Bis vor nicht langer Zeit noch stand ich ganz abseits von allem Christentum. Ich haßte es sogar, weil es wie ich meinte die Menschen zu Heuchlern macht. Dieses falsche Mitleid und diese "guten" Werke, in denen man sich doch nur selbst gefällt und sich selbst dient das stieß mich nur ab. Mein Herz war verschlossen. In Diskussionen brachte ich immer wieder tausenderlei Gründe gegen das Christentum vor, konnte auch so fein und geistreich darüber witzeln und spotten. Die nichtchristlichen Weltanschauungen erschienen mir ohne Frage logischer, sprachen mich viel mehr an. Aber wie sagt doch Dostojewski: Die Wahrheit ist am wenigsten geistreich! Befriedigt war ich nicht
Dann jedoch kam ich als Studentin einer Pädagogischen Akademie in eine ganz neue, ganz andere Atmosphäre, die so frei war von Heuchelei. Hier traf ich echte Christen an, die auch meinten, was sie sagten. Mir imponierten diese Güte und diese Toleranz. Ich wurde nachdenklich: wie konnten doch gerade unsere klügsten Dozenten, die wissenschaftlich so exakt und so absolut wahrhaftig waren, von jener "Torheit", dem Wort vom Kreuz (1 Kor. 1,18-2,5), von Christus so ganz ergriffen sein! Mehr und mehr kam ich ins nachdenken über mich selbst. Ich mußte an meinem eigenen Schicksal, welches mich jungen Menschen bereits viel hin- und hergeworfen hatte, erkennen, daß mich ein höheres Wesen leitet. Dieses höhere Wesen konnte ich je länger umso weniger noch als "Zufall" bezeichnen. Es war mir längst kein "Zufall" mehr, daß ich überhaupt noch lebte. Aber ich dachte auch wiederum: Wenn dieses Wesen, wenn Gott mich wirklich sucht, dann wird er mich auch finden. Gott war mir doch noch so fern
Schließlich kam ich in eine Studenten-Freizeit. Hier sprachen Menschen ganz persönlich zu mir. Alles rückte mir nun in eine beängstigende Nähe. Die Probleme, über die ich sonst als sogen. objektiver Betrachter viel theoretisiert hatte, wurden mir auf dem Herzen brennend, sie gingen mich ganz persönlich an und gestalteten sich mir zu sehr konkreten Anliegen. Ich mußte mich mit ihnen auseinandersetzen. Die Frage meiner Sünden wurde ich nicht mehr los. Es trieb mich, in der Bibel zu lesen und den biblischen Vorträgen zu lauschen. Und dann durfte ich erkennen, daß Christus die Antwort auf alle Fragen ist.
Aber da stand auch, und immer wieder hörte ich es: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst (Matth. 16, 24). Das schien mir denn doch unmöglich. Das hieß ja, mich selbst und alles, was mein bisheriges Leben ausmachte, aufgeben. Obgleich schon vorher durch mein Schicksal alle meine Ideale zusammengebrochen waren und ich erfahren hatte, daß nichts auf dieser Welt von Bestand ist nicht der Besitz, nicht die Weltanschauungen, nicht irgendeine Ethik, nicht einmal die Würde des Menschen, so liebte ich dennoch die Welt, das Leben und ganz besonders die Natur. Ich empfand es immer noch so schön und interessant zu leben, so einfach ganz verantwortungslos und bequem mir selbst zu leben
Aber der Anruf Gottes blieb lebendig, Christus ließ mich nicht mehr los. Mitten in diesem Kampf hat ein Mensch mit mir gebetet. Und dabei wurde es mir völlig klar: Ich mußte mich entscheiden, heute an diesem Tag, in diesem Augenblick! Und ich habe mich entschieden für Christus. Nun kann ich mir Luther sagen: Wenn mich Gott in die tiefste Hölle stieße, könnte ich doch nicht anders, als an Ihn glauben und Ihn loben und preisen! Christus ist jetzt mein Friede mit Gott, meine Freude im Dasein, mein Leben.
