|
Von Psychotherapie zu spiritueller Beratung.(Einige Überlegungen anlässlich des Projekts eines Lebensberatungsgesetzes usw.)
Es ist gar nicht so einfach auszumachen, worum es hier eigentlich und überhaupt geht, ohne dass man sogleich in parteiliche Einseitigkeiten verfällt. Natürlich könnte man sagen: es sollen diese und jene bestimmten Praktiken unterbunden werden, oder vielmehr: es soll unterbunden werden, dass sie von Menschen ausgeübt werden, die nicht in bestimmter Weise geprüft, geeicht und zugelassen sind; aber warum denn gerade die, und warum denn so, und woher denn überhaupt ein Regelungsbedarf ...
Vielleicht kann ein historischer Rückblick eher an die wesentlichen Dimensionen dieses Themas heranführen. Es war einmal aber war ganz wirklich und ist nicht mehr, eine Zeit der großen Hoffnungen, nämlich, wobei die Frage »auf was hoffen?« individuell sehr unterschiedlich beantwortet wurde. Und von daher speist sich viel von dem, was heute als »esoterischer Betrieb« beanstandet wird. Einer der Träger dieser Hoffnungen hieß Psychotherapie.
Es handelt sich somit um eine näher bestimmbare Generationenfrage: War einmal, so müsste man fortsetzen, eine Generation in Deutschland (nicht nur dort, aber andernorts waren entscheidende Akzente schon deutlich unterscheidbar anders gesetzt), die unter einem großen »Nein« aufwuchs. »Nein«, denn »wir« (die Elterngeneration) haben die Welt schon unter schuldeinflößenden Opfern angeeignet und (wieder) aufgebaut. »Nein«, denn es gab für die junge Generation eine Zeitlang eine Vielfalt von Aufträgen, die in ihrer Gesamtheit und oft auch in ihrer inneren Widersprüchlichkeit kaum oder gar nicht zu erledigen waren. »Nein« nicht zuletzt auch deshalb, weil die Zukunft mit Brettern vernagelt war in schärfster und wirksamster Form durch den Club of Rome-Bericht (tja, ja, die Wissenschaft, damals mussten wir dran glauben), aber auch sonst wusste man, dass nur Verschlechterungen auf einen warteten.
Wie reagieren auf eine solche Situation? In Form von Verweigerung und Lähmung. Überwiegend nicht in irgendeiner dramatischen Weise, sondern als Leben unter Vorbehalt. »Machen wir dies, machen wir das es wird schon nicht verkehrt sein Hauptsache es hat keine Folgen.«
Nicht so, wie es unsere Eltern und Erziehungsberechtigten entworfen hatten Kunststück, ging ja auch zu überwiegenden Teilen nicht, wg. Modernisierung aus ganz anderen Ursprüngen und diese Unmöglichkeit wurde verbrämt und »veredelt« durch eine Verweigerung von »Anpassung«, die dafür sorgte, dass vorhandene Handlungsspielräume auch gewiss nicht ausgeschöpft wurden.
Folgen hatte es auch nicht; dafür wurde nicht nur seitens der Elterngeneration, sondern auch seitens der Generation der älteren Geschwister gesorgt. Wenn man heute etwa Klaus Theweleits Interpretationen zur RAF und zur Studentenbewegung liest und sein Pochen auf die Taten des Jahrgangs 1942 mitbekommt, kann man mitverfolgen, wie einen die Lust packt, den Klugscheißer zu erwürgen. Dabei ist es überwiegend wirklich klug, was er zu sagen hat, und ich könnte ihm der Sache nach seitenweise nur beipflichten. Der Affekt allerdings und der kommt mir beileibe nicht allein weist auf seinerzeitige, recht gut bestimmbare Bewusstseinszustände, auf das »Warten« und »Streben« als Lebensweisen und Kompensationsmodi, mit denen eine ganz und gar nicht freiwillige Leere in unserem Leben ausgefüllt wurde.
