie nicht nach Gott fragen, dann leben Sie unter Niveau. Sie müssen ja als Antwort nicht das Christentum haben. Aber so etwas wie Gott, also eine Antwort auf die Sinnfrage, das müssen Sie doch haben! Wofür sind Sie denn sonst da? Was ist denn das für eine Eintagsfliegenexistenz, lieber Herr Philosoph?" Oi! Gott, so muss er sich daraufhin erinnern lassen, ist eben keine diskursive Spielmünze, "so etwas wie Gott", für die kleineren und größeren Katastrophen des Alltags. - Wiederum wendet sich dann, wie schon bei Maier, das Gespräch zur These vom Christentum als gelebter Erfahrung. "Ich bin nicht bereit, das Christentum als einen kulturhistorischen Faktor auf existenzielle Frömmigkeit reduzieren zu lassen." - "Aber das gehört nun mal zusammen." - Mag schon sein, aber sicher nicht so, dass immer das eine das andere entschuldigt.

Alles in allem ein theologischer und philosophischer Sonntagsbraten. Guten Appetit!

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