Suchst Du, liebe Kommilitonin, lieber Kommilitone, noch woanders Dein Lebensideal? Oder hast Du bereits müde resignierend, vielleicht auch verzweifelt alles Fragen und Suchen aufgegeben? Aus eigener Erfahrung kann ich Dir nur sagen, ehe Du Dich neuen Surrogaten hinwirfst (denn ohne "irgendetwas" lebt ja praktisch kein Mensch!): Christus allein ist der Weg, die Wahrheit und das Leben (Joh. 14,6). Es gibt keinen andern Weg zu Gott und in Sein Reich.
Leute heben allerlei auf, gern auch in ihren Büchern, und dann sterben sie, ein Antiquar macht sich über ihren Nachlass her, schnüffelt hier und da, nimmt die Andenken aus den Büchern und wirft sie meistenteils weg. So bin ich an diese fleißig auf dünnes Durchschlagpapier getippte Bekehrungsgeschichte gekommen, die offenbar ein Werbematerial in irgendeiner protestantischen Missionsaktion darstellen sollte. Nach Materialbeschaffenheit und Erhaltung datiert sich dieses Blatt auf die 1960er Jahre; es ist durchaus fraglich, ob jemand seine Geschichte heute anders darstellen würde, die vorliegende erinnert mich an viele andere, die ich über die Jahre hinweg gelesen oder gehört habe. Sie hat durchaus etwas Zeitloses an sich.
Wie alle Bekehrungsgeschichten liegt ihr ein Vorher-Nachher-Schema zu Grunde: I once was lost, but now I've found
. Glückwunsch. Aber was hat diese junge Frau denn nun genau gefunden, wenn man so fragen darf? Durch die Beziehung zu Christus Friede mit Gott (durch Vergebung ihrer Sünden), Freude im Dasein (die hatte sie vorher doch auch schon?), ein Lebensideal (ohne welches, wie sie behauptet, kaum ein Mensch lebt - tatsächlich?), Sinn. Was sie jetzt als Sinn auffasst, geht sicher über das hinaus, was man aus dem Text erschließen kann: Nämlich das Schicksal hat ihr offenbar schon so den einen oder anderen Schlag verpasst, wo es hätte böse enden können, aber stattdessen kann sie noch froh sein
Jetzt fügt sich das zu einer zusammenhängenden Geschichte ein Gewinn an Kohärenz, und das ist durchaus etwas Beträchtliches. Interessant hier das Abwägen von Hypothesen: "ich musste erkennen" "konnte ich je länger umso weniger", so ist unser Verstand nun mal. Gern wüsste ich auch noch, was aus ihrer Liebe zur Welt geworden ist und wie die Alternative zu "so einfach ganz verantwortungslos und bequem mir selbst zu leben" (tat sie das denn wirklich? Ein erwachsenes Leben ohne Verantwortung kann ich mir kaum vorstellen, muss wohl nett sein
) aussieht, aber darüber wird uns nichts mitgeteilt.
Ihre christliche Bekehrung hat also einerseits die Probleme gelöst, die das Christentum ihr geschaffen hat (denn der ungelehrte Mensch weiß durchaus etwas von Schuld, aber die Sache mit der Sünde und dem erzürnten Gott muss man gelernt haben), und sie hat andererseits einen darüber hinaus gehenden Gewinn hinterlassen. So sind Bekehrungen, frech könnte man mutmaßen: darum geschehen sie. Das Problem liegt woanders: so sind sie alle, nicht nur die christlichen.
Schauen wir uns aber auch den Ablauf dieser Bekehrung an. Von Anfang an ist ihr das Christentum durchaus bekannt, aber was sie so um sich herum sah, gefiel ihr nicht. (Lassen wir beiseite, dass bei diesem Urteil eine merkwürdige Prämisse "gut ist, wenn man drunter leidet und es einem nichts nützt" im Spiel ist - sie ist auf jeden Fall ziemlich weit verbreitet.) Mit der Aufnahme des Studiums (Lebensumbruch mit unvermeidlicher Unsicherheit und Öffnung für Neues) kommt sie in ein soziales Umfeld, auf das ihre Bedenken so nicht mehr zutreffen, im Gegenteil: sie erfährt Wohlwollen und Toleranz. In der Sprache der Sektenberater: sie kommt in Kreise; sie nimmt die anderen Menschen dort als anders, aber erfreulich wahr, erfährt sich damit selbst als anders, und die Frage "Wie können die denn
?" ist nur eine Parallelaktion zu der leisen Frage: "Warum ich nicht auch?" Die wahrgenommene Differenz wird ihr zum Problem und will aufgelöst sein. Die Psychologie hat hier Begriffe dafür, aber vielleicht genügt es auch, wenn man sich nur erinnert: Dem, was man lieb gewinnt, möchte man ähnlich sein, und so Teil haben daran.