Es gab aber geheimnisvolle Auswege, die nicht in einer offen religiösen Bekehrung bestanden, aber viel mit ihr gemeinsam hatten, die nach innen führten. Das Zauberwort, das die Ödnis zum Klingen bringen sollte, hieß Psychoanalyse und seine korrespondierende Praxis Psychotherapie, ganz gleich ob vom Facharzt durchgeführt oder mit dem Ziel eines »neuen Menschen« im Gruppenexperiment erfolgt. (Im Blick auf die »Big Brother«-Veranstaltung von RTL kommt einem natürlich der Gedanke, dass die durchgängig psychoanalytisch informierten Bemühungen und Kämpfe der Kommune 2 die uns ja gut (wenn auch ohne Bild und Ton) dokumentiert vorliegen und Anstoß für allerlei andere Selbsterziehungsprojekte wurden ebenfalls recht gute Unterhaltung hätten liefern können, der kulturelle Kontext war aber noch nicht locker genug dafür.)
Wie aber ist denn Psychotherapie und insbesondere die Psychoanalyse überhaupt so in den Geruch einer heilenden, Heil stiftenden Institution geraten? Vermutlich war man einfach nur zu bereit, den Hype einzelner Therapeuten bzw. Therapieschulen zu schlucken man war heillos und heilsbedürftig, dabei vertrauensselig und noch nicht durch Enttäuschungen abgehärtet. (Das große Thema der vernachlässigten Zeitgeschichte; erst, wenn sie aus dem Gedächtnis verschwunden ist, wird sie legitimer Gegenstand der offiziellen Aneignung durch Medien und Geschichtswissenschaft. Dann, erst dann, sucht man nach »Zeitzeugen«, und glaubt ihnen nur das, was in die eigene Konzeption passt.) Immerhin war die Psychoanalyse mit ihrem Versprechen einer wissenschaftlichen Erfassung des Unbewussten nur wenig missverstanden als Technik zum Aufspüren eines allgegenwärtigen Hintersinns und legitimiert durch respektable Fürsprecher und Zeugen, ein hervorragender Bewerber um das Vertrauen der betroffenen Generationen.
Allerdings: Was zahlreiche tatsächliche und noch viel mehr potentielle Klienten wollten bzw. gewollt hätten Identitätsgewinne, Sicherheiten, Legitimationen, ein Ausbruch aus dem diffusen Unbehagen das haben und das hätten sie so nie bekommen. Und zwar hier kommt dann ein Element von Vertretbarkeit und Verschulden hinein nicht etwa, weil ihnen der Shrink sowieso nüchtern gesagt hätte: Das kann ich nicht, dafür bin ich auch unzuständig (das wäre ja völlig korrekt so gewesen); sondern weil die entsprechenden Leute sich je nachdem als unwillig, unfähig oder als schlicht unerreichbar (für gewöhnliche Kassenspatzl zumindest) erwiesen.
Es dauerte lange, bis sich das herumsprach, und auch als die freudianischen Lehren und Praktiken diskreditiert waren, hielt man noch lange an einem medizinisch-therapeutischen Konzept fest. Was war denn so bezaubernd daran? Dass man einerseits sich von seinen Aufträgen und Belastungen dispensieren konnte, ohne doch selbst die Verantwortung dafür in vollem Maße übernehmen zu müssen. »Ich bin gar nicht böse. Mama, ich bin bloß zum Therapeuten gegangen, ich tu bloß, was richtig ist.« Liebe bewahren und dennoch Eigenständigkeit und Glück finden ist ja keine unverständliche Absicht, klappt bloß nicht, konnte und kann ja auch nicht.
