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Neuer Mensch und Himmelfahrt
Michael Jäger ist Journalist der Berliner Wochenzeitung
Freitag
, und jedes Mal, wenn er seine Aufmerksamkeit von der Tagesaktualität
lösen kann, denkt er über Christentum und Gesellschaft nach.
Resultat davon ist unter anderem eine ausgesprochen bedenkenswerte These, dass
die gesamte neuzeitliche Technik ein ihr innewohnendes Ziel habe: Den Neuen
Menschen und die Himmelfahrt, d.h. Gentechnik und Raumfahrt. Schärfer
ausgedrückt: Die transzendenten Hoffnungen des Christentums werden global
in materieller Gestalt verwirklicht, und genau das ist die Endzeit - game over,
you lost.
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Eine konzise Darstellung (die nach wie vor aktuell sein dürfte) findet man
hier
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Das verbindet, wenn man sich vom ersten Stutzen erholt hat, ein hohes Maß
an Oberflächenplausibilität mit einem unverkennbaren Beigeschmack von
'irgendetwas stimmt hier nicht'. Nur, was? Man muss Metaphern ernst nehmen: Die
Auseinandersetzung mit Jägers These könnte inhaltlich wie methodisch
beträchtlichen Gewinn bringen.
"Der Mensch ist etwas, das überwunden werden muss": Nietzsche
zieht mit diesem Satz nur eine Bilanz der Tradition. Was stört am
Menschen? Seine Widersprüchlichkeit und Uneindeutigkeit: Als Einzelner
immer nur lächerlich begrenzt, zerfällt er einerseits in Geschlechter
und eine Vielfalt kultureller Realisationen, andererseits in
Persönlichkeiten und Teile davon, in vielfältige Sinne. Ein
Menschliches ist nicht empirisch fassbar und kann nur aus Konstruktion gewonnen
werden, die dann niemandem mehr ähnlich sieht.
Darum müssen wir von oben neu geboren werden (nachgemacht ja schon im
Kaiserschnitt), darum alle verwandelt werden. Überall begegnet man dabei
einer Zweideutigkeit der Metaphern zwischen religiös-transzendenter bzw.
philosophischer und materieller Bedeutung. "Nicht fort-, sondern
höher pflanzen": Mit der Machtergreifung der Wissenschaft im Laufe
des 19. Jahrhunderts gewinnt dies um so mehr Brisanz. Deutet Hobbes noch den
Staat als "großen Menschen", so imaginiert Alfred Döblin
(Berge, Meere und Giganten, 1925) die industrielle Herstellung von militärisch eingesetzten "Giganten" (etwas in der Art von
Neon Evangelion) durch biotechnische Verarbeitung realer Personen. Kein Zweifel, dass wir auf dieser Strecke noch was erleben können.
Populärer als die Totalsanierung zur heilen Kollektivperson waren freilich
immer die Erneuerungsversuche durch Erziehung; wenn Gentechnik als Zurichtung
auf Arbeitsanforderungen und zur Verträglichkeit mit der technischen
Zivilisation ausphantasiert und gefürchtet wird, so hat man öfters
den Eindruck, sie solle endlich das erledigen, was Erziehung notorisch nicht
hinkriegt. Sie bleibt jedoch in all ihren denkbaren Varianten durch ihren Bezug
auf Leiblichkeit begrenzt - kein Fleisch, kein Stachel: In der Maschine
fühlt sich der Geist natürlich viel wohler (und alle ihre sonstigen
Vorzüge kommen noch hinzu). - Hier steht Jäger das grundsätzlich
berechtigte Misstrauen gegenüber Hype und Mythen der künstlichen
Intelligenz im Wege - er unterschätzt die elektronischen Kollegen, und so
ganz künstlich braucht ihre Intelligenz auf längere Sicht - zwanzig
Jahre? - vielleicht auch nicht mehr zu sein.