Das hat sie dann auch in jene "Studenten-Freizeit" (heute und esoterisch würde man so etwas einen "Intensivkurs" nennen) geführt - also weise ich mal ruhig darauf hin, dass sie nicht nur irgenwie dorthinein "kam", sondern wohl auch (mit wie zwiespältigen Gefühlen auch immer) bewusst dorthinein gegangen ist. Dort ging es ihr denn an die emotionale Wäsche zu dem sind solche Veranstaltungen, gleich welcher Art, schließlich da nichts verhindert mehr, dass "die Probleme", nämlich "meine Sünden" (wenn man das so gleichsetzen darf), ihr wichtiger werden als alles andere. "Überwertig", wäre dann ein Adjektiv für Außenstehende, auch "besessen davon" wäre gar kein unplausibler Ausdruck. Die Sache spitzt sich zu, fordert eine Lösung, und sie kommt auch: "Da erkannte ich, daß Christus die Antwort auf alle Fragen ist." Das Cliché von "alle Fragen" ist zwar ärgerlich Christus ist nur die Antwort auf ganz bestimmte Klassen von Fragen und eine Anwort auf manche anderen Klassen von Fragen aber den Glücklichen trübt keine Logik.
Ja, aber. Viele abers. "Das hieß ja, mich selbst und alles, was mein bisheriges Leben ausmachte, aufgeben." Gegen eine als grundsätzlich empfundene Neuorientierung regen sich Widerstände, und wie man im weiteren Verlauf sieht, werden sie mit etwas menschlicher Hilfe überwunden. Wo bleibt da
nein, das fragen wir jetzt nicht. Wichtiger vielleicht, sich der Paradoxien im "sich verleugnen" bewusst zu werden: Wer verleugnet wen? Und natürlich kann man um eines anderen (und sei es Christus) willen gegen seine Interessen handeln, Mühe und Gefahr auf sich nehmen, usw. - doch man ist es immer noch selbst, der das tut. (Und sollte man sich dann reflexhaft geistig auf die Schulter geklopft haben ach, ininiter Regress, egal, Hauptsache man tut dann wirklich, was man für richtig erkannt zu haben glaubt. "Selbstverleugnung" als Geisteszustand angestrebt, ohne Bezug auf konkrete Entscheidungssituationen hingegen, hat notwendig Illusionen und Heuchelei zur Folge.)
Aber was heißt das denn nun genau, sich und die bisherigen Lebenswerte aufzugeben? Also sie kann jetzt nicht mehr einfach in der Gegend herumschlafen (sehr zu bezweifeln, dass sie es bislang getan hat), sie kann jetzt nicht mehr am Sonntagvormittag in ruhig-leere Museen gehen (dito), sie muss jetzt alle ihre Absichten und Wertungen auf Christus hin relativieren ("ich beschreibe meine Bekehrung, denn Christus will, dass wir Zeugnis ablegen", "ja, die Natur ist schön, aber nur weil Gott sie geschaffen hat, sie hat keinen Wert an sich, Er wird sie wieder einkassieren"), und wenn ihr Leben auch in finstere Täler gerät, sie kann immer noch froh sein. Und loben. Sinnvolle Vermutungen anzustellen ist, wie man sieht, gar nicht so schwer. Trotzdem würde man es gern ausgesprochen hören, was das für sie heißt. Ein Mysterium ist es schließlich nicht. Sonst könnte man ja als Außenstehender (vor allem als missgünstiger) Veränderungen und Abstriche an der Persönlichkeit feststellen, vielleicht auch einfach sagen "sie unterwirft sich den Normen der Gruppe". Aber seien wir jetzt nicht so wie manche Sektenberater, sagen wir einfach: was immer sie sich da angezogen hat, es passt, sie trägt es, und sie fühlt sich gut damit. Glückwunsch.
Würde es auch mir passen, dir, allen Menschen? Täts was anderes nicht auch ebenso gut? Legitime Fragen, auf die es keine letztgültigen Antworten gibt. Allerdings haben sie sich dann irgendwann einmal beantwortet.
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