In Anfällen von Enttäuschung kamen Bewegungen wie die AAO und die Schülerschaft von Bhagwan Shree Rainesh (immer mit einem sehr viel stärkeren Medienprofil versehen, als es ihrer Mitgliederzahl und ihrer unmittelbaren Wirksamkeit entsprochen hätte) zum Zuge, die man im Rückblick als die Hochschulen und jedenfalls Weiterbildungsanstalten der heutigen esoterischen Szene bezeichnen kann. Hier hat man auch die Wurzel von sehr haltbaren Feindschaften: Man kann es zum Teil regelrecht biographisch verfolgen, wie bestimmte Leute den Drachen von 1978 nun endlich im Jahr 2000 erledigen wollen.
Man kann nur sagen, dass der Drache inzwischen recht arg abgemagert und geschrumpft ist, kaum noch imstande, einem Joint Feuer zu geben die Identität der Bestrebungen jedoch (und auch die Kontinuität der sie motivierenden Bedürfnisse, Befindlichkeiten und Leiden) steht außer Frage und sollte auch nicht geleugnet werden.
Es ist ja gerade auf diesem Hintergrund auch gut verständlich, wenn mittlerweile Praktiken, die vor zehn Jahren noch (unter nicht geringen Bauchschmerzen übrigens) als »Psychotherapie« verkauft worden sind, inzwischen ohne diese Gattungsbezeichnung angeboten werden; genauso, dass z.B. Teile der Aufgaben, die legitimerweise Psychotherapie heißen und auf die hin auch in den einschlägigen Heilpraktikerprüfungen schwerpunktmäßig gefragt wird, bei den angehenden esoterischen Praktikern nur Befremden und Desinteresse auslösen. Jemanden z.B. zu betreuen, dessen Hirn infolge von Alter, Verletzungen oder chemischer Einwirkung nurmehr eingeschränkt funktioniert, ist zwar eine nötige Aufgabe und eine, die man, hängt man ein Schild »Heilkundlicher Psychotherapeut« an seine Tür, nicht verweigern darf. Das ist aber eher ein Grund, eine solche öffentliche Niederlassung (unprofitabel wie sie sowieso ist) sein zu lassen und auf andere Weisen des Lebenserwerbs und der Betätigung zurückzugreifen. Wie denn auch geschieht. Es geht ja um eine gänzlich andere Zielsetzung.
Auch wo noch ein »therapeutischer«, auf die Behandlung eines Defizits oder einer Störung ausgerichteter Ansatz besteht, soll Leben nicht so sehr bewältigt werden (das alltagsgraue Funktionieren setzt man voraus und lässt es sich auch gern zwecks Haftungsausschluss unterschriftlich versichern), sondern reformiert, modifiziert, gesteigert usw. Das Angebot richtet sich an Menschen, deren Kompensation ihre individuelle Weise, sich selbst zu akzeptieren, Verzichte zu leisten, Energien zu investieren und sich Genuss zu erlauben wahrnehmbar suboptimal ist und Grund zur Unzufriedenheit bietet.
Dies ist gleichzeitig eine Klientel, die bei der »offiziellen« Therapie auf verschlossene Ohren stößt sei es wegen den Hindernissen und Fragwürdigkeiten einer erfolgreichen Arbeit mit ihnen, sei es wegen unbestreitbarer Dringlichkeit anderer Klienten. In der Tat sorgen die gesellschaftlichen Lebensverhältnisse dafür, dass kein Arbeitsmangel in der Psychotherapie und Psychiatrie auftritt, in solchem Maße, dass man Prioritäten setzen muss.
Alles Eitelkeit, Narzissmus, Schaumschlägerei, was da außen vor bleibt? Erstens nein, und zweitens: wenn schon. Es gibt legitime Bereiche von Selbstkultivierung, und man kann nicht mehr beliebig die Keule der Dringlichkeit schwingen, »man muss doch aber jetzt vor allem«, und »die revolutionäre Praxis wird euch frei machen« womöglich in Antizipation der Strategie einer »linken Bewegung« die doch ganz überwiegend ein imaginäres Objekt war, das durch das Reden davon eigentlich erst beschworen, »ins Leben gerufen« werden sollte. Gegenüber solchen Disziplinierungsversuchen hat man es inzwischen einfacher, nix geht sowieso nicht mehr, no way but up. Darin gäbe es Anschlussmöglichkeiten an traditionelle religiöse Strebungen; schade, wenn sie ungenutzt bleiben.