In Einklang mit der Bindung an das Fleisch steht die Bindung an die Erde, die
"große Nährerin" (oder nährt, wie Rudolf Steiner
meinte, nur noch der Mensch die Erde?). Nicht umsonst verspricht ja die
Offenbarung auch eine Neue Erde aus unverweslicher Substanz. In der
Anfängen der Luft- und Raumfahrttechnologie hat es konsequenterweise
fortwährende Crossovers, Verknüpfungen und Verschmelzungen zwischen
physischen und religiösen Aufstiegsmotivationen gegeben - Thomas Pynchons
Roman "Die Enden der Parabel" (1973) hat dieses Grundmotiv der
Moderne zu einem überwältigenden Gesamtbild entfaltet, das durch
Dokumente nur immer neu bestätigt wird. Kann man mit Jäger vom
Fortbestand dieser Stimmungen und Handlungsdispositionen ausgehen, oder hat
nicht hier angesichts der massiven technischen Probleme Ernüchterung
eingesetzt (so, wie sie Biotech noch bevorzustehen scheint)? Jedenfalls ist
einmal mehr das Heil im Verzug; man kann in den thematischen Veränderungen
der Science Fiction und der Hinwendung gerade der ideologisch mobileren Teile
der Bevölkerung zu spirituellen Perspektiven Indikatoren dafür finden.
Ist diese Wendung mehr als ein bequemer Ausweg aus gesellschaftlicher und
politischer Hoffnungslosigkeit? Die Frage muss man sich schon gefallen lassen.
Vielleicht wird man sie allerdings - ebenso wie manche
Science Fiction
- mit einer Gegenfrage beantworten: Können wir denn bleiben? Und wenn man
sie denn eher auch im Hinblick auf die materielle Existenz der Menschen
verneint (»Defätismus«, sagt Jäger, natürlich), dann
landet man freilich - wie durch eine Falltür - wieder bei unmittelbar
politischen Fragen und Ängsten. Wenn
sie
aufsteigen wollen, wer will dann gehen, wer darf dann gehen, wer muss dann
gehen, und wie stirbt der Rest? Mehr oder weniger explizit ziehen sich diese
Fragen und Besorgnisse ja durch alle einschlägigen Diskussionen hindurch.
Jägers Theoreme sind in eine Theorie der Krise des Kapitalismus verwoben.
Paradoxerweise liegt ja gerade in der scheinbaren Alternativlosigkeit - einer
Endzeit besonderer Art - des kapitalistisch-industriellen Systems eine
Grundlage für die Wiedereinführung großer Erzählungen (an
denen spürbarer Mangel ist). Wo die Wirklichkeit oft phantastischer ist
als jede Verschwörungstheorie, kann es nur angemessen sein, die Mythen und
Sehnsüchte unserer Kultur in solcher Form zu analysieren. Was bedeutet es,
wenn die weltweit bestimmende Kultur so träumt? (Von wegen,
Menschheitstraum, so sehr wir auch nach oben ausgerichtet sind, da
gäbs ja ganz andere zuerst.) Wie sehen Gegenbilder dazu aus? Was
könnte es heißen, der Erde treu zu bleiben?
Man hat Jäger hier mehr für die Fragen als für Antworten zu
danken - angesichts einer Linken, die sich auf Reste eines platten
Rationalismus zurückgezogen hat und sich dafür oftmals in höchst
unanständiger Weise instrumentalisieren lässt, ist das schon recht
erfreulich. Jäger nimmt Religion überhaupt ernst (auch wenn es einem
unbehaglich sein kann, was für ein entschärftes Christentum er gern
hätte), und seine Sensibilität und Aufmerksamkeit für
metaphorische und symbolische Zusammenhänge darf jederzeit zur Nachahmung
empfohlen werden. Über die Ergebnisse kann man dann - fruchtbar - streiten.
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Eine ausführliche Diskussion zu Jägers Buch
Probleme und Perspektiven der Berliner Republik
(1999), in der allerdings die tagespolitischen Themen im Vordergrund stehen,
findet man
hier
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»Die Evakuierung auf andere Planeten, die schon in Arbeit ist, wird, nach dem Prinzip Auschwitz , selektiv sein.« [Heiner Müller, Krieg ohne Schlacht (1994), 363]
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