Ich bin mir durchaus im Klaren, dass es bei der radikalen (und mittlerweile abgeklärten) Linken Haltungen gibt, die in besonderer Weise verletzlich machen, die Feinderklärungen an esoterische und spirituelle Strebungen geradezu herausfordern, weil so etwas schier beinahe die eigene Kompensation gefährdet. Ist man nicht unter wissenschaftlichem Anspruch angetreten? War man nicht auch persönlich jeweils von Liebe zu der (einen, bestimmten, rational fassbaren) Wahrheit getrieben? Hatte man nicht auf so Vieles Verzicht geleistet (auf das man heimlich neidisch war)? Haben sich speziell die Grünen nicht auch in jahrzehntelangen Kämpfen gegen "irrationalistische" Strömungen ihre Politikfähigkeit erworben? Ein Gut, dessen Preis man durchaus kennt, auch wenn man ihn tapfer leugnet? Und da kommen nun irgendwelche Charlatane und Wirrköpfe und zitieren auch noch Rudolf Bahro! Ja, kann man dazu nur sagen, das Leben hält öfters mal unangenehme Überraschungen bereit, besonders für gedankenlose Menschen, die rasch urteilen; da gibt es viel zu bereuen. So etwas trifft euch mitten ins Herz? Schön, dass noch eins da ist ... doch eure Sackgasse gehört euch ... kehrt um und kommt lieber heute als morgen daraus wieder heraus. Und übrigens, in wessen Namen sprecht ihr? Wo ist das revolutionäre Subjekt? Klasse gegen Kasse, jederzeit! Aber wo ist sie geblieben? Und wo sitzt ihr inzwischen?
In wachsendem Maße finden sich Bestrebungen, in denen das therapeutische Paradigma grundsätzlich verlassen ist. Es geht gar nicht mehr oder höchstens noch am Rande um Gesundheit, sondern ums Heil, um einen lebensübergreifenden Sinn. Nicht Heilung, sondern Heiligung, und Ärzte und Psychologen heutiger Machart verstehen da natürlich nichts davon, sonst wären sie nicht geworden, was sie sind. Sie dürfen und sollen ruhig draußen bleiben. Sie haben schließlich genug Dinge zu tun, die nützlich und oft notwendig sind und nur sie tun können. (Vielleicht nicht genug für ihre Betriebskosten da muss dann wieder mal der Patientenstamm durchgeimpft werden oder sonst so etwas aber genug, dass keine Langeweile aufkommt. Psychologen haben da weniger Möglichkeiten, auch das übersehe ich nicht.)
Zweifellos ist das Heil in beträchtlichem Maße gesundheitsrelevant und -förderlich weswegen dann manche kecken Leute auch vorschlagen, es solle Meditationskurse, Exerzitien, Retreats usw. auch auf Krankenschein geben. Ein gar nicht so absurder Vorschlag (zumal wenn man sich an Bäderkuren und dergleichen erinnert), aber dass die kranken Kassen, die Melkkühe der Pharmaindustrie, ihn natürlich nie annehmen werden, braucht einen gar nicht zu überraschen. Mir liegen solche Manöver nicht besonders, und nicht bloß, weil sie etwas von Prostitution an sich haben und einen dann wieder jemand kontrolliert und abkassiert. Der Schritt weg von Begriffen von Gesundheit und Heilung erledigt auch die absurde Voraussetzung, es müsse der Seelsorge und Lebensveränderung manifeste, glaubhaft zu machende Krankheit vorausgehen einschließlich der Konkurrenz »geht es mir schlecht genug für einen Therapieplatz?« Das hatten wir doch schon. Eher könnte ich mich schon darum streiten, was ich denn aufgrund widerwärtiger institutioneller Setzungen des Gesundheitssystems sonst alles mitbezahle, wie viel Kompensation unbegriffener und daher unerträglicher Lebensverhältnisse, wie viel Missbrauch legaler Drogen von der Kopfschmerztablette bis sonstwohin weiter, usw.
Wenn also hier unterschiedliche Szenen und unterschiedliche Praktiken mit minimaler Reibung nebeneinander herlaufen könnten, die noch nicht einmal wirklich konkurrieren, woher also die ganze Aufregung? Wer regt sich denn auf, wie und warum? Da sind einerseits »interessierte Kreise« (die in ihrer Bereitschaft, Bündnisse zu schließen, geradezu erstaunlich wahl- und geschmacklos vorgehen). Prominent wir sprachen ja schon vom Drachentöten die Kirchen, die sehr handfeste Interessen an der Verteidigung ihrer Position haben, und die sehr genau sehen, dass nur das Niederhalten der Konkurrenz sie vor Anpassungsdruck schützt und ihnen eine ungemütliche Reformation ihrer Strukturen und mancher ihrer Inhalte vom Hals hält. »Wer nicht unsere Art des Glaubens und der Spiritualität annehmen will, der soll gar keine haben«. Es wäre zwar auch nicht übel, nach großem Vorbild zu eifern und die Baalspriester kurzerhand zu erwürgen, aber ganz so passt es ja nicht mehr in die Landschaft. Gerade, wenn man auf die christliche Botschaft traut, wird man gegenüber diesen alttestamentarischen Positionen Unbehagen empfinden. Man muss sich dann auch darüber klar sein, dass eine Institution ein System kommunizierender Röhren darstellt, in dem sich die Kampfhähne und Schreihälse auch aus der Anhänglichkeit der stilleren und nachdenklicheren Mitglieder speisen.
Verkompliziert und eigentlich erst in ihre heutige bedenkliche Form gebracht wird die Situation durch allgemeine gesellschaftliche Tendenzen, die auf eine progressive Reduzierung des Privaten hinauslaufen. »Das Private ist das Politische« nettes altes Schlagwort, das vor zwanzig Jahren zurecht gegen seine Behandlung als zu vernachlässigende Randbedingung vorgebracht wurde. Es hat sich allerdings auch zwischenzeitlich in eher ungeahnten Weisen konkretisiert in der Interpretation »das Private ist das Staatliche«, Feld legitimer Einmischung, das Arbeitsplätze für Sozialarbeiter und »beauftragte« Klugscheißer bietet. Bei jeglicher gemeinschaftlichen Betätigung deutscher Bürger ist mittlerweile eben nicht nur (wie man früher pastoral in richtiger, wenn auch stellenweise eher komischer Weise zu betonen pflegte) Christus mitten unter ihnen, sondern auch fallweise die Frauenbeauftragte, der oder die Ausländerbeauftragte, Verbraucherschutzinstitutionen und natürlich auch der (scheint Männersache zu sein) Sektenbeauftragte. Alle diese wohlmeinenden Wichtigtuer müssen sich betätigen, um ihre Notwendigkeit zu beweisen, sie sind daher auf eine Versorgung mit zu bearbeitenden Problemen angewiesen. Die sind von Bereich zu Bereich recht unterschiedlich zugeteilt, und entsprechend wird sich auch die Problemerkennung bzw. Problemschöpfung unterschiedlich gestalten, wird sich auch die Art unterschiedlich gestalten, in der anfallsweise einzelne zum bestimmten Thema zugerichtete Problembereiche aktualisiert und medienmäßig profiliert werden. In jedem derartig verfassten Bereich, auch dem plausibelsten und »seriösesten«, gibt es eine Dialektik von guter Absicht und Sekundärgewinn aus der Problematik, überall gehen Hilfe, Einmischung (Disziplinierung, Gleichschaltung) und das Besoldungsinteresse der jeweiligen Sozialagenten Hand in Hand.
Wo die Probleme ausreichend groß (etwa im Ausländerbereich) oder hinreichend scheußlich sind (oh, natürlich: Kinderpornographie, Frauenhandel und so fort) mag niemand diese Aktivitäten tadeln, und man wird auch Zweifeln an ihrer Effektivität mit dem Spruch »besser als gar nichts« begegnen, im minder schweren Fall vielleicht auch mit der Beruhigung »schadet sicher nichts«. Sicher?
Wo die Problemversorgung wechselhaft bis mangelhaft ist und dies ist, wie oben beschrieben, bei der Beaufsichtigung des »Psychobereichs« jederzeit der Fall gerät die Problemproduktion tendenziell ins Hysterische und damit genau in Richtung auf die am Gegner reklamierte Irrationalität. Entsprechend wird man weniger freundlich und zurückhaltend reagieren. Nicht nur Diana selig hatte einen Anspruch auf Privatheit und Schutz vor Paparazzi, sondern zum Beispiel auch das ZEGG einen auf Schutz vor zudringlichen und unverschämten Menschen vom MDR. Aber man stelle sich nur einmal vor, jemand aus einer minoritären Lebensform würde nach der Art des Ernst August mit sensationsgeilen Journalisten umgehen nicht auszudenken! Man muss es schon dem Adel überlassen, für Mindeststandards an Dezenz einzutreten, und ansonsten steht es einem ja offen, seiner Ablehnung und Angewidertheit auf andere Weise Ausdruck zu verleihen.
Ebenso sollte man nicht zögern, Lächerlichkeit festzustellen und zu genießen, wo sich die Volksaufklärung und Propaganda staatlicher Stellen aufs Glatteis locken lässt. Ich erinnere mich z.B. an ein sehr amüsantes Plakat des Berliner Senators für Schule, Berufsausbildung usw. (dem für die ordentliche Wahrnehmung seiner namensgebenden Aufgaben ansonsten überall die Groschen zur Mark fehlen), auf dem eine lila Comicfigur, Gartenzwerg mit Elvistolle, von irgendwelchen Verführern bedrängt wurde »Woran« so fragte das Plakat in einer Überschrift »erkennt man konfliktträchtige Gruppen?« Was für eine Frage! Jeder Bewohner meines Wohnbezirks (dem man diese Frage überhaupt verständlich machen könnte) würde doch sofort erläutern, dass diese Truppen vorwiegend grün tragen, massiert auftreten, bewaffnet und entschlossen sind, ihre Situationsdefinitionen und Handlungsabsichten auch durchzusetzen und dass man ihnen besser aus dem Weg geht. Man macht da ja so seine Erfahrungen, jedes Jahr am ersten Mai und auch sonst zwischendurch einmal. Angesichts der Knappheit öffentlicher Mittel in diesem Bereich hat bei dieser Plakatieraktion irgendjemand seine Prioritäten gründlich falsch gesetzt, und das darf man ruhig auch zeigen.
Verbraucherschutz, wie er immer wieder als Argument angeführt wird, darf in solchen sensiblen Bereichen nicht in Bevormundung ausarten und außerdem hat er mit seinen altangestammten Problemfeldern genug zu tun (die Haifische lassen sich auch immer wieder etwas Neues einfallen).
Dass es hier amüsante Crossovers gibt ich bin da seit geraumer Zeit hellhörig, genauer gesagt, seit mich ein Freund ganz in der Rhetorik religiöser Erweckung und Bekehrung für die Verkaufsorganisation von Amway rekrutieren wollte für einen Verkauf von immerhin wirklichen Reinigungsmitteln mit magisch-kultischen Zügen mag wohl niemand leugnen. Es gibt aber auch Verkaufsangebote, an denen gar keine Spur von Seriosität und wirklicher Seife mehr ist soll sich doch ruhig jemand drum kümmern. Dito gibt es viel »Motivationstraining«, das sein Geld nicht wert ist: Wenn ein Handelsvertreter hochmotiviert herumschwirrt wie eine aufgescheuchte Stubenfliege, muss er schon aufpassen, dass die Kunden ihn nicht klatschen, und über einen Rückgang seiner Abschlüsse sollte er sich auch nicht wundern. Hier mangelt es auch bei prominenten, börsennotierten Unternehmungen an einer gewissen kaufmännischen Ethik, und ihnen da nachzuhelfen könnte in der Tat »nichts schaden«. Es haben sich ja auch tatsächlich einige bedenkliche vorwiegend wirtschaftlich orientierte Bestrebungen im Netz der »Sektenenquete« verfangen, und gegen eine entsprechende Wendung der Aufmerksamkeit wäre durchaus nichts einzuwenden Institutionen dafür sind auch bereits vorhanden.
Insgesamt also gehe jede Profession, jedes Interesse seinen eigenen Weg aneinander vorbei, es braucht sich ja nicht zu stören? Ich würde immer für diesen Blickwinkel stimmen, doch man muss sich auch klar machen, dass er nur sehr beschränkte praktische Relevanz haben kann. Denn jedes Feld ist schon besetzt (manche mag man freilich auch nur »usurpiert« nennen), und ohne Streit geht es nun einmal nicht ab. Er mag ja auch seinen Nutzen haben, wo er zu klareren Unterscheidungen verhilft; um so mehr sollte man ihn auch aus Verschwörungsgemauschel, Verteufelungen und Angstmache auf ein sinnvolles und fruchtbares Niveau der Auseinandersetzung um definierbare Sachen heben. Vor allem aber muss der Streit darum gehen, abweichenden Ansichten und Praktiken ihre Nischen zu sichern Zugänge zur Öffentlichkeit und Räume einverständlicher Ausübung. Ist doch eigentlich nicht viel verlangt.
Man sollte freilich nicht zu sehr darauf bauen, dass ein friedliche Versachlichung eintritt. Es ist bedauerlich, dass man gerade seitens mindestens einer in Deutschland großen Kirche Seelsorge zwar, wo sie sich mit Floskeln nicht abtun lässt, an die »wissenschaftlich« zuständigen Personen und Institutionen verweist, Spiritualität aber als Leerstelle verteidigt, die zu besetzen man weder willens noch offenbar fähig ist. Ich weiß, die guten Leute haben es nicht leicht. Sie befinden sich in einer Institution, deren Botschaft immer wieder erneuert werden muss, und einige Versuche dazu sind im letzten Jahrhundert kolossal schief gegangen, das schreckt von Experimenten ab. Gleichzeitig induziert ihre Institution Interessen, die auf blanke Selbsterhaltung und Fortschreibung, das gerade Gegenteil des Nötigen, hinauslaufen. Eine prekäre Situation wer sich bewahren will, der wird verlieren, das wissen die Verantwortlichen durchaus, doch wers nicht tut, verliert auch, und diese Verluste sind viel deutlicher zu sehen und leichter zu glauben. Und Institutionen haben ihre typischen Lebensläufe es tritt eine Art Osmose ein, die Konzentration der Arschlöcher drinnen steigt und erhöht den Austrittdruck anders gesinnter Menschen; irgendwann wird die Schrumpfung tödlich. Wir beobachten das an den Gewerkschaften und Parteien, warum soll es nicht auch den Kirchen passieren. Was lebendig ist, wird sich neu gruppieren tut es auch schon und man mag nur darum bitten, dass es wenig Belästigung dabei gibt. Wenn der Baum alt wird, so wird er abgehauen und ins Feuer geworfen. Es kommen aber die grünen Zweiglein und verklären den alten Baum ...
|
|